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Full text of "Zeitschrift Für Sexualwissenschaft 3.1916 17"

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für 

Sexualwissenschaft 


Herausgegeben 


A, Eulenburg und Iweui Bloch 


Band HI 

April 1916 bis März 1917 



A, Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 


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Nachdruck verboten. 


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Druck: Otto Wlgtnd'icbe Bacbdruckerei Q.m.b. H.. Lelpstg. 


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Inhaltsverzeichnis. 

Origrinalarbelten. 

'^loch, Iwan, Über die Freudsche Lehre.57 

Croner, Siegfried, Sexualwissenschaft und Strafrechisreforni.102 

David, Eduard, Krieg und Bevölkerungspolitik. . . 39Ö 

Eulenburg, A., Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie 20, 64 

— Das sexuelle Motiv bei den „Schfilers^dbstmorden“.473 

F e h 1 i n g e r , H., Krieg und Gesclilechtsleben.124 

— Domestikation und die sekundären Geschlechtsmerkmale.271 

— SexuaJprobleme des Krieges.;.340 

Fleischer, Fritz, Moralität und Sexualität.318 

Fürth, Henriette, Zur Mutterscliaftsversichenmg.118 

— Der Krieg und die Bevölkernngsfrage.103 

Gerson, Adolf, Brunstreflexe und Geschl«‘cht«instinkte.410, 483 

Hirsch, Konzeptionsverhütung und uneheliche Geburten.439 

Hirschfeld, Magnus, Kryptorchismus und Infantilismus.35 

— Die Psychoneurosen der Entwicklungsjahre.153 

deutsch, Ernst, Ein unveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal an den 

geisteskranken Nikolaus Lenau. 10 

Kisch, E. Heinrich, Pathologische Folgezustände durch Coitus interruptus 

bei Frauen.428 

Koerber, Heinrich, Die Freudsclie l>4ire und ihre Abzweigungen .... 1 

Levy, Ludwig, Sexualsymbolik in der Simsonsage.256 

Löwenfeld, L., Über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz 

nötige Volksvermehrung dauernd herbeizuführen.105 

— Nachtrag zu obiger Abhandlung. 175 

P i r k n e r, E H. F., Liebe beim Menschen und Liebeswerben bei niederen Orga¬ 
nismen . ... 426 

Prätorius, Numa, Zur Anwendung des § 175 St.G.B.. ,179 

— Der Streit um Walt Whitmans Homosexualität im „Mercure de France** und den 

„Archives d’anthropologie criminelle“ vom Jahre 1913—14 . 326, 364 

Reich, Eduard, Die Phau der Zukunft, eventuell kein Bild von Jammer und 

Entartung. 491 

Reisingcr, Ludwig, Fhnige Bemerkungen zur Spezifität des männlichen 

und weiblichen Geschlechtstriebes.343 

Rosenthal, Max, Ein moflemer Blaubart. 177 

Saaler, Bruno, Üln^r den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre 

und Catherina Godwin.'.214 

Schneickert, Hans, Die köq^erliche Untersuchung zum Nachweis von Sitt¬ 
lichkeitsverbrechen . 223 

— Die Monogamie des Mannes ein Naturgesetz?.359 

Schneidewin, Max, Einmal etwas mehrseitigere Gedanken zum Geburten¬ 
rückgang ..168 

Schweitzer, Ernst Emil, Das preußische Herrenhaus und die Bekämpfung 

der Geschlechtskrankheiten. 353 

Stekel, Wilhelm, Die psychische Impotenz des Mannes (Onanie und Potenz) 25, 76 

— Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 233 

Theilhaber, Felix A., Beeinflussung der Masturbation.127 

ülitzsch, E., Der Seemann und die Prostitution .. 89, 132 

— Die Erotik im Film.431 

V a e r t i n g, M., Die monogame Veranlagung des Mannes.244 

— Erwidening auf den Artikel von Dr. Schneickert: „Ist die Monogamie ein Natur¬ 
gesetz? . .... 441 

Zude, Waldemar, Nacktkultur und Vita sexualis.37, 80 

— Welches ist die älteste lebende Menschenrasse? (Ein sexualwissenschaftlicher 

Seitenblick.) (Mit 13 Abbildungen.).318 

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IV 


Inhaltsverzeichnis. 


Kleine Mltteilnngren. 

Bemerkenswerte Fälle von Manustuprum bei Geisteskranken. Von einem 

deutsch-amerikanischen .^rzte in New York.45 

Schweitzer, ErnstEmil, Eine bedenkliche Entscheidung des Reichsgerichts 226 
UberdiePrävalenzdesWeiblichen bei den staatenbildenden Insekten. 

Von L. R.495 

Zude, Waldemar, Das Problem des Kri^sjungen.182 

Zur männlichen Brutpflege. Von L. R.494 


Sltznngsberiehtc. 

Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik in 
Berlin: 

Hauptversammlung und Vortragasitzung vom 18. Februar 1916 .... 92 

Diskussion über die Freudsche Lehre vom 17. März 1916.94 


Sitzung vom 19. Mai 1916 374 

Sitzung vom 30. Juni 1916.374 

Sitzung vom 17. November 1916.874 

Sitzung vom 15. Dezember 1916 444 


Deutsche Gesollschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten: 

Generalversammlung vom 22. Oktober 1916.345 

Deutscher Bund für Mutterschutz: 

Eriegstagung vom 3. und 4. November 1916 in Berlin.375 

Referate . 47, 99, 136, 184, 227, 274, 346, 449, 496 

Bttcherbesprechungen . 54, 101, 140, 188, 230, 283, 351, 459, 498 


AlbertNeißert.282 

N e w Y 0 r k e r B r i e f. Von P.. 55, 470 


Bibliographie der gesamten Bexnalwissensehaft« 


Vom ]. März bis 31. Mai 1916.141 

Vom 1. Juni bis 31. August 1916.296 

Vom 1. S^tember bis 30. November 1916.878 

Vom 1. Dezember 1916 bis 28. Februar 1917.499 


Tersehiedenes 


54, 103, 191, 232, 291, 467, 499 


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für Sexualwissenschaft 


Dritter Band April 1916 Erstes Heft 


Die Freudsche Lehre und ihre Abzweigungen'). 

Von Dr. Heinrich Koerber 

in Berlin. 

Die Frendscbe Lehre, das ihr zugrunde liegende psychologische 
Schauen und Denken mit seiner wissenschaftlich noch gar nicht abzn- 
steckenden Wirkungsgrenze versucht weite, bisher unbekannte Seelen¬ 
gebiete zu erschließen, unserer Erkenntnis vorerst anch nur tastend und 
ahnend erfaßlich. 

Es soll davon in folgendem nur insoweit die Rede sein, als es 
sich um die Erörterung derjenigen Probleme handelt, die einigen Schälern 
Freuds Veranlassung wurden, von ihm abzubiegen und eigene Wege 
weiter zu gehen. 

Die Freudsche Lehre ist gegründet auf eine neue Psychologie, die 
im Gegensatz zu der bisherigen sich nicht allein auf die Tatsachen des 
Bewußtseins stützt, sondern auch das Unbewußte als eine wichtige In¬ 
stanz im psychischen Geschehen in Rechnung stellt. Auf ein Unbewußtes 
griffen schon die Philosophien Schopenhauers und v. Hartmanns zurück, 
es gelang aber Freud, durch das von ihm geschaffene psychoanalytische 
Verfahren ein unbewußtes Seelenleben, über das Hypothetische hinaus¬ 
gehend, als psychische Realität zu erweisen. Die Feststellung einer 
WirTcung des Unbewußten in uns ergibt sich aus der von Freud ge¬ 
gebenen Auffassung unserer Träume, dann gewisser Fehlhandlnngen 
(Versprechen, Verschreiben, Verhören) und der in das Gebiet der Neu¬ 
rose gehörigen, bisher jeder Deutung unzugänglichen Symptome des 
körperlichen und seelischen Lebens. Bei seinen gemeinsam mit B r e u e r 
beschriebenen Studien über Hysterie (1893) glückte es ihm, an hypnoti¬ 
sierten Patienten scheinbar vergessene schreckbesetzte Erlebnisse von 
neuem ins Bewußtsein znrückzuführen und eine damals gesetzte Schä¬ 
digung durch Abreaktion im erneuten Erleben zu beseitigen. So fand 
er ein Affektwirken, das durch „Verdrängung“ ans dem Bewußtsein 
zur „Einklemmung“ gelangte und als ein nicht zu Ende erlebtes psy¬ 
chisches Geschehen unter der Schwelle des Bewußtseins verharrte. Das 
nervöse Symptom erklärt sich nun als eine Störung des sich in unserem 
Bewußtsein spiegelnden normalen Befindens durch das verdrängte, vom 
bewußten Erleben ausgeschlossene Material. 

Das Unbewußte ist als ein großer Speicher anzusehen, in dem die 
Masse der psychischen Erbwerte, alle unsere guten wie bösen Anlagen, 
alle Möglichkeiten und das ganze Heer der Triebe lagert. Nur ein 


’) Vortrag, gehalten in der Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft in Berlin 
am 18. Februar 1916. — Die ausführliche Diskussion über diesen Vortmg, die am 17. Mürz 
1916 stattfand, veröffentlichen wir im nächsten Hefte dieser Zeitschrift. 

Zeitsehr. f. Sezuolwissenschalt ni. 1. ] 


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2 flemri'cli Koerber. 


mehr oder minder großer Teil dieses Besitzstandes wird nns bewußt 
oder gelangt durch unsere Lebensgestaltung zur Auswirkung. Grund¬ 
legend für alle Beziehungen des Unbewußten zum Bewußten und deren 
Fixierungen für die Dauer des Lebens sind die Erfahrungen unserer 
Kindheit. Es gibt auch im Psychischen eine Kausalität, nach deren 
unverbrüchlichen Gesetzen, unabhängig von unserem bewußten Wollen 
und unserer Logik, das seelische Leben zu einem Spiel psychischer 
Mechanismen wird. Schon das kleine Kind arbeitet nach Freud mit 
dem „Lust-Unlustprinzip“, einer Formel, nach welcher es beständig Lust 
sucht und jede Unlust abwehrt. Zu diesem psycho-biologischen Grund¬ 
gesetz, dem alle mit Spuren des Bewußtseins begabten Organismen 
unterworfen sind, tritt im reiferen, d. h. bewußteren Lebenszustand beim 
Menschen das „Realitätsprinzip“, das uns zwingt, den Ansprüchen und 
Anforderungen der Wirldichkeit neben dem individuellen Lusterwerb 
eine berechtigte Stelle zu geben. Alle Erziehung hat nach Freud nur 
das Ziel, jenes „Lust-Unlustprinzip“ mit dem „Realitätsprinzip“ zu 
harmonischem Einklang zu bringen. Die Hauptlustquelle liegt im ge¬ 
schlechtlichen Erleben. Nach Freud ist der Begriff der Sexualität viel 
weiter zu fassen als herkömmlich und sie besteht schon vor dem Aus¬ 
reifen der entsprechenden Organe, die dem Triebhaften späterhin nur - 
ein bewußteres Zielsetzen ermöglichen und die Richtung des Triebes 
dauernd fixiert halten. So erkennt Freud das Luststreben des Kindes 
als ein libidinöses. Für die Libido gibt er folgende bei normaler Ent¬ 
wicklung stets zu findende Reihe von Besetzungen an: Beginnend mit 
einem rein autoerotischen Zustand (Lusterzeugnng am eigenen Körper 
durch Reiben, Jucken, Lutschen), kommt es im etwa zweiten Lebens¬ 
jahre zur erstmaligen Wahl eines Partners (erste Liebesobjektwahl, 
die infolge der gegebenen Personalverhältnisse im weitesten Sinne in¬ 
zestuös au.sfallen muß). Einem Stadium des Latentwerdens der Libido, 
in welchem die psychischen Energien des Kindes durch Erlernung' des 
Sprechens, Schreibens und Lesens sowie durch Pflichtanforderungen der 
Realität voll beansprucht werden, folgt noch vor beginnender Geschlechts¬ 
reife ein Stadium des Narzißmus, als eine Wiederaufnahme des primären 
.\utoerotismus. Dieser Narzißmus wird abgelöst durch die Pubertät, in 
welcher es zum zweiten Male zu einer Objektwahl kommt, und zwar 
scheint diese Objektwahl in der ersten Hälfte dieses Entwicklungs¬ 
stadiums durchgehends das eigene Geschlecht zu betreffen, um dann, 
zu dauernder Fixation, auf das andere Geschlecht überzugehen. So ist 
es im normalen Verlaufe. Es liegt nun im AVesen jeder organischen 
Entwicklung, daß sie auf jeder Stufe eine Störung erfahren und so zu 
einem oft nur vorläufigen Abschlüsse gelangen kann. So erklärt es sich, 
daß wir unter den Psychoneurotikern, bei denen stets eine Störung der 
Libidoentwicklung festzustellen ist, Autoerotiker, Inzestfixierte, Narzisse 
und Homosexuelle finden. 

Eine zweite Art von Triebentwicklungsstörungen kann in einem 
Verharren auf einem oder mehreren der Partialtriebe der Sexualität 
bestehen. Diese Partialtriebe sind: die Schaulust (aktivisch gleich 
Voyeurtum, passivisch gleich Exhibitionismus), die algolagnischen 
Triebe (aktivisch gleich Sadismus, passivisch gleich Masochismus) und 
die fetischistische Libidofixierung (die pars pro toto-Ent- 
scheidnng in der Liebesobjektwahl). 


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Die Freudsche Lehre und ihre ÄbzweigUDgon. 


3 


Schließlich liegt eine dritte Möglichkeit einer Entwicklungsstörung 
der Triebe in den „erogenen Zonen“ (den Lust vermittelnden Körper¬ 
zentren: Auge, Ohr, Nase, Haut, dem Mund, Mundhöhle und dem analen 
Ende des Emährungstraktus). Es geschieht nämlich, daß eine oder 
mehrere dieser erogenen Zonen, die in der Kindheit immer stark be¬ 
ansprucht sind, sich auch späterhin so mächtig erhalten, daß selbst nach 
der Geschlechtsreife dem biologischen Zentrum der Sexualität, den 
Genitalien, es nicht gelingt, das Primat für die Lustgewinnung an sich 
zu reißen. Hieraus erklären sich viele Fälle von Impotenz, Frigidität, 
Sexualablebnung, Analerotik und mancherlei Perversionen. 

Man hat Freud vorgeworfen, daß er die Sexualität zu Unrecht 
immer bei der Erklärung und Behandlung neurotischer Erkrankungen 
heranziehe. Bei genügender Vertiefung in den Gegenstand, wie sie 
allerdings nur das psychoanalytische Verfahren ermöglicht, wird man 
immer auf die Geschlechtlichkeit stoßen, die wie ein starker roter Faden 
das Gewirr einer neurotischen Psyche durchzieht, und auf die übrigens 
der Patient immer von selbst die Aufmerksamkeit des Arztes hinlenkt. 

Des weiteren hat Freud von der Sexualität, jener Hauptquelle der 
persönlichen Lust, die aber zugleich als Vermittler der Fortpflanzung 
.auf ein Überindividuelles, der Gattung Gehöriges hinweist, scharf ab¬ 
getrennt die Summe der „Ichtriebe“. Diese bezwecken lediglich die 
Wohlfahrt des eigenen Ichs in gesundheitlicher, bürgerlicher, sozialer 
und moralischer Beziehung, haben aber stets eine nachweislich starke 
kausale Beziehung zum Geschlechtsleben. Soweit diese Ichtriebe Lust 
vermitteln — und sie tun es in ganz erheblichem Grade, man denke 
an die Wonnen des Genesens, an die Freuden des Essens und Trinkens, 
der Eitelkeit, des Ehrgeizes, des Güterbesitzes, des Stolzes, der Rache 
usw. —, ist diese Lust in vielfacher Beziehung als Ersatz oder als 
Ergänzung sexueller Lust anzusprechen. 

Der die Sexualität als biologisches Phänomen zur Auswirkung an¬ 
treibende und sie erst zur Gestaltung führende Trieb ist die Libido. 
Der den Ichtrieben gemeinsame Impuls ist nicht mit dieser Libido zu 
identifizieren, sondern als ein von ihr abgetrenntes, selbständiges psy¬ 
chisches Agens aufzufassen. Es sei hierauf nachdrücklich hingewiesen, 
weil die später zu besprechende Jungsche .4bweichung von der Psycho¬ 
analyse hier ihre Wurzeln hat. 

Nun ist es leicht ersichtlich, wie die vita sexualis jedes Menschen 
und damit ein erheblicher Teil seines Schicksals abhängig ist von dem 
Ablauf seiner Libido, d. h. ihrer Besetzungsrichtung und Verwendung. 
Daß ihr erstes Auftreten im Kindesalter sogleich eine inzestuöse Ein¬ 
stellung erfährt, ist keine krankhafte Abirrung, sondern eine durch¬ 
gehende normale Erscheinung. Wir lernen die Liebe an unseren Eltern, 
den ersten sich uns bereitwillig erschließenden Lustquellen, und Lieben 
ist nach Freud ursprünglich die ,.Relation des Ichs zu seinen Lust¬ 
quellen“. 

Die Welt der Triebe ist ihrem Wesen nach unserer Erkenntnis 
noch verschlossen; nur soweit sie als W’^ünsche im Bewußtsein und als 
mitbestimmende Komponenten in unserem Handeln nachweislich er¬ 
scheinen, ist über sie etwas ansznsagen. Zudem steht wohl fest, daß 
ein Trieb als solcher „souverän, indiskutabel“ ist und, jenseits von 
Gut und Böse, im ursprünglichen Sinne eine Lust zum Ziele hat. 

1 * 


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4 


Heinrich Koerber. 


Als Tatsache ist ferner festznhalten die Doppelpoligkeit des Trieb- 
erregtseins, von Blenler „Ambivalenz“ genannt, nach welcher neben 
jeder Triebregnng auch ihr Gegensatz angetroffen werden kann. Haß 
statt Liebe, Masochismus statt Sadismus, Uulust (als Ekel oder Angst) 
statt Lust. 

Bei einer Untersuchung >), welche Schicksale die Triebe im Laufe 
der Entwicklung und des Lebens erfahren können, hat Frend sich auf 
die uns am besten bekannten Sexualtriebe beschränken müssen. Er 
unterscheidet ein Vierfaches solcher Triebschicksale. 

1. Die Verkehrung ins Gegenteil: a) die Wendung eines 
Triebes von der Aktivität zur Passivität. — b) die inhaltliche Ver¬ 
kehrung. So kann das aktive Quälen oder Beschauen sich wenden in 
das passive Gequältwerden, Beschautwerden. Aus einem Lieben wird 
ein Sichliebenlassen. (Teilerscheinung des Narzißmns.) Die inhaltliche 
Verkehrung findet sich nur in dem einen Fall der Verwandlung des 
Liebens in ein Hassen. (Ambivalenzerscheinung.) 

2. Die Wendung des Triebes gegen die eigene Person. 
Aus einem aktiven Triebziel wird nicht ein passives, sondern ein me¬ 
diales. Ich tue es mir, für mich. Z. B. aus Quälsucbt wird Selbst¬ 
quälerei, Selbstbestrafung. Wendet sich die Affektivität nur auf das 
eigene Ich (Introversion der Libido), so kommt es zum Narzißmus, der 
libidinösen Selbstliebe in ihren verschiedenen Formen. 

3. Die Verdrängung. Um hier verständlich zu sein, müssen 
wir die neue Aflfektlehre kurz streifen. Das Unbewußte, nach dem 
Lnst-Unlustprinzip arbeitend, gibt immer den affektiven Beitrag her, 
wenn ein im Bewußtsein sich abspielendes Erleben von einer Gemüts¬ 
bewegung begleitet wird oder zu einer Gemütsbewegung sich auswächst. 
Das Bewußtsein, dem Realitätsprinzip Gehör gebend (es stellt „sittliche 
Forderungen“), verbannt gewisse mit Affekt beladene Wünsche, Gelüste 
und Vorstellungen als bewußtseinsunfähig aus seinem Bereich und ver¬ 
drängt sie unter die Schwelle des Bewußtseins, so daß sie psychisch 
nicht zu Eude erlebt werden können. Diese geknebelten Affekterleb¬ 
nisse verharren aber unter der Bewußtseinsschwelle mit ungeschwächter 
Affektstärke, drängen zuweilen (besonders in Form von Träumen und 
Tagträumen) nach dem Bewußtsein zurück und lösen im bewußt seelischen 
oder im körperlichen Leben das aus, was wir als nervöse Symptome 
bezeichnen. 

Nichts unterliegt erfahrungsgemäß, auch beim gesunden Menschen, 
der Verdrängung so oft, wie sexuelle Komplexe. Die aus dem Bewußt¬ 
sein verdrängte Libido wird nun regressiv, d. b. sie nimmt alte Kind¬ 
heitsbesetzungen wieder auf. Z. B. den Autoerotismus, den Inzest, den 
Narzißmus. Daher haben Neurotiker soviel Infantiles an sich, während 
eine richtig verwendete Libido als Sauerteig zur Reifung und Ertüchti¬ 
gung dem erwachsenen Menschen dient. 

4. Die Sublimierung. Sie ist das verbreitetste, von der Kultur 
sogar geforderte Triebschicksal und dadurch charakterisiert, daß sexuelle 
Energien, ursprünglich nur Eigenlustzwecken dienend, in kulturell wert- 


*) Vgl.: Intern. Zschr. f. ärztl. Psychoanalyse Jahrgang 3. 1915. H. 2. S. Freud, 
„Triebe tind TriebschicLsale“. 


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Die Freudsche Lehre and ihre Abzweigungen. 5 


volle Arbeit transformiert werden (Beschäftigung mit Kunst oder Wissen¬ 
schaft; berufliche Arbeit; Sport; Reisen; Naturgenuß usw.). Die Subli¬ 
mierung ist das einzige Triebscbicksal, das erfolgreich durchgeführt 
niemals krankhafte Störungen zur Folge hat, im Gegenteil die Gesund¬ 
heit befördert und recht eigentlich die Erhöhung des geistigen und 
sittlichen Niveaus bewirkt. 

Die aus obigen „Triebverschränkungen" stammenden Leiden teilt 
Freud ein in Aktnalneurosen (Neurasthenie und Angstneurose) und 
Psychoneurosen (Angsthysterie, Hpterie und Zwangsneurose). Auf 
ihre nähere Pathographie kann hier nicht eingegangen werden. 

Das psychoanalytische Heilverfahren hat die Aufgabe, die patho¬ 
genen Komplexe, d. h. die unbewußten, zumal die unbewußt ge¬ 
wordenen, Anteile im psychischen Geschehen dem Bewußtsein wieder 
zuznführen, um es zu befähigen, dieses neuerworbene Material wie an¬ 
geschwemmtes Neuland urbar zu machen und so den bisherigen Bewußt¬ 
seinsbezirk zu erweitern. 

Die heilende Wirkung kommt zustande auf Grund einer Erfahrung, 
der Nietzsche in seinem Zarathustra (Von der schenkenden Tugend, 2) 
die Worte leiht: „Wissend reinigt sich der Leib, dem Erkennenden 
heiligen sich alle Webe." Ähnlich sagt schon Spinoza in seiner Ethik 
(Teil 5, Lehrsatz 3): „Ein Affekt, der (für uns) ein Leiden geworden 
ist, hört auf, ein Leiden zu sein, sobald wir eine klare und deutliche 
Vorstellung von ihm gewinnen." 

Es handelt sich also bei der Psychoanalyse nicht um eine den 
Willen umstimmende Heilpädagogik im herkömmlichen Sinne, vielmehr 
um eine methodische Schulung im Selbsterkennen auf dem Wege einer 
starken intellektuellen Arbeitsleistung, zu der gerade der Neurotiker 
sich befähigt erweist, da er sich meist eines guten Intellekts erfreut. 

Jeder Neurose zugrunde liegt eine neuropathische Erbdisposition. 
Eine frühzeitig erwachende und irgendwie sich betätigende, dabei starke 
Sexualität in Verbindung mit einer großen Sensibilität der moralisch- 
ethischen Sphäre sind stets zu findende Merkmale des jungen Neu¬ 
rotikers. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eines seelischen Konfiiktes 
und auch eines Konfliktes mit der Wirklichkeit gegeben. 

Es kommt sehr bald zu Lustbetriebsstörungen. Das Ich zieht sich 
vor der nur karge Freuden spendenden Realität zurück, erbaut sich 
ein irreales Erlebnisreich, das seinen Hoffnungen und Wünschen mehr 
entgegenkommt. Die Weltscheu, die Sonderlingsstellung, die Unmöglich¬ 
keit zu bürgerlicher Tüchtigkeit ist damit gegeben; Erwerbsunfähig¬ 
keit und Ekel vor sich und dem Leben die weitere Folge. 

Eine rationelle Behandlung für derlei Ungemach gab es früher 
nicht; hier bietet die Psychoanalyse die besten Chancen. Über die 
Technik der Psychoanalyse, auch über die während ihres Verlaufes 
zutage tretende notwendige Affekteinstellung des Patienten zum Arzt, 
die sich als „Übertragung“ und „Widerstand" äußert, sowie über vieles 
andere kann hier nicht ausführlich gesprochen werden. Auch die Ent¬ 
wicklung der Behandlungsmethode muß übergangen werden. Es ist be¬ 
greiflich, daß sie, stets gemessen und kontrolliert an der Krankheits- 
beobachtnng, stets wachsend in symptomatischer und symbolischer 
Ausdeutung, schon ein Stück Geschichte hinter sich hat, trotz ihrer 
Jugend von kaum zwei Jahrzehnten. 


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Heinrich Koerber. 


Vielleicht intereseiert es, einmal in Kürze einen kritischen Blick 
auf die Ab- und Umwandlungen zu tun, welche die reine Frendsche 
Lehre bei einzelnen seiner früheren Schüler erfahren hat. 

Im Jahre 1907 veröffentlichte Alfred Adler in Wien eine „Studie 
über die Minderwertigkeit von Organen“ (Verlag Urban & Schwarzen¬ 
berg, Berlin). Gleich Freud sieht er die Anfänge der neurotischen Psyche 
in der Kindheit; aber nicht in einer libidinösen, der Sexualität ent¬ 
springenden Besetzung, sondern in der Betätigung einer ans den Ich- 
trieben stammenden Sicherungs- und Wohlfahrtstendenz. Adler geht vom 
„Willen zur Macht“ aus, einem Willen, der um so stärker sich durch¬ 
zusetzen sucht, je mehr er im eigenen Körper Hemmungen und Wider¬ 
stände findet. Kinder mit einer organischen Schwäche (z. B. des Auges, 
des Ohres, des Knochenbaus, der Blase usw.) suchen diese organische 
Minderwertigkeit durch Überkomposition auszugleichen. „Das Kind ist 
unter allen Umständen ein Gernegroß und wird gerade von solchen 
Erfolgen phantasieren und träumen, die ihm von Natur ans schwierig 
gemacht sind.“ Diese Gegensätzlichkeit organischer Beeinträchtigung 
und phantastischen Höhenfluges der Wünche führt auf dem Wege einer 
Fiktion zu einer Leitlinie des Ehrgeizes, die eine inadäquate Anspan¬ 
nung aller Energien erfordert. Statt des Lust-Unlustprinzips herrscht 
ein Schwanken zwischen Erfolg und Mißerfolg. Statt der Libido wird 
ein Agressionstrieb zum Hebel aller Wirkungen. Die Sehnsucht „nach 
oben“ zu kommen, die Furcht „nach unten“ zu gelangen, führt bei 
Mann und Weib zum „männlichen Protest“, wobei Mann mit Obensein 
und Weib mit Untensein identisch ist. Die von der Größensehnsucht 
konstruierte, fiktive Leitlinie des Lebens zwingt das Ich beständig, sich 
mit „Arrangements“ voll Sicherungstendenzen und Vorsichtsmaßregeln 
zu umgeben. Es wirkt also die neurotische Notlage tief ins Charakte- 
rologische hinein. „Der nervöse Charakter“ (Wiesbaden bei Bergmann, 
1912) heißt das Hauptwerk Alfred Adlers. Ihm ist die Neurose „der 
Versuch, ein hochgespanntes Pensönlichkeitsideal zu erreichen, während 
der Glaube an die eigene Bedeutung durch ein tiefsitzendes Minder¬ 
wertigkeitsgefühl erschüttert ist“. So wird der nervöse Mensch zu 
einem Kämpfer, der mit allen Ränken und Listen um die Ehre seiner 
eingebildeten Größe ringt. Ein wirksamer Trick seines Agressions- 
triebes ist die Entwertung des Gegners; sei dieser Gegner ein Mensch 
oder die ganze Wirklichkeit. In seiner Verbindung mit der Sexualität 
tritt der Agressionstrieb als Sadismus auf. Oft glaubt sich der Macht¬ 
trieb seines positiven Charakters entkleiden zu müssen, der Neurotiker 
erscheint dann absichtlich unterwürfig, nachgiebig, schmeichelnd, hin¬ 
gebend, ganz erfüllt von negativen oder passiven Eigenschaften; aber 
das alles nur in der Hofthung, dadurch um so sicherer „nach oben“ 
zu kommen. 

Es ist leicht erkenntlich, wie weit diese Adlersche Art, das nervöse 
Leben zu erschließen, von der Freudschen sich entfernt. Die Sexua¬ 
lität mit ihrer Libido tritt zurück gegen die Ichtriebe; statt des Willens 
zur Lust herrscht der Willen zur Macht. Die scharfe Sonderung von 
Bewußtem und Unbewußtem verschwindet; das rätselvolle Spiel ihrer 
gegenseitigen Abfolge verliert an Interesse; der bedeutsame Vorgang 
der Verdrängung ist entwertet. Aus dem von den Dämonen des Un¬ 
bewußten in die Krankheit getriebenen Neurotiker wird ein raffinierter 


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Die Freudsche Lfehre und ihre Abzweigungen. 7 


Schauspieler, dem man die Maske herunterreifien muß. Die Adlersche 
Auffassung von der Neurose, an sich geistreich und voll feiner Beobach¬ 
tungen, auch logisch im kritischen Erschließen, nähert sich der Bewußt- 
seinspsychologie wieder an. 

Hat der Hinweis der Entstehung neurotischer Symptome, ins¬ 
besondere der neurotischen Charakterzüge, aus angeborener Organ¬ 
minderwertigkeit etwas Bestechendes, so scheint es doch einseitig und 
ungenügend, die ganze Variantenfülle nervöser Störungen aus dem einen 
genetischen Punkt (dem Macht- und Ehrgeiztrieb) herzuleiten. Nament¬ 
lich den Angstzuständen gegenüber läßt die Theorie völlig unbefriedigt. 
Oft ist das Minderwertigkeitsgefühl nicht an erkrankte Organe ge¬ 
knüpft; oft ist es nichts anderes als ein enttäuschter Narzißmus. Auch 
ist zu sagen, daß der Wille zur Macht wohl erst sekundär ans dem 
primären Lustverlangen abzuleiten ist. 

Ein zweiter Schüler Freuds, Wilhelm Stekel in Wien, entfernte 
sich von seinem Lehrer zwar in weniger grundlegender, aber doch auch 
bemerkenswerter Weise. Er betrachtet und behandelt gleichfalls den 
Neurotiker charakterologisch. Der Nervöse ist dadurch gekennzeichnet, 
daß er unter Ausschließung realer Probleme in seinem Ichproblem 
stecken bleibt und so zu einer hypertrophischen Auffassung seines Ichs 
gelangt, die ihn dazu führt, an eine ihm zugeteilte „große historische 
Mission“ zu glauben. (Bei Adler die „Gottähnlichkeit“.) Der Zerfall 
mit der Welt und sein Kampf mit ihr tritt in der psychoanalytischen 
Behandlung in deutliche Erscheinung. Der Arzt ist der Bepräsentant 
dieser feindlichen Welt und darum wird die Szene oft zum Tribunal. 
Die Heilung erfolgt, wenn das neurotische Rüstzeug zerbricht, wenn 
der Analytiker, ohne seine Übermacht taktlos zu zeigen, hinreichende 
Gewalt erlangt, den Kranken zur Umkehr zu zwingen oder seine psy¬ 
chische Entgleisung ad absurdum zu führen. Es fügt sich also der 
Behandlung ein rationalistisch-pädagogisches Moment ein, das Freud 
absichtlich ausschließt. Außer der Sexualität weist Stekel eine große 
genetische Rolle auch den kriminellen Instinkten zu, sowie dem reli¬ 
giösen Bedürfnis, das bei den Neurosen in alle Formen des Aberglaubens 
oder eines Zeremoniells oder in sonstige groteske Resterscheinungen 
aufgelöst ist. 

Seine in Einzelheiten dissentierende Meinung gab Stekel freund¬ 
licherweise mir auf Ansuchen durch die Mitteilung folgender An¬ 
gaben kund: 

„1. Die Ursachen der Neurosen sind nicht allein in der Sexualität 
zu suchen, sondern in einem psychischen Konflikt. 

2. Es gibt keine Aktualneurosen (Angstneurosen, Neurasthenie), die 
nach Freud durch physische Noxen entstehen. Die Angstneurose ent¬ 
steht nicht durch frustrane Erregungen; die Neurasthenie, die es gar 
nicht gibt, nicht durch Masturbation. 

3. Perversionen sind nicht das Negativ der Neurosen, sondern eben¬ 
falls Neurosen. 

4. Das mystische Spiel der Libidobesetzungen, die Rückführung aller 
Erscheinungen auf infantile Erscheinungen (Überschätzung der Riech- und 
Schmutztriebe) erscheint mir übertrieben und unnötig. 

5. Die Aufdeckung des Unbewußten allein heilt nicht. Es muß 
noch die Erziehung des Arztes einsetzen. 


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Heinrich Koerber. 


6. Das Wichtigste: die Verdrängung ist ein Willensakt. Das ver¬ 
drängte Material ist niemals unbewußt, sondern stets nebenbewnßt. Der 
Kranke will gewisse Erinnerungen nicht sehen (Freud sagte: er kann 
sie nicht sehen).“ 

Diese Zusammenstellung zeigt allerdings eine bemerkenswerte Diver¬ 
genz zu Freud. Die Libido und ihre Schicksale, besonders ihre infantile 
Regression, verliert hier ihre überragende Bedeutung. Gleiches gilt 
von dem Vorgänge der Verdrängung, dem Hauptschlüssel Freuds, dessen 
er bedarf, um uns das geheimnisvolle Gegenspiel des Bewußten und 
Unbewußten zu erschließen. 

Es fehlt hier der Raum, abzuwägen, wie weit die Einwände Stekels 
gerechtfertigt sind und ob seine Neufnnde dem Abgelehnten gleich¬ 
wertig sind. 

In Sachen der Psychologie gehen wir alle vom eignen Subjekt aus 
und bleiben meist im Subjektiven stecken; zumal vor Freud es noch 
niemand unternommen hat, hier ein Schema, eine Gesetzeswelt, mit dem 
.Anspruch objektiver Gültigkeit aufzuweisen und auszubauen. Die Re¬ 
lativität des als wahr Empfundenen und als wahr Lehrbaren macht es 
auch psychologisch erklärlich, daß aus C. G. Jung in Zürich, dem vor¬ 
mals begeistertsten Apostel Freuds, ein Apostata wurde. 

Die unter seiner Leitung in Zürich einsetzende Abtrennung von 
Freud machte sich zuerst in einigen literarischen Arbeiten des Psycho¬ 
analytikers Riklin bemerkbar. An Stelle einer angeborenen sexuellen 
Konstitution trat für die Ätiologie der Neurose der Aktualkonflikt in 
den Vordergrund. Der Mensch bricht nicht an einem von Kindheit her 
sich vorbereitenden Schicksal seiner Libido zusammen, sondern an einem 
unüberwindlichen, ihm zur . Katastrophe werdenden Aktualereignis. 
Jung selbst brachte seinen neuen Standpunkt in einer großen Arbeit 
„Wandlungen und Symbole der Libido“ (1911 und 1912) zum Ausdruck. 
Hatte Freud der Libido die Ichtriebe entgegengesetzt, so nimmt Jung 
sie in die Libido auf. Die Freudsche Sexuallibido sei also nur ein 
Spezialfall der das ganze Streben des Menschen beherrschenden libidinös 
zu deutenden Sehnsucht, sich auszuwirken. Die Libido ist der Beweis 
und die Betätigung des lebendigen Selbst. „Die Seele ist ganz nur 
Libido.“ In dieser auf eine vis vitalis zurückgreifenden Anschauung Jungs 
ist ein philosophischer Einschlag unverkennbar, der in Schopenhauers 
„Willen zum Leben“ seinen großartigsten Ausdruck gefunden hat. 

Woher stammt nun nach Jung der Vorgang der Verdrängung? Auch 
aus der Libido; denn auch sie ist bipolar, ihrem Wesen nach in zwei 
Komponenten zerlegbar mit entgegengesetzten Vorzeichen. So stellt 
sich ein „Gegensatz der Libido durch sich selbst dar; ein Vorwärts¬ 
streben und ein Zurückstreben der Libido in einem. Es ist nicht nur 
so, daß die Libido ein unaufhaltsames Vorwärtsstreben, ein endloses 
Leben- und Aufbauenwollen wäre, als welches Schopenhauer seinen 
Weltwillen formuliert hat, wobei der Tod und jegliches Ende eine von 
außen herantretende Tücke oder Fatalität ist, sondern die Libido will 
auch den Untergang ihrer Bildung“. Damit scheint zugleich das Gesetz 
von Ebbe und Flut des Lebens gegeben, und in das psychoanalytische 
Erkennen treten neben die retrospektiven, rein kausalen Momente, mit 
denen Freud es ausschließlich zu tun haben will, zum ersten Male pro¬ 
spektive und finale Momente hinzu. Das ist natürlich sehr folgenschwer: 


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Die Freudsche Lehre und ihre Abzweigungen. 


denn auch die Wiege der Libido, das Unbewußte, das bei Freud einer 
vorauBsetznngslosen, rein kritischen Beobachtung unterliegt, wird durch 
Jung in eine spekulative und metaphysische Betrachtung gerückt. Wenn 
man das Unbewußte Freuds all seiner spezifischen, aufs Individuelle 
zugeschnittenen Merkmale entkleidet und ihm dafür das Ällerwelt- 
mäntelchen der Jungschen Libido umhängt, so wird die Eolle des Un¬ 
bewußten als konstitutiver Faktor der Entstehung und Aufrechterhal¬ 
tung der neurotischen Symptome ganz unklar. Wie schon erwähnt, 
erhält das Jungsche Unbewußte sein zweites Gesicht: die prospektive, 
in die Zukunft weisende Tendenz. 

Die gleiche Tendenz liegt nach Jung auch dem Phänomen des 
Tränmens zugrunde. Während nach Freud der Traum das Seelenerlebnis 
ist, welches unerfüllte Wünsche, nicht zu Ende erlebte Stimmungen 
(namentlich einer frühen Kindheit), zu einem Scheinleben erweckt, also 
immer nur Vergangenes aufweist, und zwar in rein kausaler Verbindung, 
enthält der Traum nach Jung neben diesem allen zugleich einen kura¬ 
tiven Fingerzeig in Gestalt eines Hinweises, wie der Träumende den 
auf ihm lastenden Aktualkonflikt zur Lösung bringen könne. Also eine 
Art Wahrtraum und Heil träum mit einer prospektiven und Analen Be¬ 
deutsamkeit. 

Wie Jung „aus den Träumen die Znkunftstendenzen elaborieren 
will“, so ist ihm auch die Symbolik des Neurotikers zielbesetzt: „Das 
Symbol enthält hinter dem Verdrängten die noch nicht erkannte Auf¬ 
gabe.“ 

,,Am weitesten wird die Distanz der Anschauung durch die Auffassung 
der Ätiologie und des Heilungsvorgangs der Neurosen. Bei Freud handelt 
es sich hier um Entwicklungshemmungen und Fixierungen der Libido 
aus frühester Kindheit. Die Heilung kommt durch Lösung dieser 
Fixierungen auf dem Wege des Bewußtmachens derselben von selbst 
zustande, ohne jede weitere Pädagogisierung des Kranken durch 
den Arzt. 

Nach Jung beruht die Neurose auf einem Zurückweichen vor einem 
aktuellen Konflikt mit daraus folgender Regression der Libido auf 
frühere „Verwendungsmöglichkeiten“: und die Heilung wird erreicht in 
dem Erleben einer Art „inneren Wiedergeburt“ unter der bewußten 
„Hinopferung“ infantiler Begehrlichkeiten. 

Die nüchterne, kühle, amorale Psychoanalyse Freuds, ebenso frei 
von Konzessionen an jegliche Tradition wie fest und rücksichtslos nur 
auf ihren eigenen Fundamenten ruhend, wird durch die Züricher Schule 
in ein psychotherapeutisches Verfahren umgewandelt, das Freud selbst 
nicht mehr als Psychoanalyse anerkennt. 

Die Krankheit, ihre Entstehung wie ihre Symptomatik und Symbolik 
wird nicht mehr aus individuellen Seelenabläufen erklärt, sondern er¬ 
scheint nach überindividuellen Zusammenhängen mit Kulturgeschichte 
und Ethik orientiert. Mit der Einführung von Teleologie, einem zweck¬ 
haften Wollen, wird die voraussetzungslose Psychologie Freuds nach 
Seiten der Philosophie und der Moral, also in die Wege der eben ver¬ 
lassenen Bewußtseinspsychologie zurück gebogen, soweit sie nicht gerade¬ 
zu metaphysisch anmutet. — 

Mögen die hiermit nur kurz angedeuteten Wechselgänge der neuen 
Tiefenpsychologie schließlich zu einer der Sache und vor allem den 


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10 Emst Jentsch. 


Kranken förderlichen Klarheit sich entwickeln. Die Ordnung des in 
Frage stehenden Denkstoffes ist noch zu jung, er selbst zu spröde, um 
nicht ein weiteres Ausreifen wünschenswert erscheinen zu lassen. 

Jedenfalls ist in die bisher apokryphen Vorgänge des Seelenlebens 
ein erhellender und wärmender Lichtstrahl gedrungen, um nicht wieder 
auszulöschen. Die „offizielle“ Wissenschaft, soweit sie wirklich den 
Gradmesser objektiv faßbarer Erkenntnis und menschlichen Wahrheits¬ 
besitzes darstellt, wird an der Freudschen Lehre nicht länger mehr 
achtlos oder mißachtend vorübergehen können. 


Ein unveröffentlichter Brief Sophies von Löwen¬ 
thal an den geisteskranken Nikolaus Lenau. 

Von Dr. Ernst Jentsch 

in Obernigk. 

Von den Egerien unserer Dichter des letztvergangenen Jahrhunderts 
mag Sophie Löwenthal, das Herzensbündnis Lenaus, vor anderen auf 
unser besonderes Mitgefühl Anspruch erheben. Einmal konnte es nicht 
ausbleiben, daß im Meinungsaustausch der Unkundigen das scbließ- 
liche Schicksal des unglücklichen Dichters, der im Wahnsinn endete, 
auch mit dem Wesen und Wirken der Frau verknüpft wurde, welcher 
er zwölf Jahre lang in so hohem Maße zugetan gewesen ist und dies, 
während es von allen Urteilsfähigen immer unbezweifelt war, daß sich 
jene in der Hauptsache niemals etwas zu vergeben hatte. Und weiter 
insofern, als Lenau selbst in der Zeit der ausbrechenden Psychose in 
einem krankhaften Erregungszustände alle Briefe Sophies vernichtet 
und so ihr unmittelbares literarisches Andenken ausgetilgt hat, ein An¬ 
denken, dessen sie in Anbetracht ihrer Herzens- und Geistesbildung wohl 
würdig gewesen wäre. 

Sophie Kleyle *), geboren 1810, die Zweitälteste, reizvolle, elegante, 
geistesrege Tochter des Hofrats Kleyle, früheren Sekretärs des Erz- 
lierzogs Karl, war von der Mutter häuslich erzogen, vom Vater in seinen 
häufigen abendlichen Vorträgen im Familienkreise hauptsächlich in 
Naturkunde und Geschichte unterwiesen. Die Familie gehörte der 
intellektuellen Gesellschaftsklasse Wiens an. Musik und Dichtkunst 
waren der Heranwachsenden vertraut. Seitdem sie eine frühe, auf¬ 
keimende Herzensueigung zu einem in jungen Jahren bereits namhaften 
Botaniker hatte ersticken müssen, übte sie auch das Binmenmalen mit 
großer Vollendung aus. Ohne Liebe heiratete sie einige Jahre später 
den schöngeistigen Max Löwenthal, der sich damals bereits als Drama¬ 
tiker und Lyriker mit einigem Erfolge versucht hatte und später als 
hoher Postbeamter im österreichischen Staatsdienste in den Freiherrn¬ 
stand erhoben wurde. 1833 führten diesen seine künstlerischen Interessen 
mit Lenau zusammen, und der Dichter folgte infolge seiner leicht misan- 
thropen Sinnesart anfänglich nicht ohne einiges Widerstreben der dring¬ 
lichen Einladung in sein Haus, woselbst er sich bald heimisch fühlte. 

*) L. A. Frankl, Lenau und Sophie I.üwenthal. Stuttgart 1891. 


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Ein unveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal usw. 


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Nikolaus Niembsch von Strehlenan, geboren 1802 in Csätad bei 
Temesvar, war der Sohn eines haltlosen Vaters, der in jungen Jahren 
an der Schwindsucht starb, und einer leidenschaftlichen, geistig reg¬ 
samen Mutter, welche das vielversprechende Kind über die Maßen ver¬ 
zog. Lenau lernte leicht, war als Kind sehr religiös, zeichnete sich 
früh durch ein stark entwickeltes mimisches Talent aus und lag eifrig 
dem Vogelfänge in Wald und Feld ob. Er erlernte auch vortrefflich 
Gitarre und Violine spielen und zum Gitarrespiel virtuos pfeifen. 
Die Lage der Familie war auch nach der zweiten Verehelichung der 
Mutter oft drückend, doch halfen ihr die wohlsituierten Großeltern väter¬ 
licherseits aus, denen der empfindliche und schon damals schweren Ver¬ 
stimmungen unterworfene Bursch indessen zuletzt den Bücken wandte. 
Lenau studierte zuerst Landwirtschaft, seit 1824 in Wien Eechtswissen- 
schaft, seit 1826 daselbst Medizin, ln der Medizin hat er 1880 Prüfungen 
abgelegt, davon eine, wie erwähnt wird, besonders glänzend (wie auch 
einige solche für die früheren Berufsstudien). Vor dem letzten ärzt¬ 
lichen Examen erfaßte ihn jedoch ein Widerwille gegen alles Studium 
und ein Gefühl der Erschöpfung, so daß er sich auf Reisen begab. Da 
kurz darauf seine Großmutter starb und ihm eine kleine Erbschaft zufiel, 
beschloß er, in Heidelberg zu promovieren. Hierzu ist es aber nicht 
mehr gekommen, trotzdem er dort später wieder klinische Kurse besuchte, 
zum Teil aus dem Grunde, weil Lenau inzwischen von Schwab in Stutt¬ 
gart und durch die Herausgabe seiner Gedichte mit Erfolg in die 
Literatur eingeführt worden war. Seine ersten dichterischen V^ersuche, 
teilweise dramatischer Art, fallen in sein zwanzigstes Lebensjahr. „Wie 
mit dem Lernen, so ging es ihm auch später mit dem Dichten“, sagt 
sein Biograph, sein Schwager Schurz ^), „er dichtete nur ruck- und rannt- 
weise, sodann aber aucfi angestrengt und ausgiebig, dagegen wieder 
durch geraume Zeit gar nicht. Daher kommt es, daß er eigentlich sehr 
wenig fruchtbar war.“ 

Phantastische Kindheitserinnerungen, Drang ins Weite, Schwärmerei 
für die neuartigen Ideale und die Hoffnung, durch Landspekulation sich 
eine gute Rente zu sichern, führten ihn alsdann nach Nordamerika. 
Sein Aufenthalt dortselbst währte nur einige Monate, den Winter 1832/1833. 
Seine hochgespannten Erwartungen waren bald fehlgeschlagen, der alles 
beherrschende Geschäftssinn der Yankees stieß ihn heftig zurück. Sein 
kleines Besitztum, welches übrigens erst 1846, als der Dichter bereits 
seit zwei Jahren geistig erkrankt war, verkauft wurde, hat ihm keinen 
Gewinn abgeworfen. 

Im Herbst 1834 traf der Dichter wiederum in Wien ein. Freunde 
hatten ihn gealtert gefunden. Auf der langen Seereise hatte er Skor¬ 
but durchgemacht, Nachkrankheiten, wohl meist nervöse Beschwerden, 
plagten ihn. Desillusioniert und häufigen schweren Verstimmungen unter¬ 
worfen ging er an die Bearbeitung seines „Faust“. In diese Zeit fällt 
seine Bekanntschaft mit Löwenthal. 

Lenaus Beziehungen zu Sophie haben Frankl (1. c.) und Sadger *) 
eingehend geschildert Sophies wesentliche Bedeutung als Spiritus 


*) A. X. Schurz, Lenaus Leben. 2 Bände. Stuttgart 1855. 

*) J. Sadger, Aus dem Liebesieben Xikolaus Lenaus. Schriften zur angewandten 
Seeionkunde VI. Leipzig u. Wien 1909. 


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Ernst Jentsch. 


rector von Lenaus Dichtung ist zweifellos. Frankl führt sechzehn 
Poesien Lenaus an, welche unmittelbar Sophie 2 ;um Gegenstände haben 
oder an sie gerichtet sind. Auch „Savonarola“ soll durch Sophies 
Anregung mit entstanden sein. Lenau pries in verschiedemen Briefen 
an Sophie in höchstem Maße ihre Geistesgaben. Es wird hierzu zu 
sagen sein, daß Lenau in seiner leidenschaftlichen Art nicht selten über¬ 
schwengliche Worte wählte, daß er gerade an diesen Stellen mit Lobes¬ 
erhebungen nicht kargen konnte, daß sich ein gutes Teil starken Selbst¬ 
bewußtseins darunter verbarg, daß er gerade sie so hoch stellte, daß 
die durch die Länge der Zeit und die persönliche Angleichung ge¬ 
schaffene weitgehende gegenseitige Einfühlung und die allmählich ge¬ 
wonnene Vertrautheit Sophies mit dem Ideenkreise des Dichters das 
einzigartige Verständnis genügend erklärte. Aus den wenigen uns 
vorliegenden Briefen Sophies an den Dichter während seiner Geistes¬ 
krankheit geht aber zum mindesten eine weitgreifende Einsicht Sophies 
in diese veränderte Sachlage nicht hervor. Das Bild, das sie sich von 
dieser offenbar zurechtgelegt hatte, entsprach nicht der Wirklichkeit. 
Doch dies konnte man auch nicht gut von ihr erwarten, zu einer 
Zeit, in der man in weiteren Kreisen über solche Dinge noch weit 
weniger unterrichtet war, als heutzutage^). 

Ebenfalls wesentlich und wahrscheinlich von sehr großem Belang 
für den Dichter war aber eine andere Seite der Einwirkung Sophies 
auf diesen. Lenaus psychopathische Anlage zeigte sich nämlich und 
zwar schon in der Jugend, besonders aber im späteren Alter, nament¬ 
lich seit dem Aufenthalt in Amerika, in häufigen und nachhaltigen 
Depressionszuständen. So reizvoll sich nun diese Gefühlslage in der 
für seine Poesie typischen Weise oft niedergeschlagen hat (es verhielt 
sich hiermit bei ihm nicht viel anders als bei Byron), so war sie 
gleichwohl für seine psychische Persönlichkeit und für sein künstle¬ 
risches Fortschreiten nicht gefahrlos. Diese Verstimmungen haben 
wesentlichen Anteil daran gehabt, daß der Dichter viel umherwanderte 
und -reiste. Begonnenes oft liegen ließ oder aufgab, und sie hemmten 
ihn auch in seiner künstlerischen Tätigkeit. Seine Verstimmungen 
waren indes beeinflußbar. Er half sich in jüngeren Jahren oft selbst 
darüber hinweg, dadurch, daß er sich mit philosophischen Stoffen be¬ 
schäftigte, die ihm sehr zusagten und Wohltaten. Nach der amerika¬ 
nischen Reise blieb ihm jedoch diese Wirkung der Philosophie versagt. 
Von dieser Zeit an war es vornehmlich Sophie, welche die Fähigkeit 
hatte und die Aufgabe fühlte, die Wolken von der Stirn des Dichters 
zu verscheuchen und seine Stimmung wieder auszugleichen, wenn diese 
die Produktion zu lähmen drohte (Castle *). Sadger sagt geradezu, sie 
habe ihn dem Leben und Dichten wiedergegeben. 

Sophies Beziehungen zu Lenau sind nicht ungetrübt verlaufen. 
1839 faßte dieser eine Leidenschaft für die Opernsängerin Caroline 
Unger, und der Dichter ging mit dem Gedanken um, sich mit der 
Künstlerin zu verehelichen, Sophie verhielt sich abwartend, sie machte 
in der Hauptsache Lenau gegenüber nur geltend, daß seine Snbsistenz- 


*) Von Frankl wissen wir übrigens, daß Sophie in späteren Jahren einen Roman 
(„Mesalliiert“) geschrieben Lat. 

*) E. Castle, Nikolaus I.enau, Zur Jahrhundertfeier seiner Geburt. Leipzig 1902. 


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Ein nnveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal usw. 


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mittel zur Eheschlieäang nicht genügten. Diese Erwägungen erübrigten 
sich jedoch, da Lenau sich zuletzt von selbst von der Sängerin trennte. 
Das gleiche Bedenken hat Sophie dem Dichter dann nochmals entgegen¬ 
gehalten, als er, was er ihr zunächst mitzuteilen sich gescheut hatte, 
1844 in Baden-Baden mit der zweiunddreißigjährigen Marie Behrends 
aus Frankfurt verlobt war. Dieses Ereignis fällt bereits in die Zeit 
des Beginns seiner letzten Krankheit. Lenau hatte damals schon seit 
längerer Zeit allgemeine Zeichen einer nervösen Erkrankung, Krank¬ 
heitsgefühl und deutliche Empfindung des Nachlassens seiner Geistes¬ 
kräfte, wie aus den Briefen dieser Periode ersichtlich ist. Die Braut 
hatte Lenau nach ganz kurzer Zeit seiner Bekanntschaft gefreit, die 
Eheschließung war für einen baldigen Zeitpunkt in Aussicht genommen. 
Die allgemeine pekuniäre Lage des Dichters versprach sich durch den 
Vertrag mit Cotta zu bessern, war aber zunächst noch unsicher, die 
Braut selbst war vorläufig ebenfalls ohne materiellen Rückhalt. 

An dieser Stelle sei erwähnt, daß Lenau bereits 1830 sich mit 
dem Gedanken zu heiraten beschäftigt hatte, als er im Kreise Schwabs 
Lotte Gmelin — als die Muse von Lenaus „Schilfliedem“ auch Schilf- 
lottchen genannt — kennen gelernt hatte. Der Dichter kam aber da¬ 
mals, wie auch sonst öfter, zu keinem rechten Entschlüsse. 

In dieser Entschlußlosigkeit und in seinen Verstimmungszuständen 
haben wir zwei der wesentlichsten Äußerungen der Psychopathie des 
Dichters vor uns. Letztere zeigte sich aber auch in Verbindung mit 
sonstigen körperlichen Erkrankungen. So hatte er, nachdem er 1823 
eine starke Halsentzündung überstanden hatte, davon einen „Schlnnd- 
krampf“ zurückbehalten, von dem er noch 1843 befallen wurde. Be¬ 
zeichnend ist auch eine Stelle in einem Briefe Lenaus an Evers (24. Sep¬ 
tember 1841): „Mein Körper ist eine pure Niederträchtigkeit; alles ist 
störend, aufregend und was weiß ich, für diesen Lumpen. Kaum daß 
er Kraft genug aufbringt, um den Fiedelbogen nicht fallen zu lassen; 
an ein tüchtiges Arbeiten ist bei mir nicht mehr zu denken.“ 

Von körperlichen Erkrankungen werden in Lenaus Briefen und 
von der Biographie ferner außer einer 1831 überstandenen Gelbsucht 
Rheumatismen erwähnt, an welchen er besonders seit seinem amerika¬ 
nischen Winter litt. Nach seiner Rückkehr 1833 und wiederum 1835 
litt er mehrere Male an plötzlich eintretendem Seitenstechen mit so 
stark gestörtem Allgemeinbefinden, daß jedenfalls pleuritische Prozesse 
darunter zu vermuten sind. Auch eine Herzbeutelentzündung, die 
wohl mit diesen Vorgängen verknüpft war, hat er damals überstanden. 
1841 wurde er von einem Gelenkleiden in der rechten Hüfte be¬ 
fallen, das er als Gicht bezeichnet und gegen welches er in Ischl 
Soolbäder nahm. Im gleichen Jahre war er bereits kurz nach seiner 
Ankunft in Stuttgart am Scharlach erkrankt, welcher viele Nachübel 
im Gefolge hatte („das größte davon ist eine totale Verstimmung“). 
Seine Kritik hinsichtlich seiner depressiven Zustände war indes zu¬ 
weilen treffend. An Emilie Reinbek schrieb er am 5. Oktober 1834: 
„Es muß etwas in mir gebrochen und gerissen sein, das nicht mehr 
heilen kann. Glauben Sie mir, es ist nicht fade Phantasterei, es ist 
Krankheit .... Vielleicht ist aber das Ganze nicht so schlimm, wie 
es mir vorkommt, und die Meinung meiner Unheilbarkeit nur ein Symptom 
meiner Krankheit, einst mit dieser verschwindend.“ Diese affektiven 


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Ernst Jentsch. 


Schwankungen hat der Dichter übrigens selbst auch mit seiner „allzu 
lebhaften Sensibilität“ in Verbindung gebracht. 

In diesem Zusammenhänge erscheint Lenaus Vorgefühl, daß er 
einstmals geisteskrank werden würde, als Torwiegend hypochondrischer 
Zug, denn daß es schließlich dazu kam, war in der Hauptsache durch 
einen zufälligen Faktor bedingt, den er zu seiner Zeit noch gar nicht 
in Rechnung setzen konnte. (Nach Sadger soll die Infektion unmittelbar 
nach der Rückkehr aus Amerika in Bremen stattgefunden haben.) Er 
fand aber das Psychopathologische in sich selbst vor und als starker 
Psychologe und Sachkundiger besaß er wohl zuweilen einen der wissen¬ 
schaftlichen Schule der Zeit voraneilenden Blick, so als er zu Kerner 
sagte, die Dichter seien alle solche phantastische Wagenlenker (nämlich 
wie Phaeton), die leicht einmal von ihren eigenen Gedanken geschleift 
werden könnten. Und in dieser Anschauung entschuldigte er sich 
offenbar, als er einst plötzlich von Ischl nach Wien abgereist war, 
aber hauptsächlich durch einen üblen Traum geschreckt sogleich wieder 
dabin zurückkehrte, indem er sagte, er sei ein Mensch, „cui non est 
sanum sinciput“. Solches befremdende Benehmen zeigte er öfter. Be¬ 
sonders unheimlich war es, wenn er grimassierte. Er spielte auch 
zuweilen absichtlich den Wahnsinnigen, das eine Mal, um sich einer 
ihm unangenehmen Reisegesellschaft zu entledigen. Als hierher gehörig 
sind auch zu erwähnen seine starken Affektausbrüche, seine Über- 
empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte, seine Lentescheu, die ihn von 
größeren Gesellschaften in auffälliger Weise fernhielt oder daraus ver¬ 
trieb. Im Alkoholgenuß war er mäßig, doch exzedierte er im Gebrauch 
starken Kaffees, besonders aber rauchte er sehr stark und dichte 
Tabakswolken verhüllten seine Arbeitsräume. „Ich vermöchte keine 
Zeile zu schreiben ohne meine Pfeife im Munde. Nur beim Rauchen 
kommen die Gedanken; es konzentriert .... Wenn ich meiner Kappe 
einen anderen Ruck gebe, wenn ich meine Zigarre frisch anzünde, so 
wirkt das gleich auf mich und gibt mir einen ganz anderen Ideengang.“ 

Nach dem „Phrenologen“ Noel, der Lenaus Kopf begutachtete, ist 
der Hirnschädel von außergewöhnlicher Größe gewesen (Schnrz, II, 
S. 325). Lenaus Erscheinung gehört übrigens zu denjenigen Beispielen, 
welche Lombroso zur Begründung seiner Theorie über die Genialität 
mit am frühesten in Betracht gezogen hatte. Der mit Lenau selbst 
befreundete Biograph desselben, Frankl, der Arzt war, hat sich Lom- 
brosos Darstellung in dem \\ erke ,.Der geniale Mensch“ weitgehend an¬ 
geschlossen. Für die Lehre der Beziehungen von Genie und Entartung 
ist aber bei Lenau nicht sowohl die Psychose, wie Lombroso meinte, 
als vielmehr die hereditäre psychische Gleichgewichtsstörung von 
Belang. 

Lenaus Psychose, die progressive Paralyse, brach offensichtlich 
aus im Oktober 1844, als er sich behufs Abschlusses des Kontraktes mit 
Cotta und mit den Vorbereitungen zu seiner Verehelichung mit Marie 
Behrends beschäftigt, bei Reinbek in Stuttgart aufhielt. Schon längere 
Zeit waren Appetitlosigkeit, Kopfweh, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, 
Nachtschweiße, Sinken der Arbeitskraft vorausgegangen. Die Schilde¬ 
rung der sich anschließenden Vorgänge findet sich bei Schurz, II,S.273u.f. 
in Verbindung mit und im Anschluß an die ärztlichen Berichte. Eine Dar¬ 
stellung der Psychose von ärztlicher Seite zusammen mit dem Obduk- 


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Ein unveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal usw. 15 


tionsbefaud brachte die „Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie“, 7. Band, 
1850, S. 614 (H. Meckel). Nach dem Zeugnisse Schellings, der Lenau 
bereits während seiner Scharlacherkrankung 1841 in Stuttgart be¬ 
handelt hatte, haben zu den starken Aufregungen des Dichters zu dieser 
Zeit auch Briefe aus Wien, von Sophie, beigetragen, wobei zu erwähnen 
ist, daß der letzte Aufenthalt Lenaus in Wien nicht ohne leidenschaft¬ 
liche und bittere Worte von beiden Seiten verlaufen war. Am 30. Sep¬ 
tember wurde Lenau von einer Fazialislähmung rechterseits befallen, 
die ihn sehr erschreckte und welche zunächst für rheumatisch gehalten 
wurde und in 14 Tagen verschwand. Dabei bestand häufiger extremer 
Stimmungswechsel. Am 11. Oktober nachts brach, nachdem der Kranke 
an demselben Tage wiederum Briefe aus Wien erhalten hatte, eine 
ängstliche furibunde Erregung aus, während welcher er eine große 
Anzahl Briefe und auch Manuskripte in der Waschschüssel verbrannte. 
Man fing hierauf an ihn zu überwachen, und nachdem er bald darauf 
nachts in die Wohnung Beinbeks eingedrungen war und die Freunde 
beschuldigt hatte, sie hätten ihn beim Kriminalamte angezeigt, brachte 
man ihn in ein Zimmer im Erdgeschoß. Dort versuchte er sich in 
einem unbewachten Augenblicke zu erdrosseln. Am 17. nachts ver¬ 
brannte er wiederum Papiere und versuchte dann nochmals mit Hilfe 
des Taschentuchs sich zu erwürgen. Man ließ ihm hierauf am 19. zur 
Ader. Am 20. sprang er nnangekleidet ans dem geöffneten Fenster 
des Reinbekschen Hauses und lief die Straße hinunter. Er wurde als¬ 
dann am 22. Oktober in die Heilanstalt Winnental aufgenommen. 

Lenau war ein nur stunden- und tageweise geordneter, unruhiger, 
nicht selten gewalttätiger Patient. Der Leiter der Anstalt, der damals 
als Irrenarzt weithin berühmte Hofrat Zeller, gab zunächst der Hoft- 
nung auf Wiederherstellung des Kranken Raum. Die Möglichkeit der 
progressiven Paralyse wurde wohl wegen ihrer damaligen großen 
Seltenheit in Winnental nicht in Betracht gezogen. Diese Diagnose 
wurde erst nach der Übersiedelung des Kranken in die Heilanstalt in 
Döbling bei Wien, die im Mai 1847 statthatte, in einem Ärztekonsil 
gestellt. Insofern es sich um eine Geistesgröße von europäischem Rufe 
handelte, hätte eine seitens des Arztes geäußerte nicht völlig sicher 
begründete trübe Voraussicht überdies einen schwer wieder gut zu 
machenden Schaden nach sich ziehen können. Schurz und Theobald 
Kerner haben mitgeteilt, daß Justinus Kerner, der Lenau seit langen 
Jahren genau kannte und in der Beurteilung Geisteskranker Erfahrung 
besaß, bei seinem Besuche einen sehr ungünstigen Eindruck hatte. 
(Ebenso urteilte Banemfeld nach einem allerdings erst 1867 erschienenen 
Aufsatz [Neue Freie Presse, 23. August], „Die poetischen Dioskuren 
Österreichs“ [gemeint sind Lenau und Anastasius Grün], bei seinem 
Besuche in Winnental sehr pessimistisch.) Über Frankls Ansicht vergl. 
den hier veröffentlichten Brief Sophies. Lenau starb in Döbling am 
22. August 1850. 

Im Mai 1845 brachte die „Allgemeine Zeitung“ in Nr. 135 ein 
Sonett, welches Lenau in der Anstalt geschrieben haben sollte. Es 
stellte sich aber heraus, daß es sich um eine Verwechslung ähnlicher 
Buchstaben des abgekürzten Namens beim Druck gehandelt hatte. 
Dieser Vorfall veranlaßte Anastasius Grün, drei Sonette abznfassen, die 
dem Schmerze über Lenaus Schicksal und der Hoffnung auf seine 


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16 Ernst Jentsch. 

WiederherBtelinng Ausdruck gabeu. Die Entstehung dieser Sonette war 
die Ursache davon, daß sich Sophie in einem Briefe an den kranken 
Dichter wandte. 

Es ist dies nicht das erstemal gewesen. Schurz erzählt, daß er 
bei seinem Besuche in Winnental im November 1844 dem Kranken 
einen Brief von Sophie übergeben habe, in welchem der Spruch vor¬ 
kam „Duck dich und laß vorübergahn, das Wetter will seinen Willen 
han," und daß Lenau zuerst darunter geschrieben hatte: „ich ducke 
mich nicht“, dann aber in ein Anmerkbüchlein notiert hatte: „ich ducke 
mich doch, versteht ihr mich, doch“ usw. 

Der Text des Briefes Sophies, welcher durch die Grünschen So¬ 
nette veranlaßt war, ist bei Schurz (II, S. 277) ohne Datum und ohne 
Unterschrift abgedrnckt. Er ist jedenfalls im Frühjahre oder Sommer 
1845 abgefaßt, wie ans diesem Zusammenhang hervorgeht, und lautet 
folgendermaßen: 


Lieber Niembsch! 

Haben Sie Auerspergs Sonetten gelesen? Als sie mir von einer 
Freundeshand zugeschickt wurden, faßte ich den Plan, sie Ihnen illu¬ 
striert zu senden; aber die Allgemeine Zeitung hat mir die Freude ver¬ 
dorben, da sie die schönen Gedichte früher brachte, als ich sie senden 
konnte. 

Auersperg hat in diesen Versen sein Verhältnis zu Ihnen und seine 
Empfindungen für Sie vollkommen geschildert. Sie waren ihm jeder¬ 
zeit eine Stütze, ein liebevoller Freund, und ein unbestechlicher Richter, 
und wie ich Auersperg kenne, würde er aufgehört haben. Sie zu respek¬ 
tieren, in dem Augenblicke, als Sie sich herbeigelassen hätten, ihm zu 
schmeicheln. Er ist fein, geschickt einen Menschen zu durchschauen, 
und nur eine große Natur, in der er seinen Meister erkennt, ist im 
Stande, ihm Liebe und Achtung abzudringen. Sie haben für ihn immer 
eine Art von Verliebtheit empfunden. Seine persönliche Liebenswürdig¬ 
keit hat Sie überwältigt, seine Gegenwart Sie hingerissen; Sie lieben 
ihn, nicht seines Talentes, seines Charakters wegen, sondern blind, wie 
man selten einen Mann, meistens aber Weiber und Kinder liebt, und 
das ist vielleicht die dauerhafteste Neigung; weil sie wie jeder Natur¬ 
trieb in der Seele wurzelt, wächst und stirbt sie auch mit ihr. 

Freilich ist Auersperg auch ein Dichter, aber nicht wie Sie; trotz 
seines schönen Talents nicht durch und durch. An ihn würde mich 
nicht gemahnt haben, was ich neulich auf der Donau sah, und was 
mich so heftig und schmerzlich an Sie mahnte. Ein armer Kroate oder 
Slowake oder Landsmann von Ihnen, ein Wallfahrer, wie deren neulich 
eiue ganze Schiffsladung bei Mariataferl ertrunken ist, trieb in einem 
kleinen Kahn auf der Donau. Im ärmlichen Zwilchkittel stand er in 
seinem Fahrzeug und ruderte lässig dahin und dorthin, planlos, und 
schaute mit seinen dunkeln, schwermütigen Blicken den bewegten 
Wellen nach, unbekümmert um die Leute am Ufer, die seinem wunder¬ 
lichen Treiben zusahen. Seinen Hut mußte er weggeworfen haben, 
den bloßen Kopf setzte er der Sonne aus, kein Kleidungsstück, kein 
Brod, keine Flasche hatte er in seinem Kahn, nur einen großen, vollen, 
grünen Kranz, den er an seinem Pilgerstabe, am Vorderteile des 
Schiffchens wie eine Flagge befestigt hatte. War das nicht das Bild 


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Ein unveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal usw. 


eines echten Dichters? Ihr Bild, lieber Niembsch? Haben Sie nicht 
auch im Leben so herumgetrieben, im leichten Kahn, auf dem wilden, 
dunklen Strom, nach keinem Ufer ausblickend, mit weggeworfenem 
Ente, und nur den Kranz bewahrend statt allen irdischen Gutes ? Und 
wenn die anderen besonnenen, klugen Leute sorgfältig die Schlafmützen 
und Hüte und alle Arten von Kopfbedeckungen auf ihre Schädel 
stülpten, haben Sie nicht Ihr edles, schönes Haupt der Sonne und den 
Blitzen, dem Schnee und den Stürmen preisgegeben, von dem schönen, 
grünen, ewig grünen Kranz umschlungen, aber nicht geschützt? 0 die 
schlanken, glatten Lorbeerblätter schmücken die Stirne nur, sie be¬ 
hüten sie nicht, sie halten die Unbild dieser rauhen Zeit nicht ab, und 
darum, darum sind Sie krank! Ich habe ihm lange nachg'esehen, dem 
armen Landsmann, und an seinen Landsmann gedacht mit quälender 
Sehnsucht. 

Man wird hierzu sagen müssen, daß der Vergleich des Loses des 
Dichters mit dem eines vagierenden Slowaken in Anbetracht des augen¬ 
blicklichen Zustandes des ersteren nicht glücklich genannt werden 
konnte. Es war gewiß nicht günstig, dem schonungsbedürftigen Kranken 
auf diese Weise gewissermaßen seine eigene Haltlosigkeit im Leben 
vorzustellen, wenn auch, soweit überhaupt ein besonderes Motiv der 
Briefstellerin hierbei vorlag, dieses nur ein gutes sein konnte. 

Inhaltlich weniger unbedenklich als dieser, insofern er für einen 
psychisch Kranken bestimmt war, ist indessen der Text des nunmehr 
hier folgenden, im Winnentaler Archiv zugleich mit vielen Briefen von 
Schurz und verschiedenen solchen von Beinbek und seiner Frau, von 
der Familie Behrends und anderen aufbewahrten Schreibens Sophies 
an Lenau. Die beim Datum fehlende Jahreszahl ist offenbar 1846, da 
der in dem Briefe erwähnte Besuch Frankls in Winnental in den 
November 1846 fiel. 

Wien, den 24ten Februar. 

Lieber Niembsch! 

Hofrat Zeller meint, es sollten Ihnen einige Ihrer Freunde wieder 
schreiben, aber die Freunde schreiben nur einmal, wenn sie keine 
Antwort bekommen, wenn ihre Briefe auch von andern gelesen werden, 
wenn sie befürchten müssen, daß sie nicht besonders gewürdigt werden, 
die Freunde haben, mit einem Wort, tausend Gründe nicht zu schreiben, 
wie Sie wohl wissen werden, denn Sie lieber lieber Niembsch! waren 
zu Ihrer Zeit auch so ein Freund. 

Ich aber lieber Niembsch! die ich ein Staub, ein Nichts bin, ich 
schreibe Ihnen, da ich höre. Sie fragen wieder nach Briefen, auf die 
Gefahr hin. Sie zu belästigen. Ja, wenn Sie auch, nur um ihn zu zer¬ 
reißen einen Brief wünschen, so sollen Sie ihn von mir haben. 

Seit Frankls Zurückkunft leide ich an einem Überfiuß an Mangel 
an Courage. Seine Nachrichten trafen mich, als ich gerade die letzten 
Maschen an einer Decke häkelte, die ich Ihnen zum Nikolaustage be¬ 
stimmte, sie trafen mich wie der Hagel die Saaten, wie der Geier seine 
Beute, sie zerschlugen sie zerrissen mich. Meine Fantasie reicht nicht 
ans, mir Sie krank vorzustellen, und wenn mirs jemand mit dürren 
Worten sagt, möchte ich den Kopf an die Wand rennen, aber ohne 

Zeitscbr. f. Sexuftlwiasensohaft HL 1. 2 


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Ernst Jentsch. 


was dabei zu denken. Meine ganze Seele empört sich bei dem Ge¬ 
danken an den Freyel, den die Lögnerwelt an dem Geiste gewagt hat, 
aber ohne daß sie ihn begreift Mir geht es wie dem Reiter in Ihrem 
„traurigen Mönch“ ^), ehe das Ungeheure ausgesprochen wird, möchte 
ich sterben gehen. 

Ach Gott! das ist wieder ein Brief zum zerreißen. 

Lieber Niembsch! denken Sie sich, eine große Decke von Wolle 
mit schönen hellen Farben habe ich I^en gehäkelt und habe sie in 
Ihren Kasten gelegt zu all den lieben Sachen, die drin stehn und mir 
den Unterschied von einst und jetzt recht anschaulich machen, zu Ihrer 
Kaffeemühle, auf die Sie so große Stöcke hielten, zu Ihren Gläsern, 
Buchsen, Tassen, zu Ihren Porzellanköpfen und Stöcken, zu all dem 
lieben Kram, den Ihre teuren Hände berührt haben, und Ihre schönen 
armen Augen angeblickt. Eine Cigarre habe ich auch noch, die Sie 
vor zwei Jahren, am 28ten März, als Sie die Unglücksreise antraten, halb 
geraucht in meinem Zimmer liegen ließen. Meine Schwägerin Caroline kam, 
^8 Sie kaum von mir Abschied genommen hatten, und sagte: Ich bin eine 
Kassandra! wer weiß, wie Sie Niembsch Wiedersehen. Ich ärgerte mich 
damals weidlich über sie, weil ich meinte, sie folge nur, wie schon 
öfter, ihrem Hange etwas unangenehmes zu sagen, seither habe ich 
mich schaudernd an diese Worte erinnert. Sie iät aber doch eine schlechte 
Profetin, denn als Sie erkrankten, behauptete sie zuversichtlich Sie 
würden nächstens gesunden. 

Da haben Sie meinen Brief, mein liebes krankes Kind! Thun Sie 
damit, was Sie wollen. Es hilH nichts, wenn ich auch sage Gott sei 
mit Ihnen! 

Tausend Lebewohl! 

Ihre Sophie. 

Es ist verständlich, daß dieser Brief dem Kranken nicht ausge¬ 
händigt, sondern daß er zu den Akten gelegt wurde. Schon die ein¬ 
leitende Bemerkung, daß der Brief nicht unmittelbar von der Brief- 


*) Die betreffeDde Stelle lautet: 

Der große und geheime Schmerz, 

Der die Natur durchzittert, 

Den ahnen mag ein blutend Herz, 

Den die Verzweiflung wittert. 

Doch nicht erreicht — der Schmerz erscheint 
Im Aug' des Mönchs, der Beiter weint. 

Er ruft: „o si^e, was dich kränkt? 

Was dich so tief beweget?“ 

Doch wie der Mönch das Antlitz senkt. 

Die bleichen Lippen reget. 

Das Ungeheure sagen will. 

Ruft er entsetzt: „Sei stillI sei still!“ — 

Der Mönch verschwand, der Morgen graut, 

Der Wandrer zieht von hinnen; 

Und fürder spricht er keinen Laut, 

Den Tod nur muß er sinnen; 

Der Rappe rührt kein Futter an. 

Um Roß und Reiter isfs gethan- 

(Anmerkung des Verfassers.) 


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Bin anveröffentlichter Brief Sophies von Löwenthal usw. 


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stellerin ansging, und der Hinweis auf die Beschränkung des Patienten 
in seinem Verkehr mit der Außenwelt, die doch seinem Schutze diente, 
konnte die Stimmung des Kranken nicht günstig beeinflussen. Mehr 
aber mußte ins Gewicht fallen, daß die Absenderin die tobhaften Er¬ 
regungszustände, und zwar in ungeeigneter Form berührte und be¬ 
sonders, daß sie der ungünstigen Ansicht über den Verlauf der Krank¬ 
heit Ausdruck gab, die sich bei den Verwandten und Freunden damals 
bereits geltend machte. Ein Brief, der so viele düstere Wendungen, 
teilweise in leidenschaftlicher oder das Maß überschreitender Form ent¬ 
hielt, konnte ungeachtet der gleichzeitig darin enthaltenen liebevollen 
Zeugnisse alter Anhänglichkeit die relative Wohltat der dem Kranken 
knapp zugemessenen ruhigen Stunden nur gefährden und mußte ihn der 
zwecklosen Gefahr neuer Aufregungen anssetzen. 

Der Überschwang im Ausdruck in dem Briefe mag vielleicht zum 
Teil auf Rechnung des Geisteslebens der bei solchen Gelegenheiten etwas 
gefühlsseligen Epoche zu setzen sein. Zudem war Sophie nach Frankl 
eine an sich „poetisch denkende, phantastisch begabte Natur“. Deshalb 
vermochte sie sich auch vielleicht schwerer klarzumachen, daß das 
poetische Element meist nur im Rückblick auf bestimmte abgelanfene 
tragische Ereignisse in der Form künstlerischer Gestaltung eine un¬ 
bestrittene Stelle hat, in der unmittelbaren Tragik des Lebens aber 
schon wegen des beständigen Kontrastes der künstlerischen Auffassung 
mit der Realität der Dinge nur mit besonderer Vorsicht zu verwenden 
ist, was sich übrigens auch in bezug auf die Auerspergschen Sonette 
sagen läßt, denn, gesetzt Lenau wäre wirklich genesen, so wäre es ihm 
ganz gewiß am liebsten gewesen, wenn sich die Öffentlichkeit überhaupt 
gar nicht mit seiner Krankheit beschäftigt hätte. 

Bezüglich dieses Punktes, der Affektivität Sophies im ganzen, ist 
indes noch folgendes wesentlich. 

Sadger hat in seiner Schrift auch die Persönlichkeit Sophies in 
bezog auf das Psychopathologische näher betrachtet. Er weist auf 
gewisse gesundheitliche Klagen hin, von denen diese selbst berichtet, 
namentlich Herzbeschwerden, und auf ihre häufige Kränklichkeit, für 
die sich keine bestimmte organische Störung ermitteln läßt. Er kommt 
so zu der Ansicht, Sophie sei eine Hysterika gewesen, und schließt in 
Verfolg dieser Spur weiter, daß die besondere Art des denkwürdigen 
Verhältnisses zwischen Lenau und Sophie durch eine spezielle Frigidität, 
resp. die sexuelle Anästhesie der ersteren ermöglicht oder erleichtert 
worden sei. Trotz der vielbesprochenen Einseitigkeit der Wiener Schule 
könnte diese Annahme immerhin gegründet sein (s. 1. c.). Und es sei 
an dieser Stelle hierzu mitgeteilt, daß nach einer Bemerkung Zellers 
in einer den Aufzeichnungen angeschlossenen klinischen Übersicht über 
Lenaus Leiden „die geschlechtliche Sphäre offenbar längere Zeit da¬ 
niederliegend“ war, und daß der Kranke „in lichteren Stunden über 
verloren gegangene Manneskraft und den Verlust seiner Hoffnung noch 
Kinder erzeugen zu können“ klagte, Äußerungen, die seitens eines 
Geisteskranken, der schon vor der Erkrankung viel an Depressions- 
znständen litt, für die gesunde Zeit wohl nicht vielbesagen wollen. 

Frankl hat weiter ein Schriftstück Sophies mitgeteilt, in welchem 
sie nochmals in betreff Lenaus das Wort ergriff, als ein Heißsporn in 
einer Rede zum Gedächtnis des Dichters bemerken zu müssen glaubte 

2 * 


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A. Eolenborg. 


es befinde sich kein Erenz anf seinem Grabmal. Sie trat an dieser 
Stelle in ihrer schwungvollen, nachdräcklichen Weise für Lenans An¬ 
denken ein, sein religiöses Gefühl hervorhebend, welches, wie sich ans 
seinen verschiedenen Werken ergibt, mannigfache Wendungen genommen 
hatte. Hier findet sich auch der Hinweis, daß Lenau einigen Versen 
Sophies, welche sie ihm sandte, wie er selbst in der Erwiderung es 
ansdrückte, „den Savonarola verdankt“ habe. 

Sophie starb 1889, nachdem sie in den letzten Lebensjahren senile 
geistige Beeinträchtignngen gezeigt hatte. 


Moralität und Sexualität in der Naohkantsohen 

Philosophie. 

Von A. Enlenbnrg 

in Berlin. 

1. J. G. Fichte (System der Sittenlehre). 

Fichte veröffentlichte sein System der Sittenlehre 1798 in Jena, 
wo er seit 1794 den Lehrstuhl von Reinhold inne hatte und wo auch 
vorher in rascher Aufeinanderfolge die grundlegenden Werke seiner 
ersten Schaffensperiode — „Grundlage und Grundriß der gesamten 
Wissenschaftslehre“ (1794) und „Grundlage des Naturrechts“ (1796) 
erschienen waren. Er glaubte sich damals in und mit diesen Werken 
noch ganz anf dem Boden von Kants kritischer Philosophie, als deren 
Fortsetzer und Vollender er sich betrachtete — eine Selbsttäuschung, 
der er freilich bald nachher (1799) durch Kants gegen seine „Wissen¬ 
schaftslehre“ gerichtete schroffe Absage entrissen werden mußte. 

Seine Ethik, wie sie in dem „System der Sittenlehre“ niedergelegt 
ist, bemht jedenfalls, wenn nicht anf anderem Grundgedanken, so doch 
anf einer vielfach anderen Gedankenentwicklnng als der Kantschen. 
Da für Fichte das als Ich bezeichnete „vernünftige Subjekt“ im Grunde 
alleinige Realität hat, so muß es seine Vorstellungswelt, die ihm also 
ursprünglich nur etwas Inneres, Selbsterzeugtes ist, als Objekt außer 
sich setzen, um sich daran betätigen, um es als Stoff zn bewältigen 
und zur Bewährung seiner sittlichen Pfiicht ausnützen zu können. Das 
ist in jenem berühmten Fichteschen Satz ausgedrückt, wonach unsere 
Welt „das versinnlichte Material unserer Pflicht“ ist. 
Diesem als Welt objektivierten Stoff gegenüber schaltet das wollende 
und handelnde Ich auch mit vollständiger souveräner Selbständigkeit 
und Freiheit. Diese als Autonomie bezeichnete Selbständigkeit und 
Freiheit ist also für Fichte durchaus das Grundgesetz, das „Prinzip“ 
der Moralität, das er selbst nach einem mühseligen, weitläufigen und 
wenig überzeugenden Satzaufbau dahin zusammenfaßt i): „Das Prinzip 
der Sittlichkeit ist der notwendige Gedanke der Intelligenz, daß sie 
ihre Freiheit nach dem Begriffe der Selbständigkeit, schlechthin ohne 
Ausnahme, bestimmen solle“. Aber dieses so aufgefundene „Prinzip“ 


*) System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschattslehre. Jona und I.eipzig, 
Christian Ernst Gabler, 1798, Seite 66. 


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Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie. 


21 


ist offenbar ein rein formales, des materialen Inhaltes noch gänzlich 
entbehrendes. Wo kommt dieser nun also her? Fichte entwickelt 
weiter’) das Vorhandensein eines „sittlichenTriebes“ und erklärt 
diesen sittlichen Trieb für einen „gemischten“; er soll sich nämlich 
znsammensetzen aus dem „N aturtrieb“, der das Material liefert, und 
aus dem lediglich die Form gebenden „reinen“ Trieb, der als solcher 
etwas außer allem Bewußtsein liegendes, bloßer transzendentaler Er- 
klärungsgrund von etwas im Bewußtsein sich Abspielendem ist. Der 
aus dieser seltsamen Verbindung also hervorgehende „sittliche“ Trieb 
ist, wie der reine, absolut und fordert etwas ohne allen Zweck außer 
ihm selbst. Er geht nicht auf irgendeinen Genuß aus, von welcher 
Art er auch sein möge. „Sein Endzweck ist gänzliche Unabhängigkeit 

— diese ist ihr eigener Zweck — sie soll beabsichtigt werden, 
schlechthin, weil sie es soll, weil ich Ich bin. Die dabei empfundene 
Zufriedenheit ist etwas Zufälliges — der Trieb entsteht nicht aus ihr, 
sondern sie entsteht aus dem 'friebe*).“ 

Eine eigentliche Begriffsbestimmung und Erklärung des „Sittlichen“ 
erhalten wir also bei Fichte nicht — wir kommen vielmehr aus dem 
Zirkel nicht heraus: „Das Prinzip der Sittlichkeit liegt in der freien 
Selbstbestimmung des (vernünftigen) Ich — und eben diese freie Selbst¬ 
bestimmung, diese gänzliche Unabhängigkeit ist der Endzweck des 
Sittlichen“ *). — Aber begnügen wir uns vorerst damit, und sehen wir, 
wie sich die Sache im einzelnen und in der Praxis macht, in der 
„Übersicht der besonderen Pflichten“, die nach Fichte alle darin Über¬ 
einkommen müssen, den Zweck der Vernunft zu befördern und eben 
nur besondere Pflichten insoweit sind, wie sie sich auf Erreichung 
dieses Hauptzwecks beziehen ^). Hier werden nun unter den „Pflichten 
des Menschen aus seinem besonderen natürlichen Stande“ als die ein¬ 
zigen dahingehörigen die beiden sich auf die „Natureinrichtung zur 
Fortpflanzung des Geschlechts“ gründenden Verhältnisse abgehandelt 

— nämlich das Verhältnis der Ehegatten zueinander, und 
das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. 

Das Verhältnis der Ehegatten*) gründet sich.nach Fichte 
auf den Naturtrieb; der „Begriff“ kann dabei nur verhindernd oder 
verstauend einwirken, den Trieb selbst aber weder ausrotten, noch 
sich an seine Stelle setzen: „das Menschengeschlecht wird nicht nach 
Begriffen, zufolge freier Willeusentschlüsse, fortgepflanzt“. Der nächste 
Zweck, die Fortpflanzung, ist wieder zu beziehen auf unseren höchsten 
Endzweck, nämlich den, daß die Vernunft herrschend werde. — Nun 
hat die Natur dabei die besondere Einrichtung getroffen, daß in der 
Gemeinschaft der Geschlechter für die Fortpflanzung der Gattung nur 
das eine Geschlecht sich tätig, das andere aber sich lediglich leidend 


») L. c. S. 196. 

Letzteres ist vielleicht gegen Spinoza gemünzt, der die Freudigkeit, „laetitia‘S 
ausdrücklich als Bedingung und Kennzeichen jeder lobenswerten Handlung aufstellt. 

*) Schopenhauer, der, 13 Jahre später in Berlin, bei Fichte hörte, behauptet, dieser 
„pflegte seine Studenten mit der Phrase zu mystifizieren“: „Die Welt ist, weil sie ist, 
und ist, wie sie ist, weil sie so ist“ 

Ibid. S. 439. 

®) Ibid. S. 443—450. Ausführlicher bespricht Fichte dies in der „Grundlage des 
Naturrechts“. 


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22 


A. Ealenbaig. 


verhalte. Ans diesem einzigen Gmnde entstehen die zartesten Ver¬ 
hältnisse nnter den Menschen. 

Es kann nämlich der Geschlechtstrieb nicht erscheinen als Trieb 
zn einem bloßen Leiden, sondern er muß sich (beim weiblichen Ge- 
schlechte) gleichfalls in einen Trieb zur Tätigkeit nmwandeln. Un¬ 
beschadet der Natureinrichtnng, welche denn doch daneben bestehen 
bleibt, kann dies nur ein Trieb sein, einem Manne nicht zum Zwecke 
eigener Befriedignng, nicht seiner selbst, sondern des anderen wegen 
sich hinzngeben. Ein solcher Trieb heißt Liebe^). Diese ist 
Natnr und Vernunft in ihrer ursprünglichen Vereinigung. 

Man kann nicht sagen, es sei die Pflicht des Weibes, zu lieben, 
da ja der Liebe ein Naturtrieb, der nicht von der Freiheit abhängt, 
beigemischt ist; aber man kann sagen, daß da, wo auch nur einige 
Anlage zur Moralität ist, der Naturtrieb (beim Weibe) nicht anders, 
als nnter der Gestalt der Liebe erscheinen könne. „Der Geschlechts¬ 
trieb des Weibes in seiner Roheit ist das widrigste und zugleich ekel¬ 
hafteste, was es in der Natur gibt; und zugleich zeigt er £e absolute 
Abwesenheit aller Sittlichkeit. Die Unkeuschheit des Herzens beim 
Weibe ist die Grundlage zu allen Lastern; dagegen die weibliche 
Beinigkeit und Keuschheit, die eben darin besteht, daß der Geschlechts¬ 
trieb sich nie als solcher, sondern nur in der Gestalt der Liebe zeigt, 
die Quelle alles Edeln und Großen in der weiblichen Seele. Für das 
Weib ist Keuschheit das Prinzip aller Moralität." 

Das alles klingt sehr schön und gut und bekundet ein feinfühli¬ 
geres Verständnis gerade der weiblichen Natur, wovon sich in der 
(nur ein Jahr früher erschienenen) Kantschen Sittenlehre noch keine 
Spur findet. Aber nun heißt es, gerade wie bei Kant und mit ganz 
ähnlicher Motivierung, daß sich die Liebe moralisch nur in der Form 
der Ehe betätigen könne und dürfe: „Er^bt sich das Weib zur Liebe 
einem Manne, so entsteht dadurch moriüjsch eine Ehe." Zuvörderst 
von des Weibes Seite. Denn das Weib gibt sich dabei ganz, unter 
Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit, und sie gibt sich auf ewig, ihrer 
Voraussetzung nach. • „Im bloßen Begriff der Liebe ist der 
der Ehe enthalten, und sagen: ein sittliches Weib kann 
sich nur derLiebe geben, heißt zugleich sagen: sie kann 
sich nur unter Voraussetzung einer Ehe geben*)." — 
Aber auch von des Mannes Seite — weil er nämlich das vom Weibe 
zn bringende Opfer sonst (außerhalb der Ehe) nicht annehmen dürfte. 
„Selbst wenn ein Weib freiwillig sich auf andere Bedingungen au trüge, 
könnte der Mann ihre Unterwerfung nicht annehmen: und es gilt hier 
keineswegs der Rechtssatz: wer nach seinem Willen behandelt wird, 
dem geschieht nicht Unrecht. Wir können von der Unmoralität 
des anderen — hier ist es absolute Verworfenheit — 
nicht Gebrauch machen, ohne daß die Vergehung des¬ 
selben auch auf unsere Rechnung komme." 

Hier ist offenbar der springende Punkt; hier werden sich wohl 
ewig die Geister voneinander scheiden, die Anhänger einer zunächst 
dem Glücke zustrebenden subjektivistischen Freiheitsmoral sich mit 


*) L. c. S. 445. 
*) L. c. 8. 447. 


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Moralität and Sexualität in der Naohkantschen Philosophie. 


23 


den Vertretern einer nnbedingten Kant-Fichteschen Pflichtmoral (oder 
besser Begriffs- und Vernnnftsmoral) schwerlich jemals verständigen. 
Aber selbst davon abgesehen erscheint uns die Fassung, der Ausdimck 
dafhr auch bei Fichte — wie noch mehr früher bei Kant — viel zu 
überspannt, viel zu weitgehend. Hand aufs Herz! Können wir wirk¬ 
lich Egmonts Klärchen, Fausts Gretchen — beides damals längst be¬ 
wunderte Dichterschöpfungen — und den ganzen Chor der ihnen sich 
anreihenden Gestalten als „unmoralisch“, als „verworfen“ verurteilen? 
Ein berühmter und auch als Rhetor mit Recht gefeierter Physiologe 
hat allerdings einst seine Unzufriedenheit mit Goethes Faust geäuflert, 
der, statt unbefriedigt in der Welt hemmzuschweifen, lieber hätte 
Gretchen heiraten und die Elektrisiermaschine erfinden sollen. Auch 
Goethe selbst hätte ja vielleicht Friederike heiraten sollen. Aber 
welch ein Glück doch für die Menschheit, dafi beide das, was die 
strenge Kant-Fichtesche Moral so unerbittlich und widerspruchslos 
heischt, dennoch unterließen! 

Auch nach Fichte, wie nach Kant, ist also Befriedigung des Ge¬ 
schlechtstriebes nur in der Ehe erlaubt; außer der Ehe ist sie „beim 
Weibe gänzliche Wegwerfung ihres sittlichen Charakters, beim Manne 
Teilnahme an diesem Verbrechen und Benützung einer tierischen Neigung. 
Es ist gar keine Verbindung zwischen Personen beiderlei 
Geschlechtes zur Befriedigung ihres Triebes moralisch 
möglich außer der einer vollkommenen und unzertrenn¬ 
lichen Ehe“. In der Ehe nur erhält die Geschlechtsvereinigung, die 
au sich das Gepräge der tierischen Roheit trägt (!), einen ganz 
anderen, der vernünftigen Wesen würdigen Charakter. Sie wirkt eine 
gänzliche Verschmelzung zweier vernünftiger Individuen in eins; un¬ 
bedingte Hingebung von des Weibes Seite, Gelübde der innigsten Zärt¬ 
lichkeit und Großmut von des Mannes Seite. Die weibliche Reinheit 
bleibt auch in der Ehe, und nur in ihr, unverletzt; das Weib gibt sich 
immer nur der Liebe (?) und selbst beim Manne erhält der Naturtrieb, 
den er sich außerdem wohl gestehen dürfte, eine andere Gestalt, er 
wird zur Gegenliebe. 

Aue diesen, höchstens für eine ganz seltene, ganz exzeptioneUe 
Ehe zutreffenden Erwägungen zieht Fichte nun die allgemeine Folge- 
mng^): „Es ist die absolute Bestimmung eines jeden Individuums 
beider Geschlechter, sich zu verehelichen. — Das ursprüngliche Be¬ 
streben des Menschen ist egoistisch; in der Ehe leitet ihn selbst 
die Natur, sich im anderen zu vergessen; und die eheliche Verbin¬ 
dung beider Geschlechter ist der einzige Weg, von Natur aus den 
Menschen zu veredeln. Die unverheiratete Person ist nur zur Hälfte 
ein Mensch.“ 

Nun kann man zwar dem Weibe und dem Manne die Liebe nicht 
befehlen, „weil dies nicht ganz von der Freiheit abhängt“ — aber 
absolutes Gebot ist, daß es nicht mit unserem Wissen an uns 
liegen müsse, daß wir unverehelicht bleiben. Der deutlich gedachte 
Vorsatz, sich nie zu verheiraten, ist „absolut pflichtwidrig“. 
Ohne seine Schuld unverheiratet bleiben, ist ein großes Unglück; durch 


‘) L. c. S. 448. 

>) Ibid. S. 449, 450. 


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A. Enlenburg. 


24 


seine Schuld, eine große Schuld. Es ist nicht erlaubt, diesen Zweck 
anderen Zwecken aufzuopfern, etwa im Dienste der Kirche, Staats¬ 
und Familienabsichten, oder der Ruhe des spekulativen Lebens 
u. dgl. — denn der Zweck, ein ganzer Mensch zu sein, ist 
höher als jeder andere Zweck. 

Es ist gewiß eine seltsam ironische Fügung, daß Fichte mit den 
letzten Sätzen auch seinem Lehrer und Vorbilde Kant, dem zeitlebens 
ehelos gebliebenen Vater der kategorischen Pflichtmoral, den Vorwurf 
„absolut pflichtwidrigen“, also unmoralischen Handelns nicht erspart, 
so wenig wie er ihn vielen anderen Größen des „spekulativen Lebens“, 
einem Bruno, Spinoza, Leibniz, Schopenhauer usw. und nicht minder 
vielen Größen der Kunst und Religion hätte ersparen dürfen. Von dem 
für künstlerische, religiöse und überhaupt höhere geistige Schöpfungen 
bedeutungsvollen Gesichtspunkte der Umwandlung und Sublimierung 
des geschlechtlichen Triebes wesentlich zum Zwecke erhöhter Geistes¬ 
produktion scheint sich demnach hier noch keine Vorahnung zu finden. 
Es ist übrigens der in der Ehegebotsfrage eingenommene schroffe Stand¬ 
punkt, wie noch manches andere, recht kennzeichnend dafür, wie 
diese hochstrebende Kant-Fichtesche Vernunft-Pflichtmoral im Grunde 
ganz und gar auf Regulierung des Verhältnisses des Einzelmenschen 
zur Gesamtheit, d. h. zum Staat und zur sozialen Ordnung eingestellt, 
recht eigentlich oder doch in erster Reibe Staats- und Gemeinschafts¬ 
moral ist und sein will, und die übrige bunte Mannigfaltigkeit indivi- 
dnalistischer Beziehungen und Interessen, die Gefühlsansprüche und das 
Glücksverlangen des einzelnen und so insbesondere auch das Sexual¬ 
verhältnis fast nur aus diesem Gesichtspunkte ausschließlich bewertet. 
Der Staat ruht auf der Familie, die Familie auf der (selbstverständlich 
monogamen und im Staatsinteresse für unauflösbar erklärten) Ehe; alle 
anderen Liebesverbindungen werden unbedingt verworfen — und damit 
bat der einzelne im Interesse des als unendlich wertvoller betrachteten 
Ganzen sich pflichtgemäß zu bescheiden — in dieser Bescheidung be¬ 
steht eben sein vernünftiges sittliches Handeln oder (im Kant-Fichte- 
schen Sinne) der rechtmäßige Gebrauch seiner „transzendentalen Frei¬ 
heit“. — Wir werden übrigens das gleiche rationalistische Moralprinzip 
auch bei Hegel in strenger sozial-ethischer Anwendung geltend gemacht 
finden; so unendlich weit diese drei Männer, Kant, Fichte und Hegel, 
als Persönlichkeiten und als spekulative Denker voneinander entfernt 
sind, so nahe begegnen sie sich doch in der Zugrundelegung des näm¬ 
lichen Moralprinzips (wenn auch in etwas anderer Worteinkleidung) 
und in dessen Anwendung auf die Lebensgebiete menschlicher Gemein¬ 
schaft in Staat und Familie. Daß das Wohl der Gesamtheit, d. h. bei 
ihnen des Staates stets unendlich höher gilt als das des einzelnen ist 
hier überall selbstverständliche Voraussetzung, und Bedingung alles 
pflichtmäßigen und vernünftigen, also sittlichen Handelns. Daß ein 
solches Moralprinzip und eine darauf beruhende Lebensauffassung sich 
zumal unter den dafür besonders günstigen damaligen (und übrigens 
auch wieder unter den heutigen) Zeitverhältnissen, ein gewaltiges An¬ 
sehen erwerben und zum Teil unerhörte Erfolge im öffentlichen, wie 
im privaten Leben erringen mußte, ist ohne weiteres verständlich. 
Ebenso aber auch, daß sich dabei vielfache Pflichtkollisionen und im 
Leben des einzelnen schwere Bedrängnisse und sittliche Konflikte, und 


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Die psychische Impotenz des Mannes. 


bei veränderter allgemeiner Zeitlage Bchließlich mehr nnd mehr das 
Gefühl eines gewissen Ungenttgens heransstellen mußten. Daß „man 
namentlich bei einseitiger Durchführung und gelegentlicher Über¬ 
spannung jenes rationalistischen Moralprinzips gern zu anderen, dem 
Bereiche individualistischer Gefühls- und Geschmacksmoral zugehörigen 
Prinzipien gerade auf sexualethischem Gebiete überzugehen versuchte, 
erscheint im Gange menschheitlicher kultureller Entwicklung begreif¬ 
lich und fast unausbleiblich. (Schlofl folgt.) 


Die psychische Impotenz des Mannes^). 

(Onanie nnd Potenz.) 

Von Dr. Wilhelm Stekel 

in Wien. 

Zu den wichtigsten Aufgaben des Psychotherapeuten gehört die 
Behandlung der psychischen Impotenz des Mannes. Es ist leider fast 
unmöglich, diese Thema geschlossen darznstellen, weil jeder einzelne 
Fall den Scharfsinn des Arztes aufs neue herausfordert, und sich die 
mannigfachsten Motive zusammenünden, um die Impotenz zu erzeugen. 
Wenn irgendwo, so gilt gerade bei diesem Leiden der Satz: Jeder Fall 
ist ein Novum! Wie also die Therapie schildern? 

Wenn ich dieses Wagnis trotzdem unternehme, so tue ich es, weil 
kein anderes Leiden die Macht der Psychotherapie allen anderen Be¬ 
handlungsmethoden gegenüber so deutlich illustriert. Aber nur eine 
zielbewußte rationelle Psychotherapie! Eine individualisierende The¬ 
rapie! Denn gerade bei der psychischen Impotenz kann eine falsche 
Psychotherapie, ja jede Therapie unter Umständen Schaden stiften, weil 
sie ein „Krankheitsgefühl“ züchtet, die tJberzeugung vom Kranksein 
welche ja bei der Impotenz schon die Krankheit selbst ist. 

Das Wesen der psychischen Impotenz besteht darin, daß sich 
Hemmungsvorstellungen vordrängen und den Reflexakt des Rückenmarkes 
durch zerebrale Einflüsse stören, hemmen, schwächen oder ganz auf- 
heben. Diese Hemmungen können mannigfacher Natur sein und können 
in leichten Fällen schon durch einfache Suggestion geheilt werden. 
Alle mechanischen Eingriffe, Kühlsondenbehandlung, elektrische Proze¬ 
duren, Kaltwasserkuren, Mast- und andere Stärkungskuren wirken auf 
suggestiven Wege durch Erzeugung einer Vorstellung („Es wird jetzt 
sicher gehen!“), welche die Hemmungsvorstellhng überwindet. Ich habe, 
ehe ich Psychotherapeut wurde, zahlreiche Fälle auf diese Weise geheilt, 
oft glänzende Erfolge erzielt, muß aber zugeben, daß mir Fälle unter¬ 
gekommen sind, bei denen ich vollkommen machtlos war. Ich glaubte 


') Der Autor, der sein Werk ,,Die psychischen Störungen des Sexuallebens^^ erst 
nach dem Kriege (Verlag von Urban vk Schwarzenberg, Berlin und Wien) erscheinen 
la.ssen wird, stellt uns ein Kapitel aus den Ausführungen über die Impotenz des Mannes 
zur Verfügung. 


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Wilhelm Stekel. 


noch eine zeitlang an die Schulweisheit, daß es auch eine organisch 
bedingte Impotenz im Jagendalter gäbe. Heute bin ich anderer Ansicht. 
Ich glaube, daß es keine organisch bedingte Impotenz 
im jugendlichen Alter und im Mannesalter gibt, wenn wir 
keine Systemerkrankung des Bückenmarkes, keinenDia- 
betes oder irgendein anderes Grandleiden nachweisen 
können. Ich habe wenigstens keinen solchen Fall gesehen. Vielleicht 
mag der eine oder andere Fall Vorkommen, wo es sich um Mißbildungen 
handelt, Fehlen des Hodens, Zwitterbildung usw. . . Aber von diesen 
Ausnahmen können wir ja ruhig absehen. 

Finden wir keine organische Grundkrankheit, so können wir den 
Satz verteidigen: Es gibt keine angeborene organische, es 
gibt nur eine psychische Impotenz des Mannes; jede lo¬ 
kale Behandlung ist öberflftssig, mitunter gefährlich und 
schädlich. 

Habe ich doch gar nicht so selten gesehen, daß Zystitiden, ja sogar 
einmal eine Gonorrhöe auf diese Weise erzeugt wurden! Die psychische 
Impotenz ist die Domäne, auf der die ärztliche Unwissenheit die tollsten 
Orgien feiert, immer im wissenschaftlichen Gewände und bona fide. 
Aber in Sexualibus zählen die Ärzte noch immer zu den größten Igno¬ 
ranten. Und dies ohne ihre Schuld. Denn wir lernen in den Schulen 
wohl eine Menge überflüssiger chemischer Formeln, aber die Lehrkanzeln 
für Sexualwissenschaft sind noch nicht geschaffen. . . 

Ich glaube auch, daß viele Impotenzen in vorgerücktem Alter nur 
psychisch sind und auf seelische Hemmungen zurückzuführen sind. Ich 
werde auch dafür in den folgenden Kapiteln nicht den Beweis schuldig 
bleiben. Wir werden Männer kennen lernen, die nach einer Impotenz¬ 
periode von 10 Jahren (!) im hohen Alter die Potenz wieder gewonnen 
haben. Eigentlich bleibt physiologisch die Potenz bis zu dem Tode 
erhalten und ich kenne eine große Menge von Männern, die nach siebzig 
den Koitus anstandslos ausführen. Ein frühes Verlöschen der Potenz 
läßt — wenn es sich nicht um ein scheinbares Erlöschen handelt — 
auf ein zu frühes Senium schließen. Erkundigt man sich aber genauer, 
so hört man, daß diese angeblich impotenten Männer noch des Morgens 
im Traume oder beim Erwachen mehr oder minder kräftige Erektionen 
haben. Diese Erektionen werden dann als „Wassersteife“ bezeichnet 
und als ein Reflexakt von der gefüllten Blase angesprochen. 

Ich kenne keinen größeren physiologischen Blödsinn, 
als diese sogenannte Wassersteife! Wäre durch Füllung 
der Blase eine Erektion zu erzielen, so würde die ein¬ 
fache Retention des Urins genügen und wir hätten ein 
einfaches Mittel zur Heilung der Impotenz. Wirbrauchten 
nur dem Manne raten, zu warten bis die Blase recht ge¬ 
füllt ist und dann solle er nur die physiologische Erek¬ 
tion benützen. 

Ich weiß, daß die Urologen diese „Wassersteife“ verteidigen wie 
eine Löwin ihre Jungen. Aber es zeigt nur einen Mangel psycholo¬ 
gischen Verständnisses. Auch läßt sich bei Impotenten trotz Reizung 
des Caput gallinaginis keine Erektion erzielen, während der Priapismus, 
der Zustand einer permanenten Erektion niemals von einer Überfüllung 


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Die psychische Impofenz des Mannes. 


der Blase herstammt. Sonst müBten die Prostatiker, die oft erstaun¬ 
liche Mengen von Residualbarn anfweisen, über eine ebenso erstaunliche 
Potenz verfügen, was keineswegs der Regel entspricht, sondern eine 
Ausnahme darsteUt. 

Die Erektion am Morgen oder in den letzten Stunden des Schlafes 
— denn darauf kommt es an — hat ganz andere Ursachen. (Ich 
kannte einen Bäcker, der nur des Tags schlafen konnte und angeblich 
impotent war. Immer trat knapp vor dem Erwachen eine Erektion 
auf. Das heißt, er erwachte, weil der die Erektion herbeiführende 
Traum nicht bewußt werden durfte.) Alle diese Menschen, die 
an psychischer lmpoten2 leiden, stehen unter der B[err- 
schaft von Hemmungen. Ihre Sexualität ist durch die Macht und 
den Eindruck eiues Verbotes gelähmt. Gegen dieses Verbot kämpfen sie 
die ganze Nacht und der Traum legt immer wieder Lösungen vor, welche 
die Hemmungen zu umgehen versuchen. Aber erst gegen Morgen ist 
die Traumarbeit so weit vorgeschritten, daß jene Situation gefunden 
wird, in der der Träumer seine Sexualität ausleben kann. Es ist auch 
das Phänomen in Betracht zu ziehen, das Freud „Regression“ ge¬ 
nannt hat. Der Traum knüpft meist an die Erlebnisse des Tages an^) 
und spinnt den Faden weiter, aber immer weiter zurück in das äfantile, 
er vollzieht eine Regression in die Kindheit und zu jenen Quellen der 
Sexualität, deren freies Strömen bei Tage einer moralischen Zensur 
unterworfen ist Die Hemmungen werden erst überwunden, wenn der 
Träumer sieb in einer infantilen Situation befindet, in der es keine 
Hemmungen für ihn gab. Oder er überwindet die aktuellen Hinder¬ 
nisse, je mehr er sich im Traume vom Tage und der Realität entfernt 
Endlich hat er die Realität überwunden und jenes Sexualziel erhebt 
sich greifbar vor seinen geistigen Augen, das allein imstande ist, seine 
sexuellen Wünsche aufzupeitschen. Die Träume, welche sich an diese 
Erektionen knüpfen und welche das geheime Sexualziel verraten würden, 
sind bald vergessen. Der Erwachende erinnert sich nicht daran oder . 
nur ganz allgemein. So z. B. kannte ich einen scheinbar impotenten 
Mann, dessen Sexualziel Männer waren, weil seine stärkste sexuelle 
Tendenz die homosexuelle war. Er durfte sich diese Triebrichtung nicht 
eingestehen und Frauen lockten ihn nicht Er träumte nun, hatte 
Erektionen und Pollutionen, kannte aber den Inhalt seiner Träume 
nicht. Von mir aufgefordert, seine Träume sofort nach dem Erwachen 
aufzuschreiben (ohne daß ich vorher mit ihm ein Wort über seine homo¬ 
sexuellen Tendenzen gesprochen hatte), notierte er einen sehr merk¬ 
würdigen homosexuellen Traum, der ihn selbst sehr überraschte. Dies 
nur ein Beispiel für tausende, die ich geben könnte. Seine Morgen¬ 
erektion ließ sich also auf die Bewältigung aller Hemmungen zurück- 
führen, die zwischen ihm und der Homosexualität lagen. Da er aber 
in seiner Kindheit mit einem Freunde ein homosexuelles Verhältnis 
hatte (gegenseitige Fellatio!), so brachte der Traum die Reproduktion 
dieses Erlebnisses und eine starke Erektion. 

Die Morgenerektion ist das sicherste Kennzeichen 
der psychischen Impotenz und gestattet schon eine gün¬ 
stige Prognose der Psychotherapie. 


Nicht immer — wie meine Forschungen mir bewiesen haben. 


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Unsere erste Frage hat also der morgendlichen Erektion zu gelten. 
Da hören wir oft, daß Erektionen die ganze Nacht da sind, oder nur 
gegen Morgen, daß sie seit einiger Zeit seltener oder häufiger auftreten, 
was alles wichtige Schlüsse für die Stärke des Leidens zuläßt (Denn 
viele Impotenzen sind ja derart, daß die Erektionsmöglichkeit immer 
vorhanden ist, bei der Onanie vollkommen zur Verfügung steht und 
nur vor dem Weibe versagt.) Bestehen also Erektionen — sei 
es am Tage oder nur gegen Morgen — so ist eine orga¬ 
nische Grundlage der Impotenz ansznschließen und jede 
lokale Behandlung zu vermeiden. Ich weiß, daß Freud viele 
seiner Fälle zugleich von einem Urologen behandeln läßt Ich halte 
das für einen Fehler und warne davor. Es erschwert die Heilungs¬ 
möglichkeit und verwirrt das Erankheitsbild. 

Eine andere Frage ist wichtig. Ist das Fehlen der Morgen¬ 
erektionen und der Erektionen überhaupt ein sicheres 
Zeichen, daß man es mit keiner psychischen Impotenz zu 
tun hat? Darauf kann ich mit einem entschiedenen „Nein“ antworten. 
Es gibt Neurotiker, bei denen die Hemmungsvorstellungen sogar in den 
Morgentraum eindringen, in denen die asketischen Tendenzen stärker 
bleiben als der Trieb. Ich kenne Fälle, in denen mehrere Jahre keine 
Erektion auftrat und wo die Sexualität scheinbar erloschen war. Ich 
sage scheinbar, weU sie sich in zahlreichen Symptomhandlungen äußerte, 
welche an Stelle der Erektion und des Sexualtriebes getreten waren, 
welche durch die Macht des Intellektes ganz unterdrückt war. Nach 
Aufhebung der Hemmungen infolge der Analyse trat der Geschlechts¬ 
trieb in aller Stärke auf, ja so stürmisch, daß die Kranken darüber 
erschreckt waren und immer wieder bereit waren, diesen satyriasti- 
schen Regungen ein Ende zu machen. „Ich kann die Erektionen voll¬ 
ständig unterdrücken“, sagte solch ein Kranker zu mir, „es hängt nur 
von meinem Willen ab!“ 

Wir sehen also, daß das Fehlen der Erektion bei Männern bis zum 
40. Lebensjahre und darüber hinaus uns noch nicht die Diagnose einer 
organisch bedingten Impotenz gestattet. Wir werden ja später einige 
derartige Krankengeschichten zu hören bekommen. 

Es gibt kaum einen zweiten physiologischen Vorgang, der so leicht 
durch hemmende Vorstellungen gestört werden kann, wie die Erektion. 
Dabei ist die hemmende Vorstellung in den seltensten Fällen bewußt. 
Bewußte Hemmungen sind nicht so schädlich und führen auch seltener 
zu einer vollkommenen allgemeinen Impotenz. So gibt es eine Menge 
Männer, die vor einer Dirne Ekel empfinden und immer bei Dirnen 
impotent sind. Sie wissen es, haben aber auch die Überzeugung, daß 
es bei anderen Objekten ohne Störung gehen wird. 

Diese Hemmung kann aber dem Manne nicht bewußt sein und der 
Ausgangspunkt einer psychischen Impotenz werden. Die Vorstellung 
„Ich bin impotent“ wirkt schon als verderblichste Autosuggestion. Beim 
nächsten Versuch tritt diese Vorstellung bereits vor dem Akte auf. 
Der Mann frägt sich: „Werde ich diesmal potent sein?“ Er zweifelt, 
er hat Angst vor einer Blamage und dieser Zweifel und diese Angst 
wirken schon automatisch als noch stärkere Hemmungen^). Der weitere 


*) Vgl. Rene Cornelius: Die Autosuggestion. Zentralbl. f. Psychoanalyse. Bd. 4. 


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Die psychische Impotenz des Mannes. 


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Verlauf ist nun der, daß entweder die Angst und der Zweifel immer 
stärker werden und dann bildet sich das klassische Bild einer psychischen 
Impotenz aus oder der Betreffende stößt auf ein Objekt, das seine Libido 
so reizt, daß alle Hemmungen überwunden werden, daß Angst und 
Zweifel gegen die Stärke des Triebes nicht aufkommen und dann ist 
er eben geheilt. 

Die leichtesten Fälle von psychischer Impotenz sind die frischen, 
die nach einer oder einigen Blamagen zum Arzte kommen. Hier tut 
schon eine einfache Erklärung ihre Wunder und eine eingreifende Be¬ 
handlung wie eine psychologische Analyse wäre direkt ein Eunstfehler. 
Denn — wie schon einmal betont — jede Behandlung bestärkt das 
Krankheitsgefühl und wirkt als Hemmung auf den Behandelten. 
Die Vorstellung „Ich bin impotent“ wird dann immer mächtiger, jeder 
Versuch wird zur Probe für die Therapie und für den Arzt. Nun 
wissen wir heute, wie unendlich wichtig der geheime Kampf zwischen 
Arzt und Patienten in der Frage des Erfolges ist. Kranke können 
krank werden und bleiben, um den Arzt zu erniedrigen, zu entwerten, 
um ihm nicht den Triumph der Heilung zu lassen, viele Männer wollen 
weiter behandelt werden, weil die Behandlung eine „Übertragung“ 
erzeugt hat (eine Liebe zum Arzt), die seine Nähe wichtiger macht, 
als den Erfolg bei Frauen. 

Bei der psychischen Impotenz gilt der Grundsatz: Je rascher du 
deine Erfolge erzielen kannst, desto sicherer sind sie. 

Freilich dürfen wir nicht von Augenblickserfolgen reden, wie sie 
Psychotherapeuten erzielen, welche impotente Patienten zwingen, zu 
Dirnen zu gehen, eventuell einen vorübergehenden Erfolg bei einer 
meretrix als Heilung auffassen. Schon nach einigen Wochen kommt der 
alte Jammer wieder. Es muß in jedem Falle ein exaktes Prüfen statt¬ 
finden, ein Überlegen der Gründe, die für und wider eine Analyse 
sprechen. Gerade in dem Erkennen der leichten und der schweren 
Fälle erweist sich die Tüchtigkeit und der Scharfblick des Psycho¬ 
therapeuten. 

Wir wollen nun einige Beispiele von vorübergehenden Impotenzen 
anführen, denen der neurotische Unterbau fehlt. Das ist nämlich das 
Entscheidende. Passiert ein sogenannter „Versager“ einem Normal¬ 
menschen, so kommt er leicht darüber hinweg, während er beim Neu¬ 
rotiker zum Trauma wird. Nun weiß ich, daß es eigentlich keine 
Normalmenschen gibt. Aber die Stärke der neurotischen Dispositionen 
gibt in solchen Fällen den Ausschlag. 

Ich sagte schon, die einfachsten Fälle sind die, wo eine vorüber¬ 
gehende Hemmungsvorstellung die Suggestion erzeugt: Du bist .impotent! 
Ein klares Beispiel bietet der folgende Fall: 

Fall Nr. 1. Herr, 32 Jahre alt, Reisender, seit vier Jahren verheiratet, wai' bis 
vor einigen Monaten vollkommen potent und hatte nie über Störungen und Launen der 
Potenz zu klagen. Auf einer längeren Reise fiel ihm die Abstinenz sehr schwer. Er 
beschloß in ein Lupanar zu gehen. Bis zu seiner Ehe hatte er anstandslos mit Dirnen 
verkehrt und nur mit Dirnen. Er war die ganze Zeit seiner Ehe der Frau treu ge¬ 
blieben und hatte auch auf den Reisen den Versuchungen Widerstand geleistet und war 
immer Sieger über seinen Trieb geblieben. Diesmal ging es über seine Kraft. Er trank 
einige Glä.ser Wein und ging in ein Boi'dell, wo er sich eine junge ihm sehr sympathische 
Dirne wählte. Allein es kam anders, als er sich es vorgestellt hatte. Er blieb gänzlich 
impotent und mußte unverrichteter Dinge abziehon. Am nächsten Abende wiederholte 
er den Versuch mit einer anderen Dirne. Wieder der gleiche Mißerfolg. Er wurde nun 


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Wilhelm Stekel. 


unruhig und sagte sich: „Am Ende bist du impotent geworden.‘‘ Er dachte über seine 
Vergangenheit nach und erinnerte sich, daß er einige Jahre onaniert hatte. Damals hatte 
ihm ein Arzt gesagt: „Wenn Sie die Onanie nicht aufgeben, so werden sie einmal 
impotent werden.“ Jetzt war die Prophezeiung eingetroffen. Er war also wirklich im¬ 
potent! Er suchte einen Arzt auf, der sein Leiden tatsächlich auf die Onanie zurück¬ 
führte und ihm ein Präparat gab, das bestimmt helfen w’erde. Es war Johimbin. Er 
nahm die Medikamente nach Vorschrift, aber wieder versagte er vollkommen. Der Arzt 
batte ihm eine Behandlung empfohlen. Da er aber in keiner Stadt länger als einige 
Tage bleiben konnte, hatte ja die Behandlung keinen Sinn. Er beschloß, sich in Wien 
behandeln zu lassen und konnte kaum das Ende der Heise erwarten, um sich bei seiner 
Frau zu überzeugen, ob er in der Tat impotent war. 

Er war so aufgeregt, daß seine Frau sagte: „Ich weiß nicht, was du hast. Du 
kommst mir ganz verändert vor!“ Diese Äußerung regte ihn noch mehr auf. Er legte 
sich zitternd in das Bett, um das Matrimonium conjugale zu vollziehen. Aber auch da 
posierte ihm das Mißgeschick. Er versagte vollkommen und stammelte vor seiner Frau 
einige ungeschickte Entschuldigungen. Seine Frau nahm die Sache nicht tragisch: „Ach — 
mach’ dir nichts daraus!“^) 

Aber trotzdem war er der Überzeugung, daß er jetzt für die Folgen der Onanie 
büßen mußte. Noch einige Versuche bei der Frau mißglückten und denn kam er zu mir. 
Nachdem er mir die Vorgeschichte erzählt hatte, stellte ich folgende Fragen: 

„Haben Sie sich etwas ^acht, als Sie in das Bordell gingen?“ 

„Gar nichts habe ich mir geda^t, ich bin einfach hingegangen, weil das Bedürfnis 
so stark war . . .“ 

„Haben Sie sich nicht innerlich Vorwürfe gemacht?“ 

„Nur einen Moment lang durchzuckte es mich: Eigentlich bist Du ein schlechter 
Kerl. Deine Frau sorgt sich so um dich zu Hause und du betrügt sie ohne weiteres.“ 
„Sehen Sie, diese Gedanken wirkten schon als mächtige moralische Hemmung. Viel¬ 
leicht haben Sie auch Angst vor Infektionen gehabt?“ 

„Ja ... Sie erinnern mich daran. Ich habe mir gedacht: was machst du, wenn 
du dir jetzt eine Krankheit holst? Ich habe nämlich einen Freund, dem eine unangenehme 
Geschichte passiert ist.“ 

„Möchten Sie mir diese Geschichte erzählen?“ 

„Sie gehört eigentlich nicht hierher.“ 

„Im Gegenteil! Sie gehört hierher. Bitte erzählen Sie sie nur.“ 

„Nun, mein Freund kam nach Hause einige Tage nachdem er im Bordell mit einem 
Mädchen verkehrt hatte. Er war leichtsinnig genug auch sofort mit seiner Frau zu ver¬ 
kehren. Er hatte keine Ahnung, daß er schon angesteckt war. Nun passierte das Furcht¬ 
bare, die Frau wurde krank und der Arzt entdeckte ihm, daß er auch krank sein müsse. 
Es war eine fürchterliche Sache.“ 

„Sehen Sie, an diesen Vorfall haben Sie gedacht, als Sie zu der Dime gingen. 
Immer haben diese Gedanken, die moralischen Vorwürfe und die Angst vor Infektionen 
in Ihrem Innern fortgearbeitet. Scheinbar nur dachten Sie nicht daran. Irgendwo lagen 
alle diese Hemmungen bereit und verdichteten sich zu einem Imperativ: ,Du darfst 
eigentlich nichts mit dieser Dirne machen !^ Und Ihr Gehirn war stärker als ihr Rücken¬ 
mark, als Ihr Trieb. Die moralischen Hemmungen haben Ihre Fähigkeit zur Erektion 
aufgehoben.“ 

„Das kann schon sein. Das sehe ich ein und will es gerne bestätigen, denn es 
fällt mir ein, daß ich mir das erstemal dachte: Eigentlich solltest du froh sein, daß du 
nichts machen konntest Wer weiß, ob du dir nicht eine Krankheit geholt hättest Aber 
warum konnte ich dann nicht mit meiner Frau verkehren?“ 

„Das kommt davon, daß sich durch die verschiedenen mißglückten Versuche in 
Ihrem Innern die Vorstellung festgesetzt hat: ,Du bist impotent!‘ Diese Vorstellung 
erzeugte in Ihnen Angst und Zweifel. Sie fragten sich immer: ,Wird es heute gehen 
oder nicht ?‘ Solche Vorstellungen sind sehr gefährlich bei einem so empfindlichen Reflex¬ 
akte, wie es der Koitus ist. Diese Akte sollen immer ohne Hilfe und ohne den Einfluß 
des Intellektes vor sich gehen. Nicht denken darf man dabei, nicht fürchten und nicht 
zweifeln. Man muß dazu getrieben werden und sich nicht künstlich dazu treiben.“ 

„Ich b^eife jetzt alles. Allein glauben Sie nicht, daß die Folgen der Onanie jetzt 
zum Vorschein gekommen sind?“ 


Ich erinnere mich an einen feinen Ausspruch meines unvergeßlichen Lehrera 
Albert: „Bei der psychischen Impotenz feiert die Diplomatie einer schönen Frau ihre 
stärksten IMumphe . . 


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Die psychische Impotenz des Mannes. 


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„Nein, ich glaube nicht an die Schädlichkeit der Onanie. Wie lange haben Sie 
onaniert ?“ 

„Vom 12. bis zum 16. Lebensjahre.“ 

„Wie häufig?“ 

„Einmal bis zweimal in der Woche.“ 

„Nein! Davon rührte Ihre Störung nicht her. Es wäre auch nicht einzusehen, 
warum Sie 16 Jahre, also vom 16. Lebensjahre ohne jede Störung den Koitus vollziehen 
konnten und erst gerade bei der Dime die Störung ausgebrochen wäre. Diese Störung 
ist nur durch die Macht Ihres Gewissens entstanden und wird verschwinden, wie sie 
gekommen ist.“ 

„Was soll ich machen, Herr Doktor ?“ 

„Gar nichts. Gehen Sie mhig Ihren Pflichten nach. Ich versichere Ihnen auf das 
Bestimmteste, daß Ihre Potenz zurückkebren wird. Aber geben Sie die Versuche auf, 
sich außerhalb Ihrer Ehe zu betätigen. Sie haben offenbar dazu ein zu empfindliches 
Gewissen . . .“ 

„Ich will es Ihnen gerne gestehen, Herr Doktor. Wir Reisenden sind ein leichtes 
Völklein. Man wird selten einen Reisenden finden, der seiner Frau treu bleibt. Ich bin 
es vier Jahre lang gewesen und wurde von meinen Kollegen deshalb gehörig gehänselt. 
Da dachte ich: Do machst es auch wie die anderen. Gegen meine innere Überzeugung.“ 

„Man soll nicht gegen eine innere Überzeugung handeln. Dieses vorübergebende 
Leiden war Ihre Strafe dafür. Eine Strafe, die. Sie sich selbst diktirt haben.“ 

SchoD am nächsten Tage kam der Patient freudestrahlend zu mir. 
Die Störung war behoben und der Erfolg war ein dauernder. 

Aus dieser Krankengeschichte können wir lernen, wie die „neben¬ 
bewußte“ Vorstellung „Du bist eigentlich ein schlechter Kerl“ und 
„Du kannst dir eine Syphilis holen“ als Hemmung wirkte; ferner daß 
das Versagen aber wieder den Gedanken hervorrief: Du bist impotent! 
Die Aussage des Arztes, der die Onanie beschuldigte, verstärkte diesen 
Gedanken, so daß die Vorstellung „Du bist impotent“ jedesmal als 
Hemmung das Zustandekommen der Erektion verhinderte. Sehr inter¬ 
essant ist die Rückführung der Impotenz auf die Onanie. Man wird 
immer wieder bei Impotenten diese Anklage und Selbstbeschuldigung 
finden. Die Onanie ist ja wie ich ansgeführt habe, das Schuldreservoir 
für alle möglicheu Beschuldigungen 

In einem Artikel „Über larvierte Onanie“ i) habe ich auf dieses 
wichtige Thema aufmerksam gemacht und die Harmlosigkeit der Onanie 
betont. Löwenfeld*) hat sehr erregt darauf erwidert und speziell 
meine Behauptung, die Onanie und die Potenz hätten nichts miteinander 
zu tun, bekämpft. 

Die von mir publizierten Fälle wären Ausnahmen. „Und was 
speziell die Potenz betrifft — sagt Löwenfeld — so sind die Fälle, 
in welchen diese durch Masturbation empfindlich geschädigt und selbst 
vollständig vernichtet vmrde, so zahlreich, daß ich mich wundern muß, 
wie jemand zu der Behauptung kommen kann, Masturbation hätte mit 
der Potenz nichts zu tun.“ Ferner: „Durch Masturbation kann nicht 
nur die vorhandene Erektionsfähigkeit aufgehoben, sondern auch die 
normale Entwicklung dieser Fähigkeit verhindert werden.“ 

Löwenfeld sieht eben nur die Onanie und nicht die Kraft, die 
hinter der Onanie steckt. Ich habe meine Behauptung ja nicht so 
leichtfertig auf die Beobachtung eines Falles hin aufgestellt. Eine 
emsige unermüdliche Beobachtung eines sehr großen Materials hat mich 
zu dieser meiner Überzeugung geführt. Wenn einer onaniert, weil er 


*) Sexualprobleme, 9. Jahrgang, 1913. 
Ibidem. 


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Wilhelm Stekel. 


ein Nekrophile ist, so kann nach der Onanie auch eine scheinbare voll¬ 
kommene Impotenz auftreten als Ausdruck der Hemmung gegen die 
nekrophilen Phantasien, welche den onanistischen Akt begleiten. 

Ich bin kein Freund von wissenschaftlichen Diskussionen. Über¬ 
zeugung steht gegen Überzeugung und die Gegner reden beharrlich 
aneinander vorbei. Wenn ich auf den lehrreichen Artikel von Löwen- 
feld „Über Onanie“ zurückkomme, so tue ich es nicht, um schon An¬ 
geführtes noch nachdrücklicher zu betonen und zu belegen. Das ent¬ 
spräche nicht meiner Art. Ich will nur ein einziges Thema ausführlicher 
beleuchten und hoffe dabei auch Neues sagen zu können. Ich kann nicht 
verlangen, daß ein erfahrener Neurologe wie Löwenfeld alle seine 
Überzeugungen aufgibt, wenn er einen .4rtikel von mir liest, der die 
Onanie als harmlos erklärt. Aber ich möchte darlegen, daß alles darauf 
ankommt, wie man die Dinge sieht und zu diesem Zwecke scheint mir 
das Thema „Onanie und Potenz“ ganz außerordentlich geeignet. Ich 
habe an verschiedenen Stellen ausgeführt, daß die Onanie auf die Potenz 
gar keinen Einfluß hat. Löwenfeld ist vom Gegenteil überzengt und 
sagt: „Der Autor glaubt mit Guttzeit, daß die Onanie mit der Potenz 
nichts zu tun habe, da ihm Männer bekannt sind, W'elche seit 50 Jahren 
masturbieren und noch sehr potent sind. Wenn derartiges vorkommt, 
so handelt es sich zweifellos um interessante Ansnahmefälle, welche 
zeigen, innerhalb welch weiter Grenzen die sexuelle Leistungsfähigkeit 
und Widerstandsfähigkeit variirt. Bezüglich der sanitären Wirkungen 
onanistischer Exzesse bei Durchschnittsindividuen beweisen derartige 
Vorkommnisse nichts0. Und was speziell die Potenz anbe¬ 
langt, so sind die Fälle, in welchen diese durch Mastur¬ 
bation erheblich geschädigt und selbst vollständig ver¬ 
nichtet wurde so zahlreich, daß ich mich wundern muß, 
wie jemand zu der Behauptung kommen kann, Masturbation 
habe mit derPotenz nichts zu tun.“ Und in einer Anmer¬ 
kung führt der Autor aus: „Durch Masturbation kann 
nicht nur die vorhandene Erektionsfähigkeit aufgehoben, 
sondern auch die normale Entwicklung dieser Fähigkeit 


Über den Zusammenhang von Onanie und Potenz fand ich im Werke von 
Fürbringer „Die Störungen der Geschlechtsfunktionen des Mannes^^ (2. Aufl. Wien 
1901. Alfred Hölder) folgende bezeichnende Stelle: „Daß selbst höhere Grade des Lastei's 
ganz spurlos an Onaui.sten verlaufen, ist Ausnahme, aber ganz unzweifelhaft be¬ 
obachtet. Wir erinnern an den von Curschmann zitierten jungen Schriftsteller, der, 
trotzdem er seit 11 Jahren aufs intensivste der Onanie gefröhnt, körperlich und geistig 
frisch geblieben ist und mit bedeutendem Erfolge literarisch tätig war. Ein Dozent in 
mittleren Jahren, der uns ganz Ähnliches gestanden, und dem selbst die Ehe nicht vor 
zahlreichen Rückfällen bewahrt, hat seine robuste Körperkonstitution ungeschwtäciit er¬ 
halten und bekundet im Unterrichte und wissenschaftlichen Forschen eine seltene I^istungs- 
kiaft. Ein ßOjähriger Kaufmann, der uns gestand, jahrelang fast täglich, nicht selten am 
Tage drei- und viermal onaniert zu haben — die höchste uns bekannte I.eistung — hatte 
davon zwar Andeutungen von Defäkationssperinatorrhöo und etwas Zerebralueurasthenie 
(benommene Kopf- und Gedankenschwäche) davongetragen, bekundete indes seiner ganzen 
Erscheinung nichts weniger als eine ruinierte Konstitution. Das Wunderbare war, daß 
seine Potenz erhalten g e b 1 i e b e n Nun mich wundert das gar nicht. Viel eher 
wie man alle Sdiiidlichkeiteii der Onanie gewaltsam konstruiert und alle Erkrankungen 
des Nervensystems auf die Otianie schiebt, die doch nur der Ausdruck einer tieferen 
seelischen Störung ist. . . . Ich freue mich, daß der große englische Kenner der Sexualität 
Havelock Ellis sieh von allen diesen Übertreibungen ferne gehalten und die Not¬ 
wendigkeit und wohltätige Wirkung der Onanie in Abslinenzzeiten erkannt hat. 


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Die psychische Impotenz des Mannes. 38 


verhindert werden, wie ein von mir in dieser Zeitschrift 
mitgeteilter Fall zeigt.“ 

Nnn werden wir eine Reihe der schwersten Impotenzen kennen lernen 
bei Menschen, die angeblich nie onaniert haben. Andererseits kennen 
wir zahllose Fälle von Onanisten, welche sich einer geradezu außer¬ 
ordentlichen Potenz erfreuen, obgleich sie täglich und manche mehrere 
Male onanieren. Ich möchte aus meiner Erfahrung nur auf folgende 
Fälle hinweisen. 

F'all Nr. 2. Es handelt sich um einen 41jährigen Advokaten (Aus¬ 
länder) der mir folgende Leidensgeschichte hbergab: 

,Jch leide an abnormaler Geschlechtsempfindung, welche durch Onanie befriedigt 
wii-d. Im 16. Lebensjahre onanierte ein Schulkollege vor mir. Das war mein erster 
starker sexueller Eindruck. Einige Wochen später erweckte in mir der Anblick eines 
Herrn, der einer Dame ehrerbietig die Hand küßte, ein noch nie empfundenes wollüstiges 
Gefühl. Abend im Bette reproduzierte ich in meiner Phantasie die gesehene Handki^< 
Szene, erinnerte mich an den onanistischen Akt meines Schulkollegen, und onanierte 
das erstemal. Seither onanierte ich täglich einmal, später auch öfter, sogar auch 
sechsmal des Tages. Die begleitende Phantasie war immer ein Handkuß, den ich 
oder ein anderer einer Dame gab. Wenn ich jemand die Hand einer Dame küssen sah, 
oder wenn ich selbst hierzu Gelegenheit hatte, oder wenn ich einer solchen Episode in 
einer I.iektüre oder auf einem Bilde begegnete, so empfand ich heftige Libido, welche 
sodann durch Onanie befriedigt wurde. Je mehr Devotion, Erniedrigung sich im Bümd- 
kusse äußerte, um so größer w'ar die Libido. Da ich fast immer Gelegenheit hatte Hand¬ 
küsse zu sehen, oder selbst auszuüben, so hatte meine Geschlechtsempfindung immer 
neue Nahrung, was immer wieder zu neuen onanistischen Akten führte. Als mir in 
meinen Universitätsjahren zur Kenntnis gelangte, daß meine Geschlechtsempfindung eine 
abnormale, und deren Befriedigung eine schädliche sei, da war in mir der perverse Trieb 
schon derart eingewurzelt, daß ich das I^aster nicht mehr bekämpfen konnte. Trotz der 
besten Vorsätze verfiel ich beim geringsten Keize der Onanie. Dies hinderte mich auch 
zeitweilig an der Beendigung meiner Studien, denn wenn ich mich zu einer Prüfung 
vorbereitete, so hatte mich die hierzu notwendige Einsamkeit immer zu häufiger Onanie 
veranlaßt. Zweimal vei’suchte ich einen Koitus, derselbe gelang jedoch nicht Die Puella 
reizte mich zwar. Nachdem aber die Erektion langsam vor sich ging, fing die Puella an 
ungeduldig und spöttisch zu werden, was sodann die Stimmung ganz verdarb. Ein schönes 
Frauenzimmer übt auf mich an und für sich einen Reiz aus, und ich habe oft das Gefühl, 
daß ich meinen Geschlechtstrieb in normaler Art und Weise befriedigen könnte. 

ln meiner Familie kam meines Wissens keine geistige oder geschlechtliche Ab¬ 
normität vor. 

Als körperliche Folgeerscheinungen kann ich nur etwas Mattig¬ 
keit und öfteres Reißen in den Gliedern, besonders in den Füßen an¬ 
führen. Geistig bin ich ganz normal, bekunde sogar einen Scharfsinn, 
und entfalte als Leiter einer großen Advokaturkanzlei rege geistige 
Tätigkeit. 

So der Bericht des Onanisten. Er gesteht mir, daß er in den letzten zehn 
Jahren niemals weniger als dreimal täglich onaniert hat. 

Und wie sieht der Mann aus? Wir sehen einen blühenden, gut genährten Menschen 
vor uns, der kein graues Haar zeigt. Die Muskelkraft normal, die Reflexe leicht ge¬ 
steigert, sonst keinerlei pathologischen Befund. 

Also ein sogenannter „Onanismus^^ durch 25 Jahre und keinerlei Zeichen einer 
Neurasthenie, wie sie Freud in dem oben erwähnten Aufsatz als charakteristisch für 
die Onanie ausspricht. Keinen Kopfdruck, keine leichte Ermüdbarkeit, höchstens etwas 
Mattigkeit, keine Dyspepsie, keine Stuhlverstopfung und keine Spiualirritation. 

Die Symptome „Mattigkeit und Reißen in den Gliedern^^ machen doch keine „Krank- 
heiP‘ aus! Das Reißen ist ausgesprochen rheumatischer Natur. Auf die Psychologie 
dieses Falles will ich nicht eingehen. Hier stammt die Libido aus einem Gefühl der 
Unterwerfung unter das Weib, mit dem er möglicherweise seine Schwäche geschickt 
maskiert. Denn die Episode bei der Meretrix beweist, daß er auf eine Demütigung ein¬ 
gestellt, sie aber nicht vertragen kann. Aber allen Sexologen sei dieser Fall zur Beach- 
Zeitschr. f. SezualwiBtensehaft UL 1. 3 


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34 


Wilhelm Stekel. 


tang empfohlen, wenn sie von den Schäden der Onanie sprechen. loh verweise auf 
einen andern Fall, den ich an anderer Stelle erwähnt habe. Ein hoher Vierziger, der 
täglich onanierte und außerdem noch täglich einen Kongressus mit seiner Frau ausführte, 
dsLüei über eine ausgezeichnete Potenz verfügte, wofür ich das Zeugnis 
seiner Frau anführen kann, die er während eines Kongressus mehr¬ 
mals zum Orgasmus brachte. 

Aach unser Advokat heiratete und zeigte in der Ehe eine ganz 
außerordentliche Potenz. 

Daß die Impotenz nach Onanie nur fälschlich auf die Onanie ge¬ 
schoben wird, das beweisen die nächsten Fälle aus meiner Sammlung: 

Fall Nr. 3. Herr Leutenant G. W. ist seit zwei Jahren vollkommen impotent Er 
stammt von vollkommen gesunden Eltern und hat zwei Brüder, die auch vollkommen 
gesund sind. Er erzählt: Ich führe meine Impotenz auf unmäßige Onanie zurück. 
Ich begann mit 10 Jahren zu onanieren und onanierte täglich einmd oder sogar zwei- 
bis dreimal bis zum 21. Lebensjahre. Mit 17 Jahren begann ich mit Frauen zu verkehren. 
Meine Potenz war sehr gut. Ich konnte auch fünfmal in einer Stunde verkehren und 
war noch gar nicht ermüdet. Im 21. Lebensjahre kam mir ein Buch in die Hand 
„Platens natürliche Heilmethode^^ Dort lernte ich erst mit Schrecken, wie schädlich die 
Onanie ist. Ich wußte es bisher gar nicht hatte mit keinem Menschen über mein Laster 
gesprochen. Ich onanierte später nur, wenn ich kein Frauenzimmer zur Verfügung hatte. 
Denn die Onanie war mir nur ein Behelf und der normale Verkehr erregte mich viel 
mehr und bereitete mir größeren Genuß als die Onanie. Bis zum 25. Jahre fühlte ich 
nichts von den Schäden der Onanie. Damals aber passiei*te es mir plötzlich, daß ich bei 
meiner Geliebten versagte. Nun wußte ich, daß die schädlichen Folgen der Onanie, von 
denen Platen spricht, bei mir schon eingetreten sind und daß ich nun für meine Jugend¬ 
sünden zu büßen habe. Ich bin so niedergedrückt, daß mich das Leben gar nicht freut. 
Ich war jetzt schon viele Male in Gefechten und habe den Tod gesucht, leider aber 
nicht gefunden.“ 

Die Analyse ergibt folgende Zusammenhänge. Er hatte vor 2 Jahren ein Verhältnis 
mit einer verheirateten Frau. An jenem kritischen Tage waren sie allein in der Wohnung. 
Die Frau sprach viel von ihren Gewissensbissen und daß sie ihrem guten Manne nicht 
in die Augen schauen könne. Diese Reden erregten sein Gewissen, ohne daß er es 
merkte. Er war an diesem Tage impotent, umsomehr weil auch ein Kamerad ihm erzählt 
hatte, daß vor einigen Monaten ein Ehemann einen Offizier verprügelt und ihm den 
Degen zerbrochen hätte, so daß der Offizier den Abschied nehmen mußte. Diese Hem¬ 
mungen waren stark genug, die Erektion zu hindern. Das weitere besorgte das Schuld¬ 
bewußtsein, das die Onanie als Schuldrepräsentanten benützte .... Eine entsprechende 
Aufklämng genügte, um den Mann wieder vollkommen potent zu machen. Er gewann 
sein Vertrauen wieder und konnte schon das nächste Mal bei einer Meretrix ohne Störung 
den Koitus vollziehen ... Er hatte als üi*sache seiner Impotenz die Onanie beschuldigt, 
während sein Gewissen ihm den Stieich gespielt hatte .... Das Verhältnis aber gab er 
definitiv auf. 

Wie leicht kann ein solcher Fall bei mangelndem psychologischen 
Verständnis als Folge exzessiver Onanie anfgefaßt werden! 

Wir sehen bei der psychischen Impotenz immer das gleiche Bild: 

Infolge einer zufälligen Hemmung wird die Erektion 
verhindert. Die Wirkung der Hemmungsvorstellnng wird 
nicht erkannt nnd der temporär okkasionell Impotente 
hält sich für dauernd impotent. Infolge der Autosugges¬ 
tion nnd der Angst wird dann die Potenz dauernd ge¬ 
schädigt Die Ursache der Impotenz ist dann die Vorstellung: Du 
bist impotent! Vom Kranken aber wird als Ursache der 
Impotenz dann nachträglich die Onanie angesprocben, 
obwohl es nicht zn begreifen wäre, warum die Schädi¬ 
gung durch die Onanie erst nach zehn oder gar zwanzig 
Jahren zum Vorschein gekommen wäre. 


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Kryptorchismus und Infantilismus. 35 


Allerdings spielen die verschiedensten Momente hinein. Die Ana¬ 
lyse einer Impotenz entwirrt ein feines Gewebe von verschiedenen 
psychischen Kräften, deren Resultierende die Impotenz darstellt. 

Doch verbleiben wir noch bei dieser Kasuistik. Der nächste Fall 
handelt auch von den Schäden der Onanie. (Schlafi folgt.) 


Kryptorchismus und Infantilismus. 

Von Dr. Magnus Hirschfeld. 

Bis vor wenigen Jahren war man fast allgemein der Ansicht, dafi 
Bauchhoden und Leistenhoden verlagerte, im übrigen aber in Bau und 
Funktion normale Testikel seien. Tierzüchter und Tierärzte wiesen 
zuerst darauf hin, daß dies keineswegs der Fall ist, vielmehr nicht 
herabgestiegene Hoden sich sowohl makroskopisch wie mikroskopisch 
wesentlich von den skrotal gelagerten unterschieden. Sie sind kleiner, 
schlaffer, in der Schnittfläche glatter als diese, im Querschnitt bräun¬ 
lich verfilrbt, ihr Mesorchium ist breiter, der Nebenhode liegt der 
Hodenaußenfläche nicht so dicht auf. Vor allem zeigten Bouin und 
AnceP), welche kr 3 rptorche Hoden vom Schwein, Pferd, Hund und Schaf¬ 
bock unter dem Mikroskop untersuchten, daß die Samenkanälchen 
solcher Hoden keine Samenzellen, sondern nur Sertolische Zellen auf- 
weisen. Das Zwischengewebe zeigt sich beträchtlich vermehrt. Die 
doppelseitigen Kryptorchisten sind steril, besitzen aber die sekundären 
Geschlechtscharaktere und einen normalen, nicht selten sogar sehr regen 
Geschlechtstrieb. Die Bezeichnung „Klopfhengste“ bezieht sich auf 
kryptorche Pferde, die trotz vollkommener Unfruchtbarkeit geschlecht¬ 
lich sehr erregt sind. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse beim Men¬ 
schen: so traf Tandler in 20 Fällen von kryptorchen Hoden, die er 
untersuchen konnte, nicht ein einziges Mal Spermatogenese an. Da¬ 
gegen ist das Zwischengewebe meist mächtig entwickelt. Tandler 
und Gros8^) gelangen auf Grund eigener und fremder Beobach¬ 
tungen zu dem znsammenfassenden Schluß, „daß sich der kiyptorche 
Hoden als ein in seinem generativen Abschnitte mißgebildeter, in 
seinem innersekretorischen Anteile mehr oder weniger normaler er¬ 
weise“. Die Meinung Finottis®), daß Retention und Atrophie des 


*) Bouiu et Alice), Sur les variations dans le developpement du tractns genital 
eliez lea animaax cryptorchides et leur cause. Bibi. anat. 13, 1904. — Sur la structure 
du testicule ectopique. Compt. rend. de l’assoc. des anat. 12, 1903. — Recherches sur 
la signification pbys. et de path. gen., Nov. 1904. — Sur un cas d'liennaphrodisme 
glandulaire chez les roaniiniferes. Compt. rend. des seances de la soc. de bioL 24. Dez. 
1904. — Action de l’extrait de glande interstitielle du testicule sur le developpement du 
scjuelette et des org. genitaux. Compt. rend. Ac. Sc. Paris 1906. 22. Jaiiv. — I.a glande 
interstitielle du testicule chez le cheval. Arch. de zool. exp. et generale 1905. — La 
glande interstitielle du testicule et la defense de loiganisme I. Compt. rend. des seances 
de la soc. de biol. 1905. 25. Mars. — Sur un cas d’hermaphrodisme glandulaire chez 
les mammiferes. Compt. rend. Soc. Biol. 57, 58. 

*) Tandler und Gross, Die biologischen Grundlagen der sekundären Gescblechis- 
cbaraktere. Verlag Julius Springer 1913. 

*) Pinotti, Zur Pathologie u. Therapie der Leistenhoden. Archiv f. klin. Chirurgie. 


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36 


Magnns Hirsohfeld. 


Hodens der Ausdruck einer Entwicklnngsstdrong sind, ist sicherlich 
zutreffend. 

Offenbar haben wir im Kryptorchismus eine Haupt¬ 
form des genitalen Infantilismus zu erblicken. Dafhr 
sprechen vor allem die Beobachtungen, die man im Laufe der letzten 
Jahre Ober einen häufigen Parallelismns zwischen Kryptorchismus und 
psychosexuellem Infantilismus gemacht hat. Als erster hat Stroh¬ 
mayer auf diese kongruente Hemmungsbildung hingewiesen; neuerdings 
ist zu dieser Fr^e eine sehr wertvolle Arbeit von dem Oberarzt 
der Kgl. Landeserziehunganstalt zu Chemnitz, Dr. Kellner'), unter dem 
Titel; „Hodenretention und Schwachsinn“ erschienen. Er fand bei 
nicht weniger als 29,6 7o geistig zurttckgebliebenen Knahen Stö¬ 

rungen des Deszensus. 

Im einzelnen fanden sich unter 658 Knaben der Landeserziehnngs- 
anstalt, welche seit deren Eröffiiung bis jetzt im Alter von 6—17 Jahren 


zur Aufaahme gelangten: 

Kryptorchismus.54 mal 

Monorchismus.44 mal 

Leistenhoden beiderseits . . 30 mal 
Leistenhoden einseitig . . . 16 mal 
Unvollständiger Deszensus . 22 mal 


166 mal 

ln der Schrift, die ich 1913 mit Dr. E. Burchard Ober den „sexuel¬ 
len Infantilismus“ *) erscheinen liefi, habe ich eingehend den Fall eines 
VolksschnUehrers beschrieben, der zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt 
war, weil er kleinen Mädchen an den Genitalien „gespielt“ hatte. Wir 
hatten ihn wegen eines von seinen Angehörigen beabsichtigten Wieder- 
aufhahmeverfakrens zu begutachten. Es bestand doppelseitiger Krypt¬ 
orchismus. Die mikroskopische Samenuntersuchung ergab vollkommene 
Azoospermie. Der Herr Kollege, welcher über den Angeklagten in der 
ersten Hauptverhandlung ein Gutachten abgab, hatte den Kryptorchis¬ 
mus nicht bemerkt oder nicht für bemerkenswert gehalten. Eine Samen- 
nntersuchung hatte er überhaupt nicht vorgenommen. Es ist anzn- 
nehmen, daß, wenn beides geschehen wäre, der Mann nicht Zuchthaus 
bekommen hätte. Seit diesem Fall habe ich es mir noch mehr als 
vorher zur R^el gemacht, in jedem Fall von Sittlichkeitsverbrechen 
an Kindern nicht nur genau auf psychosexueilen, sondern auch auf 
genitalen Infantilismns zu untersuchen. Dabei findet man in einem 
verhältnismäßig hohen Prozentsatz Anomalien, und zwar entweder Stö¬ 
rungen des Deszensus oder Hypoplasie der Genitalien, gelegentlich auch 
Hypospadie, Azoospermie, Oligospermie. Ich kann mich des Eindrucks 
nicht erwehren, als ob auch bei den Verbrechen aus § 176,3 Störungen 
der inneren Se^etion eine größere EoUe spielen, als wir bisher wußten. 
Allerdings ist der psychosexueile Infantilismus keineswegs immer mit 
genitalem Infantilismns vergesellschaftet, wie man überhaupt vier For- 


*) Kellner, Hodenretention und Schwachsinn. Zeitschr. f. d. Erforschung u. Be¬ 
handlung d. jugendlichen Schwachsinns. Bd. VI. Verl. 6. Fischer, Jena. 1012. 

*) Magnus Hirschfeld u. Ernst Burchard, Der .sexuelle Infantilismus. Juristisch- 
psychiatrische Grenzfragen. Bd. IX, Heft ö. Verlag Carl Marhold, Halle. 1913. 


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Nacktkultur und Vita aexualis. 


37 


men des Infantilismus ziemlich gnt voneinander abgrenzen kann, deren 
einzelne Erscheinungen teils isoliert, teils miteinander ver¬ 
bunden, und zwar verschieden miteinander kombiniert, 
Vorkommen. Diese vier Formen sind: 

1. Der genitale Infantilismus. 

2. Der somatische Infantilismus. 

3. Der psychische Infantilismus. 

4. Der psychosexuelle Infantilismus. 


Nacktkultur und Vita sexualis. 

Von Waldemar Zude 

in Biadki. 

M Jedes Wort ist ein Vorurteil“, sagt Nietzsche. Die Philister, die 
bekanntlich kurzerhand alles Neue verrückt schimpfen und sich jedem 
Fortschritt spottend widersetzen, kriegen eine Gänsehaut, wenn sie das 
Wort Nacktkultur nur hören. „Sie flehen auf den Knien, sie bitten 
und beten: laß zugedeckt, laß zugedeckt! Ja, sie haben eine grauen¬ 
volle Angst vor dem Nackten, und wenn sie es könnten, sie würden 
heute noch den, der es wagt, den nackten Menschen darzustellen, stei¬ 
nigen, kreuzigen oder auf den Holzstoß bringen, so wie sie früher Hexen 
verbrannt haben“ schreibt Pudor in seiner „Nackt-Eultur“ (Bd. 3, 

S. 6). Phlegmatisch und gedankenlos bringen sie ihr Leben hin, von 
dem für jeden Tag gilt: Diem perdidi! Ihnen ist nie die Erkenntnis 
des weisen Solon zum Bewußtsein gekommen: „Ich altere, doch lerne 
ich immerfort dazu!“ Nur ihren Schlendrian nicht stören. Quieta non 
movere! Denn „das Wort ,Nackt‘ ist ein häßliches Wort“ sagt Pudor 
(Bd. 3, S. 9), und diese Empfindung mögen bei der Lektüre der Über¬ 
schrift auch wohl manche meiner Leser gehabt haben, trotzdem die 
meisten derselben den nackten Menschen mit den Augen des Arztes an¬ 
zusehen gewohnt sind. Dulce est insipere in loco! Ein Vorurteil 
schlimmster Art liegt in dieser peinlichen Empfindung, darum ist 
Whitmans pathetische Versicherung sehr beherzigenswert: „Ich 
schwöre, daß ich mich meines Leibes nicht weniger schäme als meiner 
Seele.“ Unter „Nacktkultur“ verstehe ich hier nicht nur das Nackt¬ 
gehen im allgemeinen, sondern auch die nicht nur von der Physiatrie, 
sondern jetzt auch von der Allo- und Homöopathie zur Heilung von 
Skrofulosis, Tuberkulose (Phthisis), Chlorose, Anämie (Oligämie), Bha- 
chitis, Rheuma (Myalgie), Gicht, chronische Unterleibsentzündungen 
usw. erfolgreich angewandte Heliotherapie. Die Nacktkultur ist darum 
ein hygienischer Faktor ersten Ranges, und doch begegnet man ihr in 
vielen Kreisen mit Nasenrümpfen. Warum? „Ausgezogen“ und „nackt“ 
— das klingt, als ob etwas fehlt, ja — das „züchtige“ Feigenblatt, die 
Badehose. Nicht aus heiliger Scheu verhüllt man die Genitalien, son¬ 
dern weil man sich — schämt; denn unlogischerweise sehen die meisten 
Menschen in den Fortpflanzungsorganen etwas unästhetisches, tierisches. 
Es kommt ihnen gar nicht zum Bewußtsein, daß sie durch ihre prüde 
Kritik dem göttlichen Schöpfer, der doch die Organe verschiedenen 


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Waldemar Zade. 


38 


Geschlechts „erschaffen“ hat, eigentlich ein „Sittlichkeitsverbrechen“ yor- 
werfen, ihn einer Schweinerei beschnldigen. Sogar ihre Heiligen, selbst 
Christas stellen sie mit einem Schurz dar, damit es ihnen beim Beten 
vor dem Erlöser nicht etwa gehe wie dem heiligen Aloysius von Gon¬ 
zaga, der in Gegenwart seiner leiblichen Mutter die Augen niederschlug, 
aus Furcht, ihr Anblick könnte bei ihm unsittliche Begierden erwecken. 
Auch bei der christlichen Askese, die ebenfalls die Nacktheit verwirft *), 
tritt die sexuelle Seite scharf hervor und führte bei überspannten Gläu¬ 
bigen dazu, im Geschlechtstrieb die Ursache allen Übels zu sehen. Die 
christlichen Asketen flohen den Gescblechtsgenufi. Ihre Phantasie gau¬ 
kelte ihnen darauf im Schlafe wie im Wachen Bilder wüster Sinnlich¬ 
keit vor. Der „Wollustteufel“ kam über sie in der Gestalt einzelner 
oder vieler nackter Weiber in den obszönsten Stellungen (vgl. den 
Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert ,4)ie Versuchung des heiligen An¬ 
tonius“; das nackte Weib zeigt herausfordernd wie die kapitolinische 
Venus mit der recbteu Hand auf die Genitalien, mit der linken auf die 
rechte Brust). Wie die Rasenden begannen sie nun gegen ihr Fleisch 
zu wüten. Mit Geißeln oder Domen peitschten oder zerfleischten sie 
sich oder verstümmelten ®) sich gar. Aber die mißhandelte Natur bäumte 
sich desto wilder auf, und in vielen Fällen wurde schließlich das Peitschen 
und Mißhandeln, womit die Geschlechtslust unterdrückt werden sollte, 
zu einer widernatürlichen Form der Befriedigfung (Algolagnie) derselben 
und nach Steingießer („Das Geschlechtsleben der Heiligen“) über¬ 
trugen viele Heilige (z. B. Therese von Pastrana, Katharina von Genua, 
Rosa von Lima, Katharina von Siena u. a.) ihre sinnliche Leidenschaft 
auf Jesus. Selbst einem Tolstoi erschien alle natürliche Sinnlichkeit 
als Sünde, indem er behauptet: „Laßt das Schwärmen, alle Liebe ist 
unrein! Es ist immer das Tier, das genießt — der sittliche Mensch 
kann vor seiner Geschlechtlichkeit nur Abscheu empfinden: wer diesen 
Abscheu nicht fühlt, ist krank, ist verdorben.“ — Plaudite amici! Dar¬ 
um hält B öl sehe solcher Prüderie den schönen Vergleich vor Augen: 
„Die glutrote Rose und das silberne Maiglöckchen, die keusche Lilie 
und der brennende Mohn, sie alle sind große, aufdringliche Geschlechts¬ 
teile.“ Und doch wird es niemandem einfallen, diese herrlichen Kinder 
Floras aus lauter Sittlichkeitsheuchelei und prüder Scharoentrüstung 
verächtlich fortzuwerfen, sondern mit Begierde zieht jeder den süßen, 
berauschenden Duft des Blumen-Liebesorganes ein. „Das Geheimnis der 
Welt ist Liebe, Religion ist Liebe, Leben ist Liebe“ sagt Gutzkow 
und zusammenfassend könnten wir mit Schiller hinzufügen „Durch 
Hunger und durch Liebe“ erhält sich das Weltgetriebe! So ist es 
heute und so ist es gewesen vor undenklichen Zeiten, anders hätte 
wohl der reformatorische Königssohn Buddha nicht schon im 6. Jahr¬ 
hundert V. u. Z. gesprochen: „Der Geschlechtstrieb ist schärfer als der 
Haken, womit man wilde Elefanten zähmt, er ist heißer als Flammen, 
er ist wie ein Pfeil, der in den Geist des Menschen getrieben wird.“ 
Und das ist der springende Punkt, das Hauptargument der Nacktkultur- 


*) Nach Leute ist es auch den katholischen Eheleuten verboten, sich nackt zu 
betrachten. 

*) Origines, Valerius, Augustin, Abälard, Kondrati Sseliwanow u. a. kastrierten sich, 
die von letzterem im 18. .Jahrhundert gegründete Sekte, die Skopzen, berauben sich sogar 
sämtlicher äußerer Genitalien. 


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Nacktkaltar und Vita sexualis. 


39 


gegner. Und darnm sagt Keidel in „Nacktes und Allznnacktes“ (S. 23): 
„Ist es einem Manne möglich, völlig nackt vor eine nackte Weiber¬ 
gesellschaft zu treten und da zu agieren, ohne daß er Anstoß erregt 
und so sein eigenes Schamgefühl nnd das der anderen Anwesenden aitfs 
gröbste verletzt?“ Er verneint diese Frage auf das entschiedenste. 
Er führt zur Bestätigung seiner Behauptung an, daß „schon die kultur- 
rückständigsten Eskimos wissen, daß es einen Punkt im Nacktleben 
gibt, dessen öffentlicher Anblick jedem — auch dem rohesten — Ge¬ 
fühle widerspricht. Die Eskimos leben in ihren Hütten in einer Tem¬ 
peratur von 20—25®R Wärme, und da werfen Männer wie Weiber all 
und jede Kleidung ab. Aber die Männer binden — ans Vorbeugung — 
ihr Zeichen erster Klasse (zarte Umschreibung für Penis) fest (d. h. 
genau; sie schnüren sich das Präputium mit einem Faden zusammen), 
so daß es keiner Veränderung fähig ist.“ Doch glaube ich kaum, daß 
diese freiwillige Infibulation, diese gewaltsame Knebelung den muscnlus 
erector penis und die corpora cavernosa penis hindern kann, eine 
durch Detnmeszenz und Kontrektation veranlaßte Erektion zu er¬ 
zeugen. Ich schließe mich daher lieber Bölsches Anschauung 
in seinem „Liebesieben der Natur“ (Bd. 3, S. 461) au, indem er sagt: 
„Sinnreicher zugleich und einfacher kann das Symbol nicht gut ge¬ 
geben werden. ,Da8 jetzt nicht!' predigt es in der schlichtesten und 
doch verständlichsten Form.“ Es ist aber nur ein Symbol für die 
„natürliche, soziale“ Nacktheit, die die „erotische“ Nacktheit aus¬ 
schließt Ebenso schnüren die brasilianischen Trumais die Vorhaut 
durch einen roten Banmwollfaden zusammen. Die nackten Baka'iri-In- 
dianer Zentral-Brasiliens klemmen ihren Penis aufrecht mit dem ver¬ 
längerten Präputium in der Hüftschnur ein, die Betschuanen Südafrikas 
tragen (nach der Zirkumzision) den Penis in einem Perlen bestickten, 
ledernen Futteral, ebenso die brasilianischen Bororo-lndianer in einer 
trichterförmigen, geschmückten Palmstrohschlinge, bei der die scharf 
abgeschnürte Vorhaut unten aus dem Schleifenloch schaut. Dieser sym¬ 
bolische Verschluß „hindert wohl auch rein mechanisch das stärkere 
Zurscbautreten vorübergehender erotischer Erregungen zur falschen 
Zeit“ und erinnert an die farbige Schamkapsel der männlichen Bein¬ 
kleider in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Doch werfen wir schnell 
einen Blick auf die Bewohner von Samoa, der Schifferinseln und der 
Philippineninsel Samar, bei ihnen ist es der Nabel, der vielfach das 
erotische Symbol trägt, während die Genitalien unbeachtet bleiben 
(vgl. Jagors Mitteilung an Peschei [„Völkerkunde“, S. 117]). „Sollte 
einmal“, schreibt Guttzeit („Schamgefühl, Sittlichkeit nnd Anstand“, 
8. 62), „nach einem internationalen Frauenkongreß ein gemeinsames Bad 
von Vertreterinnen verschiedener Rassen stattfinden, so würden die 
Damen in solch einem Augenblick das etwa in der Hand gehaltene Tuch 
nach ebenso verschiedenen Seiten hinziehen; die Europäerin nach vom, 
die Negerin nach hinten, die Türkin vor das Vorderhaupt, die Araberin 
vor das Hinterhaupt (die Nagafrau von Assam vor die Brust), die Philip¬ 
pinerin vor den Nabel, und die Chinesin würde sich scUennigst die 
Füße darin einwickeln.“ 

Etwa 16,6 ®/o von den ungefähr 1600 Millionen Menschen der Erde 
gehen völlig nackt, 50®/o halbnackt oder nur oberflächlich bekleidet 
(Schmuck) und 33,3 % vollständig angezogen; denn allmählich begann der 


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Waldemar Zade. 


Begriff der „erotischen" Nacktheit sich auf den ganzen Körper zu er¬ 
strecken, und das Feigenblatt wuchs über den ganzen Menschenleib, 
weil doch auch er, und nicht nur die Genitalien, zum Liebesakt gehören. 
Als natürliche Folge ergab sich daraus, da£ „nackt" und „erotisch" 
schließlich absolut identifiziert wurden und der nackte Mensch aus dem 
profanen Leben gänzlich ansschied, weil er der erotische und als solcher 
der aus „Schamgründen“ zu verhüllende war. 

Bisweilen wird auch behauptet, daß die männliche Nacktheit für 
das Frauengeschlecht bei weitem den erotischen Charakter nicht hat, 
wie umgekehrt. Und E11 i s versichert (S. 41) sogar, daß nur wenige 
Frauen die männliche Nacktheit gern sähen, an der männlichen Gestüt 
nichts schönes fänden. Doch mag das nur dort zutreffen, wo der männ¬ 
liche Körper durch die ständige Kleidung eine blasse Leichenfarbe 
(statt der Bronzetönung) angenommen hat, durch den von der Kleidung 
anfgehaltenen Schweiß zur starken Brustbehaarnng und durch mangel¬ 
haften Sport zur schwachen Konstitution neigt, auch bieten bei manchen 
Männern (durch mancherlei Ursachen veranlaßt) die Genitalien in der 
Tat keinen ästhetischen Anblick dar. „Ich meine keineswegs“, schreibt 
Weininger („Geschlecht und Charaker“, S. 341), „daß die Frau den 
Geschlechtsteil des Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie 
empfindet ihn vielmehr ähnlich, wie der Mensch das Mednsenhanpt, der 
Vogel die Schlange; er übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, fas¬ 
zinierende Wirkung aus.“ Doch gibt es Frauen, die (wie sie mir selbst 
erzählten) die männlichen Genitalien schön finden und Goethe („Faust I“) 
geht wohl nicht ganz fehl, wenn er dem Mephisto in seiner Ansprache 
an die Weiber die Worte in den Mund legt: 

„Für euch sind zwei Dinge 

Von köstlichem Glanz, 

Das leuchtende Gold 

Und ein glänzender — 

Zumeist aber verbergen die Frauen heuchlerisch ihre Neugierde und 
Bewunderung; denn oft habe ich gesehen, daß Mädchen und Frauen 
gerade solche Plätze aufsuchen, wo sie badenden Männern Zusehen 
können, ebenso erregten auf dem Bromberger Sportplatz zwei nackte, 
braungebrannte Diskuswerfer die Bewunderung einiger vorübergehender 
Damen. Ein Herr aus dem österreichischen Küstenlande schrieb mir 
unter anderem einst: „Sie sagen auch. Sie geben dem Mädchen, welches 
u. a. sagte: ,Wie kann ein Mann, wenn er ein schönes, nacktes Weib 
siebt, nicht Verlangen tragen, selbiges zu besitzen — nnd umgekehrt^ 
nicht ganz recht, da man dann ja annehmen muß, daß man bei jedem 
gemeinsamen Nacktsein dann auch daheim ständig sexuell gereizt 
werden würde, was dem Nervensystem wahrlich nicht dienlich wäre! Da 
haben wir aber ebenfalls einen springenden Punkt. Und hier stimme 
ich mit Keidels Schrift überein. Ich sage nämlich auch, daß eben 
gemeinsame Nacktbäder dem Nervensystem durch die geschlechtliche 
Beizung nicht dienlich sind — so lange nämlich auch keine Befriedigung 
erfolgen kann, wobei ich jedoch vor allem geschlechtlich enthaltsame 
Personen meine.... Wenn ich zuvor meine Begierden anderweitig be¬ 
friedige, dann kann ich die schönsten Mädchen nackt vor mir sehen. 
Da wird dann eben kein Verlangen eintreten, weil ein Unvermögen 
eintritt, oder wenigstens Befriedigung bereits eingetreten war!" Dieses 


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41 


Nacktkultur und Vita sexualis. 


Bekenntnis ist typisch für alle Männer europäischer Zivilisation, wie 
nach Mitford auch ein Japaner treffend sagte: „Ach, die westlichen 
Leute haben solche geile Gedanken.“ 

Die Unföhigkeit des entarteten Menschen, die Nacktheit beim an¬ 
deren, ja oft schon beim eigenen Geschlecht^) in Ruhe zu betrachten, 
erklärt Ungewitter („Die Nacktheit“, S. Ö3) so: er fühlt sich in 
seinen lüsternen Gedanken ertappt und kann diese im Augenblicke nicht 
meistern. Der Anblick der Nacktheit löst ihm sinnliche Regungen aus, 
hält ihm einen Spiegel seiner eigenen, mit der Nacktheit eng ver¬ 
knüpften, übertrieben gesteigerten Sinneslnst vor die Augen. Daher 
die Erregung vor nackten Gestalten oder auch schon vor entblößten 
Teilen am Körper des anderen Geschlechts ^). Daher auch das schnelle 
Urteil über die Nacktheit in der Kunst. Ich erinnere nur an Feuer¬ 
bachs „Versuchung des heiligen Antonius“, weswegen man ihm Scham¬ 
losigkeit und Unanständigkeit vorwarf, obwohl die sich von dem düster 
glühenden Abendhimmel in der Dämmerstimmung abhebenden nackte 
Versucherin durch eine schmale Binde gegen die immer auf einen Punkt 
gerichtete Wohlanständigkeit geschützt war. Das würde bei der Ge¬ 
wöhnung an den nackten Körper anders sein. Darum sagt Crawford- 
Angus mit recht, daß „je nackter ein Volk geht, je schamloser und 
obszöner für unseren Geschmack ihre Sitten und Gebräuche sind, desto 
moralischer und strenger sind sie in sexueller Beziehung.“ Auch Ar- 
ringer schreibt: „Ein Mädchen, das sich in natürlicher Unbefangen¬ 
heit nackt zeigt, ist weit moralischer als jene Damen, die sich in dekol¬ 
letierten Toiletten zeigen. Das ganz Nackte wirkt nicht verführerisch 
oder reizend, höchstens auf einen Wüstling, den alles reizt, wohl aber 
ist das raffiniert Halbverhüllte das Verlockende!“ Ähnlich äußert sich 
Rosegger: „Unter dem Feigenblatt gedeiht die Keuschheit nicht, nur 
die Prüderie und Lüsternheit. Die Prüderie verdeckt, und die Ver¬ 
deckung macht lüstern. — Legt der mediceischen Venus ein Hemd an: 
Das schöne Weib ist fort und das interessante Frauenzimmer ist da.“ 
Das ist aber auch ganz natürlich; denn das Verhüllte lockt und reizt 
die Libido sexualis mehr als das Nackte, wie schon ein Upoto-Hänptling 
(Kongo) zu Ward richtig sagte: „Das Verbergen gibt nur der Neugier 
Nahrung.“ Dasselbe erkannte auch Goethe, wenn er im „Faust“ sagt: 

„Das Auge fordert seinen Zoll, 

Was bat man an den nackten Heiden? 

leb liebe mir was auszukleiden, 

Wenn man doch einmal lieben soll.“ 

Deshalb gehen (nach Barth) die jungen Mädchen bei vielen heidnischen 
Stämmen Zentralafrikas bekleidet, um begehrenswerter zu erscheinen, 
während die verheirateten Frauen sich völlig entblößen. -4uch Wester¬ 
mark sieht in der Kleidung das mächtigste sexuelle Reizmittel, das 
man sich verschaffen konnte und Stratz („Die Frauenkleidung“, 8.27) 


So äußerte z. ß ein „sittsamer“ Jüngling bei der ärztlichen Untersuchung einer 
militärischen Musterung: „Es ist doch eine Schweinerei!“ Die Landgemeindea des Alt- 
öttinger Bezirks weigerten sich ihre 12jährigen Mädchen splitternackt vom Schularzt 
untersuchen zu lassen. 

Darauf mag es auch wohl zurückzuführen sein, daß einige Lehrer immer wieder 
(trotz gegenteiliger Verfügung des Kultusministers) das Barfußgehen in den Schulen 
verbieten. 


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Waldemar Zude. 


liefert den Nachweis, daß Moses schon nm 1300 v. n. Z. dieses Reiz¬ 
mittel zum Zwecke der Vermehrung des Judenvolkes anwandte. 

Keidel schreibt auf 8. 24 seiner oben genannten Schrift, daß „es 
dem Manne physiologisch unmöglich ist, (nackt) ebenso einwandfrei wie 
das Weib aufzutreten.“ Somit beanstandet er also die völlige Nacktheit 
des Weibes, die bei den Naturvölkern fast allgemein ist, nicht, sondern 
nur die des Mannes wegen des leicht erigierenden Penis. Wer möchte 
aber behaupten wollen, daß der männliche Homo sapiens dermaßen aus 
dem Rahmen alles übrigen animalischen Lebens heraustrete, daß bei 
ihm das Feigenblatt eine absolute Notwendigkeit sei? Sicher hätte 
dann die allweise Schöpferin Natur, die alles in vollkommenster Schön¬ 
heit gestaltet, dem kleinen Knaben bei der Geburt eine „8cham“-Hülle 
mitgegeben! Doch glaube ich, daß die Verschiebung des natürlichen 
Verhältnisses der beiden Geschlechter durch unsere Eleiderkultur bedingt 
ist und mit der Beseitigung derselben auch die sexuelle Überreizung 
fällt. Den Beweis liefern uns die gänzlich nackten Naturvölker. So 
lesen wir in Buschan („Sitten der Völker“, S. 153) über die Austra¬ 
lier: „In manchen Gegenden aber gehen beide Geschlechter, zumal auf 
ihren Wanderungen, am liebsten splitternackt“ (besonders die Warm- 
munga Nordwestaustraliens). Als Ergänzung mag Pater Salvados 
Schilderung folgen, zu dem Australier im Sommer „oft sowohl Männer 
als Frauen völlig unbekleidet kamen und nicht einmal ahnten, daß sie 
damit etwas Unschickliches beginnen und Veranlassung zu Ärgernissen 
geben konnten.“ Ähnliches könnte man von den religionslosen Kubus 
Süd-Sumatras berichten, die (nach V o 1 z) in ihrer Lebensweise sich rein 
nichts von der der Gibbons unterscheiden. Nach Mantegazza tragen 
die Massai Ostafrikas den (nach Johns ton) bei ihnen besonders großen 
Penis förmlich zur Schau, halten das aber für höchst anständig. Ebenso 
die nur mit einem kleinen Kückenfell bekleideten Feuerländer. Doch 
trotz ihrer Nacktheit erröten sie, wenn man die Genitalien auffällig 
betrachtet, was sie selber vermeiden. Auch auf den Palauinseln (östlich 
der Philippinen) ist jede Bekleidung durchaus ungebräuchlich; dennoch 
fand man (nach Mantegazza) die Eingeborenen sehr schamhaft. Die 
Wadjagga schämen sich ihres Körpers nicht mehr als die Tiere. Die 
Denka am oberen Nil sind stolz auf ihre Nacktheit, desgleichen die Bali- 
Graslandneger und Bandas-Pezi. Nacktheit beider Geschlechter herrscht 
auch bei den Buschmännern, roten Sudannegem, Kavirondo, Trumain, 
Kaitisch, „wilden“ Wedda, Nikobaresen, Andamanesen, Neu-Kaledoniem, 
Neu-Lauenburgern, Admiralitätsinsulanem, Sakai, Dajak, Amnta, Samoa- 
nern, Australiern und (nach Kunstmann) bei den Guanchen von Gomera 
und Palma (Kanarien). Als gänzlich nackt werden von den ersten 
spanischen Entdeckern die Bewohner der Bahamainseln, der kleinen 
Antillen und eine Anzahl von Küstenstämmen des heutigen Venezuela 
und Guayana bezeichnet. Zu Eschweges und Martins Zeiten war 
die Zahl der nackten Brasilianer wie der Puris, Patachos, Coroados viel 
größer als gegenw'ärtig, wo (nach Burmeister) nur noch die Botokuden 
(Bakai'ri und Coroados) keine Bekleidung angelegt haben. Und doch 
zeigen diese „wilden“ Männer den Frauen gegenüber (animalisches, 
physiologisches) Schamgefühl, wenngleich auch kein sexuelles; denn an 
verschiedenen Stellen der Erde sind, wie schon oben gezeigt wurde, die 
Brennpunkte des Schamgefühls verschieden, z. B. das Antlitz, das Hinter- 


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Nacktkultur und Tita sexualis. 


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hanpt, der Basen, der Nabel, die Genitalien, das Gesäß nnd der Fuß. 
Ebenso gilt (nach Cook) bei den Tahitiem, (nach Cameron) bei den 
zentralafrikanischen Warrna nnd (nach Karl v. d. Steinen) bei den 
zentralbrasilianischen Bakairi das gemeinsame, öffentliche Essen als 
Obszönität, desgleichen das Trinken, z. B. bei den beiden letztgenannten 
Völkern nnd den malaiischen Orang-Laut. 

Daß Nacktheit aber auch bei halbnackten nnd sogar bekleideten 
Völkern zn Zeiten als natürlich, nicht sexuell reizend, gilt, zeigen uns 
z. B. die wegen des kühlen Klimas reichlich bekleideten Maori Neu¬ 
seelands, die nichts dabei finden, wenn ein Mädchen, nm zn schwimmen, 
vor Zuschauern ihre Kleider ablegt, nnd auch die Männer ziehen sich 
zur Arbeit oder znm Fechten ganz nackt ans. Von den Japanern 
schreibt Ellis („Geschlechtstrieb and Schamgefühl“, S. 33): „Mitten in 
der Stadt Koyto befindet sich ein Brunnen, dem ganz besondere Kräfte 
zngesprochen werden; hier stellen sich Männer wie Frauen gemeinsam 
hin, und lassen das Wasser über ihren nackten Körper rieseln.“ „Die 
Japanerin, die im täglichen Leben sehr oft nackt geht, fühlt sich ganz 
sicher, weil sie kein unangenehmes Aufsehen erregt, unter dem neu¬ 
gierigen und zudringlichen Blick des Europäers jedoch fühlt sie Unbe¬ 
hagen und wird verlegen“ (S. 107) nnd (S. 19) in Tahiti „war die Nackt¬ 
heit fast ein religiöser Knltns. Es gab hier einen Begräbnis- nnd einen 
Hochzeitstanz, die beide nackt getanzt worden.“ ln den kalten Gegenden 
Kanadas gehen (nach Champlain) die Ottawas im Sommer gänzlich 
nackt. Auf Hawaii, wo europäische Kleidung üblich ist, wird (nach 
V. Hellwald) auch bei den Vornehmen zu Hanse alles schnell abge¬ 
streift. Ebenso war es (nach Moryson) im 17. Jahrhundert in den 
entlegenen Teilen Irlands. Nach Arringer („Der weibliche Körper“, 
S. 175) laufen bisweilen auch Zigennermädchen völlig oder halbnackt 
umher, ohne vor den Augen anderer oder Fremder die mindeste Sehen 
an den Tag zn legen. In Marokko sind bei der jährlichen Kleider¬ 
wäsche am Neujahrs- und Hauptfest beide Geschlechter nackt, ohne 
daß Unzuträglickkeiten verkommen. Deutsch berichtet, daß auch 
gegenwärtig noch in serbischen Dörfern, in denen sich die Pest einge¬ 
nistet hat, nm Mitternacht an einem Sonntag im Neumond zwölf nackte 
Mädchen und nackte Barschen von unbescholtenem Bnf, sich ins Joch 
spannen ließen and das ganze Dorf amackerten. Dabei maß tiefes 
Schweigen herrschen, keines darf sein Mitgespann berühren nnd begehr¬ 
liche Blicke werden als dem Werk sehr schädlich betrachtet. Wenn 
in einem Viehstall die Seuche ansbricht, so machen nackte Franen nnd 
Männer mit Pfannen und Kesseln einen Höllenspektakel und singen dazu 
fortwährend die Worte: „Flieh, Krankheit, denn die Nacktheit erreichst du 
nicht.“ Auch die alten Spartaner entblößten sich (nach Thnkydides) zu 
den athletischen Übungen gänzlich. Die Mädchen von Chios rangen (nach 
Athenäns) nm 200 v. n. Z. nackt mit den Jünglingen in den Gym¬ 
nasien. Lykurg forderte den Nackttanz gemeinsam für Jünglinge und 
Jungfrauen, damit sich eins an das andere Geschlecht gewöhne. In¬ 
mitten der Männer betrieben (nach Theopompns) die Etruskerinnen 
häufig gymnastische Übungen in völlig nacktem Zustande miteinander. 
Doch für die überreizten Römer war Nacktheit nnr ungebundene Zügel¬ 
losigkeit, und ihre Schanspieler, die zn Zeiten nackt anftreten mußten, 
waren verachtet, doch sahen die römischen Franen oft zu, wenn nach 


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Waldemar Zude. 


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der Yorstellang die nackten Ringkämpfer des großen Zirkus sich badeten 
und tasteten gern über die harten Muskeln ihrer Glieder. In den labj- 
rinthischen Steinsetznngen an der Küste Skandinaviens und auf den 
Inseln der Ostsee, den sogenannten „Trojaburgen“, die kultische Be¬ 
deutung hatten, wurden an Sonnenfesten heilige Tänze nackter Jüng¬ 
linge und Jungfrauen ansgeführt, und selbst die historischen Germanen 
pflegten (nach Tacitus) das Nackttanzen zwischen Schwertern und 
Spießen. Ich erinnere auch an die Ungeniertheit der Badesitten im 
Mittelalter und darüber hinaus (s. Fuchs, Schultz, Quanter, Ro¬ 
sen ow u. a.), an den Empfang Ludwigs ^ in Paris (1461), Karls des 
Kühnen in Lille (1468) und Karls V. in Antwerpen (1520, Hamburg) 
durch splitternackte schöne Frauen und vornehme nackte Patrizier¬ 
töchter, die Sitte der Frauen des 16. Jahrhunderts, die Anwesenheit 
ihrer Verehrer bei der Toilette und beim Bade zu dulden oder sich 
nackt his zum Gürtel porträtieren zu lassen (z. B. die schöne Italienerin 
Julie Farnese als halbnackte Madonna, die Engländerin NeUy Gwyn 
als nackter Amor, die halbnackte „Diana von Poitier", die „Gabriele 
d’Estr^e im Bade"). Im Anfang des 17. Jahrhunderts trugen in der 
Lombardei viele Frauen und Kinder bei heißem Wetter nur kurze 
Hemdchen, und in Venedig und Padua gingen Mädchen, Ehefrauen und 
Witwen, wie die koreanischen Frauen (vgl. Abbildung 6 in Busch an 
„Sitten der Völker“ II) mit nackten Brüsten umher (vgl. Holbeins 
Bildnis seiner Frau, die Bilder der Maria von Medici und der Königin 
Elisabeth von England). Bis auf den heutigen Tag hat sich (nach 
Lippert und Stratz) in Jütland, Island, in einzelnen Teilen Norwegens 
und in manchen Fällen sogar in Berlin der Brauch erhalten: nackend 
zu schlafen, wie man dies vor der Einführung des Hemdes (zu Anfang 
des 16. Jahrhunderts) überall getan hat. Ich erinnere hier auch an die 
nackten Religionssekten der „Brüder und Schwestern vom freien Geiste“ 
(im 13. Jahrhundert im Rheinland), an die „Nikolaiten“ (im 15. Jahr¬ 
hundert in Böhmen), an die „Adamiten“ (im 16. Jahrhundert in Bayern), 
an die „Kolonie Oneida“ (im 19. Jahrhundert im Staate New-York) und 
an die „Edeniten“ (im 20. Jahrhundert in Oklahama City). Noch 1790 
sollen im Saalfeldschen nackte Mädchen die Flachsfelder umtanzt und 
sich darin gewälzt haben, damit der Flachs hoch wachse, so hoch, wie 
sie am Fastnachtsabend nackt sprangen. In der Johannisnacht trat auch 
beim Manne die Entkleidung ein, aber — geschlechtliche Ausschweifung 
war häufig die Folge! Das ist der Segen der hyperbolischen Kleider- 
kultur Europas! Insofern hat Keidel recht, wenn er (8. 24) sagt: 
„Mag der Mann noch so sittenrein, keusch und asketisch geschult sein, 
sein Unbewußtsein macht es ihm einfach unmöglich, sobald sich Weiber 
nackt nahen, unverändert zu bleiben, mag er mit seinem Willen noch 
so sehr dagegen ankämpfen.“ Doch g^t das nur vom Kulturmenschen, 
bei dem sich von Jugend an durch die verhüllende Kleidung und die 
Trennung der Geschlechter beim Unterricht der Reiz des Geheimnisvollen 
ausbildet, der die Phantasie geschäftig macht, zu früh die geschlecht¬ 
liche Gier weckt und übermäßig anwachsen läßt Planmäßig wird unsere 
Jugend in sexueller Dummheit erhalten und wie brünstige Tiere zur 
Ehe gierig aufeinander losgelassen. Ist es also ein Wunder, wenn die 
ceteris paribus („Retrouss6“) die sexuelle Neugier anregt und der ob¬ 
szönen Phantasie Spielraum gewährt? Die völlige Nacktheit dagegen 


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Kleine Mitteilangen. 


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^bt nichts mehr zu erraten und ihre Anziehnngskraft wird dnrch die 
Gewohnheit sehr schnell abgestnmpft, wie jeder Forschnngsreisende 
weiß, der einmal unter nackten Naturmenschen hat leben müssen. „Erst 
wenn wir absichtlich“, schreibt Bloch („Das Sexualleben unserer Zeit“, 
S. 173), „ein sexuelles oder überhaupt nur ein künstliches Moment hinein¬ 
legen, wirkt die Nacktheit als ein lüsterner Reiz. Prüderie ist aber 
weiter nichts als solch ein Anschauen des Nackten mit versteckter Be¬ 
gierde“, und (S. 175) „die vollendete Bildung kehrt zur vollendeten 
Unschuld zurück. Diese kennt keine Feigenblätter, sie schlägt nicht, 
wie jüngst (1906) jener von der Psychose der Hyperprüderie ergriffene 
(polnische) Geistliche im Dresdener Museum, den nackten Statuen die 
Genitalien ab und kastriert auch nicht im Geiste den Menschen, wie 
die meisten philologischen Biographen es noch heute mit den großen 
Männern machen, deren Lebenslauf sie schildern. Sie erkennt das Sexuelle 
als etwas Edles und Natürliches an.“ (Schluß folgt.) 


Kleine Mitteilungen. 

Bemerkenswerte Fälle von Manustuprum bei Geisteskranken. 

Von einem deutsch-amerikanischen Arzte in New Tork. 

Die vom Berichterstatter beobachteten Fälle sind bemerkenswert, weil es 
mir der Zufall vergönnt hatte, dieselben aus nächster Nähe zu beobachten. Die 
Kranken sind Insassen von zwei der größten Irrenasyle in Nordamerika. Es 
ist allen das gemeinsam, daß sie keinerlei Beschäftigung haben, mit einer, später 
erwähnten unbedeutenden Ausnahme, ferner, daß man ihnen keine geistige An- 
i’^ng oder irgendwelche auf ihren Charakter ein wirkende Verantwortlichkeit 
gewährt. Sie sind alle bis auf die Stufe der Demenz gesunken. Die gewöhn¬ 
lichen physiologischen Kriteria, wie guter Appetit usw., vorhanden. 

Ein 38jähriger Paralytiker, Amerikaner, Dupuytrens Kontrakturen, dessen 
Hände ihm trotzdem gestatten, allerdings wie wahnsinnig, einst gute Piano¬ 
musik hervorzubringen, schläft mit 15 anderen, sehr ordentlichen Patienten 
zusammen. Ehe noch einer eingeschlafen ist, legt sich der betreffende plötz¬ 
lich (und auffällig) aufs Gesicht und imitiert mit großer Vehemenz die Be¬ 
wegungen des Aktes mit seinem dünnen, gebrechlichen Körper. Er erschlafft 
bald vor Erschöpfung, seufzt und stöhnt schwer, wiederholt aber seinen jämmer¬ 
lichen Versuch dreimal. 

Junger Grieche, 24 Jahre, Student der Theologie am American College in 
Smyrna, spricht gut Englisch, Französisch und vollkommen Griechisch, seine 
Landessprache. Halluziniert zuweilen. Seine überaus liebevollen Blicke aus 
tiefschwarzen, träumerischen Augen üben einen imgekannten geschlechtlichen 
Reiz aus. Jedoch auch dieser Beklagenswerte ist völlig dement. Beim Spazier¬ 
gang setzt er sich mitten unter 30 anderen auf eine der Bänke, und unter 
züchtigen, frühlingsfrischen jungen Eichen, am hellen lichten Tage, holt er sein 
anatomisch ungewöhnlich mächtig entwickeltes Merabrum virile hervor und 
b^nnt zu spielen, ohne sich von derben Zurückweisungen beeinflussen zu 
lassen. 

40jähriger Deutscher, Maler und Anstreicher, völlig kahlköpfig, großer, 
schön entwickelter Kopf, ein in Kleidung und Benehmen verlotterter, schmutziger 
Gesell, ist immer hinter mir her, seit ich ihn zur Rede gestellt habe, ob er 


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Kleine Mitteilungen. 


nicht durch eine Gehimoperation von der Sklaverei der Masturbation gerettet 
werden könne. Er will den Schädel aufgemeißelt haben. Da er wiederholt 
Selbstmordgedanken geäußert hat, vermutet er wahrscheinlich, daß er in der 
Narkose in ein besseres Dasein hinflberschliimmern werde. Ich habe zwei 
Nächte in einem Zimmer mit ihm geschlafen, oder N-ielmehr gewacht Sein 
Manustuprum ist zum Automatismus geworden. Ich bemerkte, daß er nichts 
hervorbringt, trotz aller Anstrengung, nur etwas Prostatasekret gel^entlich 
hervorquetscht Die zweite Nacht machte ich wiederholt Versuche, ihn in 
seiner Tätigkeit, welche er stundenlang (!) fortsetzt, zu unterbrechen. Er wurde 
böse. Zu Hause hat er Frau und 3 Kinder von 8—14 Jahren. 

Am auffälligsten war mir, und ein Gegensatz zu den Beobachtungen an 
wenige Wochen alten Knaben, ein Aber 70 Jahre alter Knabe, Engländer, ein 
langer dünner Mensch, ziemlich kahl, mit spärlichem grauen Haarkranz, völlig 
zahnlos, welcher vor dem Einschlafen und beim Erwachen sich in seiner 
Lieblingsbeschäftigung ergeht. Es ist mir leider nicht gelungen, das Resultat 
zu erforschen, da dieser Patient sehr bösartig und völlig verkommen ist an 
Charakter, w'enn man Oberhaupt von etwas derartigem sprechen darf. 

Dieser Patient zeigt die Symptome von „zirkulärem In-esein“ und ist in 
seinem maniakalischen Stadium zänkisch, immer zum Kampfe bereit und bedient 
sich einer Sprache, welche man selbst in roter Tinte nicht wiedei^geben möchte. 
Er ist trotz seines Alters und seines Leidens rüstig und bew^lich. Viermal 
täglich scheuert er auf den Knien eine 18 Stufen hohe Steintreppe unter Be¬ 
gleitung kräftiger, unaussprechlich häßlicher Schimpfreden. 

Seinem Benehmen und Aussehen nach hat mich noch kein anderer Mensch 
so aufßUlig an Affen erinnert. 

Unter den zahlreichen Patienten, welche ich in Deutschland in Irrenasylen 
beobachtet habe, ist mir nur einmal ein krasser Fall vorgekommen. Ein 
38jähriger Mann, dem gebildeten Stande angehörig, schien sein einziges Ver¬ 
gnügen an dieser geschlechtlichen in Rede stehenden Verirrung zu finden. Ein¬ 
mal fand ich ihn auch am hellen Tage, und machte den Stationskrankenpfl^r 
darauf aufmerksam, mitten in seinem Zimmer aufgestellt, sogar bei offener Tür, 
und obwohl er es nach meinen Beobachtungen nie zu einem Orgasmus brachte, 
ließ er sich durch unsere Ordnungsrufe keineswegs beirren, sondern setzte sein 
widerliches Handwerk ungestört fort Er hatte w^en eines Vorkommnisses 
von Exhibitionismus eine gute Anstellung verloren. 

Daß solche Patienten bei Besuchen ihre Frauen zur perversen Geschlechts¬ 
befriedigung benutzen, ist ja bekannt 

Ein beklagenswertes Beispiel kenne ich in einer sehr schönen, sehr wohl¬ 
erzogenen und gebildeten Lehrerin, 25 Jahre alt, welche gezwimgen ist, ein 
zurückhaltendes Leben zu führen. Sie vergißt sich völlig, wenn ihr Gelegen¬ 
heit geboten wird, rutscht aufgeregt auf ihrem Sitze herum und verschafft sich 
durch Reibung der Genitalien raffiniert imitierten Genuß. Sie gestand mir 
diuxshaus glaubwürdig, daß sie sich nie ihrer Hände bedient Ich habe sie eben¬ 
falls in männlicher Umarmung beobachtet, wo sie das erigierte Membrum durch 
ihre dünnen Kleider hindurch zu genießen versteht, als ob sie den wirklichen Ge¬ 
schlechtsakt ausübte. Sie erreicht zweifellos den Orgasmus. Sie entschuldigt 
sich mit einem „so lange Zeit“ nicht befriedigten „Geschlechtshunger“, is „star- 
ving“ for it Obwohl sie schon mehrhich zur Behandlung in Sanitarien war, 
geht sie gewissenhaft ihrem Berufe nach. Sie will nicht heiraten, weil sie sich 
für unfruchtbar hält Ihre wohlhabende Mutter hat 9 Kinder gehabt, wovon 
8 leten. Diagnose: sexuelle Neurasthenie. 


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Beferate. 


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Referate. 

Pathologie und Therapie. 

To rg gl er (Elagenfart). Fmehttod dureli BUUsehlag. (Sonderabdruck aus der gynä¬ 
kologischen Rundschau [redigiert von Oscar Frankl, Wien]. Urban & Schwarzen¬ 
berg 1915.) 

Die Beobachtungen widersprechen sich darüber, ob bei Schwangeren, die vom Blitze 
getroffen wurden, aber am Leben bleiben, eine Unterbrechung der Schwangerschaft statt- 
findet oder nicht. T. Jellinek erwähnt unter den allgemeinen und Frühsyraptomen das 
Absterben der Leibesfrucht; eine Ansicht, die durch den von T. mitgeteilten Fall bestätigt 
wird. Tierexperimente haben über die Frage bisher keinen Aufschluß geliefert. In dem 
T.schen Falle handelte es sich um eine 28jährige IT-Gravida, die im Eßzimmer des Erd¬ 
geschosses ilires einstöckigen Wohngebäudes von dem vom Blitzableiter abspringenden 
Blitzstralil getroffen wurde und laut aufschreiond nach rückwärts auf den Boden sank. 
Sie verlor nicht das Bewußtsein, gab den sofort herbeispringenden Zimmergenossen klare 
Antworten — wurde, da sie über Lähmung der Beine klagte, aufgehoben und ins Bett ge¬ 
legt. hatte starke Schmerzen in Unterbauchgegend, Kreuz und unteren Gliedmaßen. 
In der folgenden schlaflosen Nacht bemerkte die Frau nichts mehr von Fruchtbewegungen, 
die seit ungefähr 2 Monaten bei ihr deutlich gewesen waren. Nach 2 Tagen konnte die 
Frau das Bett verlassen, wurde am 1. August — der Blitzunfall war am 25. Juli ge¬ 
wesen — in die Klagenfurter Klinik eingeliefert und dort untersucht. Frucht in erster 
Hinterhauptslage, Herztöne und Bewegungen der Frucht trotz emsigen Suchen« nicht auf¬ 
findbar. Lauf des Blitzstrahles am Körper der Patientin: am unteren Winkel und unteren 
Drittel des inneren Randes der linken Skapula Beginn der meist 8—9 cm breiten braun- 
])igmentierten Hautveränderungen aus oberflächlicher, brandwundartiger Gewebsalteration; 
unterhalb der Schulterblattspitze in zwei W('ge sich teilend, der eine schmälere links zur 
linken Weichen- und Ijeistengegend und von da zur Schoßfuge und Oberschenkel l»is zum 
Knie abwärta — der andere re<*hts vom Schulterblatt weg über Rücken und vorderen 
Dambeinstachel zum oWen Schoßfugenrande, sich dort mit dem linken Streifen ver¬ 
einigend. — In den folgenden Tagen Gefühl eines im Leibe hin- und herfallenden schweren 
Körpers und des Druckes nach abwärts, lästiges Hautjucken (nach Piskalek Zeichen des 
Fruchttodes). Am 17. August Lockerung der Schädclknochen deutlich fühlbar; zwei Tage 
darauf erste leichte Wehen, flic sich verstärken, so daß am 20. August die Blase springt 
und der Kopf in Form eines schlaffen Hautbeiit<ds in der Schams]xilte sichtbar wird. 
Mißfarbiges Fruchtwasser von widerlichsüßem Geruch; nach 10 Minuten Ausstoßung der 
Frucht und nach weiteren 15 Minuten auch d<^s Fruchtkuchens. Das männliche Kind 
(39 cm lang, 1400 g schwer) zeigt den dritten Grad der Mazeration, der nach allgemein- 
gültiger Ansicht frühestens nach 3 Wochen erreicht wird (seit dem Blitzschlag waren 
25 Tage vergangen). A. Eulenburg (Berlin). 

Zivilrechtliche, strafrechtliche und kriminalanthropologische 
Beziehungen des Sexuallehens. 

Moses, Julius (Arzt in Mannheim). Die Ausprägimg der weibliehen Sonderart 
nnd Sexualität in der Psychologie verwahrloster und krimineller Mädchen. 

(Arch. f. Sexualforsch. 1. Heft 2. 8. 244.) 

Mitteihmg von 9 bezüglichen Einzelfällen, denen eine Reihe allgemeinerer Betrach¬ 
tungen voraufgeht. Die Kriminalitätsstatistik ergibt durchweg ein Verhältnis der straffälligen 
weiblichen Bevölkerung zur männlichen von 1:5. das auch bei den Jugendlichen zutrifft. 
Unter den füi-sorgebedürftigen Mädchen ist der Anteil der Altersklassen nach dem 
14. Jahre wesentlich höher als der des schulpflichtigen Alters (umgekehrt bei den Knaben), 
was auch als das altersgemäßere Verhalten erscheint und auf die wichtige Rolle der 
Sexualität bei der Psychologie des verwahrlosten und kriminellen Mädchens hinweist. 
In den Fiübfällen der sexuellen Entartung tritt eine für die Sexualpsychologie des Weibes 
überhaupt wertvolle Erscheinung zutage, nämlich die größere Haftbarkeit sexueller 
Eindrücke und Erlebnisse beim Weibe; diese „graben tiefer in der Psyche des Mädchens 
als in der des Knaben“. Als kritische Grundeigenschaften treten die der weiblichen 
Psyche eigene Passivität und das Vor walten des Gefühlslebens (gegenüber der mehr 
verstandsmäßigen Veranlagung und Motivierung der Handlangen beim Knaben) in auf- 


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Referate. 


fälliger Weise hervor (das Weib kommt ionerlich schwer von der Person los, an die 
sich das sexuelle Erlebnis knüpft, es bewahrt dem Verführer fortdauernde Anhänglich¬ 
keit usvv.). Die in der geschlechtlichen Entwicklungsperiode beobachtete Häufung der 
Diebstähle in dem Maße auf sexueUe Motive zurückzuführen, wie es die Freudsche 
Schule (und mit dieser auch Wulffen) getan hat, lehnt M. ab, hebt dagegen als Quelle 
krimineller Handlungen in der Zeit der Reifung die weibliche Putzsucht hervor, weiter¬ 
hin die Selbstüberschätzung, den Drang zur Emanzipation, zur Loslösung von allen autori¬ 
tativen Schranken. Die weibliche Hysterie erfährt in den Pubertätsjahren ihre typische 
Ausbildung, ihre spezifische Färbung und kriminelle Ausartung (pathologische Phantasie, 
Neigung zu übertriebenen Affekten, egozentrische Wesensrichtung). Die pathologische 
Abartung des Sexuallebens der jungen Mädchen ist übrigens „ein Kapitel, das noch der 
ausbauenden Forschung bedarf“. M. spricht von einer spezifisch weiblichen mono¬ 
gamischen Veranlagung (iin Gegensatz zum Jüngling, der überall sucht und zugreift); 
in diesem Sinne ließe sich von einer Umkehr des weiblichen Sexualempfindens sprechen, 
wenn sich die weibliche Libido aktiv in einem Aufsuchcn geschlechtlicher Beziehungen 
bei wechselnden Liebhabern äußert, — M. kommt nochmals auf die größere Passivität und 
das Überwiegen gefühlsmäßiger emotioneller Momente zurück und erw’eitert Oscar 
Schultzes Wort, daß das Weib in seinem ganzen Körper mehr Kind bleibe als der Mann, 
dahin, daß dies auch in psychischer Beziehung gelte, daß auch hier der kindliche Typus 
reiner ausgeprägt bleibe. A. Eulenburg (Berlin). 

Gaedeken, Paul (Lyngby bei Kopenhagen), Sexualverbreehen und Jahreszeit. 
(Arch. f. Sexualforsch. I. Heft 2. S. 227.) 

Das Eausalitätsverhältnis der Sexualverbrechen ist nur im Zusammenhang mit 
den übrigen Erscheinungen des Geschlechtslebens verständlich. Eine Anleitung dazu 
gibt die Konzeptionsstatistik, deren Zeugnisse durch Kenntnis des psychophysiologischen 
Zustandes zu ergänzen sind, dessen Ausschlag sich in den Zahlen kimdgibt. 

Die psychosexuelle Stimmung wird nicht durch die Funktion der Geschlechts¬ 
drüsen bestimmt, sondern durch die Blutzufuhr zu den erigibeln Geschlecht^rganeii, 
du* von allem beeinflußt wird, was auf das Gefäßnervensvstem ein wirkt. Auch die 
Funktionen des letzteren werden (wie Konzeptionen und Sexualverbrechen) von den 
Jahreszeiten beeinflußt — wobei die chemisch wirksamen Stralüen von entscheidender 
Bedeutung sind. (Frühere Erklärungsversuche des Zusammenhanges, wie ererbte Peri¬ 
odizität, Ernährungszustand, Alkoholexzesse, günstige Gelegenheit, Temperatur, sind 
nach G.s Meinung unhaltbar.) Es müßte durch internationales Zusammen¬ 
wirken ein reichhaltiges und gleichmäßiges kriminalstatistisches Material beschafft 
werden, um umfassendere komparative Untersuchungen zu ermöglichen. Auch ein Zu¬ 
sammenwirken zwischen den wissenschaftlichen Lehranstalten (Austausch geeigneter 
Lehrkräfte) wäre dazu wünschenswert. 

Das einseitige Heranziehen klimatisclier oder sozialer Milieumomente, als für die 
•Verbrechen maßgebend, ist nach G. unberechtigt. Bei den Sexualverbrechen kommen 
namentlich erstere. Ihm Gewalttätigkeiten dagegen letztere in Betracht. — Die Rückfall¬ 
statistik zeigt, daß die Empfänglichkeit der Sexualverbrecher für Strafe verhältnismäßig 
bedeutend ist, so daß die Bekämpfung der sexuellen Kriminalität von einer richtigen 
Auffassung des Wesens der Strafe aus nicht aussichtslos erscheint, indem die Empfäng¬ 
lichkeit für Strafe und nicht ein postulierter „freier Wille“ die Grundlage der Straf¬ 
bemessung abgeben muß. A. Eulenburg (Berlin). 

Meyer von Schauensee, Plazid (Obergeriebtsvizepräsident in Luzern), Der 
KiiminaUkll Wttnsehert, dai-gestellt im Lichte der Strafrechtsreform und der Lehre 
von der Moral insanity. (Monatsschr. f. Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform, 
11. Jahrg. Heft 9/10. Januar 1916. S. 489.) 

Der ausführlich mitgeteilte Kriminalfall („Lustmord“) ist weniger bemerkenswert 
durch das Faktum selbst, als durch die daran geknüpften Betrachtungen eines hoch- 
slelienden schweizerischen Juristen. Ein zum Besuch bei Verwandten weilendes, im 
22. Jahre stehendes Fräulein Furrer hatte sich (am Sonntag dem 17. Mai 1914) mit 
einer Arbeit in den nahen Wald begeben und wurde daselbst tot aufgefunden. Die 
Ivfiche war bis auf das Hemd entkleidet, die Kleider zerknittert, Strümpfe fehlend; 
am Halse eine große, ö cm klaffende, die Luftröhre eröffnende Wunde, die rw'hte 
Karotis durchschnitten; rechte Brust und äußere Geschlechtsteile (Schamlippen nebst 
dem unteren Ende der Scheide) weggeschnitten. Als Todesursache wurde Verblutung 
aus der Karotis angenommen. Als Täter wurde 10 Tage darauf der im Walde nächtigende, 


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Referate. 49 


ganz verwahrloste Anselm Wünschert earmittelt, der, aus einer geschiedenen Ehe und 
von degenerierten Eltern stammend, seit seinem 16. Jahre ein unstetes Wanderleben 
geführt und nach einem im August 1913 begangenen Diebstahl gar keinen festen Wohn¬ 
sitz mehr gehabt, sondern in Ställen, Haustückeu und Wäldern übernachtet hatte. 
Er achtete dabei auf vorübergehende Mädchen, versuchte diesen nachzugehen, doch 
war ihm kein früheres Attentat nachzuweisen. An die Furrer hatte er sich heran¬ 
geschlichen in der Absicht, sie zu „brauchen“ — wie er im Vernehmen sich ausdrückte — 
und weil sie ihn „abtrumpfte“, hatte er kein Iranern mit ihr, sondern beschloß sie 
zu töten, wobei er zugleich daran dachte, es werde ihm dann der Kopf abgehauen, 
wenn er sie töte. Er gab ihr erst einen Schlag auf die rechte Schläfe, zerschnitt ihr 
dann mit einer Schere, die sie selbst in der Hand hielt, die Gurgel, riß ihr die Kleider 
ab und versuchte an der Toten (oder Sterbenden?) den Geschlechtsakt zu vollziehen, 
was ihn zu der vorgenommenen Erweiterung der Geschlechtsteile bewog; auch fing er 
das aus den Genitalien fließende Wasser in einem „Gritterii“ auf und schnitt einen 
Icil der rechten Brust ab, um diese Gegenstände aufzubew^ahren und sich damit zu 
r(‘izen, — Wünschert wurde von zwei Amtsärzten untersucht, die ihn für nur im leichten 
(irade schwachsinnig erklärten, wodurch seine Zurechnungsfähigkeit nicht ausgeschlossen 
werde. Er wurde infolgedessen zum Tode verurteilt und hingerichtet (enthauptet). — 
Der Verf. knüpft daran Vergleiche mit früheren ähnlichen Fällen, namentlich einem 
1902 von Bleuler begutachteten, dessen auf hochgradigen Schwachsinn ausgehendes 
und auf K r a e p e 1 i n gestütztes Gutachten trotzdem vom Luzerner Obergericht ver¬ 
worfen wurde — sowie über die sich bekämpfenden Sicherungs- und Straftheorien; 
seine eigene Auffassung tritt dabei nicht ganz klar hervor, da er einerseits der 
Birkmeyerschen Ansicht, wonach „die Psychiater als Feinde des Strafrechts zu behandeln 
wären“ entgegentritt — andererseits aber die Vertreter der Psychiater auch warnt, „daß, 
wenn sie fortfahren, im Sinne Lombrosos und speziell Pelmana ihre Forde¬ 
rungen zu formulieren, das Ende dieser Bewegung doch nur eine brutale Reaktion 
sein wird“. A. Eulenburg (Berlin). 

llaldy, Zur Psychologie der Strafanzeige weiblicher Jugendlicher. (Arch. f. 

Kriminalanthropol. 1916. Bd. 65. S. 326—330.) 

Weibliche Jugendliche begehen in den Entwicklungsjahren häufig Verbrechen aus 
einem eigenartigen Motiv, nämlich aus Heimweh. Sie glauben durch Wegräumen der ein¬ 
gebildeten, für ihre Heimkehr hindernden Faktoren ihre Stelle los werden und dann heim¬ 
kehren zu können. Am häufigsten sind es Brandstiftungen, besonders auf dem Lande, 
demnächst Beseitigung ihrer Wartung anvertrauter Kinder, die in solchen Fällen ihre 
Kriminalität ausmachen. Nicht selten aber sollen auch auf die Jugendlichen scheinbar 
be^ngenen Attentate zur Erreichung ihres Zieles, d. h. der Heimkehr dienen. Sie gehen 
dabei von der Voraussetzung aus, daß sie infolge solcher Vorgänge Mitleid erwecken und 
aus ihrer Stellung entlassen werden würden, da sie dann nicht mehr aushalten könnten. 
Als Nebenmotive spielen in solchen Fällen auch wohl sexuelle Momente mit. 

Verf, schildert iin Anschluß an diese Betrachtungen einen Fall bei einem 14jährigen 
^lädcben vom Lande, das in gebückter Stellung mit einem um den Hals geschlungenen 
Tuch fest an den Her<l gebunden von ihrer Herrschaft abends bei der Rückkehr aufge¬ 
funden wurde und unter Jammern und Weinen erzählte, sie wäre von einem Unbekannten 
vergewaltigt worden; dabei scdiilderte sie die Vorgänge mit einer Sicherheit und allen bis 
ins kleinste gehenden l’hnzellieiteu, die auf eine erstaunliche Phantasie des so jugendlichen 
Mädchens von niederer Bildungsstufe schließen ließen. Denn die körperliche und mikro¬ 
skopische Untersuchung ergab ein durchaus negatives Ergebnis, und auf eindringliche Er¬ 
mahnung hin gab dasselln^ auch zu, daß ee alles erfunden hätte, um wegen der zu schweren 
Arbeit wieder zur Mutter zurückkehren zu können. Busch an (z. Z. Hamburg). 

llurwicz, E., IWmlnalitUt und Prostitution der weiblichen Dienstboten. (Arch. 

f. Kriminalanthropol. 1916. Bd. 65. S. 185 — 251.) 

Kriminalität und Prostitution der weiblichen Dienstboten stehen in einem auffälligen 
Gegensatz zueinander. IViin wie Verf. an der Hand der Statistik zeigt, ist der Stand ihrer 
Kriminalität ein dnrehaus günstiger; am meisten kommt unter den Dienstmädchen noch 
Dieljstahl vor, indessen entspringt derselbe wohl vorwiegend dem jugendlichen, die ernsten 
Folgen noch nicht erwägenden Ivcichtsinn, ist stets jedoch das Werk der Gelegenheits-, nie 
der GewerbskriminaJität. Auf der anderen Seite wieder ist der Anteil der Dienstmädchen 
an der Prostitution ein recht bedeutender, wie Verf. ebenfalls ausführlich darlegt. Diesen 
Widerspruch, den von den Lebensverhältmosen selbst geschürzten Knoten zu lösen, 
bildet soilann die weitere Aufgabe des Verfassers. 

Zcitschr. f. Sexualwissenschaft lH. 1. 4 


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Referate. 


60 


Zu dem Zustandekommen der verhältnismäßig geringen Kriminalität der Dienst¬ 
mädchen tragen, abgesehen von der geringeren Anteilnahme des weiblichen Geschlechtes 
an Vergehen und Verbrechen überhaupt, in erster Linie nach Ansicht des Verf.s l>ei: di«.* 
während der Ausübung ihres Benifes mehr oder weniger gesicherte Ijage, die außerordent¬ 
liche Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die durch Unterbindung des Fortkommens 
in diesem Beruf Ixäonders drohende Gestalt annehmende Generalprävention. 

Der überaus häufige Übergang der Dienstmädchen zur Prostitution ist nicht etwa 
auf eine biopsjchische Minderwertigkeit des Dienstmädchenmaterials zurückzuführen, wie 
behauptet worden ist; mit Recht macht Vorf. gegen solche Theorie energisch Front, Di<i 
Ursache hierfür liegt vielmehr auf sozialem Gebiete. Unter diesem Gesichts])unkte kommen 
in Betracht die Sommerentlassungen, d. h. die dadurch herl)eigeführte Heimatlosigkeit der 
Mädchen in den großen Städten, die unlautere SUdlenverraiitlung, die wie wo anders wohl 
kaum so ausgeprägte l^nterordnung des eigenen Willens unter einen fremden und die da¬ 
mit zusammenhängende Unterdrückung der Persönlichkeit und hochgradige Schwächung 
der sittlichen Widerstandskraft, auch wolü direkte Verführung von seiten der männlichen 
Dienstherrschaft, die Entfremdung des Elternhauses und damit zusammenhängend das 
Aufhören des erzieherischen Einflusses von dieser Seite her, di«^ auf dom Lande vielfach 
lierrschende freiere Auffassung des vorehelichen Gt>schl<^hLsverkclirs (der indessen meistens 
später zu einer Ehe führt, wahrend dies in der Sta<lt auszubleiben pflegt), sowie die Ent- 
lasBung und Hilflosigkeit bei eintretender Schwangerscliaft. 

Zum Schluß b^häftigt sich Verf. noch mit Vorschlägen für rechtliche Reformen, die 
eine Beeserung verapreeben sollen. Busch an (z. Z. Hamburg). 


Prostitution und Bekämpfung der venerischen Krankheiten. 

Blaschko, A., Zar Frage des AboUtionismas. (Zschr. z. Bekämpf, d. Geschlechts- 
krankh. 1915. Bd. 16. Nr. 8. S. 233—252.) 

Obwohl der Abolitionismus jetzt die herrschende Ansicht geworden ist, gibt es {h»c]i 
eine Reihe von Punkten, die Bl. von den übrigen Abolitionisten trennt Dazu gehört die 
Frage der Strafbarkeit der Kuppelei. Der Abolitionismus will jede Vermittlung der Pro¬ 
stitution bestraft wissen. Das hält BL für undurchführbar. Oder aber, cs fülirt zu Zu¬ 
ständen, die weitaus schlimmer sind, als die Reglementierung. Da die Prostitution 
auch durch schwere Strafen nicht unterdrückt werden kann, so muß irgendwo nio| 
irgendwann Gelegenh(‘it vorhanden sein, daß die Prostituierte mit ilin'in Partner sicli 
trifft Das kann mit oder ohne Vermittler ges<dieben und als Treffpunkte kommen die 
Straße oder der geschlossene Raum in Frage. Die Gelegenheit, auf der Straße anzu- 
knüpfen, ist eine vielseitigie, aber die Grenze der Dezenz wird bei diesem Anbiet‘n 
meistens überschritten, zumal, wenn keine polizeiliche Überwacliung zur Stelle ist. Die 
Abolitionisten verlangen, daß für den Prostitutionsbetrieb keine Verhaltungsvorschriften 
von der Polizei getroffen werden. In dies<.*m Falle bildet sich ein regulärer Strich honius. 
Wenn dieser Strich ganz iinüberwaelit sich abspielt, sf> wird er bjvld giinz unglaublicln* 
Formen annehjuen. Wenn man aWr eine t^l)efrwacbung dos Striches vorniinrnt, so ent¬ 
stehen eine Reihe von Fragen, die sieh auf die Strafbarkeit beziehen, und zwar wer zu 
entscheiden hat, ob bereits eine Straflxirkeit vorlicgt, wer die Bewachung zu übernehmen 
hat, was geschehen soll, wenn eine Annäherung in schamlos«*!* Weise erfolgt, ob alsdann 
die betreffenden Attentäter sofort zu verhaften sind, wer bc*i Geriehtsvcrhandlungen Zeuge 
sein soll, ob die Strafen Geldstrafen oder Haftstrafen s<*in sollen usw., usw. 

Die Straßen werden frei bleiben, wenn man cs den Mädchen ermöglicht, in g«*- 
schlossenen Räumen ihre Kunden zu suchen. Si«^ w^erdeii «las in ein«‘m Tanzlokal, in 
einer Animierkneipe, einem Variete, einem Kaffee oder einer Wohnung tun müss«m. Wird 
nun jegliche Vermittlung als straR^ar verfolgt, so entstehen eine Rcih«^ von Sehwierig’- 
keiten für die Behörde, aus den zahlrmehen Möglichkeiten, die so sieh hihien könn<*n. 
Es kann ein Mädchen, das sieh durch redliche Arbeit ernährt, Herrenbcsiiebe empfangen, 
die einw'andfrei sind, oder aber auch von der Prostitution h'hen. l^r Wirt weiß nichts 
davon, oder aber auch, er kann Beweise dafür haben. Er hat das Mii«lohen nicht zur 
Pr^^tiition gebracht, duldet aber die Prostitution in seinem Hause. Er nimmt ein»Mi 
nomialen Mietzins o<ler er nimmt als Ents«*liädigung dafür, daß Miet<‘r «los Mädchens 
wegen ausgezogen sind, einen höheren Mietzins. Er vermi«*tet m«direri‘ Wohnungen an 
Prostituierte. Ähnliche Möglichkeiten können bei Art.ervormi«‘tung«‘n Vorkommen und der 
Hauswirt, der jetzt anstatt eines schlecht zahlenden Mieters, «*inen liat, von d<‘m er seine 
Miete prompt bekommt, denkt sich wohl sein Teil, vermeidet es aber, sich nach der 


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Referate. 51 


Quelle der Eimiahmeu seines Mieters zu erkundigen. Wo beginnt, fragt BL, in allen 
rliesen Fällen die Strafbarkeit, wie und durch wel^e Organe werden sie festgeetellt und 
vor allem, wie soll die Vermittlung oder Erleichterung verhütet werden? 

In den Kaffees müssen die Mädchen, da sie sich lange aufhalten, viel verzehren. 
Die Zeche zalilen die Herren und manchesmal wird ihre Zeche auch mehrfach bezahlt. 
Der Zählkellner, der Pikkolo, der Droschkenkutscher und schließlich der Hotelportier 
l>egünstigen die Mädchen, welche die besten Trinkgelder geben. Im Variete stellen sich 
Kassierer, Logenscliließer, Blumenverkäuferinnen, Bardamen in den Dienst des Handels 
und auch der Herr Tenor verschmäht es nicht, von Zeit zu Zeit ein paar junge Cho¬ 
ristinnen mit den Kavalieren bekannt zu machen. In den Animierkneipen schließt sich 
an das Schenkzimmer ein vornelnn ausgestatteter Raum an, in welchem Wein zu unver- 
Jiältnismäßig hohen Preisen verkauft wird, von denen die Kellnerin den dritten Teil, ja 
die Hälfte erliält. Was in diesem Hintorstübchen vorgeht, entzieht sich der Kenntnis des 
Wirtes oder der Wirtin. In der Nahe des Balinhofes gelegene Hotels werden auch von 
ziililreichen Liebespärchen für kurze Stunden aufgesucht, die sich als Mann und Frau aus- 
gelKm und deren Legitimation als Eheleute nicht nachgeprüft wird. Vielleicht weiß der 
(iasthofbesitzer gar nicht, daß die verheiratete Frau jeden Abend, vielleicht sogar mehr¬ 
mals des Abends mit den verschiwlenstcn Ehegatten eintrifft, um recht bald wieder davon 
zu ziehen. Junge lebenslustige Frauen suchen durch die Zeitungen Herrenbekanntschaften, 
deren Zahl sie schließlich befähigt, ihren jüngeren Freundinnen etwas von ihrem 
ÜlM^rfliiß abzugclKm. Schließlich s<dien sie sich auch nach neuen Freundinnen um und 
laden diese und ihre Freunde zu kleinen Geselligkeiten oder Autofahrten ein. Das Ge¬ 
schäft geht gut, die bemannskreise kennen den Zirkel, und da diese besonders die junge 
Ware lieben, so versteht es eine solche Dame bald, ganz junge Mädchen für ihre Zwecke 
heranzubilden. Es gibt Badeorte, welche ausschlicßlicli wegen der vornehmen Prostitution, 
die dort verkehrt, aufgesucht worden. Natürlich wäre der gesamte Stadtrat entsetzt, wenn 
man die Prostituierten irgendwie rigoros Ix^handeln sollte. Von den Prostituieiion lebt 
(in ungeheurer Kreis von Memschen, Hauswirte, Varietes, Kaffees und Restaurants, sowie 
ihre Hintermänner, wde große Aktiengesellselniften, ferner Wäsche- und Konh'ktions- 
goschäfte sind znm 'roil fast ganz auf die Knndscliaft der Prostitution angewiesen. 
Es gibt Ärzte, die, s<‘itdem sie einmal einer Prostituierten ein Gesundheitsattest ausge¬ 
stellt haljeu, eine große Prostituiertenklientel haben (Bl. stellt hier neben die Ärzte die 
Zuhälter, wde er sagt, absichtlich, um zu zeigen, wie wenig unterschiedlich am Ende die 
Tätigkeit der beiden ist — eine Geschmacklosigkeit, die mir nicht begründet und auch 
nicht notwendig erscheint —). Auch der Dienstmann, der Liebesbot^chaften der Prosti¬ 
tuierten übermittelt, lebt von der Prostitution. Diese Beispiele ließen sich hundertfach 
vermehren und sie alle können nur da^ eine beweisen, daß die Übergänge von der harm¬ 
losen Begünstigung und F>leichterung der UnSittlichkeit bis zu zweifellos strafbaren und 
verbrecherischen Formen der Kuppelei unmerklich sind. Wollte nuin den Abolitioiiisten 
folgen und in jedem Fall die Begünstigung bestrafen, so müßte man ein Netz von Spionen 
und ein riesiges Heer von Polizisten lial>en, nicht nur um zu strafen, sondern vor allem 
auch, um die Vermittlung zu verhüten und zu verhindern. Da« ist natürlich unmöglich. 
Als praktische Konsecpienz bleibt demnach, daß man nur diejenige Vermittlung bestraft, 
wel<me bisher nicht der Prostitution ergebene Frauen verleitet und verführt und die¬ 
jenigen Vermittler, welche die Prostituierte l>ei ihrem GewerV>e künstlich festhalten oder 
sie in schamloser Weise ausl>euten. Di<‘ (üiihiche Kup])elei ist wohl ein schmutziges Ge¬ 
schäft und man kann darüber diskutieren, ob man nicht gewerbsmäßige Kuppler 
lür iintiiiigli(;h zur Bekleidung gewisser öffentlicher Ehrenämter erklären soll. Aber straf¬ 
bar sind vsolche Vermittler nicht, die ein Geschäft vermitteln, bei dem beide Parteien ganz 
irfnan wissf ii, um was es sich handelt. Es besteht ja sicher die Gefahr, daß die Ver¬ 
mittler sich l)ei ihrer Vermittlung nicht Ixignügen werden, sondern daß sie bestrebt sein 
werden, den Umsatz zu steigern: und in diesem Moment der künstlichen Steigerung des 
Pr(>.stitutionshetriel>es liegt die einzige Gefahr, auf deren Bekämpfung alle Maßnahmen 
der Behörden und Verc^ine konzentriert werden müssen. Gewisse Formen der Kuppelei 
müssen von Anfang an untordrückt w'erden. Dahin gehört die schamloseste Form der 
Ausbeutung und lJnt(‘rdrückiing der Prostituierten, wie sie in den Bordellen orfolgt, und 
es ist denkbar, daß an ihrer Süitt irgend etwjis anderes treten wird, wenn sie verboten 
wird, so daß eine gewisse Aktionsbreite für die Rechtsprechung und die Verwaltungs¬ 
behörden gewährt werden muß. Es muß al>er auch eine Garantie für eine sinngemäße und 
gerechte Durchführung der gesetzlichen Maßnahmen, z. B. eine Kontrolle durch ehrenamt¬ 
liche Bürgt'r einsetzen, damit die Vollmachten der Polizei nicht zu weitgehend gehand- 
haht werden. Jede Vermittlung zu Ix^strafen ist auch s<^hon aus dem Grunde nicht richtig, 
weil das V( rl>ot der Vermittlung der Prostitution, für deren Straffreiheit man ja als Abo- 

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Referate. 


litioniflt eintritt, der Prostitution ihr Brot nimmt; denn sie kann ohne Vermittlung nicht 
existieren. 

Wenn nun der Abolitionismus sa^ daß die Straffreiheit der Vermittlung durch die 
hierfür erlassenen Vorschriften den Anschein einer Art von Konzessionierung und Sank¬ 
tionierung des Prostitutionsbetriebes und damit der Erlaubtheit des außerehelichen Ver¬ 
kehrs erweckt, eine Auffassung, die der Abolitionismus durchaus nicht besitzt, so ist dem 
entgegen zu halten, daß der Abolitionismus am liebsten die ganze Prostitution ausrotten 
mödhte und glaubt, daß der Prostitution der Boden ahgt^graben wird, wenn den Prosti¬ 
tuierten das Leben erschwert wird. Der Abolition ismus geht aber nocli weiter. Er per- 
horresziert den außerehelichen Gosclüechtsverkehr überhaupt und tritt für die sexuelle 
Abstinenz ein. Er appelliert an die Ethik und fordert eine einheitliche Moral für neide 
Geschlechter. Es gibt aber Beweise aus aller Herren Länder, daß es für den Geschlechts¬ 
verkehr nicht eine Moral gibt und die Tatsache, daß die Männer der bürgerlichen Kreise 
für sich eine andere sexuelle Moral lixinSprüchen, als sie sie den Frauen ihrer eigenen 
Schicht konzedieren, liegt einmal in dem Losgelöstsein aus der häuslichen Gemeinschaft 
und der dadurch bedingten gcändeTteii Sexualanschauung, und dann in der wirt^schaft- 
lichen Abhängigkeit der Frau, welclie eine Bindung in sexueller Beziehung befJingt. ln 
wirtsciiaftüchen und gesellschaftlichen Momenten liegt dann auch der tiefere Grund, 
weshalb die im Erwerbsleben stehenden Töchter der Bürgerkreise einer neuen Moral, 
welche größere geschlechtliche Freiheit zugcstcht, anhängen. Auch die Prostitution ist 
nicht in Naturnotwendigkeiten, sondeim in wirtschaftlichen und ge.sellschaftlichen 'Mo¬ 
menten begründet und die heutigen städtiwdien Kultur Verhältnisse bedingen ein so un¬ 
geheures Angebot von Frauen und eine ent-sprechendo Nachfrage von Männern, daß ein 
Verschwinden der Prostitution nur von völlig Weltfremden diu’ch eine größere Moralität 
erwartet werden kann. Genau so weltfremd ist die Ix'hre von der Durchführbarkeit der 
sexuellen Abstinenz. Seil>stverständlieh ist eine sexuelle Abstinenz möglich und einzelne 
Männer namentlich mit schwachem Geschlo<'htstrieh werden diesen sehr wohl unter¬ 
drücken können, aber daß alle es können, oder daß man es von allen fordern kann, ist 
schlechtweg unsinnig. Mit der 'latsfiche des auß(*relielichen Geschle<*htsverkehrs muß man 
rechnen. Der stärkste aller Trielx? läßt sich nicht jahrelang oder dauernd unterdrücken 
und die große Masse der Mens<»hen denkt auch gar nicht daran, mit dom Triebe zu 
kämpfen. Weil jeder Versuch, die Prostitution zu unterdrücken, aussichtslos ist, so muß 
auch die Obrigkeit sich mit dieser Tahsacho abfinden. ln hygienischer Beziehung ist, seit¬ 
dem durch die neue Reichs Versicherungsordnung der Kreis der in den Krankenkassen ver¬ 
sicherten weiblichen Personen s(‘lir groß geworden ist, nicht mehr viel zu leisten. Di(^ 
Prostituierten machen zum großen Teil reichlichen Gebrauch von den zahlreichen Be¬ 
handln ngsgelegenheiten. Die Zahl derjenigen Personen, bei denen eine Zwangsbehand¬ 
lung eintreten muß, wird immer g<M-iuger und sie l>etrifft vor allem die jugendlich und 
geistig Minderw^ertigen. Die Zahl der Minderwertigen ist aber relativ gering und viele 
von ihnen sind leicht lenkbar, wie Bl. auf Grund seiner eigenen Erfahrungen beliauptcn 
kann. Die wenigen, welche einen Zwang brauchen, dürfen jedenfalls nicht die gesamte 
Prostitution belasten. Freilich würde auch die hygienische Form erschwert werden, wenn 
man jede Vermittlung bestrafen würde; denn ^sdann würde die Prostituierte auf die 
Straße geworfen werden oder der Vermittler würde sich doch finden, dann aber sein Risiko 
auf die Prostituierte abwälzen und diese noch mehr ansbeuten. 

Fritz Fleischer (Berlin). 


Rassenhygiene, Eugenik und Geburtenrückgang. 

Guradze, Hans, Ehe und Sterblichkeit bei Frau und Mann. (Arch. f. Sexual- 
forsch. 1. Heft 2. S. 237.) 

Wie allbekannt, gibt es erheblich mehr Witwen als Witwer (in Berlin rund 
fünfmal mehr). Trotzdem ergibt sich hei Untersuchung der Frage, wie die Sterblich¬ 
keit der beiden Geschlechter durch die Ehe beeinflußt wird, ein l)edeutend jüngeres 
Sterbealter der verheirateten Frau im Vergleich zu dem des verheirateten Mannes 
(kürzere Ehedauer bis zum Tode der Frau). Die dazu wirksamen Einflüsse lassen sich 
zalilenmäßig nicht leicht feststellen (dop])elte Pflichten als Hausfrau und Mutter sowie 
als gewerbliche oder sonstige Arbeiterin; konstitutionelle Verhältnisse, besonders körper¬ 
liche Beanspruchung während der Entwicklungsjalirc — worauf Schul- und Framui- 
ärzte erhöhte Aufmerksamkeit richten sollten). A, Eulenburg (Berlin). 


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Referate. 


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Sexuelle Pädagogik, Ethik und Lebensführung. 

Henning, Karl L. (Denver, Colo. ü.S.A.), Die Oesehlechtsmoral der amerikaiiischcii 

Jugr^nd. (Arch. f. Sexualforsch. I. Heft 2. S. 283.) 

Eine auf eigener bald 20jähriger Erfahrung beruhende, recht trübe Schilderung 
der uns verschiedentlich als nausterhaft und nachahmenswert angepriesenen ameri¬ 
kanischen Jugenderziehung. — Schon in der frühesten Jugend werden Liebschaften 
als ganz stdbstverständlich angeknüpft, und in der Volksschule, noch mehr in der 
sogenannten high-school hat jeder boy sein girl oder sweet-heart und vice versa. 
Schulkinder von 7—10 Jahren schreiben sich Briefe, „die weder zu Rechnen, Lesen 
oder Geographie in Beziehung stehen“, und H. teilt aus eigenem reichen Material die 
Briefe eines 8 jährigen Mädchens an einen ebenso alten Jungen mit, worin dieser unter 
anderem aufgefordert wird „mit ihr bis an den Morgen zu schlafen“, was die darüber 
befragte Brief schrei berin dahin erläutei^te; „\vell, I don* know, we just will have some 
fun“. — Schwängerungen von 13—15jährigen Schulmädchen sind nach H. „durchaus 
keine Seltenheiten“; ebensowenig hoimliche Trauungen, ohne Ahnung seitens der Eltern, 
wobei dann, wenn die Sache zur Konjunktion kommt, „die ganze Klasse für die Ge- 
maßregelten einstimmig Partei ergreift und so lange von der Schule wegbleibt, bis 
die Betreffenden wieder zu Gnaden aufgenommen werden“. Durchbrennereien und sen¬ 
sationelle Zeitungsberichte (natürlich mit Photograpliien des betreffenden Paares) sind 
„zahllovs“; eixmso Zusammenkünfte in Bordellen usw. — Als „charity girls“ werden ge- 
fäUige Mädchen bezeichnet, die Männer an sich locken, mit ihnen in „Hotels“ usw. 
gehen, ohne aber eine Bezahlung dafür anzunehmen. Die an den meisten high-schools 
bestehenden geheimen Gesellschaften (fraternities und sororities) tragen zur 
Beförderung gesclilechtlicher Ausschweifungen wesentlich bei. Venerische Krankheiten 
sind erschreckend häufig; nach Birdseyes Ermittelungen an amerikanischen CoUe^s 
sind mindestens 20^Iq der Studenten damit behaftet, l^vor sie ihren Lehrkursug be¬ 
endet haben; nach einer anderen Angabe beträgt die Durchschnittszahl der Infizierten 
schon bei den „undergraduates“ 30”/o. — Ganz besonders schlimm steht ee mit den 
Colleges, in denen das System der Koedukation besteht. Ersclireckend sind die 
über Häufigkeit der SyphiÜs unter den Jugendlichen mitgetcilten Zahlen. In Chikago 
gingen während 27 Monaten 600 Kinder unter 12 Jahren durch die syphilitische Ab¬ 
teilung des Cook County Hospital (ca. 15o/o direkt Syphilis, Tripper). In Denver 

waren (nach dem dortigen Richter L i n d s e y) von der gesamten schulpflichtigen Jugend 
mindestens 20o/o mit Syphilis behaftet. Von den die Schule besuchenden Zeitungs¬ 
jungen (newspaper boys, newsies) hal>en in Cliikago 1/3 venerische Krankheiten usw. usw. 
Haus und Schule sind nach H. für die erschreckende Verkommenheit der Jugend 
in gleicher Weise verantwortlich. Mit Recht wurde neuerdings auf eine Reform des 
gesamten ScliulwestMis gedrungen, bisher jedoch erfolglos. — „Amerika, du hast es 
besser?“ A. Eulenburg (Berlin). 

Allgemeines, Ethnologie und Folklore, Pathoqraphie, Kultur- 
und Literaturgeschichtliches. 

Renz, Barbara, Schlange nnd Baum als Sexualsymbole tu der Völkerkunde* 

(Arch. f. Sexiialforsch. I. Heft 2. S. 341.) 

Schlange und Baum worden bald identisch. l>ald mannweiblich, bald männlich, bald 
w<.‘iblich symbolisiert, ohne daß ihnen der sexuelle Charakter in einem dieser Fälle abzu¬ 
sprechen wäre. Wenig bekannt ist, daß die Alten die Schlange auch u. a. als Sonnensteni 
auffaßten, die sich vom Gehirn durch das Rückgrat in die Zeugungsorgane hinüber¬ 
schlängelt — eine AuffaxSsung, die allerdings erst bei den Gnostikern (Irenacus und 
Hippolyt) wirklich ausgesprochen wird, aber wahrscheinlich schon auf uralte Vorstel¬ 
lungen zurückgeht. Schlangen und Bäume sind auf griechisch-römischen Grabreliefs Sym¬ 
bole des sich aus dem Tod wiedererzeugenden Ix^beiis — wolxd das Grab zugleich als 
Muttersehoß gedacht wird. Lebensbäume sind oft von Böcken oder anderen Tieren um- 
gel)en, die wiegen ihres üppigen Sexuallebens hervorragende Rollen im sexualrcligiösen 
Kult spielen. Ein elamitischor Lc^bensbaum ist in Adlcrforra dargestellt, mit .lusge- 
spannten Flügeln; links und ret*hts auch hier je ein Bock kniend. Adlerköpfig sind auch 
Sclilangen, die an claniitischen Ixibensbäumen aufrecht auf dem Schwänze Stehen (in 


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Bücherbesprechungen. — Varia. 


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einem Falle einem Weibe gegenüber; Samenkügelchen dabei). Von den Ägyptern wurde 
der männliche Samen unter dem Bilde eines jungen Adlers dargeötellt. Me zeugende 
Ursiibstanz war in gewissen Systemen nicht ausschließlich männlich, sondern mann> 
weiblich gedacht, wohin z. B. g(?wisse Lebensbäume der mykenischen Kunst, an deren 
Stamm je ein männliches und ein weibliches Tier sich l>efiiiden, zu gehören sdieinen. - - 
Ein in der Erde wurzelnder Baum ist und war Symbol der Begattung, und die gleiche 
Bedeutung haben gewisse zw^i ineinander verschlungene Bäume, aber auch zwei inein¬ 
ander verschlungene Sdilangcn (nlrr auch nur Schlangenlinien. Die Schlange ist in ihrem 
tiefsten Grund Symbol eim\s a p o t h e o s i e r te n oder doch gottwudrigen Gesclüechts- 
lel)en&, insofern dieses als das Höcliste erfaßt worden ist; daraus erklärt sich auch ihre 
Stellung in der Genesis. A. Eulen bürg (Berlin). 


Bücherbesprecliiingen. 

Posner, C., Die Hygiene des männlichen Gesehleehtsiebens. Zw^eite verbesserte 
Auflage. Leipzig 1916. Quelle & Meyer. 135 S. 1 Mk. 25 Pf. 

Von diew*m mit Recht beliebten und geschätzten Schriftchen des hervorragenden 
Bf^rliner Urologen ist schon nach wenigen Jahren eine neue Auflage notwendig gcw'orden, 
die der Verf. mit großer Sorgfalt zeitgemäß umgearl>eitet und durch erhebliche Zu¬ 
sätze bereichert hat. Die letzU‘ren erstrecken sich fast auf alle augenblicklich im Vorder¬ 
grund stehenden th<H)retisc}ien und praktischen Fragen der Sexologie, ich führe Jiur 
an (auf Neu ge hau er fußende) Zusätzen ül)er Scheinzwitterlum und Hermaphroditen; 
die Zusätze zur Frage der Urzeugung, über Pathogenesis, Vererbungsgesetze, Rassen¬ 
hygiene; über Sexualleben im Kindesalter (mit Rücksicht auf Freud), über geschlecht¬ 
liche Abstinenz; über Geburtenrückgang, Heeresersatz, Eiicfragen; über Impotenz und 
sexuale Perversionen; über die neuerdings wi^xler viel erörterte Frage der künstlichen 
Befruchtung; endlich über den Einfluß des Küq>ers auf die Ges<dileclitekrankheiten und 
deren Bekämpfung. — Hs ist nicht zu b4'zw’eifcln, daß das (ursprünglich in Form von 
(» Vorlesungen abgelaßte, gut ausgestatUde) Büclileiu sich in der neuen, veränderten und 
rrweiterlcn Form noch mehr Freunde crw'erl>en und dementsprecliend auch noch mehr 
hygienischen Nutzen stiften wird als l>ereits in der ersten. A. E u l e n b u r g (Berlin). 


Varia. 

Wie Prof. Gau eher in der Sitzung der Acadömic de McHlceine in Paris mitteilte, 
hat die Zahl der Syphiliskninkcn »füt Kriegsbeginn in Frankreich um 50Oy'„ ziigeiiommrui. 
(Münchn. N. Nachr. Nr. 167 vom 1. April J916.) 

Die Bevölkerungsdichtigkeit der Erde. Nach dem „Journal des Dobats^' 
sind die bereits vor einigen Jahren begonnenen, durch den Krieg aber uuterbrochen ge¬ 
wesenen Berechnungen über die Zahl aller auf der Erde vorhandenen Mensclien vor 
kurzem zum Abschluß gelangt. Es ergibt sich daraus, daß die Erde von nahezu 
18(X) Millionen Menschen bewohnt ist, von denen mehr als die Hälfte, 91t) 
Millionen, in Asien wohnen. Es wird allerdings dabei bemerkt, daf» die asiatische Ziffer 
nur auf Schätzimgen beruht, da eine Volkszählung in unserem Sinne weder in den inneren 
Teilen Chinas noch auch bei den mittelasiatischen Gebirgsbewohnern durchführbar w'ar. Europa 
wird von 470 Millionen, Nord- und Südamerika zusammen von 182, Afrika von 160 und 
Australien nebst den dazu gehörenden Inseln von 60 Millionen Menschen bewohnt. Für 
Australien, mehr noch von der Inselwelt Ozeaniens, gilt übrigens das Gleiche, was von 
Asien gesagt ist. Die letzte deiartige Berechnung fand in der Mitte der achtziger Jahre 
des vergangenen Jahrhundeits statt, und da die Zahl der Menschen sich damals auf ruiul 
1500 Millionen belief, .so hat sie in diui letzten 30 Jahren um 300 Millionen zugenommeii. 


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New Yorker Brief. 


55 


New Yorker Brief. 

Wir stehen überall im Zeichen der Zeit. Elementare Umwälzungen 
im Walten der Natur, wie im Leben der Völker machen sich bekanntlich 
überall auf unserem kleinen Planeten gleichzeitig bemerkbar. 

Wenn europäische Nationen ein Problem der Volksemährung mit 
gewohnter Technik bewältigen und sich auf die mathematische Genauig¬ 
keit ihrer Erfahrang und wissenschaftliche Analyse der Lebensbedin¬ 
gungen verlassen, so wird es selbst manchem ihrer Führer als eine 
Neuigkeit gelten, von der „neuen Welt“ zu erfahren, daß unsere großen 
Verkehrszentren augenblicklich vielleicht mehr über Lebensmittelver¬ 
teuerung klagen als Haushälter in den kriegführenden Ländern. Der 
Grund dafür liegt tatsächlich — so unglaublich es auf den ersten Blick 
erscheinen mag — in dem Umstande, daß der Frachtverkehr, besonders 
nach den großen Hafenplätzen in Nordamerika so mit Versand von 
Kriegsmunition überbürdet ist, daß Lebensmittel jeder Art nicht in den 
nötigen Mengen im gegebenen Zeiträume befördert werden können. 

Hiren deutschen Lesern dürfte es zur Genugtuung gereichen, wie 
es andererseits von internationaler Bedeutung ist, daß unter den vom 
europäischen Kriegsschauplätze zurückkehrendeu Kollegen es besonders 
Amerikaner, gelegentlich auch mit echt englischen Namen, sind, welche 
mit Ausdrücken der aufrichtigsten Bewunderung des deutschen Ideals, 
der deutschen Leistungsfähigkeit auf jedem Gebiete und in jeder Lage, 
nicht sparen. Überall und bei jeder Gelegenheit wird immer wieder, 
namentlich im ärztlichen Kriegsdienst, die deutsche Organisation und 
planmäßige Zweckerreichung („efficiency“) betont. Die erste Sitzung 
im Jahre 1916 der ca. 5000 Mitglieder starken N. Y. County Society 
(ärztliche Gesellschaft Bezirk New York) füllte den wissenschaftlichen 
Teil ihres bis zur späten Stunde ausgedehnten .4bends fast ganz mit 
der militärärztlichen Frage aus und berücksichtigte die Neigungen und 
Bedürfnisse der martialischen Herren Kollegen, welche zahlreich als 
Gäste da waren, auch in dem einzigen allgemein medizinischen und zu¬ 
gleich praktischen Vortrage, den für die Vereinigten Staaten von Nord- 
.4merika neuen Gegenstand des Lehrens chirurgischer Operationen mit 
Hilfe von Kinematographie einführend, womit Herr Dr. J. Bentley Scjuier, 
Spezialist der Abdominalcbirurgie in viro, durch eine vorzügliche Dar¬ 
bietung den Abend beschloß. „Military Preparedness From The Medical 
Standpoint“ wurde in sechs Vorträgen von Militärärzten jeden Ranges 
aus der Armee gründlich beleuchtet und diskutiert. Daß der Amerikaner 
weder den Vertretern anderer Nationen zweckloserweise, noch seinen 
dienstlichen Vorgesetzten notgedrungen Schmeicheleien zu sagen gewillt 
ist, wenn es einzig Ermittlung oder Feststellung der Wahrheit gilt, 
ging aus der rücksichtslosen Kritik an dem im eigenen Lande Vorhan¬ 
denen, oder vielmehr meist nicht Vorhandenen, hervor. In ruhiger, 
ernster Aussprache wurden Epitheta gebraucht, welche zu wiederholen 
internationale Höflichkeit mir verbietet. 

Was aber weniger der Eugenik im weitesten Sinne auf Rechnung 
zu schreiben wäre, eine volkswirtschaftliche Notlage, ferner Streben 
nach Vervollkommnung im Daseinskämpfe der Rassen, und. um zur 
Sexualwissenschaft selbst zurückzukehren, so gehen wir, in New York 


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56 


New Yorker Brief. 


wenigstens, den sogenannten Knltnrnationen in vielen ärztlichen Ma߬ 
nahmen anch oft mit gutem Beispiel voran. Die Gesundheitsbehörde 
ist sehr gründlich und praktisch in ihren Verordnungen. Für den 
Eugeniker besonders interessant sind die Mittel, welche Hebammen zu 
segensreichem Wirken an die Hand gegeben werden. .4nf aufhängbaren 
Karten sind gedruckt 23 kurze, bedeutungsschwere Schlagworte in bezug 
auf direkte Ausübung des Berufs, zehn Gründe, warum eine Mutter 
ihr Kind an der Brust nähren soll, und Diätkarten für Kinder von 12 
bis 18 Monaten, von 2—3 Jahren, von 3—6 Jahren. Eminent praktisch 
und zuverlässig ist die Aufmachung der Silbemitratlösung zur Instillation 
in die Konjunktiven des Neugeborenen. 4 Tropfen werden steril ver¬ 
siegelt in einem kompressiblen Paraffinzapfen, etwa von Größe und Ge¬ 
stalt eines Suppositorinms, je eins für ein Kind berechnet. Es ist ge¬ 
setzliche Vorschrift, daß Geburtshelfer dieses Präventiv bei sich führen 
und es wird kostenlos geliefert. In ähnlicher Weise ist weitgehend für 
pathologische Laboratoriumsuntersuchnngen gesorgt, besonders bakterio¬ 
logische, wie Ihnen wohl bekannt ist. 

Ganz besondere Aufmerksamkeit hat New York der Prophylaxe 
der Syphilis gewidmet. Wenn ich eine zuverlässige Wassermannreaktion 
erhalten will, hole ich mir das Blutserum von der Gesnndheitsbehörde, 
welche gleichzeitig für jeden Einzelfall eine sterilisierte intravenöse 
Nadel liefert. Seit 1. Mai 1912 sind die folgenden gesetzlichen Bestim¬ 
mungen (in kurzem Auszug) in Kraft: 

Venerische Krankheiten sind infektiös, ansteckend und präventabel. 
Sie bedeuten eine ernste Gefahr für die öffentliche Gesundheit ünd ge¬ 
hören daher durchaus unter die Aufsicht der Gesundheitsbehörden. 

Behördliche Kontrolle nicht möglich ohne ein System der Meldung 
und Buchführung (notification and registration), sowie behördliche Für¬ 
sorge für Patienten, unfähig zu zahlen, oder nicht gewillt, sich ent¬ 
sprechender ärztlicher Behandlimg zu unterziehen. 

Daher Verfügung und demgemäße praktische Ausübung: verant¬ 
wortliche Personen, Leiter usw. von öffentlichen Anstalten jeden Cha¬ 
rakters, welche wie Hospitäler, Kliniken, Asyle, Heimstätten die Gesund¬ 
heit ihrer Besucher oder Insassen zu überwachen haben, müssen Namen, 
Geschlecht, Alter, Nationalität, Rasse, eheliches Verhältnis und Adresse 
eines jeden an Syphilis, Chancroid oder gonorrhoischer Infektion Leidenden 
(inklus. gonor. Arthritis), sowie möglichst ausführliche Krankengeschichte 
prompt mitteilen. 

Jeder praktizierende Arzt, welchem Fälle in der Privatpraxis unter 
Behandlung oder Beobachtung kommen, hat dieselben Verpflichtungen 
wie öffentliche Anstalten der Gesundheitsbehörde gegenüber. Nur braucht 
er nicht Namen und Adresse des Patienten mitznteilen. Das ärztliche 
Berufsgeheimnis wird auch den Patienten der ersten Kategorie gegen¬ 
über strikt bewahrt. P. 


Für die Redaktion TerantworÜich ; Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A* Enleabnrf in Berlin. 
A. Marent d £• Webern Verla« (Dr. jiir. Albert Ahn) in Bona. 

Druck: OUo WlfaBd’iche BnchdrackereJ G. m. b. H. in Lelpilg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Dritter Band Mai 1916 Zweites Heft 


Über die Freudsohe Lehre ^). 

Von Iwan Bloch 
in Berlin 

(zur Zeit ordinierender Arzt am Reservelazarett Beeskow [Mark]). 

Verehrte Anwesende! Am 21. Febmar 1913, also genau drei Jahre 
vor dem am 18. Febmar 1916 hier gehaltenen Vortrage unseres verehrten 
Kollegen Koerber, ist die „Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissen¬ 
schaft“ in Berlin begründet worden, mit dem ausgesprochenen Zwecke, 
den bisher zerstreut und zersplittert arbeitenden Kräften auf dem Ge¬ 
biete der Sexualwissenschaft einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt zu 
geben, sie in voraussetzungsloser und unvoreingenommener Weise der 
objektiven sexualwissenschaftlichen Forschung dienstbar zu machen. 
Diesem Gmndsatz entsprechend war es von vornherein das Bestreben 
der Gesellschaft, möglichst alle Bichtungen bei uns zu Worte kommen 
zu lassen, und sie bat deshalb in der Person ihres Mitbegründers Dr. 
Koerber auch einen ausgesprochenen Anhänger Freuds in den Vor¬ 
stand gewählt. Und wenn auch die nicht der Freud sehen Schule 
ungehörigen Mitglieder unserer Gesellschaft — und das ist ja die Mehr¬ 
zahl — sich gegenüber der Tragweite und Tragfähigkeit seiner psycho¬ 
logischen Theorien und symbolischen Deutungen skeptisch verhalten, so 
gibt es doch einen Punkt, eine gmndlegende Tatsache, in der wir alle, 
ohne Ausnahme, die gewaltige Arbeitsleistung Freuds rückhaltlos an¬ 
erkennen, weil sie unserer eigenen wissenschaftlichen Anschauung und 
Betätigung vollkommen entspricht. Das ist sein unermüdlicher Kampf 
für die Gleichberechtigung der Sexualität und des Sexuellen als eines 
Gegenstandes reinwissenschaftlicher Forschung mit den übrigen Diszi¬ 
plinen der Medizin, ein Kampf, der sich in erster Linie gegen seine 
engeren Fachgenossen, die Neurologen und Psychiater, richtet, die bisher 
vielfach aus nichtwissenschaftlichen Motiven dieses Gebiet vernachlässigt, 
ja förmlich perhorresziert haben und in ihren Kritiken der F r e u d sehen 
Lehre diesen Standpunkt nur allzusehr hervortreten lassen. Wenn man 
dann sieht, daß auch in den Lehrbüchern der philosophischen und 
experimentellen Psychologie die sexuellen Phänomene so gut wie gar 
nicht behandelt werden, so kann das Verdienst Freuds, die Sexual¬ 
psychologie als gleichberechtigten Teil in die Psychologie eingeftigt zu 
haben, gar nicht hoch genug eingesebätzt werden. Eine Diskussion 
über die Lehren Freuds in einer Gesellschaft für Sexualwissenschaft, 
in der ersten, die in Deutschland und überhaupt in der Welt ge¬ 
gründet wurde und die sich der Pflege und Fördemng der Wissenschaft 


*) Diskassionsbemerkangen in der Sitznng der „Ärztlichen Gesellschaft für Sexual¬ 
wissenschaft“ in Berlin am 17. März 1916. 

Zeitflchr. f. SeznalwiHenschaft 111, 2. 5 


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58 


Iwan Bloch. 


vom Sexuellen, d. h. von den Erscheinungsformen und Wirkungen der 
Sexualität in körperlicher und geistiger, in individueller und sozialer 
Beziehung widmet, muß ständig von dem Gedanken an diese grund¬ 
sätzliche Übereinstimmung in der rein objektiven naturwissenschaftlichen 
Auffassung und Bewertung der Sexualität getragen sein, dann wird sie 
bei aller Kritik dem Manne und seinem Werke gerecht werden. 

Nachdem eine schon im ersten Jahre des Bestehens unserer Ge¬ 
sellschaft an Freud selbst gerichtete Aufforderung, uns hier einen 
allgemein orientierenden Vortrag über seine Lehre zu halten, leider 
keinen Erfolg hatte und nachdem uns am 19. Dezember 1913 und am 
3. Juli 1914 die Herren Hans Liebermann und Earl Abraham 
je einen Vortrag über einige psychoanalytische Spezialfragen gehalten 
hatten, der erstere über die erogenen Zonen, der zweite über Gatten¬ 
wahl, Inzucht und Exogamie, sind wir Herrn Kollegen Koerber zu 
aufrichtigem Danke verpflichtet, daß er uns in so klarer und lichtvoller 
Weise eine allgemeine Übersicht über die wichtigsten Lehren Freuds 
und ihre Abzweigungen gegeben und uns so die Gelegenheit verschafft 
hat, beute abend uns in einer hoffentlich recht erschöpfenden und för¬ 
dernden Weise eine ira et Studio über die theoretische und praktische 
Bedeutung der Psychoanalyse auszusprechen. 

In Herrn Koerbers Darstellung erschien die Freud sehe Lehre 
im großen und ganzen als eine durchaus originale und geniale Schöpfung 
des Meisters, fast ohne Beziehung zu früheren Erfahrungen und Ge¬ 
danken in der Medizin und Psychologie. Dies ist aber keineswegs der 
Fall, und ich glaube, daß wir es der wissenschaftlichen Wahrheit und 
auch Freud selbst schuldig sind, wenn wir sie in den Zusammenhang 
und Jdeenkreis einfügen, aus dem heraus sie entstanden ist, wenn wir 
die von seinen Vorgängern beobachteten Tatsachen hervorheben, die 
ohne Zweifel von großem Einflüsse auf die Entstehung seiner Lehre 
gewesen sind. Erst in diesem Zusammenhänge werden wir diese letztere 
besser verstehen und objektiver würdigen. 

Die erste hier in Betracht kommende Tatsache betrifft die eigen¬ 
tümliche Natur der sexuellen Affekte und Vorstellungen. Schopen¬ 
hauer hatte iu einem bekannten Worte die Sexualität als den „Brenn¬ 
punkt“ des Willens bezeichnet, der hier mit höchster intensivster 
Kraft und Zähigkeit sich offenbart. Denselben Charakter der Zähigkeit 
und Festigkeit tragen die aus der normalen und pathologischen Sexua¬ 
lität hervorgehenden Affekte und Vorstellungen. Von einer unglaublichen 
„fixitö“ und „t^nacitö“ derselben spricht der berühmte französische 
Psychiater Paul Moreau (de Tours) in seinem an wertvollen Be¬ 
obachtungen reichen Buche über die sexuellen Aberrationen i), das 1880 
in 2. Auflage erschien. „Jedermann weiß“, sagt er, „mit welcher Kraft, 
mit welcher unüberwindlichen Zähigkeit der Geist die sexuellen Vor¬ 
stellungen festhält Vergeblich erschöpft sich die strenge Vernunft im 
Kampfe gegen sie, ihre Herrschaft wird dadurch noch absoluter. Sie 
sind da, immer da, wie ein unter der Asche verborgenes Feuer, aus 
dem in jedem Augenblicke Funken hervorsprühen, die entzünden und 
verzehren. Was man auch tut, es ist unmöglich, sich davon zu befreien. 


*) Paul Moreau (de Tours), Des aberrations du sens gen4sique. Paris 1880. 
2. edit. p. 135. 


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■ über die Freudsche Lehre. 


59 


Sagt uns nicht ein tiefes Gefühl, daß wir unter dem Einflufi von Ideen 
stehen, denen man wohl eine von unserem Willen und von unserem Ich 
unabhängige Macht zugestehen muß? Diese Ideen wiederholen sich 
unter allen möglichen Formen und beherrschen oft den Geist 
ohne sein Wissen.“ 

Hier wird also klar und deutlich die Wirkung der in ihrer ganzen 
Hartnäckigkeit und Festigkeit vortrefflich beobachteten sexuellen Affekte 
und Vorstellungen aus dem Unbewußten heraus geschildert 

Nun erhebt sich die Frage: In welcher Zeit entstehen diese so 
schwer ausrottbaren sexuellen Affekte und Vorstellungen, namentlich 
solche krankhafter Art? Die Antwort gaben ebenfalls schon vor Freud 
der französische Psychologe A. Binet und der deutsche Neurologe A. von 
Schrenck-Notzing^). Sie wiesen an zahlreichen Beobachtungen 
nach, daß dies fast stets im Eindesalter geschieht, daß solche fest¬ 
haftenden sexuellen Ideenassoziationen meist schon beim Kinde durch 
starke mit sexueller Erregung zusammentreffende Eindrücke hervor¬ 
gerufen werden und dann unbewußt oder auch bewußt fortbestehen und 
zu eingewurzelten Neigungen, den sexuellen Perversionen, Veranlassung 
geben. Jedenfalls haben bereits Binet und Schrenck-Notzing®) 
dem Kindesalter einen maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung der 
vita sexualis des Erwachsenen zngeschrieben. 

Wenn ich nun an dieser Stelle der Vorgeschichte der Freud sehen 
Lehre unter denjenigen, die einen größeren Einfluß auf sie gehabt haben, 
auch mich nenne, so darf ich mich auf Freud selbst berufen, der in 
seiner 1905 zuerst erschienenen Schrift „Drei Abhandlungen zur Sexual¬ 
theorie“ ausdrücklich die Ablösung der bisherigen pathologischen Be¬ 
trachtung der sexuellen Perversionen durch die anthropologische mit 
meinem Namen verknüpft und mein drei Jahre früher erschienenes Werk 
„Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis“ (Dresden 1902—1903, 
2 Bände) zitiert. Es finden sich in diesem Buche die folgenden, auch 
der Freud sehen Lehre eigentümlichen Elemente. Erstens stellte ich 
gegenüber der ausschließlich von pathologischen Gesichtspunkten aus¬ 
gehenden Theorie der Psychopathia sexualis, wie sie Krafft-Ebing 
für immer denkwürdig formuliert hat, eine anthropologische Theorie 
auf und zeigte, daß die Verbreitung der sexuellen Perversionen unter 
Kultur und Naturvölkern weit über den Kreis der eigentlich 
Degenerierten hinausgeht. Zugleich versuchte ich bereits eine 
rein biologische Ableitung der Perversionen aus dem physiologischen 
Ablauf des Sexualaktes. Hier anknüpfend hat Freud ja dann die 
Anlage zu den Perversionen als die ursprünglich allgemeine Anlage 
des menschlichen Geschlechtstriebes und dementsprechend das kleine 
Kind als „polymorph pervers“ bezeichnet. Wenn ich auch nicht soweit 
gehe, so möchte ich doch Freud gegen einen Einwand in Schutz 
nehmen, den Forel in seiner „Sexuellen Frage“ (1909, S. 246) gegen 
diese Theorie von den Perversionen als einer ursprünglich allgemeinen 
Anlage gerichtet hat, indem er nämlich meint, eine solche Anlage diene 
nicht den Erfordernissen der Erhaltung und Förderung des Arttypus. 


‘) Vor ihnen schon Alexander von Humboldt Vgl. die Stelle in meinem 
Buche „Das Sexualleben unserer Zeit“. 9. Auflage. Berlin 1909. S. 515—516. 

*) Neben und nach ihnen auch Fere, Garnier u. a. 

5* 


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60 


Iwan Blocb. 


Das ist ganz gewiB nicht zntreffend. Wir beobachten nämlich schon 
im Tierreiche, dafi gewiße scheinbar perverse Begleiterscheinungen des 
Geschlechtsaktes, z. B. solche sadistischer Natnr, Schlagen, Beißen n. a^ 
offenbar eine gesteigerte Lnstbefriedignng herbeiführen und dadurch 
Empfängnis und Fruchtbarkeit befördern. In Burdachs Physiologe 
findet man eine Menge Beispiele dafür. Das gleiche gilt sicherlich 
auch für den Menschen. 

Das zweite Problem, das ich in dem erwähnten Buche ausführlich 
behandelte und das auch später in der Freud sehen Lehre eine große 
Bolle spielt, ist die Lehre von den sogenannten erogenen Zonen. 
In diesem Abschnitt findet sich auch bereits der Gedanke der Fixierung 
der Libido an einen Partialreiz oder einen Körperteil deutlich aus¬ 
gesprochen in dem Satze; „Es können alle Sinne synästhetische Beize 
beim Geschlechtsakte liefern, wodurch nicht nur eine Vielfältigkeit 
erogener Zonen geschaffen wird, sofern häufig irgendein bestimmter 
anfänglich nur synästhetischer Beiz allmählich als unentbehrlich zum 
vollen Genüsse und schließlich als allein den letzteren herbeiführend 
empfunden wird, indem gewissermaßen dieser Beiz sich als 
selbständiges Agens von allen übrigen Komponenten der 
Libido sexnalis ablöst und zum sexuellen „Fetisch'^ wird^). 

Drittens stellte ich damals unter dem Namen „sexuelle Äqui¬ 
valente“ einen neuen Begriff auf, der uns später bei Freud wieder 
als „Sublimierung^‘ begegnet. Es handelt sich dabei um jene zahl¬ 
reichen psychischen und körperlichen Äquivalente, in die sich die 
potentielle Energie des Geschlechtstriebes umsetzen kann, und deren 
Studium uns vor allem die ungeheure Bedeutung des Sexuellen für das 
Individuum, für sein Geistes- und Affektleben enthüllt und weiterhin 
es als ein gewaltiges Kulturprinzip in das hellste Licht stellt. 

Endlich findet viertens in meinem Werke die Sexnalsymbolik 
eine eingehende Würdigung, die später einen so wesentlichen Bestand¬ 
teil auch der Psychoanalyse Freuds bilden sollte. Auch das von den 
Psychoanalytikern viel benutzte Werk von Bourke über die skato- 
logischen Biten fand schon damals eingehende Berücksichtigung. 

Was nun die Entdeckung der sogen, psychoanalytischen 
Methode Freuds an betrifft, so knüpft sie bekanntlich an merkwürdige 
Beobachtungen von Pierre Janet und Josef Breuer an. Janet 
hatte einzelne Fälle von Hysterie dadurch geheilt, daß er seine Patientin 
hypnotisierte, sie in den Zustand versetzte, wo sie ihren ersten Anfall 
erlitten hatte, und ihr dann diesen Zustand als harmlos suggerierte*). 
1880 fand der Wiener Arzt Josef Breuer bei einem hysterischen 
Mädchen, daß ihre Krankheitserscheinungen verschwanden, als die 
Patientin sich in der Hypnose an die vergessene Ursache für das erste 
Auftreten ihres Symptoms wieder erinnerte und die damit verbundene 
nicht vollständig zum Ablauf gekommene Gemütserregung nun erst 
völlig durcherlebte und sich durch Abreagierung davon befreite. Die 
Mitteilung dieser Erfahrung an Freud gab diesem die Veranlassung 

‘) Iwan Bloch, Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. Dresden 1903. 
Bd. n. S. 192. 

*) Vgl. N. Brauns hausen. Einführung in die experimentelle Psychologie. 
Leipzig 1915. S. 49. 


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über die Freudsche Lehre. 


61 


zu weiteren Beobachtungen auf diesem Gebiete und zur Fortbildung 
der „kathartischen Methode'^ Breuers, insbesondere auch außerhalb 
der Hypnose. So entstand die sogen, „psychoanalytische“ Methode als 
eigenstes Werk Freuds, wobei er sich zur Erkennung der ins Unbe¬ 
wußte verdrängten krankmachenden psychischen Komplexe der Analyse 
der Assoziationsvorgänge im wachen Zustande, der Untersuchung der 
sogen. Fehlhandlungen (Vergessen, Versprechen, Verschreiben, Verhören) 
und schließlich der Traumdeutung bediente. 

In bezug auf letztere muß allerdings noch ein Vorgänger erwähnt 
werden, der französische Psychologe Maury. Er sagt in seinem 1878 
erschienenen Werke .über den Schlaf und die Träume: „Es sind unsere 
Wünsche, die im Traume sprechen und die uns handeln lassen, ohne 
daß das Bewußtsein uns zuröckhält, obgleich es uns manchmal benach¬ 
richtigt. Offenbar werden die Visionen, die vor meinem Geiste vorüber¬ 
ziehen und die den Traum ausmachen, mir durch von mir empfundene 
Erregungen suggeriert, die mein abwesender Wille nicht zu 
verdrängen sucht. Sobald er die Tätigkeit seines Willens suspen¬ 
diert, wird der Mensch das Spielzeug aller Leidenschaften, gegen die 
im wachen Zustande sein Bewußtsein, sein Ehrgefühl und seine Furcht 
ihn schützen. Im Traum enthüllt sich vor allem der in¬ 
stinktive Mensch. Der Mensch kehrt im Traume sozusagen zum 
Stande der Natur zurück. Aber je weniger die erworbenen Vorstel¬ 
lungen seinen Geist durchdrungen haben, um so größerenEinfluß 
üben die damit in Disharmonie stehenden Wünsche im 
Traume auf ihn aus“i). 

Dies, verehrte Anwesende, ist in kurzen Zügen die Vorgeschichte 
der Lehre Freuds. Sie ersehen daraus, daß sie in vielen wesent¬ 
lichen Elementen mit der zeitgenössischen medizinischen und psycho¬ 
logischen Forschung zusammenhängt. Ihre Originalität liegt in der 
Verbindung dieser alten Elemente mit neuen psychologischen Theorien 
und Deutungen und in der Verarbeitung zu einem eigenartigen Ganzen, 
das unter dem Namen „Psychoanalyse“ den Anspruch erhebt, eine 
neue experimentelle Individualpsychologie darzustellen, deren Methode 
auch für ein tiefer eindringendes Studium der Sozial- und Völker¬ 
psychologie brauchbar sei, auch für die Erkenntnis des Wesens von 
Mythus und Religion, von Kunst und Wissenschaft die allergrößte 
Bedeutung besitze. Auch der Gegner der psychologischen Theorien 
und Deutungen Freuds wird anerkennen müssen, daß es sich hier 
um eine grandiose Konzeption handelt, die in jedem Falle bereits das 
früher nur geringe psychologische Interesse in der Medizin ungemein 
belebt und ihre Fruchtbarkeit durch die zahlreichen Anregungen nach 
allen Seiten hin erwiesen hat. 

Auf der anderen Seite zeigt die vom Kollegen Koerber in so 
dankenswerter Weise gegebene Übersicht über die in Anbetracht der 
kurzen Zeit bereits zahlreichen Abzweigungen der Freud scheu Lehre, 
daß die Kritik schon im Lager der ursprünglichen Anhänger ein 
weites Feld fand, geschweige denn im Lager der Gegner. Diese Kritik 


*) Maury, Le Sommeil et les Reves. Paris 1878. p. 113. 115. 462. Cit. nach 
E.Rogis et A. Hesnard, La Psvchoanalvse des Nevroses et des Psychoses. Paris 1914. 
p. 329-330. 


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62 


Iwan Bloch. 


richtete eich erstens gegen die psychologische Gnindlage überhaupt, 
gegen die übergroße Bolle, die Freud dem Unbewußten im psy¬ 
chischen Leben und seinen Wirkungen zuteilt, zweitens gegen das, 
was man als „Pansexualismus“ bezeichnet hat, d. h. gegen die 
unzulässige Erweiterung des Begriffs der Sexualität und gegen die 
Deutung aller möglichen psychophysiologischen Vorgänge, namentlich 
beim Kinde, als sexueller, vor allem aber gegen die weitübertriebene 
Sexualsymbolik, für die es bald keinen Gegenstand, kein Geschehen 
mehr gibt, das nicht als sexuelles Symbol verwendet werden könnte 
und werde, und endlich gegen die Anschauung, daß das sexuelle Trauma 
als ausschließlicher Faktor für die Entstehung der Neurosen in Betracht 
komme. Drittens ist die Lehre von der inzestuösen Fixierung der 
kindlichen Libido, vom sogen. „Ödipuskomplex“ Gegenstand hef¬ 
tiger Angriffe gewesen. Dasselbe gilt viertens von der Traum¬ 
deutung und fünftens von der psychoanalytischen Technik. 
Alle diese Einwände werden ja noch im Laufe der noch folgenden 
Diskussion von den einzelnen Bednem pro und contra berührt werden. 
Ich möchte aber meine Ausführungen nicht schließen, ohne Ihnen noch 
in aller Kürze meinen eigenen Standpunkt gegenüber der Freud sehen 
Lehre vorzutragen, soweit ich ihn mir bisher bilden konnte. Es ist, 
um mich eines jetzt sehr beliebten Wortes zu bedienen, ein Standpunkt 
der wohlwollenden Neutralität, und von diesem aus möchte ich folgendes 
bemerken: 

Die Psychiatrie konnte sich erst in dem Augenblick aus den Fesseln 
der Seelenvermögen und der metaphysischen Ontologien befreien und 
eine wirkliche Naturwissenschaft werden, als man erkannte, daß die 
Geisteskrankheiten nichts anderes sind als Gehimkrankeiten, d. h. als 
man ihre körperlichen Grundlagen einem genauen klinischen und ana¬ 
tomischen Studium unterwarf, während man keineswegs darüber die 
psychischen Veränderungen vernachlässigte. Man muß vom Bekannten 
ausgehen, um das Unbekannte zu erklären. So ist es auch mit den 
Neurosen, dem eigentlichen Forschungsgebiet der Freudschen Psycho¬ 
analyse. Es ist meine feste Überzeugung, daß wir ihrem 
wahren Wesen nur durch die Erforschung ihrer anato- 
misch-physiologisch-klinischen Grundlagen, nicht aber 
auf dem rein psychologischen Wege der Methode Freuds 
heikommen können. Diese stellt sich meines Erachtens eine un¬ 
mögliche Aufgabe. Gestatten Sie mir. Ihnen ein erläuterndes Beispiel 
dafür anznführen. Stellen Sie sich den allerdings in Wirklichkeit ziem¬ 
lich unwahrscheinlichen Fall vor, daß zwei Ärzte zu gleicher Zeit am 
Lager einer interessanten an Angstneurose leidenden Kranken sitzen, 
ein Psychoanalytiker und ein keiner Schule zugehöriger Arzt, der aber 
die modernen klinisch-physiologischen Fortschritte verfolgt Während 
der Psychoanalytiker der Patientin Beizworte zumft und nach längerer 
Zeit den krankmachenden Komplex in Gestalt eines engen dunklen 
Zimmefs, in dem die Kranke sich eingeschlossen wähnt, glücklich zu¬ 
tage fördert, hat der andere während deser Zeit sich darauf beschränkt, 
die Patientin aufmerksam zu betrachten, besonders ihren leicht ent¬ 
blößten Hals, und ihr den Puls zu fühlen. Sie ziehen sich dann zur 
gemeinsamen Beratung zurück. Triumphierend verkündet der Psycho¬ 
analytiker, daß er in dem bewußt gewordenen Komplex den Weg zur 


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über die Freudsche Lehre. 


63 


Heilung gefunden habe. Das dunkle Zimmer sei ein Symbol für den 
Mutterleib. Offenbar handle es sich um eine inzestuöse Fixierung, um 
eine Form des Ödipuskomplexes, von dem er die Kranke nun in Bälde 
befreien werde. Der Kliniker fand weniger, aber meines Erachtens 
mehr. Er batte am Halse eine leise, aber doch deutliche Schwellung 
der Schilddrüse beobachtet, sowie am Pulse eine vermehrte Frequenz. 
Er zog daraus den Schluß, daß es sich um eine Störung der Organe 
der sogenannten inneren Sekretion handle, zu denen auch die Schild¬ 
drüse gehört und daß es doch viel näher liege, diese Störung in einen 
ursächlichen Zusammenhang mit der Angstneurose zu bringen. 

Wenn man sich die gewaltigen Perspektiven vergegenwärtigt, die 
uns in den letzten Jahren durch die Forschungen über innere Sekretion 
eröffnet wurden und die vor allem eine ungemeine Erweiterung des Be¬ 
griffes „Sexualität“ und „sexuell“ mit sich gebracht haben, insofern 
außer den Geschlechtsdrüsen im engeren Sinne auch die anderen der 
inneren Sekretion dienenden Drüsen, wie die Schilddrüse, die Hypophyse, 
die Epiphyse, die Nebennieren, in hohem Grade an der endgültigen 
Ausbildung der sexuellen Individualität beteiligt sind und dabei in 
ständiger Wechselwirkung stehen, ein großes zusammenhängendes Sexual¬ 
system bilden, dann liegt die Möglichkeit durchaus nahe, daß alle die 
Erscheinungen, die Freud als „infantile Sexualität“ beschrieben bat, 
durch Zustandsänderungen in den endokrinen Drüsen hervorgerufen 
werden. Das könnte z. B. schon bei der Rückbildung der Thymus nach 
dem zweiten Lebensjahre der Fall sein. 

Unter dieser Voraussetzung einer derartigen in der genannten 
Richtung erfolgenden physiologischen Erklärung der Neurosen wird man 
die Lehre Freuds von der Rolle des Unbewußten und der Verdrängung 
unlustbetonter Erlebnisse beurteilen. Wer die Untersuchungen Herings 
über das Gedächtnis und Semons über die „Mneme“ und die „En¬ 
gramme“ durchdacht hat, wird nicht an der Realität und der Möglich¬ 
keit einer jahrelangen Latenz einstiger affektbetonter Erlebnisse zweifeln. 
Ich vermag mir aber nicht vorzustellen, wie ein solcher Unlnstafifekt 
sich von der ursprünglich mit ihm verbundenen Vorstellung loslösen 
und dann plötzlich später auf eine andere überspringen und sich an sie 
anheften kann, namentlich wenn man sich an die früher erwähnte außer¬ 
gewöhnliche Zähigkeit und Festigkeit der sexuellen Affekte erinnert. 
Es ließe sich endlich noch viel Kritisches sagen über die Regelmäßigkeit 
und Häufigkeit des Ödipuskomplexes, über die oft allzu phantastische 
Sexnalsymbolik der Freudianer, über die lange Dauer und die unan¬ 
genehmen Nebenwirkungen der Psychoanalyse. Ich hoffe, daß dies heute 
noch von anderer Seite geschehen wird und schließe meine Ausführungen 
mit dem Wunsche, daß die Psychoanalyse trotz aller Irrgänge und allzu 
kühnen Hypothesen sich in ihrer weiteren Entwicklung doch noch als 
eine dauernde Bereicherung der Medizin im allgemeinen und der Sexual¬ 
wissenschaft im besonderen erweisen möge. 


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A. Eulenburg. 


Moralität und Sexualität in der Naohkantsdhen 

Philosophie. 

Von A. Eulenbnrg 
in Berlin. 

(Schluß.) 

2. Fr. Schleiermacher. 

In demselben Jahre — 1798 — in dem Fichte sein, sich noch 
vielfach an Kant anlehnendes System der Sittenlehre veröffentlichte, 
erschienen die ersten Hefte einer von dem jungen Friedrich Schlegel 
herausgegebenen Zeitschrift, des „Athenaeum“, und verkündeten mit 
weithin vernehmbaren Heroldmfen das Herannahen, das stürmische 
Hereinbrechen einer sich gewaltig gebärdenden neuen, ästhetisch und 
ethisch revolutionierenden Zeitströmung, die seitdem unter dem viel¬ 
gefeierten und vielbefeindeten Namen der Romantik als Thronfolgerin 
oder wenigstens als Thronprätendentin unserer literarischen Klassik, 
in unserer Literatur- und Kulturgeschichte fortlebt. Gleich im zweiten 
Hefte dieser Zeitschrift fand sich ein merkwürdiger, namenlos er¬ 
schienener Aufsatz: „Ideen zu einem Katechismus der Vernunft für 
edle Frauen“, der (wie sich vermeintlich oder wirklich Eingeweihte 
wohl nicht ohne bedenkliches Kopfschütteln zerflüsterten) einen jungen 
Berliner Geistlichen, den damals als Charit^prediger angestellten, kaum 
30jäbrigen Friedrich Schleiermacher, zum Verfasser haben sollte. In 
Wahrheit ist Schleiermachers direkte Autorschaft niemals unwiderleg¬ 
bar erwiesen, von ihm selbst jedenfalls nie ausdrücklich zugegeben, 
allerdings auch ebensowenig ausdrücklich verleugnet worden *). Sicher 
hat er den Katechismus, wenn überhaupt, so unter dem Einfluß seines 
damaligen Berliner Umgangskreises verfaßt, zn dem bekanntlich in erster 
Reihe Henriette Herz, Dorothea Veit (die spätere Gattin Friedrich 
Schlegels) und die von ihm leidenschaftlich geliebte Gattin eines Amts¬ 
genossen, Eleonore Grunow, gehörten. Diese Berliner Zeit, in die auch 
die Herausgabe der berühmten, stark pantheistisch gefärbten „Monologe“ 
fällt, endete mit der durch den damaligen Oberkonsistorialrat, späteren 
Bischof Sack in Schleiermachers eigenem Interesse vermittelten Be¬ 
rufung als „Hofprediger“ in Stolpe (1802), die eine völlige äußerliche 
und innerliche Wendung seines Lebenslaufes bezeichnet. 


‘) Die meisten zeitgenössischen und späteren Autoren stimmen darin überein, den 
Katechismus als ein Werk Schleiermachers anzuseben, so namentlich auch sein Biograph 
Dilthey — der Herausgeber seiner Briefe — in „Schleiermachers Leben“ (Bd. 1, Berlin 1870). 
Neuerdings hat ü. Waisemann in einer interessanten Studio („Schleiermacher und die 
Frauen“, Preußische Jahrbücher Bd. 154, H. 3, S. 451) die Frage der Autorschaft Schleier¬ 
machers nochmals gründlich geprüft und kommt zu dem Ergebnis: „Die Idee des ,Kate¬ 
chismus der Vernunft für edle Frauen^ ist aus den Anschauungen und ünterhaltun^n 
des Berliner Kreises geboren; die einzelnen Überzeugungen gehören eben diesem Kreise 
und zum großen Teile den weiblichen Mitgliedern desselben an. Schleiermacher war 
wohl im Orunde nicht viel mehr als der Redaktor hinsichtlich der Form, in welche die 
,Idee‘ schließlich gebracht wurde. Lag aber die Sache so, dann erforderte die literarische 
Ehrlichkeit, daß Schleiermacher den ,Katechismus' als sein geistiges Eigentum nicht in 
Anspruch nahm; er konnte und mußte ihn sozusagen als ein literarisches Objekt 
bestehen lassen, zu dem ein bestimmter Name nicht gehört — Schleiermacher 
selbst ist seit 1802 nie mehr auf den ,Katechismus' zurückgekommen, weder in Briefen, 
noch in seinen späteren gereiften Darlegungen über die Bildung und Stellung der Frau.“ 


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Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie. 


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Dieser für Schleiermacher lange Zeit so verhängnisYoUe „Eatechis- 
mns“ setzt sich aas zwei Stücken znsammen, den „zehn Geboten*^ 
und dem „Glauben“, von denen die ersteren, für das uns hier beschäf¬ 
tigende Thema vorzugsweise beachtenswerten, folgendermaßen lauten ; 

1. Du sollst keinen Geliebten haben neben ihm; aber du sollst 
Freundin sein können, ohne in das Kolorit der Liebe zu spielen 
und zu kokettieren. 

2. Du sollst dir kein Ideal machen, weder eines Engels im Himmel, 
noch eines Helden aus einem Gedicht oder Roman, noch eines 
selbstgeträumten oder phantasierten; sondern du sollst einen 
Mann lieben, wie er ist. Denn sie, die Natur, deine Herrin, 
ist eine strenge Gottheit, welche die Schwärmerei der Mädchen 
heimsucht an den Frauen bis ins dritte und vierte Zeitalter 
ihrer Gefühle, 

3. Du sollst von den HeUigtümem der Liebe auch nicht das kleinste 
mißbrauchen; denn die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die ihre 
Gunst entweiht und sich hingibt für Geschenke und Gaben, oder 
um nur in Ruhe und Frieden Mutter zu werden. 

4. Merke auf den Sabbat deines Herzens, daß du ihn feierst, und 
wenn sie dich halten, so mache dich frei oder gehe zugrunde. 

ö. Ehre die Eigentümlichkeiten und die WUlkür deiner Kinder, auf 
daß es ihnen wohl gehe und sie kräftig leben auf Erden. 

6. Du sollst nicht absichtlich lebendig machen. 

7. Du sollst keine Ehe schließen, die gebrochen werden muß. 

8. Du sollst nicht geliebt sein wollen, wenn du nicht liebst. 

9. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer; du 
sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken. 

10. Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Weisheit, Kunst 
und Ehren. — 

Wenn wir diesen merkwürdigen sexaalethischen Dekalog unbefangen 
betrachten, allerdings nicht vom Standpunkte der zeitgenössischen 
rigoristischen Kant-Fichteschen Sexualmoral, sondern einer durch viele 
Phasen und vielen Wechsel der Anschauungen hindurchgegangenen 
freieren Gegenwartsmoral — so werden wir eigentlich kaum so viel 
Ereiferndes, Anstoß und Ärgernis Gebendes darin finden, wie man 
doch offenbar lange Zeit, und hier und da noch jetzt daraus hemehmen 
zu müssen gemeint hat. Die meisten dieser Gebote, vor allem 1—3, 
7—9 können wohl auch vor den vollkommensten und höchstgespannten 
sittlichen Anforderungen, Und gerade vor diesen unanfechtbar bestehen. 
Das siebente trifft auffallend mit dem bekannten Nietzsche-Wort zu¬ 
sammen: „Wohl brach ich die Ehe; doch zuvor brach die Ehe mich“ — 
und die Gebote 5 und 10 wiederum erscheinen so durchaus modernen 
{ich will damit keineswegs sagen, unbedingt berechtigten) Anschauungen 
und Wunschzielen entsprechend, daß man höchstens überrascht und er¬ 
staunt sein kann, bei einem jungen Geistlichen vor fast 120 Jahren 
schon Überzeugungen und freien Äußerungen auf diesem Gebiete zu 
begegnen, wie sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch jetzt noch der 


*) Zitiert nach Waisemann, 1. c. — Das in Betracht komnaende Heft von Schlegels 
„Athenaeum“ war mir leider nicht zugänglich. Waisemann selbst bezeichnet als Quelle 
DUthey, Denkmale der inneren Entwicklung Schleiermacbers, 83. 


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A. Eulenburg. 


Überwiegenden Mehrzahl engerer Bernfsgenossen nicht bloß, sondern 
weit darüber hinaus großer Bildnngs- nnd Gesellschaftskreise fremd, 
verschlossen, selbst anstößig sein mögen. Mag man also immerhin 
einzelnes (so insbesondere 4 und 6) reichlich problematisch finden — 
im großen und ganzen kann ich in das unbedingte Verwerfungsurteil, 
das noch neuerdings Waisemann darüber fällt, nicht einstimmen der 
davon sagt, es sei „Salonweisheit unerfahrener, von romantischen Ideen 
angekränkelter Elegants in Gemeinschaft mit Frauen, die ihren Männern 
entfremdet sind und nach Rechtfertigung und Mitteln der Heilung für 
sich selbst suchen. Frauenegoismus und Frauenklngheit geben den 
Grundton an; von Unterordnung, Fürsorge, Hingebung nnd Selbst¬ 
aufopferung ist nicht die Spur zu finden; mit diesen alten Frauen- 
tngenden soll offenbar aufgeräumt werden“ —und weiter: „Wir haben 
hier den Typus der emanzipierten Frau vor uns. Als ,edel‘ 
wird man ihn schwerlich bezeichnen können. Die wahrhaft edle Frau 
wird einem ganz anderen Idealbilde zustreben und sich von diesen Ge¬ 
boten nur angewidert fühlen.“ 

Ich halte dieses harte Urteil für durchaus ungerecht und einseitig; 
mindestens müßte man doch anerkennen, daß es den damaligen Ver¬ 
tretern und Vertreterinnen dieser „Gebote“ mit ihren Anschauungen 
bitterer Emst war, daß sie in ihnen den .4usdruck einer über das Ge¬ 
wöhnliche hinansstrebenden, freieren, reineren und edieren Sittlichkeit 
zu erblicken glaubten und dafür auch in ihrem eigenen Leben und 
Leiden, in der Übernahme eines nicht selten schweren Lebensmar- 
tyriums — man denke nur an die wechselnden Schicksale einer Karo- 
line, an Charlotte von Kalb, an die Günderode, an Charlotte Stieglitz — 
den vollgültigen Beweis lieferten. Daß auch Schleiermacher selbst, 
mag er nun der unmittelbare Verfasser der „Gebote“ sein oder nicht, 
jedenfalls dem darin niedergelegten Bekenntnisse nicht fern stand, hat 
er noch durch die drei Jahre später (1801) erschienenen, zweifellos 
von ihm herrührenden „vertrauten Briefe über die Lucinde“ 
für jeden, der sich dagegen nicht verschließen wiU, ausreichend be¬ 
stätigt Diese von Schleiermacher dem kurz vorher erschienenen un¬ 
vollendeten Jugendroman seines Freundes Friedrich Schlegel gewidmeten 
Briefe hat, ein Jahr nach Schleiermachers Tode, bekanntlich der 
damalige Häuptling des sich als Erbe der literarischen Romantik nnd 
Klassik gebärdenden „jungen Deutschland“, der 24jährige Karl Gutzkow-), 
wieder herausgegeben, in der höhnisch geäußerten Absicht, damit eine 
„Rakete in die erstickende Luft der protestantischen Theologie nnd 
Prüderie“ zu schleudern — zu welchem Zwecke er den Briefen auch 
noch eine sattsam lange Vorrede mit auf den Weg gab, die mir — aller 
sonstigen persönlichen Sympathie für den späteren, gereifteren Gutzkow 
unbeschadet — als etwas dumraenjungenhaft erscheinen will (namentlich 
in den gesuchten Frivolitäten am Schlüsse). Aber sehen wir von dieser 
unverdienten Gutzkowschen Vorrede ganz ab und betrachten wir die 
so viel gescholtenen und (gerade wie die Lucinde selbst) so wenig ge- 


‘) L. c. 8. 463. 

*) Schleiermachers vertraute Briefe über die Lucinde. Mit einer Vorrede von 
Karl Gutzkow. Hamburg 1835, Hoffmaon und Campe. — Schlegels Lucinde ist in 
einer billigen Beklam-Ausgabe (Universal-Bibliothek 320) erschienen und so jedem leicht 
zugänglich. 


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Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie. 


67 


kannten Briefe rein und füi* sich", so werden wir die sehr er¬ 
freuliche und übrigens keineswegs überraschende Entdeckung machen, 
daß es auch mit ihnen lange nicht so schlimm steht, wie man großen¬ 
teils gefürchtet (oder mancher, dem Andenken Schleiermachers über¬ 
haupt Abgünstige wohl im stiUen gehofft) hat — daß sie auch nicht 
im allergeringsten moralisch bedenklich oder gar anstößig sind, da¬ 
gegen eine Menge feinsinniger und namentlich eine gereifte Kenntnis 
weiblichen Wesens an den Tag legender Bemerkungen enthalten und 
übrigens von einer blinden Vergötterung des den Gegenstand dieser 
Briefe bildenden Schlegelschen Kornaus sehr weit entfernt sind, viel¬ 
mehr — wenn auch in vorsichtig gewählter Form — daran ziemlich 
freie Kritik üben — und daß es dem Verfasser schließlich nur darum 
zu tun war, den literarischen Darstellungen der Liebe und Leiden¬ 
schaft einerseits und eines freieren, von prüden Moralscbranken un- 
eingedämmten Verkehrs der Geschlechter andererseits ihr bisher nieder- 
gehaltenes und fanatisch befeindetes, künstlerisches und gesellschaft¬ 
liches Recht unverkümmert zu wahren. 

Eine kurze Inhaltsangabe mag das Gesagte bestätigen. Den Briefen 
selbst geht ein Vorwort voraus au einen als „lieber Freund" angeredeten 
Ungenannten, dem die Briefe übersandt werden und in dessen Belieben 
es gestellt wird, ob er sie drucken lassen will, wovor er aber gleich¬ 
zeitig gewarnt wird (eine vielleicht ins Gebiet der „romantischen Ironie“ 
zu verweisende Koketterie des Autors). Für den Fall, daß er diese 
Warnung in den Wind schlagen sollte, wird ihm empfohlen, eine zu 
dem Zwecke eigens beigegebene, längere „Zueignung an die Unver¬ 
ständigen“ an die Spitze zu stellen. Diese werden darin höhnisch als 
„liebe Freunde und ]l(ytbürger in der W’elt und in der Literatur“, d. h. 
in Wahrheit als Vertreter alter abgestorbener Moralformeln, und „im 
Vertrauen auf ihren heiligen Eifer“ aufgefordert, von dem „frevel¬ 
haftesten Buch“ und den darin enthüllten „gefährlichsten Anschlägen“ 
Kenntnis zu nehmen — Anschlägen, die nämlich dahin gehen, die Liebe 
wieder auferstehen ^ lassen, ihre zerstückelten Glieder zu neuem 
Leben zu vereinigen und zu beseelen, „daß sie froh und frei herrsche 
im Gemüt der Menschen und in ihren Werken und die leeren Schatten 
vermeinter Tugenden verdränge“. Indem die Unverständigen also auf¬ 
gerufen werden, mit aller Macht gegen dieses drohende Schrecknis 
anzukämpfen, wird ihnen zugleich das Vergebliche dieses Kampfes vor 
die Seele geführt; „tut ihr indessen dagegen, was euch recht dünkt 
und erlaubt, daß wir uns nichts darum kümmern.“ 

Nachdem also in dieser Doppeleinleitung die Tendenz des Ganzen 
deutlich zum Ausdruck gebracht ist, folgen nunmehr die „Briefe“ selbst. 
Es sind ihrer im ganzen 9, von verschiedenen Absendern und Empfängern, 
durch die sich kaum eiu vereinigendes Band hindurchschlingt, die aber 
in dem Auseinandergehen ihrer Stimmführung gerade der Geteiltheit 
und Verwirrtheit der Meinungen über den Charakter des beurteilten 
Werkes (der Schlegelschen Lucinde) treffende Darstellung'geben. 

Der erste Brief „an Ernestine“ ist wohl der wichtigste, insofern er die Meinung 
des Autors selbst am entschiedensten und ausführlichsten auszusprechen scheint. Das 
eben erschienene Buch, die Lucinde, wird rühmend besprochen und Ernestine zur eigenen 
Lektüre warm empfohlen, mit den Schlußworten; „Und so lies es denn andächtig, und 
alle Götter werden gewiß mit dir sein.“ — Im zweiten, gleichfalls „an Ernestine“ 
gerichteten Briefe wird das Buch gegen die von ihr geltend gemachten Bedenken (daß 


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A. Eulenburg. 


man es „unschicklich^^ finde und daß sie nichts lesen möchte, worüber sie mit niemand 
sprechen könne usw.) mit lebhafter Schutzrede verteidigt. — Im dritten, von Ernestine 
selbst herrührenden Briefe, erkennt diese die Gnindlosigkeit ihrer anfänglichen Bedenken, 
hat aber doch manches an der Lucinde auszusetzen; sie vermißt die Umrahmung einer 
äußeren Welt, ein werktätiges Handeln des Helden, während ihr andererseits die „Lust 
an der Lust‘‘ stellenweise gar zu laut und zu geräuschvoll heraustönt. 

In diesem Briefe Ernestines finden sich einige sehr merkwürdige und bezeichnende 
Gedankengänge: ich will nur eine Stelle als charakteristisch anführen: „Absicht soll 
nirgends sein in dem Genuß der süßen Gaben der Liebe, weder irgendeine sträfliche 
Nebenabsicht, noch die an sich unschuldige, Menschen hervorzubringen *) — denn auch 
diese ist anmaßend, weil man es doch eigentlich nicht kann, und zugleich niedrig und 
frevelhaft, weil dadurch etwas in der Liebe auf etwas Fremdes bezogen wird.‘‘ In 
gleicher Weise mißfällt der Briefschreiberin das Erscheinen der Lust als Instinkt, der 
nicht weiß, was er will, und als Begierde, die auf die unmittelbare Empfindung gerichtet 
ist: „Der Gott muß in den Liebenden sein; ihre Umarmung ist eigentlich seine Um¬ 
schließung, die sie in demselben Augenblick gemeinschaftlich fühlen und hernach auch 
wollen. Ich nehme in der Liebe keine Wollust an ohne diese Begeisterung und ohne 
das Mystische, welches hieraus entsteht und von dem, welches wir oft zusammen ver¬ 
achtet haben, gar sehr verschieden ist.‘‘ 

Mit solcher Anschauung rückt „Ernestine“ (und wir dürfen wohl annehmen, auch 
der hinter ihr stehende Verfasser selbst) allerdings weit ab von dem Standpunkte kalter, 
trübseliger Pflichtinoral, wo von der ,,Liebe“ als solcher überhaupt nicht die Rede ist 
und die statt ihrer ausschließlich monopolisierte Rechtsehe im Grunde zu einem bloßen 
Fortpflanzungsgeschäft im Gemeinschaftsinterresse — wozu manche sie anscheinend auch 
jetzt wieder am liebsten machen möchten — herabgewürdigt wird. Deutlich sehen wir 
hier an Stelle der alten Pflicht- und Vernunftmoral ein wesentlich neues, dem Rüstzeug 
der Gefühlsmoral entnommenes Moralprinzip sich auf diesem Gebiete zu bejahen 
und durchzusetzen versuchen. — Ich kann den w^eiteren Erörterungen der Brieschreiberin 
an dieser Stelle nicht folgen, möchte aber nachdenksame Leser und Leserinnen noch auf 
ihre sehr hübschen Bemerkungen über die Rolle, die Scherz und selbst Zweideutigkeiten 
in der Liebe spielen, wenigstens aufmerksam machen. 

Diesem dritten Briefe gehört als interessante Beigabe ein vom Autor selbst ver¬ 
faßtes, an ihn zurückgehendes Manu.skript „Versuch über die Schamhaftigkeit“ 
an, von dem noch weiter unten die Rede sein wird. Ferner dient ihm als „Einlage“ ein 
vierter Brief „von Karoline“; darin setzt diese neu eingeführte Person die Gründe 
auseinander, aus denen sie Lucinde für jetzt nicht lesen wolle — und wird im fünften, 
an sie gerichteten Briefe dafür verdientermaßen abgekanzelt und zurechtgewie.sen. Im 
sechsten, an einen Freund „Eduard“ gerichteten Briefe ynrd Lucinde gegen dessen 
„wohlmeinenden Moderantismus“ in Schutz genommen. Im siebenten, von Eleonore an 
den Verfasser, schwärmt die Briefschreiberin dem letzteren, den sie „du lieber, geliebter 
Mann“ anredet, ihre Begeisterung für das Buch vor; dazu wird in einer Beilage (also in 
Form von Gedanken dieser Eleonore) die Frage erörtert, woher das Ärgernis und der 
Haß gegen die Lucinde rühre, und es heißt darüber: „die Denkungsart ist es, der große 
und freie Stil des Guten und Schönen, diese für die kleinlichen Menschen riesenhafte 
und ungeheure Moral, auf der die Lucinde als auf ihrem ewigen Fundamente ruht und 
die überall mittönt“. — Im achten Briefe wird Leonore für ihre guten Gesinnungen 
belobt und der Verfasser verspricht ihr, bald wieder zu kommen und Momente mit ihr 
zu leben, die wert seien, gedichtet zu werden. Ein neunter, ziemlich belangloser 
Brief an Ernestine mit nochmaliger Inschutznahme des Romans gegen einige von der 
Adressatin gemachte literarische Autstellungen bildet den Schluß des Schriftcheus, das, 
wie man sieh^ mit verteilten Rollen arbeitet, und Lob und Tadel, Mäßig^g und Über¬ 
schwenglichkeit der Beurteilung auf verschiedene (männliche und weibliche) Schultern 
abzuwälzen bemüht ist. 

Einen verhältnismäßig nicht geringen Ranraanteil davon 2) bean¬ 
sprucht der oben erwähnte, dem dritten Briefe beigefügte „Versuch 
über die Sch amhaftigkeit^S der auch seinem Inhalte nach inter¬ 
essant genug ist, um noch einen kleinen Exkurs zu rechtfertigen. Das 
Ganze mutet freilich mehr „feuilletonistisch“ (so wenig man Begriff 
und Bestimmung des späteren Feuilletons damals schon kannte) als 

^) Vgl. das sechste der oben mitgeteilten zehn Gebote! 

') In der Gutzkowschen Ausgabe (von 1835) S, 46—68. 


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Moralität und Sexualität in der Nschkantschen Philosophie. 69 


ernsthaft wissenschaftlich an — enthält aber doch manche tief nnd 
warm gefühlte, lebendig ansgedrfickte und auch inhaltlich beachtens¬ 
werte Einzelheiten. „Schamist nach dem Verfasser, allgemein aus¬ 
gedrückt „das Gefühl des Unwillens darüber, daß etwas im Gemüt 
vorgegangen ist, es sei nun dieses Etwas seinem Wesen nach verdamm- 
lich, oder nur seiner Beschaffenheit nach — denn sie bezieht sich nicht 
nur auf das Böse, sondern auch auf das Unvollkommene“. Von diesem 
Gesichtspunkte aus wird die Heue mit der Scham verglichen: „Eene 
bleibt bei der Wirklichkeit dessen stehen, was geschehen ist, und sieht 
mehr auf den Zusammenhang und die (äußeren und inneren) Folgen. 
Die Scham hingegen schließt nur von der Wirklichkeit auf die Mög¬ 
lichkeit, nnd der Unwille geht darauf, daß es möglich war, so zu 
handeln, oder so zu denken, und daß im Gemüt ein Prinzip war, woraus 
dies hervorgehen konnte, oder eins fehlte, wodurch es hätte verhindert 
werden müssen.“ 

Die, wie der Verfasser ausführt, nur „bedingterweise“ aus 
Gründen der Scham zu vermeidenden und zu bekämpfenden Vorstel¬ 
lungen nämlich „hängen gar zu genau mit einem Triebe zusammen, 
dessen Allgewalt von den ältesten Zeiten an vergöttert worden ist, 
und die Besorgnis ist diese, daß es dem Menschen nicht möglich sein 
möchte, wo auch diese Vorstellungen in Anregung gebracht werden, 
dem Übergang anszuweichen, der sie von da zum Begehren führt, 
und daß also ihrem logischen oder praktischen Zustande auf einmal 
ein Ende gemacht werden und sie dagegen in den der Begierde hinein¬ 
geraten möchten. — Dasjenige, worauf sie (die Scham) dringt, ist 
eigentlich Achtung für den Gemütszustand eines anderen, die uns 
hindern soll, ihn nicht gleichsam gewaltsamerweise zu unterbrechen“. 

Aus dieser Begriffserörterung, die der Scham Anspruch auf Namen 
und Hang einer Tugend sichern soll, ergibt sich, daß es im allgemeinen 
weniger auf das „Nichthaben“, als auf das „Nichtmitteilen“ gewisser 
Ideen hinauskommt; doch ist auch noch ein weiteres dabei nicht zu 
übersehen: „Es ist sehr einseitig, wenn man nur das verdammen will, 
wenn der Zustand des Denkens oder der Huhe überhaupt durch einen 
Reiz auf die Sinnlichkeit und das Begehren unterbrochen wird: der 
Zustand des Genusses und der herrschenden Sinnlichkeit hat auch sein 
Heiliges nnd erfordert gleiche Achtung, nnd es muß gleichfalls scham¬ 
los sein, ihn gewaltsam zu unterbrechen.“ — Jede Vorstellung läßt 
eine dreifache Beziehung zu, wenn sie vor das Bewußtsein gebracht 
wird; sie kann zur Erkenntnis eines Gegenstandes verarbeitet, kann 
mittels der Phantasie auf die Idee des Schönen bezogen werden, oder 
endlich als Reiz auf das Begehrungs vermögen einwirken. Die Vor¬ 
stellungen nun, die Objekte der Schamhaftigkeit bilden, sind in allen 
drei Richtungen gleich fruchtbar, aber auch ganz besonders aus einer 
in die andere hinüber beweglich. Entgegengesetzt sind sich dabei nur 
die erste und dritte dieser Richtungen, während die Beziehung auf das 
Schöne in der Mitte dazwischen liegt — und in dieser Beziehung ge¬ 
nommen muß alles, was zur Liebe und ihren Geheimnissen gehört, 
überall verkommen können (ohne Verletzung der Schamhaftigkeit). 
Wie kommt es nun, daß die „gemeine Meinung, die nur das trockene 
Leben nnd Geschäftsführen und dazu nötige Denken als einzig not¬ 
wendig nnd heilsam anerkennt“, vor diesem Zugeständnis überall zu- 


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A. Eulenburg. 


rückscheut? Der Verfasser wirft mit Beziehnng darauf diesem ge¬ 
meinen Denken nicht bloß Einseitigkeit, sondern geradezu „Abscheu¬ 
lichkeit“ vor, und stellt dem so Denkenden diejenigen gegenüber, die 
jener anderen Seite der Schamhaftigkeit fähig sind, bei denen jener 
Zustand des inneren Lebens, der Liebe und des Bewußtseins davon als 
herrschend erscheint und in deren Augen eben die „trockenen ob¬ 
jektiven Vorstellungen“ als schamlos gelten müssen, die sich 
auf das animalische Leben, auf das ganze System desselben vom zar¬ 
testen und wunderbarsten bis in das gröbste und unliebenswürdigste 
beziehen. Vor dieser „physiologischen Ansicht“ zieht eich aller¬ 
dings die Liebe scheu zurück, denn sie „kann nicht bestehen, wenn 
dasjenige isoliert und zum Mechanismus herabgewürdigt wird, was in 
ihr mit dem Höchsten verbunden ist. Diese also als einen Eingriff in 
ihr freies Spiel zu fühlen und entfernt zu halten ist die Schamhaftig¬ 
keit der Liebenden untereinander. Ihre und besonders der Frauen 
heilige Sorge ist, daß der Dienst der großen Göttin nicht entweiht 
werde; was von der Liebe, dem Verlangen, derb Bewußtsein des Ge¬ 
nusses angegeben wird, gehört als schöne Umgebung zu ihrem Zusande; 
jede reizende Andeutung, jedes witzige Spiel, welches die Phantasie 
bervorbringt, ist in der Ordnung, und es gibt darin von wegen der 
Schamhaftigkeit kein Übermaß und keine Grenze“. — Natürlich gilt 
das nur von denen, „die wirklich zu lieben verstehen“ — je weniger 
dies der Fall ist, desto mehr verliert sich der Sinn für diese Art der 
Schamhaftigkeit: „und denjenigen, in denen nur die rohe Begierde 
wohnt, kalten Wüstlingen und gefühllosen Miethlinginnen sind selbst 
im Zustande der Leidenschaft die plumpen Vorstellungen und Reflexionen 
über das Tierische, auf welches ihre Empfindung und ihr Streben sich 
bezieht, nicht unanstößig“. 

Was soll nun aus dem so klaffeuden Gegensatz innerhalb der Ge¬ 
sellschaft werden? „Die völlige Verderbtheit und die vollendete Bil¬ 
dung, durch welche man zur Unschuld zurückkehrt, machen beide der 
Schamhaftigkeit ein Ende; durch jene fällt mit der falschen auch die 
wahre ihrem Wesen nach — durch diese hört sie nur auf etwas zu 
sein, worauf eine besondere Aufmerksamkeit gewendet und ein eigenes 
Wort gesetzt wird, sie verliert sich unter der allgemeinen Gesinnung, 
unter die sie begriffen ist. Sollen wir uns jener Katastrophe aussetzen, 
oder sollen wir den gesellschaftlichen Zustand diesem letzteren Ziele 
näherbringen?“ — Natürlich das zweite; also entsprechendes Vorgehen, 
namentlich mit Hilfe der Frauen, „weil von ihnen, in denen die 
Scham als in ihrem schönsten Heiligtum wohnt, auf die hierbei immer 
vorzüglich gesehen wird und in denen jede Verbindung zwischen dem 
Inneren und Äußeren so viel zarter und feiner ist, der Beweis ausgehen 
muß, daß es mit diesem verbotenen Verkehr der Vorstellungen und der 
Sinne so arg nicht ist, als die meisten befürchten; sie sind es, die 
durch die Tat alles dasjenige heiligen müssen, was bis jetzt durch 
falschen Wahn geächtet war. Nur wenn sie zeigen, daß es sie nicht 
verletzt, kann das Schöne und der Witz freigegeben werden“. — Auch 
die bildenden Künste und besonders die Poesie müssen durch ihre Dar¬ 
stellungen (aus Momenten der Liebe) den Beweis liefern, daß es auch 
hier eine Schönheit gibt, die den Gegenstand würdig ausdrückt und 
einhüllt, ohne das Gefühl zu verletzen und die Leidenschaft loszulassen. 


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Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie. 


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— Dichtungen, die dies leisten, sind nicht nur an sich schön und 
wünschenswert, sondern sie ton uns auch not, am durch ihr Beispiel 
den rechten Takt und Ton wieder herzustellen für dasjenige, was das 
Zarteste und Schönste ist in der Lebenskunst. — Ob wohl der Ver¬ 
fasser die in diesen letzten Worten gestellten hohen künstlerischen und 
sittlichen Anforderungen in der hier freilich nicht ausdrücklich ge¬ 
nannten Lncinde seines Freundes Schlegel mit voller innerster Über¬ 
zeugung wirklich erfüllt fand? 


Von solchen im jugendlichen Sturm und Drang unternommenen 
kecken Pronunziamentos auf sexaalethischem Gebiete ist ein recht weiter 
Schritt zu den späteren und „gereifteren‘^ Erzeugnissen des großen 
philosophierenden Theologen und theologisierenden Philosophen. Be¬ 
kanntermaßen hat Schleiermacher in den noch verbleibenden mehr als 
drei Dezennien mindestens dreimal Anläufe gemacht zu einer systema¬ 
tisierenden Begründung und Darstellung der Ethik; zuerst 1803 (also 
nur zwei Jahre nach jenen Lucinde-Briefen) in den „Grundlinien einer 
Kritik der bisherigen Sittenlehre"; dann zehn bis dreizehn Jahre später 
in dem neuerdings von Schiele heransgegebenen „Grundriß der philo¬ 
sophischen Ethik" ; endlich in den nachgeschriebenen akademischen 
Vorlesungen und sonstigen aus seinem Nachlaß stammenden Hand¬ 
schriften, die ais „christliche Sittenlehre" von L. Jonas-), als „Psycho¬ 
logie" ziemlich lange darauf von L. George®) herausgegeben wurden. 
Ohne mich dem überaus herben Gesamturteil anzuschließen, das Schopen¬ 
hauer^) über die „moralischen Abhandlungen des Theologen Schleier¬ 
macher" gefällt hat — er nennt sie „ebenso unfruchtbar und nutzlos, 
wie eie langweilig sind; womit viel gesagt ist“ — muß ich doch ge¬ 
stehen, daß diese wiederholten Aufbauversuche der Ethik mir nicht 
besonders erfolgreich scheinen und daß namentlich die letzte in der 
„christlichen Sittenlehre“ gegebene Darstellung, wenigstens in den 
hierher gehörigen Abschnitten, hinter den gehegten und wohl zu hegen¬ 
den Erwartungen in mancher Beziehung recht erheblich zurückbleibt. 
Jedenfalls ist dabei der ursprüngliche feurige Wein der romantisch¬ 
ästhetischen Jagendethik erst mit recht vielem moralphilosophischen 
und später mit christlich-theologischem Wasser versetzt und gewaltig 
verdünnt worden. 

Man muß sich natürlich hüten, daraus irgendeinen persönlichen 
Vorwurf für Schleiermacher herleiten zu wollen. Vielmehr muß man, 
ganz abgesehen von der beim Einzelnen mit den Jahren ein tretenden 
selbstverständlichen „Reifung“ und „Läuterung“, dabei die allgemeinen 
Zeitverhältnisse vorwiegend berücksichtigen, jenen großen, nicht zu 


*) Friedrich Schleiermacher, Grundriß der philosophischen Ethik (Grundlinien der 
Sittenlehre), herausgegeben von F. W. Schiele. (Aus den im Verlag von Felix Meiner, 
Leipzig, erscheinenden „Neuerscheinungen der philosophischen Bibliothek“, 1911/12.) 

*) ft. Schleiermacher, Literarischer Nachlaß. 7. Band „Zur Theologie“, herausgeg. 
von L. Jonas. Berlin 1843, G. Reimer; 2. Aufl. 1844. 

*) Fr. Schleiermacher, Psychologie, heransgegeben von L. George. Berlin 1862, 
O. Reimer. 

*) Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. 2. Band. 3. Aufl. S. 92. 
Leipzig 1859. F. A. Brockhaus. 


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72 


A. Eulenbui^. 


yerkennenden Umschwnng, der in den Geistern vieler, gerade der her¬ 
vorragendsten und besten Männer um die Zeit der Wende vom 18. znm 
19. Jahrhundert bemerkbar wird, als die stürmisch aufregenden, anfangs 
mit Begeisterung begrüßten Ideen der französischen Revolution sich 
erschöpft hatten, erlahmten, ihre Wirkung allmählich verloren, und 
durch eine Art von natürlichem Gegenschlag mehr und mehr das Be¬ 
dürfnis nach Ruhe und Sammlung, nach Erhaltung und Befestigung des 
noch stehengebliebenen Besitzes in Glauben und Wissen, in Sitte und 
Recht, eine scharf gegensätzliche konservative Tendenz sich geltend 
zu machen anfing. Ich darf mich hier auf den bedeutendsten unserer 
zeitgenössischen Ethiker, auf Wundt^) beziehen, der von einem „un¬ 
geheuren Wandel der persönlichen Charaktere, wie ihn 
der Anfang des 19. Jahrhunderts gesehen hat“ spricht, den 
man nicht für Schwäche des einzelnen h^ten dürfe. „Schleiermacber 
und Hegel haben diesen Wandel ebensogut, wie Schlegel und Schelling, 
und selbst der Olympier Goethe unterschied sich eigentlich nur darin 
von der Menge seiner Zeitgenossen, daß ihm mehr als ihnen jene 
wunderbare Fähigkeit der objektiven Anschauung eigen war, die ihn 
an allen Erlebnissen teilnehmen, und doch immer sich selbst jenseita 
alles Erlebten wiederfinden ließ.“ 

Nachdem Schleiermacher (1799) jene berühmten Reden über die 
Religion^) hatte erscheinen lassen, die Wundt als „das klassische 
Werk der Romantik auf religiösem Gebiete, und trotz seiner etwas 
sprunghaften, in der Form zum Teil verfehlten Art eine der größten 
wissenschaftlichen Leistungen der Romantik überhaupt“ bezeichnet — 
ließ er nur wenige Jahre darauf, schon nach Stolpe übergesiedelt (die 
Vorrede ist „Stolpe im August 1803“ datiert) seine Grundlinieu 
einer Kritik der bisherigen Sittenlehre^) erscheinen. In 
diesem mehr scharfsinnigen und geistvollen, als überzeugenden und zu 
fruchtbaren selbständigen Anschauungen ausgereiften Werke wird gegen 
die Kant-Fichteschen Moralsysteme ziemlich scharf opponiert und es^ 
wird ihnen auf dem uns hier speziell beschäftigenden Gebiete der Vor¬ 
wurf gemacht, daß ihnen die beabsichtigte und angekündigte „Ethi- 
sierung“ des Geschlecbtstriebes keineswegs gelungen sei und auch auf 
Grund ihrer Prinzipien nicht habe gelingen können^). Es würde zu 
weit führen und hieße nochmals in eine Kritik der schon besprochenen 
Kantschen und Fichteschen Lehren eintreten, wollte ich die hierüber 


*) Wilhelm Wundt, Ethik. Eine Untersuchung der Tatsachen und Gesetze des 
sittlichen Lebens. 3. Aufl. Bd. I, S. 446. Stuttgart 1903. Ferdinand Enke, 

*) Daniel Friedrich Schleierraacher über die Religion. Reden an die Gebildeten 
unter ihren Verächtern (zuerst bei Job. Fr. Unger, Berlin 1799). Neuerdings aufgelegt 
u. a. in der „Deutschen Bibliothek in Berlin“, für diese herausgegeben von Martin Rade. 

*) Grundlinien und Kritik der bisherigen Sittenlehren, entworfen von Friedrich 
Schleiermacher. Berlin 1803. Im Verlage der Realschulbuchhandlung. 

*) Bei Kant könne davon überhaupt keine Rede sein, da bei ihm selbst die Ehe 
nur in der Rechtslehre ihre Stelle finde und auf einen notwendigen Vertrag begründet 
werde. Aber auch bei Fichte könne von einer eigentlichen Sittlichkeit des geschlecht¬ 
lichen Verhältnisses keine Rede sein, da das als „sittlich“ angegebene beim Manne und 
bei der Frau aus ganz verschiedenen Quellen entspringe, und die ms geschlechtliche Tugend 
berühmte „Keuschheit“ im Grunde nichts als Mäßigung der geschlechtlichen Befriedigung 
bedeute — womit eben noch kein ethischer Begriff verbunden sei. Ungleich folgerichtiger 
seien die Sittenlehren der Alten, bei denen die Sittlichkeit in die Absicht, den Nato- 
zweck zu erreichen, selbst verleg werde. (L. c. S. 277—280.) 


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Moralität and Sexualität in der Naohkantschen Philosophie. 


73 


geäußerten Gedanken Schleiermachers ausführlich wiedergehen. Ich 
will nur ein paar Sätze, die vielleicht für Schleiermachers eigenen 
damaligen Standpunkt in diesen Dingen kennzeichnend sein mögen, an 
dieser Stelle hernusheben ^). 

,,Deiin wenn auch die Liebe nicht von der Freiheit abhängt, insofern ihr ein Natur¬ 
trieb beigemischt ist: so zeigt doch eben diese Erklärung, daß es noch etwas anderes in 
ihr gibt, welches allerdings von der Freiheit abhängt. Sonach ist ganz unentschieden, 
ob dieses andere in Beziehung auf eine bestimmte Person mit dem Naturtrieb zu ver¬ 
binden oder nicht, eine Sache der Wahl sei, und ob bei dieser Wahl die Einsicht ent¬ 
scheiden dürfe, oder was sonst. Ebenso, wenn auch die Handlung, welche den Trieb 
befriedigt und die Fortpflanzung bewirkt, allemal aus dem Triebe hervorjgeheii muß — 
so ist doch nicht gesagt, daß sie jedesmal geschehen müsse, wenn der Trieb sie fordert, 
und sonach unentschieden, ob die Beurteilung, welche dabei stattfindet, sich auch beziehen 
dürfe auf die freie Wahl in Absicht der Vervielfältigung des elterlichen Verhältnisses. 
In welcher Hinsicht denn die alten Sittenlehren weit bestimmter sind, welche, indem sie 
die Ehe um des Kindes willen setzen, für die Gattin die Gründe der Wahl, ^r die An¬ 
zahl der Kinder aber ein zuträgliches Maß anzugeben nicht unterlassen — und vieles 
war bei ihnen schändlich in dieser Hinsicht, was bei uns nicht pflegt zur sittlichen Be¬ 
urteilung gezogen zu werden.‘‘ 

Nachdem Scbleiermacher bekanntlich in den Beden „über die Be- 
ligion“ letztere von allen Lebensgebieten, namentlich von der Meta¬ 
physik nnd Moral mit scharfem Schnitt geschieden, Beligion and Moral 
als beiderseitig gleich aatonome Lebensgebiete bingestellt, nnd nachdem 
er in den „Grundlinien“ die älteren Morallehren als unbefriedigend 
verworfen hatte — lehnt er sich in der (zuerst von Twesten heraus¬ 
gegebenen) „philosophischen Ethik“ doch wieder mehr an Fichte an 
oder kommt ihm wenigstens insofern nabe, als das sittliche Handeln 
hier als „eine fortwährende Bewegung zwischen den sittlichen Ideen 
und ihrer Verwirklichung in der Natur“ erscheint, in der „Tagend“ 
die Kraft der Vernunft über die Natur, in der „Pflicht“ das Gesetz, 
nach dem diese Kraft wirkt, erblickt wird. 

In der (aus dem literarischen Nachlaß von L. Jonas herausge¬ 
gebenen) „christlichen Sittenlehre“ tritt als sexual-moralisches 
Prinzip das „verbreitende (auch „erweiternde“ oder transi¬ 
tive) Handeln“ auf, d. h. ein aus sich herausgehendes, dem aber ein 
in sich vollendetes zugrunde liegt — das zugleich auf dem Gefühl der 
Lust beruht — und dadurch von den beiden anderen, auch noch in der 
Sittenlehre betrachteten Arten des wirksamen Handelns, dem „reinigen¬ 
den“ oder „wiederherstellenden“ und dem „darstellenden“ unterschieden 
ist. Alles Handeln des Christen als solchen ist eigentlich Fortsetzung 
von dem Handeln Christi selbst, und das ganze erlösende Handeln 
Christi muß auch „unter dem Typus des erweiternden Handelns ange¬ 
sehen werden können“ ®). In dessen Bereich fallen besonders die (wahre) 
Geschlechtsgemeinschaft und die Kircbengemeinschaft. Die bezüglichen 
Erörterungen Schleiermachers gehen also von der Frage aus, in 


Aus dem zweiten Buche („Kritik der sittlichen Begriffe“) 8. 3(X); ebenfalls einer 
gegen Fichtes „unbedingten besonderen Pflichten“ gerichteten Polemik entnommen. 

*) Mit dem „verbreitenden Handeln“ beschäftigt sich die Sittenlehre in der vor¬ 
erwähnten Ausgabe von S. 291 ab; mit der Geschlechtsgemeinschaft S. 336—365. — 
Das „reinigende“ Handeln verkörpert sich in der Kirchenzucht, der häuslichen und 
staatlichen Zucht usw. —, das „darstellende“ Handeln, dessen Prinzip die brüderliche 
liebe ist, in der inneren Sphäre der Kirche, dem „Gottesdienst“ im engeren und weite¬ 
ren Sinne — sowie auch in der äußeren (oder allgemeinen) geselligen Sphäre. 

ZeitBcbr. 1. SexualwisseziBchaft m. 2. 6 


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74 


A. Euleuburg. 


welchem Verhältnis denn die „Geschlechtsgemeinschaft" und 
die Kirche zueinander stehen. 

Er erkennt einerseits die Unabhängigkeit der Familie von der christlichen Kirche 
an, als einer Verbindung, die nicht von der christlichen Gesinnung allein ausgehen könne — 
andererseits aber sei die christliche Kirche erst voUständig organisiert, wenn sie nur aus 
christlichen Hauswesen bestehe. Daher müsse das eigentümliche Prinzip des Christen¬ 
tums auch in das Hauswesen eingehen, dieses auf eigentümliche Weise modifizieren. 

Die Geschlechtsgemeinschaft ist eine Natursache, Naturbedingung des mensch¬ 
lichen Daseins auf der Erde, auf die Fortpflanzung berechnet — und insofern von ihrer 
sittlichen Seite angesehen wesentlich dem „verbreitenden^^ Prozesse angehörig, ja die 
ursprüngliche Form desselben, da sie auf Produktion neuer Verbindungen der 
Intelligenz mit der irdischen Materie in der Form des Organismus gerichtet ist — aber 
sie gehört auch derjenigen Seite (des verbreitenden Prozesses) an, auf der die ,,Talent¬ 
bildung*" wie die „Gesinnun^bildung** der Hauptpunkt ist. Sie bedingt nicht weniger 
das Fortbestehen der bürgerlichen Gesellschaft, wie das der Kirche; jene aber war früher 
da als die Kirche. 

Hieraus folgt als „erster Kanon"* der christlichen Sittenlehre in dieser Beziehung, 
daß, wo eine Geschlechteverbindung schon besteht vor dem Eintreten der christlichen Ge¬ 
sinnung in dieselbe, sie dadurch nicht zerstört werden darf, daß der eine Teil diese Ge¬ 
sinnung in sich aufnimmt, der andere nicht (daß nach Paulus der gläubige Teil sich also 
nicht scheiden soll von dem ungläubigen). Da nun selbst diese größte zwischen Ehe¬ 
gatten denkbare Differenz — der Mangel der christlichen Gesinnung in dem einen Teile 
— nicht zur Scheidung berechtigt, so ist in der christlichen Kirche die Ehe 
schlechthin unauflöslich^). — Ferner kann die christliche Kirche erst dann voll¬ 
ständig organisiert sein, wenn sie die Geschlechts Verbindung als Familie sich ganz an¬ 
geeignet und sie völlig durchdrungen hat. Dafür sind aber Erzeugung und Erziehung 
nicht zu trennen, sondern ein und derselbe Prozeß. Daher kann die Geschlechtsverbin¬ 
dung in der christlichen Kirche keine andere Form haben, als die monogamische, und 
sie kann nichts sein als Ehe im engeren Sinne des Wortes. Schl, geht in diesem Zusammen¬ 
hänge auf die zwischen der evangelischen und katholischen Kirche bestehende 
Differenz ein, indem jene bekanntlich die Trennung der Ehe und Schließung einer neuen 
zuläßt, die katholische nicht — letztere überdies dem ehelosen Stande eine größere Heilig¬ 
keit zuschreibt, was Schl, als Irrtum nachzuweisen bemüht ist*). Im ersten Punkte hat 
die katholische Kirche allerdings den Buchstaben der Schrift für sich (Christusworte bei 
Markus 10, Vers 11 und 12). — Aber Schl, meint, daß die von der katholischen Kirche 
zugelassene, besonders „hohen‘‘ und „höchsten** Personen eingeräumte Nichtigkeits¬ 
erklärung der Ehe viel schlimmer sei als die Ehetrennung, weil sie von der Kirche 
seihet ausgehe und so einen kirchlichen Mißbrauch ärgster Art darstelle. „Offenbar 
ist jede Auflösung der Ehe eine Unvollkommenheit; aber es ist doch 
auch klar, daß die rechte christliche Ehe auch nur erst etwas im 
Werden Begriffenes ist, w’ie jedes andere rechte christliche Verhält¬ 
nis.** Die Kirche kann „den Staat nicht hindern**, wenn und solange er die Auflösung 
der Ehe unter gewissen Bedingungen für nützlich hält, „weil die Ehe keine ausschließlich 
kirchliche, sondern ebensowohl eine politische Angelegenheit ist, und weil sie (die evan¬ 
gelische Kirche) sich keine Superiorität über den Staat kann schaffen wollen, wie die 
katholische Kirche sich angemaßt hat**. — Schließlich gibt Schl, selbst zu, daß man keinen 
Erfolg erwarten kann von dem Fortbestehen aller der Ehen, „die von Anfang an nichts 
anderes waren als Scheinehen, und deren Auflösung beide Teile fortwährend wünschen**. 
In ähnlicher Weise scheint Schl, auch in der Frage der Wiederverheiratung den 
strengen kirchlichen Standpunkt zugunsten eines mehr opportunistischen aufzugeben be¬ 
reit. Eigentlich ist, nach ihm, die Deuterogam ie unzulässig*). „Aber es wird doch 
jeder gestehen, daß sie zu verbieten die bürgerliche Qualität der Ehe in vielen Fällen 
gar nicht zuläßt.** Auch hier heißt es also warten, bis das christliche Ideal der Ehe in 
der Kirche vollständig realisiert ist (also ein Standpunkt, der doch sehr an das beliebte 
„tolerari potest** in der römischen Kirche erinnert). 

Soweit die Ausführungen Schleiermachers in der christlichen Sitten¬ 
lehre. Es läßt sich wohl nicht leugnen, daß hier etwas Halbes, 


1) L. c. S. 340. 

*) Wenn er sich dabei auf Paulus (1. Kor. 7, 2—7) beruft, so dürfte doch Vers 1 
der entgegengesetzten eigenen Meinung des Apostels sehr unverhohlenen Ausdruck geben. 
•) L. c. S. 352. 


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Moralität und Sexualität in der Nachkantschen Philosophie. 


75 


Schwankendes, Diplomatisierendes znr Geltung kommt, dem wir ja 
anch sonst bei dem späteren Schleiermacher öfters begegnen — und 
daß wir namentlich seinen theoretisierenden, aber auf die praktische 
Verwirklichung verzichtenden Forderungen einer Unauflöslichkeit der 
Ehe und einer Unzulässigkeit der Deuterogamie gegenüber mehr Ver¬ 
ständnis und mehr Respekt empfinden für den Standpunkt der streng 
orthodoxen evangelischen Geistlichkeit in Preußen (namentlich in den 
fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, bis zum 
„Kulturkampf“ und zur Einführung der Zivilehe), die jede Wieder- 
tranung Geschiedener auf das entschiedenste ablehnten und eine solche 
dadurch innerhalb der alt-preußischen Landeskirche längere Zeit bei¬ 
nahe znr Unmöglichkeit machten. 

Znr Ergänzung und Erweiterung dieser Schleiermacherschen Spät- 
anschaunngen wird man allerdings noch manches heranziehen müssen, 
was in der aus seinem handschriftlichen Nachlasse und ans Nachschrift 
von Vorlesungen herausgegebenen Psychologie niedergelegt ist. 

Diese besteht aus einem „«lementarischen“ und einem „konstruk¬ 
tiven“ Teile; im letzteren wird unter den „Differenzen der Einzelwesen 
untereinander auch die Geschlechtsdifferenz eingehend be¬ 
sprochen^). Hier findet sich wieder eine Fülle an den alten Schleier¬ 
macher erinnernder, feinsinniger Bemerkungen, die namentlich eine tiefe 
Frauenkenntnis und ein schönes Verständnis weiblichen Seelenlebens 
bekunden, und eine durchgehende hohe Einschätzung des weiblichen 
Geschlechts, dessen Leistungen in bezug auf die Gesamtentwicklung 
der Menschheit als dem anderen vollkommen gleichwertig hingestellt 
werden®). Beim Forschen nach qualitativen Differenzen findet Schl, 
als Eigentümlichkeit des weiblichen Geschlechts in Beziehung auf die 
psychischen Funktionen „eine überwiegende Beschäftigung mit dem 
einzelnen und eine Abwendung von dem großen und allgemeinen, 
insofern man es von der Seite der Selbsttätigkeit betrachtet“. In dem 
männlichen Geschlechte sei die Richtung auf das öffentliche — im 
weiblichen die auf das häusliche Leben vorherrschend. Ausnahmen 
(regierende Frauen usw.) „können nicht in die Wagschale gelegt wer¬ 
den“. In Wissenschaft und Kunst seien selbst ausgezeichnete Lei¬ 
stungen der Frauen den ausgezeichnetsten der Männer nicht gleichzu¬ 
stellen; ihre Tätigkeit sei hier weniger produktiv als nachbildend — 
was sich anch darin bestätige, daß man Frauen schon für Leistungen 
auszeichne, wofür man Männer noch nicht auszeichnen würde (ich mußte 
dabei unwillkürlich gewisser Verleihungen des Nobelpreises gedenken). 
In der Auffassung des einzelnen durch das Gefühl haben die Frauen 
einen unleugbaren Vorzug, der sich besonders in der „Menschenkennt¬ 
nis“ offenbart, d. h. in der Fähigkeit, den Menschen als einzelnen zu 
ergreifen, zu beurteilen — nicht allgemein zu klassifizieren. Das 
gleiche zeigt sich in ihrer Art des Hineinlebens in die Kinder, im Ver¬ 
ständnis ihrer Individualitäten. Überall hat ihre Wirksamkeit vor¬ 
wiegend das einzelne, was in ihrem Kreise liegt, zum Gegenstände. 
Von hier, vom häuslichen Leben aus üben sie nun allerdings wieder 
einen bedeutenden Einfluß auf das öffentliche — und durch ihre Be- 


*) Psychologie (herausgegeben von L. George), 8. 290—301. 

*) Ibid. S. 295. 

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Wühelm StekeL 


herrschting des geselligen Lebens anf die Leitung der allgemeinen An¬ 
gelegenheiten. „Das bei dem weiblichen Geschlechte Hervorragende, 
müssen wir uns nun bei dem männlichen als einen Mangel denken, and 
darin liegt eben die Bestimmtheit beider Geschlechter.“ Diese ursprüng¬ 
liche Verschiedenheit besteht auch vor Ausbildung der Geschlechtsfunk- 
tionen und ebenso nach deren Erlöschen; Experimente mit Koedukation 
und bewußter Unterdrückung der Geschlechtsdilferenzen würden nichts 
dagegen erweisen, da sie nur etwas Gemachtes und Widernatürliches 
zutage fördern könnten. Die leibliche Geschlechtsdifferenz steht im 
Zusammenhänge mit den allgemein leiblichen Differenzen — die psy¬ 
chischen sind nicht von den ersteren allein abhängig. — In diesen An¬ 
schauungen kann man immerhin gewisse, allerdings sehr unbestimmt 
gehaltene Vorahnungen späterer biologischer Lehren von den sekundären 
und tertiären Geschlechtsmerkmalen und von dem endokrinen Einflüsse 
auf die Geschlechtsdifferenzen erblicken. 

Überschauen wir das Vorangegangene, so erhalten wir auch in 
diesem kleinen Ausschnitte aus dem ))edeatenden ethischen Gesamt¬ 
wirken Schleiermachers das Bild einer freien und reichen, beweglichen, 
selbst wandlungsfähigen und die starre Gesetztheit der rationellen 
Pflichtmoral vielfach im Sinne einer freieren, individualisierenden Ge¬ 
fühlsmoral ammodelnden und umdentenden Persönlichkeit. Und wir 
mögen, alles in allem, wohl Euckens') .4ussprach zustimmen, der von 
Schleiermachers Wirken auf ethischem Gebiete urteilt: „Hier wie über¬ 
haupt hat er weniger neue Bahnen gebrochen, als innerhalb eines 
weiten und reichen Bildungskreises zur Ausgleichung der Gegensätze, 
zu durchgäugiger Belebung, Verbindung, Veredlung gewirkt.“ 


Die psychische Impotenz des Mannes. 

(Onanie nnd Potenz.) 

Von Dr. Wilhelm Stekel 

in Wien. 

(Schluß.) 

Ein Fall von psychischer Impotenz (angeblich Folge der Onanie). 

Fall Nr. 4. Herr F. C., ein lediger Ingenieur im Alter von 32 Jahren, ist seit 
2 Jahren relativ impotent Er kann es bei vielen Frauen zu gar keiner Erektion bringen, 
bei anderen nur zu einer schwachen Halberektion. Über sein Sexualleben berichtet er 
folgendermaßen: 

„Ich glaube, daß ich mir mein Leiden durch übermäßige Onanie zugezogen habe. 
Ich habe sehr früh zu onanieren begonnen und dies schreckliche Laster bis zum 30. Jahre 
fortgesetzt Allerdings in letzter Zeit sehr mäßig, während ich in der Jugend täglich 
und auch bis dreimal in einer Nacht onanierte. Mit 21 Jahren wollte ich mir die Onanie 
abgewöhnen und ging in ein Bordell. Hier war ich gänzlich impotent und es gelang der 
Dime nicht — trotz aller Manipulationen — eine Erektion zu erzielen. Doch bald darauf 
hatte ich Gelegenheit mit einem Stubenmädchen intim zu werden und da ging es an¬ 
standslos. Später lernte ich verschiedene Frauen und Mädchen kennen, die mir zu 
wiUen waren. Ich hatte immer eine ausgezeichnete Potenz, litt nie wie andere Männer 


Die Lebensanschauungen der großen Denker, eine Entwicklungsgeschichte des 
Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur Gegenwart, von Rudolf Eucken. 
9. Auflage. Seite 475. Leipzig 1909. Veit & Co. 


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Die psychische Impotenz des Mannes« 


daran, daß ich früh fertig wurde. Ich konnte auch fünfmal in einer Nacht den Koitus 
leisten, wenn mir die Betreffende gefiel. Auch in den Bordellen war ich dann voll¬ 
kommen potent und besuchte sie ziemlich fleißig, wenn ich keine anderen Gelegenheiten 
fand. Ich wurde nämlich im Anfänge meiner Dienstzeit oft versetzt und mußte daher 
immer neue Gelegenheiten suchen. Dies sollte mein Unglück werden. Denn vor 2 Jahren 
holte ich mir in einem Bordell einen schweren Tripper, der sehr langsam heilte. Ich 
nahm mir vor, nicht mehr mit Freudenmädchen zu verkehren. Nachdem ich geheilt war, 
machte ich die Bekanntschaft einer Lehrerin, die mir sehr gefiel und mir sehr entgegen¬ 
kam. Auf einem Ausfluge wurden wir beide sehr hitzig. Ich hatte eine starke Erektion. 
Allein wie ich ihren Widerstand überwand und sie deflorieren wollte — sie war näm¬ 
lich virgo — klappte mein Penis zusammen und ich konnte gar nichts machen. Diese 
Impotenz wollte nun nicht weichen. Ein zweiter Versuch in einem Bordell mißlang 
vollkommen und noch heute kann ich in einem öffentlichen Hause nichts machen. Da¬ 
gegen glückte ein Versuch halbwegs in einem Hotel in Ungarn, in dem die Stuben¬ 
mädchen des Hauses für Geld und gute Worte gerne zur Verfügung stehen. Es war 
aber auch nur eine halbe Sache. Ich begann mich den Ärzten anzuvertrauen und suchte 
Heilung. Alle Kuren waren aber vergebens. Ich wurde elektrisiert, mit Sonden be¬ 
handelt, sogar hypnotisiert. Nur zwei Mittel halfen mir, allein nur momentan. Auf 

Yohimbin und auf Ehome hatte ich vorübergehend kräftige Erektionen. Muiracithin blieb 
ohne jede Wirkung. In den letzten Monaten lernte ich eine Frau kennen, die mir sehr 
gut ist und große Geduld mit mir hat. Sie weiß mit mir zu spielen und es durch ihre 
Manipulationen so weit zu bringen, daß ich eine schwache Erektion zu einem Koitus 
ausnützen kann. Merkwürdigerweise kann ich dann, wenn ich eine halbe Stunde warte, 
einen zweiten Koitus ausführen, der ganz ordentlich ist und eine normale kräftige 

Erektion zeigt. Ich bin aber über mein Leiden verzweifelt Ich werde doch nie heiraten 

können, weü ich immer den Gedanken habe, daß ich impotent bin. Ich schlafe auch 
sehr schlecht. Ich schlafe meistens kaum mehr wie drei bis vier Stunden.^^ 

„Woran denken Sie, wenn Sie so schlaflos daliegen 

„Immer nur an meine Impotenz und wie das traurig ist Manchmal fange ich in 
der Nacht zu weinen an. Ich weine auch sonst leicht, seit ich impotent bin. Icü war 
in Berlin in einem Nachtlokal, wo Sänger auftraten. Plötzlich bei einem Liede fing 
ich zu heulen an, daß ich das Lokal verlassen mußte.^^ 

„Haben Sie auch Selbstmordgedanken?^^ 

(Nach einer Pause.) „Offen gesagt! Ja! Ich habe mir gedacht, wenn es nicht 
besser wird, so nehme ich mir das Leben . . 

Hören wir diesen Bericht, so müssen wir sofort die Diagnose auf eine psychische 
Impotenz stellen. Wir erfahren auch, daß des Morgens kräftige Erektionen vorhanden 
sind, die sofort verschwinden, wenn der Patient uriniert. Auch andere Momente be¬ 
stätigen, daß er sehr leicht auf Hemmungen reagiert. So schildert er folgenden Vorfall. 
Er kam zu einer Frau, die ihm gerne zu willen war. Sie legen sich in das Bett, er 
hat eine sehr kräftige Erektion und freut sich, daß er seinen Mann stellen wird. Da 
bemerkt sie, daß das Bett furchtbar kracht und daß man dies im Nebenzimmer hören 
könnte. Sie verlassen das Bett und wollen ihre begonnene Absicht am Fußboden be¬ 
enden. In diesem Momente ist es mit seiner Erektion zu Ende und die Kunst der 
lüsternen Frau weckt den störrischen Gesellen zu keiner neuen Leistung. Das zeigt, daß 
schon der Gedanke, es könnte jemand zuhören, genügt, um die Erektion zu verhindern. 

Auch der Umstand, daß die zweite Erektion besser ist als die erste, kommt nur 
bei psychischer Impotenz vor. Der aus Schwäche Impotente erlahmt nach dem ersten 
Male und die zweite Leistung bleibt — wenn sie schon zustande kommt — hinter der 
ersten zurück. Hier werden die Hemmungen überwunden und sind sie einmal über¬ 
wunden, so ist die Bahn frei. 

Woher stammt aber in diesem Falle die Hemmung? Ich habe mir gemerkt, daß er 
zuerst bei der Lehrerin impotent war und daß die Rankheit sich dann weiter durch 
Autosuggestion entwickelte. Depressionen, Weinkrämpfe, Selbstmordideen zeigen, daß es 
sich um einen sehr unglücklichen Menschen handelt. Sollte nicht eine unglückliche Liebe 
im Spiele sein? Es hieß vorsichtig forschen und dem Kranken nicht wehe tun . . . 

„Sie erzählen, daß Sie zuerst bei der Lehrerin impotent waren. Wie trug sich der 
Vorfall zu?“ 

„Wir gehen spazieren ... im Walde . . . wir sind sehr zärtlich. . . . Ich küsse 
sie viele Male, sie küßt mich wieder. Ich werde kühner. Sie wehrt sich kaum. Ich 
fühle meine Erregung wachsen. Die Erektion ist fast schmerzhaft. Wir liegen im Grase. 
Ich beuge mich über sie, umarme sie und drücke sie an mich. Jeder Widerstand ver¬ 
schwindet. Sie läßt sich mir ganz. Ich fühle, daß sie mir gehört und in diesem Momente 


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78 


Wilhelm Stekel. 


— welches Pech! — bin ich kein Mann mehr xmd verschleiere meine Impotenz mit 
irgend einer Ausrede/^ 

„Wissen Sie noch, woran Sie gedacht haben?“ 

„Nur, daß jetzt die Folgen meiner Onanie auftreten und daß ich jetzt impotent 
bin. Das haben mir auch aUe Ärzte bestätigt, daß ich infolge der Onanie an Männer¬ 
schwäche erkrankt bin.“ 

„Haben Sie sich nie Oedanken darüber gemacht, warum die Onanie erst jetzt die 
schädlichen Folgen geäußert hat? Warum Sie vorher über eine ausgezeichnete Potenz 
verfügten?“ 

„Nein ... ich habe ja auch während der Gonorrhöe onanieren müssen, weil ich 
ja zu keinem Frauenzimmer gehen konnte.“ 

„War Ihnen die Lehrerin vielleicht unsympathisch und haben Sie sich zu der Zärt¬ 
lichkeit gezwungen?“ 

(Lebhaft.) .,Nein ... sie war mir sehr sympathisch. Sie war das einzige 
Mädchen, das ich wirklich geliebt habe! Wenigstens damals. Ich trug mich 
auch mit dem Gedanken, sie zu heiraten.“ 

„Warum haben Sie es nicht getan?“ 

„Weil ich impotent war und . . .“ 

„Und . . . weil ich im Zweifel war. Meine Eltern waren dagegen, weil sie arm 
war. Der Vater sagte mir: Schau zu, daß du ein reiches Mädel heirat^ Die Lehreiin 
ist nichts für dich. Du bleibst dein lebelang ein armer Teufel . . .“ 

„Sehen Sie das Mädchen noch?“ 

,,Nein. Ich habe den Verkehr ganz abgebrochen. Sie verlobte sich bald mit einem 
anderen und wird diesen Monat heiraten.“ 

„Können Sie sich noch erinnern, was das für ein Lied war, das in Berlin gesungen 
wurde, als Sie weinen mußten?“ 

„Ja. Es waren Volkslieder. Damals sang man irgend ein altes Volkslied. Ja richtig: 

Ach, wie ist’s möglich dann, daß icrh dich lassen kann! 

Doch das hatte gar keinen Bezug. Ich weinte, weil ich so nervös war.“ 

Nan war mir Beine Impotenz nnd sein ganzes Leiden klar. Er 
liebte das Mädchen nnd stand doch zugleich unter dem Einfluß des 
Vaters und seiner Geldgier. Er war armer Leute Kind nnd wollte in 
die Höhe kommen, ln der kritischen Szene im Walde kam ihm der 
Gedanke: „Wenn du sie deflorierst, so muflt du sie heiraten. Am Ende 
kommt sie in die Hoffnung und dann hast du als Ehrenmann keine 
andere Wahl!“ Seine Geldgier und der Imperativ des Vaters siegte. 
Nun war sein Unglück besiegelt. Er schlief die Nächte nicht, weil er 
unglücklich verliebt war. Der Gedanke an die Impotenz verschleierte 
den viel wichtigeren Gedanken: Nun ist dein Lieb für ewig verloren! 
Deshalb wollte er sich das Leben nehmen und deshalb weinte er in 
Berlin. Er konnte sie nicht lassen und sie hatte einen anderen ge¬ 
nommen . 

Mit der Onanie hat dieses Leiden gar keinen Zusammenhang. Die 
Onanie erwies sich als das Schuldreservoir, das seine große Schuld 
aufnehmen und decken mußte. Er hatte ein Verbrechen begangen, an 
sich nnd an dem Mädchen. Er hatte aus Geldgier alle Schwüre ge¬ 
brochen und seine einzige Liebe aufgeopfert. Er hatte vor ihr Theater 
gespielt und sich in eine physische Schwäche geflüchtet, während sein 
Leiden eine Schwäche seines Charakters war. .4ber diese Feigheit 
rächte sich. Ewig stand nun das Bild des Mädchens vor seinen inneren 
Augen und verdrängte alle anderen Frauen ... Die Verlassene rächte 
sich, indem sie ihn seiner Mannheit und seiner Lebensfreude beraubte. 
Vor dem Paradiese der Liebe stand nun der Racheengel und verwehrte 
ihm den Einlaß. 


*) Über diese „nnbewaßte“ Liebe siehe meine Broschüre „Das nervöse Herz‘‘. 
(Verlag der Hofbuchhandlung Wallishauser. Wien 1913.) 


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Die psychische Impotenz des Mannes. 


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Sehr bemerkenswert zum Thema „Onanie und Potenz" ist der 
nächste Fall. 

Fall Nr. 5. C. W., ein 20jähriger Student berichtet: 

„Ich onaniere, so lange ich mich erinnern kann. Ich wurde in der Kindheit 
fürchterlich gequält, weil ich mir die Onanie nicht abgewöhnen konnte. Ich wurde 
mit allerlei Marterinstrumenten des Nachts versehen, bei Tage so strenge bewacht, daß 
man mit mir sogar aufs Klosett gmg. Ich bekam Keuscbheitshosen, so daß ich das 
Glied nicht berühren konnte. Ich onanierte durch die Hose. Dann wurden mir die 
Hände gebunden, so daß ich nicht zu den Genitalien konnte. Ich onanierte durch Zu¬ 
sammenpressen der Schenkel und durch allerlei Bewegungen des Beckens. Ich siegte 
über alle Hindernisse und onanierte mehrere Male täglich. Schließlich fing ich an zu 
heucheln und machte meinen Eltern vor, daß ich die Onanie gänzlich überwunden hätte. 
Sie gaben dann bald die Beobachtung auf, weil ich frisch aussab, guten Appetit batte 
tmd mich sehr gut entwickelte. DaW onanierte ich mehrere Male täglich. Ich war 
imstande den onanistischen Akt bis zu einer Stunde und darüber auszud^nen. Kam es 
zur Ejakulation, so war die Libido noch nicht herabgesetzt, die Erektion hielt an und 
ich mußte manchmal noch ein- oder zweimal den Orgasmus bervorrufen. Jetzt hin ich 
zwanzig Jahre alt und möchte die Onanie gerne aufgeben. Aber ich kann nicht schlafen, 
nicht studieren, wenn ich nicht täglich wenigstens einmal onaniere. . 

Über meinen Rat suchte Patient Bekanntschaft mit Machen, weil sonst zu be¬ 
fürchten wäre, daß er bei der Onanie verbliebe und den Übergang zum Weibe nicht 
vollziehen könnte. Er suchte erst eine Dirne auf und hatte das typische Erlebnis solcher 
Menschen. Er verliebte sich in sie und wollte sie retten und heiraten. Bald hatte er 
dies Erlebnis überwunden und wurde ein Don Juan, der sich gar nicht satt lieben konnte. 
Zwei Jahre später mit 22 Jahren heiratete er und führte eine überaus glückliche Ehe. 
Seine Frau hatte mir gegenüber nur eine Klage, daß ihr Mann zu viel Ansprüche an 
sie stelle. Seine Potenz war in jeder Hinsicht tadellos. . . 

Es ist zweifellos, daß viele Onanisten impotent sind. Das kommt 
aber nicht von der Onanie, sondern weil es maskierte 
Perverse sind, Menschen, deren Sexnalziel nicht die 
Frau ist. Oder die irgendeine Form der Befriedigung suchen, welche 
einem Veto unterliegt. (Masochisten, Sadisten, Urolagnisten, Lustmörder, 
Homosexuelle usw.) Für diese Menschen ist die Onanie die einzige 
adäquate Form ihrer Befriedigung, weil sich mit dem onanistischen 
.4kte immer eine „spezifische lusterregende Phantasie“ ver¬ 
bindet. Sie klagen dann die Onanie ais Ursache ihrer Impotenz an. 
Wir sehen, nur mit einer gewissen Berechtigung. Die Onanie hat die 
spezifische Phantasie immer wieder herbeigerufen und umgekehrt. Aber 
der Onanieakt hat nicht die Impotenz erzeugt. Er ist an und für sich 
harmlos. Damit hängt ja auch das Eätsel zusammen, warum sich der 
eine die Onanie so leicht abgewöhnt, der andere nicht. Der eine bedarf 
der Onanie als Ersatz des Normalen. Hat er dann das Normale, so 
kann ihm die Onanie nie mehr diese Lust bieten wie der normale Akt. 
Der andere findet beim normalen Akt nicht die gleiche Libido wie bei 
der Onanie und findet unter Umständen gar keine Libido. Er wird 
immer wieder zur Onanie zurückkehren, weil sie ihn zugleich gegen 
die Perversionen schützt. 

Fassen wir die Erfahrungen, die wir aus der Beobachtung der 
fünf Fälle gewonnen haben, zusammen: 

1. Die Onanie ist nie die Ursache der Impotenz. 

2. Daß so viele Onanisten impotent sind, rührt daher, daß sie im 
normalen Koitus keine Befriedigung finden können. Die Onanie ersetzt 
infolge der damit verbundenen Phantasie einen perversen Akt. 

3. Die Vorstellung der Impotenz ist die stärkste Hemmung. Gegen 
diese Vorstellung muß der Psychotherapeut ankämpfen und den Kranken 


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Waldemar Zude. 


davon überzeugen, daß die Angst ihn impotent mache. Vorstellungen, 
er hätte sich durch übermäßigen Koitus, Jugendsünden, Onanie, Onanis- 
mus, die Potenz ruiniert, sind gleichfalls zn bekämpfen. 

4. In leichten Fällen gelingt die Heilung ohne Eingehen auf tiefere 
Motive durch bloße Suggestion. Schwerere Fälle verlangen eine psy¬ 
chologische Erforschung. 


Nacktkultur und Vita sexualis. 

Von Waldemar Zude 

in BiadkL 

(Schloß.) 

Durch Gewöhnung an die edle Nacktheit werden auch die fast 
perversen Kulturmänner der Gegenwart wieder, wie einst ihre eiszeit¬ 
lichen Ahnen, ohne Heizung der Libido den Körper des anderen Ge¬ 
schlechts betrachten können, genau wie die paradiesischen Naturmenschen, 
Doch können unter gewissen Umständen auch diese durch die Nacktheit 
des Weibes gereizt werden, weshalb (nach Tocantins) die völlig 
nackten Maduruskufrauen Brasiliens jede Stellung vermeiden, die als 
obszön gelten könnte. Ich erinnere auch an den frommen Neger Tom- 
bouctous, der auf die Frage Frobenius („Auf dem Wege nach At¬ 
lantis“, S. 211), warum sie ihre Frauen nicht auch in der Moschee beten 
lassen, folgende Antwort gab: „East du die Frauen von Timbuktu 
abends beten sehen? Sahst du nicht, daß sie wohlgeformt sind? Wenn 
sie auch noch im Tempel beim Salaam den Körperteil, den AUah zu 
verschiedenen Zwecken nun einmal so schuf, vor den betenden Männern 
emporheben (auf und nieder wippen) wollten, dann wäre keine Andacht 
mehr!“ (Vgl. auch die Trennung der Geschlechter in der jüdischen 
Synagoge.) Darum sagt Ellis (S. 26) mit Recht: „Neger sind sehr 
selten wissentlich unanständig und schamlos“ und (nach S. 80) stimmen 
alle Beobachter darin überein, „daß die völlige Nacktheit der Wilden 
keine Spur sexueller Lockung in sich birgt, wie dies beim heutigen 
D6collete und Dötroussö der Fall ist“. Darum sehen wir auch die 
Neger auf Photographien in Gemeinschuft mit Weibern immer ohne 
sexuelle Erregung, ohne erigiertem Penis dargestellt, z. B. die drei 
Difalemänner mit dem Lossomädchen Nordtogos (Seidel, „Geschlecht 
und Sitte“, S. 368), Jnng-Kavirondo (Ungewitter, „Nackt“, S. 83), 
die Bahari des Himalaya (ebenda, S. 39), die kämpfenden Nikobaresen 
(BusChan, „Sitten der Völker“, S. 319), die trauernden Australier 
(ebenda, S. 204) u. a. Aber auch wir Kulturmenschen können es durch 
die Gewöhnung an die Nacktheit dahin bringen, wie die Photographien 
der bunten „Ringelringelreihe“(Ungewitter, „Nackt, S. 10), „Im Schilf“ 
(ebenda, S. 79), „Waldesfrieden“ (Ungewitter, „Nacktheit und Kultur“, 
S. 25), „Naturkinder“ (ebenda, S. 29), „Familien-Idyll“ (ebendj^ S. 83), 
„Am Neckarstrande“ (ebenda, S. 135), „Tanzstudie“ („Schönheit“ 1914, 
S. 241) u. a. zeigen. Auch beim Baden wird meist die „soziale“ Nackt¬ 
heit nicht mit „erotischen“ Augen angesehen (ein Beweis, daß wir „inner¬ 
lich eigentlich stärker sind, als wir uns für gewöhnlich halten“); denn 


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Nacktkultur und Vita sexualis. 


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zwanglos baden in Forst (Lausitz), am Wallensee (Kt. St Gallen), am 
Titisee (bei Freiburg i. B.), in Kiew, in Novorossisk, in Kopenhagen, 
in Stockholm usw. Männer, Frauen und Kinder gemeinsam oder nur 
durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, völlig nackt. Und wer an 
die Nacktheit gewöhnt ist, wird zugestehen müssen, daß der Anblick 
des nackten weiblichen Körpers nur rein schönheitssinnliche, aber keine 
wollüstig erotischen Empfindungen auslöst. „Die nacktlebenden Natur¬ 
völker sind das beste Vorbild,“ schreibt ein Deutscher aus Zentralafrika 
(üngewitter, „Nacktheit und Kultur“, S. 70). „Unter ihnen gibt es 
keine Prüderie, Heuchelei noch Prostitution und sexuelle Perversitäten. 
An dem untadelhaften Lebenswandel einer nackten Kavirondo-Schönen 
könnte sich manch ein europäisches Dämchen ein Vorbild nehmen! Ich 
habe nie freier, natürlicher und zufriedener (in geschlechtlicher Bezie¬ 
hung) gelebt als unter den nackten, hochsittlichen Kavirondo-Leuten. 
Der Wunsch nach geschlechtlicher Befriedigung, der bei den ungesunden 
Zuständen europäischer Kultur so schwer stillbar ist, ist bei einem 
Europäer unter nackt lebenden Völkern auf ein Minimum reduziert und 
geschlechtliche Enthaltsamkeit eine Kleinigkeit“ Eine mir bekannte 
Dame aus der Altmark schrieb mir jüngst: „Nun wollen Sie gewiß auch 
wissen, wie ich mich dazu stelle, wenn Männlein und Weiblein gemischt 
diese Sonnen- und Luftbäder nebmeu würden, nicht wahr? Ja, das ist 
eine eigene Sache und läßt sich so schnell nicht beantworten. Glauben 
Sie denn, wenn beide Geschlechter so mit einmal nackend zusammen kämen, 
daß sich dabei nicht beiderseits doch so etwas die Sinnenlust regte, 
d. h. es müssen mindestens normal, eventuell sogar hübsch gewachsene 
Menschen sein! Jedenfalls müßte jeder, der die sogenannte Nacktkultur 
betreiben wollte, sehr sehr strenge gegen sich selbst sein! Bei der 
heutigen Zeit —! Aber schließlich, was früher den Menschen möglich 
gewesen ist, warum sollten wir heute das nicht auch durchführen 
können!“ Und daß es sich durchführen läßt, will ich an einigen be¬ 
redten Beispielen zeigen, die auch Bl ochs Behauptung, „der zivilisierte 
Mensch gewöhnt sich unglaublich schnell an das Nacktsein, als an einen 
ganz natürlichen Zustand“, bestätigen: 

Ein junger Mann trat einst plötzlich, unangemeldet in das Zimmer seiner Braut 
nnd fand sie im Evaskostüm ein Sonnenbad nehmend. „Als sie mich sah, rief sie er¬ 
freut aus: ,Du! — ich dachte, es wäre jemand eingestiegen; denn ich habe die Haustür 
zugescblossen^ Darauf bot sie mir die Lippen zum Euß. So haben wir wohl 10 Minuten 
beieinander gesessen nnd gelacht und gescherzt, ohne daß uns das gewiß überraschende 
imd ungewöhnliche Beisammensein Gedanken machte. Am Nachmittag sprach ich mit 
ihr über diese Sache, und meine Braut meinte: ,Es kam mir so ganz selbstverständlich 
vor*. In mir bat das Zusammensein zuerst gar keine sexuelle Reizung ausgelöst. Das 
Nackte wirkte beruhigend. Erst als meine Braut bei geschlossener Tür sich anzog, fing 
mein Blut an heftig zu kreisen.“ (Ungewitter, „Nacktheit und Kultur“, S. 120.) 

Ein junger Mann, der durch ältere Kollegen, schlechte Bücher und Nachtleben in 
der Großstadt verdorben worden ist und ein Abenteuer suchte, fand auch ein junges 
Banornmädchen, das sich schließlich bereit erklärte, ihren nackten Körper zu zeigen. 
Es folgte dann unter Hangen und Bangen gegenseitiges Entkleiden mit heimlicher Neugier 
nach dem sehnsüchtigen Anblick eines nackten Menschen vom anderen Geschlecht, „^d- 
lich, nachdem ich mich völlig nackt vor sie hinstellte, ließ auch sie die letzte Hülle 
fallen. Da kam eine große Wandlung in unserem Leben. Beide wußten wir nun, wie 
nackte Menschen aussehen nnd reichten uns aus Dankbarkeit für das gegenseitig ge¬ 
schenkte Vertrauen die Hände. Meine Abenteuerlust war verschwunden und edlere Ge¬ 
danken brachen sich Bahn.** (Ebenda, S. 78.) 

Einem Göttinger Studenten war es vor vier Jahren gelungen, für die Nacktideen 
einige Freunde zu gewinnen. „Unsere kleine Gesellschaft, bestehend aus 4 Damen und 


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82 


Waldemar Zude. 


3 Herren, traf sich an freien Nachmittagen auf einer abgesperrten Waldwiese, um einige 
Stunden ganz nackt zu spielen,“ wobei „der Anblick der nackten Körper nur rein schön¬ 
heitssinnliche, aber keine wollüstig erotischen Empfindungen auslöste“. (Ebenda, 8 . 76.) 

Vor 3 Jahren machte üngewitter mit 4 Herren, 5 Damen und 2 Kindern eine 
Schwarzwaldwanderung. „Als wir beim Bergangehen an einen klaren Waldbach entlang- 
^ngen, äußerte eine noch junge Frau, sie möchte baden, worauf ich sagte, dann könnte 
ich gleich eine schöne Aufnahme machen. Da wir keine Badeanzüge fürs Wasser mit¬ 
hatten, so war es selbstverständlich, daß dies nur in völliger Nacktheit geschehen konnte. 
Wir entkleideten uns während wir den anderen Vorausgehenden zuriefen, sie möchten 
warten. Kaum hatten diese aber bemerkt, daß wir hüllenlos im Wasser standen, als sie 
mit einem Schlage wie auf Kommando sämtlich die Kleider abstreiften und zu uns 
kamen. Dabei waren ein junger Mann von 22 und ein junges Mädchen von 17 Jahren, 
die noch nie das andere Geschlecht nackt gesehen hatten, die übrigen waren jung ver¬ 
heiratet mit Ausnahme einer Frau, die schon mehrere Kinder geboren und deren Figur 
dadurch verloren hatte. Aber niemand schämte sich. Wir kannten uns natürlich schon 
länger und hatten stets die Luftbadbekleidung vorher benützt. Nach kurzem Bado 
marschierten wir ein paar Stunden und nahmen dann ein gemeinsames dreistündiges 
Luftbad auf abseits gelegener schöner Waldwiese in völliger Nacktheit. Zutraulich wie 
Kinder, sprangen wir alle herum und jubilierten.“ (Ebenda, 8 . 46—47.) 

Auf einer Pfingstreise in die Sächsische 8 chweiz lernte ein Lehrer 2 junge Damen 
und 1 Herrn kennen. „Am zweiten Pfingstfeiertag bestiegen wir gemeinsam den hohen 
8 chneeberg. Die große Wärme und das lange Wandern ließen uns alle ein Bad wünschen. 
Unser Abstieg führte durch das Taubenbachtal. Ich machte den Vorschlag, nackend zu 
baden. Die 2 jungen Damen schienen aber nicht geneigt. Kurz, ich zog mich aus und 
badete. Den 3 Begleitern schien bei mir etwas nicht ganz richtig. Als ihnen aber mein 
Wohlsein und mein Humor verrieten, daß ich noch bei Sinnen war, begannen sie sich 
auch langsam auszuziehen und meinem Beispiel zu folgen. Nach dem Bade gestanden sie 
mir, eine ähnlich reine und erhebende Stunde noch nicht erlebt zu haben.“ (Ebenda, 8 . 75.) 

Einige Nacktkulturfreunde hielten sich kürzlich einen Sommer in Ronneby (Schweden)^ 
auf. „Dort wurde der ganze Tag in paradiesischer Nacktheit zugebraclit, Abwechslung 
gab es genug. Herumspringen mit dort weidenden jungen Pferden, Baden, Schwimmen, 
Eudem, Plaudern, Vorlesen, Essen, Trinken und Schlafen, dabei vollständig hüllenlos in 
Sonne, Dcht, Luft und Wasser badend, beide Geschlechter ohne die geringste Zurück¬ 
haltung, harmlos und lustig wie die Kinder.“ (Ebenda, S. 77.) 

„Früh 4 Uhr treffen wir uns auf einem Gartengrundstück, um bis 7 oder auch 
V 58 Uhr voDständig nackt zu spielen. Gegen Abend finden meist kurze Ausflüge statt, 
verbunden mit Luftbad und möglichst Bad im Rhein. Wir sind 3 Damen im Alter von 
18, 20 und 21 .Jaliren und 3 Herren im Alter von 21 und 22 Jahren. Wir kennen uns 
erst seit 9 Monaten. Keine Verwandtschaft bindet auch nur 2 von uns. Die Herren 
und Damen fanden sich zuerst getrennt durch Lektüre der ,Schönheit^ Als ich zufällig 
bei einer Dame Besuch machte, fand ich ein Heft dieser Schrift und bald sprachen wir 
auch darüber, und ihre Bitte, ihr doch den Anblick eines nackten Mannes von Fleisch 
und Blut zu verschaffen, führte uns beide zum Versuche. Bald zogen wir unsere 
Freundeskreise zu und jetzt geht alles gut von statten.“ (Üngewitter, „Nackt"', S. 113.) 

Goethes Wunsch, ein nacktes Mädchen zu sehen, ging nach einigen Bemühungen 
in Erfüllung. „Reizend war sie, indem sie sich entkleidete, schön, herrlich schön, als 
das letzte Gewand fiel. Sie stand, wie Minerva vor Paris mochte gestanden haben; be¬ 
scheiden bestieg sie ihr Lager, unbedeckt versuchte sie in verschiedenen Stellungen sich 
dem Schlafe zu übergeben, endlich schien sie entschlummert, ln der anmutigsten Stellung 
blieb sie eine Weile, ich konnte nur staunen und bewundern.“ (Goethe, „Briefe aus der 
Schweiz,“ 1 . Abt.) 

ln einem kleinen abseitsgelegenen Badeorte Hinterpommems führte eine Barfuß- 
und Schleiertänzerin am Badestrände ihre Tänze auf, wobei sie natürlich, entsprechend 
der veränderten Umgebung, weniger auf Polizei und Prüderie Rücksicht nahm. „Diese 
Darbietung wirkte auf die Zuschauer derartig geschlechtlich ernüchternd und ästhetisch 
berauschend, daß von nun an nach und nach fast alle, wie auf Verabredung, während 
des ganzen Sommei-s auf jede Badebekleidung verzichteten.“ („Hellas“ 1908, 6 .) 

Ein junger Mann folgte schüchtern der Einladung einiger Naoktkulturfreunde, mit 
ihnen ein Sonnenbad zu nehmen. „Ich brauchte meinen Entschluß nie zu bereuen. Ein 
reizendes Bild bot sich meinen Blicken; auf der blühenden Wiese standen im Kreise, 
von der warmen Sonne beschienen, mehrere Damen und Herren im Adamskostüm beim 
lustigen, neckischen Ballspiel. Mit lieben, herzlichen Worten wurde ich in ihren lustigen 


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Nacktkultur und Vita sezualis. 


83 


Kreis aufgenommen, und bald fühlte ich mich bei ihnen so heimisch und wohl, als wenn 
ich schon jahrelang zu ihnen gehörte. Angst und Scham waren verschwunden und hatten 
einer kindlichen l^eude am Leben Platz gemacht.^^ (nLoge des aufsteigenden Lebens^^ 
1912, 11.) 

Hier haben wir einige geradezu klassische Beispiele dafür, daß die 
völlige Nacktheit beider Geschlechter in keiner Weise erregend wirkt, 
d. h. das Kleinhirn nnd die canda equina znr Peniserektion reizt; denn 
das ist ja der „Stein des Anstoßes", an dem nach Ansicht vieler die 
Nacktkultur — ohne Badehose scheitert. Und doch ist gerade sie das 
„unanständigste Kleidungsstück", schreibt Pudor (Bd. 2, S. 3), „das 
sich denken läßt, weil sie den Blick mit Gewalt auf diese gewisse Stelle 
lenkt und mit Fingern auf sie zeigt: Da ist etwas Heimliches, etwas, 
was versteckt wird, wie ein Osterei, etwas ganz apartes, etwas, dessen 
man sich schämen muß, die Sünde, oder das, womit man Sünde treibt 
oder treiben soll oder treiben will. Also geradezu entsittlichend wirkt 
dieses Kleidungsstück." Vielleicht möchte mir ein Leser den bekannten, 
verächtlichen Ausruf des nur mit einem dürftigen Hüftschnrz (Masi) 
bekleideten Fidschi-Schamanen aus Somosomo bei Williams Schilde¬ 
rung der nackten Nen-Kaledonier und ihrer Götter Vorhalten: „Nicht 
im Besitz eines Masi und wollen Götter haben!" Doch ist es falsch, 
daraus zu schließen, daß selbst die nackten Naturvölker die Genitalien 
sorgfältig aus Schamgründen verdecken; denn wie wir oben gesehen 
haben, gehen noch viele Völker gänzlich nackt, ohne „Feigenblatt". 
Wohl haben sie ein „Schamsymbol“, z. B. trägt der Neu-Kaledonier 
eine Schnur um den Leib, ebenso der Baka'iri-Indianer n. a. Es ist das 
männliche Symbol! Es verdeckt allerdings absolut nichts; denn ver¬ 
gebens sucht man das etwa davon herabhängende Feigenblatt. Zwar 
besitzen die Bakäiri seit alters her Kleiderkenntnis, die sie aber nur 
zum Mummenschanz gebrauchen. „Daß Kleider ,schamhaftei" sind, da¬ 
von hat der gute Bakai'ri noch keine Ahnung. Wie ums mit Absicht 
klärlich zu erweisen, hängt er nämlich außen auf seine Hosen einen 
Maiskolben als Geschlechtsglied" (B öl sehe). Upd damit stehen wir 
dicht vor einem römischen, indischen und ägyptischen Ritus, dem Phallus¬ 
kult ! Der PhaUus oder Lingam war nichts als das Symbol des Segens, 
der von den Göttern verliehenen Zeugungskraft. Es war ein heiliges 
Symbol. Die frommen Frauen Indiens hingen es an ihren Hals oder 
schmückten ihre Frisuren damit und machten sich Armbänder daraus. 
In den Tempeln errichteten sie Lingams von gigantischer Größe (vgl. 
auch Obelisken). Zu ihnen flehten die Menschen um ein fruchtbares 
Jahr, sie bat die kinderlose Frau um Nachkommenschaft, mit ihnen 
wurde die dem Gotte geweihte Jungfrau defloriert (eine Handlung, die 
allerdings schon nach kurzer Zeit die Priester selbst übernahmen), mit 
dem Phallus trieben später diese Priesterinnen die schändlichsten, ona- 
nistischen Akte, zu diesem Phallus betete später der an Syphilis oder 
anderen Geschlechtskrankheiten leidende Römer, und dieses Symbol wurde 
an bestimmten Festtagen in feierlicher Prozession von fast ganz nackten 
Weibern in den Straßen Roms umhergetragen. Heutzutage noch stellen 
sich einzelne Fakirs, bettelnde Mönche, zur Hälfte nackt vor die Tore 
indischer Tempel und bieten den Weibern ihren Penis zum Kuß. Die 
unfruchtbaren Frauen zögern nicht, mit ihren Lippen dieses Amulett zu 
berühren, in der Hoffnung, Kinder zu erhalten, und beschenken den Fakir 
mit Almosen. Bei einer ganzen Reihe orientalischer Völker, auch den 


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84 


Waldemar Zade. 


MohammedaQern, legt der Schwörende dem, dem er den Eid zn leisten 
hat, die Hand anf den Penis. Beim Islam wird bei dem Phallus von 
Allah geschworen. Ich erinnere auch an den religiösen Bitns der Zir- 
knmzision bei vielen Völkern! Bei den ans Sachalin eingewanderten 
Ainos in Thnishikari werden die Grabdenkmäler für Mann und Weib 
dadurch unterschieden, indem sie mit den entsprechenden Geschlechts¬ 
teilen dargestellt werden. Ohne Sehen berühren die Bakairi-Eltem 
öffentlich die Genitalien ihrer Kinder, nm ihre Legitimität anszndrücken, 
anf Tahiti, bei den Australiern, anf Samoa, bei den Malayen der Philip¬ 
pinen n. a. wird der Geschlechtsakt öffentlich vollzogen, auf den Anda- 
manen, auf Tahiti, in Kamtschatka usw. gebären die Frauen öffentlich. 
Die jungen japanischen Mädchen beschenken sich mit Wunderscbacbteln, 
aus denen ein rosenrot gefärbter Phallus hervorspringt. Auf der deut¬ 
schen Halbinsel Heia hat sich (nach Mannbardt) unter dem seit Jahr¬ 
hunderten in Abgeschiedenheit lebenden Fischern deutscher Abkunft 
folgender Hochzeitsbrauch erhalten: Ein rüstiger Mann zeichnet unter 
Hersprechung einiger Eeimverse allerlei Figuren auf den Tisch, zulezt 
einen Phallus, der vom Zeichner mit beiden Händen bedeckt wird. Auf 
ein gegebenes Zeichen stürzen die herumstehenden Frauen und Jung¬ 
frauen auf den Tisch los und suchen die Hände des Zeichners vom 
Phallus fortzuziehen. Je schneller ihnen dies gelingt, ohne die Zeich¬ 
nung zu zerstören, desto kinderreicher wird die neugeschlossene Ehe. 
F. V. Reitzenstein („Urgeschichte der Ehe“) bringt (8.26—28) die 
Abbildungen mehrerer Holzfiguren verschiedener Naturvölker, die sämtlich 
eine starke sexuelle Betonung aufweisen, indem die männlichen und 
weiblichen Geschlechtsteile, besonders die letzteren, in übermäßig auf¬ 
dringlicher Weise dargestellt sind und — was die Hauptsache ist — 
durch die an dieselben (nicht über dieselben) gelegten Hände auffallend 
stark hervorgehoben werden. Während die männlichen Figuren den 
Penis umfassen, legen die weiblichen die eine Hand an den Busen, die 
andere an die Schamspalte. Ähnliche Figuren sah ich auch in der 
Südseesammlung des Moritzbnrg-Museums ^) in Halle a. S. Aus diesen 
Posen geht doch klar hervor, daß sie nicht Darstellungen des Kensch- 
heitsbe^iffes sind, sondern ein Hinweis auf die Geschlechtsteile (vgl. 
auch die Stellung der mediceischen Venus). Deshalb tragen die Bakai'ri- 
Indianer, die Guyana-Indianer, die Boro, Suk, Mafulu, Kavirondo, Mtussi, 
Wadsebagga, Ovambo, Losso, Difale, Zulu, Bontokigon'oten, Andamanesen, 
Samoaner, Australier, die Eingeborenen der Taveta- und .4madigebiete 
nsw. allerhand Schnüre von Perlen, Muscheln u. dgl., auch schmälere 
oder breitere Gürtel und Bänder nm Taille und Hüften, ohne daß diese 
Gegenstände die Genitalien verhüllen; denn die Perlenschnur umschließt 
meistens den Körper beträchtlich oberhalb der Scham. Diesen gleichen 
Gürtel zeigt ein Bronzefigürchen aus Verona, ein Latenefigürchen (von 
500 V. u. Z.) aus Klein-Zastrow bei Greifswald, einige Figuren alt¬ 
ägyptischer Tänzerinnen und Sklavinnen und die bekannte Aphrodite. 


Hier befindet sich auch ein kleines Bildchen^ einen gänzlich nackten Amor dar¬ 
stellend, der mit seinem, dem Penis entströmenden Drin die Glut zweier am Boden 
liegenden, flammenden Herzen löscht Ich erinnere auch an Bmonenfiguren (z. B. die 
Wasserspeierin), bei denen das Wasser sich aus den Genitalien ergießt und an die Dri- 
lopotae, jene in Pompeji ausgegrabenen, obszönen Trinkgefäße, die namentlich bei Venus- 
und Bacchusfesten benutzt wurden. 


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Nacktkultur und Vita sexualis. 


85 


Es ist lediglich Schmuck, der sicherlich alles andere eher will, als ver¬ 
hüllen, er sollte ursprünglich dazu beitragen, die Blicke des anderen 
Geschlechts auf diesen Punkt des Gegenstandes ihrer Sehnsucht hinzu¬ 
lenken (und die Libido zu reizen). Auch legten alle Bakairifrauen das 
„Uluri“, als v. d. Steinen sie darum für seine Sammlung bat, den 
rotgelben, glänzenden Schmuck in seiner Gegenwart^) bereitwilligst ab, 
wie dies auch in Momenten höchster Weihe geschieht (z. B. empfing die 
Balonda-Negerkönigin Livingstone in völliger Nacktheit). Auf den 
Admiralitätsinseln gehen die Männer völlig nackt mit Ausnahme einer 
Gürtelschnur, an der eine kleine, blendend weiße Muschel so befestigt 
ist, daß sie die Vorhaut bedeckt (aber sich von der dunklen Hautfarbe 
auffällig abhebt), doch schämen sie sich ohne dieses Signal, wie die 
Grönländer und Trumai ohne ihre Schnur*). Ebenso wie der junge 
Betschuane in Afrika seine lederne Peniskappe mit bunten Perlen stickt 
und der Areoi auf Tahiti durch einen Gürtel aus gelben „ti“-Blättern 
auf seine Genitalien hinweist, so „befestigt der brasilianische Bororo- 
Indianer bei festlichen Gelegenheiten an seinem Baststulp eine lange 
rot und gelb gemusterte Fahne, recht ein Beweis, daß es sich hier noch 
um alles eher als eine echte Ablenkung für den Blick von dieser 
Leibesgegend handelt; man soll ruhig hierher sehen, soll aber an dem 
am rechten Fleck befindlichen Signal merken, was an der Zeit ist und 
was nicht“ (Böl sehe 11, S. 474). Auch der sogenannte Bacchus Indi- 
anus (in der Münchener Glyptothek) ist ein interessantes Beispiel für 
die Sitte, den Geschlechtsteil durch die Kleidung stark hervorzuheben. 
Etwas Ähnliches tun die Kulturmenschen, wenn sie in den Museen die 
Statuen mit einem Feigenblatt bekleiden. Hier können auch die Schurz¬ 
felle der schottischen Nationaltracht, die bunte Schamkapsel der männ¬ 
lichen Beinkleider des 15. Jahrhunderts und der dekolletierende Frack 
unserer Zeit (vgl. die schöne Anekdote von dem jungen Franzosen beim 
Sultan von Lahey in Südarabien) Erwähnung finden. Ich verweise auch 
auf die Tatsache, daß bei den Palau-, Nukuoro-, Karolinen- und Neu- 
Guinea-Insulanerinnen bei Eintritt der Pubertät der Mons Veneris mit 
dreieckigen, blauen Tatauierungen-’) verziert“ wird, wie es sonst nur 
noch beim Häuptling geschieht. Alle diese Beispiele sind aber ein 
förmlicher Hohn auf die Annahme eines allgemeinen, die Genitalien zu 
verbergen strebenden Schamgefühls! Keidel hat also unrecht, wenn 
er allgemein die Forderung der Badehose im Sonnenbade aufrecht¬ 
erhält; denn auf an die „soziale“ Nacktheit gewohnte Menschen übt der 
nackte Körper keine „erotische“ Wirkung aus, höchstens auf „verkommene 
Persönlichkeiten“ (wie v.Reitzenstein sagt). „Wer im unbekleideten, 
d.h. im natürlichen Körper etwas ,Unsitt]iches‘ erblickt, befindet sich auf 
einer bedauernswerten Stufe moralischer Entartung, an der allerdings 
unsere heutige Scheinmoral und Scheinerziehung den Löwenanteil hat.“ 


*) Ebenso wuschen sich (nach v. d. Steinen) die völlig nackten Suyafrauen in 
Gegenwart der Europäer die Genitalien am Fluß. 

*) Die Frauen in Eotuma (Polynesien) nehmen ihren Lendenschurz nicht einmal 
bei den beiden täglichen Bädern ab und die Andamanenfrauen machen selbst in Gegen¬ 
wart anderer Frauen ihren Blättergürtel nicht los, auch die Wa-Yao-Neger bedecken ihre 
Genitalien mit peinlicher Gewissenhaftigkeit (nach Rieh et deswegen), weil die genito- 
anale Region mit ihren Sekreten und Exkrementen bei den meisten Naturvölkern einen 
Gegenstand des Elkels bilden. 

•) Auf Tahiti bemalen sich die Frauen ihr Hinterteil blau (vgl. Mandrill). 


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Waldemar Zade. 


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Natürlich dürfen wir die Nacktkultur nicht wie einen Dens ex 
machina unter die unvorbereitete Menge schlendern, desgleichen nicht 
gar zu zimperlich. Auch hier gilt das von Ovid geprägte Wort: Medio 
tutissimus ibis! „Mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu 
machen, in körperlichen Dingen, wie in geistigen, in Dingen des Ge¬ 
schmackes, wie des Charakters. Seid aber klug und fangt in den 
Schulen an, und es wird gehen,“ sagt unser Dichterfürst Goethe mit 
Becht; denn in der Jugend mufi begonnen, die Jugend muß planmäßig 
nackt erzogen, an den Anblick des nackten Leibes beider Geschlechter 
beizeiten gewöhnt werden, ehe sie noch einen „Stein des Anstoßes“ 
daran findet und die sexuelle Neugier (die zu so vielem Unheil führt) 
erwacht. Solange ein Kind den erwachenden Geschlechtstrieb in sich 
noch nicht verspürt, hat es keine Ahnung von dem Zwecke seines und 
des anderen Geschlechts, auch wenn es täglich mit seinen Spielgenossen 
die Verschiedenheit der Geschlechtsorgane zu sehen bekäme. Es sieht 
wohl den Unterschied, denkt aber beileibe nichts Schlechtes dabei (wie 
ich bereits in meinen sexualpädagogischen Abhandlungen gezeigt habe) ^), 
weil eben die Anregung zu diesem Gedanken — das erotische Gefühl — 
völlig unbekannt ist. Auch hier gehen die halbnackten und bekleideten 
Naturvölker uns mit gutem Beispiel voran. Bei vielen Naturvölkern 
währt die völlige Nacktheit bis zur Pubertät, so bei den Aschira in 
Westafrika, den Gamerga im mittleren Sudan, den Chaymas in Mittel¬ 
amerika, den Eingeborenen der Neu-Hebriden usw. Sogar auf den 
Straßen von Asuncion, der Hauptstadt Paraguays, wie nicht minder in 
den Dörfern dieses Landes, trifft man (nach Mantegazza) halb er¬ 
wachsene Menschen beider Geschlechter ohne Kleidung. Allein auch 
in Südeuropa ist öffentliche Nacktheit der Kinder etwas Gewohntes. 
Schon in der ungarischen Tiefebene sah v, Hellwald halbwüchsige 
Zigeuner im Sommer Knaben wohl bis zum Alter von 10, 12 Jahren 
nackt über die Straße laufen, und arbeitende Jünglinge behalten in der 
Wärme des Sommertages nur die Mitte des Körpers bekleidet. Auch 
Spohr sah vor 17 Jahren in Ungarn ganze Scharen von Kindern 
zwischen 4 und 12 Jahren bei —ö** B splitternackt sich im Ostwinde 
tummeln. Aber auch bei uns in Deutschland habe ich öfter nackte 
Kinder draußen herumlanfen sehen, z. B. im Kreise Wirsitz (Banm- 
haide, Lobsens) und Bromberg (Jägerhof, Oplawitz, Bromberg), ohne 
daß die Eltern jemals etwas von Nacktkultur gehört hätten. Dazu 
kommt nun noch die große Zahl der bewußten Nacktologen (vgl. die 
schönen Kinder-Nacktphotographien in Ungewitters „Nacktheit“ 
S, 68, 69, „Nackt“ S. 29, 44, 53, 58, 96, „Nacktheit und Kultur“ S. 4, 
49, 67, 77, 95, im 1. Luxusband vonVanselows „Schönheit“ S. 206, 
483, „Schönheit 1914“ S. 91 143, 482, in Pudors „Nackt-Kultur“ III, 
S. 14 usw.). Gemeinsames Baden der Kinder ist auf dem Lande und 
in Kleinstädten in völliger Nacktheit noch sehr häufig. Die Idee einiger 
Pädagogen, die Knaben und Mädchen von zarter Jugend an an den 
Anblick gänzlich unbekleideter Personen in Schwimmhallen zu ge- 


*) Trotz öfteren Verbotes erwischte ein Pfarrer wieder einmal die zosammenbadende 
Jugend. Alle Kinder ergriffen ihre Kleider und liefen davon, nur ein kleiner Knabe 
blieb weinend stehen. „Habe ich euch nicht gesagt, daß ihr nicht mit Mädchen zusammen 
baden sollt?“ stellte ihn der Gestrenge zur Rede. Webend erwiderte der Junge: „Sie 
hen doch kerne Röckle an, ich hab's nicht könne wisse.“ 


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Nacktkultur und Vita sexualis. 


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wöhnen, ist schon seit langen Jahren in den hochkultivierten skandi¬ 
navischen Ländern verwirklicht, was ja jeder weiß, der z. B. in Kopen¬ 
hagen oder Stockholm eine Schwimmanstalt besucht bat Was dort 
allgemeine Landessitte ist, könnte auch in Deutschland nachgeahmt 
werden, indem man den obligatorischen Badehosenzwang abschafft; 
denn, schreibt Fritsch, „die Gewöhnung an die vorurteilsfreie Be¬ 
trachtung des Nackten ist die Vorbedingung für den beanspruchten 
sittlichen Emst, die Normalentwicklung des Geschlechtstriebes und die 
Abneigung gegen jede widernatürliche Unzucht“ Diese Bemerkung ist 
um so beachtenswerter, als es wohl möglich ist, daß der in Deutsch¬ 
land fast überall strenge Badehosenzwang der stark verbreiteten Homo¬ 
sexualität eher förderlich als zu ihrer Bekämpfung dienlich ist Über¬ 
haupt wird der enorme Einfluß der Nacktkultur auf sexuell Überreizte 
immer mehr anerkannt; denn die Berührung des nackten Körpers mit 
der Luft kühlt, berahigt die erhitzten Nerven. Durch sie bekämpft 
der Onanist am erfolgreichsten sein Leiden, durch sie wird auch das 
geschlechtliche Verlangen heißblütiger Menschen unter die Macht des 
sittlichen Willens gezwungen; selbst die Phantasie reinigt sich von 
unlauteren Bildern. Vom nackten Baden sollten wir dann zum nackten 
Turnen „als zu einem erst geschichtlich spät verlorenen Besitz“ über¬ 
gehen, wie man es in der Knabensekundarschule zu Bern getan hat. 
Wie die Gewöhnung der Jugend an das Nackte sich äußert, zeigt uns 
z. B. jener siebenjährige Knabe, der am Wannsee badete und den vom 
Gendarm erhaltenen Befehl, sich sofort anzuziehen, vollzieht, indem er 
zunächst — zur allgemeinen Heiterkeit bis auf den ärgerlichen Sitt¬ 
lichkeitswächter — das Badehöschen anszieht! Noch anschaulicher zeigt 
uns das W. Gerhard, ein in den Tropen geborener Deutscher, der von 
kleinauf gewöhnt gewesen, nackte Menschen um sich zu sehen. Er war 
beinahe 20 Jahre alt geworden, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß 
der Anblick eines nackten Körpers „böse Triebe“ erwecke. Aus einem 
deutschen Seebade schrieb er an seine Eltern: „Denkt euch nur einmal, 
hier müssen Damen und Herren getrennt baden, ist das nicht wunderlich?“ 

Erotisches Oefühl hatte er wohl seiner Geliebten gegenüber kennen gelernt, „aber 
dieses war doch nicht durch den Anblick des nackten Körpers entstanden, sondern so 
ganz allmählich aus der Vereinigung ihrer Seelen in ihm emporgeblüht wie die alles ver¬ 
gärende Wunderblume aus ,1001 Nachts Die andern (schreibt er), die waren mir alle 
so gleichgültig gewesen, auch alle jene nackten Gestalten, die ich täglich sah. Die Nackt¬ 
heit war ja der natürliche Zustand des Menschen, wie ich damals in meiner Naivität 
glaubte, und die Kleidung nur ein Schutzmittel gegen Insektenstiche, Regen imd über¬ 
mäßigen Sonnenbrand.“ („Geschlecht und Gesellschaft“ 1906, S. 483.) 

„Ich erinnere an jene drei Pescheräh, welche Kapitän Fitzroy nach England ge¬ 
bracht, wo sie auf Kosten der Regierung erzogen und unterhalten wurden, ^er von 
ihnen, Jemmy Button getauft, war sogar eine Zeitlang in vornehmen Gesellschaften als 
Schoßkind verhätschelt worden, hatte in Europa stets Handschuhe und blankgeputzte 
Stiefel getragen und sprach sogar englisch, ln seine Heimat zurückgebracht und mit 
seinen Verwandten vereinigt, wurde er bald wieder der frühere nackte ungewaschene und 
ungekämmte Feuerländer.“ (v. Hellwald, „Die menschliche Familie“.) 

„Einen noch bezeichnenderen Fall erzählt J. J. v. Tschudi von einem talentvollen 
Botokudenknaben, der, sorgfältig erzogen, es zuletzt so weit brachte, daß er sich das 
Doktordiplom bei einer medizinischen Fak^tät Brasiliens erwarb. Dann aber verschwand 
er plötzlich und wurde nach längerer Zeit unter einer Botokudenhorde in seinem ursprüng¬ 
lichen, völlig nackten Naturzustände wieder angetroffen.“ (v. Reitzenstein, „Ur¬ 
geschichte der Ehe,“ S. 95.) 

Aber auch die Kinder, bei denen die Zeit der dunklen unverstan¬ 
denen Gefühle der Liebe allmählich herannaht, werden in der Nackt- 


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Waldemar Zade. 


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heit nie auf Abwege geraten, weil die lebhafte Phantasie der anderen 
— vor dem Anblick des Nackten sorgsam gehüteten — weil der Eeiz 
des Verborgenen gänzlich fehlt. Dafür ein Beispiel: 

„Daß ich meine Kinder (drei Knaben von 9, 77, nnd 2 Jahren und Zwillings- 
mädchen von 4 Jahren) in sexueller Aufklärung erziehe, ist selbstverständlich. An die 
Nacktheit untereinander sind sie schon längst gewöhnt, weil ich schon früher durch 
meine pädagogischen Erfahrungen auf den Wert der Koedukation im vollen Sinne des 
Wortes hingewiesen war; seit unserem Beitritt zur Loge (des aufsteigenden Lebens) sind 
sie auch an die unbefangene Betrachtung des nackten Körpers ihrer Eltern gewöhnt^ 
was ohne jede Schwierigkeit gelang. Es war für den psychologisch geschulten Beob¬ 
achter geradezu ein reiner Genuß, die Wirkung zu beobachten, die der erstmalige Eintritt 
dieses Ereignisses bei den verschiedenen Altersstufen auslöste. Interessant war es mir, 
daß die Knaben sich mehr für den ausgebildeten Körper des Mannes, als des w'eiblichen 
interessierten, während bei den Mädchen das Umgekehrte der Fall war. Bei sexuell 
gereizten Kindern wird es wohl anders sein.“ (Ungewitter, „Nacktheit und Kultur,“ 
S. 79.) 

In Helmlingen a. Rh. „war ich gewohnt, daß sich Mädchen von 12—14 Jahren 
nackt in den Häusern ausziehen, die Dorfstraße entlanglanfen und in dem sehr tiefen 
Altwasser des Rheins baden. Auch viel später habe ich in verschiedenen Dörfern im 
badischen Unterland beobachtet, daß schon ältere Mädchen sich zu Hause auszogen und 
im Dorfbach neben der Straße badeten. Daraus ergibt sich, daß das (Nackt-) ^am- 
gefühl von Natur nicht vorhanden ist, sondern uns (zu dreiviertel) künstlich änerzogen 
wird.“ (Ebenda, S. 69.) 

Ich eriunere auch an den amerikanischen Farmer John Costellow 
bei Windsor (Bertie County), der als Kind stets eine Abneigung gegen 
Kleider hatte und dem seine Eltern gewährten, seiner Eigenschaft zu 
frönen. Jetzt im vorgerückten Alter von über 65 Jahren hat er niemals 
mehr äußeren Schmuck getragen als ein Hottentott. 

Somit könnte man also das Nebenziel der Pädagogik (nach Popp) 
„die richtige sittliche Erziehung im Sinne einer gesunden Gewöhnung 
an das Nackte“ erheben. Dabei denke ich aber nicht daran, daß wir 
auch in den Straßen der Städte in völliger Nacktheit lustwandeln 
können; denn das zu verlangen, wäre Vermessenheit, wohl aber (wie 
in Grönland, Hawai, Japan, Irland) im Hause und außerhalb der Ort¬ 
schaften, beim Spiel und Sport, beim Luftbad auf Wiesen und im 
Walde. Wir brauchen uns unseres Geschlechts und unseres schönen, 
gesunden, nackten Körpers nicht zu schämen, wir, die wir wissen, daß 
der Mensch ein Produkt der Entwicklung aus dem Tierreich ist, daß 
die Natur in uns ihr Meisterstück bewiesen hat! „Die ruhige Über¬ 
legung muß siegen, daß nicht der menschliche Körper und auch nicht 
ein Teil desselben unanständig ist, sondern daß wir durch eine falsche 
Moral verbildet, das Unanständige in den Gegenstand hineingebracht 
haben“ (Popp), oder wie B öl sehe sa^: „Vor das Heilige wurde ein 
Schleier gezogen, um es vor der Profanierung zu bewahren, und in der 
profanen Masse wohnte sich der Glaube ein, der Schleier sei gezogen, 
um etwas Unanständiges zu decken.“ Errare humanum est! Wenn 
doch auch Roeren, Keidel, Wenz und Genossen zu dieser Er¬ 
kenntnis ihrer menschlichen Schwäche kämen und ihre Hypokrisie ab¬ 
legten, den Widersinn ihrer Behauptungen und Forderungen einsähen 
und nicht länger eigensinnig viri obscuri blieben, aber bei ihnen heißt 
es auch, wie bei jenem idten Kirchenvater: Credo, quia absurdum 1 
Mögen sie sich an Genelli, v. Schmidt, Nagel, Kurzrock, 
Diefenbach, Jannasch, Gräser, Ankenbrand u. a. ein Vor¬ 
bild nehmen, das Recht nnd die Heiligkeit des nackten Menschenleibes 


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Der Seemann and die Frostitation. 


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anerkennen nnd ihre Anthropophobie überwinden; denn obige Zeilen 
zeigen ganz klar, daß die „Scham “-Scham ganz zn Unrecht besteht, 
da der Mensch, zumal der Mann, sonst von Natur mit einem Feigen¬ 
blatt ansgestattet worden wäre, mit Recht weisen Hall nnd Renooz 
darauf hin, daß schöne Menschen stolz auf ihre nackte Schönheit sind 
nnd sie gern zeigen. (Auch besteht ein natürlicher Trieb, die Geni¬ 
talien nnd die sekundären Geschlechtsmerkmale zn zeigen nnd hervor¬ 
zuheben, worauf, nach Seidel, ja die Erscheinungen des Exhibitionis¬ 
mus beruhen.) Wenn sich diese Erkenntnis erst bis in die weitesten 
Kreise Bahn gebrochen hat, dann wird die tierische Wollust und krank¬ 
hafte Perversität einer gesunden, gesitteten Sinnlichkeit weichen müssen. 
In hoc signo vinces! 


Der Seemann und die ProstitutiOD. 

Von Ernst Ulitzsch, zur Zeit im Felde. 

Niemand führt ein so eigenartiges und zugleich unglückliches 
Sexualleben wie der Seemann. Zwar erfordern viele Berufe die Ab¬ 
wesenheit des Mannes von der Familie, bei keinem pflegt die Trennung 
so lange zu dauern als gerade bei den Seeleuten. Bei einer Fahrt auf 
einem der modernen Schnelldampfer kann er die Route Hamburg-Neu- 
york hin und zurück in weniger als drei Wochen erledigen — auf 
einem Transportdampfer dauert dieselbe Fahrt schon drei Monate — 
und die Segelschiffe, denen man namentlich Hölzer und Dünger an¬ 
vertrant, haben zwölf bis zwanzig Monate nötig, ehe sie von Hamburg 
nach San Franzisko gelangen. Mögen nun die Entfernungen, welche 
die Seeleute zurückzulegen haben, groß oder klein, der Aufenthalt im 
Heimatshafen lang oder kurz sein, jedenfalls schließt dieser Beruf ein 
geregeltes Sexualleben aus, gibt diesem vielmehr etwas Sprunghaftes 
und läßt vor allem ein „Familienleben“ im eigentlichen Sinne nicht 
entstehen. Das güt in gleichem Sinne für Offiziere als auch für Mann¬ 
schaften; nnd derselbe Zustand herrscht bei der Handelsflotte wie bei 
der Kriegsmarine. 

Das Sexualleben der Seeleute beginnt sehr früh, vielleicht noch 
früher als bei der proletarischen Bevölkerung der Großstädte, bei der 
Geschlechtsakte in noch schulpflichtigem Alter leider häufiger ver¬ 
kommen, als gewöhnlich angenommen wird. Das durchaus männ¬ 
liche Milieu, in dem der Seemann sein Leben verbringt (der ja 
auch auf den Passagierdampfem mit den Fahrgästen nicht in Berührung 
kommt), läßt ihn sich einer Sprache bedienen, in der die Dinge des 
sexuellen Lebens in nackten und brutalen Worten erscheinen. Die 
deutschen Seeleute sprechen eine Art Niederdeutsch, nicht, wie so oft 
behauptet wird, den Hamburger Dialekt; die Hamburger Hafenarbeiter 
setzen sich zum großen Teil aus Holsteinern und Mecklenburgern zu¬ 
sammen; die aus allen Gauen Deutschlands stammenden Seelente 
schleifen ihren Heiraatsdialekt etwas „waterkantig“ um — aber sie 
sprechen deshalb noch lange nicht harn burgisch. Übrigens ist auch 
der im Hamburger Hafen gesprochene Argot mit sexuellen Redensarten 

ZeitBchr. £. Sexualwissenscbait lH. 2. 7 


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Ernst Ulitzsch. 


Stark durchsetzt. Die Derbheit der Sprechart taucht immer da auf, 
wo iu einer Männergruppe wenig außergeschlechtliche Be¬ 
rührungen mit Frauen stattfinden. Das ist bei Handwerks- 
bnrschen und auch bei Soldaten der Fall — namentlich bei 
letzteren hat die Sprache im jetzigen Kriege eine kaum mehr zu über¬ 
bietende Zügellosigkeit erreicht Die Sprache ist für die in zeitweiliger 
gezwungener Abstinenz lebenden Seeleute eine Art Ventil, durch das 
angespeicherte erotische Energien entladen werden. Andererseits wird 
durch diese einseitige Betonung des Geschlechtlichen auch ein immer¬ 
währender Kitzel ausgeübt, der namentlich auf jüngere Leute nicht 
ohne Einfinfi bleiben kann. Vor allem mnß die brutale Behandlung 
der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau, ans der sonst edle 
Beweggründe aufsprießen, jede feinere Seelenregung zerstören und 
namentlich die Frau zu einem Wesen herabdrücken, das nur dazu da 
ist, die flüchtige Lust eines Augenblicks zu stillen. Deshalb fehlt dem 
Sexualleben des Seemanns der vertiefende Zug, welcher sich in jeder 
anderen Liebe bemerkbar macht. Entfernung von dem geliebten Wesen 
bringt gewöhnlich heftige Sehnsucht hervor, aber beim Seemann ist 
diese Entfernung zu lange während und zu häufig, die Zeit der Ver¬ 
einigung zu kurz, so daß lebhaft empfundene Sehnsucht zum mindesten 
ein unbehagliches Gefühl, eine Qual hervorrufen würde, die in irgend¬ 
einen Gedanken „verdrängt“ werden müßte. Junge Marineoffiziere, 
denen durch Erziehung eine feinere Erotik und ein sensibleres Emp¬ 
finden eingeimpft wnrde, können sich in der ersten Zeit, namentlich 
wenn sie jung verheiratet sind, schwer an diesen Zustand gewöhnen 
und verdrängen ihre Empfindungen gewöhnlich als Neurosen. Die 
Mannschaften und ältere Seefahrer lassen sich auf die komplizierte 
Erotik der Sehnsucht möglichst wenig ein. Anzunehmen, daß die See¬ 
leute kältere Naturen seien, liegt schon nahe, mag auch teilweise 
stimmen, sonst aber dürften ihre sexuellen Ansprüche nicht hinter 
denen der Landratten Zurückbleiben. Liebesbriefe von Matrosen, von 
denen ich eine Anzahl während des Krieges zu lesen bekam, fielen 
dadurch auf, daß sie wohl lustig und derb, aber niemals sentimental 
und schmachtend waren, wie etwa Soldatenbriefe. Wenn die maritime 
Novellistik den Matrosen empfindsame Züge verleiht, so scheint mir 
das ein Fehler. Der Seemann ist wohl imstande, einen Augenblick 
bis zur Neige anszukosten, aber er wird seine Phantasie nicht darauf 
einstellen, sondern sie von anderen Dingen ablenken lassen. 

Zn den Dingen, in denen er seine Erotik ablenkt, „verdrängt“, 
gehört als wichtigste die Arbeit, die für den einfachen Matrosen ziem¬ 
lich schwer ist nnd einen Teil seiner Kräfte, der sich sonst in sexuellen 
Energien nmgesetzt hätte, anfzehrt Dann im Alkohol, dem ja jeder 
Seemann zngetan ist. Aber auch im Tabak, selbst wenn er auf See 
gewöhnlich als Priem und Pfeifentabak, seltener als Zigarette — als 
Zigarre kaum — anftancht. Gerade der starke Genuß nikotinhaltiger 
Stoffe ist geeignet, die Sexualität zu ketten. 

Trotzdem ist der Seemann dem natürlichen Geschlechtsgennß sehr 
ergeben. Wieweit einzelne auf weiten Reisen sich durch Masturbation 
Erleichterung schaffen oder gar geschlechtliche Akte homosexueller 
Natur Vorkommen, will ich nnerörtert lassen. Daß Masturbation vor¬ 
kommt, konnte ich in einzelnen Fällen erfahren, doch pflegt man das 


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Der Seemann und die Prostitution. 


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— ans Furcht vor Spott — voreinander geheim zu halten. Zu den 
öfter behaupteten Exzessen der Schiffsmannschaft untereinander, gelang 
es mir nicht, eine Bestätigung zu erhalten. Mir scheinen sie, nach 
meinen Erfahrungen im Felde, ziemlich unwahrscheinlich zu sein, da 
heterosexuelle Männer lieber auf einen Geschlechtsakt verzichten, ehe 
sie die Annäherung an den Mann suchen. 

Seeleute heiraten im allgemeinen ziemlich früh, gewöhnlich im 
Anfang der Zwanziger. Es ist für sie auch das Beste, wenn sie nicht 
verbummeln wollen, welche Gefahr gerade bei ihnen wegen der ver¬ 
schiedenen Lockungen sehr groß ist. Sparsame Seemänner sind selten 
wie weiße Raben, und die Junggesellen pflegen, sobald sie alt geworden 
sind, in den Seemannsheimen ein recht kümmerliches Leben zu führen. 
Trotzdem Seeleute in der Regel arm heiraten, ist die Ehe für sie 
dennoch mehr eine ökonomische als eine sexuelle Angelegenheit. Die 
Frau ist diejenige, an welche man einen Teil der Heuer schickt — 
und die die Aufgabe hat, das Geld wirtschaftlich auszugeben und an¬ 
zulegen — und vor allen Dingen den Mann gut zu pflegen, wenn er 
von langer Reise nach Hause kommt Die Ehe ist hier zur Ver- 
pflegungsstation geworden, eine Einrichtung, die in erster Reihe der 
männlichen Bequemlichkeit dient. Die Frau hat den Mann gut zu ver¬ 
sorgen, ihre eigenen Ansprüche aber nicht laut werden zu lassen, weil 
das dem Manne unbequem sein würde. Das gegenseitige Einvernehmen 
pflegt nicht das beste zu sein. Es fehlt diesen Ehen das Band der 
Zusammengehörigkeit, da der Mann im Haushalt nur wie ein seltener 
Logiergast auftaucht uud dann Rechte geltend macht, die der Frau 
manchmal sehr unbequem sind. Denn alle Sorge um den Haushalt ruht 
auf den Schultern der Frau, deren Bemühungen von dem heimkehren¬ 
den Seemann in einer Weise kontrolliert werden, wie ein guter Kauf¬ 
mann seine Bücher prüft. Natürlich gibt es auch glücl^che Ehen, 
und darunter solche, deren Harmonie gerade von der Trennung der 
Gatten herrührt. Kinder pflegen in den Ehen der Seeleute weniger 
zahlreich als sonst in Arbeiterkreisen zu sein. Man hat noch keine 
besonderen Untersuchungen darüber angestellt, jedenfalls kommen große 
Kinderscharen in Seemannskreisen nicht vor. Der Durchschnitt dürften 
drei sein, in vielen sind sie auch noch geringer und nicht wenige sind 
ganz kinderlos. Ob die Beschränkung willkürlich aus der nicht gerade 
glänzenden ökonomischen Lage heraus geschieht, oder ob da andere 
Faktoren mitsprechen, dürfte noch zu erforschen sein. Der Durch¬ 
schnittsarbeiter, namentlich derjenigen in ländlichen Bezirken, steht 
sich pekuniär sicherlich schlechter als der Seemann und nimmt trotz¬ 
dem die Ernährung einer größeren Kinderschar auf sich. Auch beim 
Seemann dürfte von einer willkürlichen Beschränkung der Kinderzahl 
nicht die Rede sein; alle Sorge für die Erziehung fällt in die Hände 
der Frau — und schon die oftmalige räumliche Getrenntheit von der 
Familie läßt den Mann die Erzeugung der Kinder von einer ganz 
anderen, etwas leichtsinnigeren Seite betrachten. Nicht undenkbar 
wäre ferner die Möglichkeit, daß die Zeugungskraft der Seeleute Ein¬ 
buße erlitten habe. Teils durch übermäßigen Genuß von Alkohol und 
Tabak, teils durch Geschlechtskrankheiten. Zu erwägen wäre noch, 
ob sich nicht hin und wieder die Impotenz auf zu lange geübte Ab¬ 
stinenz zurückführen ließe. Mir sind aus dem Kriege Fälle bekannt, 

7* 


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92 Sitzungsberichte. 


in denen Urlauber, die längere Zeit den Geschlechtsakt nicht vollzogen 
hatten, trotz aller Versuche weder Erektion, in manchen Fällen wieder 
keine Ejakulation zustande brachten, was zu erregten häuslichen Szenen 
führte, da die Frauen Untreue vermuteten. Andererseits ist dagegen 
die ejaculatio praecox nicht selten. Trotzdem dürfte der Haupthinde- 
rungsgmnd bei Seeleuten auf Geschlechtskrankheiten zurückzuführen 
sein, die unter ihnen leider sehr häufig sind. Denn die Zentral- 
ansteckungsqueUe, die Prostitution, wird von den Seefahrern viel öfter 
besucht, als das von den Vertretern anderer Berufe der Fall ist. — 

Die Prostitution ist das grofie Becken, in das alle Ströme seemän¬ 
nischer Sexualität letzten Endes versickern. Mag dem verheirateten 
Matrosen, Kohlentrimmer oder Steuermann die Enthaltsamkeit während 
der Fahrt auch nicht schwer fallen, auf der wahrscheinlich kein äußerer 
Anreiz sich bemerkbar machen wird, sondern einfache Kost, hartes 
Lager, schwere Arbeit sowie die Abwesenheit des weiblichen Geschlech¬ 
tes jede unnötige Aufregung femhalten werden. Wenn das Schiff aber 
irgendeinen Hafen anläuft, dann drängen sich alle Eindrücke dem See¬ 
mann um so stärker auf, als er ja mit ausgeruhten, aufnahmebereiten 
Sinnen erscheint. Nicht wenig trägt zum Leichtsinnigwerden auch der 
Umstand bei, daß der Seemann in jedem Hafen einen Teil seiner Heuer 
ausgezahlt bekommt. Große Schiffahrtsgesellschaften suchen zwar das 
Amüsierbedürfnis ihrer Angestellten einzudämmen, indem sie das Ver¬ 
lassen des Schiffes nur auf Urlaubskarten gestatten, aber sie tun das 
weniger aus Moralität, als vielmehr, weil sie aus Erfahrung wissen, 
daß die Lockungen zur Zerstreuung größer als die zur Pflicht sind, 
und bei der Abfahrt des Schiffes das halbe Personal fehlen würde. 
Trotzdem erhält jeder Seemann bei einem längeren Aufenthalt mehrfach 
Urlaub und weiß sich, wenn er will, solchen auf verbotenem Wege über 
die Feuerleiter usw. zu verschaffen. Das hängt ganz von der Veran¬ 
lagung und dem Bedürfnis des einzelnen nach Zerstreuung ab. 

Das ganze öffentliche Leben einer Hafenstadt ist auf den über¬ 
seeischen Verkehr zugeschnitten, und in den Straßen, welche am Hafen 
liegen, treibt das oberflächliche Leben die buntesten und gefährlichsten 
Blüten, ob dies nun Hamburg, Neuyork, oder Port Said oder Singapore 
Wäre. Je näher dem Äquator, desto verlockender und farbiger sind 
die Bilder, welche am Auge des Beisenden vorüberziehen. Die großen 
Hafenstädte sind Sammelorte einer internationalen Prostitution gewor¬ 
den, welche sich in ihnen schamlos breit macht. (Schluß folgt.) 


Sitzungsberichte. 

Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik in Berlin. 

Die Hauptversammlung fand am 18. Februar 1916 statt. 

Der Vorsitzende Herr A. Eulenburg berichtete: Im vorigen Jahre schloß 
ich meinen der Hauptversammlung erstatteten Bericht mit dem Wunsche, Ihnen 
den nächstjährigen bereits nach einem für uns ergebnisvollen Friedensschluß ab¬ 
statten zu können. Dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt; die Zahl unserer 
Gegner hat sogar noch zugenommen; vir stehen noch nach allen Seiten im 


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Sitznugsberichte. 


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Kampfe, haben uns aber überall ehrenvoll und si^eich vordringend behauptet. 
Auch unsere friedlichen Bestrebungen gewidmete Gesellschaft hat natürlich 
xinter der allgemeinen Kriegslage fortdauernd zu leiden. Ein ansehnlicher Teil 
unserer Mitglieder, u. a. unser Kassenführer Adler steht draußen im Felde; bei 
anderen hat das Interesse für alles, was den unmittelbaren Kriegszielen ferner 
liegt, naturgemäß eine zeitweise Abnahme erfahren. Dennoch haben auch vrir 
uns, das können wir wohl sagen, durch diese schwierige Zeit hindurch ehren¬ 
voll und bisher nicht erfolglos behauptet Über die Mitgliederzahl usw. wird 
Ihnen unser Herr Schriftführer, zugleich stellvertretender Kassenführer Ko erb er 
Mitteilung machen. Wir haben im verflossenen Kalenderjahre 7 Monatssitzungen 
gehabt (also sogar eine mehr als 1914), nämlich im Januar, Februar, März, 
Mai, Oktober, November und Dezember — die drei letzten im neueröffneten 
Langenbeck-Virchowhause, das wir heute zum ersten Male mit den uns gastlich 
<largebotenen Bäumen der früher Lassarschen Klinik vertauscht haben. 

Es wurden in diesen 7 Sitzungen ebensoviele größere Vorträge gehalten, 
von den Herren Werthauer, Rohleder, Magnus Hirschfeld, Stümcke 
(zweimal), Placzek und Juliusburger — an die alle sich längere und 
ausgiebige Diskussionen anschlossen. Sie finden die Vorträge sowohl wie die 
daran geknüpften Diskussionen in unserem offiziellen Organ, der Zeitschrift 
für Sexualwissenschaft abgedruckt. Diese ist in gewöhnlichem Urn¬ 
inge, ohne jede räumliche und zeitliche Einschränkung, wie unter gewöhn¬ 
lichen Umständen und mit gleich reichem Inhalt forterschienen, wofür wir der 
Verständnis- und aufopferungsvollen Tätigkeit der Verlagshandlung, sowie dem 
Spezial-Redakteur, Kollegen Iwan Bloch, der namentlich auch den biblio¬ 
graphischen Teil mit unveränderter Soighdt und Hingebung durchführte, nicht 
dankbar genug sein können. 

Ich möchte diesen Bericht nicht schließen, ohne der schweren Verluste zu 
gedenken, die die Sexualwissenschaft durch das Hinscheiden mehrerer ihrer 
würdigsten akademischen Vertreter, nämlich Boverr, Nußbaum und Neu- 
gebauer gerade in den letzten Monaten zu erleiden gehabt hat. Wir haben 
allen dreien pietätvolle Nachrufe in rmserer Zeitschrift gewidmet, und ich 
möchte Sie bitten, sich zum Zeichen des Andenkens von Ihren Plätzen zu 
m*heben. (Geschieht.) 

Der Schriftführer und stellvertretende Kassenführer Ko erber gab einen 
Überblick über die günstige finanzielle Lage und den Mitgliederbestand, der 
durch den Krieg nicht erheblich erschüttert scheint 

Schließlich wird der Vorstand wiedergewählt: Geh. Rat Prof. Eulen- 
bürg, Vorsitzender; Dr. Iwan Bloch und Dr. Magnus Hirschfeld, 
stellvertretende Vorsitzende; San.-Rat Koerber, Schriftführer; Dr. Otto Adler, 
Schatzmeister; Prof. Dr. Blaschko, Dr. Otto Juliusburger, Dr.H. Roh¬ 
leder, als Beisitzer. In den Vorstand kooptiert wird San.-Rat Dr. Isaac. 

Vortragssitzung am 18. Februar. 

Der Vorsitzende Herr Eulenburg dankt den Inhabern der vormals 
Prof. Lassarschen Klinik für die freundliche Bereitstellung des Hörsaales zwecks 
der Vortragsveranstaltungen der Gesellschaft. 

Herr Heinrich Koerber hält seinen angekündigten Vortrag: „Die 
Freudsche Lehre und ihre Abzweigungen“. Der Vortrag erschien 
im 1. Heft der Zeitschrift für Sexualwissenschaft. 


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94 


Sitzungsberichte. 


Diskussion über die Freudsche Lehre am 17. März 1916: 

Herr Iwan Bloch (im vorliegenden Heft als Originalartikel auf S. 57 abgedruckt). 

Herr Juliusburger: Der dankenswerten und wertvollen Übersicht von Herrn 
RoUegen Koerber über die Lehre Freuds und der später eingetretenen Abzwei- 
gui^en seitens einiger ihm besonders nahestehender Schüler, werde ich ganz kurz eine 
kleine Ergänzung hinzufügen: 

Was die Lehre von den Komplexen angeht, so möchte ich nicht verfehlen, nachdrück¬ 
lich auf die Lehre Wernickes von den überwertigen Ideen hinzuweisen, welche nicht 
nur innerhalb des Oberbewußtseins, sondern auch von dem Unterbewußtsein her eine 
eingreifende und Richtung gebende Wirkung auszuüben vermögen. Die starke Affekt¬ 
besetzung einer derartigen üb^erwertigen Idee und ihre oft verhängnisvolle Bedeutung für 
das Seelenleben hat W e r n i c k e scharf betont; auch der gelegentliche sexuelle Inhalt 
einer überwertigen Idee wurde von Wernicke hervorgehoben. — Was die Lehre von 
der Verdrängung bestimmter Erlebnisse angeht, so verweise ich auf die geistvollen und 
bedeutsamen Ausführungen Wernickes über das von ihm als negative Erinnerungs¬ 
fälschung genannte S}Tnptom, wobei einzelne Handlungen und Vorkommnisse aus dem 
Gedächtnis weggewischt werden; auch hierfür wird die Wichtigkeit der Affektlage an¬ 
erkannt. Von der Verdrängung dürfte wohl die Unterdrückung bestimmter Triebe und 
Triebrichtungen unterschieden werden; aber schon hierbei spreche ich scharf aus, daß 
einem Individuum es nicht zusteht, ohne weiteres die Anerkennung seiner Triebe zu ver¬ 
langen. Das Recht, sich auszuleben, besteht nicht und so sehr eine schrankenlose Askese 
abzulehnen ist, so wenig darf man andererseits die segensreiche Einwirkung bestimmter 
asketischer Bestrebungen außer acht lassen. Ich verweise auf meine ArWt, Psycho¬ 
therapie im Jahre 1910, worin ich eine Vertiefung der Freudschen Methode, eine 
innerliche Erneuerung des Individuums und seine Bereicherung mit neuen und ge¬ 
steigerten Lebensaufgaben wünschte. Wenn später Herr Jung und seine Anhänger ähn¬ 
liche Bestrebungen und Forderungen aufgestellt liaben, so ist mir das eine erfreuliche Be¬ 
stätigung der Anschauungen, die ich schon 1910 geäußert habe, und ich freue mich, daß 
Herr J u n g im Sinne Schopenhauer sdie Libido als eine Äußerung des Willens zum 
Leben auffaßt, welchen Standpunkt ich bereits in meiner Arbeit über die Bedeutung 
Schopenhauers für die Psychiatrie eingenommen habe. Ich wende mich nunmehr 
zu einigen grundsätzlichen Einwendungen, die ich den Ausführungen des Herrn Kollegen 
Koerber gegenüber zu machen habe. Es wird so gern von dem Neurotiker schlecht¬ 
weg gesprochen, als ob wir es hier mit einem einheitlichen, scharf umrissenen Krank¬ 
heitsbilde zu tun hätten. Ich kann das ebensowenig anerkennen, wie ich die geradezu 
mißbräuchliche Diagnose Neurasthenie und Hysterie mißbillige. Bei gründlicher Unter¬ 
suchung des Kranken, bei eingehender Feststellung der Symptome kann es nicht entgehen, 
daß ein großer Teil der sogenannten Neurastheniker entw^eder zu den manisch-depressiven 
oder zyklothymen Individuen mit mehr oder weniger stark ausgesprochenen somatopsy- 
chischen Störungen zu rechnen ist. Andere als neurasthenisch angesprochene Kranke im 
mittleren Lebensalter erweisen sich bei genügender Beobachtung als beginnende Para¬ 
lytiker. Eine nicht zu kleine Gruppe der als neurasthenisch bezeichneten Individuen 
muß in die Kategorie der Dementia praecox oder Schizophrenie gerechnet werden. End¬ 
lich gehört ein Teil der sogenannten Neurastheniker zu den infantilen Individuen, bei 
denen manni^ache psychische und physische Entwicklungsstörungen fcstgestellt werden 
können. Im Frieden sah man eigentliche Neurastheniker in des Begriffes strenger Be¬ 
deutung nur wenige, weil die Ätiologie, die psychophysische Erschöpfung, nicht im ent¬ 
ferntesten die Intensität und Extensität wie jetzt im Kriege erreichen konnte. Jetzt sehen 
wir allerdings zahlreiche Individuen, die aus dem Kriege oder nur aus dem Garnison- 
dieovst in das Lazarett kommen und einen Symptomenkomplcx darbieten, den man als 
Psychasthenie oder psychosomatische Asthenie bezeichnen kann. Dieses Kra.nkheitsbild 
zeigt fließende Übergänge zur traumatischen Neurose. Was die Hysterie angeht, so 
möchte ich von der Beibehaltung dieees Namens gänzlich absehen. Sofern es sich nicht 
um Individuen handelt, welche dem manisch-depressiven Kreise oder der Zyklothymie 
oder der Schizophrenie-Gruppe angehören, haben wir. es mit Individuen zu tun, welche 
in der Entwicklung stehengeblieben sind — es handelt sich hier um die Erscheinungen 
eines psychophysischen Infantilismus in des Begriffes w'eiterem Sinne —, wobei Störungen 
der ontogenetisehen und phylogenetischen Entwicklung eine hervorragende Rolle spielen. 
Diese sogenannten hysterischen Individuen sind von vornherein in affektiver und intellek¬ 
tueller Hinsicht als Defektmenschen anzusehen. Ein wichtiges Symptom dieses Infanti¬ 
lismus bildet die psychische Labilität und Dissoziabilität. Erst auf dem Boden dieses 
primär gestörten seelischen Gleichgewichtes erwächst die sekundäre Bedeutung der Kom- 


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Sitzungsberichte. 96 


plexe und der psychogen bedingten Symptome. Damit ist nach meiner Auffassung die 
Grenze der Psychoanalyse g^eben, die immer nur einen Teil der gesamten und von un¬ 
entbehrlichen, ethischen Grundsätzen getragenen Psychotherapie bilden darf. Ich kann 
die Sexualität nicht als die alleinige Quelle für die psychogenen Störungen anerkennen. 
Die Sexualität ist ein sehr wichtiger Faktor, der aber nicht allein in Betracht gezogen 
werden darf. Die psychosexuellen Parafunktionen, die abnormen Triebrichtiingen der 
sogenannten hysterischen Individuen sind der sekundäre Ausdruck einer primären hypo- 
pl^tischen oder paraplastischen Konstitution, wofür endokrine Störungen in Betracht 
kommen. Das Trauma, welcher Art es auch sein mag, spielt eine sekundäre Rolle und 
wirkt bei den hier in Frage stehenden infantilen Individuen erst auf dem Boden der 
primären konstitutionellen psychischen Labilität und Dissoziabilität. Nur bei der echten 
und reinen traumatischen Neurose wird die allerdings anders geartete psychische Labilität 
und Dissoziabilität erst erworben, auf deren Boilen h}T^chondrische Vorstellungen, Er¬ 
wartungsvorstellungen und derartige überwertige Ideen mannigfacher Art neben pri¬ 
mären, durch das Trauma bedingten physischen, materiellen Erschütterungen und Stö¬ 
rungen mit ihren Folgeerscheinungen auftauchen und festwurzeln können. Natürlich kann 
auch ein von vornherein infantiles, also ein sogenanntes hysterisches Individuum an einer 
traumatischen Neurose erkranken, so daß wir dann Symptome und Mechanismen ver¬ 
schiedener Herkunft finden werden. Bezüglich der Beh^dlung der traumatisch be¬ 
dingten Störungen empfehle ich die Metliode von Frank-Berzola, die mir auch ge¬ 
eignet erscheint, etwaige Übertreibungen auffinden zu helfen. Im übrigen ist niemals 
zu vergessen, daß das körperliche und seelische Leben, Leib und Seele unlösbar mit¬ 
einander verbunden sind. Daher muß die somatische und physische Therapie aufs innigste 
miteinander verknüpft werden, sie müssen einander stützen und fördern; denn Leib und 
Seele sind in gesunden und kranken Tagen eine Einheit. Neben der Psychotherapie muß 
die Organtherapie Berücksichtigung finden, allerdings bleibt es von der Zukunft zu er¬ 
hoffen, daß sie der Organtherapie die ersehnten Kräfte bringen werde, aber auch die 
Psychotherapie ist erst in der Entwicklung begriffen. — 

Herr Magnus Hirschfeld: Kollege Koerber hat uns in ganz ausgezeichneter 
Weise durch die verschlungenen Gedankengänge des Freudschen Lehrgebäudes geführt. 
So dankenswert diese Aufgabe ist, so wenig dankbar scheint sie mir. Bewegen wir uns 
doch bei den wesentlichen Voraussetzungen und Schlußfolgerungen Freuds weniger auf 
dem festen Boden des objektiv Anschaulichen als auf dem schwankenden Grunde von 
Anschauungen, Vermutungen und Deutungen. Mit berechtigter Bescheidenheit hat Freud 
seinerzeit die grundlegende Arbeit seiner Lehre „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie‘‘ 
genannt. Aus diesem theoretischen Charakter erklärt es sich auch, daß die meisten selb- 
.ständigen Schüler Freuds, vor allem Adler, Jung, Stekel, alsbald eigene, in wich¬ 
tigen Punkten abweichende Anschauungen und Sexualtheorien gebildet und vertreten haben. 

Bei den meisten der Freudschen Lehren, wie der Transformiemng und Sublimierung 
des Geschlechtstriebs, der Verdrängung, der Introvei'sion, der AmbivaJenz, der Einklem¬ 
mung, dem sogenannten Ödipuskomplex, der Lehre vom kindlichen Inzest, der Symbolik 
und Traumdeutung, kann man sagen: vielleicht verhält es sich so, vielleicht verhält es 
sich aber auch anders; möglicherweise kann es so sein; wahrscheinlich ist es sogar nicht so. 

Im scheinbaren Widerspruch mit dieser Unsicherheit steht die Sicherheit und Be¬ 
stimmtheit, mit der die Freudsche Lehre von Jahr zu Jahr mehr den Charakter eines 
Dogmas annimmt; ich sage: im scheinbaren Widerspruch, denn in Wirklichkeit findet 
man ja den Dogmatismus mehr im Glauben als im Wissen vertreten. 

Verblüffend und blendend sowohl für den nüchternen Naturforscher, der sich unvor¬ 
eingenommen mit der Freudschen Lehre befaßt, als mehr noch für den Laien ist die 
Kühnheit der Schlagworte und Hypothesen, die namentlich von einigen Schülern Freuds 
aufgestellt werden, ohne daß man es für nötig hält, in eine strikte Beweisführung einzu¬ 
treten. So, wenn es heißt: der ganze Krieg sei nur Muskelerotik, oder die Mutter 
könne ihr Kind durch Leibwickeln zum Masochisten, durch Klystiere zum passiven Pygisten 
(Päderasten) machen. Ein Herr, der mich aufsuchte, litt an der Zwangsidee, er könne 
sich einen Revolver kaufen, um sich damit zu erschießen. Er ging später nach Wien, 
wo ihm ein Schüler Freuds die Erklärung gab, der Revolver sei der Penis, die An^t 
vor dem Kaufen des Revolvers sei die Furcht vor seiner Homosexualität! Diese Erklä¬ 
rung w’ar für ihn so überiaschend, daß sie seine Revolverangst in der Tat, wenn auch 
nicht beseitigte, so doch verminderte. 

Bedauert habe ich, daß Kollege Koerber uns keine genaue Definition des Begriffs 
Psychoanalyse gegeben hat. Er sagte, wenn ich ihn recht verstand, daß er auf die 
Technik des psychoanalytischen Verfahrens hier nicht eingehen könne; es wäre aber 
doch für die Hörerschaft sehr \vertvoll gewesen, wenigstens einiges Gmndsätzliche über 


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Sitzungsberichte. 


die Methodik der Psychoanalyse zu hören, und vor allem darüber, wodurch sie sich 
von anderen psychischen Methoden, beispielsweise der Tiefenpsychologie, der Persuasion, 
der Suggestion; der Redekur (talking eure) unterscheidet Vielleicht holt Kollege Ko erber 
dies noch in seinem Schlußwort nach, zumal auch Freud selbst sich, soweit ich sehe, 
nirgends genauer über die Methodik und Technik der Psychoanalyse ausspricht, ander¬ 
seits aber, wie dies auch aus dem Streit mit Jung hervoigeht, nicht nur auf den unver¬ 
fälschten Begriff, sondern auch auf das Wort Psychoanalyse als auf sein geistiges Eigentum 
großen Wert legt. 

Nach meiner Erfahrung besteht der praktische Nutzen der Psychoanalyse für den 
Arzt in einem besseren Verständnis, für den Patienten in einer besseren Entspannung 
des seelischen und nervösen Leidens. Unbegreiflich ist es ja, wie häufig die Ärzte bei 
der Aufnahme der Anamnese die Frage nach dem Geschlechtsleben unterließen und unter¬ 
lassen. Sie erkundigen sich nach Appetit und Verdauung, Schlaf und Beschäftigung und 
allem Möglichen sonst, aber vor der Fragestellung: wie steht es mit Ihrem sexu¬ 
ellen Leben? scheut der Arzt zurück. Das ist ein großer Fehler, da ohne Zweifel 
die ungeordnete, unbefriedigte, sich in unrichtigen Bahnen bewegende Sexualität von 
großem Einfluß auf das Befinden des Menschen ist. 

Um aus \ielen ein beliebiges Beispiel herauszugreifen: so behandelte ich vor kurzem 
eine hochgradige Morphinistin, die vorher von keiner Seite, auch nicht in Morphium¬ 
entziehungsanstalten, nach ihrem Sexualleben gefragt war. Ihr Mann, mit dem sie kriegs¬ 
getraut war, stand als Offizier im Felde. Durch regelmäßigen Sexualverkehr mit ihrem 
Gatten wurde die nervöse Unruhe und Angst beseitigt, die sie immer wieder zum Mor¬ 
phium geführt hatte. 

Die Aussprache ist eines der wichtigsten Mittel der Abreaktion. Dieses Freudsche 
Schlagwort — das ich für ein besonders glückliches halte — ist von Ko erber hier 
nicht angeführt worden. Unter den verschiedenen Wegen der Abreaktion steht aber, 
wie gesagt, die Sprache obenan. Wie körperliche Wunden der Absonderung, so bedürfen 
seelische Leiden der Entspannung durch das Wort Deshalb hat die eingehende Rede 
und Gegenrede mit einem verständnisvollen Arzt an und für sich schon ohne sonstige 
Verordnungen die Bedeutung eines Heilmittels. In das, was man in vertiefter offener 
Aussprache gewinnt, soll man aber nicht zu viel hineingeheimnissen. Darin tut 
nach meinem Dafürhalten die Freudsche Schule zu viel. Die Dinge liegen für den Vor¬ 
urteils- und voraussetzungslosen Beobachter viel klarer und einfacher zutage, als es 
n^h der Freudschen Lehre scheint, und bedürfen gar nicht so findiger Auslegung und 
feinsinniger Spekulation. Wir müssen uns bei der Ergründung des menschlichen Sexual¬ 
lebens zunächst einmal an das klinische Tatsachenmaterial halten, an das Maki-oskopische, 
dann an das durch experimentelle Forschung (beispielsweise Kastratenstudien) für jeder¬ 
mann Zugängliche. 

Das ist es, was so lange vernachlässigt worden ist. Namentlich auf zwei stoffliche 
Dinge möchte ich kurz hinweisen, die von der Freudschen Schule viel zu wenig beachtet 
werden. Da.s eine ist der kongenitale, das andere der innersekretorische Faktor. 

Im einzelnen auf die sexuelle Bedeutung dieser überragenden endogenen Momente 
einzugehen, die viel mehr ins Gewicht fallen als alles äußere Erleben, würde zu weit 
führen. Nur eins sei bemerkt: Da bei dem Kinde bis zura Reifen der Pubertätsdrüse 
keine erotisierenden Substanzen in das Blut und zum Gehirn dringen, kann das Kind auch 
normalerweise keine erotische Lust empfinden. Damit entfällt meines Erachtens die Lehre 
vom kindlichen Inzest, vom sogenannten Wonnesaugen, wie die bei B’reud übliche, 
außerordentlich w'eite Fassung' der sexuellen Libido überhaupt. Es ist nicht richtig, 
Lustgefühle und Wollustgefühle gleichzusetzen. Die lustbetonten Empfindungen, die der 
Anblick einer schönen Landschaft in uns hervorruft, oder ein schönes Kunstwerk oder 
eine schöne wissenschaftliche oder technische Leistung sind qualitativ nicht dasselbe 
wie die erotische Lust, welche dadurch entsteht, daß der Eindruck eines Menschen auf 
die Sinneswerkzeuge eine Spannung erzeugt, die letzten Endes zu einem .sexuellen Aus¬ 
druck, zu einer Entspannung drängt. Solange Freuds Anhänger und Gegner, wenn sie 
von Liebe, Libido und Sexualität sprechen, etw’as Verschiedenes meinen, müssen sie natur¬ 
gemäß aneinander vorbeireden. Daß diese grundlegende Auffassungsverschiedenheit aber 
tatsächlich vorlieot, U stätigt Freud selbst, indem er in seinen amerikanischen Vorträgen 
über Psychoanalyse sagt: „Ich gebrauche das Wort in einem viel weiteren Sinne, 
als Sie gewohnt sind, es zu vei>;tehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, 
ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf 
das Gebiet der Fortpflanzung einschränken. 

Sicherlich ist es nicht richtig, den Begriff Libido auf das Gebiet der Fortpflanzung 
einzuschränken, aber ebenso unrichtig und unzuträglich ist es, ihn — wie Bleuler ein¬ 
mal sagt — auf „alles Streben, soweit es positiv ist“, auszudehnen. 


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Sitzungsberichte. 


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Wir können auf sexnalwissenschaftiichem Gebiet nicht nüchtern, sachlich, klinisch 
and kritisch ^nug sein. DieGrundlage der Sexualpsychologie ist nicht die 
Sexualphilosophie, sondern die Sexual bi ologie. Ziehen wir hier nicht scharfe 
Grenzen, dann können wir leicht wieder zu dem Standpunkt zurückkommen, mit dem 
^dlich zu brechen gerade die Aufgabe unserer Sexualwissenschaft sein sollte: nämlich 
zum Glauben statt zum Wissen. 

Frau Käthe Horney: Es ist zunächst ein Vorwurf g^en die Psychoanalyse, 
der auch heute wieder durchklang: es handele sich nur um Hypothesen, es fehle 
jeder Beweis, trotzdem seien die Lehren zu einem Dogma erstarrt. Dazu ist folgendes zu 
bemerken: Soweit es sich nicht um Beobachtungen, sondern nur um Theorien handelt, 
hat Freud selbst das Vorläufige stets betont. Man muß im Gegenteil anerkennen, 
daß Freud seinen Theorien gegenüber eine Distanz gewahrt hat, wie es nur wenige 
Forscher gekonnt haben. Er hat sich fähig gezeigt, seine Theorien fallen zu lassen, oder 
vielmehr: umzumodeln, wenn neue Beobachtungen ihm neue Wege wiesen. Gerade er hat 
nie versucht, neue Beobachtungen in das Prokrustesbett seiner säten Theorien zu pressen. 
Ich erinnere nur an die Umwandlung der Lehre der infantilen Sexualtraumen, als die Be¬ 
obachtungen anderes zeigten, und das^ obgleich diese Lehre damals den Kern seiner Neu¬ 
rosenlehre ausmachte. 

Das Unbewußte als solches ist allerdings nicht beweisbar. Aber es hat einen großen 
heuristischen Wert als Arbeitshypothese, genau wie der Begriff der Kraft und der Sub¬ 
stanz in der Physik und der der Elektronen in der Chemie. Genau wie die Kraft kann 
man es an seinen Wirkungen erkennen. Und diese erklären uns vieles im Seelenleben, 
was sonst unverständlich gewesen ist. Wir stehen hier vor dem merkwürdigen Phänomen, 
daß man immer gejammert hat über die Unlösbarkeit der Rätsel in uns — jetzt ist ein 
Mensch gekommen, der uns Zusammenhänge aufgedeckt hat, die sonst nur von Dichtem 
intuitiv gescliaut sind — und man weist ihn mit mehr oder weniger Entrüstung zurück, 
weil diese Einsichten uns Illusionen zerstören könnten. 

Die Erscheinung der posthypnotischen Suggestion zeigt uns die Möglichkeit eines 
wirksamen Unbewußten mit der Deutlichkeit eines exakten Experiments. (Beispiel: 
Pflaumen-Made.) Liegt uns das nicht nahe, daß auch in anderen Fällen unsere bewußten 
Motivierungen dieselbe klägliche Rolle spielen und unsere unbewußten Wünsche das 
eigentliche Treibende sein könnten? 

Was übrigens die Exaktheit anlangt, so muß jedem Unparteiischen auffallen, daß 
man der Psychoanalyse gegenüber ganz andere Anforderungen sitellt als in der übrigen 
Wissenschaft. Z. B. ist der Zusammenhang von WahnvorsteUungen mit Toxinen oder mit 
Hirn Veränderungen auch nicht experimentell nachzuweisen; dennoch gilt jeder derartige 
Versuch als wissenschaftlich i). 

Ein zweiter Vorwurf st^te in dem Wort „Hineingeheimnissen“; er wird auch oft 
so formuliert: es handele sich nur um Suggestion, man könne alles heraushören, 
was man wolle. 

Diese Vorwürfe liegen nur für den nahe, der die Methode nicht ausgeübt hat. 
Bleuler sagt dazu: „Die Gegner behaupten, auf die gleiche Weise könne man be¬ 
liebige Zusammenhänge deuten. Hier wäre es an ihnen, den Beweis zu leisten. An ihnen 
wäre es auch, die Analogien und Identitäten der Symbolik in M}iihologie, Traum und 
Schizoplirenie auf andere Weise zu erklären.“ Es ist die ganze psychische Konstellation 
in der Analyse einer Suggestion denkbar ungünstig. Es würde zu weit führen, das näher 
zu begründen. ,.Eine falsche Deutung und falsche Technik rächen sich von selbst durch 
Störung oder Stockung im Fortgang der Analyse“ (Freu d). Man kann beliebig 
oft die Erfahrung machen, daß eine Lösung nur dann befreiend wirkt, wenn sie die 
richtige ist. Dann gestattet sie aber auch, in allen Einzelheiten zu erkennen, wieso sich 
gerade dieses und nicht ein anderes nervöses Symptom bilden mußte. Ferner bringen 
Schizophrene oft ganz spontane Deutungen ihrer Träume und Symptome im Freudschen 
Sinne. Und auch die Neurotiker bringen uns Pliantasien entgegen, die wir uns beim 
besten Willen nicht ausmalen konnten. Ich «lelbst z. B. war, als ich anfing zu analysieren, 
von der Wirksamkeit gewisser unbewußter Phantasien, der s(^nannten Mutterleib¬ 
phantasien keineswegs ütozeugt, aber sie wurden mir von Patienten mit unverkennbarer 
Deutlichkeit entgegengebracht. 

Weiter handelt es sich um Zweifel, die die Ätiologie betreffen. Ich möchte 
auch da nur ein paar Punkte herausgreifen, und zwar, um es mit einigen Schlagworten 

Siehe auch F e r e n c z i : Die psychiatrische Schule von Bordeaux über die Psycho¬ 
analyse. 


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Sitzungsberichte. 


anzudeuten, den Atavismus, den Infantilismus und die toxische Ätiologie. In der Herv'or- 
hebung, daß sadistische und andere Triebe, deren Wirksamkeit wir bei Neurotikern 
sehen, atavistische Bildungen seien, liegt an und für sich kein Widerspruch g^en die 
Freudschen Lehren. Es handelt sich dabei eben um zweierlei Gesichtspunkte, nämlicb 
biologische und psychologische, die doch wohl am zweckmäßigsten auseinandergehalten 
werden, wofür auch Freud stets eingetreten ist. Die biologische Fragestellung wäre 
die: woher stammen denn überhaupt diese sadistischen Triebe im Menschen von heute? 
Die Psychoanalyse interessiert dies Problem erst in zweiter Linie, sondern sie beschäftigt 
sich zu allererst mit dem Einzelindividuum, sucht diese Triebe bei ihnen zu erkennen, 
besonders da, wo sie ins Unbewußte verdrängt sind und sich nur in Symptomen äußern, 
fragt, warum sie verdrängt sind, und welche Wandlungen sie bei den betreffenden weiter 
erlitten haben. 

Auch von der toxischen Ätiologie läßt sich zunächst sagen, daß sie nicht notwendig 
einen Gegensatz gegen die psychogene zu bedeuten braucht, sondern daß sie sich er¬ 
gänzen können. Freud selbst schreibt bei den sogenannten Aktiialneurosen der rein 
toxischen Schädlichkeit die Hauptrolle zu und hat auch sonst oft genug auf Fälle hin¬ 
gewiesen, wo neben der psychogenen auch eine organisch-toxische Grundlage war. Wie 
sich das Organisch-Toxische und das Psychogene in die Verursachung teilen, läßt er aus¬ 
drücklich noch unentschieden. Das eine dürfte wohl gesichert sein, w^as Bleuler kürz¬ 
lich in seinem Aufsatz: „Physisch und Psychisch in der Pathologie“ hervorhob, daß der 
gesamte Chemismus unseres Körpers psychisch beeinflußbar sei: „Die Psyche kann 
körperliche Krankheiten auf direktem Wege entstehen lassen, unterhalten oder beein¬ 
flussen“, wobei das Mittelglied häufig der Vasomotorius sei. Wie die Zusammenhänge 
sind, muß die Zukunft lehren. Soweit beide Beobachtungsreihen, die psychische und die 
toxische, stimmen, müssen sie ja notwendig, sich ergänzend, zu demselben Ziele führen. 

Auch die Beobachtungen von Herrn Dr. Juliusburger über die Infantilismen 
im Wesen und Habitus vieler „Nervöser“ decken sich zum Teil mit denen Freuds. 
Daß Herr Dr. Juliusburger doch zu anderen Schlüssen kommt, liegt meines Er¬ 
achtens bei ihm, wie auch bei den anderen Herren Vorrednern, vorwiegend daran, daß sie 
das Unbewußte mit seiner eigenartigen Wirksamkeit verkennen. So beobachten z. B. 
beide eine Dissoziierung in der Psyche. Herr Dr. Juliusburger sieht aber darin das 
Primäre, den angeborenen psychischen und somatischen Defekt, auf dessen Boden es nun 
erst „zu Entwicklungshemmungen kommt und zu Symptomen auf Grund von Dysfunk¬ 
tion von hypoplastischen Organen und innersekretorischen Drüsen“. Dagegen sieht 
F r e u d in dieser Spaltung erst ein Ergebnis, und zwar das Ergebnis von Verdrängungen 
ins Unbewußte. In den infantilen Zügen im Seelenleben der Hysterischen sieht Herr Dr. 
J uliusburger unter starker Betonung die eventuell gleichzeitig vorhandenen körper¬ 
lichen Entwicklungshemmungen, ein organisch-toxisch bedingtes Stehenbleiben der Psyche, 
während Freud uns gezeigt hat, wie diese Hemmungen, oder häufiger noch Repres¬ 
sionen auf infantile Triebe infolge bestimmter psychischer, unbewußter Mechanismen 
entstehen. Freud liat dabei das konstitutionelle Moment keineswegs übersehen, aber 
liat es weniger betont, weil es einmal zur inhaltlichen Erklärung der Symptome gar nichts 
leistet, und weil cs therapeutisch unfruchtbar ist. So sehen wir denn auch gerade bei 
diesen beiden Punkten notwendigerweise krasse Gegensätze zutage treten. Auf der einen 
Seite hören wdr, daß wir Angstzustände und Zwangsvorstellungen zum größten Teil als 
..einen Ausdruck des Infantilisraus der Affektivität“ (J uliusburger) zu betrachten 
haben, daß sich Organgefühlsstörungen durch eine „Hypoplasie mit daraus resultierender 
Dysfunktion“ herleiteten — auf der anderen Seite lernen wir in allen Einzelheiten ver- 
"t^ hen, aus welchen Trieben und Triebschicksalen und Erlebnissen heraus ein Mensch 
z. B. gerade zu dieser bestimmten Zwangsvorstellung kommen mußte. Aus der Be- 
wiißtstdnspsychologie lassen sich nun el)en Phobien usw. nicht erklären, und w^er die 
unbewußten Motivierungen nicht sehen kann oder wdll, muß konsequenterweise auf eine 
psychologis<*he Erklärung dieser Erscheinungen ül>erhaupt verzichten. In weiterer Folge 
müssen diese Anscliauungen zu einer gewissen Resignation bezüglich einer psycholo- 
iiischen Therapie führen, jeilenfalls l>ezüglich einer kausalen Psychotherapie. Dagegen 
liat Freud uns gezeigt: es kommt zu diesen Phobien, diesen Angstzuständen durch eine 
Regression auf infantile Entwucklungsstufen, al>cr es kommt dazu durch Verdrängungs- 
schöbe, deren Mechanismen wir kennen oder dann anfangen zu kennen, und die wir durch 
eine Analyse wieder rückgängig machen können. Hierdurch entstehen allerdings keine 
Ideabnenschen, aber doch sozial brauchbare Individuen. Ich betone diesen Effekt der 
Psychoanalyse mehr als die Behebung der Krankheitserscheinung<-n, weil es das weitaus 
Bedeutsamere ist. 


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Referate. 


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Schließlich kann noan eine ganze Reihe — wenn auch nicht alle — von den hier in 
Frage stehenden Symptomen auch auf andere Weise beseitigen, aber aus einem in sich / 
gehemmten und gebundenen Menschen einen fürs reale Leben brauchbaren zu machen, 
der seine Kräfte auch wirklich zur Entfaltung bringen kann, das vermag wohl kaum eine 
andere Therapie. 

Von einem der Herren Vorredner wurde wiederum Freud angegriffen wegen 
der Wichtigkeit, die er dem Sexualtrauma beimesse. Dagegen muß immer wieder betont 
werden, daß Freud diese Lehre von der traumatischen Ätiologie schon seit geraumer 
Zeit verlassen hat. Es ist demgegenüber auf die Schrift von Dr. Abraham zu ver¬ 
weisen. Über das Erleiden infantiler Sexualtraumen, in welcher der Autor nachweist, 
daß diese Traumen gar nicht als ein nicht weiter zerlegbares, rein äußerliches Faktum 
aufzufassen sind, sondern daß ihnen in vielen Fällen ein Erleidenwollen des Kindes 
vorau^ht, so daß sie dadurch auch in ihrer Wirksamkeit anders aufgefaßt werden 
müssen. 

Von einem „Recht, sich auszuleben“ hat F r e u d sicher nicht nur nicht gesprochen, 
sondern es ist auch nicht zwischen den Zeilen herauszulesen. Im Gegenteil hat Freud 
stets mit gutem Grund betont, daß die Analyse mit moralischer Bewertung nichts zu 
tun hat, ebensowenig wie jede andere „Seinswissenschaft“. 

Herr Ko erb er dankt in seinem ausführlichen Schlußwort für die den 
Freudianern sonst ungewohnte wohlwollende und leidenschaftslose Form der 
Diskussion; sodann streift er in Kürze die einzelnen erhobenen Einwände. Er 
behauptet das Recht an die in Frage stehenden krankhaften Vorgänge außer 
mit den klinisch erprobten Methoden auch psychologisch heranzugehen, solange 
man sich nicht von den Tatsachen entferne oder in Phantastereien verliere. 

Die neue Art Freuds, diese Dinge zu sehen, ist zwar eine rücksichtslose und 
freie, aber eine durchaus nüchterne und aufs höchste vorsichtige; das ergibt 
sich immer wieder aus dem ernsten Studium seiner Originalarbeiten; man darf 
hier nicht aus den Entstellungen seiner G^ner Schlüsse ziehen. Die psycho¬ 
logischen Zusammenhänge sind allerdings höchst geheimnisvolle, so daß man 
nichts erst hineinzugeheimnissen brauche. Die Psychoanalyse bringt die rätsel¬ 
lösenden Einzelheiten aus dem Verhalten des Patienten selbst herauf, so daß 
der Arzt nichts hinzutun oder herauszusuggerieren brauche. Aus der Summe 
der analytisch erbrachten Einzeldaten schuf Freuds Genius die große Syn¬ 
these seiner Lehre; damit schloß er an die bisherigen, durchaus nicht wert¬ 
losen, psychotherapeutischen Methoden eine neue an, die durch unablässige 
weitere Ausgestaltung ihrer inneren Struktur sich immer wirksamer erweisen 
wird. Ko erber. 


Referate. 

Psychologie und Psychoanalyse. 

M arcinowski, Zur Psychologie der Liebeseinstellungen« (Neue Generation Bd. 12. 
S. 61. 1916.) 

Das Liebesstreben des Menschen ist, gerade so wie es beim Kinde der Fall ist, 
zunächst darauf gerichtet, geliebt zu werden. Eine solche LiebeseinsteDung ist rein 
ichsüchtig gerichtet und erstrebt grundsätzlich eigene Lust. Über diese materialistische 
Geistesrichtung müssen wir emporzudringen streben zu einer höheren, ideahstischen 
Welt- und Lebensauffassung. Wirkliche Liebe muß lernen, den anderen zu lieben 
und sich dabei zu vergessen, muß Hingabe lernen, sonst bleibt sie nur Lust und reift 
nicht zu Glück. Sprinz-Berlin. 


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Referate. 


Rassenhygiene, Eugenik und Geburtenrückgang. 

Würzburger, E., Rückblick auf die Literatur des Geburtenrückganges. (Soziale 
Praxis u. Arch. f. Volkswohlfahrt 1916. XXV. Nr. 21.) 

Alle bisherigen Schriftsteller, die sich mit der Fr^e nach den Bevölkerungs- 
Vorgängen in Deutschland beschäftig haben, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, 
üaß seit der Mitte der siebziger Jahre der Geburtenrückgang eine andauernde und stetig 
zunehmende Erscheinung sei. Verf., Direktor des statistischen Landesamtes in Dresden, 
übt im vorliegenden Aufsatze au diesen Behauptungen eine scharfe Kritik. 

Für ihn ist es falsch, anzunehmen, die Geburten seien schon seit etwa 40 Jahren 
im beständigen Rückgänge begriffen, vielmehr habe dieser Vorgang zum ersten Maie erst 
mit Beginn des neuen Jjdirhunderts eingesetzt, denn die Zahl der lebendgeborenen Kinder 
auf 1000 Einwohner weist im Jahre 1901 noch gerade dieselbe Ziffer auf wie 1892 und 
ziemlich genau wie auch schon 1862. Die Meinung von dem andauernden Geburtenrück¬ 
gänge ist nur „eine Art optische Täuschung‘‘: man geht nämlich regelmäßig von dem Stande 
der Mitte der 1870er Jahre aus, verwechselt die damals bald nach dem Friedensschluß 
entstandene Hochflut von Geburten mit dem Normalstand und hält die ganz natürliche 
Rückkehr zur normalen Sachlage für eine erstaunliche Abnahme. Daß der Zeitpunkt des 
Eintritts des Geburtenrückganges nicht richtig erkannt wird, erklärt sich zum Teil da¬ 
durch, daß gewöhnlich nicht die Jahresreihen nach der Geburtsziffer, sondern Zusammen¬ 
ziehungen nach Jahrfünften oder Jahrzehnten benutzt werden. Falsch ist ferner die Be- 
hauptimg, daß durch die Sterblichkeitsverminderung die Bevölkerungsabnahme, die aus 
■der Zunahme der Geburtenverminderung entstanden sein würde, ausgeglichen worden sei; 
im Gegenteil ist, weil bis 1901 kein Geburtenrückgang vorlag, der Sterblichkeitsrückg^g 
imgeschmälert der Bevölkerungsvermehrung zugute gekommen. Dieser Sterblichkeits¬ 
rückgang beginnt auch erst ungefähr seit der Mitte der 80er Jahre. Außerdem betraf 
er bis zur Jahrhundertwende fast ausschließlich die Erwachsenen, seitdem aber ungefähr 
fast ausschließlich die im ersten Lebensalter Befindlichen. Weil man diese zweifache 
Art des Sterblichkeitsrückganges bisher nicht kannte, entstand die Befürchtung, die Ge¬ 
burten werden sich weiter vermindern, die Sterblichkeit aber sich bald nicht mehr ver¬ 
mindern können, denn sie sei ihrer natürlichen Grenze schon sehr nahe gekommen. 
Dem gegenüber steht die Tatsache, daß die Sterblichkeitsverminderung der Erwachsenen 
{d. h. jenseits des Säuglingsalters), die während der wirklichen Geburtenrückgangszeit, 
also seit der Jahrhundertwende stattgefunden hat, uns jener natürlichen Grenze nur in 
einem ganz geringfüpgen Maße näher gebracht hat, das die Voraussage eines baldigen 
Aufhörens der Verminderung in keiner Weise rechtfertigt. Die Sterblichkeit der Er¬ 
wachsenen hatte viel eher beim Beginne des Geburtenrückganges bereits ihren erniedrigten 
Stand erreicht und beharrt seitdem ungefähr auf diesem Stande. Unverständlich ist weiter 
die Art, wie die neuerlichen Erfolge der Bestrebungen zur Bekämpfung der Säuglings¬ 
sterblichkeit, die sich in dem zweiten Zeitabschnitt des Sterblichkeitsrückganges gezeigt 
haben, in der fraglichen Literatur vielfach unerwähnt bleiben oder sichtlich herabgesetzt 
werden. Die Statistik lehrt, daß den im Vergleich mit 1901 im Jahre 1912 weniger 
geborenen 200000 Kindern nach dem Säuglingssterbesatze von 1901 ein Weniger von nur 
40000 Todesfällen entsprochen haben würde, während die wirkliche Verminderung der 
Säuglin^sterbefälle aber 145000 betragen hat. 

Ein Geburtenrückgang seit der Jahrhundertwende wird somit vom Verf. wohl zu¬ 
gegeben; dabei hat die Bevölkerung Deutschlands in den Jahren 1901—1914 sich um 
11 Millionen vermehrt, in dem vorausgegangenen Zeitraum gleicher Länge mit seinem 
Rückgänge der Sterblichkeit der Erwachsenen aber nur um 8,5 Millionen. Daraus folgt, 
daß die Geburtenzahlen überhaupt keinen richtigen Maßstab für die Bevölkerungs¬ 
entwicklung abgeben, ebensowenig wie der Überschuß der Geburten über die Gesamt- 
sterblichkeit, den man für einen uhtrüglichen Maßstab hierfür zu halten geneigt war. 
Das menschliche Leben ist vor wie nach der Geburt bis in die ersten Lebensjahre stark 
gefährdet; nur die Zahl der diese Gefährdungsperiode Überstehenden, die sog. Aufwuchs¬ 
ziffer entscheidet über den künftigen Volksbestand. Diese jährliche Aufwuchsziffer nun, 
für deren Feststellung etwa der Eintritt ins 7. Lebensjahr als Grundlage dienen kann, 
gibt in Verbindung mit der Ziffer der über diesem Alter jährlich Sterbenden die Verän¬ 
derung desjenigen Volksbestandes an, der praktisch für die Zukunft allein in Betracht 
kommt. Die Aufwuchsziffer hat sich nun in der Zeit des Geburtenrückganges nicht ver¬ 
mindert, sondern im Königreich Sachsen und Bayern z. B. sogai* vermehrt. Dessen¬ 
ungeachtet will Verf. keineswe^ bestreiten, daß eine noch stärkere Volksvermehrung als 
-die gegenwärtige anzustreben sei. Abgesehen davon, daß der augenblickliche Krieg Lücken 


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101 


Bücherbespi-tfchung^n. 


im Nachwuchs mit sich bringen wird, die wohl nicht so schnell sich wieder ausfüllen 
lassen, wie es nach 1870 der Fall war, ist ein Staat, der von übelwollenden Nachbarn 
umgeben ist, nicht stark genug an Volksza^l. Nur muß eine noch mehr beschleu¬ 
nigte Volkszunahme, um keine Übervölkerung des alten Bodens herbeizuführen, in der 
Form erfolgen, in der sich die Völker veijüngen, das ist durch Kolonisation, und zwar in 
erster Linie nicht in fremden Erdteilen, weil dann die Leute dem Mutterlande bald ent¬ 
fremdet werden, sondern an den Ostgrenzen des Reiches. 

Busch an (Stettin), z. Z. Hamburg. 

Kriegsliteratur. 

Vaerting, Die Frau, die erblloh-organische Höherentwicklung und der Krieg« 
(Die neue Generation Bd: 12. 1916. Heft 3/4. S. 67.) 

In der Verbindung der älteren Frau mit dem jüngeren Manne liegt wahrscheinlich 
die Grundlage der Entetehung und des Wachstums aller menschlichen Intelligenz. In 
den ersten Perioden des Menschengeschlechts, als das herrschende Mutterrecht dem Weibe 
gestattete, nach seinen eigenen Trieben zu wählen, verfuhr das Weib unbewußt nach 
diesen eugenischen Grundsätzen. An Stelle bloßer Instinkte vertritt das intelligente Weib 
mit Bewußtsein das Prinzip der Höherentwicklung» der Nachkommenschaft. Die Frau, die 
die Last der Geburt und der Aufzucht allein zu tragen hat, wird suchen, eine qualitativ 
möglichst günstige Nachkommenschaft zu erzielen. Mit der Vorherrschaft des Vaterrechts 
kam in der Zeugung das männliche Prinzip zum Siege; dieses ist vor allem der Wunsch 
nach möglichst zahlreicher Nachkommenschaft. Der Ruf nach einer möglichst großen 
Kinderzahl erschallt jetzt im Kriege lauter denn je. Es entsteht die Gefahr, daß dadurch 
die Qualität erheblich zu Schaden kommt. An dem Weibe ist es, sich auf seine hohe euge- 
nische Aufgabe zu besinnen. Das Weib soll zwar dem Kampf des Mannes um die Quan¬ 
tität nicht mit schroffer Ablehnung begegnen, aber es soll vor der Ehe den Körper aus¬ 
reifen lassen und wieder der männlichen Jugend zur Erzeugung ihrer Kinder den Vorzug 
geben. Der Mann seinerseits soll mit dem Weibe seine Sorge auf die erblich-organische 
Höherentwicklung richten. S p r i n z (Berlin). 


Bücherbesprechungeu. 

Marcuse, Dr. Max (Berlin), Vom Inzest. (Juristisch-psychiatrische Grenzfragen. 

Zw'anglose Abhandlungen. Heft 3/4.) Halle a. S. 1915. Carl Marhold. 84 S. 2 M. 

Im ersten Kapitel führt der Verfasser den Nachweis, daß der Begriff und die Be¬ 
deutung der sog. „Blutschande“ in der Menschheitsgeschichte relativ jungen Datums 
imd der Abscheu vor ihr ein Kulturprodukt —daß somit die entgegengesetzte 
Ansicht, wonach er ein auf stammesgeschichtlicher Vererbung beruhender, auf das 
Menschengeschlecht überkommener natürlicher Instinkt sein solle, falsch ist. Ebenso 
schwierig wie die Frage nach Entstehung und Ursachen der Inzestscheu in der Mensch¬ 
heitsgeschichte ist die nach ihren individuellen Winzeln, ihrer Ontogenese, bei 
den normalen Menschen der Gegenwart. Es ergibt sich nach M., daß die sexuelle Ab¬ 
neigung zwischen Nächstverwandten infolge der Gewohnheit des dauernden Zu¬ 
sammenlebens entsteht, weil das beständige Beieinandersein von Kindheit an sinn¬ 
liche Reize und Wünsche zueinander nicht aufkominen und das Sexuelle aus der Per¬ 
sönlichkeit des Bruders oder der Schwester, des Vaters oder der Mutter gar nicht fühlen 
läßt (die angebhche positive Inzestneigung der Kinder und die Freudsche Auffassung von 
den individuellen Wurzeln der Inzestscheu wird von M. bestritten; er ist auch der 
Meinung, daß das „normale“ Kind mindestens bis zum 8. Jahre Neigungen und Gefühle, 
die mit Recht als sexuelle zu bezeichnen wären, nicht kennt). — Aus der Genese der 
Inzestscheu ergeben sich auch Hinweise für die Ursachen des Inzestes selbst, die 
teils sozialer, teils psychischer Natur sind. In ersterer Beziehung vor allem schlechte 
Wohnungsverhältnisse, auch anderweitige wirtschaftliche Nöte (mangelnde Mittel für zu 


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102 " : Bücberfeesp-rechungen. 


bezahlenden Geschlechtsverkehr u. dgl.) — in psychischer Hinsicht die Naivität des 
Volkes nnserm ,,Sittlichkeit8kodex^^ gegenüber, moralische Anästhesie und Verständnis¬ 
losigkeit, sexuelle Not, Variationsbedürfnis, gelegentlich auch Aberglaube, ferner b^n- 
ders unter Alkoholeinfluß zustande kommende geistige Störuug (geistige Schwäche, 
krankhafte Steigerung des Geschlechtstriebes). — Im Gegensatz zu diesen Inzestursachen 
muß noch der selteneren Formen wirklicher inzestuöser Liebe gedacht werden, 
wobei es gleichgültig bleibt, ob es bei einer (sich besonders durch Eifersucht verratender) 
inzestuöser Neigung bleibt, oder zu wirklichen Inzesthandlungen kommt. Inzestuöser 
Liebe der Eltern zu den Kindern scheint bisweilen eine Art Autoerotik zugrunde zu 
liegen. In anderen Fällen scheint die Inzestschranke selbst, durch Erregung der liust 
am Verbotenen, versagend zu wirken. Auch sadistische und masochistische Motive, 
sowie Einflüsse der Homosexualität können in Betracht kommen. — Angaben über V’er- 
breitung und Häufigkeit des Inzestes, sowie über die in Betracht kommenden Strafrechts¬ 
theorien und strafgesetzlichen Bestimmungen bilden den Schluß des sehr wertvollen, 
eine vortreffliche Monographie des Gegenstandes bietenden Buches. 

A. Eulenburg (Berlin). 


Oettinger, Walter, Die Rassenhygleiie und ihre wissensehaftlieheii Gmndiagen. 

Berlin, Fischers med. Buchhandlung. 1914. 77 S. 

Verfasser versucht in Gestalt eines Vortrages einen kurzen Überblick über die 
wichtigsten Tatsachen der Rassenhygiene (Eugenik) zu geben und gleichzeitig eine scharfe 
E^tik an diesen Lehren zu üben, die zu einer Vernichtung derselben führen soU; er 
erblickt in diesen Bestrebungen eine ernste Gefahr für die Menschheit! 

Er bestreitet eingangs, daß die Hygiene die natürliche Auslese ausschalte und so¬ 
mit zur Panmixie, und diese wiederum zur Entartung führen müsse. Im nächsten Ab¬ 
schnitte prüft er die Frage, ob der prozentuale Gehalt der Gesamtbevölkerung an „ent¬ 
arteten"^ Menschen gegenw'ärtig wirklich größer als früher ist, mit andern Worten ge¬ 
sagt, ob es Beweise für eine fortschreitende Degeneration gibt und kommt auch hier zu 
dem absprechenden Ergebnis, daß sich auf Grund theoretischer Erwägungen sowohl, wie 
auch an der Hand von praktischen Erfahrungen die Annahme einer fortschreitenden Ent¬ 
artung keineswegs stützen oder auch nur wahrscheinlich machen läßt. Da dessenunge¬ 
achtet ganz ohne Rücksicht, ob die Zahl der Entarteten zunimmt oder nicht, man immer 
sich als ideales Ziel die Eliminierung der vererblichen Krankheitanlagen stecken muß, 
so fragt es sich weiter, ob unser Wissen von der Vererbung krankhafter Anlagen uns 
zu einem Eingriff in den Generationsprozeß befähigt und berechtigt? Zu diesem Zw^ecke 
sucht Verf. festzustellen, ob und wieweit sich die Fortschritte der experimentellen Ver¬ 
erbungslehre, im besonderen die Mendelschen Gesetze, für die menschliche Pathologie 
nutzbar machen lassen. Er kommt trotz unserer in dieser Hinsicht noch sehr beschei¬ 
denen und oft genug strittigen Kenntnisse doch zu einem negativen Ergebnis, daß näm¬ 
lich sich hieraus eine Stütze für eine grundsätzliche, dauernde Aussch^tung eines Men¬ 
schen von der Fortpflanzung in der Vererbungslehre nicht ableiten läßt. 

Ira Anschluß hieran schildert er die rassenhygienischen Bestrebungen in den Ver¬ 
einigten Staaten Nordamerikas, im besonderen die darauf bezügliche Gesetzgebung. Auch 
hiergegen verhält er sich ablehnend und meint, daß diese Gesetze nicht geeignet sind, 
unsere theoretischen Bedenken zu beseitigen. Im besonderen erörtert er die gesetzliche 
Regelung der Fortpflanzung für drei nichtige Gruppen, die Syphilis, die Tuberkulose und 
die Geisteskrankheit, bzw. das Verbrechertum. Selbst für diese drei schweren Krank¬ 
heiten lautet sein Endresultat vernichtend; da er hier den Wert einer Regelung wohl 
kaum in Frage stellen kann, so nimmt er seine Zuflucht zu dem Hinweis, daß gegenüber 
der von ihm nicht wegzuleugnenden Gefahr doch wertvolle Keimanlagen, Anlagen, deren 
Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit gar nicht abzuschätzen sind, (Genies) der 
Vernichtung anheimfallen könnten! Natürlich behauptet er zum Schluß auch, daß die 
Kosten des Staates und der Gesellschaft für die erheblich Minderwertigen überechätzt 
würden; er zieht hierbei im besonderen gegen die wertvollen Ergebnisse von L. Jens 
anläßlich des bekannten Preisau.sschreibens der „Umschau"" zu Felde. 

Im allgemeinen gewinnt man den Eindruck, als ob Verf. mit einer vorgefaßten Mei¬ 
nung an die Arbeit gegangen ist und nun alles in sein Prokrustesbett einzuzwängen sucht 
Mancher Ein wand erscheint auf den ersten Eindruck stichhaltig zu sein, aber bei näherer 
Prüfung gewinnt man doch die Überzeugung, daß in der Beweisführung an einer Stelle 
eine Lücke steckt. Was für seine Theorie nicht von Wert ist, läßt Verf. außer acht 
oder geht mit der Bemerkung, es wäre noch nicht bewiesen oder unsicher, darüber hin- 


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Varia. 


103 


weg. Überzeugt haben mich seine Ausführungen nicht. Es ist aber zu bedauern, daß 
durch solche Arbeiten die zu vollem Recht bestehenden Lehren der Eugenik in den Augen 
des Laien wieder in Mißkredit kommen, anstatt Förderung und Mithilfe von ihm zu er- 
fadiren. Busch an (Stettin), z. Z. Hamburg. 


Varia. 

Am 6. Mai 1916 beging der Schöpfer der gerade für die Sexualwissenschaft beson¬ 
ders bedeutungsvollen „rsydioanalyse*, Prof. Siegmund Freud in Wien seinen 
60. Geburtstag. Indem wir dem hervorragenden Forscher unsere aufrichtigen Glück¬ 
wünsche darbringen, verweisen wir auf die Würdigung seines Lebenswerkes durch Hein¬ 
rich Koerber im Aprilheft (S. 1—10) und durch Iwan Bloch im vorliegenden 
Maiheft (oben S. 57 ff.) sowie auf die im gleichen Hefte (oben S. 92 ff.) abge- 
druc^te Diskussion. 


Schärfere Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. — Der 
Bundesrat beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit Erwägungen über Maßnahmen, 
die eine erfolgreichere Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gewährleisten sollen. 
Diese Erwägungen sind nun dem Abschlüsse nahe, und es soUen aus den Vorberatungen 
praktische Folgen gezogen werden. Schon in allernächster Zeit werden Bundesrats¬ 
verordnungen erlassen werden. Auch die Mitwirkung des Reichstags soll in Anspruch ge¬ 
nommen werden. In Aussicht genommen ist eine Änderung des § 361, 6 des Reichsstraf¬ 
gesetzbuchs, der Zuwiderhandlungen von Prostituierten gegen die 2^ntralvorschriften und 
das absichtliche Fernbleiben von einer solchen Kontrolle unter Strafe stellt (Voss. Zeit. 
Nr. 255 vom 19. Mai 1916.) 

Nach der Frankf. Zeit schlug die in England zur Bekämpfung der überhandneh¬ 
menden Geschlechtskrankheiten eingesetzte königl, Kommission strenge Maßregeln vor. 
Es soll geschlechtskranken Personen das Heiraten verboten werden. Ehen, in denen der 
eine oder der andere Teil geschlechtskrank ist, sollen für ungültig erklärt werden, ohne 
daß jedoch die Kinder illegitim werden. Die Ärzte sollen die Pflicht haben, den Eltern 
Mitteilungen von Krankheitsfällen zu machen, damit die Heirat entweder verhindert oder 
wenigstens verschoben wird. In Fabriken, Arbeitsstätten und in allen Lehranstalten soll 
aufklärend gewirkt werden. Die marktschreierischen Anpreisungen sollen verboten werden. 
Heer und Flotte sollen ebenfalls aufgeklärt und auf die schweren Gefahren syphilitischer 
Krankheiten liingewiesen werden. Die Sterblichkeitsziffer in England in den oberen und 
mittleren Klassen betrug 302 von 1000 Erkrankungsfällen. In 10 Jahren nahm die Zahl 
der Ansteckungsfälle um 8,53o/o zu. (Nach D. m. W. 42. 1916. Nr. 19. S. 582.) 

Der „Allgemeine ärztliche Verein von Köln“ hat in einer seiner 
letzten Sitzungen Beratungsstellen für Geschlechtskranke nicht für zweckmäßig 
erklärt. In Saarbrücken sind besondere Ftirsorgeärzte mit imentgeltlicher 
Beratung beauftragt. (D. m. W. 19. 1916. Nr. 19. S. 581.) 


Das von dem kürzlich verstorbenen Hans Groß begründete und in so vorbild¬ 
licher Weise redigierte „Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik“ wird vom 
66. Bande ab von Geh. Justizrat Dr. Horch (Mainz), Keichsgerichtsrat Dr. Heinrich 
Schmidt (Leipzig), Geh. Med.-Rat Proh Dr. Robert Sommer (Gießen), 
Dr. Franz Strafelia und Dr. Hermann Zafita (Graz) gemeinsam heraus¬ 
gegeben. 


Die ethnische Relativität der Sexualmoral und vor allem des 
Schamgefühls wird durch die folgende Schlußbemerkung in dem hochinteressanten 
Aufsatze des katholischen Missionars Fr. Vormann „Die Initiationsfeiem der Jüng¬ 
linge und Mädchen bei den Monumbo-Papua, Deutsch-Neuguinea“ (Anthropos Band 10/11. 
1915/16. H. 1—2. S. 179) drastisch illu^riert: 


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104 


Varia. 


„Als Sehlußbemerkung möchte ich anführen, daß in Monumbo überhaupt die Un¬ 
keuschheit als das Allheilmittel gilt, wodurch der einzelne Mensch gut wird und wodurch 
auch die Gesellschaft gut wird. 

Darum ist Jungfräulichkeit verachtet. Darum ist es auch katholischen Jünglingen 
und Mädchen, die oft guten Wülen haben, so schwer, keusch zu bleiben. Die Alten fordern 
von ihnen die Unzucht und werfen ihnen die abscheulichsten Schimpfnamen an den Kopf. 
Sie lassen ihnen keine Ruhe, bis sie nachgeben.“ 


Unter dem Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Geheimer Rat Georg v. Lukäcs 
«nd des Universität^rofessors Ludwig Nekäm fand am 24. März 1916 in der 
Dermatolc^schen Universitätsklinik zu Budapest eine Konferenz aller Vereine und Korpo¬ 
rationen statt, die sich mit sozialhygienischen Problemen befassen und direkt oder indi¬ 
rekt den Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten unterstützen. Zweck der Konferenz 
war die Vorbereitung einer gemeinsamen Organisation, die eine einheitliche und mit der 
staatlichen Aktion in Einklang stehende gesellschaftliche Tätigkeit auf diesem Gebiete 
gewährleistet. 


Für die Bedaktion Terantwortlich: Geh. Med.-Bat Prof. Dr. JL Eolenborg in Berlin. 
A. Marcos A E. Weben Terlag (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bona. 

Dmck: Otto Wlgaod’ielie Bochdrockerel 0. m« b. H« in Leipslg« 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Dritter Band Juni 1916 Drittes Heft 


Über die Mittel, die zur Sicherung unserer staat¬ 
lichen Existenz nötige Volksvermehrung dauernd 

herbeizuführen. 

Von Hofrat Dr. L. Löwenfeld 
in München. 

Das Sinken der Geburtenziffer, welches in Deutschland wie in an¬ 
deren europäischen Ländern in den letzten Dezennien des verflossenen 
Jahrhunderts einsetzte und in diesem Jahrhundert rascher als vorher 
vor sich ging, hat schon vor dem Kriege die Aufmerksamkeit der Ärzte 
und Hygieniker in vollem Maße auf sich gelenkt und darüber hinaus 
in den Kreisen patriotisch denkender Männer Besorgnisse wegen der 
Zukunft unseres Volkes wachgerufen. Diese mußten durch die Kriegs¬ 
ereignisse eine erhebliche Steigerung erfahren. Der Krieg hat uns ja 
einer enormen Zahl der körperlich und geistig tüchtigsten und zeugungs¬ 
fähigsten Männer beraubt und bei einer vielleicht nicht viel geringeren 
Zahl durch Verkrüppelung und Krankheit die Tauglichkeit für die Ehe 
und das Fortpflanzungsgeschäft herabgesetzt oder ganz aufgehoben. 
Zugleich hat uns aber der Krieg in nachdrücklichster Weise gezeigt, 
welch große Bedeutung die Bevölkerungszahl für die Behauptung unserer 
Existenz und unserer Machtstellung, namentlich dem uns schon jetzt 
an Zahl so gewaltig überlegenen und in unheimlich raschem Wachstum 
begriffenen moskowitischen Völkerkomplexe gegenüber, besitzt. Schon 
vor dem Kriege hat man sich mit der Frage beschäftigt, durch welche 
Mittel sich dem weiteren Rückgänge der Geburten entgegenwirken läßt. 
Diese Frage ist angesichts der durch den Krieg geschaffenen und als 
Folgen desselben zu erwartenden Verhältnisse brennender geworden. 
Wir können gegenwärtig nicht übersehen, wie sich die wirtschaftlichen 
Verhältnisse nach dem Kriege gestalten werden, und müssen mit der 
Möglichkeit rechnen, daß neben dem Ausfall an Geburten, welcher durch 
den Verlust und die Fortpflanzungsuntauglichkeit so vieler Männer be¬ 
dingt wird, dadurch ein weiterer eintritt, daß aus wirtschaftlichen 
Gründen die Zahl der Eheschließungen abnimmt und die Beschränkung 
der Kinderzahl in den Familien noch weiter um sich greift. Es würde 
dies zu einem Geburtenrückgänge führen, der erheblich über die bis¬ 
herige Rate hinausgeht und für das Deutsche Reich eine schwere Kala¬ 
mität bilden würde. Dem mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln 
vorzubeugen, ist eine Aufgabe, an die im Interesse unserer Selbsterhal¬ 
tung baldigst und eventuell noch während der Dauer des Krieges heran¬ 
getreten werden muß, zumal es sich zum Teil jedenfalls um gesetz¬ 
geberische Maßnahmen handeln wird, deren Durchführung ohnedies eine 
gewisse Zeit erheischt. 

Zeitschr. f. SezualwiflsenBchaft ni. 3. S 


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106 


L. Löweafeld. 


Der Geburtenrückgang läßt sich als eine Art sozialer Krankheit 
betrachten, und wenn wir eine Aussicht haben wollen, dem Übel mit 
Erfolg zu begegnen, müssen wir uns wie bei anderen Krankheiten vor 
allem über die Ursachen desselben Klarheit verschaffen, da nur deren 
Beseitigung das gewünschte Besultat verspricht. 

An dem Geburtenrückgang ist zweifellos eine Anzahl von Umstän¬ 
den ursächlich beteiligt, deren Bedeutung jedoch sehr verschieden ist. 
Man hat bisher angeschnldigt: wachsende Verbreitung des Gebrauchs 
antikonzeptioneller Mittel und der kriminellen Kindsabtreibung, Zu¬ 
nahme der Geschlechtskrankheiten, Erhöhung des Heiratsalters der 
Männer, wirtschaftliche Verhältnisse, zunehmende industrielle Beschäf¬ 
tigung der Frauen, auch rein psychische Momente, veränderte Welt¬ 
anschauung und Wandel der Ansichten über Ehe und Kindersegen ^). Je 
nach der Bedeutung, welche der einen oder anderen dieser Ursachen bei¬ 
gelegt wurde, wechselten bisher die Vorschläge in betreff der Bekämpfung 
des Übels. Diejenigen, welche in dem zunehmenden Gebrauch antikon¬ 
zeptioneller Mittel die Hauptursache des Geburtenrückgangs erblicken 
zu dürfen glaubten, erwarteten sich große Dinge von behördlichen Ma߬ 
nahmen, durch welche der Verkauf der in Frage stehenden Mittel er¬ 
schwert und beschränkt wird. Sie übersehen aber dabei, daß durch 
die Behinderung des Gebrauchs antikonzeptioneller Mittel die Verbrei¬ 
tung von Geschlechtskrankheiten gefördert wird und der sexuelle Prä¬ 
ventivverkehr auch ohne irgendwelche käufliche Mittel, allerdings in 
einer besonders schädlichen Weise, geübt werden kann und tatsächlich 
geübt wird und daß man größere Verbreitung dieser Art von Vorsicht 
— (Congr. interr.), die ja ärztlich gewiß mit Recht schon lange bekämpft 
wird — aus hygienischen Gründen bedauern müßte-). Sie übersehen 
auch, daß selbst in kinderreichen Familien im Interesse der Frau 
wie der Nachkommenschaft zeitweilig der Gebrauch antikonzeptio¬ 
neller Mittel nötig werden kann, wenn man nicht ganz auf sexuellen 
Verkehr verzichten will. 

Der Präventivverkehr ist lediglich eine Modalität, durch welche 
eine Beschränkung der Kinderzahl oder überhaupt eine Verhütung der 
Konzeption herbeigeführt wird. Durch ein Verbot des Anpreisens anti¬ 
konzeptioneller Mittel in Zeitungen und ähnliche Maßnahmen eine Be¬ 
einflussung des Geburtenrückgangs erzielen zu wollen, ist meines Er¬ 
achtens aussichtslos. Der Kampf gegen die Modalitäten der Konzep- 
tionsverhinderung richtet sich nur gegen die Oberfläche des Übels und 
läßt die in der Tiefe liegenden Ursachen desselben, von deren Besei¬ 
tigung ein Erfolg zu erwarten ist, ganz und gar unberücksichtigt. Es 


Auch die Ansicht hat Vertreter gefunden, daß die Ursache des Geburtenrück¬ 
gangs in der ITauptsache auf sittlichem Gebiete liege. So spricht Hof f a (D. med. Wochen- 
schr. 1915, S. 1340) den Satz gelassen aus, „daß der Geburtenrückgang im wesentlichen 
veranlaßt ist durch eine sittliche Degeneration^^ Ich muß mich diesem Urteil gegenüber 
hier mit der Bemerkung begnügen, daß in den unteren Volksschichten, speziell in der 
Arbeiterklasse, die Beschränkung der Kinderzahl — von den extremen Fällen des Ein- 
und Zweikindersystems abgesehen — zumeist mit einer Hebung, nicht mit einer Senkung 
des moralischen Niveaus zusainmenhängt und daß auch in den Fällen, in welchen un¬ 
ethische Motive eine Rolle spielen, man noch kein Recht hat, wegen dieser allein schon 
von einer sittlichen Degeneration zu sprechen. 

*) Die Beschränkung des sexuellen Verkehrs auf gewisse Tage, ist, weil selten ge¬ 
übt, hier außer Betracht gelassen. 


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über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz usw. 107 


kann kanm einem Zweifel unterliegen, daß das Sinken der Geburten¬ 
ziffer in der Hauptsache auf eine willkürliche Beschränkung der Kinder¬ 
zahl in der großen Masse der unteren Bevölkerungsschichten, insbesondere 
in den Städten, zurttckzuführen ist, da nach den bisherigen statistischen 
Ermittelungen die Landbevölkerung einen erheblich geringeren Anteil 
an dem Geburtenrückgänge hat als die Einwohnerschaft der Städte. 
Wenn man nun nachforscht, welche Umstände in den unteren Bevölke¬ 
rungsschichten (speziell in der Arbeiterklasse) zur Beschränkung der 
Einderzahl der Familien geführt haben, so ergibt sich, daß in erster 
Linie ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse im Spiele sind. Diese 
Verhältnisse allein anzuschuldigen, haben wir jedoch keinerlei Berech¬ 
tigung, da die wirtschaftliche Lage der unteren Klassen seit den Zeiten 
des Geburtenrückgangs sich nicht verschlechtert, nach manchen Angaben 
eher eine Besserung erfahren hat. Daß die wirtschaftlichen Verhält¬ 
nisse einen Grund für die Beschränkung der Kinderzahl bildeten, wurde 
erst durch die Verbreitung malthusianischer Anschauungen in den 
unteren Klassen herbeigeführt, L e. die Erkenntnis, daß der Kinder¬ 
reichtum der Familie in einem gewissen Verhältnis zn den vorhandenen 
Subsistenzmitteln steben muß, wenn die Fruchtbarkeit der Frauen nicht 
vorwaltend der Füllung der Friedhöfe dienen soU. Diese Erkenntnis 
war bei uns früher wenigstens in den unteren Klassen wenig verbreitet 
und wurde noch weniger praktisch berücksichtigt. Dies wurde häutig 
durch triviale Redensarten beschönigt, wie „für jedes Hasl findet sich 
ein Grasl“ oder „wo sieben essen, kann auch ein achtes usw. essen“. 
Ich habe einzelne fast unglaubliche Beispiele von Gleichgültigkeit für 
das Schicksal der erzeugten Kinder erlebt. So erinnere ich mich eines 
Flickschneiders, eines hageren, unansehnlichen Menschen, der mich vor 
einigen Dezennien gelegentlich wegen einer unbedeutenden Sache kon¬ 
sultierte. In dem Gespräche, das ich mit ihm hatte, bemerkte er mit 
einem gewissen Stolze — die Veranlassung ist mir nicht mehr erinner¬ 
lich, ich vermute, daß es eine Äußerung über seine Magerkeit war —, 
daß er Vater von 24 Kindern geworden seL Verblüfft über diese Mit¬ 
teilung fragte ich sofort, wie viel von diesen Kindern noch am Leben 
seien, und ich erhielt die etwas kleinlaute Antwort: Zwei. Dieser 
Mensch hatte offenbar nicht das geringste Gefühl für das Ungeheuer¬ 
liche, welches darin lag, daß er 22 Kinder für den Friedhof geliefert 
hatte. Fällen, in welchen von 10, 9 und 8 Kindern nur eines am Leben 
geblieben war, begegnete ich mehrfach, und es war hierbei zumeist 
nichts von einem Bedauern über diesen lünderverlust, eher eine gewisse 
Befriedigung zu konstatieren. Die Kinder, so tröstete man sich, sind 
ja besser im Himmel aufgehoben als auf dieser Erde, auf der ihnen so 
wenig Gutes in Aussicht steht. 

Es ist nun wohl kein zufälliger Umstand, daß dem Geburtenrück¬ 
gänge allmählich eine Herabsetzung der Kindersterblichkeit folgte, die 
jedoch keineswegs so weit ging, daß sie den Ausfall an Geburten aus¬ 
zugleichen vermochte. Die Minderung der Kindersterblichkeit ist wohl 
in erster Linie auf ärztliche Bemühungen zurückzuführen. Allein, diese 
hätten das erzielte Resultat nicht herbeiführen können, wenn der gute 
Wille der Eltern, speziell der Mütter, nicht mitgewirkt hätte. Offenbar 
macht sich mit der Beschränkung der Kinderzahl auch mehr und mehr 
das Bestreben geltend, die Geborenen möglichst am Leben zn erhalten, 

8 * 


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108 I- Löwenfeld. 


ein Bestreben, das ja bei einer geringeren Kinderzahl sich eher mit 
Erfolg durchführen lä£t als bei einer größeren. 

Wenn nun die Hauptursache des Geburtenrückgangs in den wirt¬ 
schaftlichen Verhältnissen der unteren Klassen zu suchen ist, so ist es 
klar, daß eine Beseitigung des Übels nur durch Mittel erzielt werden 
kann, welche geeignet sind, den unteren Klassen die Scheu yor größerem 
Kindersegen zu nehmen und das Aufziehen einer größeren Kinderzahl 
zu erleichtern. 

Am wirksamsten wäre es zweifellos, wenn die materielle Lage 
der wirtschaftlich schwachen und schwächsten Bevölkerungselemente 
in der Weise gehoben werden könnte, daß sie ohne irgendwelche Hilfe 
eine zahlreiche Nachkommenschaft am Leben zu erhalten vermöchten, 
ein triftiger Grund zur Beschränkung der Kinderzahl für sie also nicht 
mehr bestünde. Leider ist für absehbare Zeit die Erreichung eines 
solchen ökonomischen Zustandes für unsere Bevölkerung ausgeschlossen, 
und jeder Vorschlag in dieser Richtung müßte völlig aussichtslos er¬ 
scheinen. Hiermit soll jedoch keineswegs angedeutet werden, daß eine 
Besserung der wirtschaftlichen Lage, speziell der Arbeiterklasse über¬ 
haupt nicht möglich und nicht mit allen staatlichen und privaten Mitteln 
anzustreben sei, da auch von einer bescheidenen Besserung ein günstiger 
Einfluß auf die Geburtenzahl zu erwarten ist. Wie aber die Dinge 
nun einmal liegen, läßt sich jede Hebung der Geburtenrate und damit 
jede Volksvermehrung, deren wir nach den uns durch den Krieg ge¬ 
brachten Verlusten unbedingt zur Sicherung unserer künftigen Existenz 
bedürfen, nur durch Maßnahmen erreichen, welche auch den wirtschaft¬ 
lich Schwächsten es ermöglichen, eine größere Kinderzahl zu ernähren 
und mit dem sonst Nötigen zu versorgen. Hierzu gibt es nur einen 
Weg: die Gewährung von Erziehungsbeiträgen, die, vom dritten Kinde 
anfangend, mit der Zahl der Kinder zu erhöhen wären, derart, daß die 
Zuletztgeborenen nicht mehr die Subsistenzmittel für die Jüngerem 
schmälern würden. Mit Geburtsprämien, die von einzelnen vorgeschlagen 
wurden, kann dem vorhandenen Bedürfnisse nicht Genüge geleistet wer¬ 
den, da es sich ja nicht lediglich darum handelt, die Zahl der Geburten 
zu vermehren — was allerdings durch Geburtsprämien in gewissem 
Maße erreicht werden könnte —, sondern auch die Geborenen am Leben 
zu erhalten. Die Gewährung von Erziehungsbeiträgen, welche bis zum 
14. Lebensjahre fortgesetzt werden müßte, läuft darauf hinaus, daßderStaat, 
wenigstens in gewissem Maße, die Fürsorge für jene Kinder übernimmt, 
für welche Familien mit geringem Einkommen keine ausreichenden Sub¬ 
sistenzmittel besitzen. Diese Fürsorge wird nicht nur der Abneigung 
gegen größeren Kindersegen in den unteren Klassen Einhalt tun, son¬ 
dern sich auch als wirksamstes Mittel zur Herabsetzung der Kinder¬ 
sterblichkeit erweisen. Die Notwendigkeit von Erziehungsbeiträgen ist 
auch schon von anderer Seite (so von Mayet, Rosenthal und von Gruber) 
erkannt und betont worden; sie kann jedoch bei ihrer Wichtigkeit nicht 
oft und nachdrücklich genug wiederholt werden, da sie voraussichtlich 
auf erheblichen Widerstand stoßen wird. Es ist ja nicht zu verkennen, 
daß die Einführung der vorgeschlagenen Maßnahme ungeheure mate¬ 
rielle Mittel erfordern wird, und daher wohl auch zu befürchten, daß 
man vorerst mit weniger kostspieligen Vorkehrungen Abhilfe zu schaffen 
versuchen wird. Das nötige Resultat wird man jedoch auf diesem 


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Über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz usw. 


Wege nie erreichen und früher oder später zu der Eiusicht gelangen 
müssen, daß nur die Gewährung von Erziehungsbeiträgen uns eine Aus¬ 
sicht bietet, unsere Volkszahl auf die Höhe zu bringen, die für die 
Sicherung unserer Existenz nötig ist. 

Indes würde auch die Forderung von Erziehungsbeiträgen als utopisch 
betrachtet werden müssen, wenn die hierfür erforderlichen Mittel nur 
auf dem Wege einer allgemeinen Steuerbelastung zu erlangen wären. 
Die ohnedies schon als Folge des Krieges in Aussicht stehende Steige¬ 
rung der allgemeinen Belastung würde eine weitere Mehrung um den 
Betrag, den die Erziehungsbeiträge erfordern, nicht zulassen. Glück¬ 
licherweise können aber die für die in Frage stehenden Maßnahmen 
erforderlichen Mittel durch eine Spezialsteuer gewonnen werden, welche 
durchaus nichts Unbilliges enthält und eine gerechtere Verteilung der 
durch die Bedürfnisse des Staates bedingten Lasten herbeiführt. Es 
handelt sich um eine Besteuerung aller Kinderlosen beiderlei Geschlechts, 
allerdings nur von einer gewissen Alters- und Einkommenstufe an, also 
nicht bloß der Junggesellen, sondern auch der unverheirateten Weiblich¬ 
keit, der kinderlosen Eheleute, der Geschiedenen und Verwitweten; 
dann aber auch jener begüterten Familien, deren Kinderzahl (1—2) in 
gar keinem Verhältnisse zu ihrem Einkommen steht. Die Besteuerung 
könnte, ohne irgendwelche Ungerechtigkeit in sich zu schließen, selbst 
bei Personen mit mittlerem Einkommen recht ansehnliche Beträge liefern. 
Nehmen wir an, daß eine Familie mit einem Einkommen von 6000 M. 
vier Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren hat, so darf, unter 
den Verhältnissen, wie sie vor dem Kriege bestanden, der für diese 
Kinder nötige Aufwand auf 2400 M. veranschlagt werden, wonach den 
Eltern für die Bestreitung ihrer eigenen Bedürfnisse nur der Betrag 
von 3600 M. bleibt. Es wird bei Berücksichtigung dieser Tatsachen 
gewiß nicht als unbillig erachtet werden können, wenn einer kinder¬ 
losen Familie mit einem Einkommen von 6000 M. eine Spezialsteuer 
von 1200 M. auferlegt wird, ein Betrag, der dem Aufwande für nur 
zwei Kinder entsprechen, aber genügen würde, einen Erziehungsbeitrag 
für vier Kinder zu liefern. Durch eine auf die Junggesellen sich be¬ 
schränkende Steuer, wie sie in einzelnen Ländern schon bestehen soll, 
werden dagegen nie auch nur entfernt jene Mittel aufgebracht werden 
können, welche die Gewährung von Erziehnngsbeiträgen bei unserer 
Bevölkerungszahl erheischt. 

Um den gesetzgebenden Körperschaften sowohl als den Bevölkerungs¬ 
elementen, welche von der in Aussicht genommenen Steuer betroffen 
werden müßten, die Einsicht in die Notwendigkeit nicht nur, sondern 
auch die Billigkeit der geforderten Maßnahmen zu eröffnen, dürfte es 
nicht überflüssig sein, wenn wir hier auf die Wandluug in den allge¬ 
mein verbreiteten Ansichten über die staatsbürgerlichen Pflichten hin- 
weisen, welche der Krieg zur Folge haben muß. Bisher haben die 
Verheirateten im allgemeinen den Erwerb von Nachkommenschaft als 
eine Privatangelegenheit betrachtet, der gegenüber der Staat nur die 
Pflicht der Registrierung durch die Standesämter hat. Diese Ansicht 
muß aufgegeben werden. Der Krieg und seine jetzt schon erkennbaren 
Folgen lassen keinen Zweifel darüber zu, daß die Erzeugung von Nach¬ 
kommenschaft seitens der Verheirateten nicht lediglich Privatsache, 
sondern eine Angelegenheit von höchstem, staatlichen Interesse ist, da- 


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L. Löwenfeld. 


her auch der Staat das Recht nnd die Pflicht hat, soweit seine Befuge 
nisse nnd Machtmittel reichen, einzngreifen, nm die für seinen sicheren 
Fortbestand erforderliche Volksvennehrung herbeiznführen. Es muß 
ferner die Einsicht, die bisher nur wenige besaßen, sich verbreiten nnd 
allgemein wirksam werden, daß wir allein dem Schutze des Staates den 
Genuß unseres Besitzes, Einkommens nnd unsere persönliche Sicherheit 
zu verdanken haben nnd daher auch jeder Staatsangehörige dazu bei¬ 
zutragen hat, daß dem Staate dieser Schutz jederzeit in ausreichendem 
Maße möglich wird. Die Ausübung dieses Schutzes unseren mächtigen 
äußeren Feinden gegenüber ist aber von unserer Volkszahl abhängig. 
Aus dieser Sachlage erwächst den Verheirateten die Pflicht, durch Er¬ 
zeugung von Nachkommenschaft an der Vermehrung unseres Volkes und 
damit der Sicherung unserer staatlichen Existenz teilzunehmen. Die 
kinderlosen Verheirateten und Unverheirateten müssen andererseits zu 
der Erkenntnis gelangen, daß es ihnen obliegt, soweit ihre Verhältnisse 
es gestatten, finanziell dazu beizutragen, daß der Staat die Fürsorge für 
alle Kinder übernehmen kann, für deren Unterhalt die Familien nicht 
die nötigen Mittel besitzen. Die bisherige allgemeine Auffassung der 
staatsbürgerlichen Pflichten muß demnach in gewissen Beziehungen eine 
Wandlung erfahren. 

Mit der Gewährung von Erziehungsbeiträgen ist indes noch nicht 
alles für die Hebung der Gebnrtsrate Nötige getan. Die in Frage stehende 
Maßnahme ist nicht nur geeignet, eine erhebliche Vermehrung der Ge¬ 
burten herbeizuführen, sie bildet auch, wie schon angedeutet wurde, 
einen sehr wirksamen Faktor in der Bekämpfung der Kindersterblich¬ 
keit; doch darf neben derselben keines der Mittel, welche sich bisher 
für die Herabsetzung der Kindersterblichkeit in irgendeiner Weise wirk¬ 
sam erwiesen haben, vernachlässigt werden (so die Aufklärung der 
Mütter, die Gewährang von Stillprämien, die Einrichtung von Säuglings¬ 
milchküchen, die Überwachung der Kostkinder usw.). Es wird ferner 
eine staatlich organisierte Mutterschaftsversicherung eintreten müssen, 
welche es den schwangeren Frauen ermöglicht, in den letzten Monaten 
vor der Niederkunft und in den ersten nach derselben sich zu schonen 
und der Pflege des Säuglings sich zu widmen. Auch die Bekämpfung 
' der Geschlechtskrankheiten muß mit aller Energie fortgesetzt werden. 
Nach einer Berechnung Blaschkos soll auf die Folgen der Gonorrhöe 
allein jährlich ein Ausfall von 200000 Geburten zurückznfübren sein. 
Ich halte diese .4nnahme für übertrieben. AUein, wenn auch nur die 
Hälfte der angegebenen Zahl der Wirklichkeit entspricht, so würde dies 
einen mehr als hinreichenden Grund bilden, gegen die Leichtfertigkeit 
nnd Sorglosigkeit der meisten mit Gonorrhöe Infizierten mit aller 
Energie vorzugehen. Von einzelnen Autoren, so insbesondere von Prof. 
V. Gr über, wird auch von der Ansiedelung einer größeren Anzahl bäuer¬ 
licher Elemente im Inlande oder auf erobertem Gebiete erheblicher 
Vorteil für die Volksvermehrung erwartet. Zweifellos wird, wenn es 
möglich sein sollte, Hnnderttausenden jetzt in Städten und auf dem 
Lande wohnenden Individuen einen für die Ernährung einer Familie 
ausreichenden Landbesitz mit dem dazu Nötigen an Gebäulichkeiten 
nnd Inventar zu verschaffen, von den Angesiedelten ein an Zahl und 
Tüchtigkeit wertvoller Nachwuchs zu erwarten sein. Allein die Lösung 
des Siedelnngsproblems wird große finanzielle Opfer seitens des Staates 


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über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz usw. 


111 


erheischen, und die Wirkung der Ansiedelungen auf die Volksvermehrung 
kann erst im Laufe von Jahren eintreten und nie so bedeutend werden, 
daß deshalb irgendeine andere im Vorstehenden erwähnte Maßnahme 
entbehrlich wurde. Endlich ist auch eiue Herabsetzung des Heirats¬ 
alters der Männer, und zwar schon aus dem Grunde anzustreben, weil 
die raschere oder langsamere Aufeinanderfolge der Generationen von 
dem Alter der heiratenden Männer abhängt. Wir können auf diesen 
Punkt erst später näher eingeben. 

Die Bekämpfung des Geburtenrückgangs schließt noch eine Auf¬ 
gabe in eich, welche besondere Schwierigkeiten bietet. Man kann nicht 
behaupten, daß die Beschränkung der Kinderzahl in den Familien mit 
der Verringerung des Einkommens zunimmt, d. h., daß die Ärmsten 
unter der ärmeren Bevölkerung die wenigsten Kinder haben. Manche 
statistische Tatsachen weisen andererseits darauf hin, daß mit wach¬ 
sendem Wohlstand und höherer sozialer Stellung der Kindersegen in 
den Familien nicht zu-, sondern abnimmt. Auch ohne Berücksichtigung 
irgendwelcher statistischer Daten, lediglich auf Grund alltäglicher Be¬ 
obachtung läßt sich sagen, daß in den Familien des Mittelstandes und 
der oberen Zehntausend die Kinderzahl im allgemeinen geringer ist 
als bei den Angehörigen der unteren Volksklassen in den Städten und 
der ländlichen Bevölkerung. In letzteren Kreisen hat das im Mittel¬ 
stände und unter den Hochbegüterten so verbreitete Ein- und Zwei¬ 
kindersystem glücklicherweise noch wenig Eingang gefunden. 

Der Krieg, welcher bei der Zusammensetzung unseres Volksheeres 
seine Opfer gleichmäßig von allen Ständen und Berufsarten forderte, 
hat uns einer großen Anzahl von Männern beraubt, welche der gebil¬ 
deten und intelligenteren Klasse angebören, die vorwaltend durch den 
Mittelstand vertreten ist. Zn dem Ausfall an Nachwuchs, der von die¬ 
sen Männern zu erwarten gewesen wäre, kommt noch der Umstand, 
daß durch die Folgen des Krieges die Verhältnisse vieler dem Mittel¬ 
stände angehöiiger Männer vielleicht so verschlechtert werden, daß bei 
ihnen die Neigung zum Heiraten ahnimmt und bei den bereits Ver¬ 
heirateten die Kinderzahl möglichst beschränkt wird, wenn nicht Vor¬ 
kehrungen gegen diese Mißstände getroffen werden. Es ist aber im 
Interesse unserer Kultur, sowie unserer wirtschaftlichen, wissenschaft¬ 
lichen und militärischen Leistungsfähigkeit höchst wünschenswert, ja 
nötig, daß das Zahlenverhältnis der gebildeten und intelligenteren Klasse 
zu den unteren Bevölkerungsschichten sich wenigstens nicht ungünstiger 
als bisher gestaltet. Dies würde aber eintreten, wenn in den unteren 
Schichten die Geburtenzahl sich hebt, während sie im Mittelstände, 
was nach dem Angeführten wohl möglich ist, infolge des Krieges noch 
weiter sinkt. Wenn wir die Bekämpfung des Geburtenrückgangs ernst 
nehmen, dürfen wir daher nicht übersehen, daß auch heim Mittelstände 
sich Aufgaben bieten, deren Bedeutung nicht unterschätzt und deren 
Inangriffnahme nicht auf die lange Bank geschoben werden darf. 

Auch hierbei müssen wir uns zunächst über die Ursachen der Be¬ 
schränkung der Kinderzahl einige Klarheit verschaffen. Die Motive sind, 
wie nicht zu leugnen ist, wenigstens in den wohlsituierten Klassen 
keineswegs immer ethischer Natur. Bequemlichkeit, Genußsucht, Eitel¬ 
keit der Frauen, der Wunsch, den Nachkommen durch ein großes Erbe 
die soziale Stellung der Eltern zu sichern, spielen vielfach eine Bolle. 


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112 L. Löwenfeld. 


In den unteren Schichten des Mittelstandes, in welchen einem beschei¬ 
denen Einkommen ein geringes oder kein Vermögen gegenübersteht, 
bilden die erheblichen Kosten der Ausbildung für eine der höherstehen¬ 
den Berufsarten und die Schwierigkeiten der Erlangung einer bezahlten 
Stellung in denselben die gewichtigsten Motive der Beschränkung der 
Nachkommenschaft. Die Maßnahmen, welche auf eine Hebung der Ge¬ 
burtenzahl im Mittelstände und bei den Hochbegüterten wirken sollen, 
müssen diesen Umständen Bechnung tragen. 

ln erster Linie muß die Erziehung der weiblichen Jugend darauf 
gerichtet sein, daß auch bei ihr ein Bewußtsein von staatsbürgerlichen 
Pflichten sich entwickelt, die wegen persönlicher Neigungen und Wün¬ 
sche nie vernachlässigt werden dürfen. Es muß dem Mädchen beige¬ 
bracht werden — und die so verbreitete Prüderie darf hiervon nicht 
abhalten —, daß sie ebenso wie die Männer Pflichten gegen den Staat 
haben, unter dessen Schutz sie leben, und, wenn es dem Manne obliegt, 
mit der Waffe das Vaterland zu verteidigen, so obliegt es der Frau, 
die Lasten der Mutterschaft auf sich zu nehmen, nicht lediglich soweit 
es ihren persönlichen Wünschen entspricht, sondern soweit das Interesse 
des Staates es erheischt. Es muß auch, wenigstens den heiratsföhigen 
Mädchen, die Bedeutung der Volks Vermehrung für die Fortdauer unserer 
staatlichen Existenz völlig klar gemacht und kein Zweifel darüber ge¬ 
lassen werden, was dieser Sachlage gegenüber der Patriotismus von 
den Frauen verlangt. Allein die angedeutete Einwirkung auf das weib¬ 
liche Geschlecht genügt keineswegs, da für die Beschränkung der 
Kinderzahl häufig genug die Mäuner den Ausschlag geben. Auch bei 
ihnen muß daher das Bewußtsein geweckt und fortgesetzt genährt 
werden, daß die Erzeugung von Nachkommenschaft nicht durch ihre 
persönlichen Wünsche und Interessen allein bestimmt werden darf, daß 
es vielmehr gilt, hier eine patriotische Pflicht zu erfüllen. Daneben 
dürfte sich eine schon oben erwähnte Maßnahme wirksam erweisen: 
die ergiebige Besteuerung der Familien, welche bei sehr günstigen 
Einkommensverhältnissen an dem Ein- oder Zweikindersystem festhalten. 
Man darf nicht übersehen, daß der andauernde Gebrauch antikonzep¬ 
tioneller Mittel oder einer anderen Art von Vorsicht mit nicht uner¬ 
heblichen Unannehmlichkeiten verknüpft ist und dazu der Sicherheit 
ermangelt. Wenn nun noch dazu die materiellen Vorteile des Ein- oder 
Zweikindersystems durch die in Rede stehende Besteuerung wesentlich 
verringert werden, so darf man darauf rechnen, daß eine erhebliche 
Zahl von Familien sich dazu verstehen wird, die Last einer größeren 
(wenn auch noch nicht großen) Kinderzahl auf sich zu nehmen, zumal das 
Staatsinteresse dies erheischt. Mißlicher liegen die Dinge in den Fällen, 
in welchen Knappheit des Einkommens die Beschränkung der Kinderzahl 
veranlaßt. Hinweise auf die patriotische Pflicht eines jeden Familien¬ 
vaters mögen wohl auch hier von Nutzen sein, doch ist es dringend 
nötig, daß auch von staatlicher Seite das Mögliche geschieht, um den 
in Frage stehenden Familien das Aufziehen einer wenigstens mäßigen 
Kinderzahl und deren berufliche Ausbildung zu erleichtern. Zunächst 
muß die Steuerermäßigung, die gegenwärtig schon bei einer Mehrzahl 
von Kindern gewährt wird ‘), bedeutend erhöht und auch auf die Kom- 

b Diese Angabe bezieht sich auf Bayern; ifber die Steuerverhältnisse in den übrigen 
•Bundesstaaten bin ich nicht unterrichtet. 


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über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz usvv. 113 


mnnalsteaerD ausgedehnt werden, so daß für die Familie hieraus eine 
ansehnliche Ersparnis resultiert. Beamten mit einer Mehrzahl von 
Kindern muß ferner ein rascheres Vorrücken in die höheren Gehalts¬ 
klassen gewährt werden als den Junggesellen und kinderlosen Ver¬ 
heirateten. Ferner müssen an allen staatlichen und kommunalen An¬ 
stalten den Kindern Befreiung von Schulgeld, an Universitäten Befrei¬ 
ung von Kollegienhonorar gewährt werden. Auch das Vorurteil ist zu 
bekämpfen, daß die Söhne von Angehörigen der gelehrten Berufe immer 
wieder einem solchen sich zuwenden müssen, da die Überfüllung dieser 
Berufe die Erlangung einer einigermaßen einträglichen Stellung sehr 
erschwert. 

Wie wir schon an früherer Stelle bemerkten, ist eine Herab¬ 
setzung des durchschnittlichen Heiratsalters der Männer, welches in 
Deutschland 29 Jahre (Bornträger) ist, im Interesse der Volksver¬ 
mehrung höchst wünschenswert. Auf diesen Punkt hat in jüngster Zeit 
Dr.Vaerting in einem Schriftchen mit vielversprechendem Titeli) be¬ 
sonderes Gewicht gelegt. Die von dem Autor zur Abwehr eines Be¬ 
völkerungsniederganges vorgeschlagenen Maßnahmen enthalten einen 
richtigen Kern, schießen aber infolge biologischen Übereifers und un¬ 
genügender Sachkenntnis des Autors zum Teil so weit über das Ziel 
hinaus, daß sie sich nicht nur als utopisch, sondern auch als unhygienisch 
erweisen. V. bemerkt 1. c. Seite 54/55: „Die notwendigste gesetzliche 
Maßnahme, welche sich aus dem biologischen und sanitären Bedingungen 
zur wirklichen Bekämpfung eines drohenden Bevölkerungsniederganges 
ergibt, ist die Abänderung des Heiratsalters. Heute ist die untere 
Grenze für den Mann auf 21, für die Frau auf 16 Jahre und darunter 
festgesetzt. Eine Umkehrung dieses Heiratsalters wäre vielleicht das 
zweckmäßigste. Jedoch würde es wohl auch genügen, zu dem männ¬ 
lichen Heiratsalter von 17 Jahren zurückzukehren, wie es vor 1900 in 
Preußen bestand. Bei den Frauen auf weniger als 21 Jahre herunter¬ 
zugehen, scheint für die heutigen Verhältnisse kaum ratsam.“ 

Ich habe mich mit der Frage des für eine Eheschließung passendsten 
Lebensalters schon vor Jahren eingehend beschäftigt, und es ist 
daher begreiflich, daß ich über die von dem Autor vorgetragenen 
Ansichten, die sich von den von mir auf Grund reicher Eifahrung und 
vielfacher Erwägungen vertretenen 0 ganz außerordentlich entfernen, 
einigermaßen erstaunt war. Fragen wir uns, wie Dr. V. zu einem so 
seltsam klingenden Vorschläge kommt, so erfahren wir, daß derselbe 
auf Anschauungen fußt, die ganz und gar unhaltbar sind. „Wir haben“, 
so bemerkt er S. 22, „eine ganze Keihe von Männerjahrgängen, die 
längst zeugungsfähig sind, aber nicht ehefähig, weder gesetzlich, noch 
vom Standpunkt der materiellen Fundierung des ehelichen Haushalts. 
Diese Männer haben den stärksten Geschlechtstrieb und die größte 
Neigung und Lust zum heiraten. Diesen .41tersklassen muß mit allen 
Mitteln die Ehe ermöglicht werden, um die durch den Kriegsverlust 
entstandene Lücke in der Zahl der ehefähigen Männer aus^üUen.“ 


‘) Dr.Vaerting: Wie ersetzt Deutschland am schnellsten die Kriegsverluste durch 
gesunden Nachwuchs? 

-) Siehe LöwenfeId; .,Cber das eheliche Glück“. 3. Aufl. S. 32 u. f. 

Dem Autor scheinen meine hier in 'Frage stehenden Darlegungen völlig unbekannt 
geblieben zu sein. 


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L. Löwenfeld. 


Zur Stütze dieser Ansicht führt der Autor an, dafi die Geschlechts¬ 
funktion bereits im Alter von 13—14 Jahren sich entwickelt und mit 
16 Jahren vollkommen ausgebildet ist, so ausgebildet, daß nach zahl¬ 
reichen statistischen Feststellungen bei einem großen Prozentsatz in 
diesem Alter mit dem Geschlechtsverkehr begonnen wird. Demgegen¬ 
über ist folgendes zu bemerken. 

Die Annahme, daß mit 16 Jahren die Geschlechtsfunktion im Durch¬ 
schnitt — Dies ist jedenfalls des Autors Meinung — bereits voll¬ 
kommen entwickelt ist, kann nicht als zutreffend bezeichnet werden. 
Der Autor übersieht völlig, daß mit der Begattungsfähigkeit noch 
nicht die Zeugungsfähigkeit gegeben ist, letztere vielmehr erst spä¬ 
ter (im Durchschnitt zwischen dem 14. und 18. Lebensjahre)^) sich 
einstellt, während die facultas coeundi schon mit 13 Jahren vor¬ 
handen sein kann. Die bisherigen, zumeist an Studenten vorgenom¬ 
menen statistischen Untersuchungen über den Zeitpunkt des ersten sexu¬ 
ellen Verkehrs sind ganz und gar unzulänglich zur Feststellung allge¬ 
mein gültiger Schlüsse. Wir sind darüber noch völlig unaufgeklärt, wie 
es sich in der fraglichen Beziehung bei der Arbeiter- und ländlichen 
Bevölkerung verhält. Daneben kommt aber noch in Betracht, daß der 
Zeitpunkt des Beginns sexuellen Verkehrs nicht lediglich, ja wahr¬ 
scheinlich nicht einmal vorwaltend durch die Stärke des Sexualtriebe 
in dem betreffenden Alter, sondern auch durch zuföllige Umstände wie 
Gelegenheit, Verführung, momentane sexuelle Erregung infolge von Al¬ 
koholgenuß usw. bedingt ist. Daß die Männer zwischen 17 und 21 Jahren 
den stärksten Geschlechtstrieb und die größte Neigung und Lust zum 
Heiraten haben, widerspricht ebenfalls der Erfahrung. Der Geschlechts¬ 
trieb ist bei den 17- und 18-Jährigen oft noch recht bescheiden ent¬ 
wickelt und erreicht bis zum 21. Lebensjahre keineswegs sein Maximum. 
Die Stärke dieses Triebes nimmt vielmehr noch in den zwanziger Jahren 
zu.*) Daß die männlichen Individuen im Alter von 17—21 Jahren die 
stärkste Neigung und Lust zum Heiraten haben, ist andererseits eine 
Behauptung, die so sehr der Wirklichkeit widerspricht, daß es sich nicht 
lohnt, näher darauf einzugehen. Der Autor hat ferner nicht bedacht, 
daß die körperliche Entwicklung des Zeugenden von großer Bedeutung 
für die Nachkommenschaft und bei 17jährigen Individuen im Durch¬ 
schnitt noch mangelhaft selbst bei 21-jährigen noch nicht abgeschlossen 
ist. Dies ist gewöhnlich erst im 25. Lebensjahre der Fall. V. hat 
daher übersehen, daß die von ihm so hoch gewertete Verjüngung des 
Heiratsalters zu einer Nachkommenschaft führen müßte, deren Qualität 
jedenfalls zum großen Teile den rassehygienischen Anforderungen nicht 
entsprechen kann. 

Es ist nicht zu befürchten, daß unsere gesetzgebenden Körper¬ 
schaften die Vorschläge des Autors auch nur in Erwägung ziehen. Die 
Erhöhung des gesetzlichen Heiratsalters, welches in Preußen vor Ein¬ 
führung des bürgerlichen Gesetzbuches das 17. Lebensjahr war, um 
4 Jahre, kam zweifellos unter Mitwirkung ärztlicher Sachverständiger 
zustande und war auf gewichtige Argumente gestützt. Würde daa 
Heiraten 17jähriger oder gar 16jäbriger Jungen, wie es V. will, gesetz- 


') Siehe Ausführliches hierüber in: A. Moll. Das Sexualleben des Kindes. S. 48 u. L 
*) Siehe Löwenfeld. Sexualleben und Nervenleiden. 5. Aufl. 1914. S. 38. 


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über die Mittel, die zur Sicheniog unserer staatlichen Existenz usw. 


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lieh gestattet, so wäre der hiervon für die Volksvermehrung zu er¬ 
wartende Vorteil sehr gering, da bei einem Teile derselben die Zengnngs- 
fähigkeit überhaupt noch mangelt und die Nachkommenschaft der 
übrigen nicht von einer Qualität wäre, die eine lange Lebensdauer und 
große Widerstandsfähigkeit erwarten läßt. Dazu kommt aber der Um¬ 
stand, der auch für die 18- und 19-Jährigen noch zutrifft, daß häufiger 
sexueller Verkehr in dem in Frage stehenden jugendlichen Alter die 
körperliche Entwicklung und den Gesundheitszustand ungünstig be¬ 
einflußt 1). 

Die ökonomischen Schwierigkeiten, welche der Verwirklichung 
seines Vorschlags entgegenstehen, übersieht der Autor keineswegs, und 
diese sind es, welche seiner Idee einen ganz utopischen Charakter ver¬ 
leihen; dies bedarf keiner langen Darlegung. Man darf nur daran 
denken, in welchen wirtschaftlichen Verhältnissen sich die jungen In¬ 
dividuen im Alter von 16—20 Jahren zumeist noch befinden. Sie sind 
noch Schüler an Mittelschulen oder Studierende an Hochschulen, Eauf- 
mannslehrlinge oder angehende Kommis, Handwerksgesellen oder Arbeiter 
mit dem bescheidenen Lohne der Anfönger. Die Mittel zur Ernährung 
einer Frau, von Kindern ganz abgesehen, auf Grund eigenen Verdienstes 
besitzen sie in der Regel nicht. Diesem Stande der Dinge kann auch 
durch die Gewährung eines staatlichen Heiratszuschusses, wie ihn V. 
vorschlägt, nicht abgeholfen werden, da dieser Zuschuß wohl zu leicht¬ 
sinnigem Heiraten verleiten, aber nie von einer Höhe sein könnte, um 
dem Arbeiter mit geringem Verdienste die Ernähmng von Frau und 
Kindern zu ermöglichen. Neben dem Heiratszuschusse würden auch 
die oben erwähnten Erziehnngsbeiträge sich noch als notwendig er¬ 
weisen, und eine derartige doppelte Belastung des Staates kann nicht 
wohl verlangt werden. 

Und nun noch eine andere Seite des V.schen Vorschlags. Man 
stelle sich vor, welche Ehe- und Familienverhältnisse resultieren müßten, 
wenn die 17- und 18-Jährigen bereits trotz ihrer geistigen Unreife eine 
Gattinwahl treffen könnten und durch eine Eheschließung genötigt 
würden, sich mit Familiensorgen zu belasten. Sie würden zumeist 
früher oder später diese Sorgen und die Gebundenheit der Ehe so lästig 
empfinden, daß die Reue über den verfrühten Schritt nicht ausbliebe. 
Die Zahl der Ehescheidungen würde durch diese, wie wir sahen, auch 
in anderer Hinsicht nicht zu billigenden Heiraten gewaltig anwachsen. 

Das von Dr. V. zur Hebung der Volksvermehrung in erster Linie 
empfohlene Mittel erweist sich, wie wir sehen, als unbrauchbar, in 
gewissen Beziehungen auch als bedenklich, und dennoch muß die Herab¬ 
setzung des Heiratsalters der Männer als ein für die Volksvermehrung 
wichtiger Faktor anerkannt und von staatlicher wie privater Seite 
möglichst angestrebt werden. Die Aufgabe, die sich hier bietet, stößt 
jedoch auf viele Schwierigkeiten. Mit einer Herabsetzung gesetzlichen 
Heiratsalters wäre wenig getan, da nur eine solche bis zum 20. Jahre 
in Betracht kommen kann, in welchem die Dienstpflicht für das aktive 
Heer beginnt, und es sich doch nicht empfiehlt, gerade den zu diesem 
Dienste temporär oder überhaupt Untauglichen das Heiraten zu er- 

0 Seved Ribbing führt in seiner Schrift „Die sexuelle Hygiene'^ an, daß von 
1000 verheirateten Männern zwischen 14 und 20 Jahren während einer Beobachtnngs- 
periode in Frankreich 29,3, von 1000 unverheirateten in derselben Zeit nur 6,7 starben. 


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L. Löwenfeld. 


möglichen. Staatliche Heiratszuschüsse zur Erleichterung frühen Hei- 
ratens können, wie wir schon erwähnten, nicht beansprucht werden. 
Eine andere Einrichtung, welche keine staatliche Belastung erfordert, 
dürfte geeigneter sein, die Männer der unteren Bevölkerungsklasse zu 
früherem Heiraten anzuregen und ihnen auch solches zu erleichtern. 
Als solche käme eine Heiratsversicherung in Betracht, ähnlich der 
Kranken- und Invaliditätsversicherung. Diese wäre in der Weise durch¬ 
zuführen, daß den gelernten Arbeitern (Handwerkern) von ihrer Gre- 
sellenzeit an, den ungelernten etwa vom 17. Lebensjahre an ein gewisser 
Prozentsatz ihres Lohnes abgezogen imd einer Kasse überwiesen wird, 
welche die Beträge admassiert und den Versicherten im Falle der Ver¬ 
heiratung mit einer gewissen Verzinsung aushändigt. Diese Einrich¬ 
tung hätte den doppelten Vorteil, daß sie die jugendlichen Arbeiter 
zum Sparen nötigt, was ihnen im Ehestande sehr zugute kommt und 
sie dadurch für den Ehestand gewissermaßen vorbereitet, dann aber 
auch ihnen das Eingehen einer Ehe erleichtert und hierdurch einen 
Anlaß zum früheren Heiraten bilden mag. Daß man verheiratete Arbeiter 
besser bezahlt als ledige, ist an sich gewiß wünschenswert. Allein 
ein hierauf bezüglicher Vorschlag hat keine Aussichten auf irgend¬ 
einen Erfolg. 

Eine Heiratsversicherung der Söhne, die allerdings mit dem ersten 
Lebensjahre beginnen müßte, ähnlich der Militärversicherung, dürfte 
sich auch für die weniger begüterten Klassen des Mittelstandes emp¬ 
fehlen, nm den Söhnen eine Verheiratung auch bei geringerem Ein¬ 
kommen und unsicherer Stellung zu ermöglichen oder wenigstens zu 
erleichtern. Den Familien mit größerem Vermögen erwächst dagegen 
die Pflicht, den Söhnen die Mittel zum frühen Heiraten zu gewähren 
und sie auch hierzu zu ermuntern und nicht, wie es bisher oft der 
Fall war, auf eine reiche Partie warten zu lassen. 

Dr. Vaerting hat, wie wir sahen, auch eine Hinaufsetzung des 
gesetzlichen Heiratsalters für das weibliche Geschlecht verlangt, wobei 
er sich auf die Erfahrung stützen konnte, daß zu frühes Heiraten sich 
für Mutter wie Kind häufig nachteilig erweist. Dies sind jedoch längst 
bekannte Tatsachen, welche die Ärzte schon immer veranlaßten, ihre 
Stimme gegen das zu frühe Heiraten der Mädchen zu erheben. Ein 
genügender Grund, die Hinaufsetzung des gesetzlichen Heiratsalters 
für das weibliche Geschlecht anzustreben, liegt jedoch deshalb nicht 
vor. Heiraten 16- und 17-jähriger Mädchen sind im ganzen nicht häufig, 
und in einzelnen dieser Fälle mögen Verhältnisse vorliegen (Schwänge¬ 
rung), welche für eine Verehelichung in diesem jugendlichen Alter einen 
triftigen Grund bilden. 

Von manchen Seiten, und wie ich glaube mit Recht, wurde auch 
die Aufhebung des Zölibats der Lehrerinnen und weiblichen Beamten 
im Interesse der Volksvermehrung befürwortet. Die Nachkommenschaft, 
welche von dieser Seite zu erwarten wäre, ist wohl nicht sehr zahl¬ 
reich, doch haben wir keinen Grund, darauf zu verzichteu, selbst wenn 
4ie Realisierung des gemachten Vorschlags einige Opfer erheischen 
sollte. 

Ich habe mich im Vorstehenden mit den Maßnahmen beschäftigt, 
welche geeignet sind, unsere Volkszahl auf die zum Schutze unserer 
staatlichen Existenz erforderliche Höhe zu bringeu und auf dieser auch 


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über die Mittel, die zur Sicherung unserer staatlichen Existenz usw. 117 


dauernd zu erhalten. Mit der Volksvermehrung allein ist jedoch nicht 
alles Nötige getan. Unsere Sorge muß nicht nur der Quantität, sondern 
auch der Qualität unseres Nachwuchses sich zuwenden, und in dieser 
Beziehung ist noch vieles zu tun, wenn auch die bewundernswerten 
Leistungen aller Teile unseres Heeres wie unserer Marine zur Genüge 
dafür zeugen, daß wir über keine zu große Zahl minderwertiger In¬ 
dividuen zu klagen haben. Eine der wichtigsten hier in Betracht 
kommenden Maßnahmen ist die gesetzliche Einführung der ärztlichen 
Untersuchung aller Brautleute und der Ausstellung eines hierauf 
basierten Gesundheitsattestes. Dies wurde von mir schon vor einer 
Reihe von Jahren vorgeschlagen i), doch fanden meine Ausführungen 
damals wenig Beachtung. Inzwischen wurde mein Vorschlag von den 
Rassehygienikem und Vertretern der Eugenik zu einer ihrer Haupt¬ 
forderungen gemacht, und der Krieg gab genügende Veranlassung, die 
Notwendigkeit der in Frage stehenden Maßnahme nachdrücklichst zu 
betonen. Man darf daher wohl erwarten, daß unsere gesetzgebenden 
Körperschaften nicht allzulange zögern werden, sich mit der hier vor¬ 
liegenden Frage zu beschäftigen. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, 
den Einfluß des Krieges auf die Geburtenzahl einer Großstadt wie 
München, kennen zu lernen. Ich gebe im folgenden, um einen Vergleich 
zu ermöglichen, die Geburtenzahlen der zweiten Hälften der Jahre 1913, 

Geburten in München: 



1913 

1914 

1915 

Juli. 

1079 

1058 


August. 

1141 

994 

749 

September. 

1073 

946 

716 

Oktober. 

1063 

968 

660 

November. 

987) 

960 

695 

Dezember. 

1113 

973 

680 


1914, 1915. Die mitgeteilten Zahlen beanspruchen in doppelter Hin¬ 
sicht Beachtung. Wir ersehen aus denselben, daß die Geburtenzahl der 
zweiten Häfte des Jahres 1914, welche durch den Krieg in keiner 
Weise beeinflußt war, schon dem Vorjahre gegenüber erheblich zurück¬ 
blieb. Dagegen zeigt sich, daß der Geburtenrückgang der zweiten 
Hälfte des Jahres 1915, an welcher der Krieg wohl den Hauptanteil 
hat, so beachtenswert er auch ist, doch nicht so schlimm sich ge¬ 
staltete, wie von manchen Seiten befürchtet wurde. Indes weder die 
vor dem Kriege bei uns wie in anderen Ländern konstatierte Geburten¬ 
abnahme, noch die infolge des Krieges aufgetretene und noch zu er¬ 
wartende dürfen uns wegen der Zukunft unseres Volkes bange machen. 
Wenn all das geschieht, was nötig ist und im Bereiche der Möglich¬ 
keit liegt, wenn alle erforderlichen Opfer ohne Zagen verlangt und 
gebracht werden, wird es nicht zu einem Niedergange, sondern zu steigen¬ 
der Kraftentfaltung unseres Volkes kommen, und unseren Feinden wird 
damit die Hofihung schwinden, in einem künftigen Kriege das zu er¬ 
reichen, was ihnen in dem gegenwärtigen voraussichtlich versagt bleibt. 

’) Siehe Löwenfeld, Über das eheliche Glück. 1. Aufl. 1906. S. 328, 3. Aufl. 
S. 337. 


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118 


Henriette Fürth. 


Zur Mutterschaftsversicherung. 

Von Henriette Fttrth 

in Frankfurt a. M. 

Die Frage der MntterschaftsTersicherung hat dnrch den Krieg eine 
mächtige Förderung erfahren. 

Zweierlei hat er mit besonderer Eindringlichkeit klar gemacht: 
Wir bedürfen starker Gebnrtenzunahme, aber noch weit mehr gesunder 
Geburten. Wir dürfen gewiß nicht die Zahl des Nachwuchses außer 
acht lassen. Das heißt, wir müssen dafür Sorge tragen, daß ein ge¬ 
wisser Überschuß der Geburten über die Sterbefölle gesichert bleibe. 
Weit mehr noch wird es aber unsere Aufgabe sein, alles zu tun, damit 
ein gesundes Geschlecht geboren werden und unter günstigen Aufzucbt- 
bedingungen beranwachsen könne. 

Der Krieg hat diese schon vorher von einer Minderheit vertretene 
Ansicht (vgL dazu die Wirksamkeit des 1906 gegründeten Bundes für 
Mutterschutz, der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, 
der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz, der von Dr. A. Fischer 
1909 in Karlsruhe ins Leben gerufenen PropagandageseUschaft für 
Mutterschaftsversicherung, die von Herrn Geheimrat Prof. Dr. Majet 
entfaltete literarische und rednerische Tätigkeit, sowie die schon auf 
das Jahr 1901 bzw. 1903 zurückweisende bezügliche Propaganda der 
Beferentin, die in einem 1911 bei Fischer in Jena erschienenen Buch: 
„Die Mutterschaftsversicherung“ einen zusammenfassenden Ausdruck 
fand) nach allen Seiten hin gerechtfertigt und bekräftigt. 

Wir alle sind darüber einig, daß es nicht so sehr die Zahl als 
die körperliche, geistige und seelische Wesenheit unserer Truppen ist, 
die den Sieg an unsere Fahnen heftet. „Wäre die Zahl das Ent¬ 
scheidende: wir wären vom ersten Tage dieses Riesenringens an ver¬ 
loren gewesen, und daß wir unsere siegreichen Fahnen allüberall hin¬ 
tragen können, das danken wir nicht der Zahl, sondern dem Geist 
unserer Heere und Heerführer, unserer Disziplin und Organisation, 
jenem Geist, der bald als Kartoffelbrotgeist, bald als das S 3 iunbol treuen 
und festen Durchhaltens in deutschen Landen lebendig ist.“ (Fürth: 
„Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, der Krieg und die Schntz- 
mittelfrage im Lichte der Bevölkerungspolitik.“ Zeitschr. f. Bek. d. 
Geschlechtskrankh. Leipzig 1916.) 

Aber nicht nur an uns selbst, deutlicher noch an unseren Gegnern 
können wir nachweisen, daß Qualität allemal ungleich mehr bedeutet 
als Quantität. Da ist Rußland mit seinen Millionen und Abermillionen. 
Wie die Köpfe der Hydra wachsen sie nach und schier nnerschöpflich 
scheint der Born, aus dem sie hervorquellen. Und doch sind wir gerade 
gegen Rußland so besonders siegreich gewesen, und an der ehernen 
Mauer unserer Heere, aber mehr noch an der unbesieglichen Phalanx 
unserer geistigen und moralischen Wesenheit zerstieben diese Millionen 
wie Spreu vor dem Winde. 

Auf der anderen Seite die Franzosen. Dieses aussterbende Volk, 
wie wir es wohl zu nennen pflegten. Hut ab vor einem solchen Gegner. 
Er hat in unbestreitbarer Weise den Beweis einer lebendigen Kraft 
und hohen Qualität erbracht. Wir dürfen ruhig zugestehen, und es 


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Zur MutterschaftsTeisicheruDg. 


119 


macht das unsere Sache nod unsere Leistung nicht schlechter, sondern 
nur besser, daß wir es hier mit einem ebenbürtigen und höchst achtungs- 
werten Gegner zu tun haben. 

Im Zusammenhang unserer Sonderfrage ist uns aber das eine be¬ 
sonders wichtig, daß sich auch hier die Qualität der Quantität über¬ 
legen gezeigt bat. 1000 gefangene Franzosen scheinen uns ein größerer 
Erfolg als 10000 gefangen eingebrachte Russen. 

Aus alledem ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit, daß auch 
für die Folge der Hauptnachdruck nicht auf die Zahl, sondern auf die 
Beschaffenheit des Nachwuchses zu legen sein wird, und es erhebt sich 
die Frage, was im Interesse einer guten Bevölkerungspolitik in bezug 
auf das Oesundgeborenwerden wie auf gesundheitsgemäße Aufzucht- 
bedingnngen zu fordern und zu tun sein werde? 

Die Reichsregierung hat dem in begrüßenswerter Weise Rechnung 
getragen. Durch 3 Verordnungen (vom 3. Dezember 1914, 28. Januar 
1915 und 24. April 1915) des Bundesrats sind den Wöchnerinnen fol¬ 
gende Leistungen gewährt: 

1. ein einmaliger Beitrag zu den Kosten der Entbindung in Höhe 
von 25 Mk.; 

2. ein Wochengeld von 1 Mk. täglich, einschließlich der Sonn- und 
Feiertage, für 8 Wochen, von denen mindestens 6 W'ochen in die Zeit 
nach der Niederkunft fallen müssen; 

3. eine Beihilfe bis zum Betrage von 10 Mk. für Hebammendienste 
und ärztliche Behandlung, falls solche bei Schwangerschaftsbeschwerden 
erforderlich werden; 

4. für Wöchnerinnen, solange sie ihre Neugeborenen stillen, ein 
Stülgeld in Höhe von 50 Pf. täglich, einschließlich der Sonn- und Feier¬ 
tage, bis zum Ablauf der 12. Woche nach der Niederkunft. 

Durch die letzte der bezüglichen Verordnungen wurde diese Kriegs¬ 
wochenhilfe, die anfänglich nur bisher schon versicherungspflichtige 
Kriegsteilnehmerehefrauen und teilweise auch die übrigen versicherten 
Ehefrauen umfaßte, auf alle minderbemittelten KriegsteUnehmerehe- 
frauen und auf uneheliche Mütter in aU den FäUen ausgedehnt, in denen 
entweder eine urkundliche Vaterschaftsanerkennung seitens des Kriegs¬ 
teilnehmers vorliegt, oder der Nachweis tatsächlicher Unterhaltsgewähmng 
durch den Kriegsteilnehmer erbracht ist. 

Wir dürfen es wohl als eine begrüßenswerte Folge dieser Kriegs¬ 
wochenhilfe ansprechen, daß und wenn ab Januar 1915 die Säuglings¬ 
sterblichkeit, die in den ersten Kriegsmonaten bedauerlich gewachsen 
war, auf ein normales Maß und darunter zurückging. So berichtet 
Berlin über eine Säuglingssterblichkeit, die betrug: 

vom 1. Jan. 1914 bis 15. Mai 1914 : 1951 = 13,6 ®/o der Lebendgeb. 

„ 1. „ 1915 „ 15. „ 1915: 1875 = 13,3 „ „ 

Dieses Abschwellen wird auf die Reichswochenhilfe zurückgeführt, 
„durch die es zahlreichen Frauen ermöglicht ist, ihre Kinder selbst zu 
stillen und zu pflegen. Selbst aus Bezirken, in denen das SelbststUlen 
fast ganz aus Übung gekommen war, wie Bayern, liegen Berichte über 
eine erfreuliche Zunahme der Stültätigkeit vor.“ (Soz. Praxis und Arch. 
f. Volkswohlfahrt Bd. XXIV Nr. 37, S. 864.) 


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Henriette Fürth. 


120 


Za den reichsgesetzlichen Maßnahmen gesellen sich ergänzende oder 
stellvertretende Anordnungen einzelner Staaten oder Gemeinden. So das 
Hamburgische Gesetz, betr. die Wochenhilfe der Dienstbotenkranken¬ 
kasse während des Krieges vom 1. März 1915. „Der Erlaß dieses Ge¬ 
setzes ist dadurch notwendig geworden, daß in Hamburg auf Grund 
des § 440 R. V. 0., des Hamburgischen Krankenversicherungsgesetzes 
für Dienstboten vom 23. Mai 1913 und der Bekanntmachung des Senats 
vom gleichen Tage die Bestimmungen der E. V. 0. über die Krankenver¬ 
sicherung der Dienstboten nicht gelten, vielmehr dort eine besondere 
Krankenversicherung für Dienstboten besteht. Das Hamburgische Ge¬ 
setz sichert den Wöchnerinnen, die selbst oder deren Männer der Ham- 
bnrgischen Dienstbotenkrankenkasse angehören, seitens des Staates die¬ 
selbe Wochenhilfe, wie sie die beiden ersten Bandesratsverordnungen 
gewähren.“ (Reichs-Ärbeitsblatt XHI. Jahrg. Nr. 6 von 22. Juni 1915, 
S. 490). 

Ein ersprießliches Zusammenarbeiten der Reichswochenhilfe mit 
den gemeinnützigen Vereinen und Verbänden der Säuglingsftirsorge und 
des Mutterschutzes wird dadurch herbeigeführt und gesichert, daß man 
den bezüglichen Organisationen die Kontrolle über das Stillen und die 
Innehaltung der sonstigen Verhaltungsvorschriften für die Wöchnerin 
überträgt. Da indessen die amtlichen Stellen die gesetzlichen Unter¬ 
stützungen vorbehaltlos auszahleu müssen, soll eine Überwachungsmög¬ 
lichkeit für die Vereine auf einem Umweg herbeigeführt werden. So 
gewähren beispielsweise die Vereine das Stillgeld auf einen erheblich 
längeren Zeitraum, als die Reichswochenhilfe vorsieht. Sie haben daher 
die Möglichkeit, die Gewährung des weiteren Stillgeldes davon abhängig 
zu machen, daß ihre Verhaltungsvorschriften und Überwachungsma߬ 
nahmen auch schon während der ersten 12 Wochen als der Zeit der 
gesetzlichen Unterstützung beobachtet werden. In Groß-Berlin hat sich 
auf dieser Grundlage ein Zusammenwirken der Krankenkassen und der 
städtischen Säuglingsfürsorge entwickelt. 

Charlottenburg gibt (Verordnung vom März 1915) freie Hebammen¬ 
dienste, vor der Entbindung kräftigen Mittagstisch für mindestens 
14 Tage, Wochenkörbe (mit Wäsche, Kinderzeug usw.), als außerordent¬ 
liche Unterstützung je 15 Mk. für 3 Halbmonatsraten und im Bedarfs¬ 
fall freie ärztliche Hilfe und Stillunterstützung durch Gewährung von 
Milch. (Soz. Praxis XXIV, Nr. 26, S. 615.) 

Einrichtungen zur Unterstützung stillender Mütter gab es Ende 
1914 in 296 Gemeinden. Geld gaben 92 und Sachgüter 264. (Soz. 
Praxis XXIV, Nr. 20, S. 471.) 

Als Anordnungen und Zusätze, die in willkommener Weise die 
Reichswochenhilfe ergänzen, sind die Verfügungen zu kennzeichnen, 
durch die die Landesversicherungsanstalt Oldenburg den bezugsberech¬ 
tigten Ehefrauen für weitere 3 Monate ein Stillgeld von je 15 Mk., 
zusammen also 45 Mk., gewährt. Voraussetzung ist, daß die während 
der Bezugszeit fortgesetzte Stilltätigkeit „durch Bescheinigung oder 
mündliche Erklärung des Arztes, der Hebamme oder einer anderen 
unbedingt glaubwürdigen Person nachgewiesen wird“. (Oldenburgisches 
Sonderblatt zum Versicherungsboten vom 1. Aug. 1915, S. 13.) 

Eine zweckmäßige Ergänzung der Reichswochenhilfe hatte die 
Düsseldorfer Fürsorge-Organisation (Zentralstelle für freiwillige Liebes- 


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Zur Mutterschaftsversicherung. 


121 


tätigkeit, Abt. Familienfürsorge) ab 1. März 1916 dadurch geschaffen, 
daß sie im Bedarfsfälle auch den Frauen von Eriegsteünehmem, die 
nicht versicherungspflichtig und also bis zur Verordnung vom April von 
der Kriegswochenhilfe ausgeschlossen waren, eine Wochenbeihilfe bis zum 
Höchstbetrag von 50 Mk., verteilt auf 8 Wochen, zubilligte. 

Neben diesen gemeinnützigen Bestrebungen ist auch ein privat¬ 
wirtschaftliches Unternehmen zu erwähnen. Eine in Halle ins Leben 
gerufene Versicherungsgesellschaft „Iduna" gibt Sammelversicherungen 
ftr Vereine und auch Einzelversicherungen aus. Bedingung der Sammel¬ 
versicherung ist, daß mindestens die Hälfte aller Vereinsmitglieder an 
ihr teilnimmt. Für jede versicherte Person beträgt die 

Grundprämie in Klasse A. 1.20 Mk„ B. 2.40 Mk., C. 8.60 Mk„ 

Zusatzprämie „ „ „ 0.50 „ „ 1.00 „ „ 1.50 „ 

Bei Zugehörigkeit zu einer Sammelversicherung Ä. 1.00 bzw. 
1.25 Mk., B. 2.00 bzw. 2.50 Mk., C. 3.00 bzw. 3.75 Mk. Die Leistungen 

bestehen in a) Entbindungsgeld, b) Stillgelder, c) Vergütungen. 

Zu dem, was im Sinne der Mütter- und Kinderfürsorge von Eeichs- 
wegen oder auf dem Wege gemeinnütziger Initiative geschehen ist, 
kommen die Anregungen, Vorschläge und Pläne, die eine Fortführung 
und entsprechenden Ausbau der einschlägigen Kiiegsfursorge, insbeson¬ 
dere der Reichswochenhilfe bezwecken. Sie gehen alle von den be¬ 
völkerungspolitischen Erwägungen der Wichtigkeit eines nach Zahl und 
Beschaffenheit befriedigenden Nachwuchses aus. Verschiedene Tagungen, 
so z. B. die „Zur Erhaltung und Mehrung der Volkskraft“, der „Deut¬ 
schen Vereinigung für Säuglingsschutz“, der „Deutschen Gesellschaft 
für Mutter- und Kindesrecht“, des „Vereins für Bevölkerungspolitik“ 

usw. haben sich in Referat und Diskussion ausführlich mit unserem 

Gegenstand beschäftigt. Mit besonderer Betonung wurde dabei der 
Tatsache gedacht, daß Deutschlands Säuglingssterhlichkeit immer noch 
bedauerlich höher ist, als die der meisten anderen Kulturstaaten. Und 
es wurde auf den günstigen Einfluß hingewiesen, den schon die erste 
Verordnung zur Reichswochenhilfe im Sinne einer Herahminderung der 
Säuglingssterblichkeit ausgeübt hat. 

Auch ist in diesem Zusammenhang eine an die zuständigen 
Reichsstellen gerichtete Eingabe der Deutschen Gesellschaft für Mutter- 
und Kindesrecht und in jüngster Zeit eine solche aus Frankfurt am 
Main zu verzeichnen. Die der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und 
Kindesrecht deckt sich mit den von Geheimrat Prof. Dr. May et ver¬ 
tretenen Anschauungen, ln „Die Ortskrankenkasse“ (1915 S.443) schlägt 
er vor, die Mutterschaftsfürsorge zu einem selbständigen Versicherungs¬ 
zweig auszugestalten. Danach soll jede weibliche Person zwischen 16 
und 45 Jahren ohne Rücksicht auf ihre Vermögens- und Einkommens¬ 
verhältnisse zwangsweise der Versicherung angehören. Das für Zwecke 
der Wochenhilfe benötigte Kapital wird mit 220 Mill. Mark jährlich 
nach Maßgabe der heute vorgesehenen Leistungen der Reichswochen¬ 
hilfe angesetzt. Zu seiner Aufbringung bedürfte es bei 14 Millionen 
weiblicher, den betreffenden Altersklassen angehörender Personen eines 
Beitrags von 30 Pf. pro Kopf und Woche. Die Prämie soll in Form 
einheitlich für das ganze Reich einzuführender bei den Postanstalten 
erhältlicher Marken, die auf Personalkarten aufgeklebt werden, zu ent¬ 
richten sein. 

Zeitfchr. t SezuslwiMenachaft IlL 3. 9 


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122 


Henriette Fürth. 


Auch die von der Deutschen Giesellschaft für Säuglingsschutz an> 
genommenen Vorschläge des Eabinettsrates Dr. v. Behr-Pinnow beab> 
sichtigen die Schaffung einer zwangsweisen Mutterschaftsyersicherung 
durch „Beichsgesetzgebung, der jede Frau vom Tage ihrer Bheschliefiung 
angehört, soweit sie nicht bereits durch die Beichsyersicherungsordnung 
in dieser Beziehung yersichert ist. Die Dauer der Versicherung be¬ 
trägt zehn Jahre. Sie kann nach Ablauf dieser Zeit freiwillig fortgesetzt 
werden. 

Die Versicherung ist eine solche auf Gegenseitigkeit und wird yon 
den Landesyersicherungsanstalten unentgeltlich yerwaltet Beichs-Staats¬ 
und Gemeindebehörden haben die nötige Mitarbeit unentgeltlich zu leisten. 

Die Eassenleistungen bestehen in einem festen, eyentuell jährlich 
festzusetzenden Wochengeld und einem Stillgeld für mindestens 12 Wochen; 
weitere Leistungen (Stillgeld bis zu 26 Wochen; unentgeltliche ärzt¬ 
liche Beratung der Säuglinge und Eieinkinder, unentgeltliche Gewährung 
yon Hebammendiensten, etwaiger ärztlicher Geburtshilfe, yon Haus¬ 
und Wochenpflege) können nach Maßgabe der Eassenflnanzen bestimmt 
werden.“ (Geschäftsbericht des Hauptyerbandes deutscher Ortskranken¬ 
kassen 1914, S. 165.) 

Beide Vorschläge enthalten Begrüßenswertes. Beide haben aber 
den Nachteil, daß ihre Durchführung nur auf dem Wege einer Sonder- 
yersichemng samt dem dazugehörigen bnreaukratischen Apparat zu 
erreichen wäre. Das bedeutete aber nicht nur eine unnötige finanzielle 
Belastung, sondern auch eine Eräfte- und Zeityergendung. Nicht da- 
yon zu reden, daß es den Versicherungsnehmern immer schwerer wird, 
sich durch das yielmaschige Netz immer neuer Pflichten und Bechte 
hindnrchznflnden. Der Vorschlag Mayet dürfte darüber hinaus dem Volks¬ 
empfinden schon darum fremd und wenig genehm sein, weil er eine 
mechanische Erfassung auch der ledigen Weiblichen yom 16. Jahre an 
vorsieht. 

Ganz anders die Pläne, die an schon bestehende und erprobte Ein¬ 
richtungen anknüpfend, die Zwangs-Erankenkassen zum Träger der 
Mutterschaftsyersicherung machen bzw. die neu aufzuerlegenden Lei¬ 
stungen dem bisherigen Pflichtenkreis dieser Eassen organisch einglie- 
dem wollen. 

Zwar hat auf der letzten Tagung des Hauptyerbandes Deutscher 
Ortskrankenkassen Jnstizrat Dr. Mayer-Frankenthal bezüglich des 
Ausbaues der Wochenhilfe gemeint „die Erankenversicherung dürfe aber 
damit nicht belastet werden; sie müsse auf Eosten des Beiches weiter¬ 
geführt werden“. Und der Versitzende des Hauptverbandes, Fräßdorf, 
nannte eine solche Weiterführung „Sozialreform auf Eosten der Minder¬ 
bemittelten“. Im Gegensatz dazu stellte sich der Vorsitzende der All¬ 
gemeinen Ortskrankenkasse Frankfurt a. M., Eduard Gräf, damals 
wie auch später bei Gelegenheit der Tagung des Mutterschutz (März 
1916, Frankfurt a.M.) und in der „Ortskrankenkasse“ (S. 410, Jahrg. 1915) 
auf den Standpunkt: „Ein Zurück kann es nicht mehr geben. Alle 
Erankenkassen sollten sich an dem wichtigen Werk jetzt schon betei¬ 
ligen, indem sie nach Möglichkeit dazu übergehen, wichtige Mehrleistungen 
im Mutterschutz einzuführen .... Wohl kosten die Mehrleistungen für 
Mutterschutz den Erankenkassen Greld, doch steht fest, daß keine Easse 
unter diesen Lasten zusammenbrechen wird.“ In diesem Sinne ist seit 


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Zar Matterschaftsveisicherung. 


123 


Eriegsbeginn, soweit irgend gesetzliche Zulässigkeit gegeben war, der 
Mutterschutz durch die Ortshxankenkasse Frankfort gehandhabt worden. 
So wie Gräf auch zu den Eaupturhebem eines in allen Teilen sorg- 
^tig vorbereiteten Planes zur Schaffung einer Mutterschaftsversiche¬ 
rung gehört, der von den interessierten Vereinen und Verbänden von 
Frankfurt a. M. unter Führung der Ortskrankenkasse und des Haus¬ 
pflegevereins in Form einer Eingabe den zuständigen Stellen des Reiches 
unterbreitet wurde. 

Anschließend an den durch die Reichswochenhilfe geschützten Per¬ 
sonenkreis und die von ihr bestimmten Leistungen wird ein Ausbau 
in folgender Weise gefordert: Es soll den erwerbstätigen das ist also 
versicherungspflichtigen Weiblichen, Verheirateten und Ledigen, im 
Wochenbettsfall ein Wochengeld gewährt werden, das unter Beseitigung 
des bisherigen Absatz 2 des § 196 R. V. 0. (also auch für die den 
Landkrankenkassen zugehörenden, bisher nur für die Zeit von vier 
Wochen geschützten Landarbeiterinnen, Dienstboten, Hausgewerbetrei¬ 
benden) für mindesten 8 Wochen sich auf */4 des entgehenden Arbeits¬ 
verdienstes beläuft. Die R. V. 0. sieht nur ein Wochengeld in halber 
Höhe des Verdienstentganges vor. Da das zum Lebensunterhalt nicht 
ausreicht und, wo eine Kontrolle nicht durchführbar ist, eine verfrühte 
Wiederaufnahme der Arbeit zur Folge hat, wird die Erhöhung bei 
gleichzeitigem Arbeitsverbot gefordert. Von dem an sich gerechtfertigten 
Verlangen, ein Wochengeld in der vollen Höhe des Lohnes zu gewähren, 
wurde aus flskalischen Gründen abgesehen. 

Weiter ist die bedarfsweise Gewährung eines Schwangerengeldes 
(bis zu sechs Wochen) vorzusehen. 

Die bisherige fakultative Gewährung von ärztlichen und Hebammen- 
fliensten ist in eine Pflichtleistung umzuwandeln. Ebenso, wenn erfor¬ 
derlich, die Aufnahme in eine Entbindungsanstalt, die Beistellung von 
Hauspflege usw. 

Das bisher gleichfalls (von der R. V. 0.) nur fakultativ gewährte 
Btillgeld soll in Höhe von V 4 <i 6 S Lohnes, aber von mindestens 50 Pf. 
pro Tag bis zur Dauer von acht Monaten Stillzeit gegeben, durch geeig¬ 
nete Überwachungsorganisationen aber Sorge getragen werden, daß nur 
wirklich Stillende diese Unterstützung bekommen. 

Nur auf Stillgeld und die angeführten Sachleistungen, nicht aber 
{im Gegensatz der lediglich als Kriegszulage zu wertenden Reichswochen¬ 
hilfe) auf Wöchnerinnengeld sollen die nicht erwerbstätigen Ehefrauen 
und Haustöchter, die ja keinen Verdienstausfall erleiden, Anspruch haben. 

In den Kreis der Versicherten und Geschützten einzubeziehen sind 
dagegen die bisher von der Zwangs-Krankenversicherung nicht erfaßten 
sozialen Schichten, „deren Einkommensverhältnisse die gleichen sind, 
wie die der Arbeiter und niederen Angestellten, also die Kleinbäuem, 
Kleinhandwerker, Kleinkanflente, kleinen Beamten usw. 

Diese Schichten hätten, da sie ja im übrigen nicht zwangsversichert 
sind, entsprechende Sonderbeiträge zur Mutterschaftsversicherung zu 
leisten. Keinerlei Beitragsleistung soll von den erwerbslosen Haus¬ 
töchtern gefordert werden. Ihnen soU, im Fall der Schwangerschaft, 
wenn sie dessen bedürfen, das Nötige an Sachleistungen zugestanden 
und die Kosten dafür (in Gemäßheit der Bestimmungen über den Bei- 

9* 


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124 


H. Fehlinger. 


tragserlaß bei unständigen Arbeitern und Hausgewerbetreibenden nach 
§§ 465, 489, 490, R. V. 0.) dem Reich auf erlegt werden. 

Die allgemeinen Mittel sollen in der Weise aufgebracht werden^ 
daß Vs *1®]* entfallenden Gesamtkosten aus Reichsmitteln bestritten und 
die beiden andern Drittel analog dem Verfahren bei der Krankenyer- 
sicherung zu einem Drittel von den Arbeitgebern, zu Vs "^on den Ar¬ 
beitnehmern getragen werden. Ohne eine besondere Buchung undEassen- 
führung notwendig zu machen, wäre eine entsprechende Erhöhung der 
Beiträge der in diesem Sinne einfachste Weg, während das Reich ver¬ 
mittelst einer entsprechenden Eopfquote heranzuziehen wäre. 

Schon aus dieser Form der Kostendeckung ergibt sich ohne wei¬ 
teres, daß als Träger der Mutterschaftsversicherung die auf Grund der 
Reichsversicherungsordnung gebildeten Krankenkassen gedacht sind. 
Sie sind die Stellen, die heute schon die weitaus größte Zahl der Yer- 
sicherungsbedürftigen erfassen und denen die heute noch herausfallen¬ 
den Schichten unschwer eingegliedert werden können. Ferner tragen 
sie heute schou die im Sinne des Mutterschutzes durch die R. V. 0. auf¬ 
erlegten Lasten. 

Dieser Krieg hat uns nachdrücklicher als irgend ein früheres Ge¬ 
schehen als das Volk mustergiltiger und festgefügter Organisation er¬ 
wiesen. Und er macht offensichtlich, wie unwiderstehlich stark die 
Kraft eines Volkstums ist, das inmitten der Wirren und Verwüstungen 
des Krieges in ruhiger Sicherheit darangeht, auf den Trümmern einer 
rettungslos znsammengestürzten internationalen Kultur den stolzen 
Bau einer in sich gefesteten Volkskultur nach allen Seiten hin vor¬ 
zubereiten. Ein Grund- und Eckstein dieses Zukunftsbaues ist und 
muß sein der Schutz der Mutter und des Kindes. 

Großes steht auf dem Spiel und Großes gilt es zu gewinnen. Aber, 
wenn nicht alle Zeichen trügen, so werden wir Sieger sein: auch hier! 


Krieg und Geschlechtsleben. 

Von H. Fehlinger, z. Z. im Felde. 

Beobachtungen, die ich während dieses nun schon fast zwei Jahre 
dauernden Krieges, sowohl im Deutschen Reich, wie in Österreich, im 
Hinterlande wie an der Front machte, deuten mit Sicherheit auf eine 
Abschwächung des Geschlechtstriebes in der Kriegszeit hin. Kurz nach 
Kriegsausbruch, mit seinem überwältigenden Eindruck auf die Volks- 
massen, übertäubten der Haß gegen die Feinde und die Begeisterung 
für die eigene Sache, bei jung und alt, Mann und Frau, alle übrigen 
Gefühle. Selbst in der lebensfrohen süddeutschen Heimatstadt des 
Verf. schien der Krieg der ausschließliche Gesprächsgegenstand sogar 
der Liebespaare zu sein, denen man in der Stadt oder ihrer Umgebung 
begegnete. Auch auf den ehelichen Geschlechtsverkehr wirkte die 
Wucht der Ereignisse zweifellos einschränkend. Welche Wirkung die 
durch den Krieg hervorgerufene allgemeine Gemütsstimmung auf die 
Häufigkeit der Konzeptionen und Geburten ausgeübt haben mag und 
noch ausübt, läßt sich nicht ermessen. Bemerkenswert ist die Tat¬ 
sache, daß die Zahl der unehelichen Geburten in den ersten acht 


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Krieg und Geschlechtsleben. 


125 


Monaten, während welcher die Geburtenhäufigkeit durch den Krieg be¬ 
einflußt wurde, im Verhältnis ganz bedeutend mehr zurückging als die 
2ahl der ehelich Geborenen. Das ist wohl hauptsächlich die Folge 
davon, daß unter den in den ersten acht Kriegsmonaten zum Militär¬ 
dienst eingezogenen Männern überdurchschnittlich viele Ledige waren, 
die in der Kegel als Väter unehelicher Kinder in Betracht kommen. 
In der Stadt München gestaltete sich in den Monaten Mai bis 
Dezember 1914 und 1916 die absolute Zahl der Lebendgeborenen wie 
folgt: 


Zahl der Lebendgeborenen; 



ehelich 

Jahr 1914 
außerehelich 

zus. 

ehelich 

Jahr 1915 
außerehelich 

zus. 

Mai . . . 

. . 742 

385 

1127 

540 

266 

806 

Juni . . . 

. . 694 

375 

1069 

567 

236 

803 

Juli . . . 

. . 754 

304 

1058 

568 

216 

784 

August . . 

. . 706 

288 

994 

537 

212 

749 

September. 

. . 685 

261 

946 

541 

175 

716 

Oktober. . 

. . 681 

287 

968 

474 

186 

660 

November . 

. . 677 

283 

960 

525 

170 

695 

Dezember . 

. . 660 

313 

973 

461 

219 

680 


5599 

249§ 

8095 

4213 

1680 

5893 


In dem Zeitraum von acht Monaten war 1915 die Zahl der ehe¬ 
lich Geborenen um 26®/o> die Zahl der außerehelich Geborenen aber 
um 33®/o geringer als 1914. Im Durchschnitt war vom Mai bis 
Dezember die Geburtenzahl 1915 um 27% niedriger als im voraus¬ 
gegangenen Jahr. 

Ähnlich wie in München sind die Verhältnisse in Berlin und Wien 
und wohl auch in anderen Großstädten. In Berlin wurden vom Mai 
bis Dezember 1915 um 6446 oder 25,l®/o Geburten weniger verzeichnet 
als in denselben Monaten des Jahres 1914, Die Geburtenabnahme war 
hier verhältnismäßig geringer als in den anderen Städten, über die der 
Verf. Angaben hat. Das kommt vermutlich daher, weil in Berlin, am 
Sitze der zentralen Reichs- und Staatsbehörden, relativ erheblich mehr 
Männer unabkömmlich waren als anderwärts. Bemerkenswert ist, daß 
sich in der Zeit vom August 1914 bis einschließlich März 1915, in der 
die überwiegende Mehrzahl der vom Mai bis Dezember 1915 geborenen 
Kinder empfangen wurde, die männliche Bevölkerung Berlins nur um 
15®/o verminderte, während der Geburtenausfall über 25®/® betrug. Der 
Unterschied in diesen Verhältniszahlen erklärt sich dadurch, daß nur im 
zeugungskräftigen Alter stehende Männer abgezogen wurden, die Zahl 
der zu jungen und der alten Männer aber praktisch gleich geblieben ist. 

In München und Berlin waren vom November 1915 ab die Todes¬ 
fälle zahlreicher als die Geburten, in Wien bestand das Überwiegen 
der Sterbefälle schon das ganze Jahr 1915 hindurch. 

Über Kleinstädte und ländliche Bezirke liegt mir kein Zahlen¬ 
material vor. Es ist jedoch anzunehmen, daß in diesen Gemeinwesen 
der Geburtenausfall relativ größer war als in den Städten, denn erstens 
gab es auf dem Lande nur wenige unabkömmliche Männer und zwei¬ 
tens war auf dem Lande die Tauglichkeitsziffer höher, so daß also von 
den Männern auf dem Lande in der ersten Kriegszeit prozentual mehr 
zum Militärdienst eingezogen wurden, als von den Städten. Auch der 
unterschiedliche Altersaufbau käme in Betracht. 

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126 


H. Fehlinger. 


Auf das Geschlechtsleben der im Hinterland gebliebenen Bevölke¬ 
rung bat der Krieg unzweifelhaft einen mächtigen £infln6 ausgeübt 
Er hat die Gescblechtslust gedämpft und überdies durch die Abziehung 
großer Männermassen vielen Frauen die Möglichkeit des Geschlechts¬ 
verkehrs und der Fortpflanzung genommen. 

Wie hat nun der Krieg auf das Geschlechtsleben der im Militär¬ 
dienst stehenden Männer eingewirkt? Soweit es sich um die an der 
Front stehenden Männer handelt, und nach meinen Erfahrungen, eben¬ 
falls entschieden erschlaffend. Bei den Mannschaften, die dem Feinde 
unmittelbar gegenüberstehen, ist die Sinnlichkeit so gut wie voll¬ 
ständig erloschen. Es sind keine sexuellen Späße zu hören, noch kommt 
sonst das Gespräch jemals auf das sexuelle Gebiet Jxmg und alt sind 
sich hierin gleich. Nur die eine Äußerung ist ziemlich häufig zu hören: 
Daß den Leuten selbst der absolute Mangel eines sexuellen Bedürf¬ 
nisses auffällt Die beständige Todesgefahr ist gewiß eine wichtige Ur¬ 
sache der Unterdrückung dies Geschlechtsgefühls. Im gleichen Sinne 
wirkt die ermüdende und abspannende Lebensweise. Dazu kommt noch 
der Mangel jedes Anreizes von außen — ein Umstand, der von großer 
Bedeutung ist Auch Prof. Neißer schreibt („Krieg u. Geschlechts¬ 
krankheiten“, Stuttgart 1915, S. 20), daß ihm von za^eichen Kriegern 
berichtet wurde, es stelle sich das sexuelle Bedürfnis erst ein, wenn 
sich Gelegenheit zu Verkehr mit weiblichen Personen bietet Sonst 
empfinden die Soldaten solch ein Bedürfnis wochen- und monatelang 
nicht, sie hätten „wer weiß wie lange an Weiber nicht gedacht“, 
wenn diese nicht in ihren Gesichtskreis getreten wären. Was Prof. 
Neißer berichtet wurde stimmt überein mit dem, was ich erfuhr. Das 
Monate hindurch dauernde Leben ohne jegliche Berührung mit weib¬ 
lichen Personen führt — im Verein mit der beständigen Todesgefahr — 
zur Abstumpfung des geschlechtlichen Empfindens. Nur meine ich fest¬ 
gestellt zu haben, daß auch ein kurzer Aufenthalt in bewohnten Gegen¬ 
den diese Abstumpfung nicht sogleich zu beheben vermag. Die Masse 
der vorübergehend in eine Stadt kommenden Soldaten kümmert sich 
recht wenig um das audere Geschlecht, so daß Ausnahmen von der 
Begel stark auffallen. Viel lieber ist ihnen, etwas zu trinken zu be¬ 
kommen. Freilich konnte ich nur dort beobachten, wo die ortsan¬ 
sässigen weiblichen Personen anderen Stammes sind als die Soldaten. 
Mag sein, daß dort, wo die Soldaten unter Angehörige des eigenen 
Volkes kommen, die Hinneigung zum weiblichen Geschlecht größer ist, 
als wenn ein Zusammentreffen mit stammesfremden Mädchen und Frauen 
stattfindet. Vom Kriegszustand abgesehen, ziehen allerdings fremde 
Frauen den Mann erst recht an. Hierauf wird auch das Entstehen 
der weit verbreiteten Einrichtung der Exogamie zurückgeführt. 

Untreue der Frauen kommt in den Grenzgebieten, wo viel Militär 
angesammelt ist, gewiß selten vor; denn man sieht keine ganz kleinen 
Kinder, die sonst gerade in den ersten warmen Frühlingstagen gerne 
einmal an die Sonne getragen wurden. Das gilt auch von Dörfern in 
entlegenen Gebirgsgegenden, wo Präventivmittel, die die Frauen an¬ 
wenden könnten, vollständig unbekannt sind; die Mannschaften, mit 
denen ich in Berührung kam, kennen solche Dinge (mit wenigen Aus¬ 
nahmen) ebenfalls nicht. An andern Fronten sollen ja die Verhältnisse 
schlimm sein; ob das wahr ist, bleibt erst zu beweisen. 


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Beeinflossuiig der Mastarbation. 


127 


Angesichts der Tatsachen, die ich beobachten konnte, nimmt es 
nicht wnnder, daB Geschlechtskrankheiten nnter den Frontsoldaten (im 
Schtttzengrabenkrieg) fast gar nicht Vorkommen. Wer ein solches Leiden 
hat, hat es in der Begel in den Krieg mitgebracht, nicht erst im Kriege 
erworben. 

Es kann mit Bestimmtheit gesagt werden, daß dieser Krieg, so 
schlimme Begleiterscheinungen er sonst mit sich bringen mag, nicht 
im mindesten in d e m Maße zur Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten 
beiträgt, wie es bei früheren Kriegen der Fall war. 

Weniger befriedigend mögen die Zustände in den Heimatgamisonen 
und Etappenstationen sein, wo die Schrecken des Krieges nicht so sehr 
empfunden werden, wie in den unmittelbar an oder hinter der Front 
liegenden Ortschaften. 

Soweit meine Erfahrung reicht, wäre es gänzlich überflüssig, zur 
Verhütung der Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten im Kriege zu 
solch radikalen Maßnahmen Zuflucht zu nehmen, wie sie Prof. Neißer 
in seiner vorher erwähnten Schrift empfiehlt; z. B. die Stellung aller 
„verdächtigen“ weiblichen Personen des Kriegsgebiets unter ärztliche 
Aufsicht oder die Internierung der „verdächtigen“ Frauen und Mäd¬ 
chen besetzter Gebiete des Feindeslandes. Solche Maßnahmen würden 
nur unnötig viel böses Blut machen. Die psychische Verfassung des 
Frontsoldaten schützt ihn vor Ausschweifungen. 


Beeinflussung der Masturbation. 

Von Dr. Felix A. Theilhaber in Berlin, z. Z. im Felde. 

Es ist mir nicht gegeben, auf die einschlägige Literatur der Mastur- 
bationsfrage einzugehen. Die folgenden Ausführungen erheben daher 
keinen Anspruch darauf, die Frage bis ins einzelne zu verfolgen, noch 
weniger in allem originell zu sein. 

Die Onanie wird heute zu Kecht von vielen Autoren in bezug auf 
ihre Folgen für den Körper als harmlos gedeutet. Wir sind im älge- 
meinen abgekommen, in der Onanie das Grundübel schwerer nervöser 
und anderer Krankheiten zu erblicken. In einzelnen Büchern, die sich 
aber einer großen Verbreitung unter der Jugend und im Volke er¬ 
freuen, können wir noch immer die grauenhaftesten Angaben finden, 
welche die Onanie z. B. sogar für schwere Rückenmarkstörungen ver¬ 
antwortlich machen. Dieser „Kinderschreck“ löst in vielen Gehirnen 
wohltuende Anschauungen insofern aus, als sie jugendliche Exzessenten 
zur Besinnung kommen lassen. Es kann wohl keine Frage sein, daß 
die Lustonanie in hohem Maße betrieben, den Körper schädigt. Ich 
habe eine Anzahl von Fällen gesehen, bei denen tägliches häufiges Ona¬ 
nieren wenn auch vielleicht keine schweren doch immerhin beachtenswerte 
Erscheinungen auslöste. 

Als solche spreche ich hochgradige Neurasthenie, leichte Herznen- 
rosen, Vergeßlichkeit, Kopfschmerzen an. Ich habe Angaben von Mastur¬ 
banten gehört, die Darmstörungen als sichere Folge der Onanie an 
sich bemerken wollten. Sensitive Naturen geben an, daß sie nach Ex¬ 
zessen Herzbeschwerden, Herzklopfen und Angstgefühle beobachteten. 


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Felix A. Theilhaber. 


128 


Fast alle fühlten sich in ihrer vollen Arbeitsfähigkeit und Lust beein¬ 
trächtigt. 

Wenn ich auch diesen Erankheitsbildem keine stärkeren patholo¬ 
gischen Einwirkungen auf die spätere Funktion des Körpers einräumen 
möchte, so kann kaum geleugnet werden, daß die psychische Beein¬ 
flussung, welche die Onanie hinterläßt, manchmal von Bedeutung bleibt. 
Mag es sich hier auch nun zum Teil um leicht degenerierte Individuen 
handeln, um die Tatsache kommen wir nicht herum; Die Onanie ist 
— vielleicht ein notwendiges — aber ein Übel. 

Bei dem starken religiösen Einschlag, den unsere Jugenderziehung 
zeigt, gerät der junge Mensch jeweilig in moralische Angstzustände. 
Je nach der gemütlichen Veranlagung kommt er sich als mehr oder 
weniger sündhaft vor. Wenn er trotzdem in sein „Laster“ (ich gebrauche 
hier absichtlich den Ausdruck, weil er vielfach auf die Onanie ange¬ 
wandt die Auffassung der öffentlichen Meinung treffend widerspiegelt) 
wieder rückfällig wird, fühlt sich der junge Mensch als verworfen, 
gottlos. Einzelne jugendliche Selbstmorde sind auf solche Ekstase¬ 
stimmungen znrückzuführen. Ich erinnere mich eines Falles, in dem 
kein anderes Motiv vorlag, wie ich genau anzugeben vermag. Den 
Eltern, auch den Ärzten und den Erziehern liegt die Beurteilung dieser 
psychischen Vorgänge nicht. Ich spreche auch nicht von der Mehrzahl 
der Masturbanten, die sich zum Teil seelisch und körperlich sehr wohl 
damit abfinden. Andererseits spreche ich auch nicht von seltenen Aus¬ 
nahmen. 

Wenn ich den goldenen Mittelweg Ovids einschlage und mich von 
der übertriebenen Einschätzung der pathologischen Bedeutung ebenso 
fernhalte wie von dem Indifferentismus, der sich um die Onanie 
' nicht kümmern will, weil er ihre Bedeutung unterschätzt und in das 
unästlietische oder gar unethische dieses Vorganges nicht hineinlenchten 
möchte, so komme ich zu folgenden Problemen. 

Das Wesen und der Einfluß der Onanie bedarf noch weiterer be¬ 
sonders physiologischer Darstellung. Eine objektive Untersuchung ist 
im Interesse der Schulärzte, der Faktoren, welche einen Einfluß auf die 
Jugenderziehung nehmen, dringend geboten. In unseren namhaften 
Lehrbüchern der Physiologie ist die Sexualzone merkwürdig kurz zu¬ 
sammengedrängt, über die Onanie findet sich in den meisten und 
bekannten Werken nichts. Während die Studenten und angehenden 
Ärzte über das Zustandekommen der Tätigkeit jeder Drüse, jedes Or¬ 
ganes, über Sekrete und Exkrete aufs ausführlichste belehrt und unter¬ 
wiesen werden, ist in bezug auf die Onanie eine deutliche Lücke ge¬ 
blieben. Auch das klinische Studium, welches den Geschlechtskrank¬ 
heiten den weitesten Raum gewährt, wird von den wenigsten Dozenten 
der Sexualkrankheiten dazu benutzt, um das Wesen der Impotenz, Onanie, 
Pollutionen usw. und ihre Therapie zu berühren. Weil wir uns mit 
diesen Dingen nicht befassen, deshalb sind sie noch nicht aus der Welt 
und ich stehe nicht an zu behaupten, daß die Frage der Masturbation 
eine der quälendsten für sensitivere jüngere Leute ist. 

Es braucht nicht die Unterstreichung, daß jede derartige Unter¬ 
suchung eines gewissen Taktes bedarf. Ich wüßte aber nicht, wann 
ein Arzt indezent sein dürfte. Hat nicht jeder Frauenarzt bei Unter¬ 
suchungen und Fragen an junge Mädchen und Frauen eine gewisse 


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Beeinflussung der Masturbation. 


129 


Diplomatie za entwickeln? Wird nicht jeder plumpe Arzt dem Fühlen, 
Denken und Hoffen seiner Patienten zu nahe treten? Wir brauchen 
eine genaue Darstellung der physiologischen Vorgänge bei der Onanie, 
ihre Einflüsse auf die Impotenz (wie sie Stekel in der Zeitschrift für 
Sexualw. 3 Bd., 2. Heft vomahm), auf Entstehung und Entwicklung 
der Homosexualität, auf nervöse und psychische Störungen. Der Zu¬ 
sammenhang mit dem Sexus darf uns nicht am Stadium hindern, weil 
uns die Gegend unsittlich erscheint 

Die Klarlegung der Onanie ist nicht nur aus wissenschaftlichen 
Gründen angezeigt. Sie wird uns am besten die Fingerzeige für ihre 
Bekämpfung oder wie ich, um mich besser resp. milder anszudrücken, 
sagen möchte, für ihre Einschränkung geben. Die trefflichen Vorkeh¬ 
rungen für die Aufklärung der Jugend, welche die Kenntnis der na¬ 
türlichen Geschlechtsvorgänge, die Folgen der Geschlechtskrankheiten 
in Schule und Haus verbreiten, alle die Vorträge, der betreffende 
Naturkunde- resp. biologische Unterricht, die Schüler- und Elternabende 
— alles spielt um das Ding, was mindestens 75**/o aller jungen Menschen 
•vom 14.—20. Lebensjahr beeinflußt, darum herum — als ob man mit 
Blindheit geschlagen wäret An den meisten Schalen ist der außer¬ 
eheliche Geschlechtsverkehr eine Ausnahme, die Onanie die Regel. 

Gegen die Onanie kämpfen die meisten jungen Leute an. Vielen 
fällt es recht schwer, davon zu lassen. Auch hier hüte man sich vor 
zu grober Schematisierung. Es gibt und kann keine Anschauung geben, 
die die Onanie sanktioniert haben will. Zum mindesten unter den 
heutigen Sittlichkeitsvorstellungen fällt die Onanie unter die kirchlich 
verpönten Fehler des jungen Menschen, den also jede Onanie moralisch 
in ein Dilemma bringen muß. 

Die Bekämpfung der Onanie kann und muß von der geistigen An¬ 
schauung getragen sein, daß die Onanie keinem naturgemäßen Vorgang 
entspricht (wo wäre übrigens sonst die Grenze ihrer Ausübung?). Vor 
allem aber schaffe man den natürlichen Anreiz zur Onanie fort. Ich 
meine hier nicht nur die üble pornographische Literatur, die nie ganz 
ausrottbar ist und die weitaus in den Hintergrund tritt gegenüber den 
Reizstoffen, welche ohne äußere Beeinflussung den Drang zu mächtig 
«ntfachen und auslösen und aus denen vielfach erst die Begierde nach 
sexuell aufreizenden Bildern und Büchern entstehen. Selbst die harm¬ 
losesten Andeutungen in den klassischen Werken (z. B. im Homer, in 
der Bibel) dienen dann als wertvolles Objekt. Im Kampfe dagegen 
existieren schon erfreuliche Bestrebungen. 

Man ist auf gutem Wege. Die heutige Jugend hat es besser, wie 
wir es hatten. Das Übermaß der Schulstunden föllt weg. Der meist 
freie Nachmittag wird der körperlichen Betätigung freigehalten. Der 
Sport und eine vernünftige Körperkultur sind ein wirksames Palliativ. 
Trotzdem sitzen noch reichlich Millionen heranreifender Jünglinge und 
Jungfrauen ihre 5 Standen täglich in der Schule und ebensolange zu 
Hause über ihre Bücher gebückt. Muß man sich da wundern, daß 
selbst bei einer Einschränkung der Eiweißnahrung insbesondere des 
Fleischgenusses eine Hyperämie des Unterleibes auftritt? Und erst 
bei den Unglücklichen, welche an reich besetztem Tisch sich übersatt 
essen, ohne sich körperlich gehörig auszutoben ? Es bleibt noch immer 
eine stattliche Zahl von Schülern übrig, welche bei anscheinend ge- 


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130 


Felix A. Theilhaber. 


sunder Lebensweise die Disposition znr Onanie mit sich herumtragen. 
Die neugegründeten Schulen auf dem Lande nach dem System Wyneken 
u. a., welche den Körper des Jugendlichen auf seine Rechnung kommen 
lassen, nehmen vorerst einen so beschränkten Teil unserer studierenden 
Großstadtjugend auf, daß wir uns hiervon nicht alles Heil versprechen 
dürfen. Vergessen wir auch nicht, daß es auch hunderttausende junger 
Leute gibt, die als Kontoristen, Kassiererinnen, Schreiberseelen aller 
Art auf den Bureaus der Banken, in Warenhäusern und Geschäften, auf 
Ämtern usw. von früh bis abends sitzen. Solange diese nicht die 
Möglichkeit des Geschlechtsverkehrs besitzen, besteht für sie eine 
sexuelle Not. Mögen manche durch ihre robuste Natur wirklich 
abstinent leben, viele verfügen nicht darüber. Wenn man auch, wie 
gesagt, den Schaden der Onanie nicht zu hoch einzuschätzen braucht, 
er existiert, und so wäre es das beste, eid wirksames Palliativ dar 
gegen zu besitzen 

Ich habe schon davon gesprochen, daß ausgiebige körperliche Übung, 
mäßige und fleiscbarme und alkohol- sowohl wie nikotinfreie Lebens¬ 
weise eine Minderung der Reizstoffe bedingen. Überdies wird 
ein hartes, flaches Lager, kalte Waschung und regelmäßiges Leben 
(siebenstündiger Schlaf) empfohlen. Die Aiänahme reichlicher Flüssig¬ 
keitsmengen am späten Abend, ebenso wie die Einnahme des Abend¬ 
essens kurz vor dem Schlafengehen erscheint unzweckmäßig. 

Von Medizinern werden vielfach Brom und Arsen verordnet Beide 
Mittel sind nicht recht wirksam. Das Brom hält nur sehr kurz in 
seiner Wirkung vor, vom Arsen habe ich noch weniger Nutzen beobach¬ 
ten können. Die lokale Behandlung der Harnröhre erscheint nach Er¬ 
fahrungen, die — wie ich gehört — und auch an einer großen Berliner 
Klinik gesehen habe, in vielen Fällen wirksam. Trotzdem erachte ich 
sie für kein Idealverfahren. Der übermäßige Reiz znr Onanie entsteht 
m. E. nach meist nicht ans pathologischen Veränderungen am Genitale, 
sondern infolge der anomalen Lebensweise unserer Stadtjugend, viel¬ 
leicht auch aus einer angeborenen stärkeren sensiblen Reizbarkeit 
Wie ich mir öfters versichern ließ, ist der fast unwiderstehliche 
häufige Trieb zur Masturbation bei der gesunden, physisch andauernd 
beschäftigten Bauemjugend in viel geringerem Maße gegeben. Ins¬ 
besondere möchte ich die Fälle, bei denen fast ohne manuelle Mitwir¬ 
kung eine vorzeitige Erektion eintritt, als zerebrale Reizung eines 
überaus feinen labilen Nervensystems ansprechen, die doch nur bei der 
geistig überlasteten, erblich disponierten Jugend der Großstadt vor¬ 
kommt 

Ich habe schon vorher betont, die psychische Beeinflussung, der 
unglückliche Onanisten unterworfen sind, ist eine oft so starke, daß 
die Betroffenen sich bei Gelegenheit gerne einer Behandlung unterziehen 
würden. Unsere Jugend ist nicht so weltunerfahren, daß sie nicht er¬ 
fahren würde, wo sie geheilt werden kann. Aber die alten Hausärzte, 
die Eltern und Erzieher, an die sich einzelne vertrauen selige junge 
Leute wenden, halten die Onanie niemals für eine Krankheit, sondern 
stets für eine Willensschwäche und beschränken sich mit Ermahnungen 
oder mit ungenügenden Hausmitteln. Demgegenüber müssen wir die 
Onanie in den Kreis unserer ärztlicher Behandlung eingliedem und ihr 
mit all unserer Wissenschaft sozusagen zu Leibe gehen. 


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Beeinflussung der Masturbation. 


131 


Unsere Aufgabe moB nun darauf ausgeheu, wie bei der Bekämp¬ 
fung der Oeschlechtskrankbeiten, sukzessive die Öffentlichkeit aufinerk- 
sam zu machen, in yomehmster Form die Jugend reiferen Alters wissen 
zu lassen, daß wir Ärzte allen Leidenden zur Hilfe bereit stehen. Wer 
die Abgeschlagenheit, Lemunlust, den Komplex nervöser Erscheinungen 
kennt, wird nicht leugnen können, daß wir einer wirklichen „Krank¬ 
heit" gegenüber stehen. Es gilt die Scheu und falsche Schamhaftigkeit 
dieser Unglücklichen zu überwinden. Nirgends ist Prüderie falscher 
am Platze als gerade in puncto „masturbationis". 

Über eine Reihe wichtiger HeUfaktoren haben wir uns schon aus¬ 
gesprochen. Neben diesen sind es vor allem zwei Dinge, die anschei¬ 
nend gar nicht zusammen passen: Die Hypnose und der Aderlaß. 
Die Hypnose soll den Patienten psychisch beeinflussen, ablenken, heilen. 
Die dummen Jungensgedanken müssen sozusagen an der Wurzel aus¬ 
gerottet werden. Die leichte Erregbarkeit der sexuellen Gefühle rührt 
oft von einer Irritation des Gehirnes her. Lektüre, Gespräche, Mastur¬ 
bation usw. sind Erlebnisse, die sich tief in das Seelenleben einge¬ 
graben haben und die fast nur durch Hypnose — wo sonstige andere 
Vorstellungen, Einwirkungen usw. versagten — ausgeschaltet werden. 
Wenn damit Stekel, Freud, Frank u. a. die verschiedentlichsten 
sexuellen Zwangsvorstellungen ausrotteten, so haben sie uns damit den 
besten Weg gegeben, wie wir uns der Behandlung der Onanie gegen¬ 
über zu stellen haben. 

Die Einschaltung des Aderlasses beruht auf einer anderen Über¬ 
legung. Kein Mittel räumt besser mit allen überflüssigen Reizstoffen 
im Körper auf als die berühmte Frühjahrskur unserer Urgroßeltern. 
A. Theilhaber hat den Aderlaß bei einigen anderen nervösen Krank¬ 
heiten, besonders der Frauen, in die moderne Medizin eingeführt. Ich 
habe seinen Gedanken für diese Zwecke übernommen. Mein Material 
behandelter Fälle ist nicht so groß, daß sich daraus Statistiken ge¬ 
winnen ließen, zeigte aber doch, daß ich auf dem richtigen Wege bin. 
Ich kann Schulärzte und andere KoUegen nur auffordem, die Onanie 
in dieser Weise zu behandeln. Ich vermute, daß vor allem erstere 
über größeres Material verfügen als ich es besaß. 

Die Anwendung anderer chemischer Mittel, insbesondere die Ex¬ 
trakte von Drüsen usw. habe ich nicht erprobt. Ich gestehe mir dar¬ 
über deshalb kein Urteil zu. Bei der Ausführung von Aderlässen be¬ 
merke ich, daß sie nicht allzu schüchtern gemacht werden dürfen, da 
sie sonst wertlos sind. Ich entnehme S—400 ccm und bin bei sehr gut 
entwickelten Personen bis auf 6—700 ccm gegangen. Der Aderlaß 
wird am besten in Lokalanästhesie (Novokain oder Chloräthyl) event. 
in Chloräthylransch, den ich aber für überflüssig halte, vorgenommen. 
Der Patient legt sich nachher noch eine Viertelstunde auf ein Sofa 
und bleibt für den weiteren Nachmittag arbeitsfrei. Üble Nachwir¬ 
kungen konnte ich keine feststellen, dagegen fühlten sich die meisten 
danach auch sonst im Körper leicht, selten frisch und frei, so daß sie 
mit Freude an ihre Arbeit herangingen. 

Ob und welche Toxine durch die Pollution ins Blut gelangen, ver¬ 
mag ich nicht zu sagen. Es erscheint mir aber sicher, daß jede Pol¬ 
lution auch direkte Beziehungen mit dem strömenden Blut anknüpft 
und in ihm gewisse Reaktionen hervorrnft. Vielleicht kommen wir auch 


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132 


Ernst Ulitzsch. 


«inmal dazu, einen Stoff Antispennin zu injizieren, der denselben Dienst 
tnt. So wie es ein Ermüdungs-, ein Hnngertoxin gibt, so mag es einen 
Stoff geben, der dem Gehirne die Existenz der Samenblase wachmft. 
Wie umgekehrt vom Gehirn aus die Ejakulation und die Funktion des 
ganzen Sexnalapparates primär und sekundär ausgelöst wird. 

Sexuelle Aufklärung oder gar schöngeistiger Appell an das Ent¬ 
sagen sexuellen Verkehrs ohne liebevolles Eingehen auf die Bedeutung 
und Unterdrückung des sexuellen Reizes ist ein undankbares und ver¬ 
gebliches Bemühen. Alle, die keine Stellung zur Frage der Mastur¬ 
bation genommen haben und sich nur mit der Enthaltsamkeit resp. mit 
dem Geschlechtsverkehr befassen, ohne die Probleme der Onanie 
zu berühren, können nie als Sexnalreformer ernst genommen werden. 
Im Interesse der geistigen ästhetischen und körperlichen Ertüchtigung 
der Jugend ist ein freies Betreten dieses vorerst wenig begangenen 
Gebietes zu verlangen. Der auslösbare Nutzen, der unserer Arbeit 
folgen wird, wird unsere Bemühungen reichlich lohnen. 


Der Seemann und die Prostitution. 

Von Ernst Ulitzsch, z. Z. im Felde. 

(Schluß.) 

Man kann behaupten, daß fast jeder Seemann den ersten Geschlechts¬ 
akt mit einer Prostituierten ausübt, die, wenn sie schon nicht Bordell- 
-dime, dann sicher zu jener verbreiteten Kategorie der geheimen Prosti¬ 
tuierten zählt, welche die Kneipen und Straßen der Hafenstädte unsicher 
macht und unter allerlei Vorwänden auch Zutritt zu den Schiffen zu 
erlangen weiß. Es sei hier ganz davon abgesehen, daß sich unter den 
Stewardessen der Luxusdampfer genug geheime Prostituierte befinden, 
die aus dem bezahlten Geschlechtsverkehr ihre Haupteinnahme ziehen. 
Sie kommen aber nur für die Passagiere in Betracht, von denen viele 
nach einem Abenteuer lechzen und ihre vom Flirt mit reisenden Welt¬ 
damen erhitzten Sinne auf diese Weise abzukühlen suchen. Verführung 
von seiten älterer Kameraden, Renommiersucht, den Erwachsenen in 
sexnalibuB nicht nachzustehen, treiben den jungen Seemann dazu, den 
Geschlechtsverkehr in einem Alter zu versuchen, in dem er besser noch 
unterbliebe. Mit der Technik des Sexuallebens ist der junge Seemann 
durch die Gespräche seiner Kameraden hinlänglich vertraut, die ihm 
auch von allen Übertreibungen und Auswüchsen, den Perversitäten, theo¬ 
retische Kenntnis verschaffen. Der deutsche Schiffsjunge lernt den Ge¬ 
schlechtsverkehr gewöhnlich in einem ausländischen Hafen kennen. 
Hier ist die Überwachung der Prostitution meist laxer als in Deutsch¬ 
land, wo man zu jugendlichen Individuen den Zutritt in Bordelle ver¬ 
weigern würde. Eine Liebschaft in einem fremden Hafen kommt fürs 
erste nicht in Betracht, da der Aufenthalt zum Anknüpfen intimer Be¬ 
ziehungen zu kurz ist. Der noch unerfahrene Matrose Rillt gewöhn¬ 
lich die ersten Male einer geheimen Prostituierten in die Hände, die 
für ihn gefährlicher als eine Bordelldime ist. Gewöhnlich wird er 
von einem dieser Frauenzimmer verschleppt und noch oft vor der Voll¬ 
ziehung des Aktes betrunken gemacht und gänzlich ausgeplündert. 


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Der Seemann und die Prostitution. 


13a 


Manchmal erfolgt die Ansraabnng erst nach oder bei dem Coitus. 
Wenn es sich um ältere Seeleute handelt, die durch Erfahrungen klug 
gemacht worden sind — aber doch nicht gewitzt genug, um diese Pro¬ 
stituierten ganz zu meiden — bedienen sich die Weiber zur Be¬ 
raubungeiner Sorte geßihrlicher Zuhälter — namentlich in Südamerika — 
die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Man fragt sich, wie 
es möglich ist, daß einem erwachsenen Manne ein solcher Zwischen¬ 
fall öfter passieren kann — aber erstens sind die romantisch veran¬ 
lagten Seeleute schnell geneigt, sich in ein Abenteuer zu stürzen, um 
eventuell, wenn sie sich glücklich aus der Schlinge gezogen haben, mit 
ihrem Mut und ihrer Verschlagenheit prahlen zu können — zweitens 
wissen diese geheimen Prostituierten sich so geschickt zu verstellen, 
daß sie gewitzte Leute zu täuschen vermögen. Hierbei kommt ihnen 
der Umstand zu Hilfe, daß der Seemann der Landessprache oft nicht 
mächtig ist, und daß ihm auch tatsächlich ehrliche Liebesangebote ge¬ 
macht werden. Jeder Mann, dem dies letztere einmal widerfahren ist, 
wird sich im Wiederholungsfälle für unwiderstehlich genug halten, jeder 
Frau zu gefallen. Dies leugnen zu wollen, hieße die menschliche Natur 
phantastisch überschätzen. Tatsache ist ferner, daß Seeleute auf eine 
große Anzahl Frauen starken erotischen Anreiz ausüben, im Inlande, 
wo sie seltener auftreten, vielleicht noch mehr als an der Küste. Das 
mag an der Uniform mit der ausgeschnittenen Brust, dem gebräunten 
Körperton und dem zumeist muskelkräftigen Körper liegen. Für einen 
starken Mann, oder wenigstens für einen solchen, der diesen Eindruck 
zu erwecken weiß, haben sich die Frauen noch immer interessiert — 
kraft eines gesunden Instinktes. 

Diese Beziehungen können sich, wie es in verschiedenen Fällen 
vorkommt, zu festen Verhältnissen entwickeln — und es ist gar nicht 
so selten, daß ein Seemann neben seiner angetranten Frau in Deutsch¬ 
land noch ein paar „Bräute** in Boston, Panama und Kapstadt oder 
sonstwo hat, die er, sobald das Schiff anlegt, besucht, und die dann 
nur für ihn zu haben sind. Diese Verhältnisse werden von den See¬ 
leuten in der Regel mit Geld unterstützt und kommen teurer als das 
Bordellmädchen, das nur einen Entgelt für den Verkehr erhält. Wenn 
sich derartige „Verhältnisse** mehrere Matrosen zulegen — natürlich 
ohne daß einer von dem anderen weiß, deren Besuch sie in ziemlich 
regelmäßigen Abständen empfangen, so nähern sie sich dadurch dem 
Vorbild der ausgehaltenen Kokotte. Jedoch betrachten sich diese 
Mädchen als ehrbar und würden es mit Entrüstung von sich weisen, 
zur Prostitution gezählt zu werden. Sie geben sich aber auch gelegent¬ 
lich in Anwandlungen von Sentimentalität einem Seemann hin, dessen 
Herbergszeche sie schließlich noch bezahlen und dem sie womöglich 
noch einen Notgroschen in die Hand drücken. Sie vertreten das ans¬ 
sterbende Genre der Grisetten, der Studentenliebsten, wie denn Leben 
und Moral des Seemanns viele boh^mehafte Züge aufweisen. 

Neben der geheimen Prostitution kommt in viel stärkerem Maße 
die Bordellprostitution für den Seemann in Betracht. In außerdeutschen 
Städten haben die Freudenhäuser eigene Schlepper, welche die Seeleute 
für das betreffende Etablissement einzufangen haben. Matrosen sind 
besonders gern gesehene Kunden. Sie trinken viel von den teuren und 
schlechten Getränken und benutzen bei einem Bordellbesuch oftmala 


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Ernst ülitzsch. 


mehrere Mädchen, die ans ihnen gewöhnlich noch Geldgeschenke neben der 
Bezahlnng für den Geschlechtsakt herausznlocken wissen. Die Geldsumme 
für den Koitus ist im Durchschnitt nicht hoch, selten mehr als fünf 
Mark, da die für Seeleute bestimmten Freudenhäuser auf Massenbesuch 
angewiesen sind. Die Dirnen sind meist ältere Frauenzimmer, die für 
elegantere Bordelle mit besser zahlender Kundschaft nicht mehr in 
Betracht kommen. Jedenfalls sind auch sie „alle Schulen durch*', auf 
alle Praktiken des perversen Geschlechtsverkehrs eingeübt und von 
einer geradezu unglaublichen Gemeinheit im Benehmen. In einem 
Bordell in L i b a u, das vorzugsweise von Seeleuten und Hafenarbeitern 
besucht wird, stieß ich bei den acht Dirnen auf eine derartige Summe 
von Verkommenheit, wie sie die zügelloseste Phantasie eines porno¬ 
graphischen Machwerkes nicht zu schildern vermöchte. Worte und Ge¬ 
bärden waren von undenkbarer Gemeinheit, dennoch gefiel dies Be¬ 
nehmen den Seeleuten, die jeden der obszönen Scherze mit Gelächter 
quittierten. Ähnlich geht es in allen Seemannsbordellen der Welt zu. 
Dieses viehische Wälzen in sexuellen Vorgängen scheint nach der Ab¬ 
stinenz Bedürfnis zu sein. Die Bordellmädchen klagen auch über die 
rohe Art und Weise, mit der die Matrosen den Geschlechtsakt ans¬ 
üben. Besonders roh geht es in den Bordellen zu, wenn ein größerer 
Teil der Besatzung eines Schiffes sich zu einer Orgie in einem Freuden¬ 
haus einfindet. Dann pfiegt das Amüsement in der Hegel mit einer 
wüsten Schlägerei zu enden, da sowohl Dirnen als Seeleute völlig be¬ 
trunken sind. 

Auf die Maßlosigkeit sind alle Vergnügungen der Seeleute ein¬ 
gestellt Der Sinn für Luxus oder irgendwelche Verfeinerungen ist 
bei ihnen nicht entwickelt. Wenn nur alles lärmvoll und bunt hergeht. 
Die Ausstattung der Bordelle ist grell und geschmacklos. Bote Tapeten 
(rot ist überhaupt eine Liebliugsfarbe der Prostitution), rote Samt¬ 
möbel, rötlich verschleiertes Licht. An den Wänden schlechte sogen, 
„galante" Bilder mit Liebesszenen, im „Salon" kreischende Musik — 
die neuesten Gassenhauer, brünstige Walzermelodien und sinnliche Steps. 
Dann eine Schenke, an der es zu sehr hohen Preisen allerlei Getränke 
und Speisen schlechtester Qualität zu kaufen gibt, was ja jeder Be¬ 
sucher eines Freudenhauses notgedrungen tun muß. Die Dirnen sind, 
der Umgebung entsprechend, in papageienhaft bunten Flittertand ge¬ 
kleidet, erscheinen stets korrekt frisiert und oft sogar mit Hut und 
Schleier, langen Handschuhen, kurzen bis an die Knie reichenden 
Kleidern im Salon, haben aber gewöhnlich „die Brust im Gefechte ge¬ 
lüftet". Außerdem sind sie stark geschminkt und geschnürt und noch 
stärker parfümiert. Die „Wohlgerüche", welche die Seemannsdimen 
verwenden, enthalten stets einen großen Prozentsatz Moschus oder 
anderer tierischer Drüsenausscheidungen, die in feineren Nasen alles 
andere als sexuelle Beize hervorrufen. 

Auf einem ähnlichen Niveau bewegen sich alle Vergnügungsstätten, 
die auf den Besuch seemännischer Kundschaft rechnen. Der Matrose 
ist in allen ein willkommenes Ausbeutungsobjekt, das trotz aller Er¬ 
fahrungen immer noch nicht klug geworden ist. So gehören neben 
Falschspielern auch Zigaretten- und Blumenhändlerinnen, Hausiere¬ 
rinnen mit Ansichtskarten und Andenken aller Art zu den Besuchern 
dieser Kneipen. Die Hausiererinnen stehen oft in noch jugendlichem 


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Der Seemann und die Prostitution. 


135 


Alter, geben sich aber' im geheimen schon der Prostitution hin, so daß 
ihr Handel nur znm Verdecken des eigentlichen Gewerbes dient. Viel¬ 
fach sind es aber auch alte Prostituierte, die zumeist von der Mild¬ 
tätigkeit und dem Leichtsinn der Matrosen leben, aber auch letztere in 
der Trunkenheit noch zu verführen wissen. 

Bei einer derartig wahllosen Art des Geschlechtsverkehrs, der noch 
dazu oft im Bauschzustande ausgeübt wird, kann eine venerische Er¬ 
krankung nicht ansbleiben. Selbst bei der oberflächlichen Kontrolle, 
mit der die Bordellinsassen in exotischen Ländern bedacht werden, 
kann eine Geschlechtskrankheit der Dime nicht lange verheimlicht 
werden, um so mehr die Besitzer von Bordellen Interesse daran haben, 
nur gesundes Personal zu halten und erkrankte Frauenzimmer, entgegen 
anderen Berichten, gern abschieben. Hier ist die Ansteckungsgefahr 
weniger zu fürchten, wohl aber bei der geheimen Prostitution. Der 
Seemann ist im allgemeinen wenig wählerisch und vollzieht den Ge¬ 
schlechtsakt mit einer dieser Dirnen nicht selten nachts auf der Straße, 
hinter Fässern und Warenballen am Bollwerk, am Tage sogar in Haus¬ 
fluren, nicht selten auch in den Buderbooten des Kais. Bei der hastigen 
Art, in der hier die geschlechtliche Befriedigung vor sich geht, da immer 
die Furcht vorliegt, von Vorübergehenden überrascht zu werden, ist 
eine Untersuchung des Mädchens auf Krankheiten gar nicht möglich. 
Hierbei inflziert sich die Mehrzahl der Seeleute — und es gibt wohl 
nur sehr wenig Seemänner die nicht geschlechtskrank gewesen sind, 
gleichviel, ob es sich um Tripper oder eine luetische Erkrankung han¬ 
delt. Die kaiserliche Marine hat ja die Einrichtung eingeführt, daß 
jeder Matrose nach dem Geschlechtsverkehr (bei dem ein Kondom emp¬ 
fohlen wird) vom Sanitätspersonal eine Einträufelung in die Harnröhre 
erhält. (Ähnlich wird es jetzt in dem unter militärischer Kontrolle 
stehenden Bordell in Mi tau gemacht, wo vor dem Ausführen des Ge¬ 
schlechtsaktes noch eine Untersuchung des Soldaten stattfindet. Laut 
Befehl hat außerdem jeder Soldat Namen und Adresse eines Mädchens 
zu notieren, das er zu geschlechtlichen Zwecken gebraucht.) Private 
Gesellschaften, denen die Disziplinarmittel einer staatlichen Behörde 
fehlen, können so einschneidende Verfügungen nicht erlassen. Übrigens 
vermag diese Vorsichtsmaßregel auch nur die Geschlechtskrankheiten 
einzudämmen, am Geschlechtsleben der Seeleute aber nicht das ge¬ 
ringste zu ändern. 

Es stimmt trübe, wenn man bedenkt, daß keinerlei soziale Ein¬ 
richtungen das Sexui^eben des Seemannes zu ändern und es der At¬ 
mosphäre der Prostitution zu entreißen imstande sind. Das wäre nur 
möglich, wenn es den verheirateten Matrosen usw. gestattet wäre, ihre 
Frauen an Bord der Schiffe unterzubringen — eine Forderung, der sich 
jede Schiffahrtsgesellschaft der Welt verschließen würde, da der Baum 
für die Schiffsmannschaft heute auf das Maß des Möglichen beschränkt 
und bei dem immer knapper werdenden Schiffsraum auch in einer fernen 
Zukunft nicht erweitert werden wird. Allerdings haben die Seeleute 
einen so kühnen Wunsch noch nicht geäußert, bei dem übrigens die 
Frage des Familienlebens noch nicht entschieden wäre. Es ist anzu¬ 
nehmen, daß die Seeleute sich mit dem Zustande abgefunden haben 
oder ihn sogar bequem finden — denn daß die „Liebe zum Ozean“ ihnen 
ein geregeltes Familienleben ersetzen könnte, kann nur eine flache 


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Referate. 


Familienblattromantik vorspiegeln. Wie weit von der bequemen In¬ 
stitution der Prostitution von allen Seeleuten Gebrauch gemacht wird, 
sei unerörtert. Es wird unter ihnen, wie unter den Landratten, Leute 
von starker und schwacher Willensbeherrschung geben, von triebhafter 
und abgeschwächter Erotik. Hin und wieder wird aber alle der Drang 
nach sexueller Entspannung überkommen, namentlich dann, wenn die 
äußeren Anreize dazu nicht fehlen. Und die pflegen sich in allen Hafen¬ 
städten einzuflnden, bevor sie gewünscht und für nötig empfunden wurden. 
Deshalb bleibt für den Seemann letzten Endes immer die Prostitution 
die Annäherung an das Weib. 


Referate. 

Biologie. 

Siegel, Dr. P. W. (Freiburg i. B.), Bedeatang des Kohabitationstennines für die 
Beftnehtiingrsfttbisrkeit der Frau und für die Geschleehtsbilduiig des Kindes. 

(Münchn, med. Woch. 1916. Nr. 21. S. 748—750.) 

S. schließt aus einer 220 Fälle umfassenden Beobachtungsreihe (in Kurvenfonn dar¬ 
gestellt), daß die Empfängnisfähigkeit der Frau unmittelbar nach Beendigung der 
Menstruation ansteigt, am 6. Tage nach Menstniationslx^ginn ihren Höhepunkt erreicht 
(mit o2^/n), um sich dann bis zum 12. oder 13. Tage auf annähernd gleicher Höhe zu 
halten. Tlis zum 22. Tage fällt die Kurve wieder steil ab und macht von da einer abso¬ 
luten Sterilität Platz. Die Betibachtungen sind sämtlich von Frauen, die in regelmäßigem 
28tägigen Typus menstruieren, und mit ihren Männern während des diesen bewilli^n 
kurzen Xriegsurlaubes kohabitierten, gewonnen. Sic ergal>en zugleich wuchtige Daten für 
die Gesclilechtsbestimmung des Kindes. Bei den Kohabitationen vom 1. bis 9. Tage sind 
nämlich Knaben in außerordentlich hohem Maße übt^rwiegend (37 Knaben, nur 7 Mäd¬ 
chen); für die Zeit vom 10. bis 14. Tage ergibt sich schon ein Überschuß der Mädehon- 
geburten (4 Knaben, 9 Mädchen) und vom 15. bis 22. Tage ist dies^^r Überschuß ganz 
überwältigend (3 Knaben, 20 Mädchen). Werden nur die ehelichen Kinder in Betracht ge¬ 
zogen, so ist das Verhältnis noch stärker ausgesprochen (1. bis 9. Tag =r 19 Knaben, 
1 Mädchen; 10. bis 14. Tag = 2 Knaben, 6 Mädchen; 15, Ins 22. Tag =3 
1 Knabe, 15 Mädchen). Die Wahrscheinlichkeit der Vorausbestimmung steigt also hier 
bis auf 950 / 0 . Wir würden auf diese Weise ein ebenso wichtiges wie einfaches Mitt-d in 
die Hand bekommen, „den Rückgang der männlichen Bevölkerung nach dem Kriege 
baldigst aufzuheben und die durch den Krieg dem männlichen Geschlechte ^brachten 
Nachteile wieder auszugleichen“. A. Eulenburg (^Berlin). 

Prostitution und Bekämpfung der venerischen Krankheiten. 

Neisser, Albert (Breslau), Geschleehtskrankhelten und BeT61keningspolltik. (Das 
neue Deutschland. Sonderheft: Krieg und Volksvermehrung S. 190.) 

Zuerst wird der Einfluß der Gesclüechtskrankheiten auf die Bevölkerungszunahme 
crörteii. Df^r Tripper schädigt die jährliche Geburtenziffer um etwa 200 000 Kinder 
durch HerabmiiuhTung und Vernichtung der Zeugungskraft bei Männern (Erkrankungen 
der Vorsteherdrüsf^, des Samenstranges und des Nebenhodens) und bei Frauen (Gebär¬ 
mutter- und Eierstockeiitzündungen). Die Syphilis führt zu Unterbrechungen der Schwan¬ 
gerschaft, zu Aborten, F'rüh- oder Totgeburten o<ler zu früher o<ler später einsetzender 
starker Steigerung der Morbidität und Mortalität der Nachkommenschaft, sowie Erzeu¬ 
gung syphilitischer Kinder. 

Als Älittel zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten schlägt Neisser vor: 

1. eine möglichst schnelle und intensive Beliandlung der Infizierten; 

2. eine Vennindening der geschlechtlichen Infektionen. 

Das letztere Ziel soll erreiät werden durcli Ik'schränkung des außerelielichen Ge¬ 
schlechtsverkehrs und eventuelle Ungefährlichmachung desselben. 


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. Referate. 


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Die VermindeniBg des außerehelichen Geechlechtsverkehis soll gefördert werden 
durch warnende Aufklärung der Männer und Weiber über die Gefahren der Geschlechts¬ 
krankheiten, durch ethiflche und religiöse Beeinflussung, Einführung einer vernünftigen 
Sexualpädagogik in den Schulen, Einführung der Mütter und Lehrer in diese pädagori- 
ßchen Aufgaben. Ferner Beseitigung und Verminderung aUer zum Geschlechtsverk^r 
aufreizenden Maßnahmen. 

Hinsichtlich der Ungefährlichmachung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs 
fordert N e i s s e r vor allem Einführui^ von antivenerischen Mitten. Eine Menge Ein¬ 
wände, die gegen die Schutzmittel gewölmüch erhoben werden, sucht N e i s s e r zu wider¬ 
legen. Außerdem werden verschiedene Maßnahmen zur Beseitigung der InfektionsqueUen 
angegeben. Nicht ganz verständlich ist die Forderung der Einrichtung (bzw. Duldung) 
von Prostituiertenhäusem usw., in denen eine sachgemäße Desinfektion der Männer und 
Frauen nach dem Verkehr stattfinden kann. Die staatliche Duldung der Prostituierten¬ 
häuser besteht heute doch schon in weitgehendstem Maße trotz aller entgegenstehenden 
Gesetze und hinsichtlich einer nachträglichen Desinfektion wird doch diese Toleranz kaum 
versagen. Mehr erreicht würde wohl durch die oft erhobene Forderung der Abschaffung 
der staatlichen Reglementierung etwa nach dem Vorschläge Bethmann-Hollwegs im Jahre 
1907 nach dänischem Muster mit außerordentlich hoher Bestrafung der Auswüchse der 
Prostitution. 

Die Einführung gesetzlicher Maßnahmen zur Verhinderung einer Eheschließung 
geschlechtskrjuiker Personen hält Neisser vor der Hand nicht möglich. Vorläufig 
sollen wir uns mit Belehrung in dieser Richtung begnügen. Leider ^bt Neisser keine 
Gründe für diese Ablehnung an. Daß eine gesetzliche R^elung dieser auch eugenisch 
sehr wichtigen Frage sehr wohl möglich ist, zeigt England, das neuerdings nicht nur 
Heiratsverbote für geschlechtskranke Personen einführen, sondern sogar Ehen, in denen 
ein Teil geschlechtskrank ist, für ungültig erklären will. 

Zum Schlüsse spricht Neisser die Überzeugung aus, daß unter allen Maßnalimen 
einer gesunden Bevölkenmgspolitik keine so aussicht^eich ist wie die Bekämpfung der 
Geschl&htskrankhedten. Sie hat den Vorzug einer schnellen und direkten Ausführbarkeit^ 
sie erhöht die Quantität und Qualität des Nachwuchses und verbessert die Gesundheit 
der Erwachsenen. M. V a e r t i n g (Berlin). 

Rassenhygiene, Eugenik und Geburtenrückgang. 

Stöcker, Helene, Moderne Bevölkerungspolitlk. (Die neue Generation Bd. 12. S. 76. 
1916.) 

Die fürchterlichen ^fer, die der Weltkrieg fordert, verpflichten den Sta^ in gro߬ 
zügiger Weise eine vernünftige „Bevölkerungspolitik“ zu treiben. Nun aber die Frau als 
„Gebärmaschine“ herabdrücken zu wollen, die als ihre Art Wehrbeitrag dem Staate 
lebendige Munition zu liefern hat, würde nimmermehr den gewünschten Zweck erfüllen 
und widerspräche dem Rechte des Weibes auf Persönlichkeit. Ebenso sinnlos ist es, die 
Empfängnis verhindernden Schutzmittel zu verbieten, weil sie doch gleichzeitig die beste 
Waffe im Kampfe gegen die Geschlechtskrankheiten sind und damit gegen die Unfrucht¬ 
barkeit. Zu den ^ten bekannten und anerkannten Forderungen wie Säuglingaschutz, 
Still- und Mutterschaftsprämien erhebt Verf. zeitgemäße ncfue, die viel eher einer „Be* 
völkerungspolitik“ dienlich sind. Fort mit der Mißachtung der Unehelichen, denen 
Kri^sunterstützung und Hinterbliebenenfürsorge in gleicher Weise wie den Ehelichen 
zukommt! Fort mit dem Zölibat der Beamtinnen, dieser fruchtbaren Unfruchtbarkeit! 
Erfahrungsgemäß sinkt die absolute Geburtenzahl mit zunehmender geistiger Kultur; 
gleichzeitig vermindert sich auch die Sterblichkeit. Und auf das Verhält^ von Ge¬ 
burtenzahl zur Sterblichkeit kommt es in erster Linie an. Im übrigen haben wir gerade 
jetzt im Kriege zwischen Rußland und Deutschland gesehen, daß die plumpe, große Masse 
nichts ausrichten kann im Kampfe mit höher entwickelten Persönlichkeiten. 

über die skizzierten sozialen und hygienischen Forderungen hinaus ist es unsere 
höchste Aufgabe, geistige Kultur und Aufldärung in die Massen zu tragen, bis endlich 
der Wahn zerstört ist, daß der Krieg zum besten des Vaterlandes notwendig ist. 

Sprinz (Berlin). 

Eagenies and euthenics. Von Franklin A. Dodge, M. D., Le Pneur Minn. (Saint 
Paul med. Joum. April 1916. S. 122—126.) 

Nur kurze historische Übersicht (G a 11 o n , Internationaler Eugenik-Kongreß in 
London 1912; Conklin, Davenport u. a.). Unter Euthenik soll im Gegensätze 
zur Eugenik die Rassenverbesserung durch Fortschritte in den äußeren Lebensverhält- 
Zeitschr. f. Sexual Wissenschaft in. 3. 10 


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J38 Referate. 

nLssen, io den industriellen Bedinerungen Hygiene und Erziehung, also in der sozialen 
Umwelt verstanden werden, wodurch auf die Eugenik selbst in indirekter Weise fördernd 
eingewirkt wird, so daß beide sidi gegenseitig ergänzen und harmonisch unterstützen. 

A. Eulenburg (Berlin). 

Hirsch, Dr. M ax (Berlin, z. Z. im Felde), Engenetlk« (Der Zeitgeist Nr. 21. 22. Mai 1916.) 

Der erste Teil des Aufsatzes erörtert in allgemeinen Zügen die Erscheinung des Ge¬ 
burtenrückganges, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung, ohne dabei auf die eugenische 
Seite der Frage einzugehen. Erst der zweite Teil enthält eugenische Betrachtungen. Ehe¬ 
verbote und Heiratsbeschränknngen minderwertiger Individuen werden als absolut unzu¬ 
reichend bezeichnet, weil sie keinen Ausschluß von der Fortpflanzung bedeuten, da der 
Weg unehelicher Zeugung offen bleibt. Diese Begünstigung unehelicher Geburten soll 
nach Hirsch der Eugenik direkt entgegen wirken, weil „so für die unehelich Ge¬ 
borenen zu den schon bestehenden Gefahren des sozialen Milieus noch die ausgesucht 
schlechten Erbanlagen hinzugefügt werden“. Hirsch übersieht hier, daß in diesem Falle 
die Verdoppelung der Verschlechterung zu einem eugenischen Vorteil führt, weil auf 
diese Weise die Lebenschancen dieser Individuen erheblich sinken, so daß ein größerer 
Teil — zum Vorteil der Rasse — ausgemerzt wird. 

Günstiger beurteilt wird der Ausschuß der untauglichen Individuen aus dem Art¬ 
prozeß durch Beseitigung der Zougungsfähigkeit. Hirsch ist sogar der Meinung, daß 
Gesetzesvorschläge in dieser Richtung einer zukünftigen Geburtenpolitik das Gepräge 
geben werden. Je^ioch hält er die Zeit für eine gesetzlich sanktionierte Massensterili- 
sation so lange noch nicht für reif, als wie die Gesetze der Vererbungslehre noch hypo¬ 
thetischer Natur sind. 

P'ür die Gegenwart schlägt Hirsch zwm eugenische Maßnahmen vor. Erstens soU 
vor jeder Eheschließung eine beglaubigte ärztliche Bescheinigung über die Ehetaiiglich- 
keit beigebracht werden. „Das zweite ist eine durch Gesetz ermöglichte und 
mit allen Kautelen umgebene Fortpflanzungshygien e.“ Beiden 
Forderungen gegenüber bestehen jedoch dieselben Einwände, die Hirse h den Ehe¬ 
verboten und der Sterilisation minderwertiger Elemente entgegen hält. 

Ferner sind noch zwei Forderungen Kirschs zu erwähnen, die leider den Stempel 
einer einseitigen Betrachtungsweise vom Standpunkte des Frauenarztes tragen. Erstens 
soll der Aushall an Fortpflanzungskraft, den der Krieg mit sich bringt, hauptsächlich 
seinen Ausgleich finden durch eine sorgfältigere Hygiene der Fortpflanzung, die Leben 
und Gesundheit der Frauen und Mütter schützt. „Frauenökonomie — Menschen¬ 
ökonomie“, das müssten nach Hirsch die Losungsworte einer zukünftigen Geburten¬ 
politik st*in. Diese Forderung ist ganz unverständlich, da sie durchaus den Verhältnissen 
des Augenblicks widerspricht, in dem sie gestellt wird. Denn der Krieg rafft die Männ^ 
hinweg und schont die Frauen. Was also nach diesem Kriege fehlen wird, ist männ¬ 
liche Fortpflanzungskraft. Wie Hirsch diesem Ausfall ausgleichen will durch bessere 
Erhaltung der weiblichen, ist mir ein biologisches Rätsel. Frauenökonomie schafft uns 
doch keine Männer. Fraiienökonomie in dieser männerarmen Zeit ist ein Widersinn, weil 
er das Übel der Disparität der Geschlechter nicht heilt, sondern verschlimmert. Nicht 
Frauenökonomie muß deshalb heute das biologische Losungswort sein, sondern Männer- 
Ökonomie. 

Ferner stellt Hirsch die Behauptung auf, daß die Frau der bedeutsamste 
Faktor bei der Vereorbung ist. Erst in zweiter Linie soll die väterliche Erbqualität die 
Eigenschaften des künftigen Menschen bestimmen. Und zwar schreibt er der Frau den 
größten Vererbungseinfluß zu, einzig aus dem Grunde, weil sie „der Mutterboden ist, in 
den das Samenkorn des künftigen Mens<'Len hineingepflanzt wird, in dem er wächst, 
aus dem er seine Nahrungsstoffe während der Zeit der intrauterinen Entwicklung und 
später während der Säuglingszeit entnimmt, unter dessen unmittelbarster Einwirkung 
er steht, bis er sich in gewissem Alter zum selbständigen Leben von ihm loslöst“. 

Nun al>er wird nach zahlnichen Untersuchungen die leibliche und geistige Qualität 
des Kindes entschieden im Augenblicke der Vereinigung der beiden Elternzellen. Die 
Qualität der mütterlichen und väterlichen Keimzellen und der Ablauf des Vorganges der 
Zellenvereinigung sind das Aussclilaggebcnde für die Eigenscliaften des künftigen Men¬ 
schen; nicht der Ablauf der intrauterinen Entwicklung. Es liegt also kein Grund vor für 
die Annahme, daß die Frau für die Eugenik ein bedeutsamerer Faktor ist als der Mann. 
Mangelhafter Samen auf bestem Boden ergibt niemals ein edles Reis. Hirsch ist mit 
seiner Entscheidung in den Fehler verfallen, vor dem er selbst am meisten warnt, nämlich 
größte Vorsicht „bei einer eugenisc'hen Gesetzgebung“ zu beobachten, weil hinsichtlich 
des Verorbungsproblems noch viel Unsicherheit und Unklarheit besteht, worin man ihm 
nur zustimmen kann. Deshalb eben sollte man auch nicht voreilig die Frau zum Mittel- 


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Referate. 


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punkte der eugenischen Wissenschaft machen und damit einen Platz besetzen, der wahr¬ 
scheinlich sogar dem Manne mehr als der Frau gebührt, weil — was bisher stets über¬ 
sehen worden ist — die Fortpflanzungszellen des Mannes in den Gefahren der Kultur 
weit leichter einer Verschlechterung unterli^n als die des Weibes. 

M. Vaerting (Berlin). 

Kriegsliteratur. 

Spier, Der filnfluB des Krieges auf das Geschlechtsleben. (Die neue Generation 
Bd. 12. S. 129. 1916.) 

Verf. untersucht in der vorliegenden Betrachtung die Neuerungen, insbesondere die 
Schädigungen in der Sphäre des Geschlechtslebens, wie sie jetzt bei den vom Kriege Be¬ 
troffenen lestzusteUen sind, um dann zu überlegen, ob wir mit einer dauernden Ver¬ 
schlechterung des Sexuallebens zu rechnen lial>en werden. Die körperlichen Anstren¬ 
gungen des Bewegungskrieges lullen die sexuellen Zentren ein. Brutale Ver¬ 
gewaltigungen durch kultivierte Krieger kommen kaum vor. Dagegen entwickeln sich 
im Stellungskriege durch die Ruhe, reichliche Ernährung und geringe geistige 
Ablenkung starke sexuelle Forderungen. Elend und Not, auch Sinidichkeit bringen Frauen 
im Okkupationsgebiet zu Hingabe und Anbietung. Rohe Naturen glauben, daß ihnen 
alles erlaubt sei; bei anderen kommt eine Landsknechtstimmung zum Durchbruch in der 
Ausnutzung aller gegebenen Möglichkeiten; im jugendlichen Draufgängertum lebt man 
„drauf los“. Diese genußsüchtige Sexualpolitik, solange sie Unverheiratete trifft, muß 
nicht, aber kann trübe Konsequenzen haben. Bei Verheirateten muß sie unbedingt zu 
Ver\^iistungen und schlimmsten Folgen führen. Und doch werden gera<le die Verhei¬ 
rateten, die an regelmäßigen Geschlechtsverkehr gewöhnt sind, unter plötzlich auf¬ 
gezwungener Enthaltsamkeit besonders schwer leiden, bis ihnen ein Urlaub in die Heimat 
die ersehnte Entspannung bringt. In der gleichen Weise entbehrt auch das Weib da¬ 
heim. Vernunft und Moral verlangen auch von ihr, daß sie eben diese Leiden als Belästi¬ 
gungen des Krieges würdig mit in den Kauf nimmt. Diese sexuelle Notlage der Frauen 
im Heimatgebiete wird von gewissenlosen Piraten auszunutzen gesucht, welche die 
günstige Gelegenheit wahrzunehmen trachten, um die Frauen aus dem Gleichgewichte zu 
bringen. Viele junge Mädchen, losgelöst von der Familie, sind im Ansturm der Neu¬ 
eindrücke sexuell unterlegen. Nicht sehr fern davon stehen die unangenehmen Hin¬ 
neigungen vereinzelter Frauen zu exotischen Kriegsgefangenen. Viele, bei denen die 
Schwachlieit latent war, haben sich sexuell aus dem Gleichgewicht werfen lassen. Viele 
werden dauernden Schaden davontrageni Auch der Ausfall an Nachwuchs durch den Ver¬ 
lust so vieler zeugungskräftiger -Männer und die drohende Zunahme der Geschlechts¬ 
krankheiten sind in R^hnung zu stellen. Trotz alledem hat Verf. die feste Überzeugung, 
daß die bedenklichen Erscheinungen nur vorübergehender Natur sein werden. Das Sexual¬ 
leben unseres Volkes kann in seiner stetigen Entwicklung zu größerer Reinheit und be¬ 
wußter, moralischer Selbständigkeit nicht aufgehalten werden. Sprinz (Berlin). 
Stöcker, Helene, Sexualpädagogik, Krieg und Mutterschutz. (Die neue Gene¬ 
ration Bd. 12. S. 121. 1916.) 

Au^hend von dem Gesetzesantrage, den von Bissing, Generalgouverneur von 
Belgien, an die Regierung gerichtet hat, weist Verf. darauf hin, daß gerade die Kriegszeit 
uns auf dem Gebiete der Sexualreform um ein gutes Stück vorwärts gebracht hat. Er¬ 
reicht ist die Gleichberechtigung des außerehelichen Kindes bei der Kriegsunterstützung. 
Hoffentlich wird die Kriegswochenhilfe als eine Einrichtung zum Schutze der Schwan¬ 
geren und Wöchnerinnen auch in den Frieden mit übernommen werden. 

Und wenn der von Bissing sehe Antrag zum Gesetz wird, so wird ein großer 
Teil der alten Forderungen des „Bundes für Mutterschutz“ seine Erfüllung erlang haben. 

Sprinz (Berlin). 

Dr. Spier (München, z. Z. im Felde), Der Einfluß des Krieges auf das Geschlechts¬ 
leben« (Die neue Generation Bd. 12. H. 5/6. S. 129. 1916.)') 

Aus dem großen Problem, welches der Titel andeutet, werden einige Fragen heraus- 
gepiffen und erörtert. Zuerst weist Spier auf den Umstand hin, daß der Bewegungs- 
kri^ durchweg lähmend auf die Sexudsphäre der Teilnehmer wirkt, während der Stel¬ 
lungskrieg die Entstehung geschlechtlicher Beziehungen begünstigt. (Diese Tatsache ist 
bereits aus der ansteigenden Zahl der Geschlechtskranken im Heere während der auf¬ 
einanderfolgenden Monate des Krieges 1870/71 l)ekannt geworden.) 

') Anmerkung der Red. Wegen ihres kritischen Standpunktes glaubten wir auch 
dieses zweite Referat des oben bereits von Dr. Sprinz besprochenen Aufsatzes von 
Spier bringen zu sollen. 

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Biicherbesprechunpen. 


Ferner wird die Hypothese Yertreten, daß absolute Abstinenz bei Personen, die an 
einen regdmäßigen Geschlechtsverkehr gewöhnt sind, zu Nervosität, übeiwregbarkeit, 
Keizbarkeit, Mangel an Konzentrationskrsdt, Gedächtnisstörungen, Unfähigkeit zur Arbeit, 
ja zu nervösen Zusammenbrüchen führen kann. Es ist bekannt, daß diese hier als Tat¬ 
sache aufgestellte Hypothese ebenso viele Gegner als Anhänger hat. Spiers Ausfüh¬ 
rungen h^en jedenfalls einen zweifachen Vorzug. Er beschränkt diese Folgen der abso¬ 
luten Abstinenz erstens auf die an regelmäßigen Geschlechtsverkehr Gewöhnten. Zweitens 
aber verkennt er nicht, daß die Frauen in gleicher Weise wie die Männer von diesen 
Folge Wirkungen betroffen werden. 

Sodann stellt Spier Betrachtungen an über den Einfluß des Krises auf die Be¬ 
völkerungsvermehrung, die allerdings von erstaunlicher Naivität sind. Her riesengroße 
Ausfall an jüngsten und gesundesten der zeugungsfähigen Männer soll an unserem Volke 
qualitativ und quantitativ spurlos vorübergehen. Für Frankreich hingegen sollen die 
Kriegsverluste zum Untergange führen. Dabei geht Spier von der durchaus unrichtigen 
Voraussetzung aus, daß Frankreich „von jeher ein Minus oder ein schwer und sehr 
mühsam herausgerechnetes mikroskopisches Zuwachsplus“ hatte. Gerade Frankreich aber 
war noch vor kaum 100 Jahren das am stärksten bevölkerte Land der Erde. Erst 
Napoleons Kriege sind bevölkerungspolitisch zu einer Katastrophe für das Land ge¬ 
worden. Und es ist so^ nicht ganz wegzuleugnen, daß gerade wir in dem heuti^n 
Kriege in mancher Beziehung eine ähnliche SteU^ung einnel^en wie damals Frankreich 
Heute sind wir — von kleineren Staaten abgesehen — das bevölkertste Land der Erde. 
Napoleon führte Frankreich in den Krieg gegen eine Welt. Auch Deutschland hat heute 
vielmehr Feinde als Bundesgenossen, es führt Krieg gegen fast ganz Europa. Durch 
Napoleons Kriege verlor Frankreich etwa D/j Millionen Mann. Unser Verlust wurde 
schon vor einem halben Jahre in einer Rede im Berliner Hausbesitzerverein auf 2 Millionen 
Männer ^schätzt. Dieser in Zeitungen veröffentlichten Angabe ist nicht widersprochen 
worden. Es ist deshalb auch unverständlich, wenn Spier so obenhin sagt, in Deut^hland 
sind die Verluste nicht so groß. Wir kämpfen doch gegen eine Welt von Feinden. 
Statt für Frankreich den Niedergang zu proklamieren und vor den Gefahren im eigenen 
Lande die Augen zu schließen, wäre es vielleicht besser, sich Frankreichs Schickssd vor 
hundert Jahren zur Warnung dienen zu lassen und beizeiten Mittel und Wege zu suchen, 
der Gefahr zu begegnen. 

Die gleiche subjektiv gefärbte Auffassung tritt auch wieder hinsichtlich der Ver¬ 
breitung der Geschlechtskrankheiten im Kriege zu Tage. Die französischen und eng¬ 
lischen Soldaten sollen bezüglich der geschlechtlichen Infektionen schlimmer daran sein 
als unsere. Darüber ein Urteil zu fällen, ist aber jetzt noch gar nicht möglich, da die 
Voraussetzungen, nämlich ausreichende statistische Unterlagen, heute noch nicht existieren. 
Es ist zu bedauern, daß der Verfasser, dessen ganzer Aufsatz von einer hohen moralischen 
Auffassung und von seltener Objektivität gegenüber dem weiblichen Geschlechte zeugt, 
stellenweise in eine Art patriotischer Subjektivität verfällt — die den Splitter im Au^ 
des Feindes sieht, aber den Balken im eigenen nicht bemerkt — und die nicht nur mit 
Wissenschaftlichkeit unvereinbar ist, sondern auch der Zukunft des Vaterlandes mehr 
schadet als nützt. M. Vaerting (Berlin). 


Bücherbesprechungen. 

W iss mann, Dr. R., Die Beurteilung von Augensymptomen bei Hysterie. (Samml. 
zwangl. Abhandl. a. d. Geb.d. Augenheilk. X. Bd.H. 1/2), Verlag C. Marhold, Halle 1916. 8®. 

Das Kapitel der Hysterie, deren sexuelle Ätiolone doch noch immer von vielen be¬ 
hauptet wird, bietet, wie der Verfasser in seiner Einleitung ganz richtig hervorhebt, für 
die exakte Wissenschaft die größten Schwierigkeiten. 

So ist es mit Freuden zu begrüßen, daß in der vorliegenden Arbeit wieder einmal 
die verschiedenen Augensymptome bei Hysterie zusammengefaßt und ansdiaulich ge¬ 
schildert sind. 

Besonders ausführlich werden die Gesichtsfddstörungen besprochen, die nicht nur 
in der Ophthalmologie, sondern vor allem bei den Psychiatern das bei weitem größte 
Interesse hervorgerufen haben. 

Nach der Ansicht des Verf. sind die am Auge vorkommenden Veränderungen nicht 
imstande, ein anderes Bild der Hysterie zu liefern, sondern sie vervollständigen vielmehr 
das Gesamtbild und tragen dazu bei, dem eigentlichen Wesen der Hysterie etwas näher 
zu kommen. Fritz Mendel. 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


141 


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^) Umfaßt die Zeit vom 1. März 1916 bis 1. Juni 1916 sowie Nachträge und 
Ergänzungen. Im Hinblick auf die durch die Kriegsereignisse bedeutend erschwerte 
Berichterstattung bitten wir wiederholt die Verfasser einschlägiger Arbeiten, uns zwecks 
vollständiger und genauer bibliographischer Aufnahme möglichst umgehend nach Erscheinen 
einen Sonderabdruck zu übermitteln (unter der vorläufigen Adresse: Dr. Iwan Bloch, 
ordinierender Arzt am Reservelazarett Beeskow, Mark). 


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Für die Redaktion verantwortlich: Geh. Med.-Rat Prol Br. A« Bakabarg in BerUa. 
km Marm ä £• Weben Terlat (Br. jnr. Albert Ahn) in Bonn. 

Bmek: Otto Wlfaad’scbe Bachdrvckerel 0. m« b. H« in Lelpslf. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Dritter Band Juli 1916 Viertes Heft 


Die Psychoneurosen der Entwioklungsjahre ^). 

Von Dr. Magnns Hirschfeld 
in Berlin. 

Wie der Geschlechtsdrüsenausfall den Gesamtorganismus 
(beispielsweise nach der Kastration) durch Ausfalls erscheinungen 
im negativen Sinne beeinflußt, so entfalten die positiven 
Veränderungen, die sich so mannigfach in den männlichen xmd weib¬ 
lichen Geschlechtsdrüsen abspielen, eine im Organismus weitaus¬ 
strahlende positive Wirksamkeit. Diese Wirkungen sind teils 
physiologischer, teils patholomscher Natur. Nur mit den letzteren 
wollen wir uns heute beschäftigen. 

Früher nahm man an, daß die Störungen der Evolutions- und 
Involutionsperioden im wesentlichen auf nervöse, also reflekto¬ 
rische Zusammenhänge zurückzuführen wären, eine Vorstellung, 
die auch heute noch bei manchen Leiden vielfach vorherrscht, bei¬ 
spielsweise bei der Angstneurose und einderen Erscheinungen, die 
in das Gebiet der Hysterie fallen. Später neigte man zu der Auf¬ 
fassung, daß die eingreifenden Vorgänge und Umwälzungen im 
Genitalapparate an und für sich bei vielen in so erheblicher 
Weise eine Schwächung des Körpers und der Seele her- 
vorrufen, ihn so sehr angreifen, daß dadurch die krankhaften 
Folgeerscheinungen, wie etwa die Pubertätsbleichsucht der jungen 
Mädchen, oder die Puerperal- und Laktationspsychosen entständen. 
Heute suchen wir bei den so verschieden zu bewertenden Entwick¬ 
lungsstörungen in dem inneren Chemismus eine der wesentlichsten 
Ursachen. Neben den angeführten Zusammenhängen, die sich 
durchaus nicht ausschließen, vielmehr sehr wohl nebeneinander 
wirksam sein können, ist ein vierter nicht zu übersehen, der rein 
psychische. Rufen doch bewußt und unbewußt die sich in den 
Genitalien abspielenden Vorgänge eine solche Fülle von Vorstellungen, 
Empfindungen und Gedanken hervor, daß man es wohl verstehen 
kann, daß diese bei Inviduen, die neuropathisch und psychopathisch 
disponiert sind, leicht zu allerlei nervösen und seelischen Störungen 
Veranlassung geben können. 

Wenn wir uns allerdings die Frage vorlegen, woher kommt es 
das eine Mal in diesen kritischen Perioden zu so weitgehenden 
Verödungen und Verblödungen im Seelenleben, wie etwa zu der 
Dementia praecox, das andere Mal nur zu im Vergleich dazu kaum 
beachtenswerten Affektschwankungen, Exaltationen und De- 


») Vortrag, gehalten in der „Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft“ am 
19. Mai 1916. 

Zeitschr. 1 SeznalwiMantchaft 111. 4. 11 


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154 


Magnus Hirschfeld. 


pressionen, so müssen wir wieder zu dem Allerweltsbegriff 
der Disposition, der Anlage, unsere Zuflucht nehmen, der uns auch 
aushilft, wenn wir zunädist einmal ergründen wollen, weshalb es 
unter den Hunderttausenden, die den gleichen evolutionistischen 
Einflüssen unterworfen sind, doch immer nur ein kleiner Bruchteil 
ist, der erkrankt. Wir müssen eben annehmen, daß der gesunde, 
kräftige, widerstandsfähige Organismus den von den Geschlechts¬ 
drüsen ausgehenden Wirkungen gewachsen ist und auf sie in der 
Breite des Physiologischen reagiert, während die pathologische Wir¬ 
kung nur bei einem von vornherein erblich belasteten und deshalb 
empfänglicheren spezifisch reizbaren Nervensystem eintritt. 

Unter den in Betracht kommenden kritischen Zeiten steht obenan 
die Reif ezeit, in der mit der äußeren Sekretion der Geschlechts¬ 
drüsen auch die innere Sekretion einsetzt Diese Pubertäts¬ 
periode ist für das männliche Geschlecht eine kritische Zeit erster 
Ordnung und auch für das weibliche erweist sie sich von ein¬ 
schneidender Bedeutung. In der Rückbildungsperiode, dem 
Klimakterium, treten nervöse und psychische Störungen vor allem 
bei der Frau auf, aber auch beim Mann fehlen sie nicht gänzlich. 
Sie sind aber bei ihm sehr viel seltener und milder, weil bei dem 
männlichen Geschlecht ein der Menopause analoges Nachlassen und 
Erlöschen der Keimzellenreifung nicht vorhanden ist 

Die Regelmäßigkeit der Eireifung und -abstoßung von den Reife- 
bis zu den Wechseljahren, die Ovulation mit der eng mit ihr 
verbundenen Menstruation ist ein weiterer Fortgang der 
Evolution und Involution, der immer wieder tief in das Ge¬ 
samtbefinden des Weibes eingreift um so nachhaltiger, je labiler 
ihr Nervensystem an und für sich ist Beim Manne kennen wir 
eine so augenfällige Periodizität nicht wenngleich wir mit Wil¬ 
helm Fließ gewisse zyklische Rhythmen auch hier annehmen 
dürfen. 

Die schwersten nervösen und psychischen Alterationen rufen 
beim weiblichen Geschlecht indessen diejenigen sexuellen Vorgänge 
hervor, die ihm ausschließlich zukömmlich sind: die Bebrütung 
des befruchteten Eies unter Sistierung weiterer Eierabsonderung, 
die Ernährung der Frucht, sei es im Mutterleibe oder an der 
Mutterbrust mit anderen Worten die Ereignisse der Schwangerschaft 
und Geburt des Wochenbettes und der Laktation. Unter Zugrunde¬ 
legung dieser örtlichen Genitalschwankungen und der von 
ihr abhängigen Symptomenkomplexe können wir die Evolutions¬ 
und Involutionsstörungen wie folgt einteilen: 

a) Pubertätsneurosen und -psychosen, 

b) Klimakteriumsneurosen und -psychosen, 

c) Menstruationsneurosen und -psychosen, 

d) Schwangerschaftsneurosen und -psychosen, 

e) Entbindungsneurosen und -psychosen, 

f) Puerperalneurosen und -psychosen, 

g) Laktationsneurosen und -psychosen. 

Die nervösen und seelischen Störungen der Pubertät fallen 
in die Zeit in welcher der Knabe zum Jüngling, das Mädchen zur 


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Die Psychoneurosen der Entwicklungsjahre. 


155 


Jungfrau ausreift, ein Zeitraum, der sich stets über mehrere Jahre 
erstreckt, oft sogar nahezu ein Jahrzehnt, etwa die Spanne vom 12. 
bis 22. in Anspruch nimmt. Mit der in diese Periode fallenden, von 
der inneren Sekretion abhängigen Entstehung männlicher und weib¬ 
licher Geschlechtscharaktere zweiter, dritter und vierter Ordnung, 
denjenigen also, die den Körperbau, das Geschlechtstrieb- und das 
Seelenleben angehen, verändert sich die Persönlichkeit des Men¬ 
schen in sehr hohem Grade. Sind es auch nur die im Kinde be¬ 
reits gegebenen körperlichen und seelischen Anlagen, die sich in 
dieser Zeit des Erblühens auf schließen und entfalten, so gibt doch 
nun erst das allmähliche Bewußtwerden des Unbewußten der Person 
das Selbstgefühl und ihr eigentümliches Gepräge, den Charakter. 

Zum Erstaunen ihrer Umgebung geben die noch vor kurzem 
sich bescheiden im Kreise der Erwachsenen zurückhaltenden „Wachs- 
tümer" (wie man sie in manchen ländlichen Gegenden Pommerns 
nicht übel nennt) plötzlich eigene Urteile ab, sie „fühlen sich“, 
„spielen sich auf“, „tun sich wichtig“ und reden über alles mit. 
Im vorher wilden Mädchen tritt immer mehr das weibliche, im 
mädchenhaften Jungen immer deutlicher das männliche zutage. 
Gleichzeitig „reißt sich vom Mädchen stolz der Knabe“, und zieht 
sich das Mädchen schamhaft vom Knaben zurück, allerdings beide 
nur äußerlich, um alsbald innerlich einander um so heftiger zu be¬ 
gehren. Ehrgefühl und Schamgefühl wachsen, Empfindsamkeit und 
Erregbarkeit nehmen zu, bald herrscht ein träumerisches, schwär¬ 
merisches, Idealen nachjagendes Wesen, bald Unternehmungslust, 
Abenteuersucht, Großtuerei vor. 

Wie die Reizbarkeit steigert sich auch Ermüdbarkeit, 
allerlei Dunkles, Beunruhigendes, Unklares erfüllt die Seele, eine 
schwer überbrückbare Kluft tut sich zwischen Vätern und Söhnen, 
Müttern und Töchtern auf. Das Gehirn arbeitet in dieser Sturm¬ 
und Drang^eriode meist sehr sprunghaft; weltschmerzliche 
Sentimentalität wechselt mit hochgespanntem Überschwang, unge¬ 
stillte Sehnsucht mit seliger Schwarmgeisterei. Die Phantasie 
baut Luftschlösser. Der eine fühlt sich als der kommende Künstler, 
Maler, Dichter und Musiker, der andere als weltumstürzender Men¬ 
schenbeglücker, ein dritter als großer Entdecker und Erfinder. Alles 
aber, was in der Seele brodelt und wirbelt, gärt und kreist, bewegt 
sich chaotisch um das sexuelle Zentrum; die mehr oder weniger 
bewußte Erotik gibt für alles Fühlen, Denken und Wollen den mehr 
oder minder deutlichen Unterton. 

Vergegenwärtigen wir uns dieses mit wenigen Strichen markierte 
Bild der physiologischen Pubertätserscheinungen, so werden 
wir begreifen, wie klein von ihnen der Schritt in das Patho¬ 
logische ist. Dementsprechend ist auch die Abgrenzung zwischen 
dem was schon, und dem, was noch nicht psychopathisch ist, oft 
genug recht schwierig. Viele noch normale Erscheinungen der 
Pubertät gleichen völlig der Neurasthenie im Sinne einer erhöhten 
Erregbarkeit und Erschöpfbarkeit des Zentralnervensystems. 

Nur schwerere Grade werden wir in dieser Zeit als krankhaft 
ansprechen. Darüber hinaus sind aber der Zeit der Geschlechts¬ 
reife eine Fülle leichter und schwerer Krankheitsformen eigen. 

11 * 


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156 


Magnus Hirschfeld. 


Läßt sich auch nicht immer der Beweis erbringen, daß das zeitliche 
Zusammentreffen auch ein ursächliches ist, so dürfte in der großen 
Mehrzahl der Fälle doch kaum ein Zweifel möglich sein, daß 
zwischen den Neurosen und Psychosen der Reifejahre, wie der 
Wechseljahre und sonstigen Evolutionsperioden einerseits und 
den Veränderungen der Sexualorgane andererseits ein kausaler Zu¬ 
sammenhang besteht Sehr gestützt wird diese Annahme durch 
die Tatsache, daß fast allen diesen Leiden, wie freilich oft erst 
bei ihrer tieferen Erforsgchung ersichtlich ist, auch direkt eine- 
sexuelle Färbung anhaftet 

Hinsichtlich ihrer Zeitdauer und Prognose lassen sich die Lei¬ 
den der Pubertät in drei Gruppen teilen: Eine Anzahl, wie bei¬ 
spielsweise der Veitstanz, entsteht und verschwindet nach kürzerer 
oder längerer Zeitdauer während der Pubertät, andere hören erst 
mit dem Ende der dabei vielfach etwas in die Länge gezogenen 
Pubertät auf. Mit anderen Autoren konnte ich bei vielen Psycho- 
palhen, die sich bis in die Mitte der zwanzig noch höchst unge¬ 
bärdig, unlenksam und unreif gaben, gegen Ende der zwanzig und 
Anfang der dreißig eine entschiedene Nachreife feststellen. („Wenn 
sich der Most noch so absurd gebärde^ er gibt zuletzt doch einen 
guten Wein.“) Eine dritte Gruppe dieser Störungen setzt in der 
Pubertät ein, nimmt langsam zu und entwickelt sich zu einem das 
Leben umfassenden Dauerzustand, der sich teils gleich bleibt, 
teils sich durch Anpassung ein wenig bessert, teils sich nach und 
nach verschlechtert, wie es vor allem bei der Dementia praecox die 
Regel zu sein pflegt Immerhin habe ich auch hier Ausntdimen — 
sogar Fälle scheinbarer Heilung von Dementia praecox — gesehen. 

Wenden wir uns den Pubertätsstörungen im einzelnen zu, 
so ist zunächst der Veitstanz oder die Chorea minor zu nennen, 
der meist im ersten Beginn der Geschlechtsreife einsetzt Er be¬ 
fällt mehr Knaben wie Mädchen. Oft erstrecken sich die Zuckungen 
nach und nach auf alle Muskelgruppen, oft beschränken sie sich 
nur auf wenige, beispielsweise im Gesicht, wo sie zu krankhafter 
Grimassenschneiderei führen. Sie tragen dann mehr den 
Charakter sogenannter Tics. Nicht selten vergesellschaftet sich der 
Veitstanz mit Herzaffektionen, Gelenkaffektionen und psychischen 
Alterationen, alles Anzeichen, die auf eine toxische Ursache, Stö¬ 
rungen im inneren Chemismus, hinweisen. 

Einen ticartigen Charakter trägt auch das auf nervösen Zwangs¬ 
hemmungen beruhende, besonders im pubischen Alter auftretende 
Stottern. Verschiedentlich sah ich auch in dieser Lebensphase 
Schluckhemmungen. Ein zwanzigjähriger Psychopath meiner 
Beobachtung konnte beim Trinken in Gesellschaft, namentlich beim 
Zuprosten nicht das aufgenommene Flüssigkeitsquantum — gleich¬ 
viel ob groß oder klein — herunterbringen, es blieb ihm im Halse 
„stecken“ und führte zu Würgbewegungen. Er litt gleichzeitig an 
zwangsmäßigem „Abknabbern“ der Fingernägel, einer vielfach zwar 
schon in der Vorpubertät, meist aber erst während der Pubertät 
aufixetenden Zwangshandlung von großer Hartnäckigkeit Bei un¬ 
serem Patienten verlor sich beides, als er mit 21 Jahren in den 
Krieg zog. 


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Die PsychoneoroBen der Entwicklangsjahre. 


157 


Eine weitere in der Pubertät beginnende nervöse Störung mit 
sexueller Färbung ist das Rotwerden und die Errötungsfurcht, 
unter der viele ungemein leiden. Es quält sie die Vorstellung, daß 
durch das Erröten etwas verraten wird, was sie schamhaft zu ver¬ 
bergen bemüht sind. Manche erröten stets bei ganz bestimmten 
Namen, Worten oder Zahlen (etwa bei der Zahl 18 oder 175), andere 
bei Handlungen, die den meisten ganz gleichgültig sind, wie beim 
Durchgang durch ein Restaurant oder beim Fordern gewisser Waren; 
fast stets aber dürfte dem Vorgang eine unbewußte Gedankenver¬ 
knüpfung mit erotischen Regungen zugrunde liegen. Einige meiner 
jugendlichen Patienten hatten die Gewohnheit angenommen, wenn 
die Errötungsfurcht eintrat, Gegenstände fallen zu lassen, nach denen 
sie sich bückten; sie wollten das Rotwerden so verbergen oder 
aber den Anschein erwecken, als ob ihnen durch das Herabneigen 
das Blut zu Kopf gestiegen sei. 

Stellt das Erröten eine Lähmung der Gefäßnerven dar, so 
beruht ein anderes, häufig in der Pubertät beginnendes Leiden — 
die Migräne — meist auf einem Gefäßkrampf der Kopfnerven. 
Sie findet sich beim weiblichen Geschlecht häufiger, wie beim 
männlichen; ihr erstes Auftreten fällt oft mit der ersten Menstrua¬ 
tion zusammen, deren regelmäßiger Begleiter sie dann oft bis in 
die Wechseljahre hinein ist. Man kann Fälle von Hemikranie sehen, 
die mit Erbrechen, starker Lichtscheu und Benommenheit ganz das 
Bild einer schweren Intoxikation bieten. 

Alle bisher genannten Nervenleiden werden an Schwere nun aber 
weit übertroffen von einer Erkrankung des Zentralnervensystems, 
die gleichfalls nur allzu häufig über £e Schwelle der Pubertät in 
das Leben junger Mädchen und Männer tritt, von der Epilepsie. 
Häufig handelt es sich um die typischen epileptischen Krampf¬ 
anfälle, die, plötzlich einsetzend, nicht selten mit einem gellenden 
Schrei beginnend gekennzeichnet sind durch völligen Schwund des 
Bewußtseins, Schütteln und Zuckungen namentlich der Arme und 
Beine, durch Zungenbiß, Schaumaustritt aus dem Mund, erweiterte, 
nicht reagierende Pupillen und Urinabgang. Kommen ^e Kranken 
zu sich, so besteht entweder noch eine Weile Verwirrtheit oder es 
tritt ein tiefer Schlaf ein oder es schließt sich eine innere Unruhe 
mit heftigem Harndrang an. 

Bei näherem Nachforschen ergibt sich nicht selten, daß sexuelle 
Erregungszustände bei Epileptischen eine nicht unbeträcht¬ 
liche Rolle spielen. So behandelte ich ein achtzehnjähriges Mäd¬ 
chen an starker Epilepsie, die fast jede Nacht von der Vorstellung 
gepeinigt wurde, daß nackte Männer auf ihr kauerten oder dal 
mehrere völlig entblößte Männer mit übergroßem aufgerichteten 
Gliede in das Zimmer drangen, um sie zu vergewaltigen; eine andere 
— Tochter eines Landwirts — geriet, wenn fremde Männer sich 
am Tische aufhielten, in eine kaum beherrschbare erotische Er¬ 
regung, in der sie weder sprechen noch essen konnte. 

l£rem Wesen nach den epileptischen Anfällen nahe verwandt 
sind die Absenzen, das „petit mal" der Franzosen. Auch dieses 
Leiden tritt mit Vorliebe im pubischen Alter auf. Das petit mal 
verhält sich zur Epilepsie wie der Tic zur Chorea. Es besteht 


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Magoos Hirschfeld. 


darin, dafi meist nur für wenige Sekunden das Bewußtsein schwindet 
Die Patienten machen plötzlich im Gehen Halt, der Schirm, oder 
was sie sonst in der Hand tragen, entfällt ihnen zu Boden, oder 
sie hören mitten im Reden, Schreiben, Klavierspielen, Essen auf, 
taumeln ein wenig, blicken starr ins Leere oder verdrehen die 
Augen, zucken mit den Mundwinkeln, drehen langsam den Kopf zur 
Seite, oder machen zupfende Bewegungen mit den Fingern. Kaum 
bemerkt sind diese Anfälle oft schon vorüber, die mit der Zeit aber 
doch wie die Epilepsie selbst zu epileptischer Charakterveränderung 
— Umständlichkeit, Heftigkeit —, ja schließlich auch zu epilep¬ 
tischer Verblödung führen können. 

Zu den epileptischen Äquivalenten werden periodische 
Dämmerzustände, periodische Verstimmungen und periodische Kopf¬ 
schmerzen gerechnet, vielfach auch gewisse periodische Drang¬ 
zustände, die in den Entwicklungsjahren zutage treten und 
den Angehörigen und Gerichten oft viel zu schaffen machen, wie 
der Drang, von Hause fortzulaufen („auszurücken“, zu „türmen“), 
abenteuerliche Reisen zu unternehmen, zu vagabundieren: die Dro- 
momanie; der Drang, sich zeitweise schwer zu berauschen: die Dip¬ 
somanie; der Trieb, Feuer anzulegen: die Pyromanie; Gegenstände 
zu entwenden: die Kleptomanie, oder sich vor anderen zu entblößen: 
der Exhibitionismus. So viele dieser Fälle ich auch schon beob¬ 
achten konnte, namentlich von der Dromomanie, der Dipsomanie 
und dem Exhibitionismus, so sehr sie in der anfallsweisen Periodi¬ 
zität, in dem voraufgehenden Angst- und folgenden Entspannungs¬ 
gefühl epileptischen Anfällen ähnlich sind, so wenig habe ich mich 
davon überzeugen können, daß es sich in der großen Mehrzahl der 
Fälle um eigentliche Dämmerzustände handelt. Meines Er¬ 
achtens handelt es sich in fast allen diesen Fällen um krankhafte 
Zwangszustände auf dem Boden einer psychopathischen Konstitution. 

Mit dem Begriff der psychopathischen Konstitution, 
der gleichbedeutend ist mit dem der psychopathischen Minder¬ 
wertigkeit, der Entartung oder degenerativen Veranlagung, gelangen 
wir zu einem Sammelbegriff, der unentbehrlich ist für das Ver¬ 
ständnis der in der Pubertät zutage tretenden Seelenstörungen. 
Gewiß läßt dieser Krankheitsbegriff an Präzision zu wünschen übrig, 
er ist sehr allgemein gehalten und nicht scharf abgegrenzt vom 
Bereich der gesunden, normalen physiologischen Konstitution als 
Gegensatz, und doch können wir ohne ihn nicht auskommen, wollen 
wir in der Fülle schwankender Erscheinungsformen nicht den Boden 
unter den Füßen verlieren. Auch eine präzise Einteilung der psycho¬ 
pathischen Konstitutionen stößt auf Schwierigkeiten. Wir werden 
am besten tun, die hauptsächlichsten Typen herauszugreifen, die in 
Wirklichkeit freilich selten ganz isoliert verkommen. 

Wir beginnen mit dem krankhaften Phantasten, dessen 
sprudelndem Gehirn es unmöglich zu sein scheint, in der Wirklich¬ 
keit und Wahrheit Genüge zu finden. Diese jungen Leute, meist 
junge Männer, verfälschen Erinnerungen, fabulieren und geben un¬ 
bedenklich die seltsamsten Produkte ihrer Pseudologia phantastica 
zum besten, nur um sich interessant zu machen oder ein Ansehen 
zu geben. Viele nehmen an ihren Namen Veränderungen vor, indem 


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Die Psycboneorosen der Eatwicklungsjahre. 


159 


sie sich einen Doppelnamen geben (einer, der Wolff hieß, nannte sich 
Wolff-Wolffenstein) oder sich ein Adelsprädikat vorsetzen oder einen 
ihnen nicht zukommenden Titel annehmen. Auch absonderliche, 
fremdländisch klingende Vornamen sind beliebt, wie Mario statt Max, 
Jonny statt August, Carlo statt Karl. Viele rühmen sich ihrer hoch¬ 
adeligen Verwandtschaft, ihre Mutter stamme aus altem Geschlecht, 
oder sie selbst seien eigentlich illegitime Kinder einer sehr hoch- 
gestellten Persönlichkeit. (Wenn mancher Mann wüßte, wie viele 
sich der Abstammung von ihm rühmen, er würde staunen.) Andere 
phantasieren von ihren vornehmen Beziehungen, sie wären gestern 
bei Ihrer Durchlaucht zum Tee gewesen, es wäre wieder entzückend 
gewesen, der Großherzog von . . . .bürg war auch da und habe sie 
eingeladen. Manche fabulieren von ihrem Reichtum, was sie nicht 
hindert, wenige Minuten nachher sich bei der Person, der sie von 
ihren Schätzen erzählt haben, eine Mark oder Fahrgeld zu borgen; 
ein Jüngling von 18 Jahren berichtete jedermann von dem berühmten 
prachtvollen „Familienschmuck“ seiner Eltern, der nach Angabe der 
Mutter in einer ererbten alten Brosche von nur geringem Wert be¬ 
stand. Ein anderer, 21 Jahre alt, gab sich als Sohn eines amerika¬ 
nischen „Multimillionärs“ aus, er ging in die ersten Hotels, fragte, 
was das ganze erste Stockwerk für seinen Vater und dessen Be¬ 
gleitung kosten würde, ließ sich die teuersten Zimmer zeigen und 
entfernte sich mit einer herablassenden Geste. In Wirklichkeit ver¬ 
fügt der Milliardärssohn über einen Monatswechsel von 80 Mark. 
Manche schildern in glühendsten Farben ihre Reisen in tropischen 
Ländern, die ihr Fuß niemals betreten hat. Einer, dessen Eltern 
mich aufsuchten, hatte 8 Monate lang ausführliche Feldpostbriefe 
nach Hause geschrieben, in denen er eingehend die großen Kämpfe 
schilderte, an denen er teilgenommen hatte, das Leben im Schützen¬ 
graben, die gefahrvollsten Sturmangriffe. Schließlich stellte es sich 
heraus, daß er niemals die mitteldeutsche Gamisonstadt verlassen 
hatte, überhaupt seit Monaten nicht mehr Soldat war, er war als 
nervenleidend entlassen. Als pathologische Schwindler werden die 
krankhaften Phantasten nicht selten kriminell, indem ihnen Geschäfts¬ 
leute, Gastwirte, Zimmervermieterinnen, die sie durch ihre Erdich¬ 
tungen täuschen, beträchtlichen Kredit gewähren. Meistens lassen 
es die Verwandten allerdings nicht so weit kommen, was natürlich 
vom therapeutischen Gesichtspunkt nicht weniger als vorteilhaft ist 
In anderer Weise wie beim Pseudologen gibt sich die 
psychische Unausgeglichenheit und Überspanntheit, das desequili- 
brierte Wesen beim pathologisch Exaltierten kund, dem jugend¬ 
lichen Querulanten und Weltbeglücker. Auch seine verstiegene 
Phantasie schwebt in höheren Regionen, aber es sind utopistische 
Ideen, denen sie nach jagt, umstürzlerische Ideale in Politik, Tech¬ 
nik, Kunst und Wissenschaft. Greift der pathologische Schwindler 
in der Wahrheit, so greift der pathologische Ide^ist in der Wahr¬ 
scheinlichkeit daneben. In ^en Reformbewegungen und Sekten 
ist dieser Typus vertreten. Bald tritt er uns als Anarchist oder 
Adventist, bald als Futurist oder Kubist, bald als Mitglied einer 
Nacktloge oder eines spiritistischen Zirkels entgegen. Ein in diese 
Gruppe gehöriger Jüngling gründete mit 19 Jahren einen Bund für 


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Magnus Hirschfeld. 


Menschheitsduldung. Bis zu seinem 20. Lebensjahre schwebten 
gegen ihn bereits folgende Strafverfahren: wegen § 110, Aufforde¬ 
rung zum Ungehorsam gegen Staatsgesetze, ferner wegen Freiheits¬ 
beraubung, wegen Achtungsverletzung gegenüber einer militärischen 
Vorgesetzten Behörde, wegen Kurierens im Umherziehen. Alle Ver¬ 
fahren wurden eingestellt Ferner machte er sich verdächtig, weil 
er in seine Wohnung viele Kinder — Knaben und Mädchen — 
kommen ließ, denen er Schularbeiten nachsah und „selbst erdachte 
Geschichten und Märchen“ erzählte, um sie, wie er sagte, „aus der 
Gefangenschaft fremden Wesens zu befreien“. Als diesem Tun 
schlieilich seitens der Schulen ein Riegel vorgeschoben wurde, war 
er so unglücklich, dafi Selbstmordgedanken auftauchten. 

Überwiegt bei den letztgenannten Psychoneurosen die verstan¬ 
desmäßige die gefühlsmäßige Unausgeglichenheit, so überragt bei 
der nächsten großen Gruppe pubischer Neurotiker, den Hysteri¬ 
kern, die Haltlosigkeit des Gefühls die des Verstandes. Ohne an 
dieser Stelle auf das buntscheckige Bild der Hysterie einzugehen, 
sei nur hervorgehoben, daß bei den jugendlichen Hysterikern weib¬ 
lichen und männlichen Geschlechts drei Erscheinungen in den Vor¬ 
dergrund treten: einmad der unberechenbare Stimmungswechsel, der 
sprungweise zwischen den Extremen höchster Überschwenglichkeit 
tmd tiefster Niedergeschlagenheit ohne mittlere Stimmungslagen 
schwankt, zweitens die bekannten hysterischen Sensationen vom 
selten fehlenden Kloßgefühl im Halse bis zu allen möglichen hy¬ 
sterischen Krämpfen und Lähmungen. Besonders häufig scheint 
in der Pubertät der hysterische Tremor zu sein. Drittens und 
hauptsächlich das hysterische Gebaren. Dieses ist gekennzeichnet 
durch eigenwillige Rücksichtslosigkeit, durch Leidenschaftlichkeit — 
in der Erotik vielfach als Temperament bezeichnet —, sowie durch 
exzentrische Einfälle und Ausfälle. 

Man kann oft beobachten, daß Hysteriker einen Menschen um 
so mehr peinigen, je mehr sie ihn lieben. Niemand ist imstande, 
seiner Umgebung das Leben durch Liebeshaß in so unertr^- 
licher Weise zu vergällen, wie der Hysteriker. Erst stoßen sie eine 
Person durch Vorwürfe, Beschimpfungen, selbst tätliche Angriffe 
zurück, um sie, sobald sie sich zurückzieht, mit Liebesbezeugungen, 
Zärtlichkeiten, Versprechungen zu überschütten, sie werfen sich hin, 
schreien, rasen und schrecken vor keinem Aufsehen zurück. Die 
berühmte Stelle aus der Oper Carmen: „Ja, ich habe sie getötet, 
meine angebetete Carmen,“ entspricht so recht der hystero- 
erotischen Stimmungslage. 

Ich habe viele Fälle gesehen, in denen hysterische Männer und 
Frauen durch schwere Drohungen Liebe zu erpressen suchten: 
nicht nur, deiß sie der geliebten Person ankündigen, sie w’ürden sie 
töten, sondern oft genug stellen sie ihr auch in Aussicht, sie wür¬ 
den sie, falls sie ihre Neigung nicht erwiderte, unglücklich machen, 
bloßstellen, anzeigen. Die Differentialdiagnose zwischen dem rein 
kriminellen und hysterosexuellen Erpresser zu ziehen ist oft recht 
schwierig und nur durch große Erfahrung möglich, die auch lehrt, 
daß der krankhafte hysterische Ei^resser seine Drohungen viel häu¬ 
figer wahrmacht als der gewöhnliche Elrpresser und Chanteur. 


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Die Psjrohoneurosen der Entwicklungsjahre. 


161 


Auch der hysterische Selbstmordkandidat neigt dazu, 
durch Selbstmordversuche seine mehr oder weniger ernsten Ab¬ 
sichten, die er durchaus nicht immer vorher kundgetan hat, in die 
Tat umzusetzen. Sind wir auch durchaus Placzeks Meinung, daJ 
es neben einem pathologischen einen physiologischen Selbstmord 
^bt, so haben wir doch allen Grund anzunehmen, daS bei kind¬ 
lichen und jugendlichen Selbstmördern in der übergroßen Mehrzahl 
der Fälle eine psychopathische Konstitution vorliegt. Der äußere 
Anlaß, der in den Selbstmordstatistiken meist als Ursache angeführt 
wird — schlechte Zensur, unglückliche Liebe —, spielt eine meist 
zufällige Rolle gegenüber der reaktiven, reizbaren, labilen Psyche, 
auf die es in erster Linie entscheidend ankonunt 

Wenn durch die Literatur der Fall hysterischer Kinder geht, 
die sich das Leben genommen haben, lediglich um ihre Eltern zu 
ärgern, so kann ich aus meiner Praxis von Fällen berichten, in 
denen Jugendliche sich töteten, um ihre Eltern nicht oder nicht 
mehr zu ärgern. So ist mir unter mehreren andern besonders der 
Freitod eines 18jährigen Jünglings in Erinnerung geblieben, der, wie 
viele Kinder psychopathischer Konstitution im Grunde sehr gutmütig 
war, aber zu Diebstählen bei seinen Angehörigen neigte. Immer wieder 
entwendete er den Eltern Gegenstände, die er versetzte, um den 
Ertrag mit Genossen zu verbringen. Er hatte ihnen so allmählich 
ihre sämtlichen Silbersachen, fast alles Hochzeitsgeschenke, geraubt 
G. war zudem exzessiver Onanist, der es täglich 4—5 mal zur Eja¬ 
kulation kommen ließ. Eines Morgens fanden ihn die Eltern er¬ 
schossen vor seinem Bette liegend. Der Abschiedsbrief, den er vor 
die Schlafzimmertüre der Eltern gelegt hatte, lautete wörtlich: 
„Meine liebe Mutter und lieber Vater. Ich stand jetzt 1 Stunde vor 
Eurem Schlafzimmer und lauschte, wie Ihr beide so ruhig schlieft. 
Bei Euren gleichmäßigen Atemzügen umklammerte meine Rechte 
den Browning, der Euch von mir erlösen soll. Ich habe Euch vielen 
Verdruß bereitet und Eure Güte schlecht vergolten. Wie es kam, 
ich weiß es selber nicht Wenn ich weiterlebe, fürchte ich, daß 
Ihr auch in Zukunft viel Leid durch mich erfahren werdet. Des¬ 
halb will ich Euch das Leben zurückgeben, das Ihr mir geschenkt 
habt Nehmt es mir nicht übel. Meine Absicht ist eine gute. Euer 
Sohn Friedei.“ Ein Vetter dieses Jünglings tötete sich neunzehn¬ 
jährig zwei Monate später unter ähnlicher Begründung. 

Wie bei den Selbstmördern ist es auch unter den jugend¬ 
lichen Verbrechern ungemein schwer, die Grenze zwischen 
Gesundheit und Krankheit, und bei Krankheit zwischen den einzelnen 
Psychosen — Hysterie, manisch-depressivem Irresein, Schwachsinn, 
beginnender Dementia praecox — zu ziehen. Man wird in der Mehr¬ 
zahl der Fälle sich mit der Sammeldiagnose: psychopathische Kon¬ 
stitution begnügen müssen. Da die Untersuchungen Gruhles und 
anderer ergeben haben, daß unter den jugendlichen Kriminellen 
ein verhältnismäßig hoher Prozentsatz krank ist — unter 105 Ver¬ 
wahrlosten fand Gruhle beispielsweise nur 15 Jungen körperlich 
und psychisch gesund —, sollte imbedingt gefordert werden, daß 
jeder Jugendliche vor seiner Aburteilung ex offizio 
einer spezialärztlichen Prüfung unterzogen wird. 


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Magnus Hirschfeld. 


Besonders zu erwähnen ist noch der erotisch betonte Degene- 
rationst}rpus, den man unter Zuhältern und Prostituierten 
zahlreich vertreten findet. Wer die Mühe nicht gescheut hat, die 
mißachteten Persönlichkeiten der Zuhälter innerhalb und außerhalb 
gerichtlicher Verwicklungen in ihrem Seelenleben zu erforschen — 
bisher ist dies nur sehr vereinzelt geschehen —, wird sich bald des 
Eindrucks nicht erwehren können, daß auch hier eine starke endogene 
psychopathische Komponente, erkenntlich vor allem an weitgehender 
Labilität und Suggestibilität mit allerlei exogenen wirtschaftlichen 
oder sonstigen Anlässen zusammentrifft. Das Alter, in dem die 
Mehrzahl der jungen Leute zum Zuhältertum gelang^, ist das er¬ 
weiterte Pubertätsalter, in dessen Verlauf sich der verhängnisvolle 
Vorgang gewöhnlich wie folgt abspielt: 

Zwischen dem sich überschätzenden, nach Selbständigkeit 
drängenden heranwachsenden Sohn und den um ihn besorgten 
Eltern entsteht allmählich ein Mißverhältnis. Der Sohn will einen 
neuen, den Eltern phantastisch erscheinenden Beruf ergreifen, Kino¬ 
schauspieler, Flieger, Rennreiter, Forschungsreisender i Vater und 
Mutter wollen davon nichts wissen, er soll werden, was Vater war, 
Kaufmann, Beamter, Offizier; der Sohn neigt dazu, sich bis tief 
in die Nacht herumzutreiben, die Eltern verweigern ihm den Haus¬ 
schlüssel, der Sohn glaubt mit 3 Mk. wöchentlichem Taschengeld 
nicht auskommen zu können, wobei das von den Eltern oft gänz¬ 
lich übersehene, von dem Sohn stark bewertete, aber verschwiegene 
erotische Moment eine nicht gering Rolle spielt. So häufen sich 
die Gegensätze und Zusammenstöße, bis der Sohn schließlich eine 
Nacht, dann mehrere Nächte überhaupt nicht nach Hause kommt 
Unter den sich feilbietenden Mädchen, die ihm gefielen, hat er 
eine getroffen, der e r gefiel. Sie nimmt ihn mit in eine Wirtschaft 
in ein Tanzlokal, bezahlt für ihn, dann geht sie mit ihm in 
ihre Wohnung — und der Zuhälter ist fertig. 

Oft genug besitzen die unfertigen, noch unverdorbenen Jüng¬ 
linge in ihrer Haltlosigkeit und Hilflosigkeit für die nicht er¬ 
loschenen mütterlichen Instinkte der Prostituierten eine 
besondere Anziehungskraft. Sie geben dem stellungslosen oder in 
seiner Stellung sich nicht wohl fühlenden Jüngling Unterkunft, 
Unterhalt und vor allem in reichlichem Maße Geschlechtsverkehr 
— und immer tiefer versinkt er in den Sumpf, aus dem eine Be¬ 
freiung seit Einführung des unglücklichen Gelegenheitsgesetzes, der 
Lex Heintze, viel schwieriger ist als ehedem. Früher konnten 
jugendliche Zuhälter, wenn ihr Charakter und Wille sich gefestigt 
hatte, mit Hilfe wohlmeinender Dritter verhältnismäßig leicht vom 
Weibe loskommen. Wenn jetzt der Vater seinen Sohn abholen 
will, heißt es bei der Berliner Dirne nur zu oft: „Wat, der hat ja 
Jeld von mia jenommen, der bleibt bei mia oder ick bring ihn rin 
von wegen ZuhältereL“ 

Ebenso leicht wie dem Zuhältertum und unter sehr ähnlichen 
Begleitumständen verfällt der in seiner sexuellen Triebrichtung noch 
nicht scharf differenzierte jugendliche Psychopath der männlichen 
Prostitution. Auch unter den Entstehungsursachen der weiblichen 
Prostitution im 3. bis 5. Lebenslustrum (also zwischen 15 und 


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Die Psychoneurosen der Entwickluogsjahre. 


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25 Jahren) ist neben den exogenen Anlässen, wie wirtschaftlichem 
und häuslichem Elend, schlechten Wohnungsverhältnissen, Hunger¬ 
löhnen, Zank und Streit in der Familie, die psychopathische Konsti¬ 
tution als oft gegebene endogene Vorbedingung nie außer acht zu 
lassen. 

In vielen Fällen konkurriert die psychopathische Konstitution 
mit manisch-depressivem Irresein, in einigen auch mit Imbezillität 
Ich habe wiederholt ausgesprochene Psychopathen in durchaus nicht 
anstaltsbedürftigem Zustande zu sehen Gelegenheit gehabt, die in 
jugendlichem Alter als Manischdepressive in Irrenhäusern waren. 
Neben schwachsinnigen Psychopathen gibt es intellektuell sehr 
hochstehende. In der von den Franzosen füs dägänäräs superieurs 
bezeichneten Gruppe jugendlicher und älterer Psychopathen gibt es 
viele, ohne deren Leistungen die Welt viel Wertvolles auf dem Ge¬ 
biete der Kunst, Wissenschaft und Technik entbehren würde. 

Es wäre nun noch nötig, auf die schwerste der sich gewöhn¬ 
lich im Pubertätsalter entwickelnden Psychosen einzugehen, die in 
der Mehrzahl der Fälle mit der Zeit zu einer völligen geistigen 
Verödung und Verblödung führt, auf die Dementia praecox, auch 
Hebephrenie und Schizophrenie genannt. Ein genaueres Eingehen 
auf (Lese organische Krankheit, die ihren anatomischen Ausdruck 
in dem Ersatz eingeschmolzener Nervenzellen der tieferen Hirnrinden¬ 
schicht durch wuchernde Gliazellen findet, würde aber den Rahmen 
meines Vortrags überschreiten. Nur das eine sei bemerkt, daß der 
Grund, weshalb diese Krankheit so häufig in den Entwicklungsjahren 
auftritt, d£urin zu suchen sein dürfte, daß das innere Sekret der 
Geschlechtsdrüsen entweder qualitativ oder quantitativ abnormal 
ist oder auf ein an und für sich fehlerhaftes Gehirn trifft, welches 
auf das als solches normale Sekret krankhaft reagiert. 

Wie der Eintritt erogener Stoffe in den Körper zur Zeit der 
Geschlechtsevolution neben den physiologischen Umwälzungen 
schwere pathologische Veränderungen des Nerven- und Seelenlebens 
zur Folge haben kann, so bewirb auch das Nachlassen und Auf¬ 
hören der Sexualfunktion im Klimakterium vielfach Störungen 
im Zentralnervensystem, wenn auch nicht ganz so häufige und weit- 
tragende wie im Pubertätsalter. Jedenfalls stellen die Wechseljahre 
für die Psyche und insonderheit für die sexuelle Psyche ebenfalls 
eine kritische Zeit erster Ordnung dar. In erster Linie erkranken 
auch hier wiederum neuropathische und psychisch belastete Per¬ 
sonen. 

Unter den nervösen Störungen des Klimakteriums sind am ver¬ 
breitetsten vasomotorische, die sich als Wallungen, aufsteigende 
und fliegende Hitze nicht selten mit Flimmern vor den Augen und 
Ohrensausen äußern. Oft sind diese Erscheinungen mit Schwindel¬ 
anfällen, Übelkeit, Ohnmachtsanwandlungen und kalten Füßen und 
Händen verbunden. Dabei besteht häufig Schlaflosigkeit Es dürfte 
schwer zu entscheiden sein, ob diese Zustände auf Hyperämie und 
Anämie, auf Hysteroneurasthenie oder auf innersekretorischen Ein¬ 
flüssen beruhen. Denn alles dies kommt als Wirkung der Invo¬ 
lution der Geschlechtsdrüsen in Frage. 


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164 


Magnus Hirschfeld. 


Höchst lästig sind bei Frauen gewisse neuralgische Sensationen 
im Rückbildungsalter, unter denen dieMastodynie — „irritable breast“ 
der englischen Ärzte — und der Pruritus vulvae et vaginae vor allem 
zu nennen sind. Die als Mastodynie bezeichnete Schmerzhaftigkeit 
der Brust ruft bei Frauen leicht die Befürchtung eines Brustkrebses 
hervor und kann damit den Ausgangspunkt schwerer Hypochondrien 
und Melancholien bilden. Ich sah einen solchen Fall, wo zur Am¬ 
putation der Brust geschritten werden mußte, trotzdem alle Ärzte 
Karzinom verneinten. 

Eine der unangenehmsten Erkrankungen im Klimakterium ist der 
genitale Pruritus, ein unerträgliches Brennen und Jucken in den 
Schamteilen, welches zu exzessiver Masturbation und förmlichen 
libidinösen und orgastischen Krisen führen kann. Ich habe Fälle 
von Pruritus beobachtet, in denen es in Verbindung mit hoch¬ 
gradiger Nymphomanie zu konvulsivischen Zuckungen kam. Auch 
die bloße Aufgeregtheit, Unruhe, Launenhaftigkeit und Heftigkeit 
im klimakterischen Alter ist nicht selten eine Folgeerscheinung 
örtlicher Reizzustände in den Genitalien; sie kommen aller¬ 
dings auch ohne diese vor. 

Die Schilderungen der dänischen Schriftstellerin Karin Michaelis, 
welche seinerzeit viel Aufsehen erregten, über Frauen „im gefähr¬ 
lichen Alter“, gehören in dieses Gebiet Es sind dies aber Aus¬ 
nahmen, die man nicht verallgemeinern darf. Im Gegenteil, eine 
depressive Stimmungslage, eine gewisse Traurigkeit und Verdrie߬ 
lichkeit Ängstlichkeit und Mutlosigkeit findet sich in den Wechsel- 
l^ren öfter vor als eine gehobene, freudig errege Gemütsverfassung. 
Dabei herrscht vielfach ein Gefühl der Insuffizienz und Überflüssig¬ 
keit Nahezu die Hälfte aller weiblichen Selbstmorde ereignet sich 
zwischen dem 40. und 50. Lebensjahre. 

Auch unter den Psychosen im Klimakterium kommen Manien 
verhältnismäßig wenig vor im Vergleich zu der Melancholie und Para¬ 
noia, welche die eigentlichen klimakterischen Geisteskrankheiten 
sind. Bei Frauen, die viel geboren haben und mit ihren Männern 
Zusammenleben, sind diese Leiden viel seltener, als bei ledigen, 
verwitweten, geschiedenen, kinderlosen oder solchen, die nur ein 
oder zwei Kinder hatten (verschiedentlich beobachtete ich sie bei 
Frauen, deren Männer sehr lange im Felde standen). Das gilt auch 
für die häufigste der klimakterischen Psychosen, die Paranoia. Sie 
entwickelt sich fast immer auf dem Boden einer nachweislich 
psychopathischen Familiensdisposition. Viele dieser Frauen glau¬ 
ben, daß sie auf elektrischem, magnetischem oder hypnotischem 
Wege von einem bestimmten Manne verführt, entjungfert oder ge¬ 
schwängert seien. 

In einem Schulfall, den ich beobachtete, handelte es sich um 
eine 46jährige unverehelichte Lehrerin Emma K. Sie war mir be¬ 
reits seit 16 Jahren bekannt, da ich ihre Mutter an einer schweren 
Geistesstörung (Altersverblödung) und ihren Vater an Neuralgien 
und Tremor behandelt hatte. Nach dem Tode der Eltern, die sie 
mit großer Aufopferung pflegte, ließ sich die ziemlich intelligente, 
aber etwas verschrobene und hysterische Tochter pensionieren und 


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Die Psychoneurosen der Entwicklungsjahre. 


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ging auf Reisen. Da sie ziemlich viel ererbt hatte, lebte sie ganz 
unabhängig und verbrachte ihre Zeit in Museen, Bibliotheken und 
Hörsälen. Als der Krieg ausbrach, befand sie sich seit einem hal¬ 
ben Jahr in Grenoble, um sich im Französischen zu vervollkomm¬ 
nen. Sehr erregt reiste sie über die Schweizer Grenze nach Genf, 
wo sie erkrankte. Als ich sie kurz darauf sah, bot sie folgendes 
Bild: Sie war ausschließlich von dem Gedanken beherrscht, ihr Pro¬ 
fessor in Grenoble hätte sich in sie verliebt und machte die grö߬ 
ten Anstrengungen, sich auf dem Wege drahtloser Telegraphie mit 
ihr in Verbindung zu setzen; man hätte sie zwar fälschlich als 
Franzosenfeindin und Spionin verdächtigt, aber er glaube an sie 
und ließe nicht von ihr ab. Hier in Deutschland mischten sich 
wieder andere in ihr Verhältnis mit dem Professor, den man ihr 
nicht gönne. Man hielte seine Briefe und Telegramme zurück, auch 
ihre würden nicht abgesandt Die Eaufleute in dem Bezirk, in dem 
sie wohnte, hätten auch schon von der Liebscheift gehört und nenn¬ 
ten sie hinter ihrem Rücken die Franzosenbraut. Man würde sie 
verhaften, wenn sie das Kind zur Welt brächte, das sie von dem 
Professor unter ihrem Herzen trage. — Die Untersuchung ergab, 
daß sie virgo intacta war. Wenn sie zu mir kam, war ihre erste 
erregte Frage, ob nicht ein Brief des Professors für sie unter 
meiner Adresse eingetroffen wäre. Diagnose: Klimakterisches Irre¬ 
sein. Prognose unter Berücksichtigung der starken erblichen Dis¬ 
position: dubia ad malam vergens. 

Auch beim Manne finden sich nicht selten zwischen 45 und 55 
psychische Alterationen, die man als Klimacterium virile bezeichnet 
hat (Mendel). Nach meiner Erfahrung treten diese Zustände bei 
Junggesellen, Witwern und feminin veranlagten Männern häufiger 
auf als bei verheirateten vom virileren Typus. Man kann ziemlich 
deutlich zwei Formen unterscheiden: die depressive-hypochondrisch- 
melancholische, die nicht gar so selten in diesem Alter zu Selbst¬ 
morden und Selbstmordversuchen führt, und die paranoide querula¬ 
torische. Beziehungs- und Verfolgungswahnideen pflegen beiden 
Formen eigen zu sein. Leichtere Fälle tragen den Charakter 
endogener Verstimmung und Skrupelsucht. 

Bezüglich des weiblichen Klimakteriums geht eine vielfach im 
Volke verbreitete Anschauung dahin, daß gewisse Störungen mit 
den Wechseljahren ihr Ende erreichen. Dies trifft auch bezüglich 
einiger Leiden tatsächlich zu, und zwar vornehmlich solcher, die 
mit der Geschlechtsreife und ersten Menstruation eingesetzt haben 
und jedesmal mit der monatlichen Regel wiedergekehrt sind. Mit 
der letzten Menstruation im Klimakterium pflegen diese Leiden 
nicht selten völlig zu verschwinden. Es gehören hierzu viele Fälle 
von Migräne, Hysterie, Epilepsie und namentlich auch Zwangsvor¬ 
stellungen quälender Art, die mit der Periode immer wieder er¬ 
scheinen. Wir sind damit schon in das Kapitel der Menstruations¬ 
neurosen und -psychosen gelangt, über die kein geringerer wie 
Krafft-Ebing eine ausgezeichnete Spezialarbeit geliefert hat. 
Es verrät den Scharfblick dieses großen Naturforschers, daß er 
die menstruellen Befindungsstörungen durch die Veränderungen 
des Blutdrucks und der Zirkulation für nicht hinreichend erklärt 


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Magnus Hirschfeld. 


ansah, vielmehr der Vermutung Ausdruck gab, dafi „hier die von 
Brown Söquard angenommene innere Sekretion der Ovarien 
entweder im Sinne einer bloßen Hypersekretion oder einer qua¬ 
litativ geänderten Absonderung zur Geltung kommen dürfte“. 

Auf die durch veränderte Eierstocksekretion bewirkte qualitative 
autotoxische Blutänderung führt Krafft-Ebing einmal die psy¬ 
chischen Menstrualstörungen zurück, wie gesteigerte Reizbarkeit und 
Stimmungsanomalien, ferner Affektionen sensibler Nervengebiete, 
wie Neuralgien, Paralgien, Cephaleia, dann aber auch vasomotorische 
Menstrualsymptome in Gestalt ■ von wechselnder Blässe, Rötung, 
Kälte, Zyanose der Extremitäten, Ohnmachtsneigungen, Salivation, 
profusen Schweißen, während er bei anderen vasomotorischen Er¬ 
scheinungen in Körperteilen, die in einem Konsensus zu den Men¬ 
struationsorganen stehen, wie der menstruellen Anschwellung der 
Mammae, der Schilddrüse, der Nasenschleimheit, einen solchen Zu¬ 
sammenhang nicht annimmt. Nicht immer bleibt es bei den er¬ 
wähnten leichteren nervösen und psychischen Begleiterscheinungen 
des Unwohlseins, es kommt zu weiter- und tiefergehenden Altera¬ 
tionen. Bei manchen Frauen steigert sich das weinerliche, verdrie߬ 
liche Wesen bis zum stumpfen Hinbrüten, feindlicher Reaktion 
gegen die Außenwelt, Furchtsamkeit — nach einer Statistik Hellers 
hatten unter 40 Selbstmörderinnen 35 die Periode —, bei anderen 
Frauen geht die Erregbarkeit bis zu Zornexplosionen, starker Un¬ 
ruhe und Vielgeschäftigkeit, Drang umherzulaufen, einzukaufen, 
reinzumachen (Waschsucht), einige quälen sich und ihren Mann 
durch Eifersuchtswahn oder sie werden gar kriminell, indem sie in 
ungehemmter Aufgeregtheit Ehrenbeleidigungen, Hausfriedensbruch, 
Brandstiftungen verüben. Ich hatte einen Fall zu begutachten, in 
dem eine Prostituierte wiederholt in der Menstruation auf andere 
Dirnen losgeschlagen hatte, einen anderen, in dem eine Dame der 
besseren Gesellschaft in dieser Zeit Herren auf der Straße die Zunge 
herausstreckte. Beide wurden freigesprochen. Nicht selten ist 
während der Menstruation eine Abschwächung des Gedächtnisses 
und der Urteilsfähigkeit bemerkbar und sehr häufig sind die 
Perioden von bestimmten Zwangsvorstellungen begleitet; so suchte 
mich eine Frau auf, die beruhigt sein wollte, weil sie sich seit Be¬ 
ginn des Weltkrieges bei iedesmaliger Regel mit dem Gedanken 
abquäJte, sie würde geisteskrank werden, wenn ihr Mann fiele. 
Unter den zwangsmäßigen Antrieben, die menstruell rezidivieren, 
nimmt die Dipsomanie eine der ersten Stellen ein. Bei den men¬ 
struellen Quartaistrinkerinnen, die ich selbst beobachtete, wurden 
allerdings von einem Anfall zum anderen meist eine Reihe von 
Menstruationen überschlagen. Unter den eigentlichen Menstruations¬ 
psychosen stehen die maniakalischen Exaltationen an Häufigkeit 
an erster, die melancholischen Depressionen an zweiter Stelle. Der 
Rest der Zustandsbilder trägt degeneratives Gepräge, 

Auch menstruierende Zeuginnen, sowohl solche, die es während 
ihrer Vernehmung sind, wie solche, die es zur Zeit der Vorfälle 
waren, über die sie gehört werden, soll man mit Vorsicht bewerten. 
Namentlich bei Schwachsinnigen nimmt die geistige Einengung zur 
Zeit der Menstruation zu. In einem Mordprozeß, zu dem ich als 


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Die Psychonearosen der Entwicklangsjahre. 


167 


Gutachter zugezogen war, bemerkte man, wie der Hauptbelastungs- 
zeugin, einer psychopathischen Prostituierten, während ihrer stun¬ 
denlangen Befragung vor aller Augen das Menstrualblut abträufelte, 
so daß sich am Ende ihrer Aussage an der Stelle, wo sie stand, 
eine ansehnliche Blutlache gebildet hatte. Die Beeinflußbarkeit 
dieser Zeugin, der Freundin der Ermordeten, mit der sie bis un¬ 
mittelbar vor ihrem Tode zusammengewesen war, grenzte an 
Echolalie. Sie sollte die Frage entscheiden, ob ein Angeklagter 
mit dem Beinamen „Schifferernst“ tatsächlich mit dem Manne iden¬ 
tisch sei, mit dem sich ihre Freundin in die Kajüte eines Spree¬ 
kahns begeben hatte, in der sie dann getötet wurde. Sie bejahte 
dies. Ich legte als Gutachter klar, dä eine solche Feststellung 
auf dem schwachen Fundament der Bekundung einer jugendlichen 
Straßenprostituierten, die sich noch im Pubertätsalter befände und 
zudem gerade menstruierte, nicht aufgebaut werden könnte. Die 
Geschworenen schlossen sich dieser Auflassung an. 

Ähnlich wie gelegentlich bei Männern klimakterische Neurosen 
und Psychosen vorgekommen, ohne daß streng genommen vom 
Klimakterium im Sinne einer Menopause die Rede sein kann, kom¬ 
men auch ausnahmsweise bei männlichen Personen Rudimente 
menstrueller Störungen vor, die stark an das weibliche Unwohlsein 
erinnern. Namentlich bei sehr femininen Männern, und unter diesen 
besonders häufig bei Transvestiten, habe ich solches beobachten 
können. 

Dieselbe Rücksicht wie das menstruierende verdient auch das 
schwangere und entbindende Weib, ebenso dieWöchnerin und 
die stillende Mutter. Denn ebenso wie während der Pubertät, der 
Menstruation und dem Klimakterium erleidet auch während der 
Gravidität, der Niederkunft, im Wochenbett und in der Stillzeit das 
ganze Getriebe des Körpers und der Seele, besonders aber das 
Drüsenleben eine vielgestaltige Beeinflussung, von der nicht selten 
das gesamte Nervensystem, sei es vorübergehend, sei es dauernd, 
schwer betroffen wird. Kommen doch hier zu der qualitativen 
innersekretorischen Blutveränderung quantitative, wie veränderter 
Blutdruck und Gehimdruck hinzu, außerdem direkte psychische Er¬ 
schütterungen, ferner die Erschöpfung durch die Geburtsarbeit, der 
Blutverlust, der Einfluß der Schmerzen, die plazentare Autointoxi¬ 
kation oder womöglich gar Infektionen und Embolien, kurz eine 
Menge Schädigungen und Gefahren, die es begreiflich machen, daß 
namentlich dort, wo eine endogene Dispositionsschwäche gegeben 
ist, nur zu leicht Störungen Platz greifen. 

Im einzelnen muß hier auf <üe Lehrbücher für Gynäkologie 
verwiesen werden, nur sei angeführt, daß der Häufigkeit nach unter 
den Generationspsychosen die des Geburtsalrts und Wochen¬ 
betts an erster Stelle stehen, die der Laktation an zweiter, die der 
Schwangerschaft an dritter; ihrem psychopathologischen Gesamt¬ 
charakter nach erinnert die Stillzeit am meisten an die Wechsel¬ 
jahre, das Puerperium an die Pubertät und die Schwangerschaft 
an die Menstruation. 

Dementsprechend prävalieren in der Gravidität depressive und 
angstvolle Affekte neben manischen Verstimmungen. Im Wochen- 


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168 


Max Schneidewin. 


bett können alle möglichen Arten von Geistesstömngen znm Ans- 
dmck gelangen. Besonders hänfig aber tritt in dieser Phase die aknte 
hallnzinatorische Verwirrtheit (Amentia) anf. In der Gebnrtsperiode 
selbst ist namentlich bei nenropathischen nnd hysterischen Franen 
nicht selten eine impnlsiye Neigung zn Gewaltakten beobachtet worden, 
die Wnt der Gebärerinnen, die sich besonders anch gegen das eigene 
Kind richten kann. In der Literatur sind Fälle beschrieben, in denen 
psychopathische Wöchnerinnen in einem unbewachten Augenblick das 
eben geborene Kind an die Wand schleuderten, ans dem Fenster herans- 
warfen, erwürgten oder erdrückten. Kein Fall von Kindesmord 
sollte ohne Hinzuziehung eines ärztlichen Sachverständigen abgeurteilt 
werden. Die in der Säugezeit auftretenden Seelenstörnngen unter¬ 
scheiden sich insofern von den übrigen Generationspsychosen, als sie 
chronisch und unheilbar zn sein pflegen. Namentlich die Wahnvor¬ 
stellungen der Paranoia nehmen von cUeser Zeit ihren Ursprung, aber 
auch Melancholien, Manien, Verwirrtheitszustände und vor allem Angst¬ 
zustände mit Zwangsgedanken sind in der Laktationsperiode vertreten. 

In unehelichen Schwangerschaften wirken naturgemäß neben 
den endogenen auch die exogenen Gründe auf ein labiles Nervensystem 
ßehr nachteilig ein, ja psychopathische Mädchen und Frauen können 
durch sie ganz ans der Fassung gebracht werden. Dieser Gesichts¬ 
punkt darf bei der Strafverfolgung krimineller Aborte nicht außer acht 
gelassen werden. 

Ich denke, daß die Übersicht, die ich meinem Vortrage über die 
Psychoneurosen der Entwicklnngsjahre gegeben habe. Ihnen gezeigt 
haben wird, welchen außerordentlichen Einfluß die Evolutions- und 
Involutionsvorgänge in den Geschlechtsdrüsen auf das menschliche 
Fühlen, Denken, Wollen nnd Handeln haben. 

Lassen Sie mich mit dem Wunsche schließen, daß dies in der 
praktischen und forensischen Medizin mehr Beachtung findet, 
als es bisher der Fall war. 


Einmal etwas mehrseitigere Gedanken 
zum Geburtenrückgang. 

Von Prof. Dr. Max Schneidewin 

in Hameln. 

Alles in der Welt hat seine verschiedenen Seiten. Darauf fühle 
ich mich förmlich gestoßen, wenn ich sehe, daß alles, was über den 
Bückgang der Geburten geschrieben wird, immer von einem Gesichts¬ 
punkt ans orientiert ist, der hier einmal etwas drastisch gekennzeichnet 
werden soll: von dem Gesichtspunkte der Zahl der Gewehrläufe, welche 
vom Arme deutscher Männer dermaleinst einem Feinde entgegengehalten 
werden können. Es muß doch aber mehr Blickpunkte för die Be¬ 
urteilung dieser jetzt mit Recht so viel und ernstlich betrachteten 
Erscheinung geben. Ein freieres Wort möge auch einmal zu Gehör 
kommen. 


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Einmal etwas mehrseitigere Gedanken zum Geburtenrückgang. 


169 


Ich fhr meine Person bin von Eduard y. Hartmann ans für jene 
immer gleiche Auffassung in Sachen des Geburtenrückganges vorberei¬ 
tet. Dieser große Denker teilt sie nämlich vollständig, nur in viel 
tieferer Weise begründet. Wie sie sonst zum Vorschein zu kommen 
pflegt, muß man wirklich schweren Anstoß daran nehmen. Welchen 
Sinn hat denn eigentlich ein Dasein, in dem große Völker immer ein¬ 
ander gegenüberstehen müssen, um in Bereitschaft, gegeneinander 
massenhaft loszumorden, ihren Besitzstand zu verteidigen? Könnten 
sie nicht, jeder einzelne wirklich einmal aus „vitalem Interesse“ sich 
darüber einigen, sich diesen Besitzstand, wie er geworden ist, zu gönnen, 
könnten sie nicht bei einer für solchen grundeinfachen Gedanken leicht 
möglichen Gmndehrlichkeit das Vertrauen ineinander entzünden, daß 
keine Falle dahinter läge, daß nicht der gedankenlos oder rücksichts¬ 
los schlauere die anderen in falsche Sicherheit wiegen wollte, um sie 
zu überfallen? Welchen Sinn hat es denn eigentlich, in der gleichen 
Lage einer kurzen Existenz, in der doch auch die Möglichkeit zu so 
vielem Guten und Schönen lie^, diese Existenz sich zu verderben durch 
ewig mörderische Bedrohung ihrer Voraussetzung, eines heil gelassenen 
Lebensorganismus, auf dem allein aller Ertrag der Existenz erblühen 
kann ? Und welche Begeisterung soll man haben können für ein Dasein, 
dessen Sicherheitsgefühl immer bedroht wird, nicht nur durch die Natur 
mit Krankheit, gegen die aber der ruhmvollste Kampf im Gange ist, 
sondern auch durch die Mitpassagiere auf der Lebensfahrt, in deren 
Vermögen es doch gelegt ist, sich statt dessen die gemeinsame Reise 
von Geburt zu Tod möglichst glücklich zu gestalten ? Warum geboren 
werden, um ein „Vaterland zu verteidigen“, das man nicht hat, wenn 
man nicht geboren wird und ohne etwas zu entbehren in dem Zustand 
bleibt, in dem man immer war? Kurz, man fühlt so viel gegen die 
Logik der Denkweise, in der immer der Rückgang der Geburten be¬ 
handelt wird, und die eben kurz angedeuteten, ans dem dunkeln Schoße 
eines allgemeinen Gegengefühls aufsteigenden Gedanken mögen genügen, 
um andere daran zu erinnern, was es ungefähr ist, das sich gegen die 
übliche Beklagung des Geburtenrückganges immer aus dem einzigen 
Gesichtspunkte des nationalen „Gerüstetseins“ regt. 

Bei Eduard v. Hartmann also hat der Enthusiasmus für eine mög¬ 
lichst stark fortschreitende Bevölkerungszahl wenigstens eine viel tiefere 
Begründung. Er sieht die Welt durchaus an im Lichte eines Welt¬ 
prozesses, der zweckmäßig von der Vorsehung geleitet einem absoluten 
Ziele zuführt, und dessen scharfe Anspannung möglichst schneller 
Erreichung des Zieles eine Haupteigenschaft von ihm sei. Das Mittel 
zur Anspannung aller Kräfte ist aber immer die Konkurrenz, und 
deshalb ist, um Versandung des Prozesses zu verhüten, die Steigerung 
der Geburtenmenge das im Sinne des Weltprozesses Seinsollende. 

Ich habe nun selbst gegen die imposante E. v. Hartmannsche 
Kosmonomie und Geschichtsphilosopbie sehr viel auf dem Herzen und 
habe es auch schon öfters ausgeführt, namentlich in meinem „Offenen 
Brief an E. v. Hartmann“ (1892). Aber bei ihm ist doch in dieser 
Frage, ob die immer weiter gehende Steigerung der Zahl der Geburten 
ein Gut sei, weit ausgeholt und hoch hinausgeschaut, und ein freilich 
seltsamer Zusammenhang mit freilich halbbefremdlich konzipierten aller¬ 
größten Dingen hergestellt. Dagegen ohne weiteres davon auszugehen, 

Zeitschr. 1 SezualwiiBengehaft IIL 4. 12 


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170 


Max SchDeidewin. 


sich dabei zu beruhigeo, und es als recht und gut hinzunehmen, daß 
eine Kampfbereitschaft europäischer Völker wider einander bestehe, daß 
der nun schon seit Jahrzehnten im Gange befindliche Wettlauf immer 
stärkere Rüstung zu etwa notwendiger Gegenwehr — bei der doch 
auch solche, die angreifen wollen, vorausgesetzt werden — löblich, 
mindestens gar nicht zu vermeiden und durch nichts anderes zu ersetzen 
wäre — dies als eine Lebensanschauung in sich zu tragen, bei wenig 
bedachtem Untergrund, wie so denn eigentlich die Gottheit es so ge¬ 
wollt haben möchte, wie so denn der allgemeine Kampf in der Natur 
auch für den Menschen maßgebend sein könne, und bei einem doch be¬ 
absichtigten allerdings hohen und schönen Oberbau der Ideale von natio¬ 
naler Ehre, Herrlichkeit und Wohlfahrt, die aber doch vielleicht auch 
anders erreicht werden könnten — die Vorbedingung sein mußte, dies 
alles will mir nie in den Sinn, und bei jedem auch ohne Voreingenommen¬ 
heit begonnenen Lesen einer Klage über den Geburtenrückgang fühle 
ich mich von Beklemmung über solche Voraussetzungen und solche Be¬ 
scheidenheit der Anforderungen an Vernunft und Güte des menschlichen 
Seins überwältigt. Auf mich kommt es ja dabei nicht an, aber ähnlich 
fühlen müssen alle, die nicht gerade so ausdrücklich im Fahrwasser 
nationalistischer Gesinnung schwimmen und sich nicht daran in einer 
doch auch sonst wahrhaftig rätselvollen Welt genügen lassen. 

Die Jugend um das zwanzigste Jahr herum und noch früher liest 
jetzt den Schopenhauer. Daraus trägt sie eher Eindrücke davon wie 
den Zweifel, ob der Mensch es wirklich verantworten könne, neue 
Wesen seiner .4.rt ins Leben zu rufen „wie dieses*'; das Leben könne 
man ja auch auffassen als „eine unnötigerweise störende Episode in der 
seligen Ruhe des Nichts“. Nun, die war weder selig noch unselig, weil 
das Ich noch nicht da war, auf das allein diese beiden Prädikate be¬ 
zogen werden können. Ich will diesen Melancholismen, die auch nicht 
ganz über den Verdacht erhaben sind, daß sie mit einer gewissen Koket¬ 
terie mit dem Paradoxen gesprochen sind, nicht das Wort reden. Aber 
daß man so tut. als ob diese Seite der Sache überhaupt nicht vorhanden 
wäre, das ist doch auch wieder nicht richtig und des hohen Ernstes 
der Frage nicht würdig. 

Im Altertum gab es oft Vorträge in den Philosophenschulen, griechi¬ 
schen und später sogar auch römischen, über das Thema als ein ethi¬ 
sches: Soll man eine Gattin heimführen oder nicht? Da war wohl die 
Lust an rhetorischer Übung mit im Spiele, aber ich kenne auch in 
unserer Zeit ernste Männer von entschieden sittlicher Gesinnung, und 
nicht nur solche, die von Schopenhauer beeinflußt waren, die es als eine 
schwere Gewissensfrage auf sich tr^en, ob sie sich auf eine Institution 
einlassen dürften, an die die Weiterpflanzung des menschlichen Ge¬ 
schlechtes geknüpft ist. Einige von diesen haben aus dieser Bedenk¬ 
lichkeit sich die Ehe endgültig versagt, auch der Fall ist yorgekommen, 
daß sich ein modernes Ehepaar von Anfang an geeinigt hat, von Nach¬ 
kommenschaft aber absehen zu wollen. Für den Fall zu befürchtender 
Übertragung von schwerer Belastung mit Krankheitsprädisposition hätten 
ja solche Vorkommnisse nichts Befremdliches an sich, davon aber war 
hier nicht die Rede. Daß Eltern, denen ein „unglückliches“ Kind oder 
gar mehrere solcher zuteil wurden, oder welche Kinder einem der 
.Würgeengel der frühen Lebenszeit qualvoll erliegen sehen mußten, solche 


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Einmal etwas mehrseitigere Gedanken zum Geburtenrückgang. 171 


-Gefühle hegen können, daß sie die Kinder überhaupt nicht ins Leben 
gemfen haben möchten, ist doch wohl in sich verständlich und eine 
gewiß nicht seltene Tatsache. 

Die von dem Bückgang der Geburten hervorgerufenen Gedanken 
haben also doch gewiß nicht nur die eine Seite, die man jetzt stets allein 
bedacht findet. Man denkt jetzt immer nur daran, was Kinder, die leider 
nicht geboren seien, für ihr Vaterland hätten werden können. Dabei 
kommt man, ohne es zu merken, auch wieder in einen Konflikt mit dem 
Grundgedanken eines andern großen Weltweisen, der sich sonst beson¬ 
derer höchster Verehrung, auch wegen seiner sittlichen Strenge erfreut, 
Immanuel Kants. Dieser hat zum Merkmal des sittlichen Handelns im 
Verhältnis zu den Menschen die Maxime gemacht, daß man die Würde 
einer vernünftigen Persönlichkeit in jedem Menschen so hoch schätzen 
müsse, daß man ihn nie als Mittel zum Zweck, sondern stets als Selbst¬ 
zweck behandle. Wenige Gedanken an das praktische Leben genügen, 
das als eine nicht immer rein durchzuführeude Verstiegenheit zu er¬ 
kennen. Aber das ganze Geborenwerden der Menschen so ausschließlich, 
■wie das jetzt immer geschieht, unter den Gesichtspunkt eines Zuwachses 
zur vaterländischen Macht zu stellen, das erscheint doch als eine starke 
Versündigung gegen den gesunden Kern des Kantschen Fundamental- 
satzes. 

Über den — übrigens ja noch maßvollen und nur relativen, im 
Vergleich zu ein paar Jahrzehnte lang ganz ungewöhnlicher Volks- 
vermehrung hervortretenden — Bückgang der Geburten in Deutschland 
liest man also nie anders als im Ton der Klage über ein Unglück und 
der Entrüstung über eine grobe ünsittlichkeit sich äußern. Wer Gegen- 
empfindnngen dawider hat, dem darf man also auch das Becht nicht 
versagen, sie auszusprechen, wenn er selbst bereit ist, ihr Odium in 
vieler Augen auf sich zu nehmen. So mußten denn in den Feuerwein 
hochsittlicher Überwallung auch einige Kellen kühler, mehrseitiger 
Vemunfterwägung gegossen werden. Es ist nun aber Zeit, auch da¬ 
wider zu bekennen, daß diese Erwägungen nicht in dem Sinne eines 
lebensfeindlichen Pessimismus und eines orientalischen Quietismus, unter 
Verkennung hochgemuter abendländischer Lebensfreudigkeit und der 
deutschen Begeisterung für eine große Zukunft des deutschen Volkes 
gemeint sein sollen. Es gibt in den Möglichkeiten des Menschenschick¬ 
sales auch so viele gute und schöne Lose, daß es sich wohl verlohnt, 
an der Lotterie des Lebens teilzunehmen; und darüber, daß ein großer 
Teil der gezogenen Lose doch Nieten sind, hebt die von der Natur 
eingeflößte instinktive Liebe zum Leben hinweg. Ferner gibt es eine 
herzerfreuende nicht seltene Erfahrung, daß ein zahlreicher Familien¬ 
bestand gerade mit besonders hingebungsvoller Lust und Kraft der 
elterlichen Erziehung verbunden war, und daß dann gerade aus der not¬ 
wendigen Einfachheit und Bescheidenheit der Lebensgewöhnung der 
Kindheit die tüchtigsten Menschen hervorgingen. Endlich ist es ein 
urdeutsches sittliches Gefühl, „die Zahl der Kinder nicht zu beschrän¬ 
ken“ (Tac. Germania c. 19). Den Primanern erklärt das der Lehrer 
begreiflicherweise dahin, daß also die spartanische eventuelle Kinder¬ 
aussetzung oder die römische väterliche Gewalt über Leben und Tod 
seiner Kinder nicht bekannt gewesen sei; aber Tacitns berichtet das 
offenbar, wie so manche Züge, in einer deutlich zwischen den Zeilen 

12 * 


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Max Schneidewin. 


ZU lesenden kontrastierenden Verurteilnng römischer, nnter seinen Zeit' 
genossen anfgekommener Unsitte und in darin eingeschlossenem herz¬ 
lichen Wohlgefallen an der Reinheit des germanischen Urvolkes. Das 
numsinm finive bemeht sich offenbar anch bei Tacitns auf Verhütung 
der Empfängnis. Über alle spätere entschuldigende Reflexion hinaus 
erscheint das also als ein natürliches Gmndgefuhl, daß die Natur 
walten zu lassen allein das Unsträfliche sei. 

Und dennoch gleitet man noch einmal in die Bedenklichkeiten 
hinüber. Angenommen, daß dieses Waltenlassen allgemein geschähe, 
so könnte dagegen weder die Gesundheit und Sparsamkeit der meisten 
Frauen, noch die Erwerbskraft der meisten Männer aufkommen. Es 
muß geradezu als eine Gewißheit gelten, daß der Grad der Volksveiv 
mehrung zu dem die Natur sich dlein drängt, fast überall yom Men> 
schenwUlen mehr oder weniger eingeschränkt wird. Daß jemand in 
seinem Handeln dem Motive folgt, der Überarbeitnng, der Not und dem 
Elend zu entgehen zu suchen, ist natürlich tadellos, dem Motive, auch 
andere davor zu behüten, die nur durch ihn ins Elend geraten würden, 
in noch höherem Grade Pflicht. Die Frage ist aber, wie weit auch 
zu große Bequemlichkeit, zu große Eigenliebe, zu wenig Opferhereitbeit 
der Frauen, in einem Vergnügungsleben und einem von Eitelkeiten be¬ 
seelten gesellschaftlichen Treiben sich so lange Karenz anfzulegen, 
neben jenen berechtigten Motiven mit im Spiele sind. Und da wird 
wohl für die Klage und Entrüstung derer, die immer in solchen Moll¬ 
tönen auf den Geburtenrückgang zu sprechen kommen, in tatsächlichen 
Zuständen eine Quelle bestehen, ans der sich gerechte Klage und Ent¬ 
rüstung speist. Da sollten gewiß viele tausende deutscher Ehebünde 
an ihre Brust schlagen müssen, daß sie nicht im Sinne der besten Ver¬ 
nunft der menschlichen Dinge handeln. Wenn dagegen die bäuerische 
Bevölkerung alten Schlages bewußterweise in dem Sinne lebte, daß 
eigene Kinder wohlfeilere Hilfsarbeitskräfte für die Summe aller müh¬ 
seligen Tätigkeit der Landwirtschaft stellten als Knechte oder Tage¬ 
löhner, so kam sie zwar den Staatswünscben und der alten Volksethik 
entgegen, aber aus persönlichen Antrieben, die zwar nicht zu verwerfen, 
aber doch auch nicht ausdrücklich zu verherrlichen sind. 

Würde nicht anch ein, dem reinen Naturwillen gehorchendes Leben 
eine Konkurrenz um Nahrung und die Beschaffung der notwendigen 
Bedürfnisse hervorrufen, die ins Unstillbare, Unerträgliche sich steigern 
würde? Die notgedrungene Güter schaffende Arbeit der zu vielen 
würde eine Masse von Gütern schaffen, nach denen keine Nachfrage 
bestände, die also aufhörten Güter zu sein und deren Preis so sehr 
sinken wflrde, daß er auch nicht die Entlohnung für die Bestreitung 
des Notwendigsten abwerfen würde. Denn der einzelne Mensch kann 
täglich mehr hervorbringen als was dem Geldwerte entspricht, den er täg¬ 
lich gebraucht. Woher sollten also da für die Abnehmer kommen? Denn 
die sehr große Mehrheit der Verbraucher ist nicht in der wirtschaftlichen 
Lage, so viel von zu vielen Gütern bezahlen zu können. Eine lichte Per¬ 
spektive ist da nur die Verkürzung der Arbeitszeit, die für das Wohl¬ 
befinden der Arbeitenden und ihre Möglichkeit, sich auch freier mensch¬ 
lich ausbilden zu können, günstige Aussichten eröffnet. Und nun denke 
man an den Teil der Volksvermehmng, der sich auf die Distribution 
der Güter, den Handel, und auf die Bekleidung staatlicher Ämter und 


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Einmal etwas mehrseitigere Gedanken zum Geburtenrückgang. 


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die sogenannten freien Bernfsarten wirft! Immer wieder wird das Gebiet, 
das die durch den BeTölkemngszuwachs Hinzukommenden durch ihre 
Arbeit bestellen können, größer als das, welches ihnen durch die Be¬ 
dürfnisse der Neuhinzukommenden zu Gebote bestellt werden kann, 
d. h. immer wieder neigt sich die Lage zu erschwerter Möglichkeit 
lohnender Arbeit 

Diese Betrachtungen sprechen wieder gegen den leichtherzigen 
Jubel über immer wachsende Zahl der Vaterlands Verteidiger und gegen 
die Klage, wenn in die Steigung ein gemäßigteres Tempo hinein¬ 
kommt. Da tritt aber in dem Gedanken, dem Überschuß der Bevölke¬ 
rung Neuland auf der weiten Erde zu schaffen zu suchen, oder einmal 
kurz gesagt, dem kolonialen Gedanken, dem andern hilfreichen Ge¬ 
danken von der Arb^itsverkürzung ein sehr mächtiger Bundesgenosse 
zur Seite. Freilich kann man zunächst sagen: Wenn sich nicht ein 
Zuviel von Nachwuchs ins Dasein drängt, braucht man sich Uber seine 
Unterkunft auch keine Not zu machen. Dem entgegen aber hebt sich 
nun doch ein großer Gedanke von idealer Bedeutung für die Nation, 
ja für die ganze Menschheit, ein Gedanke aus tiefem imd weitblicken¬ 
den geschichtlichen Geiste geboren. Die hochbegabtesten, wie man es 
ausdrücken will, von der Natur oder von Gott dazu berufenen Herren¬ 
völker sollen auch wirklich Herren auf der ganzen Erde werden, nicht 
zur versklavenden Ausbeutung der niedriger veranlagten, sondern ein 
Vorbild unter ihnen, auch sie nach Maßgabe ihrer Kräfte möglichst zu 
heben, und in Verbindung mit ihnen die auf der Oberfläche der Erde 
und unter ihr auf den Dienst der Menschheit noch ungehoben lauernden 
Schätze ans Licht zu schaffen. Das Freiland auf der Erde ist durch 
Menschenalter gewaltiger Auswanderungen mächtig zurückgegangen. 
Aber jetzt sind auch diese Auswanderungen ihrerseits bekanntlich in 
sehr starkem Zurückgänge, weil das Motiv zu ihnen durch sehr er¬ 
schwerte Hoffnung auf leichtes Fortkommen in der Feme an Wirkungs¬ 
kraft sehr verloren hat. Und das ist auch gut. Denn an sie knüpfte 
sich die betrübende Erscheinung, daß bei den deutschen Auswanderern 
das innere Gut ihrer Nationalität binnen ein paar Generationen unter 
der Macht der Verfremdung unterging. Dennoch bleibt noch Neuland 
genug außerhalb der großen Hauptflächen fremder Erdteile, die als die 
günstigsten für die Besitzergreifenden zuerst in Beschlag genommen 
sind. Auf solche hat das deutsche Volk zunächst sein Auge geworfen 
für seinen Geburtenüberschuß. Es hat als ein so groß gewordenes und so 
Großes und Gutes für die Art, wie es seine Aufgabe in Angriff nehmen 
würde, verheißendes Volk ein inneres Anrecht darauf, und bei gutwilli¬ 
gem Verständnis dafür sollte auch der Gedanke bei andern Völkern, 
dem mit Gewalt entgegenzntreten, als ein häßlicher Egoismus unter¬ 
drückt werden können. Täte sich aber nur der Gedanke auf, daß der 
Kampf aller gegen alle dem Stärkeren die Beuten zuwerfen müßte, dann 
hinge sich freilich wieder schwarzer Schatten an die Hauptursache davon, 
das allzustarke Wachstum der Bevölkerung. Denn die vorgeschrittensten 
und liebreichsten Geister sind nun einmal so weit, daß sie die Hiuüber- 
ziehung dieses äußerlich gewalttätigen Kampfes aus der Tierwelt, wo 
er in notwendig unkritischem Nichtwissen dessen, was man tut geführt 
wird, in die Menschenwelt, die das Ideal der Gerechtigkeit und Güte 
aus sich erzeugt, ganz und gar nicht mehr verstehen können und in 


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174 


Max Schneidewin 


ihm eine Beleidigung der Schöpfung nnd der Menschheit empfinden. 
Wer die herrlichen Anfänge internationaler Organisationen über¬ 
blickt nnd den wahrhaft gnten menschenwürdigen Geist, in dem sie ge¬ 
schaffen werden, nachempfindet, der wird in diesen, nnd nicht in immer 
fortgesponnenen, immer yemichtnngsvoller werdenden Kriegen das Wappen 
der Znknnft, einer nicht mehr fernen Znknnft des Menschengeschlechts 
erblicken. — 

Eine Genngtnnng dürften doch anch die, welche von den nnn all¬ 
jährlich sich wiederholenden statistischen Mitteilungen über andanemden 
nnd sich langsam immer noch etwas verstärkenden Rückgang der Ge¬ 
burten am meisten schmerzlich ergriffen werden nnd sich entrüsten, an 
dieser Tatsache empfinden; im Verhältnis mnfi doch anch die Zahl 
,,unglücklicher‘* Kinder oder solcher, von denen es im Leben teilnahms¬ 
voll heißt, daß ihnen mit ihrem Geborensein kein Dienst geschehen sei, 
geringer werden. Wenn es doch möglich wäre, daß um diese jeden¬ 
falls die Zahl der Geburten zurückginge! Mehr als man zunächst be¬ 
denkt, wäre es vielleicht möglich, weil auch in manchen Fällen Eltem- 
schuld dabei in Betracht kommt. 

Höchst merkwürdig ist es, daß in Frankreich das „Zweikinder¬ 
system“ durch das seit 1871 begonnene nnd vier Jahrzehnte unentwegt 
fortgeführte Wettlaufen um Ausrüstung und Zahl des Kriegsheeres 
wenig oder gar nicht modifiziert erscheint (Denn daß die Nation unfrei¬ 
willig und unabänderlich in ihrer Generationskraft so sehr geschwächt 
sei, würde schwerlich ein Sachverständigenkollegium des inzwischen 
kultivierten zuständigen Wissenschaftsgebietes jndizieren). Der daraus 
zu ziehende Schluß ist sicher; daß also eine eingefieischte Gewöhnung 
des privaten divisorscheuen Egoismus stärker sein muß als der Patrio¬ 
tismus und die Begeisterung ^r nationale Größe. Für Deutschland ist 
das eine Gunst des Schicksals. Denn es wird dadurch von seinem Geg¬ 
ner selbst in die Lage versetzt, einen neuen und allergrößten Krieg 
mit Frankreich, zu dem es jederzeit völlig vorbereitet ist, den es aber 
keineswegs herbeibegehrt, so lange nicht zu führen zu braucbeu, bis 
etwa Frankreich einmal von aller Vernunft in der Abschätzung der 
Chancen verlassen wäre. Denn bei klarer und kühler Erwägung müßte 
es immer selbst einsehen, daß es den ungeheuren Vorsprung der deut¬ 
schen Volkszahl, bei höchstens gleicher Kriegstüchtigkeit, auf keine 
Weise ausgleichen könnte. Frankreich bat sich durch seine eigene popu¬ 
lationstechnische Praxis selber zu — dem b e s s e r n Teil verurteilt, konse¬ 
quenterweise in einer ihm einmal aufgehenden Eingebung um einen 
freundlich nachbarlichen Bund mit Deutschland zu werben, zu dem 
ihm die ehrlich dargebotene Hand sicherlich nicht auf mangelnde 
Gegenliebe stoßen würde, falls es nur hinsichtlich einer Morgengabe 
sich aller Hlnsion endgültig entschlagen hätte. Das wäre aber für 
Europa und das Erdenrund ein wahrhaft unvergleichlicher Sonnenauf¬ 
gang würdigerer Zeiten! Was würde ein nur mit Bundesgenossenschaft 
allerdings nicht ganz unmöglich zu erfechtender, aber doch anch schwer 
möglicher und an Ehren tief unter einem Sieg von Volk gegen Volk 
(wie es 1870—71 war) stehender kriegerischer Sieg mit den Zuständen, 
die ihm folgen würden, gegen den Aufgang eines solchen Erdentages 
des Heiles bedeuten! 


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Nachtrag zur Abhandlung „Über die Mittel, die zur Sicherung ubw.“ 


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Nachtrag 

zur Abhandlung „Über die Mittel, die zur Sicherung unserer staat¬ 
lichen Existenz nbtige YolksTermehrnng dauernd herbeizufUhren^*. 

Von Hofrat Dr. L. Löwenfeld 

in München. 

Erst nach Drucklegung meines Aufsatzes „Über die Mittel, die zur 
Sicherung unserer staatlichen Existenz nötige Volksvermehrung dauernd 
herbeizuführen" gelangte zu meiner Kenntnis, dafi bereits im vorigen 
Jahre die Gewährung von Erziehungsbeiträgen an eine bestimmte Gruppe 
staatlich beschäftigter Personen (Verkehrspersonal) den Gegenstand von 
Erörterungen im bayerischen Landtage gebildet hat. Über die Ange¬ 
legenheit wurden auch in jüngster Zeit im bayerischen Landtage Mit¬ 
teilungen gemacht. Da es sich hier um den ersten Schritt zur legisla¬ 
torischen Einführung der für die Bekämpfung des Geburtenrückgangs 
so wichtigen Gewährung von Erziehnngsbeiträgen bandelt, dürften die 
nachstehenden Mitteilungen allgemeines Interesse beanspruchen. 

In der Sitzung des Finanzausschusses der bayerischen Abgeordneten¬ 
kammer vom 24. Mai lfd. Jahres berichtete der Verkehrsminister: Im 
Verkehrsministerium seien zur Zeit auch Vorarbeiten im Gange über 
die Einrichtung einer Einderzulagenversicherung. Die Verwaltung habe 
jetzt ungefähr 5 Mill. Mark für die Kriegstenerungsbeihilfen zu leisten; 
wenn nach dem Kriege ungefähr derselbe Betrag zur Durchführung der 
Kinderzulagenversichemng aufgewendet würde, so wäre es möglich, das 
Problem derart zu lösen, daß ohne übermäßige Leistungen des Verkehrs¬ 
personals ein lebensföhiges Unternehmen entstehen könnte. 

In der Sitzung der bayerischen Kammer der Abgeordneten vom 
7. Juni lfd. Jahres führte der Abgeordnete Dr. v. Pichler aus: „Wir 
haben auch noch ein weiteres Ziel ins Auge gefaßt, wovon ich Ihnen 
aber nur unter Vorbehalt Kenntnis gebe. Wir sind mit unseren Bera¬ 
tungen noch nicht so weit, aber es wird doch jetzt wohl die beste Ge¬ 
legenheit sein, davon hier eingehender zu sprechen. Das ist nämlich das 
Gebiet der Kinderzulagenversicherung. 

Die Frage des Geburtenrückganges ist den Herren aus der Tages¬ 
presse und Fachzeitschriften schon näher bekannt, sie wurde auch in 
den Parlamenten lebhaft erörtert, besonders ist ihre Wichtigkeit in der 
Gegenwart sehr hervorgetreten. Ohne die vielseitigen sonstigen Ein¬ 
wirkungen, insbesondere in religiöser und sittlicher Beziehung, im ge¬ 
ringsten zu unterschätzen, wird jedenfalls der größte Wert bei der Be¬ 
kämpfung des Geburtenrückganges auf die Verbesserung der wirtschaft¬ 
lichen Verhältnisse zu legen sein, die der Aufzucht einer größeren 
Kinderzahl entgegenstehen. Dieser Gedanke ist auch in dem Anträge 
„Held“ vom 30. September vorigen Jahres über die Gewährung von 
Einderznlagen hervorgetreten. Über den Antrag ging die Kammer der 
Keichsräte zur Tagesordnung über, nicht, weil sie mit dem Zwecke des¬ 
selben nicht einverstanden war, sondern nur nicht mit der Art seiner 
Durchführung, eine Ansicht, die auch aus verschiedenen Kundgebungen 


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176 


L. Löweafeld. 


der Beamtenvereinigtmgen hervorgetreten ist, die, so erwünscht ihnen 
eine wirtschaftliche Erleichterung der Kindererziehnng ist, doch die Ver¬ 
bindung derselben mit dem Gehaltsregnlativ ablehnen. In Würdigung 
dieser Verhältnisse bin ich nun der Frage nähergetreten, ob sich nicht 
die Gewährung von Beihilfen im Wege der Versicherung lösen ließe. 

Wir sind dabei zu folgendem vorläufigem Ergebnisse gekommen. 
Die Kriegsteuemngsbeihilfe ist bereits nach der Zahl der Kinder ab¬ 
gestuft. Es liegt ihr also der gleiche Gedanke zugrunde, wie er in dem 
Anträge „Held“ zum Ausdrncke gebracht wurde. Es wäre nur eine 
folgerichtige Durchführung dieses Gedankens, wenn die für die Kriegs¬ 
dauer gewährten Beiträge ihrem Zwecke der wirtschaftlichen Entlastung 
kinderreicher Familien erhalten bleiben köimten. Unter dieser Voraus¬ 
setzung könnte sich die Verkehrsverwaltung an einer Kinderversiche¬ 
rung mit etwa 5 Millionen Mark im Jahre beteiligen. Das ist der 
Betrag, den sie gegenwärtig für die Kriegsteuerungsbeihilfen aufbringen 
muß. Dieser Betrag könnte vielleicht hinreichen, um ohne übermäßige 
Beiträge des Verkehrspersonals bei angemessenen Leistungen ein lebens¬ 
fähiges Unternehmen entstehen zu lassen. Wir gehen zunächst in der 
Berechnung davon aus, daß vielleicht ein Betrag von monatlich 2 Mk. 
ÖO Pf. als Beitrag des Personals hinreichen könnte. Die Beiträge wären 
selbstverständlich abzustufen und ebenso die Jahresleistungen zu unge¬ 
fähr 200 Mk., 150 Mk. und 100 Mk. für jedes dritte, vierte und folgende 
Kind. Der neue Zweig der Versicherung könnte mit der weiteren Ans¬ 
gestaltung der Hinterbliebenenversorgung wohl verbunden werden, so 
daß auch dem Gesichtspunkte des möglichst geringen Aufwandes der 
Verwaltungskosten Rechnung getragen wäre. Die rechnungsmäßige 
Prüfung der Sache durch die Verkehrsverwaltuug ist lediglich eine vor¬ 
läufige. Es sind noch eine Menge von Einzelfragen zu erörtern. Auch 
könnten die Verhältnisse bei den anderen Staatsverwaltungen anders 
gelagert sein als bei uns. Hauptsächlich aber kommt in Frage, ob wir 
nach dem Kriege den nicht unerheblichen Staatsbeitrag auch au^ringen 
können.“ 

In der Sitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer vom 8. Juni 
lfd. Jahres bemerkte der Abgeordnete Walz: „Wenn die Verkehrsver- 
waltnng künftig die Lebenshaltung ihres Personals mit kinderreichen 
Familien durch Gewährung von Kinderversicherungsznlagen zu heben 
und zu verbessern sucht, so findet das unsere volle Billigung und wir 
wünschen nur, daß es dem Herrn Minister gelingen möge, diesen Ge¬ 
danken in befriedigender Weise in die Tat umznsetzen.“ 

In der Sitzung des II. Ausschusses der Kammer der Reichsräte vom 
20. Juni 1916 erklärte Reichsrat Dr. v. Schanz: „Was die Frage der 
Kinderzulagenversicherung betrifft, so steht sie mit der das öffentliche 
Leben stark beschäftigenden Frage des Geburtenrückganges in innigem 
Zusammenhänge. Zweifellos ist die Besserung der wirtschaftlichen Lage 
der Beamten und Arbeiter, wenn auch nicht das einzige, so doch eines 
der wichtigsten Mittel, welche bei der Bekämpfung des Geburtenrück¬ 
ganges eine wirksame Rolle zu spielen geeignet sind. Ich bin mir der 
Schwierigkeiten, die mit der Einführung der Kinderzulagenversicherung 
verbunden sind, wohl bewußt, Schwierigkeiten, die auf dem Gebiete der 


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Ein moderner Blaubart. 


177 


Besoldongspolitik and besonders anch in finanzieller Hinsicht sich gel¬ 
tend machen werden. Ich kann daher anch nur mitteilen, daß die Frage 
von uns eingehend geprüft wird, ohne daß ich in der Lage wäre, zor 
Zeit bestimmte Zusicherongen über die Lösung der Frage geben zu 
können.“ 


Ein moderner Blaubart. 

Von Jnstizrat Dr. Max Hosenthal 

in Breslau. 

Unter dem ständigen Grauen und der Fülle von Greueln, die der 
Weltkrieg mit sich bringt, ist die Kunde eines Verbrechens fast un¬ 
beachtet geblieben, die unter anderen Umständen ein ungeheueres Auf¬ 
sehen erregt und die Gemüter lange Zeit in Spannung gehalten hätte. 
Es handelt sich um einen Massenmord an mindestens sieben — wahr¬ 
scheinlich noch mehreren — jungen und lebensfrohen Frauen, die durch 
Heiratslast und Vertrauensseligkeit ins Verderben geführt wurden. 

Im Mai 1916 wurden in einem Vorort von Budapest, in der volk¬ 
reichen Gemeinde Czinkota, gelegentlich einer beabsichtigten Renovie¬ 
rung in dem Schuppen und Stalle eines Hauses in belebtester Gegend 
sieben Blechtonnen (verlötete Blechzylinder von durchschnittlich etwa 
8/4 m Höhe und V 2 m Durchmesser) als herrenlos ermittelt Die Öfi&iung 
ergab die grauenvolle Entdeckung, daß in jeder der Tonnen ein stark 
verwester weiblicher Leichnam sich vorfand- Der Hals jeder Leiche 
war mit einer Schnur vielfach umwickelt, so daß angenommen wird, 
die Frauen seien erwürgt, alsdann zur Verheimlichung der Verbrechen 
in die Tonnen hineingezwängt und diese hierauf verlötet worden. Als 
Zeit der Mordtaten kommen die Jahre von 1906—1914 in Betracht Ihre 
Verheimlichung wurde dem Täter noch dadurch erleichtert, daß der 
Ort Czinkota — den er wohl mit Rücksicht hierauf zum Schauplätze 
seiner Untaten gewählt hat — dicht bei Budapest, aber außerhalb des 
Budapester Polizeisprengels liegt; ein Umstand, der nähere Nach¬ 
forschungen nach den jedenfalls meist aus Budapest stammenden Frauen 
behindert hat Es bleibt immerhin sonderbar genug, daß so viele Frauen 
ohne besonderes Aufsehen spurlos verschwinden konnten. Man hat 
auch nicht gehört, daß seinerzeit besondere Bemühungen um deren 
Auffindung gemacht worden seien. Nur fünf von den Leichen konnten 
nach der Kleidung und anderen Merkmalen noch agnosziert werden; 
zwei davon befanden sich in einem vorgeschrittenen Stadium der 
Schwangerschaft 

Als Täter wird der vor etwa 11 Jahren von Budapest nach Czin¬ 
kota übergesiedelte Klempnermeister Bela (Adalbert) Kiß angesehen. 
Es ist ermittelt worden, daß er Heiratsannoncen erließ und auf die 
Anzeigen heiratslustiger Mädchen einging, um seine Opfer ausfindig zu 
machen. Er war in den dreißiger Jahren, hatte einen guten Ruf und 
galt als lediger Handwerksmeister als „gute Partie“. Vermutlich ist 
die Zahl seiner Opfer, die er betrogen oder beiseite geschafft hat, noch 
erheblich größer als die der aufgefundenen Leichen. Leicht genug wird 
es ihm nach den allgemeinen Erfahrungen gewesen sein, unter Vor- 


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178 


Max Rosentbal. 


spiegelnng der Heiratsabsicht, in der Maske des ehrsamen Handwerks¬ 
meisters, Mädchen in beliebiger Zahl anznlocken nnd ihr Jl)lindes Ver- 
tranen za erwerben. Der Bezirkshanptmann der Bndapester Polizei, 
Dr. Doming, der über den grauenhaften Fall in der „Deutschen Straf¬ 
rechtszeitung“ (1916, Heft 5/6) berichtet, meint: „Dienstmägde und 
ähnliche einfachere Mädchen, die etwas Geld hatten, schwärmten förm¬ 
lich für den nicht üblen, ledigen Elempnermeister und bemühten sich, 
ihn zum Ehemanne zu gewinnen.“ . . . „Sämtliche Opfer scheinen ein¬ 
fachere Mädchen gewesen zu sein, die bereits etwas alternd mit beiden 
Händen nach einem Bräutigam griffen und ihm ihre sauer ersparten 
Groschen darboten. Auf diese Schwäche klopfend, konnte sich dieser 
Bösewicht immer neue Opfer verschaffen und dabei auch noch dauernde 
Verhältnisse pflegen.“ 

Der Mörder ist nach Ausbruch des Krieges zum Landsturm ein¬ 
gezogen worden und nach Serbien gekommen. Er soll dort in Ge¬ 
fangenschaft geraten und in Valjewo am Rückfallfleber verstorben sein. 
Doch ist auch die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß er 
den Krieg dazu benutzt bat, um unauffällig zu verschwinden, indem er 
unter seinem Namen einen andern begraben ließ. Sicher sind die Nach¬ 
richten über seinen Verbleib nicht. 

In kriminalistischer Hinsicht ist von Interesse, daß man auf dem 
Dachboden des Mordhauses viele Stücke zerrissener Zeitungen mit 
Schilderungen von schweren Raubmorden usw. vorfand. Das läßt immer¬ 
hin einen Schluß auf die geistige Verfassung des Mannes zu. Auch 
das ist von Interesse, daß Kiß gerade die in seinem Handwerke er¬ 
worbene Fertigkeit bei Ausführung der Verbrechen bzw. zu deren Ver- 
heimUchnng geschickt verwertete. Die Blechtonnen konnten um so 
weniger auffallen, als in dem Mordhause sich auch eine Apotheke be¬ 
fand und daher als Inhalt der verschlossenen Tonnen, wenn sie beachtet 
wurden, Chemikalien oder sonstige Vorräte vermutet werden mußten. 
Bemerkenswert bleibt allerdings, auch vom kriminellen Standpunkte, 
daß Kiß in einer kleinen Ortschaft, inmitten eines stark bewohnten 
Hauses in verkehrsreicher Umgebung, jahrelang sein verbrecherisches 
Treiben durchführen konnte, ohne den mindesten Argwohn zu erregen. 

Psychologisch betrachtet eröffnen die viele Jahre hindurch fort¬ 
gesetzten tückischen Mordtaten des Kiß an Frauen, die liebend und 
vertrauend sich ihm hingaben, einen traurigen Tiefblick in menschliches 
Seelenleben. Sie bieten leider aber auch, wenn auch in einer gewissen 
Verzerrung, ein typisches Bild aus dem modernen Leben überhaupt 
Auf der einen Seite sehen wir den männlichen Genußmenschen, der 
unter Vorspiegelung zarter Gefühle und „ehrlicher“ Absichten so viel 
Frauen, als er nur begehrt, anlockt, um sie lediglich als Objekte seiner 
Lust und als Mittel zur Führung eines bequemen Lebens zu behandeln. 
Er baut seine eigene Existenz geradezu darauf auf, daß er alle Frauen, 
die in sein Netz geraten, ausbeutet und schonungslos über ihr Geschick, 
bis zur brutalsten Vernichtung ihres Lebens, hinwegschreitet 

Auf der anderen Seite steht die Schar der betrogenen Frauen, die 
es vemntlich dem Verbrecher nur allzu leicht gemacht haben, sich 
ihrer selbst und ihres Vermögens zu bemächtigen. Die aber, sobald 
sie dann Schwierigkeiten machten, ihr junges Leben selbst hingeben 
mußten. Ihnen allen erschien es wohl als höchstes Lebensglück, das 


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Zur Anwendung des § 1T5 StG.B. 


179 


im Grunde so bescheidene Los, den „biederen“ Handwerksmeister zur 
E h e zu gewinuen. Sie sind, typisch für die „Liebe“ unserer Zeit. So¬ 
bald die Erfüllung dieser höchsten Sehnsucht winkt, stellt die „Liebe“, 
stellt blindes Vertrauen sich ein. Mit Leichtigkeit opfern Frauen, was 
sie in langen Jahren mühsam verdient und am Notwendigsten sich ab¬ 
gespart haben. Und noch verschwenderischer und leichtfertiger gehen 
sie mit dem Vorrat an „Liebe“ um, der in ihrem Herzen sich aufge¬ 
speichert hat. Blindlings rennen sie, solange LiebeshÖffnung und Heirats¬ 
chance vorwärts treiben, in jeden Hinterhalt 

Das Geschäft des Heiratsschwindlers ist leicht, angenehm und 
lukrativ. Es hat einen eigenen prickelnden Beiz und schmückt den 
Täter noch mit dem Lorbeer des Eroberers und Herzenbrechers. Es 
ist nicht einmal sehr riskant; denn nur in seltenen Fällen kommt es 
zur Anzeige und zum verdienten strafrechtlichen Austrag. Anstatt die 
Schwere des Vertrauensbrnchs als strafschärfend einzustellen, rechnen 
die Gerichte oft die Leichtigkeit, mit der die Opfer von selbst dem 
Vogelsteller ins Garn gehen, ihn zum Schwindel gewissermaßen „ver¬ 
führen“, als mildernden Umstand an. Daher muß man sich nur wun¬ 
dem, daß nicht noch mehr Männer sich gewerbsmäßig dieser einträg¬ 
lichen Beschäftigung widmen. Nun, der Weltkrieg, der den ÜberfluJß 
an Frauen und ihre brachliegenden Liebesvorräte so sehr vermehrt, 
wird wohl auch dem Geschäftsbetrieb der Heiratsschwindler einen kräf¬ 
tigen Anfschwnng vermitteln! Es sei denn, daß die Franen und Mäd¬ 
chen es vermögen, sich mehr und mehr den herrschenden sozialen und 
wirtschaftlichen Lebensbedingnngen anzupassen und sich hierbei, soweit 
es notwendig sein wird, von der Versorgung durch die Ehe unabhängig 
zu machen. Der Zukunft wird es vielleicht als das wichtigste und 
schwierigste Problem der sozialen Frage erscheinen, der Frauenwelt 
befriedigende Lebensinhalte und Lebensziele zu schaffen, ohne daß das 
Ganze und insbesondere der Wechsel der Generationen, die gesunde 
und ansreichende Volksemeuernng, Schaden leiden. 


Zur Anwendung des $ 175 St.G.B. 

Von Numa Prätorius. 

I. Eine neue Beichsgerichtsentscheidung. 

In dem Archiv für Strafrecht und Strafprozeß von Goltdammer, 
jetzt herausgegeben von Köhler, 61. Bd. 3.—4. Heft S. 348—349 findet 
sich die zuletzt bekannt gewordene Entscheidung des Beichsgerichts 
über den § 175 St.G.B. 

Sie ist wie folgt wiedergegeben: 

„8t.G.B. § 175. ln dem Umfassen des eigenen und eines fremden 
männlichen Gliedes mit der Hand, Aneinanderpressen derselben 
und Beiben an ihnen kann eine beischlafsähnliche Handlung ge¬ 
funden werden. 

1. Strafeenat U. v. 30. Oktober 1913 G. K. u. Gen. 1D 710/13. 

Aus den Gründen: 

Ein Verstoß im Sinne des § 377 Nr. 7 St.P.O. liegt nur vor, wenn 
das angegriffene Urteil keine Entscheidungsgründe enthält. Dies trifft 


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Numa Prätorius. 


hier nicht zu. Was die Ke Vision geltend macht, stellt sich vielmehr als 
die Rüge einer Verletzung des § 266 Abs. 1 StJP.O. dar in dem Sinne, 
daß in den Gründen nicht die für erwiesen erachteten Tatsachen an* 
gegeben seien, in denen die gesetzlichen Merkmale der strafbaren 
Handlnng gefunden wurden. .Allein auch nach dieser Richtung muß 
dem Rechtsmittel der Erfolg versagt werden. 

Die Strafkammer hat beischlafsähnliche Handlungen für dargetan 
erachtet. Ob solche vorliegen, muß aus den Einzelnmstäuden der Tat 
entnommen werden. Nach den getroffenen Feststellungen hat der Ange* 
kl^e in allen Fällen eine männliche Person an sich gedrückt, die 
beiden entblößten Glieder aneinander gepreßt und dann auf Samen¬ 
erguß abzielende Handlungen vorgenommen. In den hieraus gezogenen 
Schlußfolgerungen des Erstricbters, daß hier eine unzüchtige, beiscblafs- 
ähnliche Verbindung der beiden Körper stattgefunden habe, tritt ein 
Rechtsirrtum nicht hervor. 

Mit Unrecht beruft sich die Revision auf das in 6* der Ent¬ 
scheidungen S. 221 mitgeteilte Erkenntnis, welches den Fall gegen¬ 
seitiger Onanie betrifft Um einen solchen handelt es sich hier nicht 
Vorliegend ist der Angeklagte allein tätig geworden, er hat den Körper 
der anderen Person an sich gedrückt und eine Berührung der männ¬ 
lichen Glieder zum Zweck des Samenergusses hergesteUt Auch aus den 
weiter von der Revision angeführten Entscheidungen I 936 XXXVI 32 
lassen sich die von ihr behaupteten Schlüsse nicht ziehen.“ 

Diese Entscheidung fordert die schärfste Kritik heraus. Die Ten¬ 
denz des Reichsgerichts, die Anwendung des § 176 immer mehr aus¬ 
zudehnen, immer weiter über den vom Gesetzgeber lediglich ins Auge 
gefaßten Tatbestand der immissio penis in anum hinaus zu erstrecken, 
geht deutlich aus diesem neusten Erkenntnis hervor. 

Bis zur Annahme der Strafbarkeit der gegenseitigen Onanie besteht 
nur noch ein kleiner Schritt, ja die obige Entscheidung erklärt eigent¬ 
lich schon die bloße Onanisierung eines anderen für strafbar. 

Die Entscheidung ist um so verblüffender, als erst am 18. April 
1913 das Reichsgericht das Urteil einer Strafkammer aufgehoben hatte, 
die den Tatbestand des § 176 für gegeben erachtet hatte, weil der 
Täter seinen und des Partners entblößten Geschlechtsteil mit der Hand 
erfaßt und sie längere Zeit zu wiederholten Malen aneinander gedrückt 
hatte. 

Wie aus dieser — in der Juristischen Wochenschrift vom 1. Oktober 
1913, S. 395, sowie in Hirschfelds Buch: Die Homosexualität des Mannes 
und des Weibes S. 839—840 abgedruckten Entscheidung erhellt, hat das 
Reichsgericht die betreffende Handlung als eine straflose lediglich auf 
onanistischem Gebiet sich bewegende bezeichnet, denn, sagt das Reichs¬ 
gericht, es „ist nicht schon jedwedes zwischen Männern bewirkte ein¬ 
fache Sichberühren der beiderseitigen Geschlechtsteile ohne weiteres, 
sondern erst dann eine beischlafsähnliche Handlung, wenn mindestens 
das eine Glied, ähnlich wie bei der natürlichen BeischlafsvoUziehnng, 
z. B. durch Reiben an dem Körper des andern oder Dagegenstoßen, 
verwendet wird. Ein solcher Gebrauch ist vom ersten Richter auch 
dadurch nicht festgestellt, daß der Angeklagte die beiden erregten 
Glieder mit seiner Hand zusammengebracht und mehrfach aneinander 
gedrückt hat und zwar um so weniger, als eine beischlafsähnliche Ver- 


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Zur Anwendung des § 175 St.6.B. 


181 


bindnng oder Yereinigong zweier männlicher Geschlechtsteile mitein¬ 
ander der Natur der Sache nach von vornherein ausgeschlossen ist“. 

Wie man sieht ist der vom Reichsgericht am 30. Oktober 1913 
für strafbar erachtete Tatbestand der gleiche, wie der vom Reichs¬ 
gericht am 18. April 1913 für straflos erklärte. 

In dem Fall, vom 30. Oktober ist gar nichts Neues festgestellt, 
was eine Beischlafsähnlichkeit ergeben könnte. Wenn in dem Urteil 
gesagt ist, der Angeklagte habe den Körper des anderen an sich ge¬ 
drückt, so ist ein derartiges Ansiebdrücken belanglos — auch bei 
freundschaftlicher Umarmung drückt man den Körper aneinander. — 
Für den Begriff der Beischlafsähnlichkeit könnte ein Ansichdrücken nur 
verwendet werden, wenn gleichzeitig das Glied, wie sich das Reichs¬ 
gericht in der Entscheidung vom 18. April 1913 selbst ausgedrückt 
hat, „ähnlich wie beim Beischlaf durch Reiben an dem Körper des 
anderen oder durch Stöbe gegen dessen Körper verwendet wurde“. 
Das ist aber in dem Fall vom 30. Oktober nicht festgestellt, vielmehr 
lediglich, daß der Angeklagte die beiden Glieder aneinander gepreßt 
hat zum Zweck des Samenergusses. Eine derartige Handlung hat aber 
das Reichsgericht in der früheren Entscheidung als nicht genügend zur 
Erfüllung des Tatbestandes des § 176 bezeichnet. 

In der Entscheidung vom Oktober ist allerdings an einer Stelle 
gesagt, nachdem das Aneinanderpressen der Glieder genannt worden 
ist, der Angeklagte habe „dann auf Samenerguß abzielende Handlungen 
vorgenommen“. Welcher Art aber diese Handlungen waren, darüber 
schweigt das Reichsgericht. und sicherlich hat auch das Urteil der 
Strafkammer darüber geschwiegen. 

Deshalb war auch der Einwand des Revisionsklägers in dem Sinne 
vollauf berechtigt, daß das erste Urteil nicht die zur Erfüllung des 
Tatbestandes des § 175 notwendigen Merkmale angegeben hat. Ledig¬ 
lich aus der Art dieser „Handlungen“ konnte beurteilt werden, ob 
eine Beischlafsähnlichkeit vorlag oder nicht, ob ein Stoßen gegen den 
Körper, ein Reiben an dem Körper mit dem Glied stattfand oder nicht. 

Bestand aber, was wohl zutraf, die auf Samenerguß abzielende 
Handlung lediglich in dem Aneinanderpressen der Glieder — und an¬ 
scheinend lediglich mit der Hand —, dann war der Begriff der Beischlafs¬ 
ähnlichkeit zu verneinen. 

Auf keinen Fall konnte das Reichsgericht aus dem Tatbestand, so 
wie seine eigene Entscheidung ihn wiedergiebt, ein Vergehen aus § 175 
als festgestellt annehmen. 

Übrigens drängt sich die Vermutung auf, daß beide Fälle, die den 
Entscheidungen vom April und Oktober zugrunde lagen, identisch sind. 

In dem Urteil vom 18. April 1913 hatte das Reichsgericht zwar 
die Entscheidung der Strafkammer aufgehoben, aber gleichzeitig die 
Sache zur erneuten Prüfung an das Landgericht zurückverwiesen, „da 
der richtigen Rechtsauffassung genügende Feststellungen bei erneuter 
Verhandlung nicht ausgeschlossen erscheinen“. Damit hatte das Reichs¬ 
gericht der Strafkammer ungeföhr gesagt: Drechselt die Sache nur 
etwas geschickter, konstruiert etwas besser die Entscheidungsgründe 
und dann kann eine erneute Revision keinen Erfolg haben. 

Die Strafkammer hat dann neu verhandelt und die neue Begrün¬ 
dung, die kaum von der alten ab weicht, genügte jetzt dem Reichs- 


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132 Kleine Mitteilungen. 


gericht. Warnm, ist mir ein Rätsel, denn es ist kein anderer Tat¬ 
bestand festgestellt. 

Allerdings entschied nicht wie früher der erste, sondern der vierte 
Strafsenat. Falls es sich wirklich nm ein nnd dieselbe Sache handelte, 
kannte natürlich der vierte Senat ans den Akten die frühere Entschei¬ 
dung des ersten Senats. Wollte er aber von dieser ab weichen — und 
tatsächlich ist er von ihr abgewichen —, so mußte er, nach § 137 G.V.G., 
eine Plenarentscheidung der gesamten Strafsenate herbeiführen: Indem 
er das nicht tat, hat er das Gesetz verletzt. 

Falls es sich nm einen andern Fall handelte, dann kannte womög¬ 
lich der vierte Senat nicht die — zuerst im Oktober 1913^ in der 
Juristischen Wochenschrift veröffentlichte Entscheidung des ersten 
Senates, und die abweichende Entscheidung ist immerhin weniger auf¬ 
fällig, falsch bleibt sie aber deshalb auch. 


Kleine Mitteilungen. 

Das Problem des Kriegsjungen. 

Von Waldemar Zude, z. Z. in Rawitsch. 

Vaerting schreibt in seiner kürzlich in diesem Blatte (1915, 11 u. 12) 
erschienenen Abhandlung über die „Wege zur erhöhten Vermehrung des männ¬ 
lichen Geschlechts“, daß es notwendig sei, „die von der Natur gegebenen Möglich¬ 
keiten bei der Zeugung auszunutzen, um die Erzeugung von Knaben zu ver¬ 
mehren“. Leider vermißt man in der Arbeit eine Zusammenstellung dieser 
Möglichkeiten für den praktischen Gebrauch in der Geschlechts-Determinie- 
rung. Darum will ich in diesen wenigen Zeilen (ich komme später in einer 
größeren Arbeit nochmals darauf zurück) kurz die notwendigsten Momente 
zusammenfassen, die man zur willkürlichen Erzeugung eines Knaben in der 
Praxis beachten muß, zumal man heute, weil eine eiserne Notwendigkeit ge¬ 
bietet, seine Wünsche auf die Geburt des Knaben zu richten hat (wie Vaer¬ 
ting in seiner oben genannten Arbeit anschaulich begründet). So leicht fügt 
sich hier zwar die Natur nicht den menschlichen Wünschen; denn es werden 
von jedem Geschöpfe männliche und weibliche Individuen in einem ganz be¬ 
stimmten Zahlenverhältnis gezeugt, (nach Berner) auf 100 Mädchen durch¬ 
schnittlich etwa 105,43 Knaben. Die Verhältniszahlen schwanken bei den Völkern 
nur in ganz engen Grenzen, und daran ist auch bisher nie etwas geändert 
worden. Darum werden nach Ereignissen, die einen großen Teil der männ¬ 
lichen Bevölkerung hinwegraffen (z. B. nach Kriegen, Auswanderungen, Seuchen), 
die Knabengeburten bis zum völligen automatischen Ausgleich des iu:*sprüng- 
lichen Geschlechtsverhältnisses (nach Floß, Düsing, v. Padberg) rapid ge¬ 
steigert. Die Natur sucht sich also auch in diesem Falle wieder selbst zu 
helfen, wir brauchen ihr nur hilfeleistend die Hände zu bieten, um die Schäden 
des männermordenden Weltkrieges möglichst schnell zu beseitigen. Zudem ist 
anzunehmen, „daß die Natur der Verwirklichung ihres Zieles, Überschuß an 
geschlechtsreifen Männern, sehr viel näher kommen wird, wenn die pathologische 
Erscheinung der größeren Knabensterblichkeit durch Verbesserung der 
Zeugung möglichst ausgeschaltet würde“ (Vaerting). Ohne näher auf die 
eigentlichen Kausalitäten bei der Geschlechts-Determinierung einzugehen, will 


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Kleine Mitteilnngen. 


183 


ich nur kurz die hauptsächlichsten Punkte herausgreifen, die in der Praxis zur 
bewußten Knabenerzeugung zu berücksichtigen sind: 

1. Die Kohabitation und Konzeption muß innerhalb der ersten vier oder 
neun (Talmud, Siegel, Fürst) bis spätestens zwanzig Tage (Thury, Goldschmidt, 
Comaz, V. Siebold, Huber, Hertwig, Küster, Pflüger, Bobert) nach der Men¬ 
struation (der nach 7—14 Tagen die Ovulation folgt) stattfinden ^). 

2. Der Koitus darf (nach Siemens) in den ersten drei Monaten der Gravi¬ 
dität nur wenig, vielleicht alle vierzehn Tage, vollzogen werden®). 

3. Der Mann muß (nach Düsing, Janke, Fiquet, Lints, Thumm, Döring, 
V. Padberg, ZöUer) vor dem entscheidenden Koitus der materiell und geistig 
schwächere Teil sein (z. B. durch stärkere sexuelle Inanspruchnahme, stärkere 
geistige und körperliche Arbeit, schwächere Körperkonstitution usw.), die Frau 
aber der überwiegende (Überkreuzgesetz). 

4. Die Mutter soll (nach Düsing, Ahlfeld, Prinzing, Räuber, Breslau, Berner, 
KoUmann, Stieda, Bidder, Birelli, Körber, Wilckens, Rosenfeld, Schumann, 
Vaerting) ein bis zehn Jahre älter®) sein als der Vater. (Nach Vaerting ist 
hier also vor allem die Heraufeetzung des Gebäralters für die Frauen wichtig!) 

5. War das vorher geborene Kind ein Mädchen, so muß (nach Aristoteles, 
Wahlschaff) nach erfolgter Geburt dieses letzten KindeS entweder keine — oder 
zwei, vier usw. — also immer eine gerade Zahl von Menstruationen stattfinden, 
um einen Knaben zu erzeugen, war aber das letzte Kind ein Knabe, so müssen 
nach erfolgter Geburt desselben wenigstens eine — oder drei, fünf . usw. — 
also immer eine ungerade Zahl von Menstruationen^) stattfinden. 

6. Ebenso ist zu beachten, daß im Herbst und Winter, wo (nach v. Göhlert, 
V. Fircks, Düsing) die Fruchtbarkeit geringer ist (nach Heape, Hofstätter), mehr 
Knaben geboren werden, desgleichen (nach Ploß) in höher gelegenen Regionen 
(über 1000 Par. Fuß). 

Durch Beachtung vorstehender Gesetze ist der Erfolg der willkürlichen 
Knabenerzeugung einigermaßen sichergestellt, da sicherlich bei der Geschlechts¬ 
bestimmung mehrere Faktoren mitwirken. Abgesehen davon, daß die Richtig¬ 
keit dieser Gesetze zum Teil noch einer einwandfreien, wissenschaftlichen Be¬ 
gründung entbehrt, ist diese Frage wohl kaum von so weitgehender sozialer 
Bedeutung, als sie meist hingestellt wird, da für den nach Friedensschluß nötigen, 
normalen Nachwuchs der Geschlechter bereits gesorgt ist und der gegenwärtige 
„Kriegsjunge“ erst nach 18 bis 20 Jahren wieder militärpflichtig und geschlechts- 


Einige Beobachtungen an Kühen und an menschlichen Schwangerschaften, sowie die 
Erfahrung, daß bei Juden, wo der Beischlaf erst sieben Tage nach den Menses stattfinden 
darf (und die männlichen Geburten stark überwiegen), sprechen für diese Annahme. Nach 
Siegel werden bei den Kohabitationen vom 10. bis 22. Tage nach der Menstruation 
bereits überwiegend Mädchen gezeugt (während vom 22. Tage an bis zu den Menses ab¬ 
solute Sterilität eintritt). 

*) Vgl. meine Besprechungen in Heft 5 (1915) dieses Blattes (S. 177—178). 

’) Doch, sollen (nach Düsing) auch ganz junge Erstgebärende angeblich mehr Knaben 
(111,1), nach Beendigung ihres Wachstums mehr Mädchen, zuletzt wieder mehr Knaben 
.gebären. Bei Völkern mit sehr früher Verheiratung der Mädchen (Tataren, Nagaien, 
Australier u. a.) herrscht infolgedessen (nach Schröder) geradezu Frauenmangel, ln den 
Harems verschiedener gekrönter Häupter sinkt das Sexudverhältnis (nach v. Göhlert) bis 
auf 25,6 herab. Nach Wagner überwiegt in Europa die Zahl der Knabengeburten immer 
etwas, weil in europäischen Ehen der Vater meist älter ist, als die Mutter (vgl. auch 
.Hofacker, Sadler, Turquan u. a.). 

Damit steht auch im Einklang, daß die übernächsten Menstruationen in ihrem 
“Zeitabstande (auch nach eingetretenen Störungen) immer miteinander harmonieren. 
Dazu Fußnote 2. 


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Refeiftte. 


184 


reif ist, also nach einer Zeit, wo die Eriegswnnden hoffentUch vor ihrer voll¬ 
ständigen Yerheilnng stehen. Nach Kämmerer sinkt die ganze Frage der 
„Geschlechts-Determinierung“ Oberhaupt nur zum „Sonderinteresse der einzelnen 
Familie“ herab. Ja es ist noch sehr die Frage, ob nicht gerade dann die Ge- 
fohr des Überwiegens nur eines Geschlechtes viel größer wäre, wenn z. B. die 
Eltern, wie üblich, sich lieber Knaben wünschen und nur an sich selber dabei 
denken, keineswegs aber an die Bedürfnisse des ganzen Landes? ünd nur zu 
dem Zweck die Geschlechtsbestimmung erfinden, damit Fürstenthronen und 
großen Besitztümern ein sicherer männlicher Erbe geboren werde — auch darin 
vermag ich ein höchstes ethisches und praktisches Ziel nicht zu sehen“. In¬ 
wieweit aber ein Männerüberschuß in und nach diesem Weltkriege unbedingt 
notwendig ist, hat Vaerting in seiner oben genannten, scharfsinnigen Ab¬ 
handlung (auf die ich hiermit zur näheren Orientierung verweise) den Tatsachen 
entsprechend klar ausgefOhrt 


Referate. 

Psychologie und Psychoanalyse. 

Stekel, Wilhelm, Die Analyse eines Falles yon Homosexualität* (Arch. f. Krim. 
1916. Bd. 66. 8. 94—120.) 

Für den Verf. gibt es keine angeborene Homosexualität; sie stellt eine Rückschlags- 
erscheinung dar, mit anderen Worten, der Homosexuelle weist das Triebleben einer ver¬ 
gangenen Zeit auf. Seine Bisexualität ist daher auch stärker ausgebildet, als bei dem 
geschlechtlich normalen Menschen, ebenso ist sein krimineller Trieb stärker entwickelt 
Der Künstler, der Neurotische — Homosexualität ist für St. wie jede andere Perversität nur 
eine andere Form der Neurose — und der Verbrecher besitzen ein stark ausgeprägtes (ata¬ 
vistisches) Triebleben; der Verbrecher lebt seine Triebe aus, der Dichter erlebt sie im 
Kunstwerk (sublimiert sie) und der Neurotiker erledigt sie in einer Traumwelt. Die 
Neurose, welche die Homosexualität vorstellt, ist dazu bestimmt, den Homosexuellen vor 
einem Verbrechen, das er sonst begehen würde oder könnte, zu schützen. Bei ihm haben 
wir es daher mit einer Flucht in die Krankheit vor dem Verbrechen zu tun; die Homosexua¬ 
lität ist einem Heil versuch des Individuums gleichzu setzen. „Ein Mensch mit abnorm 
starkem Triebleben wird schon in früher Jugend dazu geführt, diese Triebe mit Hemmungen 
zu umgeben. Er wird aber durch das frühe Erwachen des Geschlechtstriebes und durch 
seine frühen Äußerungen in Konflikt gebracht. Der Prozeß der Verdrängung und Subli¬ 
mierung dieser Triebkräfte setzt viel früher ein als bei den anderen Menschen. Es kommt 
aus irgendwelchen Ursachen zur Verdrängung der heterosexuellen Komponente und zum 
Ausbau der homosexuellen. Die heterosexuellen Triebe werden durch Ekel, Haß und 
Angst vor der Betätigung geschützt.‘^ Eine einheitliche Ätiologie der Psycho^nese der 
Homosexualität gibt es nicht, ln einem demnächst erscheinenden größeren Werke will 
Verf. dies näher begründen. 

Im vorliegenden Aufsatze beschäftigt er sich mit der Form, bei der die Homo¬ 
sexualität mit der Flucht vor dem Sadismus zusammenhängt. Ausgehend von dem Grund¬ 
sätze, daß eine gut beobachtete, über einen längeren Zeitraum (Wochen und Monate) sich 
erstreckende Krankengeschichte mehr Wert besitzt als ein ganzer Band von Beobachtungen, 
die nur immer an der Oberfläche haften bleiben, hat Verf. sehr viel Zeit auf 
die Analyse eines Falles von Homosexualität verwendet; er hat sich wochenlang mit dem 
Kranken tagtäglich eingehend unterhalten und im besonderen seine Tiüume studiert, die 
nach dem Vorgänge von Näcke sehr geeignet sind, in solchen Fällen das Seelenleben 
aufzudecken. Es hat sich dabei herausgestellt, dal^ den Angaben Homosexueller, sie 
hätten von jeher gleichgeschlechtliche Gefühle gehabt, kein Glauben beizumossen ist; denn 
durch eingehendere Aniyse des vorliegenden Falles konnte er nachweisen, daß trotz an¬ 
fänglichen strikten Ableugnens heterosexuelle Erscheinungen, im besonderen solche Träume 
der vergangenen Zeit von ihm einfach vergessen worden waren; die heterosexuellen Träume, 
die Homosexuelle haben, sind am anderen Morgen bereits vergessen (verdrängt im Sinne 
Freuds). Bo sch an (Stettin), z. Z. in Hambui^. 


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Referate. 


185 


Pathologie und Therapie. 

F ü t h, Prof. H., Ü1)er den EinflnB nnlnstbetonter Affekte anf die Entstehnn; uteriner 
Blutungen. (Festschrift zur Feier des 10jährigen Bestehens der Akad. f. prakt. 
Med. in Cöln. Bonn 1915. A. Marens & E. Webers Verlag.) S. 317—326. 

Im Anschlüsse an das Referat Schickeies über Ätiologie und kausale Therapie 
der Uterusblutungen versucht F. nachzuweisen, daß es auch auf (km Wege vasomotorischer 
Vorgänge, unabhängig von der Menstruation, zu h}T)erämischen Zus&nden im Uterus 
kommen kann, woraus beim Hinzutreten des menstruellen Reizes eine Verlängerung oder 
Verstärkt^ der Periode sich ergibt, auch in dem Sinne, daß ohne Beziehung zu den 
Menses eine Blutung oder blutig-seröse Absonderung stattfindet. In dieser Weise können 
namentlich Unlustgefühle und unlustbetonte Affekte einwirken, die zunächst zu einer 
Blutleere der äußeren Körperteile und des Gehirns führen (wie E. Weber, Der Einfluß 
psychischer Vorgänge auf den Körper, insbesondere auf die Blutverteilung, Berlin 1910, 
J. Springer, dargetan hat). Hierbei findet zugleich eine aktive, eine Saugwirkung aus¬ 
übende Erweiterung der Bauchgefäße statt, die durch die vasomotorischen Veränderungen 
in den Bauchorganen hauptsächlich vermittelt werden. Nach Weber sind es haupts^- 
lich die Nervi splanchnici, die sowohl vasokonstriktorische, wie dilatatorische Fasern ent¬ 
halten und zur Bildung des Plexuß coeliacus beitragen, dessen Plexus spermatici um die 
Art. spermatica int. herum zum Ovarium und zum Fundus uteri ziehen, dort mit dem 
Plexus utero-vaginalis (aus der Para pelvina des Sympathikus) anastomosieren. Wir dürfen 
also annehmen, daß unter dem Einfluß unlustbetonter Affekte die Blutgefäße der inneren 
Genitalien, insbesondere die in der Wand und Schleimhaut des Uterus, sich aktiv dilar 
tieren und dadurch eine irritative (vasodilatatorische) H)T)erämie bewirken, wodurch es zn 
„angioerethischen“ Blutungen, sowie zu vermehrter Lymphbildung kommen kann. Ist die 
Reizung sehr stark, dauert die mit Blutdrucksteigerung einhergehende Hyperämie lange 
Zeit an, ist das Inclividuum sehr reizbar, so können pathologische Blutungen oder blutig¬ 
seröse Absonderungen erfolgen oder es kann ein chronisch-hyperämischer Zustand sich aus¬ 
bilden. F. teilt verschiedene hierhe^hörige Einzelbeobachtungen mit und streift dabei 
auch die Frage der Bedeutung der Gemütsvorgänge als Kranktieitsursache. Man könnte 
daran denken, daß bei längerdauemden oder immer wiederkehrenden deprimierenden 
Affekten der Uterus mit nicht verarbeitungsfähigen Nährstoffen überschwemmt würde und 
daß sich daraus Störungen für ihn entwickelten. Die Blutungen oder blutig-serösen Aus¬ 
flüsse könnten dabei auch als „Ventil“ wirken. A. Eulenburg (Berlin). 

Zivilrechtliche, strafrechtliche und kriminalanthropologieche 
Beziehungen des Sexuallebens. 

Boas, .Kurt, Znr forensischen Benrteilnng von vermeintlichen Schwangeren. (Arch. 
f. Krim. 1916. Bd. 66. S. 42—58.) 

Eingebildete Schwangerschaft findet sich am häufigsten im Beginne des Klimakte¬ 
riums; unter 51 vom Verf. zusammengetragenen Fällen kamen allein 10 auf das „gefähr¬ 
liche Alter^‘ von 40—45 Jahren. Diese Tatsache erscheint psychologisch gut erklärlich. 
Die allgemeinen Beschwerden, die der Eintritt der Wechseljahre mit sich brin^ im be¬ 
sonderen aber die vikariierende Menstruation, das plötzliche Versagen derselben, resp. 
ihr spärliches Auftreten lassen die Frau an die Möglichkeit einer Schwangerschaft denken, 
die gar nicht vorhanden ist. Dazu kommt das nicht seltene Auftreten von Bauchge¬ 
schwülsten und anderen Erscheinungen von seiten des Geschlechtsapparates in diesem 
Lebensabschnitt und vielleicht auch die Furcht, mit dem herannahenden Klimakterium 
jeglicher Aussicht auf Leibeserben verlustig zu gehen, bzw. der Wunsch nach einem 
Kinde. — Auch die Fälle von eingebildeter Schwangerschaft im jugendlichen Alter von 
15—20 Jahren (5 unter 51 Fällen) sind einer psychologischen Deutung zugänglich. Die 
Angst der Kranken, schwanger zu werden, trägt dazu bei, daß sie alle auffälligen Er¬ 
scheinungen, wie Erbrechen, verepätetes Eintreten der Regeln und andere minder wich¬ 
tige Erscheinungen als erstes Schwangerschaftssymptoni deuten. Diese Angst kann schlie߬ 
lich zum Ausbau eines regelrechten Wahnsystems führen. Drei Krankheitszustände 
disponieren hauptsächlich zur eingebildeten Schwangerschaft. In erster Linie die Paranoia, 
sow^ohl die akute, wie die chronische, hauptsächlich aber die letztere. An zweiter Stelle 
kommt dann die Hysterie und schließlich die psychopathischen Konstitutionen. — Vier 
Krankengeschichten bieten hierfür Beispiele. Buschan (Stettin), z. Z. Hamburg. 

Zeitschr. 1 Sexnalwissenschaft 111. 4. 13 


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Referate. 


Prostitution und Bekämpfung der venerischen Krankheiten. 

Bremerman, Prostitiitioii and Gonorrhea. (Urol. and cut. Rev. April 1916. S. 203.) 

Yeif. bat 746 gewerbsmäßig Prostituierte aus einem bestimmten Straßenbezirke New 
Yorks sorgfältig untersucht und befragt, um zahlenmäßig die Verbreitung des Trippers 
festzustellen. Es ergab sich eine enorme Durchseuchung, was die meisten nicht zurück¬ 
hielt, ihr Gewerbe fortzusetzen. Bei der heimlichen Prostitution ist bekanntlich die Er¬ 
krankungsziffer noch höher. Um die Ausbreitung des Trippers einzudämmen, ist es am 
wirksamsten, die Prostituierten in Bordellen unterzubringen und sorgfältig hygienisch zu 
überwachen; das Laienpublikum ist mehr als es bisher geschieht, über geschlechtliche 
Dinge und venerische Krankheiten aufzuklären. Sprinz (Berlin). 

Rassenhygiene, Eugenik und Geburtenrttckgang. 

Seilheim, Hugo, Die BeeinfluBbarkeit der Naehkommensehafl. (Zschr. f. ärztl. 

Fortb. 13. 1916. Nr. 13. S. 357—366.) Mit 1 Tafel. 

Der tiefgründige Vortrag des hervorragenden Tübinger Gynäkcdogen, der in bezug 
auf die Pflege der „allgemeinen Gynäkologie“, d. h. der allgemeinen medizinischen 
und hygienischen Prolaleme und Wechselbeziehungen in der Frauenlieilkunde, der Tradi¬ 
tion eines F. v. W i n c k e 1 und A. H e g a r folgt, erfordert eine ausführliche Wiedeigabe. 

Für die ungemein schwierigen Fragen der Bevölkerungspolitik, der Rassenhygiene, 
der Eugenik kommt als Vorbedingung ihres Verständnisses und ihrer Lösung unbedin^ 
die Vorfrage in Betracht, ob und inwieweit man Nachkommenschaft 
überhaupt beeinflussen kann. Es ist dies kein rein medizinisches Thema, 
sondern ein Problem der Naturkunde überhaupt, ein Gegenstand von ganz allgemeiner Be¬ 
deutung. An der Hand einer geistvoll erdachten schematischen Zeichnung eines weib¬ 
lichen Individuums in seinen verschiedenen Beziehungen zur Frucht erläutert nun Verf. 
alle hier in Betracht kommenden Möglichkeiten und Aufgaben der Beeinflussung der 
Nachkommenschaft. 

Es gibt drei Stationen, in welchen das Ei bzw. in späteren Entwidclungs- 
stadien das Kind mit der Mutter in Beziehung steht. Das Eierstockslager des reifenden 
Eies ist die „Anfangsstation“, das Frucht!lalterlager de» reifenden Kindes ist die 
„Zwischenstation“, Mutteroberfläche mit Verj>flcgungsstätte an der Brust erscheinen 
als „Endstation“. Auf jeder dieser Stationen kann von einer Beeinflußbarkeit 
der Nachkommenschaft gesprochen werden. Außerdem hat aber der Gesamtweg vom Eier¬ 
stock bis zur Mutteroberflächc mit der dazwischenliegenden Station eine Doppel- 
funktion. Er ist „Ausführungsgang für das Ei“ und „Einführungsgang für den 
Samen“ und daher nur eine Teilstrecke auf dem Entwicklungswege des gesamten 
Keiminaterials, von dem Ei und Samen abstammen, also eines Gebietes, dessen Geschichte 
dem Schicksale des Keimes im Miitterorganismus noch übergeordnet scheint. Wir müssen 
also über die Elterngeneration hinaus zurückgehen, wenn wir den 
wirksamsten Faktor der Beeinflußbarkeit der Nachkommenschaft nicht außer acht lassen 
wollen. Ein kontinuierliches Band verbindet den Menschen (Gegenwart) mit seiner 
Aszendenz (Vergangenheit) und mit seiner Deszendenz (Zukunft). Das Band besteht aus 
Keimmaterial, aus dem sog. „K e i m p 1 a s m a“. Der Mensch selbst stellt 
nur eine Art Anhängsel, eine Art temporären Auswuchses, eine Art zeit¬ 
weiligen Bewahrers des ihn durchlaufenden Stückes Keim¬ 
plasma dar nach der Lehre Weismanns von der „Kontinuität des Keim¬ 
plasma s“. 

Was das Verhalten des Keimplasmastromes beim Übertritt in 
eine Generation betrifft, so konstatieren wir im frühesten Keimstadium eine Gabe¬ 
lung in einen ira Eierstock in Verwahrung genommenen Vorrat, die „Keimbahn“ und 
einen sich zum Körper auswachsenden, im endlichen Ausleben des Individuums erschöp¬ 
fenden Teil, gewissermaßen die lebende Kapsel des das Keimplasma bildenden Teiles, die 
„Körperbah n“. 

Was im Keimplasma darin ist, gilt als „v e r e r b b a r“. Daher er¬ 
scheint vorsorgliches Kombinieren der Keimplasmaströme bei der 
Zusammensetzung der nächsten Generation als die wirksam^e Form der Beeinflussung 
der Nachkommenschaft. Der volle Erfolg einer solch vorbedachten Gattenwahl 
unter Zurateziehung der in der Ijebensgeschichte aller Vorfahren explizierten Qualität des 
Keimplasmas könnte aber erst dann erreicht werden, wenn der Traum der wissenschaft¬ 
lichen Genealogie (Ottokar Lorenz) und der Eugenik (Galten) in Erfüllung ge¬ 
gangen wäre imd man an der Hand von „Ahnentafeln“ sich auf einem öffent- 


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Referate, 


187 


liehen Amte über das, was man seinerseits im Keimplasma mitbe- 
kommen hat, und auch über die „biologische Aussteuer*' seiner zu* 
künftigen Frau, wie beides gerade zur „Konzentrierung wünschenswerter Eigen¬ 
schaften" und zur „Verdünnung unerwünschter Eigenschaften" am besten zusammenpaßt, 
zuverlässig zu orientieren vermöchte. 

Mangels aUer Vorarbeiten für eine genügend weit zurückgreifende Orientierung 
können wir heute nicht viel mehr sagen, als daß man in eine kranke Sippe nicht 
hinein heiraten soll und erst recht nicht in eine solche, die ähn¬ 
liche Krankheitsanlag^en mit sich bringt, wie man sie an sich 
selbst entdeckt. Durch die Paarung von Eltern mit übereinstimmender unvorteil¬ 
hafter Veranlagung wird die „I n z u c h t" zur Gefahr für die Nachkommenschaft. Es 
wäre undankbar, deshalb jede Inzucht an sich zu verwerfen. Sollen doch alle Kulturvölker 
ihre Blüte nur durch die Bildung edner engeren Inzuchtkaste erreicht haben (Reib¬ 
mayr). 

Genau wie bei Pflanzen und Tieren dürfte sich auch beim Menschen eine „Züch¬ 
tung" auf ganz bestimmte Eigenschaften und ganz bestimmte Leistungsfähigkeit er¬ 
zielen lassen, ohne daß man dabei die natumotwendige Variabilität der Individuen 
durch das Auswischen bestimmter Linien beschränken dürfte. — Das Keimmaterial im 
Eierstock und im Samenstock nimmt eine ganz besondere Stellung zum Stoff¬ 
wechsel ein. Es wird nicht nur wie dmreh eine Art „Sperrvorrichtung" in seiner 
Weiterentwicklung im Gegensatz zu den in immer neuen Zellteilungen sich erschöpfenden 
Körperzellen aufgchalten, sondern auch von den im Blute und in den Körpersäften 
kreisenden Substanzen nicht unmittelbar umspült wie etwa die Leber- oder Nieren zellen. 
Die Körpersäfte kommen nur an die aus einzelnen Zellen zusammengesetzte Umgebung 
der Keimzellen heran, welchen man eine gewisse auswählende Wirkung, eine Art selb¬ 
ständiger Sortierung in bezug auf die angebotenen Stoffe nicht absprechen kann. Es liegt 
nahe, diese Vorrichtung geradezu als eine Art Hülle zum Schutze der Integrität 
des Keimmateriales gegen den Kör^ des Menschen und alle aus der Umwelt an 
seinen Körper herankommenden, ja sogar bis in sein Blut vordringenden Schädlichkeiten 
anzusehen. 

Man ist zwar im aUgemeinen davon abgekommen, erworbene Eigen¬ 
schaften als vererbbar anzuaehen. Immerhin kann aber die Möglichkeit des 
Einflusses der Eltern auf das ihnen in ihren Keimdrüsen an¬ 
vertraute K eim p lasm a mcht ganz in Abrede gestellt werden. („Verkommene" 
Nachkommenschaft bei Alkoholismus; Beeinflussung des Keimplasmas durch den Körper 
hindurch: „somatische Induktion"; Beeinflussung von Keimplasmaträger und Keim¬ 
plasma zugleich: „parallele Induktion".) Beim Menschen speziell ist auf^fallen, daß erst 
in vorgeschrittenem Lebensalter erzeugte Kinder hinter den Erwar¬ 
tungen der Eltern zurückblieben. Das wäre wohl auf eine Umänderung des Keimplasmas 
zu beziehen. (Übel des späten Heiratens des Mannes.) 

Von großer Bedeutung ist ferner die sogenannte „sensible Periode" der 
Keimzellen, d. h. die Tatsache, daß im allgemeinen sowohl Eizelleals auch 
Samenzelle um die Befruchtungszeit herum in recht angriff- 
lichem Zustand sich befinden, so daß um diese Zeit leicht Infektionsträger 
in beide Eingang finden („Keimesinfektion" durch die Gewebsflüssigkeit der 
Mutter oder durch das Sperma des Vaters oder durch bloßen Import mit dem Samen; 
Möglichkeit der Infektion des Kindes durch den Fruchthalter und den Mutterkuchen 
hindurch). 

Das Verhalten der Mutter hat jedenfalls Einfluß auf die Quantität 
des Kindes. Mütter, die in der letzten Zeit der Schwangerschaft gute Pflege hatten, 
bringen um 10®/o schwerere Kinder zur Welt. Hinter das sogenannte „Versehen der 
Schwangeren" macht Verf. nach seinen Beobachtungen ein großes Fragezeichen. Aufgabe 
der Geburtshilfe ist es, mechanische und infektiöse Schädigungen vom Kinde fem- 
zuhalten. Nach der Geburt ist das Stillen durch die eigne Mutter von emi¬ 
nenter Bedeutung für Gedeihen und gute Entwicklung des Kindes. Sodann sollte dieses 
letztere unter ständiger Aufsicht des Kinderarztes durch alle Fährlichkeiten der 
Entwicklung- und Eraiehungsjahre hindurch geleitet werden, nach den Grundsätzen der 
modernen Hygiene. Hier ist, wenn irgendwo, der „vorsorgliche Hausarzt" 
am Platze. 

Zum Schluß bekennt sich Verf. als entschiedenen G^ner einer „Fortpflanzungs¬ 
polizei". Für ihn gibt es nur einen Weg: Alle Menschen davon zu überzeugen, daß die 
Fortpflanzung nicht etwas ist, was nur so nebenbei abgemacht werden darf, vielmehr die 
einzig wahre Gelegenheit darstellt, höchstes menschliches Streben überhaupt zu verwirk¬ 
lichen, nämlich im Kampfe ums Dableiben sich zu verewigen. Je mehr der Mensch ver- 

13* 


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Bücherbesprechungen. 


lernt hat, in Sachen der Fortpflanzung dem in der ungehinderten Natur unfehlbar und 
ganz von selbst zum Rechten führenden Instinkte zu folgen, um so mehr muß es der 
Verstand übernehmen, uns auf dem freilich mühsamen Wero der Erforschung der 
Naturgesetze und ihrer vernunftgemäßen Beachtung Yoor dm Niedergange zu bew^i^n. 

Iwan Bloch (Berlin z. Z. Bwekow [Mark]). 

Allgemeines, Vorgeschichte, Ethnologie und Folklore, Patho- 
graphie, Kultur- und Literaturgeschichtiiches. 

Ebstein, Erich, Aus Cleorg Christoph Liehtenbergs Frtlhzeit. (Arch. f. d. Ge¬ 
schichte d. Naturwissensch. u. d. Techn. 7. 1916. S. 129—140.) Mit 5 Abbild. 

Verf., einer der besten Kenner der Göttinger Dichter und Gelehrten des 18. Jahr¬ 
hunderts, insbesondere G. A. Bürgers und Liehtenbergs, gibt neue wichtige Auf¬ 
schlüsse über die Ober-RamstädterKinderjahre und die Darmstädter Schuljahre Liehten- 
ber^s. Bemerkenswert ist die Notiz, daß Lichtenberg in seinem 10. Jalire (1752) 
in einen Knaben Schmidt, eines Schneiders Sohn, verliebt war. Dieser war Primus 
in der Stadtschule, war nichts weniger als schön, und hatte eine Stumpfnase mit roten 
Backen^‘. Um ihn aus der Schule gehen zu sehen, kletterte Lichtenberg nach der 
Schule auf eine Mauer. Es handelt sich um eins der so häufigen Vorkommnisse von 
undifferenziertem Geschlechtsgefühl, das bei Lichtenberg recht bald einer ziemlich 
stark entwickelten Heterosexualität Platz machte. 

Iwan Bl och-Berlin (z. Z. Beeskow [Mark]). 


Bücherbesprechungen. 

Joseph, Max, Lehrbuch der Geschlechtskrankheiten für Xrzte und Studierende. 

Siebente, erweiterte und vermehrte Auflage. Mit 66 Abbild, im Text, einer schwarzen 
und drei farbigen Tafeln nebst einem Anhang von 103 Rezepten. Gr. 8®. X, 515 S. 
Leipzig 1915. G. Thieme. Mk. 7,20. 

Seit beinahe einem Vierteljahrhundert hat sich das J o s e p h sehe Lehrbuch bewährt 
als eine in ihrer Art klassische Darstellung des Gebietes der venerischen Krankheiten, 
ausgezeichnet durch die klare und plastische Schilderung der Krankheitsbilder, durch die 
kritische Verwertung der wirklichen positiven Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung 
für die Bedürfnisse der Praxis und durch die auf reichster persönlicher Erfahrung be¬ 
ruhenden Grundsätze einer rationellen und erfolgreichen Therapie. In der vorliegenden 
siebenten Auflage sind vor allem die neuesten Errungenschaften der Syphilisforschung 
berücksichtigt worden: die neueren Feinheiten der Serodiagnostik, der Noguchischen 
Kutanreaktion, die Salvarsanbehandlung und überhaupt die durch diese gänzlich ver¬ 
änderte Prognose und Behandlung der Syphilis. Auch die Vakzinetherapie der Gonorrhöe 
findet eine vorzügliche kritische Dai^tellung. Das Buch verkündet auf jeder Seite als 
Hauptaufgabe des Arztes die Heilung des Kranken, aber eine durch die fortschreiten¬ 
den Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung erleuchtete Heilung. Deshalb gibt 
seine Lektüre dem denkenden Arzte Genuß und Befriedigung. 

Iwan Bloch-Berlin (z. Z. Beeskow [Mark]). 

Tafeln znm Unterricht der Mannschaften beziiglich der Gefahren des Gesehlechts- 
verkehrs. Mit einer Einleitung von Obergeneralarzt Dr. G. Reh und Tafelerklärungen 
von Dozent Dr. Heuck. München 1916. J. ft Lehmanns Verlag. 1 Mk. 

Die Abbildungen verfolgen den Zweck, dem Sanitätsoffizier beim Unterricht der 
Gesundheitspflege ein Mittel zu bieten, den Schülern die Fol^n ansteckenden, ge¬ 
schlechtlichen Verkehrs recht deutlich vor Augen zu führen. Sie sollen abschreckend 
wirken, andererseits aber den Angesteckten veranlassen, baldigst ärztliche Hilfe zu 
suchen. Dieser Zweck wird durch die ausgezeichneten Tafeln sicherlich erreicht. Sie ent¬ 
halten nicht nur naturgetreue Abbildungen der ersten ÄuBearungen von Syphilis und 
weichem Schanker, sondern auch besonders schwere Folgezustände dieser Leiden. Das sind 
Bilder, die sich jedem einprägen werden. S p r i n z (Berlin). 


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Bücherbesprechungen. 


189 


Ringel, Maria, Die PolizeiasslstentiiL Schilderungen aus dem Berufe. Leipzig 1914. 
Verlag Felix Meiner. 102 S. 2 Mk. 

Es ist kein wissenschaftlichee Buch im strengen Sinne des Wortes. Wohl aber läßt 
es das hohe Maß von Verständnis erkennen, wdches die Vcarf. der Erfüllung ihres Berufes 
entgegeubringt und die Tiefe ihrer Liebe und des Gemüts, mit der sie sich ihrer 
„Schützlinge** annimmt. Sie sagt selbst: „Ich kenne nur eine Methode, welche mir 
Menschenliebe diktiert. Assistentinnenarbeit ist Rettungsarbeit, nicht durch fromme 
Worte, sondern durch Arbeitsvermittlung.** Und ihr selbst zur größten Freude gelingt es 
in einer großen Zahl der Fälle, die jug^uilich „Gefährdeten** und selbst die „Gefallenen** 
wieder zur Arbeit und anständigem Lebenswandel zu bringen. Wer die Verf. bei der 
Lektüre des Buches an ihre Arbeitsstätte b^leitet, wird zugeäehen, daß ein solcher Beruf, 
der soviel Verständnis für die weibliche Psyche fordert, ein echter Frauenberuf ist, der 
richtig erfaßt zwar sehr mühevoll ist, aber unendlichen Segen stiftet. Es müßten noch 
Tiel mehr solcher Folizeiassistentinstellen in den größeren Städten geschaffen werden, 
als es biß jetzt der Fall ist. 

Verf. bekennt sich als überzeugte Anhängerin des Reglementierungssystems. Durch 
die humane Auffassung und Behandlung von seiten der aittenpolizeilichen Behörde, durch 
die Einführung der Polizeiassietentin und insbesondere durch das Fürsorge-Erziehungs¬ 
gesetz hat dieses System allen ihm früh^ anhaftenden Schrecken verloren. 

Sprinz (Berlin). 

Meyer, Johann Jakob, Das Weib im altindischen Epos. Ein Beitrag zur indischen 
und zur vergleichenden Kulturgeschichte. XVIII u. 408 S. Leipzig 1915. Verlag 
von Wilhelm Heims. 

Der deutsch-amerikanische Gelehrte hat mit dieser gründlichen und umfassenden 
Arbeit eine beachtenswerte Bereicherung der sexualwissenschaftlichen Literatur gegeben. 
Nach dem Mahabharata und dem Ramayana gibt Meyer eine eingehende Darstellung des 
Lebensganges des Weibes im alten Indien. Es ist selbstverständhch, daß dabei die Erotik 
in allen ihren Erscheinungsformen einen breiten Raum einnimmt, wird doch in jenen Zeiten 
das Weib vorwiegend nur vom erotischen Standpunkt aus gewertet, und seine ganze so¬ 
ziale Bedeutung besteht lediglich in dem Zuwachs an Arbeitskraft, den es für den Mann 
und Gatten bedeutet. Es gibt einige Ausnahmen, und der Verfasser weist darauf hin, wo 
begabte Frauen sogar als Teilnehmer von Philosophenschulen auftreten. Doch sind diese 
Vorkommnisse sehr selten; sie vollziehen sich nur auf den sozialen Höhen. Es sind stets 
Königs- oder Brahmanentöchter, die eine solche Auszeichnung erlangen. Alle übrigen 
gehen den Weg, der vom Herde des Vaters zu dem des Gatten führt, ohne andere An¬ 
sprüche als die, eine geliebte Gattin und angesehene Mutter zu sein. Dazu ist vor allem 
Fruchtbarkeit vonnöten, und reichhaltig sind denn auch die Anweisungen, solche in geeig¬ 
neten Maßen zu erlangen. Die Fülle des magisch-erotischen Zeremoniells wird ausge¬ 
breitet, und ebenso diejenige, die den Liebeszauber betrifft. Interessant sind die Dar¬ 
legungen über die Bewertung der Askese und der Keuschheit beim Manne, die sich als 
notwendiges Gegenstück zu der Schilderung weiblicher Verführungskünste ei^eben. Ob¬ 
wohl die Enthaltsamkeit im alten Indien eine ungeheure Schätzung fand, galt sie doch, 
wie verschiedene Erzählungen beweisen, als eine Untat wider die Ahnen des Asketen. 
Sie wird richtig als seelischer Egoismus gewertet. Wichtig ist auch die Stellungnahme 
zur vorehelichen Enthaltsamkeit. Bei den Mädchen ist sie absolute Forderung, aber auch 
vom Jüngling erwartet man sie, und nur eine Heirat, die von gänzlich Unberührten ge¬ 
schlossen wird, hat Anspruch auf gänzlich ungeschmälerten göttlichen Segen. — Über¬ 
haupt werden die übersinnlichen Beziehungen des Weibes als Geschlechtswesen, von denen 
jene Zeitalter \iel träumten, mit dem gleichen Ernste behandelt wie die sinnlichen. Vom 
psychologischen Standpunkt aus durchaus mit Recht, denn die Legenden von Götter- und 
Dämonengatten, von Ehen mit Abgeschiedenen unterrichten uns besser über die herrschende 
Auffassung von Wert und Wesen der Frau, als es Einblicke tun könnten, die lediglich 
die materielle Seite ihres Lebensablaufes ins Auge faßten. — Das Werk ist von schönem 
und erhabenem Aufschwung getragen und die wissenschaftliche Genauigkeit verbindet sich 
glücklich mit einer reinen und innigen Liebe zu dem Gedanken einer Entwicklung, die 
nicht nur vorwärts, sondern auch aufwärts fährt. Hans Freimark (Berlin). 

Müller-Eberhardt, Waldemar, Das Kind. Drama in vier Akten. Berlin und 
Leipzig 0. J., Hermann Seemann Nachf. 8®. 102 S. 2 Mk. 

Wenn auch das Erscheinen dieses Dramas bereits mehr als ein Jahrzehnt zurück¬ 
liegt, so möchte ich doch in einer Zeit mit Nachdruck darauf hinweisen, wo der Krieg 
dem von Ellen Key geprägten Schlagwort vom „Jahrhundert des Kindes“ eine erhöhte 


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190 


BücherbesprechuDgen. 


Aktualität verliehen hat. Und da verdient der Verfasser des vorliegenden Stückes um 
so eher genannt zu werden, als er das Problem der Bedeutung des Kindes für die Ehe 
und für die Gesellschaft in ganz neuer eigenartiger Weise angefaßt hat und als sein 
Drama nach gründlicher Umarbeitung der Neuaufführung harrt. Ich hatte schon kurz 
nach dem Erscheinen des Stückes, in der ersten Ende 1906 erschienenen Auflage meines 
Buches „Das Sexualleben unserer Zeit^^ auf das Drama Müller-Eberhardts (damals 
„Ernst Erik Eberhart^^) hingewiesen und es neben Sudermanns „Heimat‘*\ Ger- 
hart Hauptmanns „Rose Bernd‘‘, Gabriele Reuters „Aus guter Familie“, Jo¬ 
hann Bojers „Eine Pilgerfahrt“ als beachtenswerteste Darstellung der durch die un¬ 
eheliche Mutterschaft hervorgerufenen Konflikte genannt. An dieser Steile möchte ich 
die Müller-Eberhardts Drama beherrschende Idee von der Rolle des Kindes in der 
modernen Gesellschaft deutlicher kennzeichnen. 

Wenn es nach dem Ästhetiker Konrad Lange die Aufgabe des Sexualfragea 
behandelnden realistischen Dichters ist, die Übertretung des Sittenkodex so zu schildern, 
daß sie sich aus der ganzen Handlung, aus den Charakteren, den äußeren Verhältnissen 
mit Notwendigkeit ergibt, so ist Müller-Eberhardt dieser Forderung in jeder Be¬ 
ziehung gerecht geworden. Die Fabel des Stückes ist der Wahrheit des Lebens ent¬ 
nommen. Egon Koeller, ein junger, lebenslustiger, aber armer und verschuldeter Jurist, 
wird von seiner Geliebten Dora Petersen in der Stunde, wo sie gemeinsam sterben wollen, 
freigegeben, damit er durch eine reiche Heirat doch noch das äußere Glück finde. Bei 
diesem Entschlüsse weiß Dora noch nicht, daß sie ein Kind von Egon unter dem Herzen trägt 
Sie verheimlicht es später, um dann kurz vor der Entbindung zu dem Geliebten zu eilen, 
der inzwischen geheiratet hat und als Staatsanwalt in einer kleineren Stadt tätig ist. Nach 
der Geburt des Kindes läßt sie den Vater an ihr Wochenbett rufen, Egon, in Furcht vor 
einem drohenden öffentlichen Skandal, treibt durch herzlose Anzweiflung seiner Vater¬ 
schaft Dora zu einem Verzweiflungsakt. Sie erwürgt ihr Kind in seiner Gegenwart 
Zwar macht er sich, um die für ihn als Staatsanwalt verhängnisvollen Folgen einer An¬ 
klage gegen Dora zu vermeiden, die Suggestion der Hebamme, daß das Kind totgeboren 
sei, zu eigen. Doch kommt es trotzdem infolge der vom Arzt gemachten Entdeckung von 
Würgmalen am Halse des Kindes zur Gerichtsverhandlung, bei der Egon als Staatsanwalt 
ein erschütterndes Plädoyer für die Angeklagte hält und die Freisprechung beantragt 
Diese Rede mit der nur Dora verständlichen Selhstanklage bildet den Höhepunkt des 
Dramas, das nun der eigenartigen Lösung zueilt Im letzten Akt harrt Egons Frau Amelie, 
die ebenfalls guter Hoffnung ist mit Spannung des U lieilsspruches, um dann zu ihrer 
grenzenlosen Überraschung den Freispruch und aus dem Munde der Hebamme dessen 
Ursache zu erfahren. Egon kehrt zurück und übergibt seinem Freunde, dem Assessor 
Schramm, sein Entlassungsgesuch als Staatsanwalt. Da erscheint Dora und fordert ihn 
aut ihre gemeinsame Sünde zu büßen und mit ihm aus dem Leben zu scheiden. Egon 
weigert sich. Das Drama schließt mit folgendem Dialog: 

Dora: 

Aber du willst weiter leben ? (Erregter werdend.) Du fühlst nicht daß die Sünde 
uns aneinander schmiedet daß ein Leben unser gemeinsames war. 

Koeller (ruhig und gefaßt): 

Dora, du sagtest es damals in der schreckensvollen Stunde. 

Dora: 

Ja! 

Koeller: 

Und du bist dessen sicher, es gibt ein unvergängliches Band, das Mann und Weib 
aneinander kettet? 

Dora (fest, mit aufgerissenen Augen): 

Ja, das Kind! 

Koeller: 

Und du irrst dich nicht, Dora? Gibt es da kein Ausbrechen aus den Ketten? 

Dora: 

Nein, Egon, das fühle ich. 

Koeller (schmerzlich): 

Dora, du hast das Band zwischen uns zerrissen! 

Dora (schreit auf): 

Egon! 

Amelie (erscheint in der Mitteltür, sie sieht sehr angegriffen aus und spricht mit ton¬ 
loser Stimme): 

Wer ist dies? 

Koeller: 

Du weißt es, Amelie! 


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191 


Varia. 


Amelie: 

Du hast Pflichten, Egon! 

Koeller (zu Dora): 

Ich habe dich unsagbar geliebt, Dora. — Jetzt aber — du hast es selbst mich ge¬ 
lehrt: Es gibt ein Band, das mich mit meiner Frau verbindet. Du sagst es, das Band 
ist unlöslich! 

Dora: 

Ich verstehe. (Geht gesenkten Hauptes zur Tür.) 

Vorhang, — Ende. 

Der Verfasser hat in seinem Stück in der glücklichsten Form, die es gibt, in der 
Form dramatischer Lebendigkeit eine Idee verfochten, für welche die Anhänger der viel 
angefeindeten „neuen Ethik^^ seit Jahren eingetreten sind. Das ist der Gedanke: Das 
Kind verpflichtet! Es verpflichtet unter allen Umständen beide Erzeuger und es 
muß zu einem Fundamentalsatz einer künftigen natürlichen Sexualethik erhoben werden, 
daß niemand sich diesen Verpflichtungen entziehen darf! Ein anderes aber ist der Ge¬ 
danke, ob die Existenz des Kindes nun wirklich für Lebenszeit ein „unlösliches Band“ 
zwischen zwei Menschen begründet, die vielleicht im ersten Rausch unerfahrener Jugend 
zusammengeführt wurden, später aber erkennen, daß sie in keiner Weise zueinander 
passen und keine wirkliche „Ehe“ in des Wortes wahrster und höchster Bedeutung mit¬ 
einander führen können. Der Staat hat bekanntlich durch Einführung der gerichUichen 
Scheidung diesen Verhältnissen Rechnung getragen, in der Erwägung, daß eine unglück¬ 
liche Ehe für Erziehung und Entwicklung des Kindes schwerere Schädigungen im Ge¬ 
folge hat als die dauernde Trennung der Ehe^tten. 

Iwan Bl och-Berlin (z. Zt. in Beeskow [Mark]). 


Varia. 

Den Tod fürs Vaterland starb Dr. med. Paul Bendig, Feldarzt und Polizeiarzt 
in Stuttgart, Verfasser wertvoller Untersuchungen über die Prostitution und die Verbrei¬ 
tung der Geschlechtskrankheiten in Stuttgart. 


Aus dem Vorlesungsverzeichnis der Berliner Universität für das Wintersemester 
1916/17 heben wir die folgenden, auch sexual wissenschaftliches Interesse darbietenden 
Vorlesungen hervor: Du Bois-Reymond, Die physiologischen Wirkungen der Kultur 
auf den Menschen; Nicolai, Der Krieg als biologischer Faktor in der Entwicklung der 
Menschheit; Posner, Medizinische T^esfragen mit besonderer Berücksichtigung des 
Krieges; Meyer, Seuchenbekämpfung im Kriege; Baginsky, Der Einfluß des modernen 
Schulunterrichts auf den kindlichen Organismus; Lesser, Die Geschlechtskrankheiten, 
ihre Gefahren und ihre Verhütung; Correns, Über Vererbung; v. Luschan, Die Kunst 
der Naturvölker; Günther, Bevölkerungspolitik und Bevölkerungsstatistik Mitteleuropas; 
Fischei, Stilwandlungen der Tracht; Neuhaus, August Strindberg und die Frauen. 


Behördlicher Schutz kinderreicher Familien. Aus Düsseldorf wird der 
Voss. Zeitung (Nr. 371 vom 22. Juli 1916) gedrahtet: Der Regierungspräsident hat an 
die Behörden nachstehende Verfügung erlassen: 

Wiederholt ist hier zur Sprache gekommen, daß Leuten, die gewisse Gesuche mit 
ihrer größeren Kinderzahl begründeten, z. B. bei einer Armenverwaltung, bei der münd¬ 
lichen Erörterung von den betreffenden Beamten Vorwürfe wegen ihres Kinderreichtums 
gemacht worden seien. Es liegt auf der Hand, daß ein solches Verhalten durchaus un¬ 
angemessen, ja geradezu gemeinschädlich ist Es geht von einer völkisch wie sittlich 
gleich zu verwerfenden Anschauung aus, wirkt irreführend und verletzend auf die Eltern, 
deren Stolz und Freude ihre Kinder sind und sein sollen, und ist geeignet, den so un- 
gemein wichtigen Bestrebungen gegen das Umsichgreifen des Geburtenrückganges bzw. 
der Kinderscheu entgegenzuarbeiten. Umgekehrt wird es im staatlichen wie im völkischen 
Sinne gleich günstig wirken, wenn von allen Seiten und bei jeder Gelegenheit die Anliegen 
tonderreicher Familien grundsätzlich mit besonderem Wohlwollen behandelt und, soweit 
es irgend angängig ist, berücksichtigt werden. 

Gefährliche Folgen der Inzucht. — Die Juli-Sitzung der Berliner Anthropo- 
lorischen Gesellschaft galt der Besichtigung des bei Potsdam gelegenen Instituts für Ver- 
erDungsforschung, dessen Leiter Prof. Erwin Baur u. a. auch bedeutsame Ergebnisse 
der künstlichen Inzucht bei Pflanzen und Tieren vorführte. So nahm er z. B. ausge- 


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Varia. 


dehnte Inzachtversuche bei Löwenmaulpflanzen vor. Pflanzte er eine solche Rasse immer 
weiter durch Selbstbefruchtung fort, so wurde die Nachkonmienschaft immer kleiner und 
schwächer. Bei einer bestimmten Größe blieb sie konstant, wurde aber zum größten 
Teil steril. Kreuzte man aber diese schwächliche Rasse, so erhielt man wieder große 
kräftige Bastarde. Die Inzucht führt also auch im Pflanzenreich zur Verkümmerung und 
Unfruchtbarkeit. Bei verschiedenen Digitalis-Arten beobachtete Baur ähnliches. — Von 
Tieren zeigten besonders Kaninchenzüchtungen die gefährlichen Folgen der Inzucht Von 
einer einzigen Häsin, einem schwarzen Holländer, erhielt Baur durch weitere Paarung 
mit ihrem »Sohn einen neuen Wurf. Nun ließ man so die Mutter von dem Sohne be¬ 
gatten, es wurden immer die nächsten Blutsverwandten miteinander zusamraengebracht, 
so daß sich die eigenartigsten Verwandtschaftsverhältnisse entwickelten. Dasselbe Tier 
wurde so zugleich sein eigener Onkel, Vater und Großvater. Aber je enger die Bluts¬ 
verwandtschaft wurde, desto verkümmerter sahen auch die Kreuzungsprodukte aus. 


Sajous Club, ln Pittsburgh (Pennsylvania) ist am 17. Februar 1916 von einer 
Anzahl von Ärzten ein „Sajous Club^^ gegründet worden. Er führt seinen Namen 
nach Dr. C. E. de Sajous, einem amerikanischen Arzte, der durch eine lange Reihe 
von Aufsätzen im „New York Medical Journah^ der Allgemeinheit der praktischen Ärzte 
in den Vereinigten Staaten die eminente Bedeutung der neuen Lehre von der 
inneren Sekretion für die praktische Medizin vor Augen führte. Der Pitts- 
burgher Sajous Club, der gleichzeitig ähnliche Vereinigungen in anderen nordamerikanischen 
Städten anregt, hält alle 14 Tage eine zweistündige Sitzung ab, in der die Beziehungen 
der inneren Sekretion zu allen Gebieten der Medizin ausgiebig erörtert werden sollen. 

Es mag bei dieser Gelegenheit daran erinnert werden, d^ die „Berliner Ärztliche 
Gesellschaft für Sexualwissenschaft*^^ schon in ihrem Giündungsjahre 1913 die vielseitigen 
Beziehungen der inneren Sekretion zur Sexualität zum Gegenstand eines orientierenden 
Vortrages (von H. Boruttau) und einer daran anschließenden Diskussion machte und 
seitdem dieses zur Zeit wichtigste Problem der Sexualwissenschaft wiederholt in ihren 
Sitzungen erörtert hat. _ 

Die im Oktober 1913 zur Untersuchung des Geburtenrückganges in Eng¬ 
land eingesetzte „National Birthrate Commissison“ veröffentlicht nach dem 
,,Tag‘‘ (Nr. 169 vom 21. Juli 1916) soeben ihre Ergebnisse in einem 450 Seiten starken 
Bande und schlägt folgende Reformen vor: 

1. Lebenslängliche Renten für kinderreiche Familien. 

2. Staatliche Versicherung für Kinder von Eltern, deren Einnahmen 120 Pfund 
jährlich nicht übersteigen. 

3. Getrennte steuerliche Behandlung der Einkommen der Ehegatten. 

4. Steuernachlässe mit zunehmender Kinderzahl. 

5. Wesentliche Verringemng der Erziehungskosten für kinderreiche Familien. Hierzu 
gehören auch: 

6. Mietzulagen, eventuell entsprechende Renten (siehe Punkt 1). 

7. Hebung der Landwirtschaft im Mutterland sowie Weiterentwickelung der Land¬ 
gesetzgebung in den Dominions. 

8. Bekämpfung der Kindersterblichkeit. 


Phyletisches Archiv. Das Phyletische Archiv in Jena, das die von Ernst 
Haeckel seit 1861 gesammelten zahlreichen und wertvollen Dokumente zur Entwick¬ 
lungslehre umfaßt, wurde vor kurzem in die hierfür bestimmten Räume der erweiterten 
Universitätsbibliothek übergeführt. Kustos und Archivar ist der frühere Assistent 
Haeckels Dr. Heinrich Schmidt, der bereits seit sieben Jahren die reichen Schätze 
des Archivs bearbeitet. Die Mittel zur Organisation und zum Unterhalt des Archi\’8 
w^erden aus dem ,,Ernst Haeckel-Schatz für Monismus‘‘ bestritten, aus dem 30 (XX) Mark 
der Universität Jena zu diesem Zweck überwiesen worden sind. 

Städtische Ehrengaben für Mütter, ln der Düsseldorfer Stadtverordneten¬ 
versammlung teilte der Oberbürgermeister mit, daß, nachdem kürzlich aus städtischen 
Mitteln 56 Mütter mit 9 und mehr Kindern mit Ehrengaben ausgezeichnet worden seien, 
er erfreulicherweise wiederum in der Lage sei, den Antrag auf Bewilligung weiterer 
Mittel zu stellen. Nach der ersten Ehrung habe sich noch eine sehr große Anzahl von 
Müttern mit mehr als 9 Kindern gemeldet. Die Versammlung bewilligte die hierfür er¬ 
forderlichen Mittel. (Voss. Zeit. Nr. 380 vom 27. Juli 1916.) 


Für die Redaktion verantwortlich: Oeh. Med.-Bat Prof. Dr. A. Enlcaberf in Beiila. 
A« Marcnc A £• Weben Yerla« (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 

Drock: Otto Wlgand*sche Bnehdreckerel G. m« b. H« in Leipsif. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Dritter Band August 1916 Fünftes Heft 


Der Krieg und die Bevölkernngsfrage. 

Von Henriette Fürth 

in Frankfurt a. M. 

Der Krieg ist uns in einigen Dingen ein erhebender und be¬ 
freiender, in vielen anderen ein schmerzvoller Lehrmeister geworden. 
Er hat uns gezwungen, in bezug auf entscheidende Punkte des volk- 
lichen Gemeinschaftslebens umzudenken und umzulemen, und er hat 
unserem Handeln neue Wege gewiesen. 

Nicht zuletzt gilt das von allem, was mit der Bevölkerungs¬ 
frage und Bevölkerungspolitik zusammenhängt! 

Abseits von jenen, die in einem raschen numerischen Ansteigen 
der Bevölkerung das Heil der Welt erblickten, waren alle Kundigen 
dahin einig, daß unter den gegenwärtigen zahlenmäßigen Bevölke- 
rungs-, wie unter den gegebenen Wirtschafts- und Kulturverhält¬ 
nissen in bezug auf die wünschbare Volkszunahme ein gewisser 
Sättigungszustand eingetreten sei, der nicht so sehr ein rasches 
Wachsen der Zahl als Maßnahmen zur qualitativen Verbesserung 
des Volksstandes und zur Sicherung eines gewissen Ausmaßes von 
Kulturmöglichkeiten erforderlich mache. Demgemäß gingen die Be¬ 
strebungen einsichtiger Sozial- und Rassepolitik dahin, die Geburt 
erblich Belasteter oder sonst Lebensuntauglicher möglichst zu ver¬ 
hüten und für die Mütter und das heranwachsende Geschlecht 
Lebens- und Aufzuchtbedingungen zu schaffen, dazu angetan, das 
gesunde Heranwachsen zu sichern und dem wirtschaftlichen und 
kulturellen Höherwachsen die Wege zu ebnen. 

Man war auf dem besten Wege zu der Erkenntnis, daß auch 
für die Völker nicht die Quantität sondern die Qualität das Aus¬ 
schlaggebende sei. 

Da kam der Krieg, und für einen Augenblick schien es, als ob 
er die Qualitätstheorie verneinen und den Fanatikern der Zahl recht 
geben wollte. 

Deutschland und Österreich-Ungarn im Kampfe gegen eine Welt 
von Feinden. Von allen Seiten drängte es übermächtig heran, und 
es mochte scheinen, als ob nach dem berühmten Wort von Engels 
der Zustand eingetreten sei, der die übermächtige Quantität zur 
Qualität werden ließ. 

Aber dieser gefahrdrohende Augenblick ging vorüber. Mit einem 
beispiellosen Heldenmut hielten die braven Jungens von Österreich- 
Ungarn dem ersten Anprall der russischen Dampfwalze stand, um 
dann, vereint mit den deutschen Feldgrauen, unter unsagbaren 
Schwierigkeiten und mit einer unvergleichlichen Aufopferungsfähig- 

Zeitsehr. t Sezuslwissensehaft UL 5. 14 


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194 


Henriette Fürth. 


keit die Feinde von den Höhen der Karpathen bis auf ihr eigenes 
Gebiet zurückzuwerfen. 

Das gleiche Schauspiel im deutschen Osten. Den unter barba¬ 
rischen Begleiterscheinungen verübten Einfall in deutsches Gebiet 
haben die Russen in den masurischen Seen und in der eisernen 
Umklammerung durch die Heere Hindenbur^ bitter gebüßt Ganz 
Russisch-Polen ist in deutschem Besitz und bis tief hinein ins eigent¬ 
liche Rußland hat der Wille des ehernen Feldmarschalls und die 
unwiderstehliche Kraft seiner Bataillone den Feind zurückgezwungen. 

Die Quantitäten wurden vernichtet, die Qualität hatte gesiegt. 

Das ist der Beweis, den der Osten geliefert hat. Den gleichen 
Beweis nur von der für uns negativen Seite her gibt uns der Westen. 
Der deutsche Reichskanzler hat in seiner jüngsten Reichstagsrede 
von der bewunderungswürdigen Tapferkeit und Haltung der franzö¬ 
sischen Truppen gesprochen. Englische Perfidie wollte aus dem ein 
„divide et impera“ machen, was doch nichts anderes war, als der 
Ausdruck einer im ganzen deutschen Volke lebendigen Bewunderung 
eines solchen Gegners. 

Und wer ist dieser Gegner? Dasselbe Volk, das man um seiner 
geringen Geburtlichkeit willen schon auf den Aussterbeetat gesetzt 
hatte. Dasselbe Volk, dem jeder den Elan des ersten Draufgehens, 
aber niemand diese Fähigkeit zähen Aushaltens zugetraut hatte. 

Und auch hier ist es, der ganzen Sachlage nach, nicht die Quan¬ 
tität, sondern die Qualität, die sich in so hervorragender Weise be¬ 
währt und behauptet. 

Zwei qualitativ ebenbürtige Gegner stehen sich bei Verdun 
gegenüber. Das macht dieses Ringen so schwer, aber auch so stolz. 

Man sollte meinen, daß diesen offenkundigen Zusammenhängen 
so viel Überzeugungskraft innewohne, daß auch die enragierten 
Vertreter des zahlenmäßigen Zuwachses ihre Ansichten entsprechend 
überprüft und geändert hätten. Das gerade Gegenteil ist der Fall. 
Das Schreien nach der Zahl ist niemals lauter erklungen. Man weist 
auf die blutigen Verluste hin, auf den Ausfall an bestem, hoffnungs¬ 
reichsten Menschenmaterial. 

Da.s sind ernste und unbestreitbare Tatsachen, die auch uns, 
trotz der überraschenden Erfolge, die die Qualitätstheorie in diesem 
Kriege davongetragen hat, zu einer gewissenhaften und gründlichen 
Neuprüfung unseres Standpunktes nötigen. 

Wir können dabei eines ohne weiteres zugeben: Die ungeheuren 
Menschenverluste müssen ausgeglichen werden. Wir haben für die 
Folge unsere Sorge nicht nur der qualitativen Verbesserung unseres 
Menschenmaterials zuzuwenden. Unsere nächste Aufgabe muß einst¬ 
weilen sein, zuerst den Quantitäten den Weg ins Leben zu ebnen, 
bevor wir in ihnen die Qualitäten wecken und stärken können, die 
Voraussetzung und Traggerüst volklicher Kraft und Tüchtigkeit und 
damit volklichen Höherwachsens sind. 

Der Wege zu diesem Ziel gibt es manche. Da ist zuerst die 
Sicherung der Zahl. Sie kann ganz mechanisch erreicht werden 
durch Vermehrung der Ehemöglichkeit und durch Einwirkung auf 
die Ehebereitschaft, auf den Willen zur Ehe. 


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Der Krieg und die Bevölkerongsfrage. 


195 


Fangen wir gleich mit dem schwersten an. Durch das Zölibat, 
den Zwang zur Ehelosigkeit, werden Zehntausende von körperlich 
gesunden, geistig und sittlich hochstehenden Menschen der Fort¬ 
pflanzung entzogen. Nach der deutschen Berufszählung vom Jahre 
1907 gab es damals an katholischen Geistlichen, höheren und mitt¬ 
leren Eultusbeamten 22845; hinzu kommen 18508 Insassen religiöser 
Anstalten, im ganzen also 41362 männliche Personen. Ferner dürften 
hier viele der 76187 in Gesundheitsdienst und Krankenpflege auf¬ 
geführten Barmherzigen Schwestern und Brüder, Nonnen und Kranken¬ 
pflegerinnen in Betracht kommen. (Vierteljahrshefte z. Stat des 
Deutschen Reiches 1913, 2. Heft.) 

Infolge jahrhundertelanger Gewöhnung mag vielen der Gedanke 
der Priesterehe geradezu als ein Sakrileg erscheinen. Und doch 
gab es eine Zeit, in der auch der katholische Priester (damals gab 
es neben dem Katholizismus keine andere christliche Glaubens¬ 
richtung) beweibt war. Es ist bekannt, daß Gregor VII. nicht aus 
kirchlichen oder sittlichen Gründen den Priestern das Zölibat auf¬ 
erlegte, sondern um sich eine bewegliche, nicht durch Heimat- und 
Familiengefühl gehemmte Kerntruppe geistlicher Propaganda und 
weltlichen Mitbestimmungsrechtes zu schaffen. 

Welch unauslöschliches Verdienst könnte sich da ein Papst er¬ 
werben, wenn er durch die Aufhebung des Zölibats seine Priester¬ 
schaft in die Volksfamilie als Familie hineinwurzelte, der sie in der 
Hauptsache entschossen, mit der sie durch die Bande des Bluts, 
der Überlieferung und des gemeinsamen Erlebens in Leid und Freud 
aufs innigste verknüpft ist. 

Um wie viel fester könnte er mit den unzerreißbaren Fäden 
des Gemütslebens Volk und Priesterschaft sich verketten. 

Würde durch solchen Gewinn nicht die ausschließliche Zuge¬ 
hörigkeit zu einem in der kühlen Gehaltenheit des unbeteiligten 
Dritten über den Ländern und Völkern thronenden, ihrem innersten 
Erleben, ihrer dringendsten Nothaftigkeit fremden Organismus mehr 
als aufgewogen? Eine Brücke geschaffen, die ins Herz des Volkes 
führt und es mit seinem Glauben und dessen geweihten Trägern 
nur um so fester verbindet? 

Der Aufhebung des Priesterzölibats müßte sich das Fallenlassen 
des zu einem Teil gesetzlich auferlegten, zu einem andern Teil in 
den Verhältnissen be^ündeten Zölibats der Offiziere, der staatlichen 
Beamten und Beamtinnen gesellen. 

In diesem Zusammenhang wäre die Kautionspflicht der Offi¬ 
ziere beim Eheschluß aufzuheben. Vor dem Kriege — in einer 
unserem Fühlen und Denken also weltentrückten Zeit — ging man 
von der Unterstellung aus, daß der Offizier verpflichtet sei, eine 
gewisse, nur auf Grund ausreichender Geldmittel erreichbare Höhe 
der äußeren Lebenshaltung zu wahren. Im Emst dieser Tage dürfte 
es allen genügend klar geworden sein, daß nicht die Repräsen¬ 
tationspflicht und nicht das Repräsentationsvermögen das Wich¬ 
tigste im Leben, ja daß es nur ein recht Gleichgültiges und Äußer¬ 
liches ist Was tut es, wenn ein Offizier arm ist? und wenn er 
mit seiner Familie zu einem einfachen Leben genötigt ist? Ist er 

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196 


Henriette Fürth. 


deshalb ein weniger guter Soldat und vor aUem ist er deshalb 
weniger achtungswert? 

Ebenso müßte mit jener Gepflogenheit der Behörden gebrochen 
werden, die in zahlreichen Erlassen niedergelegt, darauf hinausgeht, 
in den subalternen Beamtenklassen möglichst keine verheirateten 
Beamten zu beschäftigen. Das Berliner Tageblatt veröffentlichte 
vor einigen Jahren einen Erlaß aus Münster i. W., der besagte, daß 
subalterne Beamte der niedersten Gehaltsklassen im Falle der Ver¬ 
heiratung tunlichst durch andere zu ersetzen seien. Das gerade 
Gegenteil wäre richtig. Man sollte die Leute in beamteten, das 
beißt aber mit festen Bezügen ausgestatteten Stellungen zur Ein¬ 
gehung der Ehe dadurch ermutigen, daß man den kinderreichen 
Familien ein besonders hohes Wohnungsgeld, Erziehungsbeihilfen, 
Kinderrenten usw. zubilligte. 

Ähnliches ist bezüglich der weiblichen Beamtenschaft zu sagen. 
In Reichs-Deutschland gibt es grundsätzlich überhaupt keine ver¬ 
heirateten Beamtinnen. Der Eheschluß ist gleichbedeutend mit dem 
Verzicht auf die Anstellimg und alle aus ihr herrührenden Rechte. 
Erst die Not des Krieges hat hierin eine tatsächliche Änderung 
herbeigeführt, die aber einstweilen nur als Notstandsaktion zu 
werten ist, über deren Fortdauer nach dem Krieg man heute noch 
nichts sagen kann. Nach Lage der Sache ist zwar anzunehmen, 
daß man auch nach dem Krieg auf die ausgedehnte Mitarbeit aller 
Frauen, der verheirateten wie der unverheirateten, nicht wird ver¬ 
zichten können. Auf der anderen Seite werden aber jetzt schon 
Stimmen laut, daß man zeitig daran denken müsse, die überhand¬ 
nehmende Erwerbsarbeit der Weiblichen einzuschränken. Jeden¬ 
falls gibt es in diesem Zusammenhang zu denken, daß der vor 
einigen Jahren herausgekommene Erlaß des preußischen Kultus¬ 
ministers, die Verwendung verheirateter Lehrerinnen betreffend, 
nicht der Einsicht in die Ungerechtigkeit solchen Eheverbots, son¬ 
dern nur dem Mangel an Lehrkräften sein Entstehen verdankt Er 
ordnet an, dsiß Se Lehrerin bei Eingehung einer Ehe ihre 
Bestallung in die Hände der Regierung zurücklegen und auf alle 
etwa bis dahin erworbenen Pensionsrechte usw. verzichten muß, 
aber je nachdem fakultativ weiter verwandt werden kann. 

Wir reden von dem Eheverbot für die Lehrerin und Beamtin. 
Im Wortsinn liegt ein solches nicht vor. In Wirklichkeit kommt 
aber die Verordnung, daß verheiratete Lehrerinnen und Beamtinnen 
nicht anzustellen, bzw. nicht weiter zu verwenden seien, einem Ehe¬ 
verbot gleich. Denn — und damit begeben wir uns auf ein Grenz¬ 
gebiet, das uns noch unmittelbarer als die Kautionspflicht der 
Offiziere usw. die wirtschaftliche Verknüpftheit und Bedingtheit 
des Bevölkerungsproblems klar macht — in den meisten Fällen 
wird eine Lehrerin oder sonstige Beamtin dann auf die Eingehung 
einer Ehe verzichten müssen, wenn damit der Amts- das ist aber 
Erwerbsverlust verknüpft ist 

Schon vor dem Krieg waren solche zum Verzicht auf die Ehe 
führenden Erwägungen in all den zahlreichen Fällen ausschlag¬ 
gebend, in denen nur auf der Grundlage eines von Mann und 
Frau gemeinsam zu schaffenden wirtschaftlichen Unterbaues an die 


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Der Krieg und die Bevölkerangsfrage. 


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Gründung einer Familie gedacht werden konnte. Deutlicher als 
weitläufige Auseinandersetzungen spricht dafür die Tatsache der 
wachsenden Anteilnahme der Ehefrauen am Erwerbsleben in Form 
der außerhäuslichen Lohnarbeit. Im Jahre 1895 belief sich die 
Zahl der erwerbstätigen Ehefrauen auf 1057595 = 12,04®/o der 
8784508 Ehefrauen. 1907 wurden 2817909 erwerbstätige Ehefrauen 
= 26,04®/o von insgesamt 10521900 verheirateten Frauen gezählt. 
(Vgl. Fürth: „Die Mutterschaftsversicherung“, Fischer, Jena 1911, 
Seite 4) 

Die Ziffern von damals sind heute längst überholt Und eine 
ganz außerordentliche, heute weder ihrem Umfang noch ihrer Trag¬ 
weite nach zu übersehende Ausdehnung hat die weibliche Erwerbs¬ 
arbeit und insonderheit die der verheirateten Frauen durch den 
Krieg erfahren. Man sehe nur um sich. Erwerbstätige Ehefrauen 
überall. Frauen von Kriegsteilnehmern, Kriegs- und andere Witwen 
usw. Im Straßen- und Eisenbahndienst, bei der Post, der Straßen¬ 
reinigung, als Bureauangestellte, im Handel und Gewerbe auch bei 
solchen Beschäftigungen und an solchen Posten, die man ihnen 
früher nicht anvertraut hätte und von denen einige in der Tat als 
wenig geeignet für Frauenkräfte und Körperverfassung bezeichnet 
werden müssen. Die Kriegsnot erklärt und rechtfertigt alles. Nicht 
aber erklärt und rechtfertigt sie (das sei an dieser Stelle schon 
vorweg genommen), daß man auch heute noch oder wiederum 
Frauen für genau die gleiche Leistung schlechter entlohnt als die 
Männer. So bekommen die Schaffnerinnen der Straßenbahn in 
Frankfurt a. M. einen Stundenlohn von 35, die Männer für genau 
die gleichen Leistungen einen solchen von 60—70 Pf. Deutlicher als 
an diesem Beispiel, bei dem die Inanspruchnahme d. h. aber die 
Leistung des Arbeitenden gar nicht von ihm, sondern von den Zu¬ 
fällen des Straßenverkehrs abhängt, kann die Ungerechtigkeit und 
Sinnlosigkeit der ungleichen Entlohnung nicht dairgetan werden. 

Die starke Heranziehung aller irgend verfüg- und erlangbaren 
Arbeitskräfte wird mit dem Ende des Krieges nicht beendet sein. 
Darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben. Wir werden 
alle Kräfte einsetzen, wir werden auf lange hinaus auf manche 
Lebensschönheit und manchen Genuß verzichten und trachten müssen, 
in rastloser Arbeit die tiefeinschneidenden Kriegsschäden so viel wie 
möglich auszugleichen. Das Kriegsende, wie günstig auch immer 
es für uns sein möge, wird uns verarmt an Gütern und an arbeits¬ 
tauglichen Menschen finden. So werden wir aufs neue unsere 
Organisationskraft, die sich in diesem Kriege so über alle Erwar¬ 
tung hinaus offenbart und bewährt hat, einsetzen und alles was 
Hände hat, um zu arbeiten, einen Kopf, um zu denken, ein Herz, 
um zu empfinden, zu Hilf und Arbeit heranrufen und heranholen 
müssen. Die Frauen werden dabei sein. Sie haben in diesen Tagen 
gezeigt, was sie tun können. Sie werden sich auch künftig be¬ 
währen. 

Zu diesen äußeren Gründen der Beibehaltung und des Ausbaues 
der Frauenarbeit geselien sich jene inneren, die uns nach der schein¬ 
baren Abschweifung wiederum ins Herz des von uns behandelten 
Bevölkerungsproblems führen: 


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198 


Henriette Fürth. 


Die schon vor dem Krieg in Millionen von Fällen vorliegende 
Notwendigkeit des Mitverdienens der Ehefrau ist durch ihn un- 
gemein gesteigert worden. Selbst wenn wir von der zweifellos auf 
lange hinaus fortbestehenden Entwertung des Geldes (wir könnten 
ebensogut von einem Fortbestehen der hohen Preise für alle lebens¬ 
notwendigen Gebrauchsgüter reden und hätten damit die Geldent¬ 
wertung nur auf eine etwas greifbarere Weise gekennzeichnet) und 
der darin liegenden Nötigung zur vermehrten Erwerbsarbeit aller 
irgend arbeitsfähigen Familienglieder absehen wollen, bleiben genug 
andere unmittelbare Gründe, die die Ehefrauenarbeit gebieterisch 
fordern oder sie gar zur Grundlage der Eheschließung überhaupt 
machen. Da sind und werden sein Hunderttausende von Krie^- 
beschädigten. Sie haben nur ihre Rente, die hoffentlich so be¬ 
messen werden wird, daß sie den einzelnen vor Not schützt und 
auch die Familien entsprechend berücksichtigt So hoch kann und 
wird diese Rente aber nicht sein, daß die Mitarbeit der Ehefrau 
entbehrlich würde. Und nun gar die jugendlichen Kriegsinvaliden! 
Vielleicht bekommen sie so viel, daß sie sich zur Not durch¬ 
bringen können. An die Gründung einer Familie können sie aber 
nur dann denken, wenn sie eine FYau bekommen, die in der Lage 
ist, die Familienerhaltung zum größeren und schwereren Teil auf 
ihre Schultern zu nehmen. Wir wollen in diesem Zusammenhang 
gar nicht von dem persönlichen Lebensanspruch dieser Hundert¬ 
tausende reden, die als junge blühende Männer hinauszogen, um 
den Kampf fürs Vaterland zu bestehen. Auch nicht von der für 
mein Empfinden vorliegenden rechtlichen, ganz gewiß aber morali¬ 
schen Verpflichtung des Staates, die Erfüllung dieses Lebensan¬ 
spruches durch alle denkbaren Erleichterungen rechtlicher und 
ökonomischer Art zu ermöglichen und zu sichern. Unsere Auf¬ 
merksamkeit sei ausschließlich der bevölkerungstechnischen Seite 
unserer Frage zugewandt: Wir dürfen und können nicht auf die 
Familiengründung durch Kriegsinvalide verzichten. So haben wir 
zu fragen, wie sie sich ohne unerträgliche Inanspruchnahme staat¬ 
licher Beihilfe bewerkstelligen läßt und kommen ganz von selbst 
zu. der Antwort: Wir können Hunderttausenden von Kriegsbeschä¬ 
digten die Eheschließung dadurch ermöglichen, daß an Stelle des 
im Dienste des Vaterlandes halb oder ganz erwerbsunfähig ge¬ 
wordenen Mannes die Frau zur hauptsächlichen Erhsilterin der 
Familie wird. Bei rechten Menschen und in rechten Ehen wird 
dieser Rollentausch auch von der psychologischen Seite her gut 
ertragen werden und vielleicht zu neuen und willkommenen Wer¬ 
tungen und Umwertungen im Sinne echter Kameradschaftlichkeit 
führen. 

Voraussetzung ist freilich, und damit kommen wir auf früher 
Gesagtes zurück, die Aufhebung des Zölibats der weiblichen Staats¬ 
beamten und eine Entlohnung der weiblichen Arbeit, die nicht nach 
dem Geschlecht, sondern ausschließlich nach der Leistung be¬ 
messen wird. 

Alle diese Maßnahmen sollen die Erleichterung der Ehe¬ 
schließung und der Familiengründung und Erhaltung bezwecken. 
Durchgeführt, werden sie zweifellos eine Vermehrung der Ehe- 


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Der Krieg and die Bevölkerongsfrage. 


199 


Schließungen und je nach Maßgabe der den Familien in bezug auf 
Lebenssicherung gegebenen Garantien (Kinderrenten und Erziehungs¬ 
beihilfen für Kinderreiche, Mietzuschüsse für kinderreiche Beamte, 
Förderung und Finanzierung des gemeinnützigen Kleinwohnungs¬ 
baues durch Staat und Gemeinde, Unentgeltlichkeit der Schulen, 
Schulspeisungen, eine umfassende Mütter- und Kinderfürsorge usw.) 
auch eine Erhöhung der Geburtsziffern herbeifübren. 

Unsere Abhandlung müßte zum bändereichen Werk werden, 
wollten wir alle diese im Sinne der Geburtenmehrung wesenswich¬ 
tigen Dinge eingehender behandeln. Uns muß an dieser Stelle (vor¬ 
behaltlich vertiefter Würdigung an einer anderen) ein Hinweis ge¬ 
nügen. Nur auf die in diesem Zusammenhang tragende Frage 
eines umfassenden Schutzes der Mutterschaft durch Mutterschafte- 
versicherung sei um ihrer ausschlaggebenden Wichtigkeit willen 
etwas näher eingegangen. In zahlreichen Veröffentlichungen ist 
auf die Wichtigkeit und den engen Zusammenhang zwischen 
Mutter- und Säuglingsschutz auf der einen, Krankhaftigkeit und 
Sterblichkeit bzw. Lebenswahrscheinlickkeit von Müttern und Kin¬ 
dern auf der anderen Seite hingewiesen worden. (Vgl. dazu u. a.: 
May et: „Säuglingsschutz, Mutterschutz, Mutterschaftsversicherung“, 
Reformblatt für Arbeiterversicherung 1908. Von demselben: „Berufs¬ 
morbidität und Mortalität“, Intern. Kongreß für Hygiene und Demo¬ 
graphie, Berlin 1907. Derselbe: „Krankheits- und Sterblichkeitsver¬ 
hältnisse der Ortskrankenkasse Leipzig“. Tugendreich: „Mutter- 
und Säuglingsfürsorge“, Stuttgart 1910. Mosse-Tugendreich: 
„Krankheit und soziale Lage“, München 1912. Fürth: „Die Mutter¬ 
schaftsversicherung“, Jena 1911.) Der Krieg hat die Dringlichkeit 
des umfassenden Schutzes von Mutter und Kind in das allgemeine 
Bewußtsein gehämmert und in einer Reihe begrüßenswerter Ma߬ 
nahmen eine Grundlage des Mutterschutzes geschaffen, die auch 
nach dem Kriege nicht mehr verloren gehen darf, sondern ent¬ 
sprechend ausgebaut werden muß. 

Durch drei Verordnungen (vom 3. Dezember 1914, 28. Januar 
1915 und 23. April 1915) wurde die Reichswochenhilfe geschaffen. 
Sie sieht an Leistungen vor: 1. Beitrag zu den Entbindungskosten 
25 Mk., 2. Wochengeld 1 Mk. täglich, für 8 Wochen 56 Mk., 3. Beihilfe 
bis zum Betrage von 10 Mk. für ärztliche und Hebaramendienste und 
4. für Selbststillende ein Stillgeld von 50 Pf. täglich für 12 Wochen. 

Diese Leistungen wurden schließlich auf alle minderbemittelten 
Kriegsteilnehmerfrauen sowie auf die außerehelichen Mütter er¬ 
streckt, bei denen urkundlich oder durch regelmäßige Unter¬ 
stützung eine Anerkennung der Vaterschaft durch den Kriegsteil¬ 
nehmer stattgefunden hatte. 

Die willkommene Folge war ein seit Anfang 1915 einsetzen¬ 
des Absinken der in den ersten Kriegsmonaten nicht unbedenklich 
gestiegenen Säuglingssterbeziffer. 

Es kann für den Kundigen keinem Zweifel unterliegen, daß 
in dieser Verminderung der Säuglingssterbeziffer nur eine der von 
einem umfassenden Mutterschutz zu erwartenden günstigen Folge» 
erscheinungen zu sehen ist. Man wird ebenso sicher mit einem Zu¬ 
wachs an Kraft, Gesundheit, Lebenstüchtigkeit und Lebensfreudig- 


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200 


Henriette Fürth. 


keit für die Mütter rechnen können, sowie mit einer Einwirkung 
im Sinne steigender Geburtsziffem. 

Aus allen diesen Erwägungen heraus haben sich während der 
Eriegszeit neben den zuständigen Reichs- und Landesämtem eine 
Reihe von Vereinen und Verbänden eingehend mit der Frage des 
Mutterschutzes durch Mutterschaftsversicherung befaßt. Zuerst er¬ 
schien die „Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht“ auf 
dem Plan. Es folgten die Deutsche Vereinigung für Säuglings¬ 
schutz, der Hauptverband Deutscher Ortskrankenkassen, der Mutter¬ 
schutz, die Gesellschaft für Bevölkerungspolitik usw. 

Von den im Sinne der Fortführung und des Ausbaues der 
Reichswochenhilfe vorgelegten Plänen sind drei besonders her\^or- 
zuheben. Der von der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und 
Kindesrecht vertretene Vorschlag von Geheimrat Prof. Dr. May et, 
den dieser sachkundigste und seit vielen Jahren in hingebender 
Treue für den Schutz von Mutter und Kind sich einsetzende Mann 
zuerst auf der Tagung der vorbenannten Gesellschaft vertreten hat. 
In „Die Ortskrankenkasse“ (1915, S. 443) schlägt Mayet dann vor, 
die Reichswochenhilfe in Form einer selbständigen Versicherung 
weiterzuführen. Ohne Rücksicht auf Zivilstand, Vermögensverhält¬ 
nisse usw. soll jede weibliche Person zwischen 16 und 45 Jahren 
zwangsweise zur Versicherung herangezogen werden. Bei berech¬ 
neten 14 Millionen Versicherungspflichtiger sollen durch einen auf 
dem Wege des Klebesystems zu erhebenden Wochenbeitrag von 
30 Pf. pro Kopf die nach Maßgabe der Leistungen der Reichs¬ 
wochenhilfe zu erwartenden 220 Millionen Mark Jahreskosten auf¬ 
gebracht werden. 

Eine Sonderversicherung also mit ihrem ganzen kostspieligen 
Verwaltungsapparat. Noch dazu eine, die gegen die Reichswochen¬ 
hilfe keinerlei Mehr an Leistungen vorsieht, also wohl eine Fort¬ 
führung aber keinen Ausbau bedeutet. Endlich sieht Mayet, ent¬ 
gegen früher vertretenen Forderungen, nur eine Beitragspflicht der 
weiblichen Versicherungspflichtigen vor und erschwert dadurch die 
Finanzierung seines Planes. 

Eine Sonderversicherung wurde auch von Dr. von Behr- 
Pinnow vorgeschlagen. Jede nicht versicherte Frau soll vom 
Tage ihrer Eheschließung an einer durch Reichsgesetzgebung ein¬ 
zuführenden zwangsweisen Mutterschaftsversicherung angehören. 
Die auf 10 Jahre bemessene Versicherung beruht auf Gegenseitigkeit. 

„Die Kassenleistungen bestehen in einem festen, eventuell all¬ 
jährlich festzusetzenden Wochengeld und einem Stillgeld für min¬ 
destens 12 Wochen“ (Geschäftsbericht 1914 des Hauptverbandes 
deutscher Ortskrankenkassen S. 165). 

Zu beanstanden ist auch hier der Gedanke der Sonderversiche¬ 
rung. Ferner sind die vorgeschlagenen Leistungen weder zu¬ 
reichend noch genau festgelegt 

Wesentlich anderes will eine Eingabe, die von den für Mütter- 
und Säuglingsfürsorge oder sonst sozial interessierten Vereinen 
und Verbänden von Frankfurt a. M. an die zuständigen Reichsstellen 
gerichtet wurde. 


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Der Krieg und die Bevölkerongsfrage. 


201 


„Davon ausgehend, daß sowohl im Interesse der Wehrkraft und 
Wehrfähigkeit, wie aus kulturellen und rassepolitischen Gesichts¬ 
punkten die Gewinnung eines lebenskräftigen Nachwuchses die vor¬ 
nehmste Aufgabe einsichtiger Sozial- und Bevölkerungspolitik sei, 
wird für die Zeit nach dem Kriege die Einführung einer auf Grund 
der R.V.O. den Krankenkassen einzugliedernden reichsrechtlichen 
Mutterschaftsversicherung gefordert 

Die von der Reichswochenhilfe vorgesehenen geldlichen Zu¬ 
wendungen sollen auf Y 4 des entgehenden Arbeitsverdienstes bei 
gleichzeitigem Erlaß eines Arbeitsverbotes für die achtwöchige 
.Unterstützungszeit erhöht werden. 

Das Stillgeld soll in der festgesetzten Höhe von mindestens 
50 Pf. täglich bis zur Höchstdauer von 8 Monaten bei einer unter 
sachverständiger Kontrolle stehenden Stillung gegeben werden. 

Das Stillgeld soll allen Stillenden, das Wöchnerinnengeld nur 
den Erwerbstätigen zustehen, die durch Wochenbett und Arbeits¬ 
verbot einen Verdienstausfall erleiden. 

Die bereits heute durch R.V.O. fakultativ, durch die Reichs- 
wochenbilfe obligatorisch zugestandenen Sachleistungen (ärztliche 
und Hebammendienste, Hauspflege, Aufnahme in Wöchnerinnen¬ 
heime oder Entbindungsanstalten) sollen zur Pflichtleistung werden, 
auf die alle Wöchnerinnen im Bedarfsfälle Anspruch haben. 

Ein Unterschied zwischen Ehelichen und Unehelichen soll nicht 
gemacht werden. 

Die gleichfalls in die Versicherung einzubeziehenden Ehefrauen 
von nicht versicherungspflichtigen Selbständigen (Kleinbauern, Hand¬ 
werker, Kaufleute usw.) sollen bei einem Einkommen bis zu 2500 Mk. 
gleichfalls in die Mutterschaftsversicherung einbezogen und nach 
Maßgabe ihres Einkommens zu Beiträgen herangezogen werden. 
Das Reich soll ein Drittel der entstehenden Kosten zu seinen Lasten 
übernehmen. Der Rest wird von den Krankenkassen als den Trägern 
der Mutterschaftsversicherung auf dem Wege der üblichen Ver¬ 
teilung mittels Beitragerhöhung aufgebracht 

So wird oder würde, unter Vermeidung einer Sonderversiche¬ 
rung und neuen Versicherungsanstalt das angestrebte Ziel eines 
umfassenden Mutterschutzes und damit die Gewährleistung eines 
gesunden bevölkerungspolitischen Unterbaues mit Hilfe einer Or¬ 
ganisation erreicht, die sich seit Jahrzehnten als Trägerin des 
Volksgesundheitsschutzes bewährt hat und ohne jede technische 
Schwierigkeit die weitaus größten Massen der hier zuständigen 
Versicherungspflichtigen zu erfassen und zu betreuen in der Lage 
ist.“ Fürth: „Die Mutterschaftsversicherung und der Krieg“. 
Korrespondenz für Bevölkerungspolitik Nr. 4. 1916. 

Durch alles das kann die Zahl der Geburten gemehrt, be¬ 
ziehungsweise der Fortpflanzungswille gestärkt, die Sterblichkeit 
der Säuglinge und Kinder gemindert, die gesunde Aufzucht nach 
Möglichkeit gesichert werden. 

Für unsere grundsätzliche Frage ist damit vieles aber nicht 
alles entschieden. Was wir von den russischen Heeresmassen (siehe 
Einleitung) auf der einen, von den französischen Qualitätstruppen 
auf der anderen Seite aussagen mußten, was sich uns ferner in 


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202 


Henriette Fürth. 


bezug auf unsere Heere immer von neuem aufdrängt, konnte und 
kann uns nur in der Auffassung bestärken, dafi bei einigermaßen 
ausreichender Geburtenzahl und Volksmehrung das Hauptaugenmerk 
gesunder Bevölkerungspolitik so lange auf die qualitative Be¬ 
schaffenheit und auf ^e Verbesserung der Qualität des Volkstums 
zu richten sei, als die Fanatiker der Zahl nicht in der Lage sind, 
eine bedrohliche Verminderung der Geburtsziffer nachzuweisen. 

Eine Verminderung hat tatsächlich stattgefunden. Nicht nur 
relativ, sondern absolut. Zu bestreiten ist aber der bedrohliche 
Charakter dieser Minderung. 

Im Jahre 1898 (vgl. Stat Jahrb. f. das Deutsche Reich 36. Jedirg. 
1915, S. 26) erreichte die Geburtenziffer zum erstenmal die Zahl von 
2 Millionen. Es kamen auf 1000 Einwohner bei 8,4®/oo Eheschließungen 
37,2®/oo Geburten. Die Zahl der Gestorbenen belief sich auf 21,7®/oo. 
Es verblieb ein Geburtenüberschuß von 15,6®/oo. Ein Geburtenüber¬ 
schuß von gleicher Höhe wurde noch einmal, und zwar im Jahre 
1902 erreicht Von da ab trat ein kleiner nicht nur relativer son¬ 
dern absoluter Rückgang der Geburten ein, der mit geringen 
Schwankungen bis zur Stunde fortbesteht Das Jahr 1910 brachte 
zum erstenmal mit 1982836 Geburten einen Rückgang hinter die 
Zweimillionenziffer von 1898. Trotzdem ergab sich damals bei 
7,7®/oo Eheschließungen und 17,l®/oo Sterbefällen ein Überschuß von 
13,6®/oo. Im Jahre 1913 sehen wir bei 1894598 Geburten und einer 
Sterblichkeit von 15,8®/oo einen Überschuß von 12,4®/oo. Die Zahlen 
der Kriegsjahre werden das Bild naturgemäß erheblich verschlech¬ 
tern. Sie würden aber, selbst wenn sie schon allgemein zugänglich 
wären, als Zufallswerte im gegenwärtigen Augenblick aus unserer 
Betrachtung auszuscheiden haben, so wichtig sie an sich für die 
zu erCTeifenden bevölkerungspolitischen Maßnahmen auch sind. 

Von Belang ist dagegen, was uns die intemationtde Statistik 
zu unserer Frage zu sagen hat Im Jahre 1911/12 betrug der Ge¬ 
burtenüberschuß in 


Rußland 

17 

vom 

Tausend der Bevölkerung 

Italien 

14,2 

w 

yy 

yy yy 

Japan 

12,9 

w 

yy 

yy yy 

Deutschland 

12,7 

V 

V 

yy yy 

England 

10,6 


yy 

yy yy 

Ungarn 

9,9 


yy 

yy yy 

Österreich 

9,5 

n 

yy 

yy yy 

Belgien 

7,8 

n 

yy 

yy yy 

Frankreich 

1,5 


yy 

yy yy 


Unter allen großen Industrievölkern hat sonach Deutschland 
trotz des Rückganges der Überschußziffern den größten Geburten¬ 
überschuß. (Vgl. Geschäftsbericht des Hauptverbandes deutscher 
Ortskränkenkassen 1914, S. 160 ff.) Und auf die Ziffern des Agrar¬ 
landes Rußland brauchen wir um so weniger neidisch zu sein, als 
es seine Menschen gar teuer bezahlen muß. Einer Geburtenziffer, 
die z. B. zwischen 1891 und 1895 46,5 vom Tausend betrug, steht 
ein Überschuß von nur 10,4 vom Tausend gegenüber, während bei¬ 
spielsweise Schweden mit nur 27,5 vom Tausend Geburten einen 




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Der Krieg and die Bevölkerungsfrage. 


203 


Geburtenüberschuß von 10,5 vom Tausend aufweist „Um wie viel 
teurer kommen Rußland seine Menschen zu stehen! Wie viel 
Frauenkraft, Lebensfreudigkeit und volkliche Zukunftserwartung 
wird hier verwüstet und vernichtet Eine Bevölkerungspolitik, die 
so wirtschaftet, ist in sich gerichtet Das mögen sich die bei uns 
gesagt sein lassen, die gerade unter Hinweis auf den östUchen 
Nachbar nach der Quantität schreien.“ (Fürth: „Die Frauen und 
die Bevölkerungs- und Schutzmittelfrage“. Archiv für soziale 
Hygiene und Demographie. Leipzig 1915.) 

Die deutsche Säuglingssterblichkeit ist im Laufe des letzten 
Jahrzehntes bedeutend zurückgegangen. Auf 100 Lebendgeborene 
kamen im 1. Lebensjahr Gestorbene: 1901: 20,7; 1905: 20,5; 1906: 
18,5; 1907: 17,6; 1908: 17,8; 1909: 17,0; 1910: 16,2; 1911: 19,2; 
1912: 14,7. 

Ein Vergleich mit den übrigen ^oßen Industrievölkern zeigt 
jedoch, daß Deutschland die größte Säuglingssterblichkeit hat Auf 
100 Lebendgeborene kamen im Jahre 1911/12 Gestorbene unter einem 
Jahre in: 

Rußland 27,2 

Österreich 20,7 

Japan 16,7 

Itt^en 15,7 

Deutschland 14,7 

Belgien 12,0 

Frankreich 11,1 

England 9,5 

Niederlande 8,7 

Schweden 7,5 

Norwegen 6,5 

So haben wir, die Ergreifung geeigneter Schutzmaßnahmen voraus¬ 
gesetzt, noch weite Möglichkeiten der Verminderung der Säuglings¬ 
sterblichkeit vor uns. Gelingt es uns, ganz allgemein gesunde Auf¬ 
zuchtsbedingungen zu schaffen und nach Möglichkeit ein Gesund¬ 
geborenwerden durch Mutterschutz und andere Maßnahmen rasse¬ 
politischer Art, von denen noch zu reden sein wird, zu sichern, so 
können wir jährlich noch eine ganz beträchtliche Zahl von Leben 
gewinnen bzw. erhalten. Die Verminderung der deutschen Säug- 
Ungssterblichkeit auf die schwedische Ziffer würde z. B. einen 
Jahresgewinn von reichlich 138000 Menschenleben bedeuten. 

Weitere Gewinne wären zu erzielen und werden erzielt wer¬ 
den, wenn die oben gekennzeichneten Maßnahmen zur ökonomischen 
und hygienischen Lebenssicherung verwirklicht sein werden. Wie 
viele ^nder, die das Säuglingsalter überstanden haben, gehen in 
den ersten Lebensjahren an Unbilden zugrunde, die nicht konsti¬ 
tutioneller, sondern in der Hauptsache wirtschaftlicher und sozialer 
Art sind. Eine erschreckende Fülle von Belegen für den engen 
Zusammenhang von Krankheit und sozialer Lage bringt das be¬ 
reits angeführte gleichnamige Werk. (Vgl. auch Fürth: „Die Ge¬ 
burtenfrage als soziales Problem“, Conrad sehe Jahrb. f. National¬ 
ökonomie. 3. Folge. Band 45.) So mag man mit Sicherheit er- 


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204 


Henriette Fürth. 


warten, dafi durch die Durchführung einer Menschenökonomie im 
Sinne Goldscheids (vgl. Goldscheid: „Höherentwicklung und 
Menschenökonomie", Leipzig 1911) eine quantitative Erhaltung und 
qualitative Verbesserung unseres Menschenmaterials herbeigeführt 
werden könnte. 

Wir haben, indem wir den sich in diesem Zusammenhang er¬ 
gebenden MaÜnahmenkomplex erörterten, zugleich der grundsätz¬ 
lichen Stellungnahme zu unserer Ausgangsfrage die Wege geebnet. 

Und wenn wir jetzt fragen: ist die Furcht vor Entvölkerung, 
ist die Sorge, daß unsere WeMähigkeit herabgesetzt werden könnte, 
gerechtfertigt? so dürfen wr trotz der fürchterlichen Verluste, die 
uns dieser Krieg zufügt, getrost mit einem Nein! antworten. 
Wenn es uns durch alle die genannten Vorkehrungen gelingt, den 
Willen zxu* Zahl zu wecken und alles Geborene zu schützen und 
zu sichern, so dürfen wir gewiü sein, daß die unserem Volk inne¬ 
wohnende Regenerationskraft in verhältnismäßig kurzer Zeit die 
Verluste mehr als ausgeglichen haben wird. Nicht Fanatismus der 
Zahl tut uns not, sondern Verminderung der Sterbehäufigkeit und 
Verbesserung der Qualität. Was sind Zahlen, wenn nicht Werte 
dahinter stehen? Ist es nicht ungleich mehr, wenn eine Truppe 
(um einen heute leider naheliegenden Vergleich heranzuziehen) aus, 
sagen wir 50 entschlossenen, gesunden und tapferen Kämpfern be¬ 
steht, als wenn es ihrer 100 und unter diesen 100 vielleicht 30 
körperlich schwache, moralisch defekte Feiglinge und Drückeberger 
sind? Feigheit und Schwäche sind ansteckender als Mut, Kraft 
und Entschlossenheit Der Tapfere mag unter Umständen feig und 
schwach, der Feigling wird kaum je zum Helden werden. Nicht 
davon zu reden, daß auch die Untauglichen essen wollen. 

So denn vor allen Dingen Sicherung und Verbesserung der 
Qualität Indem wir das aussprechen, gelangen wir zu einer Seite 
der Bevölkerungsfrage, die wesentliche, bis jetzt noch wenig oder 
gar nicht erschlossene Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung und 
damit einer ungemeinen Erhöhung der volklichen Stoßkraft und 
Leistungsfähigkeit umschließt 

Zuerst mag uns in diesem Zusammenhang die Verhütung der 
Geburt Lebensuntauglicher beschäftigen. Man kann das auf doppelte 
Weise erreichen. Einmal durch das drakonische Mittel der zwangs¬ 
weisen Vernichtung des Zeugungsvermögens. Man hat dies Mittel 
in dem Unionsstaat Indiana zu einer Strafgesetzbestimmung erhoben 
und es in all den Fällen anwendbar gemacht, in denen es sich um 
Aburteilung über sexuelle Schwerverbrechen usw. handelt 

In der Schweiz hat man das bezügliche Verfahren auf Grund 
freier Übereinkunft von Fall zu Fall zu Heilzwecken angewandt, 
und es soll dort gelungen sein, aus asozialen Menschen wiederum 
brauchbare Glieder der sozialen Gemeinschaft zu machen. 

Trotzdem muß an diesem Ort von einer bestimmten Stellung¬ 
nahme zu diesem einschneidenden Mittel abgesehen werden. Noch 
sind Voraussetzungen und Folgen dieses gewaltsamen Eingriffs in 
die intimste Rechts- und Lebenssphäre des einzelnen so unerforscht, 
daß der Laie sich der Urteilsbildung enthalten muß. 


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Der Krieg and die Bevölkerongsfrage. 


205 


Zweifellos fest steht indessen das eine, da£ es neben den oben 
gekennzeichneten eine gEinze Reihe anderer Fälle gibt, in denen 
Zeugungsverhütung aus persönlichen wie aus rassepolitischen 
Gründen wünschbar, aber die Anwendung irgendwelcher Gewalt¬ 
mittel absolut ausgeschlossen ist. Das gilt für Schwindsüchtige 
oder sonst unheilbar Belastete. Ihnen Ehe oder Sexualverkehr zu 
verbieten ist unangängig. In diesem Dilemma bieten sich die anti¬ 
konzeptionellen sogenannten Schutzmittel dar. Sie sind in erster 
Linie dazu bestimmt, der Ausbreitung der venerischen Erkran¬ 
kungen entgegenzuwirken und erfahren in dieser ihrer Eigenschaft 
wie in ihrer anderen der Konzeptionsverhütung seit einer Reihe 
von Jahren die heftigsten Angriffe sowohl von der Seite der Fana¬ 
tiker der Bevölkerungs zahl, als von jenen, die in der Anwendung 
der Schutzmittel eine Gefährdung der Sittlichkeit erblicken. 

Diese fortgesetzte Feindseligkeit hatte sich zu einem Gesetz¬ 
entwurf verdichtet „den Verkehr mit Mitteln zur Verhinderung von 
Geburten“ betreffend, der am 23. Februar 1914, also wenige Monate 
vor Ausbruch des Krieges, Gegenstand der Verhandlungen des 
preußischen Landtages war. (Für das Folgende vgl. Fürth: „Die Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten, der Krieg und die Schutz¬ 
mittelfrage im Lichte der Bevölkerungspolitik“. Zeitschrift für Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten. Leipzig 1916.) 

Der § 1 dieses Entwurfes lautet: „Der Bundesrat kann den 
Verkehr mit Gegenständen, die zur Beseitigung der Schwangerschaft 
bestimmt sind, beschränken oder untersagen. 

Das gleiche gilt bezüglich der zur Verhütung der Empfängnis 
bestimmten Gegenstände insoweit, als nicht die Rücksichtnahme 
auf die Bedürfnisse des gesundheitlichen Schutzes entgegensteht.“ 

Eine Reihe von hervorragenden Wissenschaftlern äußerten sich 
dazu, in Beantwortung einer von dem „Berliner Tageblatt“ (Nr. 98 
vom 23. Februar 1914) ausgebenden Rundfrage, wie folgt: 

Prof. Dührßen glaubt nicht, daß das Gesetz zum Ziele führen 
würde, 

„weil das Publikum zahlreiche andere nicht kontrollierbare 
Mittel anwenden wird... Außerdem brächte das Gesetz die Ge¬ 
fahr, daß die Geschlechtskrankheiten zunehmen“. 

Prof. Dr. Blumenreich findet die Vorlage als Gynäkologe 
nicht zweckmäßig. Sie werde auch ihren Zweck verfehlen. 

„Ich kann sie daher nicht als rationell ansehen und muß sie 
eher als Mittel zur Beförderung der Geschlechtskrankheiten be¬ 
zeichnen.“ 

Prof. Dr. Landau erklärt in gleichem Sinne: 

„Dadurch, daß infolge des Verbotes des Mittels selbstverständ¬ 
lich mehr Leute infiziert werden, würde das Gegenteil der gesetz¬ 
geberischen Absicht erreicht werden, daß nämlich der Geburten¬ 
rückgang zunimmt. Die Frauen bleiben nach einer Infektion dau¬ 
ernd steril, und so wäre das Gesetz die wirksamste Methode, die 
Fruchtbarkeit der Nation zu beschränken ... Zur Hebung des Kin¬ 
dersegens gibt es andere auf sozialem Gebiet liegende ^ttel.“ 

Der Gynäkologe Prof. Dr. v. Bardeleben führt u. a. aus: 


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206 


Henriette Fürth. 


„Einen Gebärzwang einzuführen halte ich für ein Unding. Ge¬ 
rade in der Großstadt ist es wohl besser, wenn eine Frau weniger 
Kinder hat und sie gut ernährt und erzieht, als eine größere An¬ 
zahl, die sittlich und körperlich verkommt“ 

Prof. A.ßaginsky, der Direktor des Kaiser-und Kaiserin-Fried- 
rich-Krankenhauses ist der Überzeugung, daß der Geburtenrückgang 
niemals durch solche Gesetze verhindert werden könne, es dürfte 
eher der Geburtenzuwachs geschädigt werden, 

„Will die Regierung einen größeren Kinderreichtum, dann mag 
sie die Steuern herabsetzen oder die Hälfte der Kinder auf Staats¬ 
kosten erziehen lassen, und sie wird sehen, wie schnell sich die 
Zahl der Kinder vermehren wird. Jene Präventivmittel, die dem 
öffentlichen Verkehr entzogen werden, sind heute die besten Schutz¬ 
mittel gegen die Ansteckungsgefahr. So stellt sich die Vorlage als 
ein Ausbund von Unvernunft dar.“ 

Geheimrat Prof. Dr. N e i ß e r spricht sich in gleichem Sinne aus 
und schließt: „Bei dem beständigen Steigen der Preise aller Be¬ 
dürfnisse des täglichen Lebens können nur Wohlhabende sich den 
Luxus einer großen Familie leisten,“ 

Ebenso sind für den Sozial-Mediziner Dr. Grotjahn die Haupt¬ 
sache der Bekämpfung des Geburtenrückganges „indirekte Ma߬ 
nahmen, indem man den Eltern das Leben wirtschaftlich erleichtert. 
Polizeiliche Zwangsmaßregeln nützen gar nichts“. 

Beweiskräftiger noch als diese autoritativen Bekundungen hat 
die Aussage der Tatsachen gegen diesen Entwurf gesprochen. Seit 
Beginn des Krieges ist den Schutzmitteln seitens der Heeresverwal¬ 
tung und sonstiger beamteter Stellen eine nie zuvor erhörte Be¬ 
deutung und Billigung zuerkannt worden. Daß diese Schutzmittel 
zugleich geburtenverhütend wirken können, tritt völlig zurück gegen¬ 
über der von allen autorisierten Stellen vorbehaltlos zugegebenen 
und entsprechend fruktifizierten Tatsache des die Geschlechtskrank¬ 
heiten verhütenden bzw. einschränkenden und daher zum Gesund¬ 
heitsschutz des Heeres unerläßlichen Charakters der Schutzmittel. 

Trotzdem wird es gut sein, die Schutzmittelfrage auch vom 
Standpunkt der Bevölkerungs- und Geburtenpolitik aus einer Neu¬ 
betrachtung zu unterziehen. 

Kein Zweifel: ein großer Teil der Schutzmittel wirkt auch 
zeugungs-, das ist aber geburtenverhütend. Wäre nun wirklich ge¬ 
burtenpolitisch gesehen, etwas gebessert, wenn die Anwendung 
dieser Mittel verboten oder selbst ganz und gar unmöglich gemacht 
würde ? Keineswegs. Es gibt antikonzeptionelle Mittel und Methoden, 
die sich so wie der öffentlichen Kenntnis auch jeder Art von Ein¬ 
mischung entziehen. Ebenso wie nach erfolgter Konzeption eine 
Verhinderung des kriminellen Abortes außerhalb der Einflußsphäre 
der gesetzlichen und richterlichen Gewalten gelegen ist. Denn daß 
Strafandrohungen und die in der Sache selbst liegenden Gefahren 
keine ausreichenden Abschreckungsmittel sind, bzw, von Antrieben 
stärkerer und zwingenderer Art überwältigt werden, wird einmal da¬ 
durch bewiesen, daß nach Annahme erfahrener Praktiker bis zu 
90 und mehr Prozent aller Aborte krimineller Natur sind, obwohl 


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Der Krieg and die Bevölkerangsfrage. 


207 


andererseits, wie Ministerialdirektor Dr. Kirchner in der Land¬ 
tagsverhandlung vom 7. Februar 1913 erklärte, ein großer Teil der 
neuerdin^ wieder wachsenden Erkrankungen, und Todesfälle an 
Kindbettneber auf den künstlichen Abort zurückzuführen sind. 

Zu der solchergestalt nachgewiesenen Unwirksamkeit eines et¬ 
waigen Verbotes der Schutzmittel gesellt sich der positive Nach¬ 
weis, daß ein solches Verbot im Sinne einer gesunden ßevölkerungs- 
politik nicht nur unwirksam, sondern sogar schädlich ist, da von 
ihm eine Zunahme der venerischen Infektion mit Sicherheit zu er¬ 
warten wäre. 

ln welch weitgehendem Maße aber die Folgen solcher Infektion 
geburtenmindemd wirken können, das wurde schon 1900 vonBlaschko 
dargetan. Er berechnete damals nach Fournier (Blaschko, 
„Hygiene der Prostitution und der venerischen Krankheiten“, Jena 
1900), daß „von 500 Ehen, wo ein Teil oder beide Syphilis durch¬ 
gemacht hatten, bei 277, also über 50%, sich die Heredität in irgend¬ 
einer Weise äußerte, während 223, d. h. 46%, ganz verschont blie¬ 
ben, und zwar endeten von den gesamten auf die 500 Ehen ent¬ 
fallenden 1127 Schwangerschaften 600 «=» 54% glücklich, d. h. mit 
der Geburt gesunder Kinder, 527 Schwangerschaften unglücklich, 
d. h. mit Fehlgeburten, Totgeburten, Geburten syphilitischer kachek- 
tischer Kinder. 

... „Von der überlebenden Nachkommenschaft trägt ein Teil 
trotz zweckmäßiger Behandlung dauernd Zeichen schwerster kör¬ 
perlicher oder psychischer Entartung in der Gestalt von Zwerg¬ 
wuchs, Taubstummheit, Lähmung, Idiotie usw. davon, nur ein Bruch¬ 
teil wird wieder hergestellt und dauernd lebenskräftig.“ 

Und in einer anderen bezüglichen Publikation führt der gleiche 
Autor aus: „Die absolute und Einkindersterilität beruht beinahe zu 
50% auf einer früheren Tripperinfektion, so daß man dadurch in 
Deutschland auf einen jährlichen Geburtenausfall von annähernd 
200000Kindern rechnen kann.“ (Blaschko-Fischer: „Einfluß der 
sozialen Lage auf die Geschlechtskrankheiten“ in „Krankheit und 
soziale Lage“, Lief. 3. München 1913.) 

So hieße es den Teufel mit Beelzebub austreiben, wollte man 
versuchen, dem Geburtenrückgang durch Verbot der Schutzmittel 
entgegenzuwirken. 

Nun ist aber noch von einer anderen sehr beachtlichen Seite 
her ein Wort zur Schutzmittelfrage zu sagen. Würde durch ein 
vorbehaltloses Freigeben der Schutzmittel nicht ein Anreiz zum 
wilden Geschlechtsverkehr geschaffen und würde damit nicht der 
Unsittlichkeit, der sittlichen Verwilderung und Zuchtlosigkeit Tür 
und Tor geöffnet? Das sind Befürchtungen, die keineswegs von der 
Hand zu weisen sind. Aber besteht diese Gefahr nicht heute 
schon? Die aufgeklärte weibliche, besonders die bezügliche Gro߬ 
stadtjugend weiß heute schon, mit oder ohne gesetzliche Erlaubnis, 
die antikonzeptionellen Mittel zu erlangen und zu handhaben, 
ebenso wie die genußsüchtigen Lebedamen einer gewissen Schicht. 
Gewiß! Hier liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Hier 
handelt es sich bereits um eine sittliche Depravation, die wie ein 
schleichendes Gift am Marke unseres Volkes zehrt und den kern- 


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208 


Henriette Förth. 


haften Bau bodenständiger Sittlichkeit und Lebenstreue von innen 
heraus auszuhöhlen droht. Aber kein gesetzliches Verbot anti¬ 
konzeptioneller Mittel kann da helfen. Hier gilt es, die Erziehung 
auf den Plan zu rufen. Die Einsicht wach zu machen, daß wir 
zwar Wunder der Zivilisation geschaffen haben, daß aber das Land 
wahrer Kultur noch bedauerlich brach liegt. Einomoral und Varietö- 
kultur füllen die Öde unseres hochzivilisierten, aber im Kern traurig 
unkultivierten Lebens. Es gilt zu verstehen und verständlich zu 
machen, daß Zivilisation nur Kulturdünger, niemals aber Kultur¬ 
zweck sein kann. Es gilt weiter in diesem Zusammenhang die 
generative Verantwortlichkeit der Besitzenden und der Intellektu¬ 
ellen zu wecken, und die sittliche Pflicht und Verantwortung jener 
klarzustellen, die berufen sein sollten, den Massen nicht „panem et 
circenses“, sondern Kultur und Lebensfreude zu bringen. Das ist 
es, was nottut, und demgegenüber verblaßt die Wirksamkeit aller 
anderen Not- und Gewaltmittel zur künstlichen Hebung der Sitt¬ 
lichkeit und zur Erhöhung der generativen Verantwortlichkeit, das 
ist aber der Geburtenzahl.“ (Fürth, „Der Rückgang der Geburten 
als soziales Problem“. Jahrbücher f. Nationalökon. u, Stat Bd. 45. 
S. 748 f.) 

Von nicht minderer Bedeutung ist das Unehelichenproblem. 
Der Anteil der Unehelichen an der Gesamtgeburtsziffer schwankte 
in den letzten Jahrzehnten zwischen 8,5 und 9,5Vo- Er belief sich 
im Durchschnitt der Jahre 1901—1910 auf 8,6% und betrug im 
Jahre 1913: 183977 = 9,7% aller Geburten. (Für das Folgende: 
Fürth, „Der Schutz der Unehelichen — eine nationale Pflicht“. 
Ortskrankenkasse, Zeitschrift des Hauptverbandes deutscher Orts¬ 
krankenkassen Nr. 99. Mai 1916.) 

Der Krieg hat in bezug auf die Beurteilung der Unehelichen- 
frage und die Wertung der Unehelichen einen erfreulichen Um¬ 
schwung gebracht. 

Er hat durch die Wucht der Tatsachen dem immanenten Wert 
des Menschenlebens und dem besonderen gesunden und lebens¬ 
tüchtigen Menschentums zur besseren Geltung verhelfen. Der Mensch, 
der gesunde, tätige und tüchtige Mensch ist an sich wertvoll, gleich¬ 
viel ob seine Wiege in der Hütte oder im Palast gestanden hat, 
gleichviel ob er innerhalb oder außerhalb der durch Übereinkunft 
festgelegten Normen und Formen der sexuellen Gesellschaftsordnung 
das Licht der Welt erblickte. 

Es gilt, diese große Lehre des Krieges hinüberzuretten in das 
Reich des Friedens. Es gilt, auch nach dem Kriege an dem Ge¬ 
wonnenen festzuhalten und den noch widerstrebenden Schichten 
die Einsicht einzuhäramern, daß Wert und Würdigkeit eines Men¬ 
schen nicht davon abhängt, ob er innerhalb oder außerheüb der 
gesetzlich sanktionierten Ehe geboren ist, daß Wert und Würdig¬ 
keit einer Mutterschaft letzten Endes davon bestimmt wird, wie 
sich eine Mutter zu ihrem Kinde verhält, ob und in welcher Weise 
sie ihre Mutterpflicht erfüllt und nicht davon, ob die Mutterschaft 
innerhalb oder außerhalb der Ehe zustande kam. 

Als ein bedeutsamer Fortschritt auf dem Wege zu dieser Er¬ 
kenntnis ist es zu begrüßen, daß der Verein der Berufsvormünder 


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Der Eiieg und die Bevölkerungsfrage. 


209 


in einer Eingabe an die Regierung den Standpunkt vertreten hat, 
dafi die Kriegswaisenrente auch den von den Vätern anerkannten 
unehelichen [ändern zuzubilligen sei. 

Auch die Reichswochenhilfe sowie die Kriegsunterstützung 
werden den Müttern mit ihren Kindern zuteil, bei denen entweder 
eine urkundliche Vaterscheiftsanerkennung vorliegt oder eine regel¬ 
mäßige Alimentierung durch den betreffenden Kriegsteilnehmer 
nachgewiesen werden kann. 

Es wird vielleicht ganz gut sein, diese willkommenen Kriegs¬ 
errungenschaften auch ein wenig in das Licht soziologischer und 
rassepolitischer Betrachtung zu rücken. Wie war es früher? 

Ein Bild von unsagbarer Traurigkeit tritt uns da entgegen. 
„Die Gesellschaft, das Recht, die Moral, d. h. aber die gewiesenen 
Schützer und Anwälte des Lebens, der Gerechtigkeit und der Sitt¬ 
lichkeit haben sich zu tödlichem Bunde gegen das uneheliche Kind 
verschworen. Sie machen ihm ein Dasein zum Vorwurf, an dem 
es unschuldig ist. Sie versagen ihm ein Recht, auf das es An¬ 
spruch hat. Sie stoßen es in den Abgrund der Not, der Verwahr¬ 
losung, der Verachtung und der Schäd und machen es dann für 
diese vierfach an ihm begangene Sünde verantwortlicb. Wie ein 
ins Wasser geworfener Stein weithin seine Kreise zieht, so gehen 
von diesem Unrecht, das dem unehelichen Kind angetan wird, Wellen 
aus, die, fernhin flutend, üble Wirkungen an den verschiedensten 
Stellen der sozialen Gemeinschaft auslösen. Darum schädigt das 
an den Unehelichen begangene Unrecht nicht nur sie. Darum wird 
die ihnen zu erweisende Teilnahme, das ihnen zu erkämpfende 
Recht zu Postulaten des Gemeinwohls und der kulturellen und sitt¬ 
lichen Hebung der Gesamtheit.“ (Vgl. Fürth: „Der Unehelichen 
Schicksal und Recht“, Zeitschrift für Sexualwissenschaft. 2. Band. 
7. Heft. Bonn, Okt. 1915.) 

Machen wir uns das zunächst an den Zahlen klar. Die un¬ 
ehelich Geborenen stellen durchschnittlich rund 180000 gleich 9®/o 
aller Geborenen dar. 

Sie seien ein minderwertiges Element der Bevölkerung. So 
wird behauptet und zum Beweis auf ihre größere Sterbequote wie 
darauf verwiesen, daß aus ihren Reihen sich Verbrechertum und 
Prostitution in überdurchschnittlichem Maße rekrutieren. Beides 
stimmt. Die Sterblichkeit der Unehelichen in Deutschland übertraf 
in derzeit zwischen 1901 und 1910 die der Ehelichen um 60 - 70% 
und mehr. In einzelnen Großstädten ist die Sache hoch weit schlim¬ 
mer. In Hamburg und Vororten starben im Jahre 1893 auf ein ehe¬ 
liches 2,17 uneheliche Kinder, in Leipzig 1,54, Breslau 1,40, Frank¬ 
furt a. M. 2,33. 

Umstehende Tabelle aus Frankfurt a. M. zeigt das Folgende: 

Von den Ehelichen starben durchschnittlich 10,4®/o, von den 
unehelich Geborenen aber 23,6%, also fast ein Viertel aller, wäh¬ 
rend die Unehelichen gar mit 26,8®/o an der Gesamtsterbeziffer der 
Säuglinge, an der Gesamtzahl der Geborenen nur mit 14®/o be¬ 
teiligt sind. 

Diese Tabelle ist um so bemerkenswerter, als gerade aus Frank¬ 
furt a M. genauere Angaben über den Zusammenhang zwischen 

Zeitschr. 1 Sexumlwiitensehaft HL 5. 15 


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210 


Henriette Fürth. 


Unehelichkeit und vermeintlicher geistiger und sittlicher Minder¬ 
wertigkeit der Unehelichen vorliegen. 

Anteil der Unehelichen an den Gebnrts- und Sänglingssterbeziffern 

in Frankfurt a. M. 1906—1912. 


Jahre 

Geburten 

Unehe¬ 
liche in 
Proz. 
aller Ge¬ 
borenen 

1 

Säuglingssterblichkeit 

ins¬ 

gesamt 

^ ehe- 
j liehe 

1 

un¬ 

ehe¬ 

liche 

ins¬ 

gesamt 

ehe¬ 

liche 

Proz. 

der 

Ehe¬ 

lichen 

unehe¬ 

lich 

in Proz. 
der un- 
ehel. Ge¬ 
borenen 

in Proz. 
aller Sgl.- 
Sterbe- 
falle 

1906 

10 069 

8708 

1361 

13.2 

1415 

1026 

11,8 

389 

1 28,6 

, 27,5 

1907 

9 831 , 

8466 

1365 

13,9 

1278 

938 

11,1 

340 

1 24,9 

' 26.6 

1908 

9 878 

8450 

1428 

14,5 

1327 

928 

11,0 

399 

1 28,0 

30.0 

1909 

9 563 

8209 

13.54 

14,1 

1144 

831 

10,1 

313 

! 23,1 

27.4 

1910 

9 913 

8657 

1256 

12,7 

1127 

863 

9,96 

264 

i 21,0 

23,4 

1911 

9 506 

i 8218 

1288 

13,5 

1145 

874 

5 10,6 

271 

1 21,0 

23.7 

1912 

9287 1 

i 7888 

1399 

15,0 

917 

655 

8,31 

262 ! 

18,7 

28,6 





im 



im 

! 

im 

im 


! 



Mittel 



Mittel 


Mittel 

Mittel 





14 

i 

1 

10,4 

1 

23,6 

26,8 


In einer dankenswerten Untersuchung, die Prof. Dr. Spann in 
der Schrift „Die uneheliche Bevölkerung in Frankfurt a. M.“ an¬ 
gestellt hat, zeigt er, daß die zweifellos größere Anteilnahme der 
Unehelichen an Vergehen und Verbrechen usw. nicht aus ange¬ 
borener Minderwertigkeit, sondern aus der Ungunst der Verhältnisse, 
den schlechten Aufzuchtbedingungen, dem Unrecht, das ihnen von 
der Gesellschaft angetan wird, hervorgeht. Die Unehelichen werden 
nicht mit schlechterer körperlicher, geistiger und sittlicher Lebens¬ 
erwartung, sondern zum Teil sogar mit besserer geboren, als die 
Ehelichen. Dann kommen aber die schlechten VerpflegungsVerhält¬ 
nisse, der häufige Pflegewechsel, das Unvermögen der ledig bleiben¬ 
den Mutter, ihrem Kinde eine gute Erziehung und gründliche Be¬ 
rufsschulung zu geben. Spann weist, und das ist höchst bezeich¬ 
nend, nach, daß eine Überführung der Unehelichen in geordnete 
Verhältnisse gleichbedeutend ist mit einem Stück moralischer und 
sozialer Regeneration. Heiratet nämlich die Mutter einen Mann, 
der nicht der Vater ihres Kindes ist (wenn sie den Vater heiratet, 
erfolgt die Legitimation und das Kind verschwindet aus der Reihe 
der Unehelichen) und tritt es dadurch in eine sogenannte Stief¬ 
vaterfamilie ein, so unterscheidet es sich weder im guten noch 
bösen Sinn von seiner Umgebung. 

Die Stiefvaterfamilie kommt sowohl hinsichtlich der Darbietung 
der körperlichen als auch der geistigen Entwicklungsbedingungen 
(gemessen an der Tauglichkeit einerseits, Berufsausbildung anderer¬ 
seits) , der normalen Leistung der normalen ehelichen Familie 
innerhalb der gesellschaftlichen Sphäre, in der sie funktioniert, 
wesentlich gleich. 

Die eigentlichen Unehelichen, deren Mütter am Leben und un¬ 
verehelicht blieben, zeigen sowohl in körperlicher wie in Hinsicht 
auf ihre Berufsbildung ein beträchtliches Maß an Degeneration. 

Die unehelichen Waisen hingegen nehmen in bezug auf Taug¬ 
lichkeit und Berufsausbildung eine Mittelstellung zwischen den 


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Der Krieg und die Bevölkerungsfrage. 


211 


eigentlichen Unehelichen und den Stiefkindern ein, so daß es für 
die unehelichen Kinder besser ist, die Mutter stirbt, als sie bleibt 
unverehelicht am Leben. 

Bezüglich der Kriminalität ergibt sich, daß die Unehelichen (im 
Gesamtdurchschnitt aller Gruppen) in wesentlich höherem Grade 
kriminell sind als die Ehelichen (von den Unehelichen sind 10,9% 
bestraft, von den Ehelichen 7,7%, wobei aber die Unehelichen noch 
erheblich längere Strafregister haben). 

„Die höhere Kriminalität der Unehelichen ist wesentlich als 
eine Funktion ihrer mangelhaften Berufsausbildung, speziell ihres 
hohen Gehaltes an ungelernten Arbeitern zu betrachten.“ (Spann; 
„Untersuchungen über die uneheliche Bevölkerung in Frankfurt a.M.“. 
Dresden 1905.) 

Auch Grüble („Die Ursachen der jugendlichen Verwahrlosung 
und Kriminalität“, Berlin 1912, Springer) kommt zu dem Schluß, 
„daß die unglücklichen Verhältnisse, unter denen die unehelich 
Geborenen heranwachsen, es sind, die deren hohen Anteil am Ver¬ 
brechen und an der Verwahrlosung bedingen“. (S. 38.) 

Fassen wir, bevor wir unsere Forderungen formulieren, noch 
einmal zusammen: 

„Unehelichkeit und trostlose Verlassenheit sind zumeist über¬ 
einstimmende Begriffe. Da ist kein Vater, der die Mitsorge trägt, 
und unter den Müttern sind manche, die sich am liebsten ihrer 
mütterlichen Verpflichtung ganz entzögen und sie auf die denkbar 
schlechteste und unzulänglichste Weise erfüllen. Da sind andere, 
die durch die außereheliche Mutterschaft deklassiert und zugleich 
ihres Brotes beraubt werden. Schande und Not einen sich, die 
Mutter zu zermürben und das Kind zu verderben. Und wieder 
andere, wahre Heldinnen aufopfernder Mutterliebe, können nur mit 
Aufbietung aller Kräfte ihrem Kinde des Lebens äußerste Notdurft 
sichern, aber sie können nicht daran denken, das heranwachsende 
Kind so zu pflegen und zu erziehen, daß ein tüchtiger und brauch¬ 
barer Mensch daraus werden könnte. 

So, zu einem erheblichen Prozentsatz schlecht verpflegt und 
schlecht erzogen, ohne Hemmungsvorstellungen, ohne genügende 
körperliche und sittliche Widerstandskraft, ohne geeignete Vor¬ 
bildung, Schulung und Ertüchtigung auf das Leben losgelassen, 
müssen die Unehelichen in einem Kampf zerschellen, der heute 
unter so harten Formen einhergeht, daß nur die Tüchtigen, gut 
Vorgebildeten und Angepaßten hoffen dürfen, ihn in Ehren zu be¬ 
stehen. 

So kommt es, daß viele der Unehelichen zu Parias des Lebens 
werden, daß sie in unverhältnismäßig großer Zahl die Gefängnisse 
füllen und die Prostitution sich aus ihnen rekrutiert 

Und so rächt sich das Unrecht, das man ihnen durch Vernach¬ 
lässigung und Verachtung, durch Schimpf und Schande zufügte, 
indem es nun Schimpf und Schande auf die Gesamtheit häuft, sie 
in ihrer körperlichen, geistigen und sittlichen Tauglichkeit bedroht 
und herabsetzt und den Staats- und Gemeindesäckel mit Ausgaben 
für Gefängnisse, Zuchthäuser und Hospitäler usw., oder allgemein 
gesagt mit der Sorge für ein Menschenmaterial belastet, das, statt 

15* 


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212 


Henriette Fürth. 


zum Volksreichtum, Ansehen und zur volklichen Tüchtigkeit bei¬ 
zutragen und so zu einem Aktivposten der Volksbilanz zu werden, 
durch Schuld der Gemeinschaft minder tauglich und vielfach zu 
einem Minusposten der Volksbilanz geworden ist.“ (Fürth a. a. 0. 
Seite 4.) 

Eine ernste Lehre in ernster Zeit Ströme unseres besten Blutes 
werden draußen auf den Schlachtfeldern vergossen. Soll dieser 
Verlust nicht unwiderruflich werden, soll er nicht eine dauernde 
Verarmung unseres Volkstums an Lebenskraft und damit an Lebens¬ 
und Zukunfterwartung mit sich führen, so müssen wir darauf be¬ 
dacht sein, die vorhandenen Regenerationsquellen sorgfältig zu 
betreuen und neue zu erschließen. In den Unehelichen bietet sich 
da ein Menschenmaterial, das unserm Volkstum zum Heil oder zum 
Unheil, zum Segen oder zum Fluch werden ksinn; je nachdem wir 
wollen, je nachdem wir uns ihm gegenüber verhalten. Ich meine 
von „Wollen“ kann und darf da gar nicht mehr die Rede sein. 
Als ein ehernes Muß liegt der Weg da, den wir in dieser Sache zu 
gehen haben. 

Schon einmal im Laufe unserer Geschichte, nach dem fürchter¬ 
lichen Aderlaß des 30jährigen Krieges, wurde eine Reihe gesetz¬ 
licher Bestimmungen im Sinne einer starken Volks Vermehrung ge¬ 
troffen. In bezug auf die außereheliche Mutterschaft verfügte der 
große Kurfürst die Aufhebung der Kirchenstrafe für Geschwächte, 
ja, verbot bei Strafe, ihnen Vorwürfe zu machen. Der Plan, die 
Ehen nur auf Zeit schließen zu lassen, tauchte damals schon auf. 

Friedrich ging davon aus: „Die Macht eines Staates besteht 
nicht in der Ausdehnung des Landes, sondern in dem Reichtum 
und der Zahl seiner Bewohner.“ (Vgl. Brentano: Malthuslehre, 
Ahhandl. d. Kgl. Bayr. Akad. d. Wissenschaften Bd. 24. Abt 3. S. 73 ff.) 

Wir sind unterdessen in unserer äußeren und inneren Entwick¬ 
lung so viel weiter gekommen. Aber selbst, wenn wir, unter Außer¬ 
achtlassung der in solchem kulturellen Höherwacbsen enthaltenen 
Kulturverpflichtung, uns nur auf den damals aus höchst realpoli¬ 
tischen Gesichtspunkten eingenommenen Standpunkt stellen, wächst 
uns die starke Verpflichtung zu, die Frage der rechtlichen und ge¬ 
sellschaftlichen Stellung und Behandlung der Unehelichen von Grund 
aus zu revidieren und umzugestalten. 

Der unglaubliche Satz des Bürgerlichen Gesetzbuches, nach 
dem das uneheliche Kind mit seinem Vater nicht verwandt sein 
soll, muß fallen und durch eine rechtliche Gleichstellung der un¬ 
ehelichen mit den ehelichen Kindern ersetzt werden. 

Die „exceptio plurium“ dürfte nur in der Weise geltend gemacht 
werden, daß bei nicht einwandfrei festzustellender Vaterschaft die 
voraussetzbaren bzw. denkbaren Väter sich in die Alimentation zu 
teilen hätten. 

Für die Kinder, deren Väter aus irgendwelchen Gründen nicht 
festgestellt werden, müßte, so wie das im ungarischen Kinderschutz¬ 
gesetz vorgesehen ist, der Staat Vaterstelle vertreten, und zwar in 
der Art, wie es in den Motiven zu diesem Gesetz heißt, nachdem 
zuvor gesagt war: „Jedes Kind, welches durch die Seinigen nicht 
versorg werden kann, hat Anspruch auf Versorgung durch den 


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Der Krieg und die Bevölkerungsfrage. 


213 


ungarischen Staat.“ Und dann: „In der neuen Ordnung des Schutzes 
der verlassenen Kinder läßt der Staat sich nicht mit Liebe herbei 
zu dem Kinde, das ist Sache des gesellschaftlichen Humanismus, 
sondern der Staat hebt den Schwachen zu sich mit dem Rechte.“ 
Aus solcher Auffassung erflösse dann ganz von selbst das Recht 
auf die durch die Reichswochenhüfe auch den außerehelichen Müt¬ 
tern von Kriegsteilnehmerkindern zugebilligten Vergünstigungen, 
wie der Anspruch auf Kriegswitwen- und Waisenrente auch im 
Falle der Unehelichkeit 

Wir sind der Meinung, daß der Gesetzgeber sich dieser Ver¬ 
pflichtung gar nicht entziehen kann und der durch die Not der 
Stunde geschaffenen Lage gegenüber es auch gar nicht wiU. 

Viel schwieriger wird es sein, das gesellschaftliche und das 
auf einer Pseudomoral beruhende moralische Vorurteil dauernd zu 
besiegen. Das aber wird vor allen Dingen nötig und in seinen 
Folgeerscheinungen äußerst wichtig sein. Denn das Gesetz ge¬ 
währleistet nur Notdürftigstes und muß in vielen Teilen toter Buch¬ 
stabe bleiben, wenn ihm der lebendige Wille der Bevölkerung nicht 
entgegenkommt 

So gilt es, die in diesem Sinne günstige, durch das allseitig 
gesteigerte Gefühlsleben betonte Stimmung des Augenblicks in das 
Reich eines hoffentlich nicht mehr allzu fernen friedlichen Alltags 
hinüberzuretten. Es gilt, dem Fühlen, Denken und Urteilen aller 
Volksschichten die Erkenntnis einzuhämmern, daß jedes Kind, gleich¬ 
viel ob ehelich oder unehelich, Anspruch auf Schutz und Fürsorge 
hat, die ihm entweder von den Eltern bzw. der Familie, da aber, 
wo diese Faktoren aus irgendwelchen Gründen ausscheiden, vom 
Staat und der Allgemeinheit zugewandt werden müssen. Und ferner, 
daß unsere Bewertung und Beurteilung einer Mutterschaft nicht von 
Erwägungen der Legitimität, sondern lediglich davon bestimmt wer¬ 
den darf, wie eine Mutter sich zu ihrem Kinde verhält, ob und in 
welchem Ausmaß sie ihre Pflicht ihm gegenüber erfüllt. 

Und uns allen helfen soll in dieser Frage die Liebe, die Liebe 
zu aller Kreatur, die Liebe, die nicht marktet und feilscht, sondern 
die immer nur gibt und gibt, und reicher wird, indem sie gibt. 


Wir kommen zum Schluß. Als richtunggebender Punkt unserer 
Darlegung hat sich herausgestellt, daß eine verständige Bevölke¬ 
rungspolitik der Propaganda der bloßen Zahl entraten kann, wenn 
es gelingt, möglichst nur Gesundes zum Leben gelangen zu lassen 
und die vor- und nachgeburtlichen Lebensbedingungen so zu ge¬ 
stalten, daß ein gesundes Geschlecht geboren und unter gesunden 
Bedingungen aufgezogen werden kann. 

Eine Erhöhung der Zahl wird sich ohne gewaltsame Steigerung 
der Geburtlichkeit ergeben, wenn es gelingt, die Ehehemmungen in 
Gestalt des Zölibates und der durch die Verhältnisse erzwungenen 
Spätehe aufzuheben. Die Gebärwilligkeit wird man anspomen, 
wenn die Familiengründung und Erhätung sich aller denkbaren 
Erleichterungen und Unterstützungen von seiten des Staates und 
der sonstigen Behörden erfreuen wird. Eine Erhöhung der Zahl 
wird weiter zu erreichen sein durch ein die Sterblichkeit ein- 


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214 


Bruno Saaler. 


schränkendes System gesnndheitlicher, wirtschaftlicher und sozialer 
Maßnahmen, unter denen alle, sich a^ die Beförderung des Gesnnd- 
geborenwerdens und die Verhütung der Geburt Lebensnntanglicher, und 
endlich die sachgemäße Lösnng der Unehelichenfrage beziehenden zu¬ 
gleich eine ungemeine Qnalitätsverbessemug unseres Volkstums zur 
Folge haben werden. 

Eine Fülle der Gesichte. Und so oft man sich mit ihnen ans- 
einanderznsetzen sucht, so oft muß man erkennen, wie arm nicht nur 
das kennzeichnende Wort, sondern wie arm anch jegliches Tun gegen¬ 
über dem ist, was da getan werden müßte! 

Arbeiten und nicht verzweifeln! 

Wir wollen dies Wort Carlyles unserem Streben und Tun vor¬ 
ansetzen. Uns ganz dnrchdringen mit der Verpflichtung, daß wir alle 
an diesem Werk mitarbeiten müssen. Jeder an seinem ..Teil. Jeder 
nach seiner Kraft. Ganz dnrchdringen aber anch mit der Überzengnng, 
daß nichts damit getan ist, Menschenmassen den Weg ins Leben zn 
ebnen, wenn es uns nicht gelingt, ihnen dies Leben wohnlich, zn einer 
Heimstatt freudvoller Arbeit und arbeitsvoller Freude zn machen. 


Über den psychosexuellen Infantilismus, 
die Frendsohe Lehre und Catherina Godwin. 

Von Dr. Brnno Saaler (Berlin), 

zur Zeit ordinierender Arzt an einem Reservelazarett. 

Die Tatsache, daß die Psychoanalyse letzten Endes immer wieder 
auf sexuelle Faktoren stößt, hat ihr mehr als die ihrer Technik an¬ 
haftenden Mängel Feindschaft eingetragen. In der Tat kann es keinem 
Zweifel unterliegen, daß durch kritiklose Anwendung eines bestimmten 
Schemas oft genug sexuelle Zusammenhänge „aufgedeckt“ werden, die 
nichts anderes darstellen als ein Hirngespinst des analysierenden 
Arztes, iind so geartete „Forschungsresultate“ sind sicherlich geeignet, 
der Lehre Freuds mehr Abbruch zu tun, als ihre schärfsten Gegner es 
vermögen. Indessen erscheint mir, ^von Auswüchsen dieser Art abge¬ 
sehen, der Vorwurf der „Sexualisierung der Wissenschaft“, der der 
Freudschen Schule gemacht wird, nicht berechtigt. Wem der gestal¬ 
tende Einfluß der sexuellen Triebkräfte auf die seelische und geistige 
Entwicklung des Menschen einleuchtet, wird schon aus diesem Grunde 
sich nicht wundern, wenn er bei der Erforschung des Unbewußten 
auf sexuelle Faktoren stößt. Vor kurzem hat Nachmansohn') in 
überzeugender Weise dargetan, daß die Freud sehe Libidotheorie mit 
der Eroslehre Platos im wesentlichen übereinstimmt. Auch bei Plato 
entwickelt sich nämlich die Liebe im höheren ethischen Sinne so¬ 
wohl wie die Liebe zu den Wissenschaften und Künsten nicht an¬ 
ders wie auch die der Gottheit zugewandte Liebe aus dem sinn¬ 
lichen Eros, Schritt haltend mit der allmählichen Entwicklung des 


*) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Platos. Intern. 
Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse. III. Jahrg., Heft 2. 


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über den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre usw. 


215 


menschlichen Geistes, „der erst allmählich lernt, anch das Seelische 
als etwas Reales zu erfassen und es dem Eros als Ziel zu setzen“. 
Nicht anders gedacht ist ja der Snblimiemngsprozeß der „libidi- 
nösen Zuschüsse“, die die intellektuellen Energien nach Freud 
vom Urtrieb empfangen. Nun ist allerdings znzugeben, daß bei 
gesunden Individuen der Sublimierungsprozeß im allgemeinen an 
einem Punkte angelangt ist, der die Herkunft der höheren geistigen 
Triebkräfte von den niederen nicht mehr erschließen lassen durfte. 
Diese Gesunden sind aber in der Regel auch nicht Gegenstand psycho¬ 
analytischer Untersuchung. Die ärztliche Psychoanalyse befaßt sich 
vielmehr lediglich mit den seelischen Vorgängen krankhafter Persön¬ 
lichkeiten, bei denen auch die Sexualität, wie von niemandem bestritten 
wird, eine nicht normale ist. Bei der überwiegenden Mehrzahl der 
hysterischen Weiber vollends ist von Sublimierung wenig oder nichts 
zu bemerken; ihr gesamtes geistiges Leben steht ans diesem Grunde 
unter der Herrschaft des ureigentlich Sexuellen, woran auch dann nicht 
zu zweifeln ist, wenn das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Die 
Frigidität der Hysterischen, die so oft und ohne jede Berechtigung als 
Beweis für eine Verminderung ihrer libido angeführt wird, bedeutet ja 
doch nicht Asexualität, sondern lediglich Frigidität gegenüber dem 
normalen Sexualziel und ist ebenso wie ihre in Wirklichkeit über die 
Norm gesteigerte libido eine Teilerscheinnng des sexuellen Infantilismus, 
der für die weibliche Hysterie geradezu pathognomonisch genannt wer¬ 
den darf. Ich bin mit Juliusburger*) der Ansicht, daß von der Be¬ 
zeichnung Hysterie überhaupt ganz abgesehen werden könnte. Da tat¬ 
sächlich der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Hysterie ein psy¬ 
chophysischer Infantilismus zugrunde liegt, ist nicht einzusehen, warum 
diese Tatsache nicht auch in der Krankheitsbezeichnnng zum Ausdruck 
kommen soll, die dann ja auch den Vorteil hätte, von vornherein keinen 
Zweifel darüber zu lassen, daß das Krankheitsbild durch Erscheinungen 
der körperlichen und geistigen Unreife gekennzeichnet wird, die sich 
naturgemäß auch auf das sexuelle Gebiet erstrecken und hier als eine 
Hemmung auf dem normalen Wege der Entwicklung darbieten muß. 

Die Annahme, daß die Sexualität nicht erst in der Pubertätszeit 
als etwas Neues auftritt, sondern schon im Keime angelegt eine all¬ 
mähliche Entwicklung durchmacht, die durch die Geschlechtsreife — 
wie schon der Name besagt — nur ihre Vollendung erfährt, ist aller¬ 
dings die zwingende Voraussetzung der Lehre vom sexuellen Infanti¬ 
lismus. Es wäre kaum verständlich, daß gerade diese der Lehren 
Freuds auf so außerordentlichen Widerstand gestoßen ist, wenn man 
sich nicht sagen müßte, daß lediglich die weite Fassung, die Freud 
mit vollem Recht dem Sexualitätsbegriff zuteil werden läßt, von den 
Gegnern nicht genügend berücksichtigt wird. Tatsächlich glauben viele 
von denen, die Freudsche Lehren bespötteln oder bekämpfen, man wolle, 
wenn man von der Sexualität des Säuglings spreche, damit zum Ausdruck 
bringen, der Säugling sei ein in allen sexuellen Perversionen erfahrener 
Wüstling, während darunter in Wirklichkeit ja nichts anderes verstan¬ 
den wird als ein ihm selbst völlig unbewußtes Frühstadium der Ent- 


Juliusburger, Zur Lehre vom psychosexuellen Infantilismus. (Zeitschr. f. 
Sexualwissensch. 1. Bd. 5. Heft.) 


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Bruno Sanier. 


wicklnng. Man mag sich übrigens zu den Anschauungen Freuds von 
den einzelnen Entwicklungsphasen der Sexualität stellen wie man will, 
die Tatsache ihrer allmählichen Entwicklung an und für sich wird man 
auf Grund unserer heute festgegründeten Kenntnis des Infantilimus 
nicht länger bestreiten können. 

Unter Zugrundelegung der Freudschen Lehren’von der Entwick¬ 
lung der Sexu^tät läßt sich von den Erscheinungen des psychosexuellen 
Infantilismus in kurzen Zügen folgendes Bild entwerfen: ln der frühen 
Phase des „Narzißmus“ bedarf das Individuum zur Befriedigung seiner 
libido nicht des Objektes, es steht der Außenwelt indifferent gegenüber 
und benutzt lediglich das eigene Ich als Lustquelle. Später nimmt es 
Objekte der Außenwelt, soweit sie als Lustquelle dienen können, in sich 
auf; in diesem Stadium der Entwicklung setzt es den Lustcharakter 
seines Ichs aber nach wie vor über jeden anderen. Erst nach der 
Überwindung des Autoerotismus erfolgt die Verknüpfung des Sexual¬ 
triebs lediglich mit Objekten der Außenwelt und wird, je reifer er ist, 
nicht nur um so höhere Anforderungen an die Persönlichkeit des Ob¬ 
jektes stellen, sondern auch die Befriedigung in Rücksichtnahme auf 
das Objekt suchen. Während also der Altruismus das Kennzeichen der 
reifen Liebe darstellt, läßt die egozentrische Einstellung auf eine un¬ 
vollendete Entwicklung schließen. 

Sexualtriebe, die den Reifeprozeß nicht durcbgemacht haben, nennt 
man „zielgehemmt“. Sie haben in ihrer Entwicklung eine Hemmung 
oder Ablenkung erfahren; ihr Ziel ist daher nicht mehr das normale 
Endziel, sondern ein Vorstadinm auf dem Wege zu diesem. Dieses 
Vorstadium, das Freud „Vorlust“ nennt, ist mit dem Ziel einer früheren 
Entwicklungsstufe identisch und daher infantil 

Die Vorlust besitzt eine körperliche und eine psychische Komponente. 
Hier soll nur von der letzteren die Rede sein. Sie umfaßt die mannig¬ 
fachen Formen des Liebesspiels und Liebeswerbens mit Einschluß der 
physiologischen Ansätze zu den psychosexuellen Perversionen (Scban- 
und Grausamkeitstriebe, auf denen sich Voyeurtum, Exhibitionismus, 
Sadismus, Masochismus u. a. aufbauen). Bei den zielgehemmten Trieben 
wird, da das normale Endziel nicht erreicht wird, die Vorlust zur Lust, 
das Vorstadium zum Endziel und erfährt infolge der Hemmung eine 
gewaltige Intensitätssteigerung. „Wie ein Strom, dessen Hauptbett 
verlegt wird, die kollateralen Wege ausfüllt, die bisher vielleicht leer 
geblieben waren“ (Freud), staut sich die libido und tritt als ins Krank¬ 
hafte gesteigerte Vorlust in Erscheinung. 

Die Kennzeichen der unreifen Persönlichkeit in psychosexueller 
Hinsicht sind also neben dem mehr minder ausgeprägten Symptom der 
Ichbesetzung der libido, neben der egozentrischen Einstellung, der man¬ 
gelnden Rücksichtnahme auf das Objekt, das nur als Lustquelle dient 
und je nach Laune und Bedarf durch ein anderes mehr oder weniger 
geeignetes ersetzt werden kann, der Verzicht auf das normale Endziel 
oder zum mindesten dessen geringe Bewertung und die erhöhte Freude 
am erotischen Präludium sowie die Steigerung der physiologischen An¬ 
sätze psychosexueller Perversionen ins Krankhafte, ffierzu kommt die 
hohe Bewertung des Sexuellen an sich und damit in Zusammenhang 
die geringe oder gänzlich fehlende Sublimierung der libido, die in An¬ 
betracht der gesteigerten Lustbetonung, die infolge der Hemmung den 


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über den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre usw. 


217 


infantilen Sexualtrieben zukommt, keinerlei oder nur wenig Energien 
von der sexuellen Verwendung ableiten und höheren, geistigen Zwecken 
nutzbar machen kann. 

Man wird nicht umhin können, zuzugeben, daß die Erscheinungen 
des psychosexuellen Infantilismns, wie sie hier gekennzeichnet wurden, 
■durchaus mit den Beobachtungen in Einklang stehen, die der Nerven¬ 
arzt tagtäglich bei der Betrachtung der Persönlichkeit infantiler Frauen 
zu machen in der Lage ist, und wie sie ja auch von einigen Autoren 
{Hirschfeld und Burchard, Juliusburger) bereits mitgeteilt worden sind. 
Mcbt anders verhält es sich übrigens mit der Freudschen Lehre von 
den körperlichen Lustquellen der infantilen Sexualität, von denen hier 
indessen nicht die Rede sein soU^). 

Die ärztliche Erkenntnis der minderwertigen psychosexuellen Be¬ 
schaffenheit des infantilen Weibes stellt übrigens nicht einmal etwas 
absolut Neues dar; wie stets ist auch hier geniale dichterische Intuition 
der Wissenschaft vorausgeeilt. Neben Ibsens Hedda Gabler ist hier vor 
allem der bekannte Strindbergsche Frauentyp zu nennen, in dem die in¬ 
fantile Frau in überraschender Übereinstimmung mit unseren ärztlichen 
Erfahrungen, naturgetreu bis zu den feinsten psychologischen Einzel¬ 
heiten verkörpert ist. Ich denke dabei besonders an die Maria der 
„Beichte eines Toren“, eines Werkes, dem weit über die künstlerisch- 
literariscbe und biographische Wertung hinaus Bedeutung für die me¬ 
dizinische Psychologie und die Sexualforschung znkommt. 

Was die Ursachen der infantilen Sexualität anbelangt, so sind 
■ebenso wie für den Infantilismus überhaupt die minderwertige Keim¬ 
anlage und von dieser abhängig Anomalien auf dem Gebiete der inneren 
Sekretion für sie verantwortlich zu machen. Von der Freudschen Schule 
wird diese Tatsache zwar nicht bestritten, andererseits aber geltend 
gemacht, daß die biologische Grundlage einer psychischen Erscheinung 
uns nicht der Verpflichtung enthebe, ihren psychischen Ursachen nach¬ 
zugehen. Wenn in der Tat auch zugegeben werden darf, daß die Bio¬ 
logie nur den Unterbau für die psychischen Vorgänge schafft, so darf 
doch nicht außer acht gelassen werden, daß sie den Richtung geben¬ 
den Einfluß ausübt, demgegenüber äußere Faktoren von untergeordneter 
Bedeutung erscheinen. Daraus geht hervor, daß der von Freud sicher¬ 
lich mit gutem Grund supponierte „Verdräng^ngsschub“ wohl imstande 
sein mag, die Erscheinungen des sexuellen Infantilismus zu erzeugen, 
daß aber die Ursachen der Verdrängung wiederum nicht in traumatisch 
wirkenden sexuellen Erlebnissen, sondern in der durch die Entwicklungs¬ 
hemmung gegebenen Notwendigkeit gesucht werden müssen. Allerdings 
ist es auch wohl denkbar, daß die endokrinen Anomalien, die als Grund¬ 
lage der infantilen Sexualität angesehen werden müssen, sich auch bei 
von Hause aus vollwertigen Individuen unter dem Einfluß psychischer 
Vorgänge herausbilden können — als Parallele erwähne ich die zahl¬ 
reichen Fälle von Überfunktion der Schilddrüse, die im Feld infolge 
schwerer seelischer Erregungen aufgetreten sind —, indessen dürfte es 
sich hierbei wohl nur um Ausnahmen handeln. Mit den traumatischen 
sexuellen Erlebnissen junger Mädchen verhält es sich übrigens kaum 


In einem Aufsatz; Eine Hysterieanalyse und ihre Ijehren (Allgemeine Zeitschrift 
f. Psych. u. psyeh.-gerichtl. Medizin, 1912) habe ich diese Frage ausführlich behandelt. 


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Bruno Sanier. 


anders wie mit den körperlichen Traumata der Paralytiker, die in der 
Zeit, als die syphilitische Ätiologie der Paralyse noch nicht feststand, 
so häufig für die Entstehung der Krankheit verantwortlich gemacht 
wurden, während sie in Wirklichkeit umgekehrt eine Folge der Krank¬ 
heit, des ersten paralytischen Insults waren. Ebenso sind die trau¬ 
matischen sexuellen Erlebnisse der Infantilen nicht Ursache, sondern 
Folge der infantilen Sexualität, sind eine Erscheinung der sexuellen 
Konstitution, veranlaßt durch Lüsternheit, Sensationsgier und Freude 
am geföbrlichen Spiel. Geht ein solches Spiel anders aus, als erwartet 
wurde, so ist selbstverständlich seine Bedeutung als psychisches Trauma 
nicht zu unterschätzen; wer aber annimmt, daß infolgedessen die sexuelle 
Entwicklung einen Weg gehen würde, den sie andernfalls nicht einge¬ 
schlagen hätte, übersiebt, daß die Art und Weise der traumatischen 
Einwirkung des Erlebnisses in der Kegel von der durch die biologische 
Grundlage gegebenen Richtungslinie abhängig ist Wenn es also nach 
alledem auch möglich ist, innerhalb biologisch bedingter psychischer 
Erscheinungen psychischen Zusammenhängen nachzugeheii und sie ver¬ 
ständlich zu machen, so besagt dies nichts für ihre gegenseitige kausale 
Bedingtheit. In der Persistenz der infantilen Sexualität hat man dem¬ 
nach eine durch körperliche Ursachen bedingte Entwicklungshemmung 
zu sehen, die der Unreife der Gesamtpersönlichkeit in der Regel ent¬ 
spricht und die, wenn auch nicht der psychoanalytischen Untersuchung, 
so doch der psychoanalytischen Therapie wie überhaupt einstweilen 
noch^) jeder Therapie eine nicht überschreitbare Grenze setzt, womit 
natürlich nichts gegen die Zweckmäßigkeit palliativ wirkender Psycho¬ 
therapie und anderer Maßnahmen in solchen Fällen gesagt sein soll. 

Die Bedeutung der infantilen Sexualität für die Neurose ist zwar 
eine außerordentlich große, aber keine ausschließliche. Die Komplex¬ 
bildung und die Entstehung psychogener Symptome geschieht unter dem 
Einfluß von -affektbetonten Strebungen, die nicht notwendigerweise sexu¬ 
ellem Gebiet entstammen, wie Juliusburger*) mit Recht betont, auf 
dem Boden der „primären psychischen Labilität und Dissoziabilität“. Das 
primär gestörte seelische Gleichgewicht, die infantile Art der geistigen 
Verarbeitung des Erlebten bietet die Mittel, deren sich die Affekte be¬ 
dienen, um komplizierte psychogene Symptome zu bilden. Daß das 
sexuelle Moment sogar gänzlich bedeutungslos sein kann, sehen wir bei 
den zahlreichen Kriegshysterien, deren Erscheinungen nichtsdestoweniger 
den gleichen Mechanismen ihre Entstehung verdanken wie die sind, 
welche wir bei der Symptombildung der Neurosen der weiblichen In¬ 
fantilen am Werke sehen. Die Fähigkeit psychogene Symptome zu 
bilden ist somit als eine Erscheinung des Infantilismus und daher ebenso 
wie die infantile Sexualität als ein Defekt anzusehen. Ich kann in¬ 
dessen der Ansicht Juliusburgers, daß die Infantilen in affektiver und 
intellektueller Hinsicht Defektmenschen sind, nicht unbedingt beistim¬ 
men, wenn sie auch in der Regel zutrifft. Andererseits ist nicht zu 


*) Seitdem durch die ForscheiTesultate von Steinach, Tandler und Groß ge¬ 
zeigt wurde, daß wir in der interstitiellen Keimdrüsensubstanz das Organ zu sehen haben, 
von dem der Sexualcharakter des Individuums abhängig ist, können wir Heilung einzig 
und allein von der Organtherapie erhoffen. 

‘^) Sitzungsbericht der Ärztl. Ges. f. Sexualwissensch. vom 17. März 1916 (Zeitschr. 
f. Sexual wissensch. III. Bd. 2. Heft). 


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Über den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre usw. 


yerkennen, daß die Entwicklangshemmung die einzelnen psychischen 
Komponenten oft recht ungleichmäßig betrifft, so daß für zahlreiche 
Varietäten ausreichend Spielraum bleibt. Häufig ist die gemütliche 
nnd inteilektnelle Sphäre trotz bestehender primärer psychischer La¬ 
bilität und Dissoziabilität nicht nnr nicht defekt, sondern sogar eine 
den Dnrchschnitt überragende. 

In diesem Zusammenhang erscheint es mir wertvoll, auf eine 
Schriftstellerin hinznweisen, deren Werke „Begegnungen mit mir“ 
(Hyperionverlag Hans von Weber, 1910) nnd „Das nackte Herz“ (Al¬ 
bert Langen, München) geradezu als Fnndgrnbe für die Neurosen- und 
Sexnalforschung bezeichnet werden können. Die offenbar mit einer glän¬ 
zenden Selbstbeobachtungsgabe ausgestattete Verfasserin, Catherina 
Godwin, von der Kritik als „durchaus kühler Intellekt“, als „differen¬ 
zierte Frau“ bezeichnet, die eine „fast virtuose Gefühlsakrobatik“ treibe, 
schildert tatsächlich nichts anderes als die Psychosexualität einer von 
Hause ans gut veranlagten aber nicht zur sexuellen Reife gelangten 
und sich ihrer Unreife voll bewußten Frau in künstlerischer Form mit 
dankenswerter Offenheit und nüchterner, nur zuweilen melancbolisch- 
weltschmerzlich gefärbter Sachlichkeit. Ich kann mir nicht versagen, 
einige Stellen aus dem „nackten Herz“ als Belege hierfür anzuführen: 

Unglückliche Liebe: „Ewig unbefriedigt kann ich dir ewig alle 
Treue geben ... der Rechte birgt die Verwirklichung unserer Wünsche 
in sich, also brauche ich den Unrechten ... Somit habe ich die Pflicht, 
unter dem Banne dieses Konträrempfindens den Verkehrten mir zu 
fesseln und in ihm dauernd den Rechten zu suchen, wissend, daß ich 
nie den Rechten ans ihm schaffen kann und ahnend, daß dem gut so 
ist.“ (ErfüUnng, also das normale Endziel, wird nicht begehrt; Ziel 
ist das psycho-erotische Präludium. Erkenntnis der Frigidität!) 

Vom Banalen und Komplizierten: Meine Liebe zu dir ist eine dres¬ 
sierte Luxusuntemehmung, wobei ich mir Hürden auf den Weg lege 
in der Hetze nach zwecklosem Ziel ... Mir imponiert die Leere, der 
Blick, der auf mir ruht ohne alles Begreifen. Es hat für mich etwas 
ungemein Autoritäres: der Mann, den ich liebe, sitzt mir gegenüber. 
Seine Züge sind herrisch, und sein Blick negiert leer und kalt meine 
Gedanken und Liebe zu Tode.“ (Das primitiv Männliche, das hier als 
Objekt der Liebe gewählt ist, ist in Wirklichkeit nur das Mittel zur 
Befriedigung masochistischer Strebungen. Objektwahl unter dem Ge¬ 
sichtspunkt der größtmöglichen Lustquelle für das eigene Ich!) 

Satan: „Ich habe selbst keine Fähigkeit mehr, schlecht zu sein. 
Ich habe nur noch die Fähigkeit, mich so behandeln zu lassen.“ (Über¬ 
gang vom Aktiven zum Passiven, vom Sadismus zum Masochismus.) 

Bedingungen: „Es suchen die Menschen in der Liebe Verstehen 
und Harmonie. Auch mein Suchen ging danach. Und dennoch, in der 
Ahnung der Disharmonie fühle ich ein schwelgerisches Frohlocken.“ 
(Vorlust!) „So kann die Liebe für mich nie wahres Glück und Voll¬ 
befriedigung bergen, denn unbefriedigt muß die Seele verstoßen und 
vertrieben, einsam und verirrt, ewig umsonst nach Liebe und Verstehen 
werben ... Es ist die Rede von dem, was die Seele entbehrt, von 
dem ewig Obdachlosen der Empfindung, die, verlassen in der Imagina¬ 
tion, sich endlich ein irriges Asyl erschafft, da sie für immer auf 
das Glück der Vereinigung in Liebe mit einem Manne 


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Bruno Sanier. 


verzichten muß und so einsam weiter und weiter dnrch das Leben 
und aus dem Leben schreitet.“ (Erkenntnis der Frigidität gegenüber 
dem normalen SexnalzieL) 

Die meergrüne Taube: „Niemand weiß etwas, niemand“ (von der 
Minderwertigkeit des Geliebten). „Ich weiß von nichts. Was weiß ich 
von Ehre, da ich liebe. Ich sehe dich an mit einem ahnungslosen 
koketten Lächeln. Die Schmach in der Hand mit dir ist mir lieber 
als die Illusion mit dir auf dem Dache.“ (Lieber wird die Ehre ge¬ 
opfert als die Lnstqnelle.) 

Einer Femen gewidmet: „Ich brauche sein abgewandtes Profil, 
damit ich ihn en face begehre.“ (Kälte des Objekts zur Erhöhung der 
Sensation.) 

Das Schlafmittel: „Verschlafe die ganze geträumte, gewollte, er¬ 
sehnte Wirklichkeit.“ (ln der Skizze „Das Schlafmittel“ wird gezeigt, 
wie das normale [körperliche] Sexualziel nur in der Phantasie, nicht 
im Realen erstrebt wird. Säuglingsphantasien und Eindheitserinnerangen 
sind der Inhalt der Vorstellungen im Augenblick, der die Erfüllung 
bringen soll.) „Lüsterne Bilder? Leidenschaft? Ach nein. Zärtlich¬ 
keit? Ach nein — und nur — ach, so behaglich. — Friedlich. Wunsch¬ 
los.“ (Alles löst sich schließlich in Schlaf wie beim Säugling, der mit 
dem Lutscher im Munde wunschlos wird.) „Säugling, artiger Säugling, 
dem alles gleich ist, ganz gleich.“ 

Das Dilemma: „Habe ich dir nicht darum scheinbar sklavisch und 
devot gedient, damit du mir dienst? Dienst, um das Leben zu steigern, 
fabulante Sensationen aus dem Nichts zu reißen .... die Demut 
meiner Liebe ist ein Despotentum, und all ihr Geben ist 
ein Nehmen. (Das Objekt dient nur den perversen Zwecken des 
Lustichs.) 

Märtyrer: „... also zog ich ans und suchte Niederlage. Ich suchte 

einen, der mich beugte und zermalmte. Verborgen leben in mir 

entartete Märtyrerdispositionen ... ich trage alle die harrenden ver¬ 
irrten Dispositionen zur Liebe und zum Manne.“ (Masochismus.) 

Die Witwe: „Ich sitze auf deinem Grabe, ein Sieger. Bin ich ein 
Mörder, da meine Gedanken dich so vernichten?“ (Sadistische Instinkte 
veranlassen kriminelle Phantasien; die Frage: „Bin ich ein Mörder?“ 
zeigt den Weg, der zu den Selbstbescbuldigungen der Zwangsneurose 
führt.) 

Die Distanz: „Und wie werbend eine andere Frau langsam ver¬ 
sucht, dennoch heimlich Liebe und Verstehen zu erzwingen, so habe 
ich lautlos mich immer entfernt gehalten und liebend die Distanz von 
dir zu mir künstlich und sorglich erhalten.“ (Wie der andere Teil sich 
damit abfindet, erscheint gleichgültig.) 

Es ist interessant zu sehen, wie Frendsche Mechanismen oft ge¬ 
radezu bildlich veranschaulicht werden, so daß allerdings die Vermutung 
auftaucht, der Verfasserin seien die Frendschen Lehren bekannt ge¬ 
wesen. 

Satan: „Da ich mir nicht konzediere das Böse, das in mir ruhte, 
auszuleben, darum bleibt es bedrückt und bedroht mich selbst, weil es 
andere nicht bedroht.“ (Verdrängung krimineller Phantasien, Komplex¬ 
bildung.) 


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über den psychosexuellen Infantilismus, die Freadsche Lehre usw. 


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Ursache nnd Wirknng: »Der kultivierte Mensch erlaubt sich nicht 
sein Momentangeftthl sogleich auszuleben; so bleibt die Ursache, die 
er zu ignorieren glaubt, versteckt und teilt sich ihm unwillkürlich als 
Stimmung mit, die er nnausgelebt umberträgt, und die sich vielleicht 
später irgendwann in falscher Wirkung am falschen Platze äußert.“ 
(Verdrängung und Konversion in andere Vorstellnngskomplexe.) 

Die Selbstkasteiung: »Der Arzt sagt: Somatose nnd Radium- 
bäder .... ich werde bald keinen Willen mehr haben, da ich allen 
Willen verbrauche, so vieles niederzukämpfen ... wenn ich gesund und 
kräftig wäre, stünde ich nicht ratlos neben dem krankhaften Ar¬ 
rangement, mit dem ich mir in aller Not das Leben komfortabel 
machte .... Aber doch tritt bei mir die Sucht nach Glück oder der 
Gram des Verzichts periodisch gewissermaßen als Anfall auf, nnd plötz¬ 
lich steht vor mir plastisch das Erkennen der Dinge, die ich stän¬ 
dig bis ins Bewußtlose mir verschleiere.“ (Verdrängung ins 
Unbewußte und Durchbruch des Verdrängten ins Bewußte an periodischen 
Tagen.) 

Geständnis: »Lebend taucht die längst verleugnete Erinnerung 
vergessener Regungen auf, wieder ersteht für Sekunden das Einst, wie 
es in seinem Ursprung jugendfroh und natürlich war, wieder entsteht, 
was in seiner Kindheit zum gesunden Vollenden be¬ 
stimmt, verstoßen und zertreten wurde.“ (Erkenntnis der 
sexuellen Entwicklungshemmung.) 

„Das, was ich leben muß, und das, was ich leben möchte, steht in 
Widerstreit.“ (Intrapsychischer Konflikt zwischen infantilen und weib¬ 
lichen Sexualregungen.) 

»Nichts zwingt mich zu so tiefem und andächtigem 
Neigen wie die Andacht vor der klaren großen Empfin¬ 
dung. Doch mir versagte und veränderte das Leben den 
Reichtum solcher Möglichkeit.“ (Der Fluch des Infantilismus.) 

»... es ist so, daß man die Nachteile der Angelegenheit als Vor¬ 
züge hinstellt, da man ihr gegenüber ganz hilflos und verlassen bleibt“ 
(Verkehrung ins Gegenteil, Lebenslüge!) 

»Meine Gedanken schufen ein letztes Refugium für mich.“ (Flucht 
in die Neurose!) 

„Ich brauche die Überlegung, die wie ein gerissener Rechtsanwalt 
die Nuance der Dinge verkehrte, und einen sorgsam gearbeiteten raf¬ 
finierten Leitplan durch das Labyrinth der Empfindung.“ (Der Weg, 
den die Psychoanalyse zurückzuverfolgen sich bemüht) 

»Was verirrt, verzerrt, absurd und paradox anmutet“ (das neu¬ 
rotische Arrangement), »das ist wohl zu bekritteln und zu verachten, 
da man einen Lebenden durch die Straßen wandeln sieht, wenn man 
nicht bedenkt, daß man sonst vielleicht achselzuckend über sein Grab 
stolpern würde.“ (Erklärung der Notwendigkeit des Arrangements und 
Begründung des Widerstandes gegen den Versuch der psychoanalytischen 
Entlarvung. Das Leben wird nur durch die Neurose erträglich.) 

Was die »Heldin“ der Godwin über das Niveau der alltäglichen 
Infantilen hinaushebt, ist neben der Gabe der künstlerisch-intuitiven 
Selbstbeobachtung, dem hohen Verständnis für psychologische Zusam-f 
menhänge, neben dem IntellektuaUsmns, der immerhin schon weniger 
selten ist, wenn er auch, wie Juliusburger mit Recht betont, einer 


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222 


Bruno Saaler. 


in die Tiefe gehenden Prüfung in der Hegel nicht standhält, vor allem 
die scheinbar nngemein große Vielseitigkeit auf erotischem Gebiet. Be¬ 
weist diese „Differenzierong" aber einerseits nichts anderes als die 
enorme Wertschätzung des sexnellen Faktors, die einen Dilettantismns 
im Genießen von erotischen Sensationen nicht znläßt, so umfaßt sie 
andererseits lediglich die Mehrzahl der infantilen mit Änsschluß der 
reifen weiblichen Sexualregungen, ist also nur als eine Hochzüchtnng 
dessen aufzufassen, was in seinen Keimen von Freud die polymorph 
perverse Anlage des Säuglings genannt wurde. 

Ich will nicht unerwähnt lassen, daß ich in Büchern wie „Das 
nackte Herz“, so sehr ich sie vom Standpunkt des Sexualforschers aus 
begrüße, immerhin eine gewisse Gefahr erblicke. Wenn ich auch der 
Ansicht Ausdruck gab, daß im allgemeinen das gesund Angelegte einer 
gesunden Vollendung entgegengeht, so soll damit natürlich nicht ge¬ 
sagt sein, daß es sich erübrige, Schädlichkeiten von den heranreifenden 
Jugendlichen fernzuhalten. Daß „Das nackte Herz“, wenn es unter 
unreifen Backfischen, deren Sexnalempfinden noch ein infantiles ist, 
Verbreitung fände, eine unheilvolle, dem Ssaninismus der russischen 
unreifen männlichen Jugend vergleichbare, der Fixierung des Sexual¬ 
triebs immerhin förderliche geistige Epidemie hervorrufen könnte, ist 
wohl denkbar. Gefährlich wird das Buch gerade dadurch, daß es in 
künstlerisch ansprechender Form die infantilen Triebregungen mit dem 
Zauber der geistvollen und hochkultivierten Persönlichkeit zu umkleiden 
weiß, der zwar nichts Menschliches fremd ist, die das Menschliche aber 
in verfeinerter Form zu genießen gelernt hat. Es ist nicht uninter¬ 
essant festzustellen, daß das Verfeinerte genau besehen nichts anderes 
ist als das Infantile, daß also, was als Hochzüchtung imponiert, im 
Grunde ein Tiefstand ist. Das erste Werk derGodwin „Begegnungen 
mit mir“ wird von der Kritik als eine Causerie bezeichnet, die in ihrer 
flotten Selbstverständlichkeit gar nichts Deutsches habe, manchmal 
Pariser, manchmal Wiener Kultur aufweise. Dies trifft allerdings zu, 
indessen ist es fraglich, ob die Bezeichnung „Kultur“ für solche Er¬ 
zeugnisse der Entartung am Platze ist Die Benutzung der kulturellen 
Errungenschaften zur Überfeinerung hat nicht eine Erhöhung, sondern 
eine Verminderung der Persönlichkeitswerte zur Folge und stellt somit 
in gewissem Sinne das Negativ der Kultur dar. 

Wenn ich im vorstehenden ein Werk der schöngeistigen Literatur 
zum Gegenstand sexualwissenschaftlicher Untersuchung gemacht habe, 
so erblicke ich die Berechtigung dazu in dem Umstande, daß das „Ich“ 
des Buches, wenn es auch mit der Verfasserin nicht identisch sein 
sollte, als eine wirklich existierende Person aufgefaßt werden kann, die 
ihr Inneres der ärztlichen Betrachtung preisgibt. Damit schließe ich 
mich keineswegs denen an, die sich bei ihren Forschungen auf Werke 
der modernen Literatur stützen und dabei außer acht lassen, daß sie 
wenn auch gut erdachte, so doch immerhin nur erdachte Personen vor 
sich haben. Analysen dichterischer Figuren wirken daher auch selten 
überzeugend. So ist beispielsweise der Versuch Theodor Reiks^) an 
der „Frau Berta Garlan“ Schnitzlers, die Erscheinungen des Narzißmus 


Theodor Roik, Zur Psychoanalyse des Narzißmus iin Liebesieben der Gesunden 
(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. Bd. 2. Heft). 


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Die körperliche Untersuchung zum Nachweis von Sittlichkeitsverbrechen. 223 


ZU demonstrieren, als völlig mißlangen zn bezeichnen. Wird einmal die 
Bedeutung des Verlangens geliebt zu werden im Gegensatz zu dem 
Wunsche selbst zu lieben für den Narzißmus von der orthodoxen Freud- 
schen Schule außerordentlich überschätzt, so kann überdies in dem vor¬ 
liegenden Fall erst gar nicht von Narzißmus die Rede sein. Wer den 
Roman aufmerksam gelesen hat, weiß, daß Frau Berta Garlan aus dem 
Gefühl ihrer Armseligkeit und der Vereinsamung heraus nichts anderes 
als Erwiderung ihrer neu aufgelebten Liebe zu dem Jugendfreund 
wünscht, eine Erwiderung, auf die sie nur im Traume, nämlich in dem 
von Reik angeführten Tagtraume, zu hoffen wagt, und auf die in der 
Tat ja auch nicht die mindeste Aussicht bestand. Solche gezwungene 
und obendrein falsche Deutungen wie die Reiks, sind allerdings wenig 
geeignet, den Freudschen Lehren zur Anerkennung zu verhelfen. 


Die körperliche Untersuchung zum Nachweis von 
Sittlichkeitsverbrechen ^). 

Von Dr. Hans Schneickert 

in Berlin. 

Wo das Gesetz in wichtigen Fragen eine Lücke hat, setzt von Zeit 
zu Zeit ein erregter Meinungsaustausch ein; so auch bei der Frage 
der körperlichen Untersuchung, insbesondere von weiblichen Personen 
im Strafverfahren, die gesetzlich in keiner Weise geregelt ist. Die 
Strafprozeßordnung kennt nur eine „Durchsuchung einer Person“, die 
dann vorgenommen werden darf, wenn zu vermuten ist, daß sie zur 
Auffindung von Beweismitteln führen werde. Das Reichsgericht hatte 
in einem Urteil vom 11. Juni 1886 zum erstenmal die Frage der 
körperliche Untersuchung zu prüfen und sich auf den Standpunkt 
gestellt, daß eine solche zum Nachweis des Vorhandenseins oder Nicht¬ 
vorhandenseins von Spuren einer strafbaren Handlung zulässig sei und 
nötigenfalls mit Gewalt erzwungen werden könne, selbst bei Personen, 
die zur Verweigerung des Zeugnisses berechtigt seien. Sei aber die 
körperliche Untersuchung geeignet, das Schamgefühl der zu unter¬ 
suchenden Person zu verletzen, so sei von ihr Abstand zu nehmen, wenn 
andere Mittel zu gleichem Zwecke führen. Anderenfalls müsse das 
Schamgefühl den Interessen der Rechtspflege weichen und dürfe die 
Untersuchung vorgenomraen werden. 

Diese Ansicht des Reichsgerichts wurde nicht nur in der Literatur, 
sondern auch im Reichstag wiederholt bekämpft, so daß sich die 
„Kommission für die Reform des Strafprozesses“ in ihren Sitzungen 
vom 5. Mai 1903 und 20. Januar 1905 einem Versuch der Lösung 
dieser Streitfrage unterziehen mußte. 

Sowohl in der ersten, wie auch in der zweiten Lesung kam mit 
fast einstimmiger Mehrheit folgender Eommissionsbeschluß zustande; 


*) Gelegentlich des Beleidigon^prozesses gegen den früheren Kektor Bock (Früh¬ 
jahr 1916) ist die Frage der Zulässigkeit der Untersuchung jugendlicher Zeuginnen zum 
Nachweis des an ihnen begangenen Verbrechens wieder berührt worden. 


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Hans Sohneiclcert. 


„Zam Zwecke der Feststellimg des Vorhandenseins oder Nichtyorbanden< 
seins von Spuren oder Folgen einer Straftat kann die körperliche 
Untersuchung unverdächtiger Personen gegen deren Willen angeordnet 
werden, wenn dieselbe für die Untersuchung der Straftat notwendig 
ist.^^ (Diese Grundsätze haben selbstverständlich auch för die Unter¬ 
suchung verdächtiger Personen zu gelten.) 

Soweit die Protokolle der Kommission Aufschind über die Grunde 
dieses Beschlusses geben, seien sie hier mitgeteilt. Die körperliche 
Untersuchung enthalte zwar einen schweren Eingriff in die persönlichen 
Rechte und sei daher möglichst zu vermeiden, im Notfälle müsse sich 
aber auch hier das Interesse des einzelnen dem Interesse der Allgemein¬ 
heit unterordnen. Für die Wahrheitserforschnng sei die körperliche 
Untersuchung unverdächtiger Personen häufig unumgänglich notwendig.. 
Dies gelte im besonderen Maße, namentlich bei Sittlichkeitsverbrechen, 
für die Führung des Entlastungsbeweises des Angeklagten, sowie bei 
schweren, auf angebliche Sittlicbkeitsverbrechen sich stützenden Be¬ 
leidigungen für den Nachweis der Unwahrheit der behaupteten ehren¬ 
rührigen Tatsache. Im Falle hartnäckigen Widerstandes der zu unter¬ 
suchenden Person müsse die Möglichkeit gegeben sein, diesen Widerstand, 
soweit nötig, mit Gewalt zu überwinden, worauf es aber die zu Unter¬ 
suchenden kaum jemals ankommen ließen, wie die Erfahrung lehre. 
Über den Körper einer Person werde auch jezt schon im Interesse der 
Allgemeinheit vielfach gegen den Willen der Person verfügt, auch 
ohne daß sie eine strafbare Handlung begangen habe, z. B. bei Quaran¬ 
tänen, Musterungen der Wehrpflichtigen im Kriege. Es bestehe somit 
kein in der Gesetzgebung allgemein anerkanntes ausschließliches Recht 
der Person über ihren eigenen Körper, das dahin führen müsse, anzu¬ 
erkennen, daß unverdächtige Personen nicht wider ihren Willen körper¬ 
lich untersucht werden dürften. Znzugeben sei, daß bei weiblicheu 
Personen eine körperliche Untersuchung unter Umständen geeignet sein 
könne, das Schamgefühl zu verletzen. Dieser Umstand müsse jedoch 
zurücktreten, da die Möglichkeit einer .Anordnung einer Untersuchung 
gerade in solchen Fällen für die Wirksamkeit der Strafverfolgung viel¬ 
fach unentbehrlich sei. Oft sei eine Befragung über geschlechtliche 
Angelegenheiten vor versammeltem Gerichte, der sien die Zeuginnen 
gleichfalls nicht entziehen könnten, peinlicher und für das weibliche 
Schamgefühl verletzender als eine in schonender Form vorgenommene 
körperliche Untersuchung. Sei ausnahmsweise doch ein Zwang nötig, 
so habe derjenige, der sich weigere, einer im Interesse der Allgemein¬ 
heit bestehenden, ihm persönlich aber unangenehmen Verpflichtung 
nachzukommen, die in dem körperlichen Zwang liegende Demütigung 
lediglich sich selbst zuzuschreiben. Schließe man den physischen Zwang 
im Gesetz aus, so schaffe man damit eine Art von Weigerungsrecht, 
was um so bedenklicher erscheine, als gerade der Beschuldigte selbst 
durch seinen persönlichen Einfluß auf die zu untersuchende Person 
nicht selten in der Lage sei, diese zum Widerspruche gegen die körper¬ 
liche Untersuchung zu veranlassen. Daß bei weiblichen Personen die 
Vornahme einer Untersuchung, die das Schamgefühl verletzen könnte, 
niemals durch Augenscheinnahme, sondern immer nur durch Sachver¬ 
ständige erfolgen solle, darüber waren die Kommissionsmitglieder einige 
Im übrigen könne nicht anerkannt werden, daß eine Untersuchung des 


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Die körperliche Untersuchung zum Nachweis von Sittlichkeitsverbrechen. 225 


Körpers für den normal empfindenden Menschen etwas Kränkendes habe, 
oder daß die Untersuchung weiblicher Personen durch Sachverständige, 
wenn sie schonend vorgenommen werde, geeignet sei, das Schamgefühl 
zu verletzen. Derartige Untersuchungen seien bei Erkrankungen durch¬ 
aus üblich uud würden auch sonst, wenn sie im eigenen Interesse der 
zu untersuchenden Person vorgeschrieben seien, zum Beispiel zum Nach¬ 
weise der Austellungsfähigkeit oder des Gesundheitszustandes gegen¬ 
über Behörden oder Versicherungsgesellschaften unbedenklich ertragen; 
daher müßten sie auch im Interesse der Allgemeinheit zngelassen 
werden. 

Eine Beihe von Mitgliedern der Kommission glaubte die Anwendung 
physischer Gewalt nicht befürworten zu dürfen, weil darin, zumal gegen¬ 
über weiblichen Personen, eine Brutalität zu erblicken sei. Auch sei 
nicht ersichtlich, wie und von wem die unmittelbare Gewalt ausgeübt 
werden solle. Die gewaltsame Vornahme einer Untersuchung sei über¬ 
dies unter Umständen geeignet, die Gesundheit der betroffenen Person 
zu gefö.hrden. Es wurde deshalb empfohlen, zur Erzwingung der Unter¬ 
suchung nur die Zeugniszwangsmittel für zulässig zu erklären. Die 
Duldung der Untersuchung sei zwar kein Ausfluß der Zeugnispflicht, 
aber doch analog zu behandeln. Die nach § 51 der Str.P.O. zur Zeug¬ 
nisverweigerung berechtigten Personen müßten von der Anwendung des 
Zwanges ausgeschlossen bleiben. Man dürfe diesen Personen nicht zn- 
mnten, daß sie im Verfahren gegen ihre Angehörigen als Beweismittel 
herangezogen würden. 

Von anderer Seite wurde vorgeschlagen, an Stelle der Zeugniszwangs¬ 
mittel eine Haftstrafe auf die Verweigerung der Untersuchung zu setzen. 
Zwar führe bei fortgesetzter Weigerung weder die Anwendung der 
Zeugniszwangsmittel noch die Verhängung einer Strafe sicher zum Ziele; 
doch liege bei den Zeugenaussagen die Sache nicht anders. Jedenfalls 
empfehle es sich, wenn man die gewaltsame Untersuchung zulassen 
wolle, daneben die Anwendung der Zeugniszwangsmittel zu gestatten, 
um die Ausübung eines milderen Zwanges dem Eichter wahlweise an 
die Hand zu geben. 

Die Mehrzahl der Mitglieder war in Übereinstimmung mit der 
Rechtsprechung des Reichsgerichts (Urteil vom 8. Juli 1889, Entschei¬ 
dungen in Strafsachen, Bd. 19, S. 364) der Ansicht, daß die Analogie 
des Zeugniszwanges nicht zutreffe. Da es objektiv unmöglich sei, einen 
Zeugen zum Sprechen zu zwingen, müsse man sich im Falle der Zeugnis¬ 
verweigerung mit der Verhängung von Zwangsstrafen begnügen. Die 
Erzwingung einer körperlichen Untersuchung sei dagegen durchführbar. 
Eine Gefährdung der betroffenen Personen durch gynäkologische Unter¬ 
suchungen sei nicht zu befürchten, da erwartet werden dürfe, daß dazu 
nur geeignete Spezialärzte verwendet werden würden. 

Was die Angehörigen des Beschuldigten anlangt, so treffe der 
Grund des Gesetzes, der ihnen ein Zeugnisverweigerungsrecht einräumt, 
hier nicht zu. Das Zeugnisverweigerungsrecht der Angehörigen beruhe 
darauf, daß sie von der Zwangslage bewahrt bleiben sollen, durch ihre 
Aussage zur Verurteilung einer ihnen nahestehenden Person beizutragen. 
Ein ähnlicher Widerstreit der Pflichten liege bei der körperlichen 
Untersuchung, bei der sich der Betroffene lediglich passiv zu verhalten 
habe, nicht vor. Die an seinem Körper befindlichen Spuren oder Folgen 

Zeitschr. 1 SezoalwiBsenachaft DL 5. 20 


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226 Kleine Mitteilungen. 


einer strafbaren Handlung seien etwas objektiv Vorhandenes, dessen 
Feststellung auch ohne sein Zutun möglich sei. 

Einstimmig angenommen wurde folgender Antrag: „Die körperliche 
Untersuchung einer Frauensperson darf nur durch einen oder mehrere 
Ärzte erfolgen. Zu der Untersuchung ist auf Verlangen der zu Unter¬ 
suchenden ein Angehöriger oder eine geeignete Frauensperson als Bei¬ 
stand zuzuziehen, wenn hierdurch der Zweck der Untersuchung nicht 
gefährdet wird.“ Dazu wurde noch ausgefiihrt: Der Gerichtsarzt sei 
nicht in allen Fällen für derartige Untersuchungen geeignet; es bestehe 
bei vielen Frauen eine Abneigung dagegen, sich gerade durch den 
Gerichtsarzt untersuchen zu lassen; eine Untersuchung durch den Haus¬ 
arzt oder durch einen Spezialarzt würde weniger unangenehm empfun¬ 
den. Gleichwohl wurde dieser Antrag; abgelehnt: „Bei der Auswahl 
des Arztes, welcher zur körperlichen Untersuchung einer Frauensperson 
berufen werden soll, sind Wünsche der zu untersuchenden Person tun¬ 
lichst zu berücksichtigen.“ 

Als Ärzte im Sinne der Beschlüsse seien auch die approbierten 
weiblichen Ärzte anzusehen. 

Zur Anordnung der körperlichen Untersuchung soll in erster Linie 
der Richter befugt sein, bei Gefahr im Verzüge aber auch die Staats¬ 
anwaltschaft, nicht aber deren EQlfsorgane, also niemals Polizeibeamte. 
Die von der Staatsanwaltschaft angeordnete Untersuchung soll (nach 
einstimmiger Ansicht der Kommission) nur mit Zustimmung des davon 
Betroffenen erfolgen dürfen. 

Die aus 21 Juristen aller Berufe zusammengesetzte Kommission hat 
mit den mitgeteilten Beschlüssen nach eingehenden Erwägungen aller 
für und gegen diese Frage sprechenden Einzelanträge ihrer Mitglieder 
eine für die zukünftige Gestaltung des Rechts der körperlichen Unter¬ 
suchung im Strafprozeß wichtige Grundlage geschaffen, der auch für 
die heutige Praxis schon eine gewisse Bedeutung zukommt, soweit sie 
die eingangs erwähnte Reichsgerichtsentscheidung stützt. 


Kleine Mitteilungen. 

Eine bedenkliche Entscheidung des Reichsgerichts. 

Von Dr. Ernst Emil Schweitzer in Breslau. 

In der Leipziger Zeitschrift für Deutsches Recht vom 1. Juni 1916 wird 
eine Entscheidung des Reichsgerichts mitgeteilt, die von allgemeinerem Interesse 
auch für den Nichtjuristen ist. 

Die Ehefrau hatte Scheidungsklage erhoben, weil sich ihr Mann nach aclit- 
wöchiger Ehe als zur Erfüllung der ehelichen Pflichten nicht geeignet er¬ 
wies. Der Ehemann begegnete diesem Vorwui-f mit dom eigenartigen Argumente, 
daß er die Schuld an seiner Unfähigkeit der Jungfräulichkeit der Klägerin zu¬ 
schob. Während das Kammergericht sich auf die Seite der klagenden Ehefrau 
stellte, hob das Reichsgericht das Urteil mit der etwas dunklen Begründung 
auf: „Es ist zwar nicht zu beanstanden, wenn das Kammergericht sagt, die 
Klägerin sei zwar nicht verpflichtet, sich durch Operation in einen solchen 
körperlichen Zustand versetzen zu lassen, daß die Beischlafvollziehung in der- 


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Referate. 227 


selben bequemen Weise erfolgen könne, wie bei einer mehrfach gebrauchten 
Frau. Damit ist aber die Frage, ob nicht der Klägerin unter Umständen zu¬ 
zumuten wäre, sich zur Ermöglichimg eines naturgemäßen Geschlechtsverkehrs 
einer Operation zu unterziehen, keineswegs erschöpfend beantwortet“ 

Danach hat es den Anschein, als wollte das Reichsgericht unter Umständen 
der Frau, die früher nie geschlechtlich verkehrt hat, die Pflicht auferlegen, sich 
zwecks Ermöglichung der ehelichen Gemeinschaft einer Operation zu unterziehen. 
Diese Auffassung des Reichsgerichts erscheint um so bedenklicher, als sonst das 
Reichsgericht dem Ehemann sogar das Recht der Anfechtung der Ehe gewährt, 
wenn seine Frau vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt hatte und ihm hiervon 
nicht bei Eingehung der Ehe Mitteilung machte. Auch insofern ist die Auf¬ 
fassung des Reichsgerichts befremdlich, als sonst das Reichsgericht eine zivil- 
rechtliche Pflicht zur Operation nur unter ganz besonderen Bedingungen an¬ 
erkennt: nämlich wenn sie ungefährlich ist und keine erheblichen Schmerzen 
verursacht. Im vorliegenden Falle dürfte das Reichsgericht nicht genügend in 
Erwägung gezogen haben die außerordentliche seelische Schädi¬ 
gung, die darin liegt, daß eine Frau ihre erste Liebeserfahrung bei dem 
Chirurgen machen soll. — Denn daß die Operation etwa in jener Weise er¬ 
folgen soll, wie sie Balzac in seiner unsterblichen ,,Brautnacht des Mönches“ 
schildert, ist doch wohl nicht anzunehmen. 


Referate. 

Biologie. 

A. V. Tschormak, Gibt es eine Nachwirkung hybrider Befhichtnng (sog. Telegonie)? 

(Deutsche LandwirtschaftL Presse 1915. Nr. 54.) 

A. V. Tschermak, Über Verfilrbnng Yon Hühnereiern dnreh Bastardierung nnd 
Uber Naehdaner dieser Farbändemng (Farbxenien und Färbungstelegonie). (Biolog. 
Zentralbl. 1915. Bd. 35. Nr. 1.) 

Die Frage, ob eine hybride Befruchtung von Nachwirkung ist, mit anderen Worten, 
ob sie die darauffolgende Reinzucht gewissermaßen verunreinigt und ein bastardiertes 
Muttertier „nachhaltig verdorben^‘ ist oder wenigstens sein kann, hat Theoretiker wie 
Praktiker der Tierzucht bereits vielfach beschäftigt. Trotzdem einzelne Anzeichen zu¬ 
gunsten solcher Möglichkeit vorliegen, die sich aber nach Verfs. Ansicht auf noch andere 
Momente, als gerade auf Telegonie zurückführen lassen, kommt er doch zu dem End¬ 
ergebnis, daß es eine echte Keimtelegenie, d. h. eine Nachwirkung hybrider Befruchtung 
auf den Anlagenbesitz der folgenden Reinzuchtsnachkommen, eine indirekte Anreicherung 
dieses Bestandes seitens des an der vorangegangenen Befruchtung beteiligten Vaters, eine 
korrespondierende oder pati’okline, d. h. durch den Vatortypus bezeichnete Abänderung 
des Keimes seitens der zuvor hybrid beanspruchten Fortpflanzungsorgane der Mutter für 
Säugetiere nicht gibt. Dagegen dürfte nach seinen und anderen Experimenten die Frage 
einer Eischalentelegonie, speziell einer hybriden Farbenänderung der Eischalen bei Vögeln 
und einer Nachdauer dieser Verfärbung für erwiesen gelten. Eine ausführliche Mit¬ 
teilung dieser Versuche hat Verf. in der zweiten Arbeit gemacht. An Hühnern erbrachte 
er den Nachweis, daß in bestimmten Fällen eine gewisse Nachdauer der durch Bastar¬ 
dierung bewirkten Veiänderung der Schalenfarbe während der nachfolgenden Keinzucht 
zweifellos sich erkennen läßt, jedoch daß diese erworbene individuelle Abänderung sich 
nicht vererbt. 

Verf. beschäftigte sich auch mit der Frage, wie die Verfärbung der Eischale durch 
Bastai'dieniug und die Nachdauer der ersteren (die sog. Faibxenien und die chroma¬ 
tische Hüllentelegonie) zu erklären wüi-en. Er glaubt annehmen zu dürfen, daß gewisse 
Bestandteile der fremdrassigen Samenflüssigkeit eine korrespondierende, patrokline Um- 

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Referate. 


228 

Stimmung jener Anteile des weiblichen Geschlechtsapparates bewirken, welche die Eischalen¬ 
produktion besorgen. 

An diese Tatsachen knüpft Verf, noch einige praktische Schlußfolgerungen. 

Busch an (Stettin), z. Z. Hamburg. 

Psychologie und Psychoanalyse. 

Neuer, Alexander (Wien), Wandlungen der Libido, an C. G. Jungs Versuch einer 
Darstellung der psychoanalytischen Theorie angepaßt. (Zeitschr. f. Psychotherapie 
und med. Psychologie. 7. Heft, S. 26—33.) 

Verf. bestreitet, daß die von Jung vertretenen Anschauungen, wie Jung selbst 
meint, „eine organische Weiterentwicklung der von Freud eingeführten Grundgedanken 
darstellen“ — er findet vielmehr, daß sie zu diesen „in kontradiktorischem Gegensätze 
stehen“ und ,,ganz unorganisch“ aus dem von Alfred Adler selbständig aufgestellten Ge¬ 
dankensystem hergeflossen seien. Er entwickelt den Gegensatz zu Freud namentlich aus 
der gewaltsamen Überspannung des Li bi do- Hegi'iffes bei Jung: „Man spanne den Be¬ 
griff der Sexualität so lange, bis alle Triebe und Funktionen der Selbst- und Arterhaltung 
in ihm Platz finden, bis er schließlich zum Begriffe des liCbens wird, und man gewinnt 
eine Voi'stellung von dem, was Libido für Jung wird.“ Ferner auch aus Jungs zwei¬ 
deutiger Stellungnahme bezüglich des Freudschen Ai’beitens nach dem metaphysischen 
Begriff des Unbewußten und aus seinem „naiven und dogmatischen“ Vitalismus. Anderer¬ 
seits macht sich Jung, nach Verf.s Meinung, die Deutungen Adlers zu eigen, ohne ihn 
zu nennen. So u. a. in der Lehre von der Regression der Libido, die er an der Analyse 
eines Traumes entwickelt, wobei als theoretische Konsequenz die Einsicht gewonnen wird, 
daß eine „unbewußte Absicht“ — nach Adlere Ausdruck Arrangement oder Tendenz — 
vorhanden sein müßte. Auch in der Anerkennung einer doppelten Tendenz, einer krank¬ 
haften widerstrebenden und einer fördernden und verübenden, findet Verf. lediglich ein 
Zurückkominen auf Adlers Siclienings- und Regressionstendenz; ebenso wenn Jung von 
Patienten spricht, „die sich ihrer Neurose als Ausrede bedienen, um sich um alle Lebens¬ 
pflichten herumzudrücken“, und wenn er von dem „teleologischen Sinn“ der Neurose (als 
Selbstheilungsversuch) spricht. Hier wird überall mit Adlerschen Ideen gearbeitet, dessen 
Name aber nirgends erwähnt, nur einmal (bei der teleologischen Bedeutung der Träume) 
Maeder statt seiner genannt und hervorgehoben. A. Eulenburg (Berlin). 

Pathologie und Therapie. 

Marcuse, Max, Zur Kenntnis des Climacterinm virile, insbesondere über urosexn- 
elle Stdmngen und Veränderungen der Prostata bei Ihm. (Neurolog. Centralbl. 
1916. Nr. 14. 16. Juli. S. 577.) 

M. spricht sich entschieden zugunsten des von Kurt Mendel behaupteten Cli- 
inacterium virile und gegen die Wenckebachschen Anzweifelungen eines solchen der weih* 
liehen Involution vergbMchbaren Altcrszustandes aus. Er selbst hat gegen 20 hierher- 
geiiörige Beobachtungen gemacht, und zwar weisen die b(‘treffendcn Fälle sämtlich 
<une krankhafte Veränderung der Prostata auf; diese war bei der Mehr¬ 
zahl der Fälle a t o n i s c h , hei den anderen v e r li ä r t e t. Die (meist auch hypo- 
trojdiische) atonische Prostata (‘iitsprach zugleich einem im wesiuitlichen normalen Be¬ 
funde am Herzen und an der Aorta (vorhandene Beschwerden siMtcns des Herzens und 
Gefäßapparat cs konnten nur als „neurotisch** gedeutet werden) — während dagegen mit 
einer verhärteten (und zugleich hypertrophischen) IVosUta fast regelmäßig ein Arterio- 
sklerost'hefund von allerdings in der Regel nicht sehr erheblicher BoM'liaffenhrit einher¬ 
ging. Das Syinptomhild dos Climacterinm virile pflegt nach M. von Wirkungen im 
Bereiche der U r o s e x u a 1 s p h ä r c beherrscht zu werden (Abnahme der Ge¬ 
schlecht kraft lind d(^s (ieschlechtstriebes, Anomalien beim Ablauf der Kohabitation, 
abnorme Ausflüsse, Hoden schmerzen; stets Harnbesclnverde in Form von häufigem Urin¬ 
drang, Betention, Enuresis). Objektiver Genitalbefund im wesentlichen negativ; die 
Ausflüsse erwiesen sich als Urethrorrhöe, IVoslatarrhue, Spermatorrhöe; es bestand Oligo¬ 
spermie, in einem Falle auch Nekros]K"rmie. Vielfach fiel das Mißverhältnis zwischen 
dem Ausselnui der Patienten und ihrem tatsächlichen Alter (die meisten standen in den 
vierziger Jahren) auf; alle zeigrieu eine gewisse Wold bei eibtheit, selbst Adiposität, 
klagten über Verstopfung. In den „atonischon“ Fällen fühlte sich ilic Prostata schlaff 
an („wie ein l(*erer, in sich ziisarnmengehaltener Beutel**), die Samcnblasen waren als 
.solche l'üldbar; Sekret schleimig und arm an Prostalakörperchen; mehrmals bestand 


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Referate. 


229 


Pho^halurie. In den hypertrophischen Fällen fanden eich luickcri^ Knoten, die 
Samenblasen waren nicht zu erkennen. — M. nimmt eine innerseKretorische 
Wirkung der Prostata an, die dadurch in nahen Beziehungen zur Sexualität 
des Mannes steht; das Climacterium virile beruht auf einer Hypofunktion oder 
Dysfunktion der innersekretorischen, in erster Reihe der Ge¬ 
schlechtsdrüsen,zu denen sehrwahrscheinlichauch dieProstata 
zu rechnen ist. Therapeutisch scheinen sich organtherapeutische Versuche, 
besonders mit Blochschean Testogan und mit Bergschem Horrnin, in bezug auf die 
sexuelle Insuffizienz gut zu l>ewähren. A. Eulenburg (Berlin). 

Zivilrechtliche, etrafrechtiiche und kriminalanthropologieche 
Beziehungen des Sexuallebens. 

Abels, A., Gifthaltige y^ubei^^-Mixturen als Aphrodisiaca. (Arch. f. Krim. 1910. 
Bd. 66. 8. 226—288.) 

Knlturgeschichtliche Betrachtung über eine Anzahl Liebestränke, unter besonderer 
Berücksichtigung ihres kriminalistischen Interesses. In der Hauptsache werden Arsenik¬ 
verbindungen, Meer-Stintz, Menstrualblut, Sperma und andere organische Stoffe mehr 
behandelt. Busch an (Stettin, z. Z. Hamburg). 

Horch, Der Prozeß des Leutnants de la Bonei^re. Ein Beitrag zu den sexuellen 
Falschbeschuldigungen Hysterischer. Zugleich ein Kapitel aus der Geschichte der 
Rechtspflege in Frankreich. (Arch. f. Krim. 1916. Bd. 66. S. 193—225.) 

Ausführliche Schilderung eines merkwürdigen Prozesses, der sich im Anfang der 
iOer Jahre vorigen Jahrhunderts in Frankreich abspielte und zum Gegenstand die 
Anschuldigung eines 16jährigen, aus achtbarer Familie stammenden Mädchens hatte gegen¬ 
über einem 29jährigen Leutnant, an ihr einen Notzuchtsversuch begangen zu haben. 
Trotzdem es für uns auf Grund der ausführlich vorhandenen Verhandlungen keinem 
Zweifel unterliegen kann, daß es sich hier um eine hysterische Falscbanschuldigung han¬ 
delte, wurde der Angeklagte doch zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. 

Buschan (Stettin), z. Z. Hamburg. 

Strafella, Franz Georg, Das Gesehlechtsleben Geisteskranker. (Arch. f. Krim. 
1916. Bd. 66, S. 59—70.) 

Der § 127 österr. StG.B. dehnt den Begriff der Notzucht und somit die Straf¬ 
barkeit auf jene Fälle aus, in denen sich eine Frauensperson ohne Zutun des Täters im 
Zustande der Wehr- und Bewußtlosigkeit befindet. Der Kassationshof hatte diese Gesetzes¬ 
stelle dahin interpretiert, daß ein an einer blödsinnigen Frauensperson unternommener 
Beischlaf hierunter falle und dementsprechend zu beurteilen sei. 

Verf. macht gegen solche Auslegung energisch Front und prüft in der vorliegenden 
Arbeit die Frage, ob ein Beischlaf an einer blödsinnigen Frauensperson schlechthin den 
Tatbestand eines Verbrechens bilden muß und demnach zu bestrafen ist. Zunächst unter¬ 
sucht er solche Berechtigung in bezug auf das gegenwärtig geltende österreichische Gesetz, 
und zwar darauf hin, ob in ihm diese prinzipielle Auslegung des Kassationshofes einmal 
dem Wortlaute des Gesetzes entspricht, also die grammatikalische Auslegung richtig ist 
und zum andera, ob sie dem Sinne der Gesetzbestimmung entspricht, also ob die logische 
Auslegung zutrifft. 

Eine blödsinnige Frauensperson, die sich, ihrem animalischen Triebe folgend, einem 
Manne hingibt, ist nicht wehrlos. Wird sie gegen ihren Willen vergewaltigt, dann wird 
sie sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wehren. Wird sie vom Manne zur 
Duldung des Beischlafes genötigt, so tritt für sie § 125 sowieso als Schutz in Kraft. 
Ebensowenig ist ein blödsinniges Weib bewußtlos; selbst beim schwersten Grade von 
Blödsinn steht der Mensch noch auf der Stufe des normalen Tieres mit vollem Instinkt. 
Ein blödsinniges Weib trifft unter den Männern die Auswahl und läßt sie nicht immer, 
sondern nur zu Zeiten an sich herankommen; es zeigt mitunter auch ein sehr ausge¬ 
prägtes Schamgefühl. — Die logische Auslegung der fraglichen Gesetzesstelle ist auch 
nicht einer Bestrafung günstig. Der Sinn der Strafandrohung kann nur der sein, zu ver¬ 
hindern, daß eine Frauensperson einen solchen Beischlaf gegen oder ohne ihren Willen 
erdulden müsse. Eine blödsinnige Frauensperson aber, die sich, ihren animalischen Trieben 
folgend, einem Manne hingibt, vielleicht sich ihm anbietet, nach einem Beischlaf Verlangen 
trä^ erduldet diesen logischerweise doch nicht gegen und auch nicht ohne ihren Willen. 
Die Einwendung, blödsinnige Personen könnten die Folgen ihrer Handlungsweise nicht 


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230 


Biicherbesprechungen. 


ermessen, tut Verf. mit dem Hinweis ab, daß auch ein normales Mädchen, das sich in 
höchster sexueller Erregung einem Manne hingibt, in diesem Augenblick nicht die Folgen 
bedenkt. Wenn der normale Mensch bei der Befriedigung des Geschlechtstriebes zeit¬ 
weise nur instinktiv handelt, so steht ihm das blödsinnige Weib hierin gleich, und somit 
besteht nicht der geringste Anlaß, zwei Fälle so grundverschieden zu behandeln. Die 
Möglichkeit, daß der Kassationshof mit seiner Entscheidung die Gesellschaft durch Ver- 
liinderung von belasteten Nachkommen schützen wolle, ist aus naheliegenden Gründen 
abzuweisen; dehnt das Gesotz seinen Schutz doch auch nicht auf Verbrecher, Geist^- 
kranke, Alkoholiker usw. in diesem Falle aus. Überhaupt bedeutet seine Entscheidung 
keinen Schutz für die Geisteskranken, sondern „eine rohe und durch nichts gerechtfertigte 
Schmälerung bzw. Vernichtung ihrer sonst voll anerkannten Menschenrechte“ (Absprechung 
des Rechtes auf eine normale Befriedigung ihres Geschlechtstriebes). 

Des weiteren beschäftigt sich der Verf. vom rechtsphilosophischen und kriminal- 
wie sozialpolitischen Standpunkte aus mit der Frage, ob der außereheliche Beischlaf mit 
blödsinnigen und anderen geisteskranken Frauenspersonen bestraft werden soll. Ausgehend 
von der Theorie vom kleineren Übel untersucht er zunächst, ob das Übel, das durch die 
Auslegung bekämpft werden soll, kleiner oder größer als das Übel ist, durch das man es 
beseitigen kann. Aber das ethische Moment kann nicht geltend gemacht werden, denn 
der Gesetzgeber bekämpft nicht die an Bedeutung und Folgenschwere ungleich größere 
Prostitution. Unter dem gleichen Gesichtspunkte müßte jede weibliche Person, die sich 
mit einem blödsinnigen Manne einläßt, bes^aft werden, was nicht zutrifft. Es läßt sich 
zwar nicht bestreiten, daß in dem Beischlafe mit blödsinnigen Frauenspersonen für die 
Gesamtheit ein Nachteil Hegt, insofern dadurch die Möglichkeit der Befruchtung, mithin 
der fortschreitenden Degeneration gegeben ist; aber das Gesetz hat diesen Nachteil ander¬ 
weitig auch nicht bekämpft. Im übrigen ist durch die Strafe die Möglichkeit des Ge¬ 
schlechtsverkehrs nicht aufgehoben, sondern nur verringert Außerdem verliert das blöd¬ 
sinnige Weib jeglichen Anspruch auf normale Befriedigung des Geschlechtstriebes, was 
für sie um so empfindlicher ist, als derartige Personen meistens sexuell stark veranlagt 
zu sein pflegen. Ein solches Verbot ist daher unnatürlich. — Verf. kommt also auf 
Grund seiner Erwägungen zu der Überzeugung, daß nach der Theorie vom kleineren 
Übel der Geschlechtsverkehr mit einer blödsinnigen oder anderweitig geisteskranken 
Frauensperson nicht zu bestrafen ist. Durch die Nichtbestrafung ist kein vom Gesetz¬ 
geber geschütztes Gut gefährdet, entsteht kein von ihm anerkanntes Übel. Demnach 
würde ein solcher Verkehr erlaubt sein, da er nicht verboten ist. Aber in Anbetracht 
der schweren Folgen eines solchen Beischlafes für die Gesellschaft (Möglichkeit weiterer 
Degeneration) empfiehlt sich doch die künstliche Unfruchtbarmachung der geisteskranken 
Frauen. Bus oh an (Stettin), z. Z. Hamburg. 


Bücherbesprechuugen. 

Boruttau, H., Fortpflanzniig und Geschlechtsontersehiede des Menschen. Eine 
Einführung in die Sexualbiologie. (Aus Natur und Geisteswelt. 540. Bändchen.) 
Mit 39 Abbildungen im Text. Gr. 8®. V, 100 S. Leipzig 1916. B. G. Tcubner. 
1 Mk., geb. 1.25 Mk. 

Wir zweifeln nicht daran, daß dieses vortreffliche Büchlein in Bälde eine Neu¬ 
auflage erleben wird. Bietet es doch in kurzem Rahmen und in klarer, übersichtlicher, 
durch vortreffliche Bilder erläuterter Darstellung einen Abriß der gesamten 
Sexualwissenschaft, in dem wir nur einen Abschnitt ülier Sexualpädagogik 
und eine etwas ausführlichere Darstellung der kaum angedeuteten Prostitutionsfrage ver¬ 
missen. Das Büchlein, das in acht Abschnitten die Hauptprobleme der modernen Sexual- 
wissenshaft vom Standjmnkk vorsichtiger Kritik und unter ständiger Hinweisung auf 
die noch zu lösenden Fragen b(diandelt, eignet sich in erster Linie als Leitfaden 
für lüologiseh bereits vorgebildete Ijehn^r, Ärzte und (Geistliche, denen die Aufgabe 
iilMjrtragen wird, in etwa einer Woche einr n kurzen K 1 e m e n t a r k u r su s der 
sexuellen Aufklärung vor Laien (Schülern, Arbeitern, Frauen) abzuhalten. Sie 
rinden da in B.s Werkchen alles iMMjuem beisammen und können an der Hand der unter 
dem Text und am Schlussti angegebenen Literaturnachwoisinigen einzelne etwas zu kurz 
.uisgefallcne Partien (wie z. B. die Scliildernng der Entwicklung und Faltung der 
Keimblätter) w(ÜUt ausfübren. Mit Ilwbt hat Verf. neben der Befruchtungslebre haupt¬ 
sächlich «lie überraschenden Tatsiichen der inneren Sckrtjtion und ihre Bedeutung für die 


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Hiioli e rbesp rech ungen. 231 


Sexualwissenschaft ins rechte Licht gerückt. (Steinachs Forschui^en usw.) Zu den 
Friigcn der Gcschlechtsbestimmung und der Eugenik verhält er sdch angesichts der 
vorläufig unüberwindlichen Schwierigkeiten skeptisch. 

Iwan Bloch (Berlin, z. Z. Beedcow [Mark]). 

noffmann, Geza von, Krieg nnd Bassenhygiene. Die bevölkerungspolitischen Auf¬ 
gaben nach dem Kriege. 30 S. München 1916. J. F. Lehmanns Verlag. 80 Pf. 

Der Krieg bringt im allgemeinen eine Auslese unter den Völkern zugunsten der 
tüchtigsten mit sich, jedoch kann im Einzelfalle auch ein hochwertiges Volk zugrunde 
gehen, ein minderwertiges, aber kinderreich^'«, hochkommen. Innerhalb der einzelnen 
Völker trifft der Krieg eine nachteilige Auslm', infsofern er unter den Einzelwesen 
einen erheblichen Teil der Besten, Tapfersten. Gesundesten auf alle Zeiten ausmerzt, 
hingegen die Schwächlichen, Feiglinge und Kranken nicht nur nicht schont, sondern 
unter Uinständen auch wirtschaftlicli hochbringt. Außerdem bedeutet jeder Dahin¬ 
gegangene für den Volkskörper nicht nur die Vernichtung eines Einzelwesens, sondern 
auch den Verlust der von ihm noch erzeugten Nachkommenschaft. 

Infolge des erheblichen Geburt sausfalh« nimmt die Bevölkerung ab. Dazu kommt, 
daß der Krieg die Frauen, indem er durch sie die männliche Arbeitskraft in vielen 
Berufen ersetzen läßt, ihren Familien entzieht, ferner die Verbreitung der Ge.schlechts- 
krankheiten begünstigt und die Wanderlust der Zurückkehrenden, die auf ihren Kriegs¬ 
fahrten den Wert der großen Städte kennen gelernt liaben, von ihrer Scholle hinweg 
* nach der Großstadt steigert. Andererstnta ist mit Freuden zu begrüßen, daß der Krieg 
eine läuternde Wirkung auf die sittliclie Auffassung des Volkes ausübt, leider aber 
wieder, wie die Erfahrungen lehren, nur auf kurze Zeit, denn die Auawüchsc des neu¬ 
zeitlichen Kutlurlebens dürften nach dem Kriege früher oder später eine Steigerung 
erfahren; Abnahme der Lust zur Kiiideraufzucht, Ix)ckerung aller Familicnhande, 
Wohnungsnot in den Großstädten, gesteigerter Wettlx'werb, erhöhter Schaffensdrang, 
rascher Bevölkerungsumsatz, Schutz der Minderwertigen auf Schritt und Tritt. Hieraus 
ergibt sich die Notwendigkeit, unter B<'il)ehaltung und Weiterbildung aller wirklichen, 
in erster Linie der sittlichen Errungenschaften der Kultur Mittel und Wege ausfindig 
zu nmehen, die ihre rassenvers<*hh*<d item den Wirkungen Jiusgleichen. Die Maßnahmen, 
die Verf. in Vorschlag bringt, decken sich mit den bekannten Forderungtm der Deutschen 
G4'sell.schaft für Rassenhygiene, t‘inige derselben lH'Kf)richt er eingehender, wie Ehc- 
vi‘rl)ote, Gesuiulheitsselu'ine, Unfnichtbarmachnng und Aiistaltsverwahning der Minder¬ 
wertigen, Verhütung oder rnterlinrhiiiig der Schwangerschaft, dauernde Haft für rück¬ 
fällige Verbri'cher, Ausgestaltung <les Adels und Auszeichnung kinderreicher, tüchtiger 
Familien, Siedlungsweson, Ausgt*staltung des Erbrechts, Wohnungswesen, Bevorzugung 
kinderreicher Familien, Abscheu gegen minderwertige Rassen. 

B u s c h a n (Stettin) z. Z. Hamburg. 

Liopmann, W., KnrzgefaBtes Handbuch der gesamten Frauenheilkunde. Band III: 
Ludwig Fraenkel, Normale und pathologische Sexualphysiologio 
des Weibes. Mit 18 Abbildungen im Text und 17 farbigen Tafeln. Rud. Th. 
Jaschke, Physiologie und Pathologie der Geburt. Mit 107 Abbildungen 
im Text und 2 farbigen Tafeln. Iiex.-8®. VIII, 827 S. Leipzig 1914. F. C. W. 
Vogel. 40 Mk. 

Von dem unter Mitwirkung einer großen Zahl hervorragender Gynäkologen von L. 
licraiisgegelxuien auf 7 Bände veranschlagten „knrzgefaßten“ (lucus a non lucendo) Hantl- 
buch der gesamten Frauenheilkunde beanspnicht der vorliegende monumentale dritte 
Band das ganz besondere Interesse des Sexual forscher s. Enthält er doch auf 440 Seiten 
eine wahrhaft klassische, unser gesamtes Wissen von der normalen nnd patholngisehen 
V'ita sexualis (h‘s Wf'ilxss zusammenfa««ende Darstellung aus der Feder des Breslauer 
Gynäkologen L u d w i g F r a e ii k e 1. Kapitel I Iwhandelt die „Bildung und Rei¬ 
fung der Gonade und G a m e t e , die ä u ß e re S e k r t i o n d t'. s E i er¬ 
st o c k s**, Kapitel II die „B i 1 d u n g und Reifung der Glandula e n d o - 
crina, e p i t li e 1 i a 1 i s und i n t e r s t i t i a 1 i s“, Kapitel III „Geschlechts- 
triob lind Ges c hl echtsbefriedignng“ des Weilies, Kapitel IV die „Sperma - 
Einwanderung und K o n z e p t i o n“, Kapitel V die „Bildung fl e r Dezi¬ 
dua und Wirkung des Eies, die Funktion des gelben Körper s“, 
Kapitel VI die „normale und pathologische Physiologie der Schwan- 
gerschaft“. Jetlem Kapitel ist ein Verzeichnis der neueren Literatur des heto-effenden 
Abschnittes beigegeben. Auch die „Physiologie und Pathologie der Ge- 


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Varia. 


232 


1) u T t“ von Jaschko in 3 Kapiteln, sowie die darauffolgenden 8 Kapitel über die 
IMiysiologic und Pathologie der Menstruation, über Pubertät 
und Klimax, über Geschlechtsbestimmung und Geschlechts- 
Charaktere, über dieBeziehungderinneren Sekretion zurGenital- 
f u n k t i 0 n , über die Physiologie des Eierstocks, des Genital- 
sehlauches, über die Beziehung der Sexualfuiiktion zu anderen 
Körperfunktionen, über S e x u a 1 ]) h y s i o 1 o g i e und Geschwülste 
l>ie(en vom sexualwisscmschaftlichen Standpunkte das liöchste Interesse. Die Ausstattung 
von si'iten des Verlages ist mustergültig. 

Iwan Bloch (Ikirlin, z. Z. Beeskow [Mark]). 

Varia 

Das schleswig-holsteinische Generalkommando hat folgende, die Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten betreffende Verfügung erlassen: 

„Durch die Übertragung einer ansteckenden Geschlechtskrankheit auf eine andere 
Person verübte voi-sätzliche oder fahrlässige Körperverletzung ist nach den Paragraphen 
223 ff. und 230 des Reichsstrafgesetzbuches mit Strafe bedroht. Zur wirksameren Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten verbiete ich eine derartige Körperver¬ 
letzung im Interesse der öffentlichen Sicherheit auch auf Grund des Gesetzes über den 
Belagerungszustand und ordne zur Durchführung dieses Verbotes folgendes an: Wer an 
einer übertragbaren Geschlechtskrankheit leidet, hat die Erkrankung unverzüglich, 
nachdem er von ihr Kenntnis erhalten hat, bei der zuständigen Polizeibehörde 
und demPolizeiamte mündlich oderschriftlich anzumelden. Die Polizei¬ 
behörden sind berechtigt, Personen, die verdächtig sind, an einer übertragbaren 
Geschlechtskrankheit zu leiden, ärztlich, und zwar in der Regel amtsärztlich, unter¬ 
suchen zu lassen. Solche Personen können zur ärztlichen Beobachtung und, soweit 
sie krank befunden werden, bis zur Heilung von der übertragbaren Geschlechtskrankheit 
in einem Krankenhause zwangsweise untergebracht werden. Zuwiderhandlungen gegen 
vorstehende Bestimmungen werden gemäß § 9b des Gesetzes über den Belagerungs¬ 
zustand in Verbindung mit dem Gesetz vom 11. Dezember 1915, soweit nicht nach den 
bestehenden Bestimmungen eine höhere Strafe verwirkt ist, mit Gefängnis bis zu einem 
Jahre, beim Vorliegen mildernder Umstände mit Haft oder mit Geldstrafe bis zu 1500 Mark 
bestraft. Zuwiderhandlungen sind namentlich: 1. die Unterlassung der vorgeschriebenen 
Anmeldung einer übertragbaren Geschlechtskrankheit; 2. die Nichtbefolgung der von der 
Polizeibehörde im einzelnen Falle zur Bekämpfung der Krankheit getroffenen Anord¬ 
nungen, z. B. das Nichteracheinen zur Untersuchung trotz Vorladung. F^r Militärpersonen 
tritt in Ansehung des Anmeldungs-, Untersuchungs- und Behandlungszwanges an die 
Stelle der Polizeibehörde die Vorgesetzte Dienststelle.“ 

Der kürzlich verstorbene berühmte Papiertechniker Geheimrat Dr. Karl Hof mann 
hat der Stadt Berlin 1 Million Mark vermacht. Das Kapital soll zur Erhaltung, Er- 
ziohimg und Ausbildung unehelicher Kinder ohne Unterschied der Religion ver¬ 
wendet werden. _ 


Albert Neißer f- 

Am 30. Juli 1916 ist Albert Neißer, 61 Jahre alt^ ans entrissen 
worden. Mit ihm erleidet nicht nur die Medizin nnd die Dermatologie, 
sondern auch die Sexualwissenschaft einen unersetzlichen Verlust An¬ 
läßlich seines 60. Geburtstages haben wir bereits in dieser Zeitschrift 
(Jahrg. I, S. 401—403) die Persönlichkeit dieses großen Forschers, der 
wie kein anderer den Typus des „modernen“ Gelehrten verkörperte, 
eingehend gewürdigt. Wir behalten uns vor, noch einmal auf seine 
näheren Beziehungen zur Sexualwissenschaft zurückzukommen, der er 
in den letzten Jahren sein lebhaftes Interesse zuwendete und deren 
selbständige Entwicklung er durchaus anerkannte und förderte. 


Für die Redaktion verantwortlich: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Enlenbiirg in Berlin. 
A. Marem & E. Weben Terlaa (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bonn. 

Druck: Otto Wlfand'ache Bnchdrackerel G. m. b. H. in Leli»ig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Dritter Band September/Oktober 1916 6, u. 7. Heft 


Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 

Von Wilhelm Stekel 

in Wien. 

Die Bedeutung der sexuellen Traumen der Kinder ist lange Zeit 
von der Freudschule maßlos überschätzt worden. Es gab viele Jahre, 
in denen die Psychoanalyse nichts anderes war als eine Jagd nach den 
„verdrängten Traumen“ der Kindheit. Fiel dem unglücklichen Patienten 
nichts ein, so wurde diese passive Resistenz als böser Wille des Un¬ 
bewußten gedeutet, das seinen sicheren Besitz an Instbetonten Kind¬ 
heitserinnerungen nicht hergeben wolle. Monate vergingen und der 
Patient bemühte sich, Erinnerungen an solche Ereignisse zu heben. 
Der Arzt versicherte, das Material lasse auf ein bestimmtes Trauma 
schließen. Manchmal wurde der Kranke des Widerstandes müde und 
brachte mehrere erlösende Traumen, deren Bewußtmachung nun die 
Genesung einleiten sollte. Objektive Ärzte kamen bald darauf, daß 
diese Fülle von Traumen, welche manche Patienten produzierten, nicht 
Erlebtes, sondern nur Erträumtes sein konnte. In der Tat! Der Analy¬ 
sierte konnte seine Phantasien nicht mehr von seinen Erlebnissen 
trennen. Aber Freud deklarierte, für die Analyse wäre das ganz 
gleichgültig! Auch die Traumen der Phantasie hätten ihre Bedeutung 
in der Psychogenese der Neurose. Es gäbe eigentlich keine Lügen in 
der Psychoanalyse ... 

Andererseits kam man über die Tatsache nicht hinweg, daß die 
Kinder unterer Schichten die Traumen im gehäuften Maße erleben und 
doch nicht erkranken. Man konnte dies freilich mit der „milderen 
Moral des Milieus“ motivieren. Aber es gab auch Neurotiker aus den 
unteren Schichten, welche angeblich auf solche Traumen mit einer 
Neurose reagierten; und noch auffallender war der Umstand, daß sehr 
schwere Neurotiker überhaupt nie ein Trauma erlebt hatten. Endlich 
ergab die genaue Durchforschung von sogenannten Normalmenschen, 
daß auch sie ihre Traumen durchgemacht hatten, ohne irgendeinen 
nennenswerten Schaden erlitten zu haben. Freud half sich nun mit 
der Formulierung der „konstitutionellen Komponente“ der Neurose. Das 
Trauma wirke nur auf den dazu Disponierten. Freilich war damit die 
rein psychische Grundlage der Neurose erschüttert. Die somatische 
Seite der neurotischen Disposition, wie sie besonders Iwan Bloch 
und Magnus Hirschfeld betoneu, ergab neben dem psychischen 
Mechanismus noch ein Zweites, ebenso Wichtiges ... das Körperliche. 
Ich habe schon in meinem Buche „Nervöse Angstzustände und ihre 
Behandlung“ auf die Bedeutung der Vorgänge der inneren Sekretion 


2. Auflage. Berlin und Wien. Urban k Schwarzenberg. 
Zeitschr. 1 SexnalwUsenschaft IJL 6 n. 7. 


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'I Go 


.X). 


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234 


Wilhelm Stekel. 


für das Zustandekommen der Neurose hingewiesen. Die neurotische 
Disposition scheint mir eine Störung des sexuellen Chemismus zu sein. 
Zu erwähnen ist, daß die meisten Angstneurotiker solche Störungen 
zeigen. Frauen mit Strumen, einem Basedowoid, Männer von myxöde- 
matösem Typus, oder mit Andeutung von akromegalen Erscheinungen 
sind sehr häufig. Wir sehen aber auch, daß diese Störungen durch 
psychischen Einfluß verschwinden können. Ich kannte Frauen, deren 
Struma kleiner wurde, wenn man sie auf psychischem Wege angstfrei 
machte, Mädchen, die nach längerer psychischer Behandlung wieder die 
Menstruation erlangten, die vorher ansgeblieben war. Ich will auch 
nicht übersehen, daß ich Angstneurotiker sah, die ihre Angst verloren 
haben, nachdem sie sich physikalisch oder chemisch hatten behandeln 
lassen. Es handelt sich um Wechselwirkungen, deren genaue Kenntnis 
der Zukunft Vorbehalten ist. Man hüte sich nur vor Einseitigkeit. Die 
Neurose läßt sich weder von der biologischen, noch von der psycho¬ 
logischen, noch von der anthropologischen Forschung monopolisieren. 
Nur durch das gleichzeitige Zusammenarbeiteu aller dieser Wissen¬ 
schaften werden wir einmal imstande sein, die bisher noch immer hypo¬ 
thetischen Erkenntnisse zu Wahrheiten umzubilden und dem Wesen der 
Neurose gerecht zu werden. 

Ich werde in dieser Arbeit gerade den Beweis liefern, wie seelische 
Ereignisse Psychosen anslösen können, welche wir bisher immer als 
konstitutionelle Krankheiten bezeichnet haben. Mit anderen Worten: 
Nicht das Trauma als solches ist schädlich, sondern die 
Art, wie das Individuum darauf reagiert. Es handelt sich 
sozusagen um die geistige Elastizität des Betroffenen. Die Psyche des 
einen ist wie ein Gummiball; Eindrücke werden durch den Druck von 
innen leicht ausgeglichen und die Psyche behält ihre alte Form. Die 
Seele des anderen ist wie eine halbelastische Masse, die bald erstarrt 
Eindrücke werden durch Erstarrung der neuen Form festgehalten und 
sind gar nicht mehr zu korrigieren. Diese Elastizität und Pla¬ 
stizität der Psyche spricht das entscheidende Wort in 
der Prognose des Falles. Junge Menschen sind deshalb leichter 
heilbar als alte; bewegliche, anpassungsfähige leichter als träge und 
konservative. 

Ich habe in den letzten Jahren wiederholt die Erfahrung gemacht, 
daß schwere Psychosen und unheilbare Störungen der Sekretion nach 
einem sexuellen Trauma aufgetreten sind. 

Ich bitte mich nicht mißzuverstehen. Ein anderer schwerer psy¬ 
chischer Konflikt hätte die Psychose ebenso auslösen können. Jede 
Psyche hat ein bestimmtes Maß von Tragfähigkeit. Sie hat ihr indi¬ 
viduelles Höchstmaß von seelischer Belastung, wie eine jede Brücke, 
die nach behördlicher Vorschrift genaue Mitteilungen an sichtbarer 
Stelle kundgibt Leider ist das bei Menschen nicht möglich. Ja man 
kann bei keinem Menschen die Beaktion vorher bestimmen. Sonst 
würde manches Unglück nicht geschehen. 

Es gibt offenbar viele Individuen, die mit einem labilen seelischen 
Gleichgewicht lange, scheinbar gesund, durchs Leben gehen; der erste 
kräftige Stoß wirft sie zu Boden, so daß sie sich nicht erheben können. 
Ich habe den Neurotiker mit einem Menschen verglichen, der über 
einem Abgrund auf einem schmalen Stege balanciert Hütet ihn vor 


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Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 


235 


Gewittern, vor feindlichen EinflüsBen, vor brntaler Vergewaltigung, vor 
Er9ften, die sich ihm entgegenstellen nnd er wird schliefilich mhig 
seinen Weg gehen können. Im stärkeren Maße gilt das für die Men¬ 
schen, welche die Disposition zur Dementia praecox, znr Zyklothymie 
und Paranoia belastet. Sie werden schon durch ein geringfügiges Trauma 
aus dem Lichte der Gesundheit in die Nacht des Wahnsinns gestürzt. 

Ja ich kannte Menschen, welche das infantile Trauma sehr gut 
ertragen haben und auf das erste sexuelle Erlebnis in den Jahren 
zwischen 17 und 24 mit Erkrankung reagierten. Manche Kinder er¬ 
tragen meiner Erfahrung nach die Traumen viel leichter als die Er¬ 
wachsenen. Dabei gibt es die verschiedensten Übergänge und Zusammen¬ 
hänge. Es erkranken ja die Menschen eigentlich seltener 
am Erlebten als am Nichterlebten. („Die schwersten Traumen 
sind die, welche sich nie ereignet haben.“) Der Normale erkrankt, 
wenn er nichts erlebt und wird dadurch neurotisch. Der zur Geistes¬ 
krankheit Stigmatisierte erkrankt, wenn ihn sein erstes Erlebnis aus 
der ruhigen Bahn des Lebens wirft und ihm seelische Konflikte anf- 
bürdet, deren Lösung und psychische Verdauung seine Kräfte übersteigen. 

Für Erwachsene gilt mein Satz: Das erste psychische Er¬ 
lebnis ist der Prüfstein der schwachen Gehirne. Er ist 
dem bekannten Gesetze von G u y o n nachgebildet: Die Gonorrhöeist der 
Prüfstein der schwachen Gehirne. 

Die Erkenntnis: Du bist inflziertü ist tatsächlich imstande, eine 
schwere Neurose auszulösen, eine bestehende zu verschlimmern und oft 
sogar unheilbar zu machen. Eine Infektion, die am Beginne des Sexual¬ 
lebens steht, beeinflußt das individuelle Geschlechtsleben in bemerkens¬ 
werter Weise. Der eine wird zum Asketen gemacht, der zweite flüchtet 
in den Infantilismus, der dritte invertiert seine Sexualität, der vierte 
verbirgt sie in fetischistischen Formen usw. ... 

Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß eine latente De¬ 
mentia praecox nach dem ersten sexuellen Erlebnis manifest wird. Und 
darüber möchte ich — das Gebiet allgemeiner Betrachtungen verlassend — 
zuerst einige Erfahrungen mitteilen. 

Fall Nr. 1. Fräulein M. G. erkrankte in ihrem 19. Lebensjahre plötzlich an einem 
akut einsetzenden Delir. Ich traf sie schreiend im Zimmer, immer die Worte wieder¬ 
holend: „Ich will nicht! Nein! Ich will nicht!^‘ Sie riß sich die Kleider vom Leibe 
und wollte nackt auf den Gang hinaus. Sie verweigerte jede Nahrungsaufnahme, war 
auch durch Narcotica nicht zu beruhigen. Die Schreie wurden immer gellender, so daß 
sie auf die Beobachtungsstation der psychiatrischen Klinik gebracht werden mußte. Dort 
klang das Delir langsam ab und ging in einen katatonischen Zustand über. Die Prognose 
wurde anfangs von den Ärzten günstig gestellt. Die klinische Diagnose lautete: Dementia 
praecox. (Katatonie.) 

Leider sollte die Hoffnung der Ärzte, es werde zu einer Remission kommen, nicht 
in Erfüllung gehen. Der Zustand wurde immer schlimmer. Die Kranke kehrte sich ganz 
von der Welt ab und versank immer mehr in ihre Innerlichkeit. Sie wurde still und 
schweigsam und galt als gute gefügige Kranke. Sie wurde dann als unheilbar in die 
Provinz transportiert, wo sie sich noch heute befindet. 

Es handelt sich um ein Mädchen, das ich seit ihrer Kindheit 
beobachten konnte. Sie stammt aus einer gesunden Familie. Die Gro߬ 
eltern beiderseits waren vollkommen gesund, ihre Eltern leben und 
zeigen nicht einmal neurotische Züge. Ihr Onkel starb an Pemphigus. 
Sie war immer eine gute Schülerin, nicht von auffallender Intelligenz, 
aber guter Durchschnitt. Sie absolvierte ihre Schulen mit gutem Er- 

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Wilhelm Stekel. 


folge, besuchte auch nach dem Lyzeum eine Handelsschule, wo sie zu 
den guten Schülerinnen zählte. Sie mußte gleich ans Verdienen gehen, 
nahm eine Stelle als Kontoristin an, der sie zur vollsten Zufriedenheit 
ihrer Vorgesetzten gerecht wurde. Sie avancierte rasch, bekam ver¬ 
antwortungsvolle Aufgaben und ein schönes Gehalt, so daß sie ihre 
Mutter, die vom Manne getrennt lebte, ausreichend unterstützen konnte. 
Sie zeigte gar keine Besonderheiten und keine neurotischen Züge, hier 
und da trat eine Migiäne auf. Nichts ließ darauf schließen, daß sie 
den Keim eines so schweren Leidens in sich trug. Ich ließ es mir an¬ 
gelegen sein, die Entstehung des „Anfalls", wie die Mutter ihre Er¬ 
krankung bezeichnete, anszuforschen. Ich hörte, sie wäre mit einer 
Kollegin für drei Tage aufs Land gefahren, um sich ein wenig von der 
Arbeit der Bilanz zu erholen. Sie hätte mit der KoUegin in einem 
Hotel Quartier genommen und sei dann nach Ablauf dieser Frist spät 
am Abend etwas gedrückt zurückgekommen. Auf die Frage der Mutter, 
was ihr fehle, antwortete sie: „Ich habe starke Migräne und möchte 
schlafen gehen." Da sie schon vorher mitunter über Kopfschmerzen 
geklagt hatte, fiel dies der Mutter nicht auf. Von der Kollegin, die 
ich mir sofort kommen ließ, erfuhr ich den wahren Sachverhalt. Mit 
ihnen waren noch zwei junge Leute, die ebenfaUs in dem gleichen 
Bureau beschäftigt waren, hinansgefahren. Die Kollegin hatte schon 
mehrere Verhältnisse gehabt und ihrer Freundin geraten, sie möge sich 
auch einen Freund nehmen. Sie machten den ersten Tag einen Ausflug 
und tranken am Abend etwas Wein, was Fräulein M. G. nie getan hatte. 
Dann bezogen sie getrennte Zimmer. Jedes Mädchen zog sich mit einem 
Freund zurück. Die G. hätte sich wohl geweigert, wäre aber mit dem 
Herrn X. doch ins Zimmer gegangen, weil er ihr versprochen hatte, sie 
nicht anzurühren, es wäre alles nur eine „Hetz". Was im Zimmer vor¬ 
gegangen sei, das wisse sie nicht. Sie habe geglaubt, daß die G. auch 
keine Unsch^d sei, „weil es so etwas unter ihren Bekannten sehr 
selten gäbe". Am nächsten Tage mußte sie und ihr Freund in die 
Stadt zurück, die G. sei mit dem anderen Kollegen noch 2 Tage draußen 
geblieben. Die G. sei dann nicht mehr ins Geschäft gekommen, wohl 
aber ihr Freund Herr X., der ihr erklärte, die G. wäre eine sehr fade 
Person, die sehr viel Faxen mache. Sie wisse von der G. ferner, daß 
sie in den Prokuristen verliebt sei, der sie aber keines Blickes wür¬ 
digte. Es wäre eine aussichtslose unglückliche Liebe. 

Ich ließ auch Herrn X. zu mir kommen und machte ihm begreiflich, 
daß ich als der Arzt der G. die volle Wahrheit wissen müßte. Ich 
wollte von dieser Wahrheit gar keinen Gebrauch machen, er sollte auch 
keinerlei Unannehmlichkeiten erleiden. Auch dürfte die streng moralische 
Mutter nichts von diesen Vorföllen erfahren, weil sie es nicht über¬ 
leben würde. Herr X. antwortete sehr zögernd, aber gab mir schlie߬ 
lich die ganze Wahrheit zu. Das ganze Bureau habe gewußt, daß die 
G. in den Prokuristen verliebt war und machte sich über ihre Blicke 
und ihr ganzes Gehaben lustig. Er hätte keine Ahnung gehabt, daß 
die G. eine virgo sei und glaubte, sie brauche nur eineu Mann, um von 
ihrer Leidenschaft kuriert zu werden. Er war über ihren Widerstand, 
als sie allein im Zimmer waren, sehr erstaunt. Sie woUte sich nicht 
entkleiden und legte sich angezogen auf das Lager. Schließlich habe 
er sie zu kleinen Zärtlichkeiten bewogen, ohne ihre Virginität zu zer- 


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Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 


237 


stören. Sie küßte ihn, stieß ihn aber plötzlich zurück, wenn er zu 
leidenschaftlich wurde. Erst in der dritten Nacht gelang es ihm, sie zu 
zu bewegen, membrum in manum prendere et ejaculationem inter femora 
zu gestatten. Sie wäre aber „kalt wie eine Hundeschnauze** geblieben 
und hätte erklärt, alles wäre eine Schweinerei. Vorübergehend war 
sie einige Minuten wie verwirrt und hatte „Alfred! Hilf mir** gerufen. 
(Alfred war der Vorname des Prokuristen. Auf der Beobachtung stieß 
sie wiederholt den gleichen Ruf ans.) Sie hätte sich dann Vorwürfe 
gemacht, daß sie mit ihm in einem Zimmer geschlafen und ihm die 
Zärtlichkeiten erlaubt habe. (Was die Mutter sagen würde, wenn sie 
das wüßte.) Er beruhigte sie immer wieder mit dem Hinweise auf ihre 
unverletzte Virginität und durch die Versicherung, daß sie das wahre 
Leben nicht kenne und daß alle Mädchen im Bureau schon wiederholt 
mit Kollegen im Hotel gewesen wären, ohne sich so zimperlich zu be¬ 
nehmen. 

Seine Angaben schienen mir richtig zu sein bis auf den Punkt der 
unverletzten Virginität. Ich ließ sie auf der Beobachtung frauenärztlich 
untersuchen. Es wurde eine leichte Verletzung des sonst erhaltenen 
Hymen konstatiert. 

Überblicken wir die Fülle der Konflikte, der dieses arme Mädchen 
ausgesetzt war. Sie stammt aus einem bürgerlichen Milien. Ihre Mutter 
predigte ihr immer als wichtigste Regel des Lebens: Reinheit und 
Hochbalten der sexuellen Ehre. Ihre Mutter hätte ihr den leichtsinnigen 
Schritt nie verziehen. Schon diese Tatsache allein hätte ihr schwaches 
Hirn verwirren können. Nun aber kam noch der Umstand hinzu, daß 
sie einen anderen Mann liebte und sich einem Ungeliebten hingegeben 
hatte. Es ist möglich, daß sie eine Hingabe an Alfred als großes Glück 
gewertet und ohne Schaden für ihre Gesundheit ertragen hätte. So 
aber rächte sie sich an dem Anderen durch die Hingabe an einen Un¬ 
geliebten. Es ist, als ob sie dem angebeteten Alfred zeigen wollte: 
„Siehst du! Das alles hätte dein sein können, wenn du es nur ver¬ 
langt hättest!** 

Irgendeine dunkle Kraft trieb sie aber sich hinzngeben, um das 
große Glück der Liebe kennen zu lernen. Das innere Nein verhinderte 
den Durchbruch der Libido. Ihre sexuelle Zielvorstellung beharrte bei 
Alfred, die moralischen Hemmungen konnten mühelos das Eintreten eines 
Orgasmus, sogar das Zustandekommen der „Vorlust** verhüten. 

Nichts vertragen Frauen schwerer als eine Hingabe 
ohne den Preis des Orgasmus! 

Es treten bei Frauen, die sich einem Geliebten hingeben und den 
erhofften Genuß nicht finden (entweder weil der Geliebte nicht potent 
genug oder ihre Hemmung übermächtig ist) sehr häufig schwere De¬ 
pressionszustände, sogar Psychosen, zumindest neurotische Erscheinungen 
auf. Auch die G. mußte es bedauern, daß sie ihre Virginität verloren 
hatte, ohne den Verlust durch einen großen Genuß kompensiert zu 
haben. Auch mußte sie sich sagen, daß Alfred für sie ewig verloren 
war. Alfred war ledig und sie hatte sich in Träumen gewiegt, er werde 
sich in sie verlieben und sie zu seiner Frau machen. Ein Roman von Zola 
(Au bonheur des dames), den sie mit Leidenschaft gelesen hatte, be¬ 
handelte das gleiche Thema. Warum sollte ihr nicht gelingen, was der 
armen Verkäuferin in Paris gelungen war, die den Chef in sich verliebt 


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■Wilhelm Stekel. 


gemacht hatte? Jetzt sanken alle diese Lnftschlösser in sich zusammen. 
Was konnte sie Alfred jetzt bieten, nachdem ihre Unberührtheit nicht 
mehr den Preis seiner Liebe darstellte? 

Diese Eonfdkte verlangten gebieterisch eine Erledigung. Sie flüch¬ 
tete in die Nacht des Wahnsinnes. Sie verließ eine ReaEtät, in der 
sie nichts mehr zu hoffen hatte, und versank in eine ewige Träumerei, 
in der sie glückliche Bilder neben den Schatten der Vergangenheit 
verfolgten. 

Wir können ruhig annehmen, daß dieses Mädchen eventuell einen 
ungeliebten Mann hätte heirarten und trotzdem nicht erkrankt wäre, 
weil ja die moralischen Hemmungen und die Vorwürfe aus der ver¬ 
lorenen Ehre sie nicht belastet hätten. Wir sehen aber auch, wie ge¬ 
fährlich der Rat ist, den manche Ärzte und besonders unerfahrene 
Psychoanalytiker jungen Mädchen geben: Sie müßten sich sexuell aus¬ 
leben, um zu gesunden. Ein solcher Rat ist ebenso überflüssig wie 
gefährlich. Denn der Trieb besorgt auch ohne den Rat des Arztes 
seine Befriedigung, wenn die Hemmungen nicht allzu stark sind. Wo 
aber starke Hemmungen vorhanden sind, kann der Rat vorübergehende 
Bewältigung der Hemmungen und Sicherungen durchsetzen, welche* sich 
später empfindlich rächen müssen, wenn für den Verlust des ethischen 
Besitzstandes kein entsprechendes Äquivalent an Lust geboten wird. 
Meine Erfahrungen beweisen mir die Richtigkeit dieser Anschauung 
immer wieder aufs neue. Nun zu einem zweiten Fall, der glücklicher¬ 
weise einen viel milderen Verlauf nahm: 

Fall Nr. 2. Über den "Wunsch der Familie besuchte ich Fräulein K. L. in einer 
hiesigen Heilanstalt für Nervenkranke. Es wurde mir mitgeteilt, daß Fräulein L. sich in 
dem Geschäfte überarbeitet hatte und eine zeitlang — etwa zwei Wochen — sehr still 
und gedrückt war. Sie weinte oft und war schlaflos. Auf die Frage der Mutter, warum 
sie denn weine, antwortete sie: Sie wisse nicht wai*um. Es verschaffe ihr eine gewisse 
Erleichterung. Plötzlich habe sie zu halluzinieren begonnen und ihre Umgebung nicht 
erkannt, ln einem solchen Traumzustande sei sie auch auf das Fenster gesprungen und 
wollte sich auf das Pflaster w'erfen. Ein zu Rate gezogener Psychiater verordnete die 
Überführung in die Anstalt, wo sich aber der Zustand sehr verschlimmert habe. Sie 
verlange nach ihren Angehöngen, die sie dann weinend um Verzeihung bitte, sie flehe, 
man möge sie nicht einsperren und nach Hause nehmen. Schließlich regten sie die Be¬ 
suche so auf, daß der Arzt sie verbieten mußte. Nun sei die ganze Familie verzweifelt 
und man wisse nicht, wie es um die Kranke stehe und was man fernerhin mit ihr machen 
solle. Auch gestatteten die bescheidenen Mittel der Familie nicht, die Kranke länger in 
dem teueren Sanatorium zu halten. 

Ich fand das 23jährige Mädchen im Bette sitzen. Sie halluzinierte so heftig, daß 
sie meinen Eintritt und den des Anstaltsarztes gar nicht bemerkte. Die Halluzination 
bot ein merkwürdiges, unvergeßliches Bild. Man sah Schrecken und Entsetzen in dem 
Gesichte; die Hände wurden wie zur Abwehr weit vorgestreckt; die Beine waren ge¬ 
kreuzt und zuckten heftig. Sie schrie: „Rühr mich nicht an! Nein! Nein! Nein! Du 
gemeiner Mensch! Einsperren sollte man solche Leute I Es schmerzt! Es tut weh! Oh 
weh!‘‘ Dann folgten unverständliche Worte, die ich nicht enträtseln konnte. Plötzlich 
änderte sich der Gesichtsausdruck. Die Augen leuchteten auf, der Mund spitzte sich wie 
zu einem Kusse, die Beine beruhigten sich und wurden unmerklich gegrätscht, sie stieß 
Laute aus, die mehr Wonne, Entzücken und Liebe verrieten. Aus dem Wortsalat konnte 
man einzelne Kosenamen wie „süße Maus'‘, „liebes Kind‘‘ entnehmen. Schließlich ging 
der Anfall in ein leises beharrliches Weinen über. 

Ich war mir klar, daß sie eine Szene spielte. Ich konnte leicht kombinieren, daß es 
sich um eine Verführungsszene handelte. Ich betone, daß die Darstellung mit bewunde¬ 
rungswürdiger schauspielerischer Kunst vor sich ging und ich nicht begreifen konnte, 
daß die anderen Ärzte nicht sofort den Zusammenhang erkannt hatten. Aber die Schul¬ 
psychiater sind häufig blind für alle seelischen Zu.sammenhänge, interessieren sich nicht 
für das Benehmen der Kranken, sofern es nicht für die klinische Diagnose in Betracht 


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Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 


239 


kommt. So kommt es, daß diese Zusammenhänge so oft übersehen werden, obwohl sie 
sich dem aufmerksamen Beobachter geradezu aufdrängen. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß diese Halluzinationen allmählich 
einer völligen Veränderung anheimfallen, sozusagen degenerieren. Deshalb ist es so 
schwer, den psychischen Ursprung eines Tiks oder einer Halluzination kennen zu lernen, 
weil schließlich von der ganzen Szene nur irgendeine Bewegung fixiert wird und nun als 
katatonisches starres Bild imponiert. Je früher man derartige Halluzinationen beobachten 
kann, desto leichter wird es, den Sinn im Wahnsinn zu erkennen. 

Die Nachforschungen ergaben in der Tat die von mir angenommenen Zusammen¬ 
hänge. Sie hatte eine sehr intelligente Schwester, die mit einem jungen Arzte verlobt 
war. Der Bräutigam ging mit Eifer den Spuren der Erkrankung nach und förderte fol¬ 
gende Tatsachen zutage. 

Sie war an dem Tage, an dem die Depression eingesetzt hatte, mit einem Kollegen 
ihres Bureaus (auch sie war eine Typmamsell) zur Besichtigung eines eben gebauten 
Hauses weggefahren. An diesem Tage war sie längere Zeit mit diesem Kollegen allein. 
Beide befanden sich am Nachmittage nicht im Bureau. Sofort am nächsten Tage hatte 
sie sich schon krank gemeldet, so daß sie den Kollegen nicht mehr sah. Er kam nach 
einigen Tagen zu ihnen auf Besuch. Sie wollte ihn erst nicht empfangen, „weil sie sich 
in einem fürchterlich vernachlässigten Zustande befand‘S ließ ihn aber schließlich ein und 
war nachher für eine kurze Zeit viel besserer Laune, so daß die Mutter den Kollegen 
bat, sie recht häufig zu besuchen. Nach dem dritten Besuch traten dann die Halluzi¬ 
nationen auf. Sie machte damals den mißglückten Selbstmordversuch. 

Der verheiratete Kollege verweigerte dem Schwier erst jede Auskunft und ver¬ 
sicherte, es wäre zwischen ihm und dem Mädchen nichts vorgefallen. Schließlich aber 
gab er zu, daß er sie in den leeren Zimmern des Neubaues geküßt hätte. 

Bei einem zweiten Besuche in der Anstalt fiel mir auf, daß die Kranke das Hemd 
immer herunterstreifte, als wenn sie ein Kleid anhätte und immer wieder „Nicht^^ wieder¬ 
holte. Auch verständigte mich die Familie, daß die Menstmation schon seit zwei Monaten 
fehlte. (Man sieht bei Hysterischen sehr häufig die Erscheinung, daß nach einem sexu¬ 
ellen Erlebnis die Menstruation aussetzt, ohne daß sie gravid sind. Sehr häufig ist die 
Angst vor dem Ausbleiben der Menstruation die Ursache des Ausbleibens. Wer diese 
psychischen Wirkungen auf das Somatische nicht kennt, der wird solche Zusammenhänge 
gerne übersehen und die Amenorrhöe auf Anämie und andere organische Ursachen zu- 
lückführen.) Ich konnte in diesem Falle, gestützt auf meine Ei*fahrung, die Hoffnung 
aussprechen, daß der Zustand sich nach dem Eintreten der Menstruation besseni würde. 
Ich suchte den seelischen Rapport mit der Kranken zu gewinnen und es gelang mir, sie 
zu beruhigen, ohne daß ich auf die Ursachen der Krankheit einging. Als sie anfing sich 
zu beruhigen und die Halluzinationen seltener wurden, riet ich Entfernung aus der Anstalt. 
Solche Kranke müssen in ihrer gewohnten Umgebung zum Leben erwachen, eventuell am 
Lande in Privatpflege, nie aber in einer Irrenanstalt. Die Vorstellung: „Du bist geistes¬ 
krank „Du bist interniertoder „Du warst interniert!“ wirken sehr schädlich. Es ge¬ 
lingt in vielen Fällen die Genesung herbeizuführen, ohne daß die Kranken es erfahren, 
sie wären interniert gewesen. 

So war es auch in diesem Falle. Das Mädchen kam nach Hause, beruhigte sich 
bald. Sie ging dann mit ihrer Schwester für einige Monate aufs Land und genas dort zur 
Freude ihrer Familie vollkommen. Sie ist jetzt wieder in einem anderen Geschäfte an¬ 
gestellt und sehr fleißig. Sie spricht nie von ihrer Vergangenheit. Es macht den Ein¬ 
druck, als wollte sie alles vergessen. Charakteristisch ist, daß sie keine vertrauliche 
Annäherung der Männer duldet und auch einen ernstgemeinten Antrag zurückge¬ 
wiesen hat. 

Sollte sie wissen, daß sie ihre Virginität verloren hatte? Ich habe sie darüber nicht 
befragt und sie auch nicht untersuchen lassen. Ich kann nur aus Erfahrung sagen, daß 
viele Mädchen, die Sitzenbleiben, obwohl sie häufig Gelegenheit zur Heirat hatten, ein 
solches Erlebnis in der Vergangenheit hatten, welches sie die Prüfung der Brautnacht 
scheuen läßt. Doch davon später! 

Wir haben wieder einen Fall kennen gelernt, in dem das erste 
Erlebnis eine Psychose anslösen konnte. Waren die Verhältnisse gün¬ 
stiger, oder bot die Konstitntion des Mädchens größere Heilungsmöglich¬ 
keiten ? Ich weiß es nicht, ich re^striere nur die Tatsache als solche, 
welche mir geeignet erscheint, einiges Licht auf die Psychogenese 
akuter Verwirrungszustände zu werfen. 


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240 


Wilhelm Stekel. 


Der nächste Fall ist deshalb von besonderem Interesse, weil sich 
an das sexuelle Trauma eine schwere Psychose anschloß, deren soma¬ 
tische Ursache in einer Störung der Hypophysenfunktion klar erkannt 
wurde. Nun wissen wir, daß die Hypophyse wichtige Beziehungen zum 
Sexualleben aufweist. Oft sind die ersten Zeichen einer Hypophysen¬ 
erkrankung Impotenz, Ämenorrhöe, sexuelle Frigidität oder Reizungs¬ 
zustände des Sexuallebens. Ich wage auch nicht zu entscheiden, 
welchen Anteil das sexuelle Trauma an der Entstehung des Leidens 
genommen hat. 

Fall Nr. 3. Fräulein L W., ein 27jähriges auffallend korpulentes Mädchen, leidet 
seit P/j Jahren an verschiedenen paranoiden Zuständen. Sie wähnt, daß sie alle Leute 
auf der Gasse ansehen und sich über sie lustig machen; einige Menschen hätten sogar 
geflüstert: Da geht sie, die ordinäre Hure! ... Sie habe eine Nachbarin belauscht, die 
zu ihrem Dienstmädchen geäußert hätte, sie wäre eine gemeine, unverschämte Person, 
nicht besser als eine hergelaufene Dime. Sie höre den ganzen Tag Stimmen. Unter 
anderem Ausrufe: „Du bist eine gemeine homosexuelle Chonte! (Jüdischer Jargonausdruck 
für Dirne.) Du niederträchtige Onanistin I Alle Menschen wissen, daß du onaniert hast!** 

Sie leidet zeitweilig au heftigen Wutanfällen, in denen sie die Eltern beschuldigt 
sie hätten sie krank gemacht, sie hätten sie zur Hure gemacht, sie hätten ihr keine sorg¬ 
fältige Erziehung angedeihen lassen. Sie ließ sich einige Male hinreißen, die Mutter zu 
schlagen. Der Vater ist imstande, sie zu besänftigen. Sie bleibt nie allein in der Woh¬ 
nung. Entweder der Vater oder die Mutter müssen zu ihrem Schutze anwesend sein, 
sonst wird sie von Angstgefühlen überfallen, die nach ihrer Schilderung unerträglich sind. 

Sie gibt auch an, daß sie sich in einen Mann verwandelt habe; diese Verwandlung 
gehe langsam aber sicher vor sich. Obwohl sie an Körperumfang zugenommen habe, 
hätten die Brüste ihren einstigen Umfang verloren. (Diese Beobachtung wird von der 
Mutter bestätigt.) 

Sie zeigt auffallend starke Behaarung im Gesichte. Die Periode ist schon seit Be¬ 
ginn der Erkrankung ausgeblieben. Die Röntgenuntersuchung ergibt eine ziemhch auf¬ 
fällige Vergrößerung der Hypophyse. 

Die p8ychologi.sche Erfoi*schung dieses Falles bringt viele, sehr interessante neue 
Momente. Sie beschuldigt zuerst eine Nachbarin als Urheberin verschiedener Komplotte. 
Die.se Nachbarin, die einen guten braven Mann habe, empfange in seiner Abwesenheit 
einen Geliebten. Weil sie sich aber von ihr durchschaut wisse, so verfolge sie sie in un¬ 
beschreiblicher Weise, mache ihr Gesten, klopfe an die Wand usw. . . . Die nie feh¬ 
lende homosexuelle Komponente der Paranoia (das Bild war sehr typisch) kommt sehr 
deutlich zutage. Die Nachbarin gefällt ihr sehr und ist eine „auffallend schöne^^ Frau. 
Sie findet es selbstverständlich, daß man diese Frau lieben müsse. Sie habe sie vor 
einigen Tagen nackt gesehen. (Halluzination.) Sie hätte einen herrlich schönen, marmor¬ 
weißen Körper. Wenn sie wirklich ein Mann wäre, so würde sic es sich nicht überlegen. 

Es folgen dann Beschuldigungen gegen die Mutter, weil sie ihre Erziehung arg ver¬ 
nachlässigt habe. (Entspricht keineswegs der Wahrheit,) Aber schließlich kommt sie auf 
eine Begebenheit, welche ihre Erkrankung einleitete. Sie lernte einen verheirateten Mann 
kemieu, der sie öfters auf der Gas.se traf und mit ihr spazieren ging. Nach längerem 
Zaudein ging sie auf seinen Vorsclilag ein, in seine Wohnung zu kommen. Das erste¬ 
mal hätten sie sich nur geküßt; aucli habe sie nur den Oberkörper entblößt und sich auf 
den Busen küssen lassen. Das zweitenial jedoch hätte er gebeten, sie möge sich ganz 
entkleiden, er werde ihr gar nichts machen. Sie tat das unter einigem Sträuben, ließ 
aber an sich den Cunnilingus vollziehen. Sie habe aber noch etwas erlebt, was sie mir 
unmöglich mittcilen könne. Es wäre zu abscheulich und ich würde mit ihr nie mehr 
reden. Erst nach einigen Standen gesteht sie mir, daß der Mann sie gezwungen hätte, 
eine fellatio zu vollziehen. 

Nach drei Tagen hätte sie wieder zu ihm kommen sollen. Da bemerkte sie auf dem 
Wege, daß die Leute sie so sonderbar anblickten und sich über sie lustig machten. Auch 
glaubte sie die Worte zu vernehmen: „Da geht die heuchlerische Hure zu ihrem Geliebten“. 
Sie vei*suchte, diese Menschen zu ignorieren und ihnen ins Gesicht zu lachen. Es war 
über ihre Kraft. Sie beheri-schte sich, um nicht zu weinen und lief nach Hause. Das 
wäre der Anfang ihrer Erkrankung gewesen. Sie traute sich seit damals nicht aus dem 
Hause, sie bemerkte bald den Bartwuchs, sie bekam die plumpen Finger . . . 

Ich hielt das ganze Erlebnis für eine Halluzination. Aber das Datum stimmte mit 
den mir von ihrem Vater gegebenen Daten. Sie hatte mich beschworen, ihren Eltern 


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Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 


241 


keine Mitteilung zu machen. Sie fühle sich viel ruhiger, seit sie mii* dieses Erlebnis 
gebeichtet hatte. Sie habe total daran vergessen und erst während unserer Gespräche 
sei ihr die Erinnerung an dies Erlebnis gekommen. Ihre Mutter sei schuld, denn man 
lasse kein Mädchen allein ausgehen. Hätte sie eine Gouvernante gehabt, so wäre das 
Unglück nicht geschehen und sie wäre heute ein anständiges Mädchen. Alle Welt wüßte 
von ihrem Erlebnis. Denn der Geliebte hätte es sofort seiner Wirtin erzählt und nun 
wisse es die ganze Stadt Sie hätte überall auf der Straße davon reden hören. Wenn 
nur die Eltern das nie erfahren würden! Der Vater könnte das nicht überleben! Die 
Mutter würde sich das Leben nehmen! Ich mußte ihr das Wort geben, den Eltern nichts 
zu erzählen. 

Am nächsten Tage besuchte mich der Vater. Seine Tochter hätte ihm weinend alles 
erzählt. Er sei sehr erschüttert und könne das nicht glauben. Allein, die Angaben seiner 
Tochter seien so präzis, daß er beschlossen habe nach X. zu fahren und den Herrn zur 
Kede zu stellen. Vielleicht sei alles erfunden. Sonst aber müsse er trachten zu erfahren, 
wie weit es mit seiner Tochter gekommen sei. 

Ich warnte ihn vor diesem Schritte. Er könne sich leicht lächerlich machen. Er 
ließ sich nicht abhalten. 

Wer beschreibt mein Erstaunen, als der Vater mir nach einigen Tagen bestätigt, 
daß der Herr X. es zugegeben habe, daß er seine Tochter liebe, daß sie mehrere Male 
bei ihm zu Besuch gewesen sei, daß es zu verschiedenen Zärtlichkeiten gekommen sei, 
daß er aber ihre Jungfräulichkeit nicht angetastet habe. Im übrigen sei er jetzt von 
seiner Frau geschieden und sei bereit, das Mädchen, das er liebe, sofort zu heiraten. Der 
Vater verlangte zu wissen, ob sie in ihrem jetzigen Zustande heiraten dürfe. Ich ver¬ 
neinte diese Frage. Trotzdem teilte er der Tochter den Heiratsantrag mit^ den sie mit 
der Motivierung ablehnte: Sie könne ein solches Schwein nicht heiraten. 

Ich gab dann die Behandlung auf, weil die Patientin nicht zu bewegen war, zu mir 
zu kommen und ich dem Vater mitteilte, daß ich mir keinen Erfolg erhoffen könne. 

Nichtsdestoweniger hörte ich nach einem halben Jahre, daß die Kranke viel ruhiger 
wäre und schon begonnen habe, hier und da das Zimmer zu verlassen. Der körperliche 
Zustand sei der gleiche, aber er habe sich wenigstens nicht verschlimmert. 

Der Fall ist von ganz besonderem Interesse. Es wirft sich die 
Frage auf, ob die schwere Störung der inneren Sekretion auch zustande 
gekommen wäre, wenn das beschriebene Erlebnis nicht ihre ganze 
Psyche erschüttert hätte. Nach dem Erlebnis erkrankte sie auch an 
hartnäckigem Erbrechen (Ausdruck unbewußter Ekelvorstellungen). 

Die Wechselwirkung zwischen Psyche und Physis ist uns noch zu 
unbekannt, um sichere Schlüsse ziehen zu können. Wir wissen, daß 
Kummer und Sorgen, drückende Aufregungen, Leberkrankheiten, be¬ 
sonders aber Ikterus hervorrufen können. Man wird in der Tat gelb 
vor Neid. Noorden hat auf die Zusammenhänge zwischen Gemüts¬ 
erschütterungen und Diabetes aufmerksam gemacht. Nach seiner An¬ 
sicht wirkt die Gemütserregung auf die Nebennieren und beeinflußt 
auf diese Weise die Funktion der Leber. Während der Einfluß von 
Aufregungen auf die Psyche der Nervösen sehr überschätzt wird, im 
gewissen Sinne Aufregungen für Nervöse notwendige Anregungen 
sind, kann nicht geleugnet werden, daß schwere Depressionen, beson¬ 
ders lange dauernder Kummer, latente Erregungszustände den Orga¬ 
nismus mächtig beeinflussen. Ich verweise nur auf die von Boas be¬ 
stätigte Tatsache, daß jetzt in Kriegszeiten sehr häufig Abmagerungen 
beobachtet werden, für die sich keine somatische Ursache finden läßt. 

Besonders deutlich trat der Zusammenhang zwischen dem sexuellen 
Erlebnis und einer Depression im Falle zutage, den ich im nach¬ 
folgenden beschreibe. 

Fall Nr. 4. Ich fand das 20jährige Fräulein H. B. im April 1915 in ziemlich ver¬ 
wahrlostem Zustande in ihrem Zimmer, ablehnend, teilnahmslos, negativistisch. Als Vor¬ 
geschichte wurde mir mitgeteilt, sie hätte mit einer Freundin eine Reise nach Italien 
unternommen und sei dann „verändert, aber begeistert“ heimgekommen. Allmählich habe 


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Wilhelm Stekel. 


sich jedoch eine schwere Depression ausgebildet. Sie habe sich geweigert, das Zimmer 
zu verlassen und habe dann durch Tage kein 'NV'ort gesprochen. Auf den Rat eines be¬ 
rühmten Psychiaters kam sie dann auf die Beobachtungsstation, wo die Diagnose „Dementia 
praecox“ gestellt wurde. Sie wurde bald in ein Sanatorium für Geisteskranke transportiert, 
wo sich ihr Zustand arg verschlimmerte. Sie hörte Stimmen, die si^ beschimpften, alles 
machte sich über sie lustig, die Kranken trieben unglaubliche Dinge, sprachen die rohesten 
Worte. Sie bat ihre Eltern flehentlich, sie aus dieser Hölle zu befreien. Sie kam dann 
zu Verwandten aufs Land, wo sie teilnahmslos in einer Ecke saß und die Wohnung nicht 
verlassen wollte. Wieder glaubte sie, daß alle Welt nur von ihr spräche und sich über 
sie lustig mache. 

Ich wußte bald ihr Vertrauen zu gewinnen und sie begann einige Sätze mit mir zu 
sprechen. Warum ich nicht früher gekommen wäre, ehe das Verbrechen (die Internierung 
auf der Beobachtung) an ihr geschehen wäre? Sie sei tot. Ich solle mir keine Mühe 
geben. Alles sei erloschen. Alles sei zerstört. Sie wäre schmutzig. Sie könne keinen 
Ton mehr hervorbringen. (Sie war Sängerin.) Sie habe die Brücken zur Welt verloren. 

Der einzige, mit dem sie außer mir noch sprach, war ihr Bräutigam. Ich hatte 
gleich den Verdacht, daß in ihren Beziehungen der Keim des Leidens gesucht werden 
müsse. Ich ersuchte daher den Bräutigam, ihren Klavierlehrer, einen berühmten Künstler, 
mir reinen Wein einzuschänken. Er gestand mir dann, daß er heimlich in Italien ge¬ 
wesen wäre, um seine Braut zu sehen. Die Freundin sei in Florenz geblieben und sie 
hätten dann zusammen die Reise nach Rom fortgesetzt. In Rom hätte sie sich ihm nach 
langem Sträuben ergeben, nachdem er ihr versprochen habe, sie zu heiraten und sie als 
seine Braut betrachtete. 

Nun war mir vieles von ihren dunklen Aussprüchen verständlich. Sie hatte ihre 
Virginität verloren und fühlte sich zerstört, befleckt, erniedrigt, sie glaubte, daß alle Welt 
von ihren Beziehungen Kenntnis habe. Der Bräutigam vertraute mir auch an, daß sie 
in Rom sehr häufig an Weinkrämpfen gelitten habe, für die sie keine Erklärung wußte. 
Sie meinte damals, es wären Tränen des Glückes. Besonders stark wäre ein solcher Wein¬ 
krampf gewesen, als sie in Rom zufällig ihren alten Lehrer N. getroffen habe, für den 
sie einmal eine leichte Schwärmerei gezeigt hätte. 

Vorübergehend kam ich auf die Idee, die Kranke wäre zu heilen, wenn sie den 
Mann heiraten würde, dem sie sich hingegeben hatte. Ich verfügte über einige ähnliche 
Erfahrungen, die mir diese Maßregel zu empfehlen schienen. Der Bräutigam war auch 
sofort einverstanden, meinte, er hätte diesen Schritt längst getan, wenn seine Braut die 
Hochzeit nicht hinausgeschoben hätte. 

Sie schien auch dieser Idee keine besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen. 
Sie sagte nicht „Nein“, aber es fehlte die freudige Zustimmung, welche die Erfüllung 
eines geheimen Wunsches begleitet. 

Mit der fortschreitenden Aussprache trat eine große Veränderung in ihrem Wesen 
ein. Sie versuchte bald kleine Spaziergänge. Es gelang mir, sie zu überzeugen, daß sie 
die Stimmen höre, die ihr ihr inneres Ich diktierte. Sie begann wieder zu singen und 
Klavier zu spielen. Schließlich vertraute sie mii* alles an, was ich schon von ihrem 
Bräutigam wußte. Sie zeigte jetzt ihm gegenüber offene Abneigung und Haß. (Es fehlten 
auch in diesem Falle nicht die Vorwürfe gegen die Eltern, daß sie sie nicht verständen 
und schlecht erzogen hätten, Vorwürfe, hinter denen sich der eine Vorwurf verbarg, daß 
sie sio hatten allein nach Italien reisen lassen.) Bald gestand sie mir, daß sie in den 
Armen des Bräutigams nie eine Erfüllung ihrer Sehnsucht empfunden habe, daß sie nur 
erregt wurde, ohne befriedigt zu werden. (Er litt an Ejaculatio praecox, wie so viele 
Künstler. Die Erotomanie vieler Künstler steckt mehr im Seelischen als im Physischen.) 
Sie hatte nur ihren ersten Lehrer N. geliebt, der sie zu ihrem Schmerze nicht beachtete. 
Aus Trotz hatte sie sich von ihm abgewandt und sich in die Liebe zu ihrem Bräutigam 
„hineingeredet“. 

Vielleicht wäre die Liebe dann dauernd geworden, wenn er sie 
hätte zum Orgasmus bringen können. So aber hatte auch sie das 
Opfer ihrer Virginität dargebracht, ohne die Kompensation der Lust 
zu erhalten . . . 

Daß es nicht an ihrer Konstitution gelegen war, bewiesen ihre 
weiteren Schicksale. Sie fand bald einen Geliebten, in dessen Armen 
sie glücklich war und der vorurteilslos genug war, sie zu heiraten, 
obwohl sie ihm alles wahrheitsgetreu erzählt hatte. Sie ist vollkommen 
genesen. Die Diagnose „Dementia praecox“ war nicht richtig. Es 


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Das sexuelle Trauma des Erwachsenen. 


243 


hatte sich um eine der zahllosen Affektpsychosen gehandelt, die nach 
ähnlichen sexuellen Traumen auftreten. 

Ich könnte noch einige Beispiele ans meiner Erfahrung anföhren, 
welche diese Zusammenhänge stützen könnten. Ich begnüge mich mit 
dem Hinweise und fordere meine Kollegen auf, in ähnlichen Fällen 
nach den ähnlichen Ursachen zu forschen. 

Ich möchte noch im Anscblud an diese Ausführungen betonen, daß 
auch die Brautnacht ein schweres Trauma sein kann, an das sich eine 
komplizierte Neurose oder sogar eine Psychose anschließt. Oft bricht 
die Psychose sogar in der Brautnacht aus, ein Vorgang, der allen er¬ 
fahrenen Psychiatern wohlbekannt ist. Besonders wenn es sich um 
Ehen handelt, in denen die Vernunft entschieden hat und nicht der 
Trieb. Die Enttänschung über die Anästhesie, ein hartnäckiger Vagi¬ 
nismus als Ausdruck eines inneren Nein, oder das ungeschickte Be¬ 
nehmen des Mannes können schwere Folgen haben. Selbst gesunde 
Frauen können durch das Vorgehen neurotischer Männer aus dem 
Gleichgewichte gebracht werden. 

Fast typisch ist bei Zwangsneurotikern, die alle unter Zweifel 
leiden, die Vorstellung, ihre Braut wäre keine Virgo. Viele ver¬ 
schweigen ihren Zweifel, manche aber lassen sich verleiten, diesem 
Zweifel Ausdruck zu geben, obwohl alle objektiven Momente dagegen 
sprechen. Aber diese Kranken stehen unter der Herrschaft eines 
mächtigen Affektes und Affekte unteijochen immer den Intellekt. Es 
tritt dann jener Zustand auf, den ich „affektative Verblödung des 
kritischen Momentes“ bezeichnet habe. 

Ich erwähne hier den interessanten Fall, den ich in meinem Werke 
„Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung“ (2. Auflage, 8. 138) 
publiziert habe. 

Fall Nr. 5. Eine 36jährige Dame leidet seit 14 Jahren an Erenzschmerzen, die so 
anerträglich sind, daß sie wochenlang das Bett hüten maß. Der Schmerz strahlt im 
letzten Jahre in den Baach aas. Ein berühmter Fraaenarzt erklärt, es handle sich am 
„Adhäsion“ and schlägt eine Operation vor. (Laparotomie.) Sie holt meinen Bat ein. 
Ich informiere mich, nachdem ich objektiv keine somatische Erkrankang konstatieren 
konnte, nach der Psychogenese dieses Schmerzes. Es stellt sich eine denkwürdige Tat¬ 
sache heraus. Sie lebte eine unglückliche Ehe mit einem Neurotiker, der sie nicht aas 
Liebe, sondern aus Berechnung geheiratet batte, und sie nun aus unbewußten Motiven 
dafür büßen läßt, daß er nicht das Mädchen seiner Neigung hatte heimführen können. 
Das erstemal hatte sie diesen heftigen Schmerz in der Brautnacht empfunden. Damals 
hatte ihr ihr Mann bei der Defloration, die ihr so viel Schmerzen verursacht hatte, 
zugerufen: „Du hast mich betrogen! Da bist keine Jungfrau mehr!“ Diese peinliche 
Szene ist fast gänzlich vergessen. Sie spricht nie davon. Aber der Ereozschmerz ist 
die Fixierung dieser unangenehmen Szene. Die Krankheit ist die Strafe für den Mann, 
dem sie infolge der zahllosen Euren große Kosten verursacht hat. 

Nach Aufdeckung der psychogenen Wurzel (nach sieben Tagen!) verschwindet der 
Schmerz vollkommen. Nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne ein neuer Rückfall. 
Der Schmerz ist nicht mehr so intensiv und verschwindet nach zwei Tagen, um nie 
wiederzukehren. 

Diese Frau war in der Brautnacht anästhetisch und ist es in der 
ganzen Ehe geblieben. Sie ist glücklich, wenn sie ihr Mann in Buhe 
läßt. Sie hat ihm noch immer nicht verziehen, daß er ihre Jungfräu¬ 
lichkeit bezweifelt hat und wird es ihm nie verzeihen. Die Brautnacht 
war für sie ein furchtbares Trauma, das ihr ganzes Leben determiniert. 

Eine andere unglückliche Frau erzählte mir, daß ihr Mann ihr in 
der Brautnacht nach der Entkleidung zugerufen hatte: „Ach — du 


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244 Vaerting. 


hast ja kurze Beine!“ Mit diesem Ausrufe war ihre ganze Liebe er¬ 
loschen. Sie leben nebeneinander, ohne zu streiten, aber ohne jede 
eheliche Gemeinschaft 

Alle Frauen zittern vor dem Momente der Enthüllung. Viele 
fürchten, sie wären abnormal, sie seien schlecht gewachsen, sie 
könnten ihrem Manne nicht gefallen. Ein unbedachtes Wort des 
Mannes genügt, um die Brautnacht zu einem traurigen Ereignis zu 
machen, das seine Schatten über die ganze Ehe wirft. Der Ver¬ 
liebte ist blind und sieht nichts als Vorzüge. Der aus Berechnung 
Heiratende oder der Zweifler, der nie voll und ganz lieben kann, 
wird gerne Fehler entdecken. Auch die Impotenz des Mannes in 
der Brautnacht wird unter Umständen schlecht vertragen. Doch 
das sind Vorkommnisse, die jedem Praktiker bekannt sind ... 

Je länger ich mich mit der psychologischen Erforschung der 
Neurosen imd Psychosen beschäftige, desto mehr befestigt sich in mir 
die Überzeugung, daß wir die infantilen Traumen maßlos überschätzt, 
aber die Traumen des Erwachsenen jedenfalls unterschätzt haben. 
Ich, würde mich sehr freuen, wenn auch andere Ärzte ihre Erfah¬ 
rungen über diesen Punkt mitteilen würden. Vielleicht wird der 
eine oder der andere durch diese Publikation dazu angeregt, nach 
Zusammenhängen zu forschen, die ihm sonst leicht entgangen wären. 


Die monogame Veranlagung des Mannes. 

Von Dr. M. Vaerting 

in Berlin. 

Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß der Mann weniger zur 
Monogamie neigt als die Frau. In der Praxis des heutigen mensch¬ 
lichen Geschlechtslebens mag der Mann vielleicht wesentlich poly¬ 
gamer erscheinen als das Weib. Dieser Eindruck aber beruht zu 
einem großen Teil auf der Tatsache, daß der Mann als das herr¬ 
schende Geschlecht gewöhnt ist, sein Triebleben weit weniger zu 
verheimlichen als die Frau. Solange diese der abhängige Teil ist, 
wird sie alles, was sie schädigen kann, sorgfältig verbergen. Poly¬ 
game Neigungen nun gehören für die Frau zu den am meisten sie 
wirtschaftlich schädigenden Faktoren, da die Ehe für sie bisher fast 
die einzige materielle Grundlage ihrer Existenz bedeutete. 

Ferner ist das Geschlechtsleben, wie es sich unter dem Einfluß 
der Kultur entwickelt hat, nicht das normale, der menschlichen 
Natur entsprechende, sondern durch schlechte Kultureinflüsse, be¬ 
sonders die wirtschaftliche Hörigkeit der Frau, stark entstellt. 

Neben diesen unschwer zu erkennenden Ursachen, welche das 
Urteil über die monogame Veranlagung der Geschlechter zuun¬ 
gunsten des Mannes beeinflußt haben, gibt es eine noch tiefere. 
Wie fast alle Hypothesen und Theorien über die Eigentümlich¬ 
keiten und Verschiedenheiten der Geschlechter, so stammt auch 
die Annahme einer geringeren Neigung zur Polygamie beim Weibe 
ausschließlich von Männeni. Für den Mann aber ist der Glaube an 
die Monogamie des Weibes eine Naturnotwendigkeit, ein tiefster 


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Die monogame Veranlagung des Mannes. 245 


sexuell-biologischer Instinkt. Mit diesem Glauben des Mannes steht 
und fällt seine väterliche Kraft. Denn mit dem Zweifel an der 
Monogamie der Frau muß der Mann zugleich in der Sicherheit 
seiner Vaterschaft schwankend werden. Diese Erschüttenmg des 
Vatergefühls aber bedeutet eine Bedrohung der Vaterleistung, 
der väterlichen Sorge für die Aufzucht des Nachwuchses. 

Diese Vaterleistung aber ist ein so notwendiger Faktor für die 
Fortpflanzung und Sicherung der menschlichen Art, daß die Natur 
sie mit allen Mitteln zu sichern gesucht hat. Sie hat dem Manne 
den Glauben an die Monogamie des Weibes angeboren und zugleich 
aber in ihm selbst die Neigung zur Monogamie stärker als beim 
Weibe entwickelt, weil die Vaterleistung des Mannes aufs 
engste mit seiner Monogamie verknüpft ist. 

Der Mann neigt von Natur aus mehr zur Monogamie als das 
Weib. Diese Veranlagung soll im folgenden eingehend nachgewiesen 
werden. Die Entwicklung der sexuellen Eigenschaften 
steht in engster Verbindung mit ihren Leistungen für 
die Erhaltung und Fortpflanzung der Art. Je mehr Vor¬ 
teile ein sexueller Trieb für die Sicherung des Nachwuchses bietet 
und geboten hat, um so stärker ist seine Entwicklung zur Vorherr¬ 
schaft in der menschlichen Sexualpsyche begünstigt worden. Denn 
jene sexuellen Instinkte, welche die Erhaltung der Art gefährdeten 
oder auch nur ihr weniger förderlich waren, mußten allmählich an 
sich selbst zugrunde gehen und aus dem Triebkomplex ausfallen, 
weil die Nachkommen dieser Individuen eben durch diese erhöhte 
Lebensgefährdung weit leichter und sicherer dem Aussterben an¬ 
heimfallen mußten. Die für die Aufzucht der Nachkommen günstigen 
Sexualinstinkte hingegen schützten mit dem Leben dieser Nachkom¬ 
men zugleich die eigene Fortexistenz auf dem Wege der Vererbung. 

Die Polygamie des Mannes nun gefährdet die Er¬ 
haltung des Nachwuchses in weit stärkerem Maße als 
die desWeibes. Denn sie erschwert und verringert des Mannes 
Vaterleistung viel mehr als die Mutterleistungen der Frau. Die 
polygame Frau verläßt ihr Kind ebensowenig wie ihre monogame 
Geschlechtsgenossin. Sie erfüllt ihre Mutterpflichten an allen ihren 
Kindern, ob sie auch verschiedene Väter haben. Und da sie mit 
richtigem Mutterinstinkt die Notwendigkeit der Vaterfürsorge für 
ihre Kinder erkennt, sucht sie auch ihren Kindern stets einen Vater 
zu sichern, der sie alle an sein Herz nimmt. Deshalb ist auch die 
Frau, die sich Mutter werden fühlt, wenn sie auch polygam ist, 
stets bereit, den Vater ihres Kindes als Gatten anzuerkennen, wenn 
sie noch keinen Vater für ihre Kinder hat. 

Beim polygamen Manne liegen die Aufzuchtsverhältnisse für 
seine Nachkommen wesentlich ungünstiger. Er ist leicht geneigt, 
seinen Kindern die Vatersorge zu entziehen und sie im Stiche zu 
lassen. Gerade der polygame Mann weigert sich durchweg, seine 
Vaterschaft anzuerkennen und seine väterlichen Pflichten auf sich 
zu nehmen. Man kann immer wieder und nieder die Beobachtung 
machen, daß ein Mann nur dann bereit ist, die Mutter seines Kin¬ 
des als Gattin anzunehmen, wenn es diejenige Frau ist, mit welcher 
er seinen ersten Geschlechtsverkehr hatte. Gegenüber der Frau, 


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246 


M. Vaerting. 


in deren Armen er die Liebe kennen lernte, ist der Mann zu jeder 
dauernden Verbindung gern geneigt — und wäre diese Frau selbst 
eine Dime —, ein Beweis, wie stark ihm der monogame Trieb 
eingeboren wird. Deshalb findet man auch auf dem Lande die 
Männer fast immer bereit, ihre unehelichen Kinder durch Heirat 
der Mutter anzuerkennen, weil ihre Monogamie noch intakt ist. 
Hingegen mit der Zahl der Frauen, mit denen der Mann eine Ge¬ 
schlechtsverbindung eingegangen ist, sinkt sein väterliches Verant¬ 
wortungsgefühl immer tiefer. Er kommt durch seine polygame 
Liebesbetätigung zu der Ansicht, daß die Liebe für ihn nur eine 
Episode ist, und daß er nach einem befruchtenden Geschlechtsver¬ 
kehr geruhigen Herzens davongehen könne*). 

Diese Zerstörung des Vatergefühls und damit der Vaterleistung 
begünstigt nun stark das Absterben seines Nachwuchses. Der 
Vater ist beim Menschen ein wichtiger unentbehrlicher Aufzuchts¬ 
faktor. Dafür spricht deutlich die temporäre gänzliche Hilflosigkeit 
von Mutter und Kind in der ersten Zeit nach der Geburt, welche 
zudem für das Kind die Zeit der stärksten Lebensbedrohung be¬ 
deutet. Diese Unentbehrlicbkeit der Vatersorge kommt denn auch 
statistisch zum Ausdruck in der erhöhten Sterblichkeit der unehe¬ 
lichen Kinder. Daß diese Tatsache nicht auf die Unehelichkeit der 
Geburt, sondern allein auf den Mangel an Vatersorge zurückzuführen 
ist, zei^ einwandfrei der Umstand, daß auf dem Lande, wo der 
Vater sich fast durchweg zu seinen Kindern bekennt, die Sterblich¬ 
keit nach den Untersuchungen v. d. Veldens sogar geringer ist, 
als bei den ehelich Gezeugten. 

Ferner bleiben die Kinder der Menschen im Gegensatz zu an¬ 
dern Säugetieren mehrere Jahre nach ihrer Geburt völlig hilflos. 
Sie sind also noch auf Elternfürsorge angewiesen, wenn die Mutter 
bereits durch die Geburt eines weiteren Kindes völlig in Anspruch 
genommen ist. Es ist also für die Mutter eine Unmöglichkeit, 
ihre Kinder allein großzuziehen, ein Beweis, daß beim Menschen 
der Vater unbedingt notwendig ist. 

Die Natur verstärkt diese Tendenz zur Vernichtung der Nach¬ 
kommen polygamer Männer noch durch die Entwicklung ihrer 
Neigung zu monogamen Frauen, insbesondere zu Jungfrauen. Bei 
diesen Frauen sind ihre Nachkommen am meisten gefährdet, da es der 
Natur dieser Frauen selten entspricht, für ihr vom wahren Vater ver¬ 
lassenes Kind einen Namensvater zu suchen und damit seine Lebens¬ 
chancen zu verbessern. Außerdem wird noch die Mütterlichkeit 
gerade bei monogam veranlagten Frauen aufs empfindlichste ver¬ 
letzt und damit ihre Mutterleistung herabgesetzt. Denn die mono¬ 
game Frau ist kraft ihrer Monogamie mit Herz und Sinnen an den 
einen Mann gefesselt, dem sie ihre erste Liebe schenkte. Versagt 
dieser Mann, so muß ihre Geschlechtsnatur eine Störung erleiden, 
und aus der Untreue des Vaters gegen sein Kind geht rückwirkend 
diejenige der Mutter hervor. 

Der polygame Mann will nicht nur nicht Vater sein, weil er 
sein Vatergefühl eingebüßt hat, er kann es auch nicht mehr. 


Diese Ansiclit kann mau in vielen Büchern nachlesen. 


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Die monogame Veranlagung des Mannes. 


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Wenigstens ist es ihm unendlich viel schwerer als der Frau, seinen 
Kindern von verschiedenen Müttern gleichzeitig Vater zu sein. Der 
Frau ist es eben leicht, die väterliche Herkunft des Kindes zu ver¬ 
schleiern. Sie vermöchte einem Manne ein halbes Dutzend Kinder 
zuschenken, von denen nicht einmal ein einziges sein eigen ist. 
Ein Mann aber kann seiner Frau nicht einmal ein Kind als eigen 
unterschieben. Er kann also schon deshalb niemals den Sprößlingen 
seiner polygamen Triebe Vater sein, weil er ihnen allen keine gemein¬ 
same Mutter zu geben vermag. 

Auch die Volksmeinung hat sich gegen diese Möglichkeit ent¬ 
schieden und damit indirekt einer polygamen Betätigung des Mannes 
die praktische Berechtigung abgesprochen. Ein Mann, welcher 
wissentlich an außerehelichen ändern seiner Frau Vaterstelle 
vertritt, wird gelobt, eine Frau, welche ebensolche Kinder ihres 
Mannes in ihre Familie aufnimmt, getadelt. Wieviel abfällige Kritik 
hat sich nicht seinerzeit Zolas Frau gefallen lassen müssen, als 
sie die beiden vorehelichen Sprößlinge ihres Gatten als Kinder 
annahm. 

Die Natur bekämpft die Polygamie des Mannes so intensiv, daß 
die Rassen, in welchen die Polygamie praktisch die Oberhand ge¬ 
winnt, der Degeneration verfallen. Einen sichtbaren Ausdruck 
gewinnt diese Entartung in dem Ansteigen der Mädchengeburten. 
Der polygame Mann zeugt weit mehr Mädchen als Knaben, v. Göh- 
lert z. B. hat festgestellt, daß in den Harems verschiedener gekrönter 
Häupter die Knabengeburten auf ein Minimum herabsinken, etwa 
25 Knaben auf 100 Mädchen. Diese Wirkung der männlichen Poly¬ 
gamie auf das Geschlecht des Nachwuchses hat wahrscheinlich 
einen zweifachen Vorteil für die schnellere Ausmerzung der poly¬ 
gamen Triebe des Mannes. Erstens wird der Untergang einer 
Rasse dm*ch eine Abnahme an Knabengeburten außerordentiich be¬ 
schleunigt. Ein Überschuß an Männern ist nämlich für die Gesund¬ 
erhaltung eines Volkes unbedingt notwendig, weshalb auch die Natur 
mit allen Mitteln dieses Geschlechtsverhältnis anstrebt. Zweitens 
bestehen die Nachkommen der polygamen Väter vorwiegend aus 
Mädchen, wodurch auf jeden Fall eine weitere Erzeugung solcher 
polygamer Männer stark vermindert wird. Es ist vorläufig nichts 
darüber bekannt, ob der Vater seine polygamen Neigungen nur auf 
seine Söhne vererbt, oder ob sie auch auf die Töchter übergehen. 
Wie dem auch sei, der polygame Vater wird, da er weniger Knaben 
hervorbringt als der monogame, infolgedessen auch unbedingt seine 
polygamen Neigungen auf weniger männliche Nachkommen 
vererben als der monogame Vater seine monogame Veranlagung. 
Auf diese Weise muß die Zahl der monogamen Männer 
stets zunehmen, die der polygamen aber hingegen 
zurückgehen. Falls die polygame väterliche Veranlagung sich 
auch auf die weiblichen Nachkommen vererbt, so wäre mit der 
Abnahme der männlichen Polygamie gleichzeitig eine starke Steige¬ 
rung der weiblichen Polygamie verbunden, da eben diese Männer 
erheblich mehr Mädchen zeugen als ihre monogamen Geschlechts¬ 
genossen. Weil aber unser Einblick in die Gesetze der Vererbung 
viel zu gering ist, muß diese Frage unentschieden bleiben. 


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M. Vaerting. 


Da nun die Tendenz der Natur nicht auf den Untergang, son¬ 
dern auf die Höherentwicklung der Rassen gerichtet ist, so finden 
wir eine ganze Anzahl von Naturgesetzen, welche die Monogamie 
des Mannes schützen. Aus der Art dieser Erscheinungen geht 
gleichzeitig hervor, daß die Naturanlage des Mannes monogamer sein 
muß als die des Weibes. 

Erstens werden bei allen Völkern mehr Knaben als Mädchen 
geboren. Die Natur tendiert ganz ausgesprochen auf eine Über¬ 
zahl von Männern. Es ist also für jede Frau von Natur aus nicht 
nur ein Mann da, sondern für einige Frauen sind sogar mehrere 
Männer vorhanden. Umgekehrt wird aber nicht für jeden Mann 
eine Frau geboren, sondern nur für die größere Anzahl ist je eine 
Frau da. Ein kleinerer Rest müßte unter normalen Verhältnissen 
entweder auf eine Geschlechtsverbindung verzichten oder eine 
solche mit der Frau eines anderen Mannes eingehen. Man sieht 
also deutlich, daß nur die Polyandrie eine naturgemäße Abweichung 
von der Monogamie ist, die Polygynie hingegen natur¬ 
widrig ist. 

In früheren Zeiten, als das numerische Geschlechtsverhältnis 
noch unbekannt war, nahm man ohne weiteres an, daß weit mehr 
Frauen als Männer geboren würden. Und mehr als ein Gelehrter 
(z. B. Hüart) zog daraus den klugen Schluß, daß die Polygamie des 
Mannes etwas Naturgewolltes und Berechtigtes sein müsse, weil 
die Natur mehr Frauen als Männer hervorbringe. Seit nun der 
Engländer Graunt auf Grundlage seiner statistischen Untersuchungen 
einwandfrei festgestellt hat, daß das Geschlechtsverhältnis umge¬ 
kehrt konstant einen Überschuß von Männern aufweist, hat man 
zwar auf den schönen Beweis für Veranlagung und Recht des 
Mannes auf polygame Betätigung verzichtet. Aber man hat nicht 
Logik und Mut genug gefunden, aus dem nun als umgekehrt er¬ 
kannten Tatbestand die Konsequenz zu ziehen, daß von Natur aus 
die Polygamie der Frau mehr Berechtigung hat als die des Mannes. 

Es ist nun eine sehr weise Einrichtung, daß für jeden Mann 
kaum eine Frau geboren wird, da der Mann zweitens physio¬ 
logisch durchaus auf eine monogame Geschlechtsver¬ 
bindung angewiesen ist. Denn des Mannes sexuelle Fähig¬ 
keit zur Kohabitation ist gegenüber der des Weibes als außer¬ 
ordentlich beschränkt zu bezeichnen. Ein Mann kann kaum oder 
höchstens eine einzige Frau sexuell befriedigen, eine Frau hingegen 
eine ganze Anzahl Männer. Diese geschlechtliche Eigentümlichkeit 
des Mannes fordert also physiologisch von ihm geradezu ein mono¬ 
games Liebesieben. Eine praktische Betätigung polygam er Neigungen 
muß der Mann stets mit dem Verlust seiner Gesundheit und ge¬ 
schlechtlichen Kraft bezahlen. Da die Gesundheit sich durchweg 
um so besser selbei* schützt, je intakter ein Mensch sie besitzt, so 
finden wir gerade bei den gesundesten Männern den monogamen 
Liebestrieb am stärksten ausgebildet. Hier ist die wundervolle 
Harmonie der Natur zwischen Kraft und Verlangen noch nicht ge¬ 
stört. Mit dem Sinken der Gesundheit wird auch die Monogamie, 
der Schutz dieser Gesundheit, geringer. Die Natur hat eben ein 
Interesse daran, schwächliche Männer möglichst schnell auszu- 


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Die monogame Veranlagung des Mannes. 


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merzen und begünstigt deswegen bei ihnen die Entwicklung schäd> 
lieber Eigenschaften, damit sie um so eher untergehen. So kommt 
es denn, daß der kräftige landgeborene Mann selten die Monogamie 
durchbricht, während der schwächliche Städter häufig keinen 
größeren Ruhm kennt als den, ein Don Juan zu sein oder wenig¬ 
stens ihn zu spielen. 

Neben der physiologischen Beschränkung des Mannes zur Mono¬ 
gamie gibt es drittens noch eine psychische sexuelle Eigentümlich¬ 
keit, welche die Erhaltung des monogamen Triebes beim Manne 
sichert, während die entsprechende Eigenschaft beim Weibe gerade¬ 
zu eine Aufforderung zur Polygamie enthält. Das ist die ver¬ 
schiedene Aufgabe der Geschlechter bei der Liebes- 
werbung. Der Mann ist bekanntlich der Werber, die Frau die 
Umworbene. Dem Wesen der Werbung aber entspricht es, alle 
seine Sinne, alle seine Bemühungen auf ein Objekt zu richten, auf 
das umworbene. Deshalb kann ein Mann gleichzeitig nur eine 
Frau umwerben, und je mehr er Mann ist, je intensiver seine 
Werbefähigkeit ist, um so ausschließlicher konzentriert sich seine 
Liebeskraft auf ein einziges Weib. Ein werbender Mann ist blind 
gegenüber allen anderen Frauen und nur sehend gegenüber den 
männlichen Nebenbuhlern, welche mit ihm um die Liebe des um¬ 
worbenen Weibes kämpfen. Gerade in dem Augenblick also, wo 
der Mann zum Werber wird und bei ihm der Übergang von 
geschlechtlicher Gleichgültigkeit zur Aktivität stattfindet, ist er 
infolge seiner sexuellen Aufgabe als Werber mit seiner ganzen 
Geschlechtlichkeit auf ein Weib konzentriert. Je monogamer nun 
der Mann ist, um so intensiver wird er das Weib seiner Liebe um¬ 
werben und um so leichter gewinnen. 

Das Weib hingegen als die Umworbene findet sich durchweg 
von mehr als einem Manne begehrt. Sie wird durch die Werbung 
gleichfalls in ein Stadium sexueller Angeregtheit und Aktivität 
versetzt, ihr Verlangen wird geweckt. In diesem kritischen Augen¬ 
blick nun suchen mehrere Männer ihr sexuelles Interesse zu ge¬ 
winnen und stehen zu ihrer sexuellen Verfügung. Das bedeutet 
gleichzeitig theoretisch und praktisch für die Frau eine Aufforde¬ 
rung zur Polygamie. Theoretisch, weil ihre sexuelle Neigung von 
mehreren Männern erregt wird, praktisch, weil es ihr außerordent¬ 
lich leicht ist, polygame Triebe in die Tat umzusetzen. Aus diesem 
Grunde wird die Monogamie der Frau stets abhängen 
von derMonogamie desMannes. Denn der monogame Mann 
ist der intensivste Werber und vermag deshalb am schnellsten 
und sichersten eine Entscheidung des umworbenen Weibes herbei¬ 
zuführen, ehe polygame Regungen in ihr durch die Werbung 
mehrerer Männer allzusehr an Boden gewonnen haben. 

Viertens lehrt eine Betrachtung der psychologischen Vor¬ 
gänge bei der Pollution, wie sehr die Natur in allen ihren 
Einrichtungen des Mannes Monogamie zu schützen bestrebt ist 
Bekanntlich führen erotische Träume beim Manne die normale 
Pollution herbei, wenn sie physiologisch fällig ist. Bei näherer 
Untersuchung des Charakters dieser erotischen Traumvorstellungen 
zeigt sich nun eine psychologische Eigentümlichkeit, 

Zeitschr. 1 SexualwimenBchaft IlL 6 u. 7. 


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M. Vaerting. 


die trotz ihrer Auffälligkeit bisher nicht bemerkt worden zu sein 
scheint Bekanntlich sieht der Jüngling im Traume weibliche Ge¬ 
stalten. Das auffallende nun ist der Umstand, daß diese Ge¬ 
stalten beim normalen Jüngling niemals bestimmte Züge an¬ 
nehmen, etwa die Erscheinung von Frauen verkörpern, die dem 
Jüngling bekannt oder sympathisch sind. Dieser Vorgang wäre 
vom Standpunkte der Psychologie des Traumes aus das Normale. 
Ganz imGegensatz zu den allgemeinen Traumgesetzen 
nun bleiben diese Gestalten sogar dann noch reine Phantasie¬ 
bilder, frei von allen Erfahrungselementen, wenn der Jüngling 
verliebt ist Selbst dann erscheint dem jungen Manne im Pollu¬ 
tionstraume niemals die geliebte Frau, wenn auch all sein Denken 
und Fühlen sich den ganzen Tag über mit ihr beschäftigte. Die 
Natur hat also sogar bei Entwicklung der männlichen Sexualpsyche 
einen deutlichen Widerspruch mit allgemeinen psychologischen 
Gesetzen herausgebildet, sie hat den erotischen Traum zu einem 
reinen Phantasiespiel ganz ohne Erinnerungselemente gestaltet, um 
von dem monogamen Liebestrieb des Mannes jede Störung fernzu¬ 
halten. Denn wenn dem Jüngling in seinen erotischen Träumen 
ihm bekannte Frauen erscheinen würden, so bedeutete das gleich¬ 
sam die Gefahr eines polygamen Liebesverkehrs auf der ScWelle 
zwischen Theorie und Praxis. 

Man kann sich das Zustandekommen dieses seltsamen psycho¬ 
logischen Widerspruchs nach dem Vorhergehenden unschwer er¬ 
klären. Bei denjenigen Männern, bei denen die erotischen Träume 
den allgemeinen Gesetzen folgten, war die Gefahr der Entstehung 
polygamer Triebe besonders groß. Da die Natur aber intensiv auf 
die Vernichtung der polygamen Männer, besonders ihrer Nachkommen¬ 
schaft tendiert, so waren die Chancen für die Erhaltung dieser An¬ 
lage nur sehr gering. 

Leider ist mir kein Material bekannt über das psychische 
Pollutionserlebnis von geschlechtlich abnormen Männern, so vor 
allem von „Jünglingen“, welche einmal, mehrere Male oder gewohn¬ 
heitsmäßig onanieren (soweit bei letzteren Pollutionen überhaupt 
noch stattfinden), von polygam lebenden Männern usw. Es wäre 
interessant festzustellen, ob und wann bei solchen Männern sich 
eine Änderung der erotischen Traumbilder einstellt. 

Ein weiterer Schutz der monogamen Veranlagung des Mannes 
liegt in der Tatsache, daß hochbegabte Männer nur in der Jugend 
ihre hochwertige Begabung zu vererben vermögen. Diese Erschei¬ 
nung ist für die Erhaltung der männlichen Monogamie von großer 
Bedeutung. Denn wenn ein hervorragender Mann noch in reiferem 
Alter, nachdem er seine Fähigkeiten durch Taten erwiesen hat, vor¬ 
zügliche Nachkommen hervorbringen könnte, so wäre die Gefahr 
groß, daß er von Frauen, die nach hervorragenden Nachkommen 
verlangten, verführt würde, ja ihm zur Verbesserung der Rasse die 
Befruchtung mehrerer Frauen von seinen Mitmenschen nicht nur 
freigestellt, sondern sogar nahe gelegt würde. Nun aber hat der 
Mann in der Jugend seine höchste Vererbungskraft. In dieser Zeit 
aber steht er erst im Anfang seiner Leistungen, er ist noch nicht 
))erühmt, niemand kennt ihn und deshalb haben weder Frauen 


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Die monogame Veranlagung des Mannes. 


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noch Staat Interesse daran, seine Monogamie im Interesse der 
Kinderzeugung zu stören. Frauen, die heute etwa den berühmten 
Mann umdrängen, sind infolge seiner geringen Vererbungskraft 
weniger begehrlich nach seiner Mannes- noch nach seiner Vater¬ 
kraft, sondern durchweg nur nach dem Glanz seines Ruhmes. 

Zum Schluß mag noch auf einen Unterschied in der 
elterlichen Psyche von Mann und Weib hingewiesen 
werden, der ein besonders feines und zartes Schutzmittel der 
männlichen Monogamie bedeutet. Des Mannes Sehnsucht nach 
Nachkommen ist elementarer und intensiver als die des Weibes. 
Des Mannes Sehnsucht nach dem Kinde stammt aus ihm selbst. 
Des Weibes Wunsch nach dem Kinde aber geht über den Mann. 
Der Mann wünscht sich das Kind, und die Frau erfüllt des ge¬ 
liebten Mannes Sehnsucht. Das Volk hat diese tiefe Weisheit 
zum Ausdruck gebracht, indem es das Wort prägte: „Die Frau 
schenkt dem Gatten Kinder.“ Je weiblicher das Weib ist, um 
so größer die Harmonie zwischen Gatten- und Mutterliebe in ihr, 
um so mehr wird die Erzeugung ihrer Kinder von der Sehnsucht 
des Mannes nach ihnen bestimmt werden. Der von der Frau seiner¬ 
zeit erhobene „Schrei nach dem Kinde“ wurde deshalb auch vom 
Volke als unweiblich empfunden. Man nannte die Frauen, die ihn 
erhoben, Mannweiber, Frauenrechtlerinnen. Und man hat nicht ge¬ 
zögert, die Forderung* als das zu charakterisieren, was sie wohl 
letzten Grundes auch war, ein Deckmantel für das Verlangen nach 
dem Manne. 

Der tiefere Sinn und praktische Zweck dieser Differenzierung 
der Elterngefühle ist die Sicherung der Vaterleistung beim 
Mann. Kinder, die der Mann nicht ersehnt, dürften 
nicht geboren werden, dann würde es keine armen vaterver¬ 
lassenen Kinder geben. Des Weibes Muttergefühle sind mehr 
körperlich fundiert, des Mannes Vatergefühle mehr geistig. Neun 
Monate legt die Natur der Mutter das Kind buchstäblich ans Herz, 
daß ihre Muttergefühle wachsen mit dem Kinde ‘). Dem Vater aber 
legt sie die Sehnsucht nach dem Kinde in sein Herz, sie macht das 
Kind zur Sehnsucht des Vaters, noch ehe es empfangen, damit 
dem Kinde Vaterliebe und -sorge nach der Geburt 
ganz sicher sei. 

Die Frau, welche aus sich selbst heraus nach dem Kinde ver¬ 
langt und sich um des Mannes Gesinnung und Wunsch nicht kümmert, 
ist niemals eine wirklich gute Mutter, weil sie ihr Kind der 
Gefahr der Vaterlosigkeit aussetzt. Diese Frauen glauben 
denn auch meistens überheblich, daß sie allein dem Kinde das sein 
können, wofür die Natur weise zwei Menschen ausersehen hat. Das 
zeigt auch deutlich die Tatsache, daß die Frauen, welche ihr „Recht 
auf ein Kind“ proklamieren, durchweg den Mann als „biologisches 
Prinzip“ abtun. Und wenn man bei den Frauen, die soviel von ihrer 

') Selbst diese Muttergefühle aber erfahren eine Beeinträchtigung und Störung, 
wenn der Vater das Kind nicht ersehnt und es deshalb nicht glücklich erwartet. Denn 
wie im vorhergehenden dargelegt wurde, entspricht es dem weiblichen Gefühl, dem Manne 
das Kind zu schenken, ihn damit zu beglücken. Wenn nun der Mann statt dessen dem 
Kinde ablehnend gegenübersteht, muß sich das natürliche Mutterglück in Unglück wandeln. 

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M. Vaerting. 


Sehnsucht nach Kindern reden, nach den Motiven forscht, so stößt 
man immer wieder auf den Wunsch nach Zeitvertreib, der durch 
die Umschreibung „Lebensinhalt“ veridealisiert wird. Sie wünschen 
das Kind nicht aus Liebe zumKinde, sondern aus Liebe 
zu sich selbst, deshalb kümmert es sie auch nicht, ob das 
Kind einen Vater hat 

Der Mann mit der elementaren Sehnsucht nach Nachkommen¬ 
schaft im Herzen und das Weib, das dem Manne diese Sehnsucht 
in Liebe erfüllt, das ist das ideale Elternpaar für die Aufzucht des 
Kindes. Und des Mannes Monogamie ist unter diesem Verhältnis 
am besten gesichert, weil nicht nuV die Monogamie das Vatergefühl 
schützt, sondern umgekehrt auch das Vatergefühl hinwieder 
rückwirkend die Monogamie fördert. 

Leider fast ebenso groß wie der Schutz, den die Natur der 
Monogamie des Mannes in unzähligen Einrichtungen gewährt hat, 
ist die Gefährdung derselben durch die heutige Kulturent- 
wicklung. Diese Gefahr liegt weniger in der polygamen Entartung 
des einzelnen Mannes, als in der Erhaltung derNachkommen- 
schaft dieses Mannes entgegen derTendenz derNatur 
durch Kulturmittel. Vorweg möchte ich bemerken, daß diese 
die Monogamie schädigenden Kultureinrichtungen an sich gut und 
gerechtfertigt sein mögen und nur von diesem ganz speziellen 
Standpunkt mit eugenischen Bedenken betrachtet werden sollen. 

Da ist zuerst die Heilung der Geschlechtskranken. Man 
geht wohl nicht fehl, wenn man behauptet, daß die größere Mehr¬ 
zahl der geschlechtskranken Männer die Monogamie gebrochen hat. 
Die Geschlechtskrankheit nun macht den Mann in den meisten 
Fällen unfruchtbar oder setzt wenigstens die Lebenschancen seiner 
Nachkommen erheblich herab. Durch diese Wirkung der Geschlechts¬ 
krankheiten auf die Zeugungsfähigkeit wird also von Natur aus der 
Nachwuchs der Polygamie sehr stark eingeschränkt Wird nun 
aber der geschlechtskranke Mann durch ärztliche Kunst geheilt, so 
wird auch seine Zeugungsfähigkeit aufgebessert, wodurch die 
Chancen für die Nachkommenschaft der polygamen Männer nicht 
wenig steigen. 

Weil die Heilung der Geschlechtskrankheiten indirekt die Ent¬ 
artung des Mannes zur Polygamie fördert, begünstigt sie hinwieder 
auch den Boden für die Entstehung dieser Krankheiten. Denn für 
den polygamen Mann ist die Ansteckungsgefahr weit größer als für 
den monogamen. 

Neben der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten wird heute 
intensiv für den Schutz der unehelichen Kinder gearbeitet. 
Am meisten wird natürlich die Fürsorge jenen Kindern zugewandt, 
die ihrer am meisten bedürfen, das sind die vaterverlassenen 
unehelichen Kinder. Gerade diese Kinder aber haben nachweislich 
eine außerordentlich hohe Mortalität, was von großer Schutzwirkung^ 
für die Monogamie ist^). Denn es sind fast ausschließlich poly¬ 
game Männer, die ihre Kinder im Stiche lassen. Die Fürsorge für 

Wie bereits erwähnt, haben die unehelichen Kinder, die nicht von ihrem Vater 
verla-ssen werden, wie es auf dem Lande der Fall ist, nach v. d. Velden sogar eine 
geringere Sterblichkeit 


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Die monogame Yeranlagung des Mannes. 


die vaterverlassenen Kinder wirkt also den der Monogamie gün¬ 
stigen Auslesewirkungen direkt entgegen, indem sie das Aussterben 
der Nachkommen der polygamen Männer verhindert. Sie ist außer¬ 
dem noch eugenisch bedenklich, weil die vaterverlassenen Kinder 
unbedingt schlecht gezeugt sind, weil sie zumeist von unnatürlichen 
Vätern abstammen, nämlich von Männern, die so mißraten sind, daß 
sie ihre eigenen Kinder im Stiche lassen können. Man belegt schon 
seit langen Zeiten die Mutter, die ihr Neugeborenes umbringt, 
mit schwersten Strafen. Man nennt sie eine unnatürliche Mutter. 
Und doch hat diese Mutter, wenn sie vom Vater des Kindes ver¬ 
lassen worden ist, so roh ihre Tat auf den ersten Blick erscheint, 
vielleicht mehr elementaren Mutterinstinkt als tausend Mütter, die 
wir natürlich nennen. Denn diese Mutter bewahrt ihr Kind vor 
einem elenden unglücklichen Leben, zu dem es durch seine Ab¬ 
stammung von einem schlechten Vater und seine Vaterverlassen¬ 
heit vorbestimmt ist. 

Von diesem eugenischen Standpunkte aus betrachtet sind auch 
die Alimentengesetze nicht einwandfrei. 

Es ist unendliche Weisheit der Natur, daß sie dem 
schlechten Manne den Trieb ins Herz legte, seine 
Kinder zu verlassen. Denn auf diese Weise wird der Unter¬ 
gang der schlechtgezeugten Nachkommen des schlechten Mannes 
beschleunigt und gesichert. Das Gesetz nun führt den unnatür¬ 
lichen Vater zu seiner Pflicht zurück und gibt damit seinen minder¬ 
wertigen Nachkommen Lebenschancen, welche die Natur ihnen aus 
eugenischen Gründen versagte. 

Ferner bietet das Gesetz noch die Gefahr, daß jene Frauen, 
denen das Geld das Höchste bedeutet, vor allem zur Erzeugung 
von Kindern bestimmt werden, weil sie reichliche Alimente er¬ 
langen. Sie nehmen die Mutterschaft auf sich, nicht um die Sehn¬ 
sucht des Mannes nach dem Kinde zu erfüllen, sondern um sich 
selber Geld zu sichern. Dadurch wird die Nachkommenschaft un¬ 
edler Frauen vermehrt. 

Man kann Napoleons Gesetzen im allgemeinen wahrlich nicht 
viel Eugenik nachrühmen. Aber in seinem Verbot nach der Vater¬ 
schaft zu forschen, liegt eugenische Weisheit, wenn auch von 
seinem Urheber wohl kaum geahnt. Eugenisch wäre es 
besser, nach der Vaterschaft nicht zu forschen, da¬ 
mit das Geschlecht der polygamen und pflichtverges¬ 
senen Väter um so schneller aussterben könnte. Auch 
dem Volke kann man einen gesunden eugenischen Instinkt nicht 
absprechen, wenn es dem unehelichen Kinde die volle Anerkennung 
versagt, soweit diese Zurücksetzung nicht dem unehelichen 
Kinde, sondern dem vaterverlassenen gilt. Das letzteres der 
Fall ist, zeigt deutlich der Umstand, daß ein Kind, das die Fürsorge 
des Vaters genießt und das der Vater anerkennt, auch ohne Ehe 
in der Volksmeinung ebensoviel gilt wie ein eheliches Kind. Man 
hört heute vielfach die Forderung, und es sind gewiß die einsichts¬ 
vollsten und menschlichsten Menschen, die sie aussprechen, dem 
unehelichen Kinde die gleiche ethische und materielle Basis zu 
verschaffen wie dem ehelichen. Die Scheidung zwischen ehelichen 


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M. Vaerting. 


und unehelichen Kindern ist diu*chaus als töricht zu verurteilen, da 
kein verständiger Grund sie rechtfertigt. Eugenisch gerecht¬ 
fertigt allein wäre es vielleicht, wenn der Makel der Geburt von 
dem unehelichen Kinde abgewälzt würde auf das vaterverlassene 
Kind. Hier liegt wirklich ein eugenischer Makel auf der Geburt, 
weil ein solches Kind von einem schlechten Vater gezeugt ist, von 
einem Manne, der seine elementarste Pflicht vernachlässigt. Da 
wir aber eugenische Makel nicht als Schande betrachten, so ist 
auch für das vaterverlassone Kind volle Anerkennung 
und Gleichberechtigung zu fordern, wie wir sie ja auch nicht 
den mit schwersten eugenischen Makeln gezeichneten Kindern der 
Trinker, der Geschlechtskranken und alten Vätern versagen. 

Die Kultur hat versucht, die uneheliche Geburt zu einer 
Schande zu machen für Mutter und Kind. Die Natur hingegen 
kennt nur die Schande der Vaterverlassenheit, die sie am Kinde 
mit dem Tode zu bestrafen sucht und damit am unnatürlichen Vater 
mit dem Kainsmal der Kinderlosigkeit. Auch würde es eugenisch 
vorteilhafter sein, wenn die weitverbreitete Fürsorge für uneheliche 
Kinder, die sich heute hauptsächlich den vaterverlassenen Bondern 
zu wendet, an erster Stelle jenen Unehelichen zugute käme, die von 
ihren Vätern gern und freiwillig anerkannt werden, deren materielle 
Versorgung ihnen aber besonders schwer fällt. Dadurch würde das 
Absterben der Nachkommenschaft bester und treuester Väter ver¬ 
hindert, die nicht aus eugenischen, sondern nur aus rein wirtschaft¬ 
lichen Gründen in ihrer Erhaltung gefährdet ist, nicht aber wie 
bisher der eugenisch vorteilhafte Untergang der vaterverlassenen 
schlecht Gezeugten. 

Ferner finden wir seit dem Bekanntwerden des Geburtenrück¬ 
ganges eine Strömung, welche den „Willen zum Kinde“ predigt 
Diese Tendenz hat sich seit dem Anwachsen der Kriegsverluste 
noch verstärkt. Insbesondere läßt man es sich angelegen sein, im 
Weibe den „Willen zum Kinde“ zu wecken. Diese Propaganda 
enthält Gefahren für die Monogamie des Memnes und muß gleich¬ 
zeitig des Weibes Mutterinstiiäcte untergraben. Denn die Natur 
hat die Sehnsucht des Mannes nach Nachkommenschaft zum 
bestimmenden Faktor der Kinderzeugung gemacht, damit den Kindern 
die Vaterfürsorge gesichert ist, ehe sie empfangen 
werden. Deshalb ist es erstens naturwidrig, das Weib aufzuf ordern, 
nach ihrem Willen Kinder zu erzeugen, weil sie dadurch das Kind in 
die Gefahr bringt, von einem schlechten Vater abzustammen und 
von ihm verlassen zu werden. Und zweitens ist es falsch, den 
„Willen zum Kinde“ zu predigen. Nicht aus dem Willen sollen 
die Menschen ihre Kinder erzeugen, sondern sie sollen geboren 
werden aus Sehnsucht und Liebe. Naturgemäß also ist es, 
des Mannes Sehnsucht nach Nachkommenschaft zu 
wecken. Und es ist hier nicht einmal notwendig, vielleicht nicht 
einmal gut, sie zu wecken, da sie dem gesunden Manne in hohem 
Maße angeboren wird. Es genügt, die Vatersehnsucht zu 
schützen und ihre Verwirklichung praktisch zu för¬ 
dern, statt sie wie bisher zu stören und zu zerstören. 
Die Hauptbedingung für eine kräftige Entwicklung der männlichen 


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Die monogame Veranlagong des Mannes. 


255' 


Sehnsucht nach Nachkommen ist der Schutz seiner Monogamie. 
Der Mann mit intakter Monogamie ist der geborene 
Vater, weil er sich intensiv Nachkommen wünscht, 
sie gut zeugt und gut für sie sorgt. Eine praktische 
Illustration für diese Tatsache sind die evangelischen Pfarrer. 
Es ist unzweifelhaft wohl hauptsächlich der hier vorherrschenden 
Monogamie zuzuschreibon, daß die Pfarrer dem Lande mehr Talente 
und Geniale geschenkt haben als alle anderen höheren Berufe zu¬ 
sammen. Und es ist wohl mehr als Zufall, daß Björnson, der Sohn 
eines Landpastors, der eifrigste Kämpfer für die Monogamie des 
Mannes gewesen ist. 

Schädlichen Einfluß auf die Monogamie des Mannes können 
auch die Schreibereien der alten Männer über polygame Veran¬ 
lagung des Mannes haben, für deren Verfasser Christian v. Ehren¬ 
fels ein typisches Beispiel ist. Vielleicht tritt im Alter beim Manne 
theoretisch eine Lockerung seiner monogamen Anlagen ein. Es 
ist dies sehr gut möglich, weil der alte Mann für die Fort¬ 
pflanzung nicht mehr in Frage kommt, die Natur in¬ 
folgedessen auch kein Interesse mehr bat an seiner 
Monogamie. Denn die Natur entwickelt und schützt ja die 
Monogamie des Mannes nur deshalb, weil sie für die Existenz 
und Höherentwicklung der Rasse unbedingt notwendig ist So¬ 
bald also die Fortpflanzung nicht mehr in Frage kommt, wird 
auch die Naturnotwendigkeit der Monogamie illusorisch. Wenn 
man sich